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Vergänglichkeit im Alltag. Christoph Peters: Stadt Land Fluss.

Seminararbeit 2002 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

0. Rezension

1. Einleitung

2. Themenaufbau im Italienkapitel

3. Strukturelle Analyse

4. Schlussfolgerung

5. Strukturskizze

6. Bibliographie

0. Rezension

Vergänglichkeit im Alltag

Christoph Peters‘ Romandebüt „Stadt Land Fluß“

Von Philipp Zechner

In der Literatur der letzten Jahre besteht die Tendenz, wieder mit unzuverlässigen Erzählern zu arbeiten, auf deren widersprüchliche Schilderungen der Leser sich selbst seinen Reim machen muss. Die Hinterfragung des Dargestellten, die Entlarvung von Lebenslügen der Protagonisten und das Interesse an der Kommunikation überhaupt mögen Gründe für das Wiederaufleben dieser Technik sein, derer sich auch Christoph Peters in seinem ersten Roman bedient, wenn auch mit anderer Zielsetzung.

Thomas Walkenbach, ein arbeitsloser Kunsthistoriker, der an seiner Dissertation über die Bedeutung der Zentralperspektive arbeitet, verliebt sich in seine Zahnärztin Hanna und wird erhört. Elf Jahre verleben die Beiden zusammen, wie wir in der rückblickenden Erzählung Walkenbachs erfahren, ohne dass er zu einem Abschluss kommt, und am Ende stirbt Hanna an Brustkrebs. Was in der äußeren Handlung reichlich merkwürdig daherkommt, erweist sich als ein pfiffiges Werk, das künstlerischen Anspruch mit guter Lesbarkeit mühelos verbindet. Walkenbach, desillusioniert und Alkoholiker, so scheint es, lässt sein Leben mit Hanna in einzelnen Szenen Revue passieren, die sich mosaikartig zusammensetzen lassen. Wir erfahren von seiner Kindheit im niederrheinischen Niel, von seiner ländlichen Familie, die im Kontrast zu der Hannas steht und zu der er, der erste akademische Spross, ein nicht unproblematisches Verhältnis hat; von der erfolglosen Arbeit am Werk eines niederrheinischen Schnitzers und einer Italienreise, die im ländlichen Nirgendwo endet, doch macht es den Reiz dieses Buches aus, dass sich keine der Informationen unkritisch übernehmen lässt. Manches ist Traum, das ist klar, doch wo sind die Grenzen?

Das Thema der Vanitas zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, in der Gestalt des Holzschnitzers Douwermann, der hoch im Norden den Anschluss an die Renaissance verpasst und nicht über ein Resümee des Vergangenen hinaus kommt; in seinem Spiegelbild Walkenbach, der mit seinen Ideen im freien Raum schwebt, ohne sie in anerkannte akademische Form bringen zu können; in den Schilderungen der Ortschaft Niel, wo die letzten Reste bäuerlichen Lebens in traditionellem Alkoholkonsum versinken, sowie in jenen der italienischen Pampa, die als Garten Eden stilisiert wird, in direktem Kontrast zu den Hotelburgen ein paar Kilometer weiter. Hanna, penibel und jegliche Unordnung fürchtend, hält dies alles zusammen, und mit ihrem Tod, den wir Walkenbach glauben müssen, zerfällt seine Welt.

Ein Mann zwischen den Stühlen, die wehmütige Flucht in Vergangenes, die Relativität der Dinge und darunter die triste Alltäglichkeit einer alltäglichen Beziehung, alles sehr leicht gemalt in Farben, die der ehemalige Kunststudent Peters stellenweise direkt der niederländischen Schule entnommen zu haben scheint. Ganz leise und abseits vom literarischen Trend kommt hier ein Buch daher, das sich sehen lassen kann.

1. Einleitung

Es hat Vor- und Nachteile, sich mit einem so jungen Autor wie Christoph Peters auseinanderzusetzen: Einerseits stehen dem Literaturwissenschaftler sämtliche Fragestellungen offen, er bewegt sich auf unbekanntem Terrain und kann selbst bestimmen, welchen Aspekt des Werkes er kartographiert. Auf der anderen Seite steht ihm, von Rezensionen abgesehen, keine stützende Sekundärliteratur zur Verfügung, er muss sich auf seine eigene Urteilskraft verlassen und mit kräftigen Gegenstimmen rechnen, zumal sich mit wachsendem zeitlichen Abstand ein klareres Bild gewinnen lässt.

In obiger Rezension habe ich meinen ersten Eindruck von „Stadt Land Fluß“ festgehalten, wobei mein besonderes Interesse dem Thema der Vanitas galt, welches das ganze Buch durchzieht. In meiner Hausarbeit werde ich nun versuchen, den Themenaufbau im „Italienkapitel“ (Seite 217-231) zu untersuchen, die Themen auszudeuten und das Kapitel, soweit es der Platz erlaubt, in den Kontext des Buches einzuordnen. Dazu werde ich zuerst in chronologischer Reihenfolge durch den Text gehen, die Themen herausarbeiten und verknüpfen, so dass ein Gesamteindruck und ein Rezeptionsvorschlag entsteht. Der mangelnde Platz wird es mir nicht erlauben, andere Stellen des Buches ausgiebig zum Vergleich heranzuziehen. Daher werde ich nur auf diese hinweisen – die genaue Prüfung muss ich dem Leser überlassen. Im zweiten Teil meiner Analyse werde ich eine Strukturskizze des Themenaufbaus vorstellen und versuchen, die Komposition verständlich zu machen. Mit- und Gegeneinanderspiel der Themen sowie ihre Gewichtung möchte ich hier untersuchen.

Sämtliche Seitenangaben beziehen sich auf die hinten genannte, erste gebundene Auflage von „Stadt Land Fluß“. Da zu diesem Buch meines Wissens keinerlei Sekundärliteratur besteht, wird diese Analyse ausschließlich textimmanent sein.

2. Themenaufbau im Italienkapitel

Im vierzehnten Erzählabschnitt von „Stadt Land Fluß“ (Seite 217-231), der Einfachheit halber im folgenden „Italienkapitel“ genannt, wird der einzige gemeinsame Urlaub Hannas und Thomas‘, begleitet von der Freundin Astrid, geschildert. In der Chronologie der Geschichte sind die beiden schon beinahe zwei Jahre zusammen, und seit circa einem Jahr weiss Walkenbach um Hannas Ademone, die angeblich gutartigen Geschwulste in ihrer Brust.

Der erste Abschnitt dient der Einleitung. Beiläufig wird hier auf Hannas Vita verwiesen. Es ist ihr erster Aufenthalt im nicht deutschsprachigen Ausland, ein Umstand, der durch die dominante Persönlichkeit ihres Vaters erklärt wird und zugleich in der äußeren Handlung als Begründung für ihre Ängste vor diesem Urlaub agiert. Interessanter ist das erste Satzglied („Ebenfalls im Sommer ’87“), welches auf das Ende des vorangehenden Kapitels zurückverweist. In diesem wurde erstmals die mögliche Bedrohung Hannas durch ihre Ademone thematisiert. Walkenbach sorgt sich, er assoziiert mit den Geschwulsten nahendes Unheil (vgl. S. 197 oben), es fällt ihm anfangs schwer, Hanna mit diesen anomalen Gewebebildungen zu akzeptieren. Das Kapitel endet auf Seite 215 mit dem Satz: „Im Frühsommer ’87 erhält Hanna von meiner Seite recht: Man gewöhnt sich daran.“ Dennoch wird mit dem Rückverweis am Anfang des Italienkapitels Hannas Gesundheitszustand mit allen Befürchtungen Walkenbachs im Leser reaktiviert.

Die äußere Handlung der Seiten 217- 222 oben ist einfach: Geschildert wird der Weg der drei Urlauber von Parma an die Riviera, wobei sie eine Nacht im Toskanischen Apennin verbringen. Betrachten wir diesen Abschnitt genauer:

Die Reise beginnt, ohne dass Walkenbach und Hanna konkrete Vorstellungen davon haben. Man hat nicht gebucht, möchte „weder baden noch Menschenmassen“ (217). Astrid scheint die treibende Kraft, vielleicht gar der Initiator zu sein, und bezeichnenderweise beginnt die Schilderung mit der Feststellung, dass sie ans Meer möchte. Hanna ist ob dieser Unbeständigkeit nervös, es ist auch ihr erster selbständiger Auslandsaufenthalt, und nun folgt die Aufzählung der „Gegenmittel“ (ebd.), die sich über sieben Zeilen erstreckt, was angesichts der Knappheit von Peters‘ Stil meiner Meinung nach der Erwähnung bedarf und schon quantitativ ihre Erregung in den Textfluss einprägt. Ein Phrasenbuch, Sonnencreme, Zeichenutensilien sowie ein Wollpullover müssen zur Beruhigung ihrer Nerven herhalten.

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Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638124225
ISBN (Buch)
9783640409594
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3903
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
1,3
Schlagworte
aktuell stadt land fluss neu
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Titel: Vergänglichkeit im Alltag. Christoph Peters: Stadt Land Fluss.