Lade Inhalt...

Identität und Konfliktintensität. Auswirkungen des Wechselspiels zwischen Loyalität und Strategie auf Dimensionen von Intensität

Bachelorarbeit 2017 37 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Leid als Konsequenz von Konflikten

2. Forschungsstand: Identität in der Konfliktforschung

3. Theorie: Identität, Gruppenverhalten und Gewaltausübung
3.1 Identitätsbildungsprozesse und die Natur der Gruppe
3.2 Eigenschaften bestimmter Identitätsarten
3.3 Dimensionen von Konfliktintensität

4. Konzeptionalisierung: Definition von Konflikt und Intensität

5. Empirie: Statistische Effekte von Identität auf die Konfliktintensität

6. Fazit: Voraussetzungen von intensiven Konflikten

Appendix

Literatur

Datensätze

Abstract

Die vorliegende Bachelorarbeit gibt einen Überblick zum Einfluss von Identität auf dieIntensität von Konflikten. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Auswirkungen vonGruppenbindungen und -organisation auf das Ausmaß von Konfliktfolgen eindeutigherauszustellen. Mit Hilfe des Vergleichs von ethnischen und nicht-ethnischen Konfliktenwerden mögliche Mechanismen der Eskalation zunächst anhand theoretischer Überlegungenbezüglich Identitätsbildungsprozessen und der Eigenschaften bestimmter Identitätsartenerkannt und daraufhin empirisch überprüft. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf denverschiedenen Dimensionen von Intensität, wie die Anzahl an Gefechtstoten, der Anwesenheitvon sexueller Gewalt und Folter und die Anzahl an Betroffenen von Zwangsmigration. Übereine quantitative Zeitreihenanalyse von Konflikt- und Länderdaten zwischen 1948 und 2015lassen sich vor allem in Bezug auf die Anzahl von Gefechtstoten und Betroffenen vonZwangsmigration identitätsbezogene, die Intensität schwächende Effekte erkennen. ImRahmen der Analyse ergeben sich jedoch vorerst keine aussagekräftigen Modelle bezüglich dersexuellen Gewalt und der Folter. Schließlich bietet diese Arbeit sowohl eine kritischeAuseinandersetzung mit der Datenlage, als auch einen Ausblick für weitere Untersuchungendes betrachteten Verhältnisses zwischen Identität und Konfliktintensität. Als besondersinteressant erscheint hierbei die genauere Betrachtung der Wechselwirkung zwischen derLoyalität des Einzelnen und der Strategie innerhalb einer Gruppe.

1. Einleitung: Leid als Konsequenz von Konflikten

Konflikte entstehen zwangsläufig dann, wenn Gruppen oder Individuen und mit ihnenunterschiedliche Denkrichtungen aufeinandertreffen. Diese Arbeit beschäftigt sich weniger mitdem Anlass, sondern eher der Stärke von Konflikten und widmet sich der Beantwortungfolgender Frage:

Welche Auswirkung hat die Identität der Konfliktparteien auf die Konfliktintensität? Täglich erleiden Menschen Unvorstellbares, verlieren Nahestehende, werden vertrieben, erniedrigt oder misshandelt. Die Welt ist durchzogen von Konflikten unterschiedlichster Art. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach der Unterscheidung von Konflikten und zeigt sogleich auf, wo Gemeinsamkeiten liegen und welche Auswirkungen die jeweiligen Merkmale auf die Stärke des Leids der Menschen haben. Der Fokus hierbei liegt vor allem auf der Intensität und den spezifischen Folgen von Konflikten.

Was als Konfliktfolge bewertet werden kann und was in die Messung der menschlichen Kosten mit hinein zählen sollte, ist eine Frage der Definition. Hierbei dreht es sich um die Frage, welche Dimensionen sinnvollerweise betrachtet werden. Inwieweit die Intensität eines Konfliktes physische oder psychische Aspekte umfasst und ob auch indirekte Folgen Aussagekraft besitzen, wird im Folgenden beleuchtet.

Welche Rolle hierbei die Identität der einzelnen Akteure spielt, wird in diesem Zusammenhangebenfalls betrachtet. Vor allem in Zeiten des immer präsenter werdenden Terrors assoziierenviele Menschen direkt Negatives mit den Begriffen Religion und Ethnizität. Andere wiederrumdenken an den Schutz der Gemeinschaft und die Sicherheit durch den gemeinschaftlichenGlauben. Bei der Betrachtung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte wird schnell klar, dassdem Glauben oder allgemein der Identität schon immer eine Bedeutung in derKonfliktforschung zugeordnet werden konnte. Menschen fanden und finden noch immerRechtfertigung oder Bestärkung in ihren Handlungen, suchen Vergebung und Rückhalt in ihrerIdentifikationsgemeinschaft, also der Gruppe auf welche sich ihre Identität stützt.

Im Weiteren folgt zunächst eine Betrachtung vorheriger Forschungsansätze zu der Beziehungzwischen Identität und Konflikt, als auch verschiedene Perspektiven zur Konzeptionalisierungvon Intensität und zur Definition von Konfliktfolgen. Hierbei wird deutlich, dass dieherkömmliche Messung menschlicher Kosten nicht hinreicht und andere Aspekte wie Vertreibung, Folter und sexuelle Gewalt mit einbezogen werden müssen. Theoretische Ansätzezeigen auf, dass sowohl Gruppenbindung als auch strategisches Verhalten die Stärke vonKonflikten beeinflussen. Inwieweit die Identität der Konfliktparteien eine Rolle spielt, wirdanhand einer quantitativen Zeitreihenanalyse von Konflikt- und Länderdaten zwischen 1948und 2015 getestet. Hierbei kann erwartet werden, dass stark identitätsbezogene Konflikte wieethnische Konflikte mit mehr Gewalt und somit mit einer stärkeren Intensität einhergehen. Eswird erkenntlich, dass die Identität auf verschiedenen Gewaltdimensionen eine nicht zuvernachlässigende Rolle spielen kann. Hierbei verspricht der Fokus auf eben dieseDimensionen neue Erkenntnisse im Feld der Konfliktforschung. Der Analyse schließt sich einekritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen inklusive eines Ausblickes mit weiterenÜberlegungen und Empfehlungen an.

2. Forschungsstand: Identität in der Konfliktforschung

Die Bedeutung von Identität ist in der Konfliktforschung weitgehend akzeptiert. Vorrangig widmete sich die Konzentration dem Beginn und dem Ausgang von Konflikten, die Auswirkung von Identität auf die Intensität oder die Art der Gewaltausübung blieb eher unbehandelt, obwohl viele Studien auf eine stärkere Thematisierung der Intensität drängen. Vor allem wenn es um die einzelnen Folgen des Konfliktes geht, lassen sich eher nur qualitative Fallstudien finden, quantitative Analysen sind aufgrund von schwieriger Datenlage in Bezug auf Vollständigkeit und Aktualität selten und meist eher unvollständig.

Identität in Verbindung mit der Konfliktwahrscheinlichkeit ist ein nicht schlecht beleuchtetesThema in der Konfliktforschung. Appleby erkennt die Wichtigkeit von geteilter Ideologie inder Religion und deren Einfluss in der Identitätsbildung eines Individuums. Unabhängig derideologischen Auslegung kann der Glaube Rechtfertigung für Gewalt schaffen, sei es zwecksTerror oder zwecks Frieden (Appleby 1999, 10). In seiner Beschreibung der Welt nach demKalten Krieg erkennt Huntington, dass lediglich Toleranz gegenüber anderenWeltanschauungen weltweite Konflikte vermeiden könne. Im Zusammenleben vonZivilisationen spielen die individuellen Einstellungen und das Verhältnis zu Höherem - wiebeispielsweise Gott - eine große Rolle, Unterschiede dahingehend müssen zwar nicht, könnenjedoch zu sehr gewalttätigen Auseinandersetzungen führen (Huntington 1993, 24).

Es existieren auch Zusammenhänge zwischen der Identität und dem Ausgang von Konflikten.Kaufmann unterscheidet zwischen ideologischen und ethnischen Bürgerkriegen, wobei die An- oder Abwesenheit des Glaubens an einen vererbten Anspruch auf Vorherrschaft und die Flexibilität von Loyalitäten ausschlaggebend sind (Kaufmann 1996, 138). Er stellt heraus, dass Krieg vor allem die Fronten zwischen Gruppen mit unterschiedlichen ethnische Identitäten so stark verhärtet, dass eine Lösung dessen nur noch durch die physische Kontrolle über ein Gebiet möglich sein kann (Kaufmann 1996, 139).

Hierbei spielt Kaufmann auf das entstehende Sicherheitsdilemma an, welches durchGewaltausübung einer ethnischen Gruppe gegenüber der anderen entsteht. Sobald sich eineGemeinschaft nicht mehr auf die Sicherheit durch das System verlassen kann, muss sieselbstständig für ihren Schutz sorgen. Durch Mobilisierung und gezielter Rhetorik in diesemRahmen verwandelt sich die reine Gruppenzugehörigkeit oder -identität in eine Bedrohung(Kaufmann 1996, 147). Es wird deutlich, dass Identität, klare Gruppenzugehörigkeit undLoyalität eine Deeskalation daher unmöglich erscheinen lassen und ethnische Konflikte eherdie Tendenz zur Eskalation mit sich bringen. Durch fehlendes Vertrauen auf beiden Seiten kannkeine Kooperation zu Stande kommen und Kämpfe setzen sich fort (Walter 1997, 337).

Es gibt verschiedene Ansätze, menschliche Kosten in Zahlen auszudrücken und darüber dieIntensität des Konfliktes zu ermitteln. Bisher ist die herkömmlichste, sich über die Literaturweitgehend erstreckende und sogleich einfachste Variante, die Intensität direkt daran zumessen, wie viele Menschen im Kampf sterben. Der Human Security Report 2005 erklärtjedoch, dass die größten menschlichen Kosten die indirekten Kosten sind. Dabei handelt es sichum die Kosten, die Krankheit, Hunger und fehlender Infrastruktur für Wasser oder Medizinentspringen. Die Anzahl an Gefechtstoten zeigt somit nicht annähernd das wahre Ausmaß anmenschlichen Kosten eines gewaltsamen Konflikts (Mack 2005, 31). Da Menschen von Naturaus versuchen, sich in Sicherheit zu bringen und somit genannten Missständen zu entfliehen,kann wahrscheinlich eher die Zahl der Vertriebenen über die Intensität des Konflikts geben(Mack 2005, 100). Auch Crawford erweitert die Definition der Konfliktstärke, indem ermentale Schäden, ausgelöst durch Stress und Misshandlung und unterschiedlicheTodesursachen miteinbezieht (Crawford 2015, 7).

Steflja und Darden verfolgen einen ähnlichen Ansatz und fordern, dass nicht nur physische,sondern auch psychische Schäden mit in die Berichterstattungen mit aufgenommen werdensollen. Traditionelle Konfliktberichte ignorierten und diskreditierten bisher die Spannweite vonpsychologischen Traumata und sozialem Schaden (Steflja/Darden 2013, 356). Auch Auswirkungen von Stress auf Vertriebene und Zivilisten, die den Krieg mitbekommen haben, sollen in die Rechnungen miteingehen (Steflja/Darden 2013, 358). Friedman stimmt damit überein und bemerkt, dass Kriegskosten stets unterschätzt werden, da die psychischen Schäden, die vor allem die Kämpfenden während und nach dem Krieg mit sich tragen, nicht beachtet werden (Friedman 2004, 75).

Verbindungen zwischen der Identität und der Konfliktwahrscheinlichkeit beziehungsweise dem -ausgang lassen sich bisher gut erkennen, der Effekt auf die Intensität verlangt nach weiterer Betrachtung. Welche Ebenen des Leides beziehungsweise welche Kostenfaktoren für die Analyse von Konflikten sinnvoll sind, gilt es herauszufinden. Die bisher doch größtenteils theoretischen Argumente sollen in dieser Arbeit durch quantitative Argumente überprüft und die Konzepte erweitert und im Detail betrachtet werden. Das Ziel ist die Annäherung an den tatsächlichen Effekt von Identität auf die wahre Intensität von Konflikten.

3. Theorie: Identität, Gruppenverhalten und Gewaltausübung

Die Identität der sich gegenüberstehenden Parteien spielt also bei Konflikten eine Rolle.Konfliktausbrüche und -ausgänge werden von ihr bedingt; ist die Identität von Individuen undGruppen gefährdet, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Konflikte auftretenbeziehungsweise sich verhärten. Es liegt zudem nahe, dass die Art der Gruppe und die Tiefeder Bindung sich auch auf die Stärke des Konflikts ausüben. Stärkere Gruppenloyalität kanndurch das erhöhte Gewaltpotenzial auch zu einer höheren Intensität von Konflikten führen.Inwiefern sich dieses Potenzial wiederum tatsächlich in Taten umsetzt liegt bei der Gruppeselbst, ihrem Handlungsfreiraum und ihrer Strategie in der jeweiligen Situation. Dies inBetracht ziehend lässt sich vermuten, dass vor allem die Ethnizität eine intensivierendeWirkung mit sich bringt und in Zuge dessen auch das Aktionsspektrum innerhalb einesKonflikts erweitert. Es ergibt sich somit die Notwendigkeit der Klärung des genauenMechanismus hinter dem Einfluss von Identität auf den Konfliktverlauf und dessenAusprägung.

3.1 Identitätsbildungs prozesse und die Natur der Gruppe

Das Wort Identifikation kommt aus dem Lateinischem und bedeutet wörtlich übersetztGleichsetzung. Es kann als vollständige Übereinstimmung in allen Einzelheiten verstandenwerden, dient jedoch auch der Beschreibung von Einheitlichkeit in der Betrachtung seiner selbst oder anderer (Fröhlich 1994, 212). Jene Einheitlichkeit beruht auf einer Konstanz von Einstellungen und Verhaltensweisen. In der Psychologie beschreibt Identifikation folglich denVorgang, sich in einen anderen Menschen einzufühlen und gewisse Charakteristika als eigenezu erkennen. Die eigene Identität definiert sich somit über die mit anderen Individuen geteiltenEigenschaften, Ideen und Weltanschauungen. Oft geht mit diesem Prozess die Übernahme vonNormen, Einstellungen und Verhaltensweisen der respektierten Gruppe einher (Smith 2007,835).

In Wendts Verständnis des Konstruktivismus stehen soziale Strukturen über sowohl materiellenEinflüssen, als auch der Wesensnatur der Menschen. Das menschliche Zusammenleben wirdalso durch geteilte Ideen bestimmt und somit können sich auch alle Interessen und Identitätenzielgerichtet handelnder Menschen auf diese zurückführen lassen. Im Umkehrschluss bedeutetdies somit, dass Strukturen menschlicher Verbindungen also Verhalten regulieren undInteressen formen können (Wendt 1999, 193). In diesem Zusammenhang ergibt sich dieWichtigkeit der Gründe der Entstehung solcher sozialen Konstrukte. Das Zugehörigkeitsgefühlund der Grund für eine Identifizierung mit einer Gruppe kann verschiedene Hintergründehaben. Hierbei spielen auf der einen Seite biologische, auf der anderen Seite aber vor allemauch ideologische Merkmale eine Rolle. Gruppen bilden sich durch Gemeinsamkeiten inMerkmalen von Einzelpersonen, die wiederum bestimmt sind durch: Herkunft, Geschlecht,Sexualität, Religion, Beruf und so weiter (Fearon/Laitin 2000, 848). Individuen finden sichsomit in sozialen Kategorien wieder, die sich zum einen durch Beitrittsbeschränkungen, zumanderen durch die inhaltlichen Werte voneinander unterscheiden. Ersteres beschreibt, wer zurGruppe gehört und wer nicht, letzteres welche Denkrichtung, Überzeugung, Moral, physischeAttribute oder Verhaltensweisen typischerweise von den jeweiligen Mitgliedern erwartet wird(Fearon/Laitin 2000, 854).

Im Prozess des Zusammenschlusses entstehen Dynamiken, Denkrichtungen verändern sich undVerhaltensnormen werden neu definiert. Je nach Gruppe kann die Mitgliedschaft dann auch dieBereitschaft für gewalttätige Taten voraussetzen. Der Rückbezug der eigenen Identität auf dieGruppe bewirkt sogleich gemeinschaftliches Denken und auch Handeln, was als kollektiveIdentität verstanden werden kann (Snow 2001, 2). Durch das Gefühl der Einheit, das sogenannteWir-Gefühl, wird in Verbindung mit sich gleichenden Interessen und Eigenschaften einKollektiv geschafften. Dieses definiert sich über den Kontrast zu „den anderen“, also über alldas, was die eine Gruppe von der anderen unterscheidet. Dies geht mit einer gemeinsamen Agenda einher, die gemeinschaftlich befolgt wird und Verhaltensweisen und Handlungsempfehlungen beinhalten kann (Snodmengehörigkeit dient also sowohl als Orientierungshilfe als auch als Motivation zubestimmten individuellen Verhaltensweisen. Die Mitgliedschaft in einer Gruppe geht mit mehrExtremität im Verhalten einher. Individuen, die sich einer Gruppe stark zugehörig fühlen,neigen in der Verbindung mit jener eher zu extremen Taten. Wenn die Identität der Gruppe undsomit eines jeden Individuums bedroht ist, intensiviert sich diese Neigung (Branscombe 1993,385), da für ein loyales Mitglied ein Angriff auf die Gruppe ein Angriff auf die eigene Identitätbedeutet. Loyalität kann sich durch verschiedene Mechanismen in sozialen Konstruktenergeben. Mitglieder identifizieren je nach Gruppe unterschiedliche Gemeinsamkeitenuntereinander, die unterschiedlich auf das Zugehörigkeitsgefühl einwirken und Dynamikenerzeugen können. Statusgefühle wie Stolz und Ehre zum Beispiel, die der eigenen Gruppe oderEthnie und somit der eigenen Identität zugeordnet werden, stärken das Zugehörigkeitsgefühlzur Gruppe und das Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen (Appleby 1999, 60). DieZusammengehörigkeit ist hierbei geprägt von einer so empfundenen persönlichen und sozialenWichtigkeit (Mandel 2002, 104).

Es wird deutlich, dass sich über gemeinsame Ideen im Zusammenspiel mit sich gleichendenMerkmalen soziale Strukturen und wiederum abhängig von den jeweiligen ÜbereinstimmungenGruppen bilden können. Diese Zusammenkünfte sind fähig, Verhalten der Mitglieder und derenInteressen zu gewissen Teilen zu beeinflussen und zu leiten. Je nach Grad der Gemeinsamkeitentsteht eine gewisse Bindung der Einzelpersonen zur Gruppe, die sich in Loyalität ausdrückt.Im Aufeinandertreffen von verschiedenen Gruppierungen kann es, auch verstärkt durch dasWir-Gefühl, zu Auseinandersetzungen zwischen diesen kommen. Wie hoch dabei dasEskalationspotenzial ist liegt im Ermessen der einzelnen Parteien. Die Bindung der einzelnenMitglieder und die Organisation beziehungsweise das strategische Vorgehen der Gruppe kannhierbei entscheidend sein.

In diesem Zusammenhang stellt sich aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten vor allem dieIdentifikation über die Ethnizität als beachtenswert heraus. Die Ethnie kann als ein familiäresKonzept verstanden werden, welches bei den Mitgliedern Solidarität und intensive Emotionenhervorrufen kann. Hierbei wird ersichtlich, warum ethnische Konflikte eher zu Hass undemotionalen Ausbrüchen führen können als nicht-ethnische Konflikte. Der besondere Wert derGruppe und das kollektive Selbstbewusstsein spielen hierbei eine große Rolle (Horowitz 1985, 60). Daran anknüpfend sieht Armstrong in der Untersuchung von Kriegsverläufen ein Muster zwischen Religion und Gewalt. Vor allem durch den Einfluss von geteilten moralischen Vorstellungen sollen gewaltsame Taten zu Tage gebracht werden (Armstrong 1997, 598). Es wird deutlich, dass durch das Vorhandensein einiger bestimmter Gemeinsamkeiten eher Gewaltpotenzial hervorgebracht wird als durch andere Gruppeneigenschaften. Durch die Identifizierung mit der Gruppe über spezielle Moralvorstellungen und Überzeugungen innerhalb der Gruppe kann sich die Hemmschwelle der einzelnen verringern, besonders in bedrohlichen Situationen Gewalt anzuwenden.

Gruppenführer können diesen Effekt strategisch nutzen, um mehr Macht oder Einfluss zuerhalten beziehungsweise die Motivation der Gruppe in Konflikten oder Gefechten zu stärken.Hierbei entsteht ein typisches Prinzipal-Agenten-Problem, bei dem die Anführer aufgrund ihresWissensvorsprungs, Denkrichtungen vorgeben können und Gruppenmitglieder in bestimmteRichtungen leiten können. Auf der Basis von tiefgehendem Vertrauen können sie durchgeschickte Rhetorik, Mitglieder zu Handlungen überzeugen (Fearon/Laitin 2000, 853).Unstimmigkeiten zwischen Gruppen können so als Bedrohung ausgelegt werden, wodurchExistenzangst sich schnell in Hass gegenüber anderen verwandelt, was wiederumKonfliktsituationen eskalieren lassen kann (Fearon/Laitin 2000, 855). Unabhängig davon obdas Gruppengefühl den Gemeinsamkeiten von Ideen und Merkmalen entspringt oder überstrategische Manipulation geschaffen wird, kann die Loyalität zur eigenen Gruppe in vielenFällen die Bereitschaft zur Gewaltausübung verstärken. Somit ist sie kein zuvernachlässigender Faktor in Bezug auf den Eskalationsgrad eines Konfliktes.

Die Art der Gruppenidentität beeinflusst nicht nur die Bereitschaft und die Anwendung vonGewalt an sich, sondern auch die etwaige Stärke dieser. Die Intensität von Konflikten lässt sichauf die Unterscheidung von Identitäten und der damit einhergehenden Tiefe von Loyalität zurGruppe zurückführen. Kaufmann unterteilt hierbei zwischen ethnischen und rein ideologischenKonflikten. Bei dieser Differenzierung spielt der Grad an Loyalität und die An- oderAbwesenheit der Freiheit in der Wahl der Bezugsgruppe eine Rolle. Ethnische Konflikte führenhierbei aufgrund des stärkeren Zugehörigkeitsgefühls, vor allem auch in Hinblick auf dasSicherheitsdilemma, eher zur Eskalation oder Verhärtung von Konflikten führen (Kaufmann1996, 140). Viele dieser Konflikte starten nicht als unbändig, verändern sich jedoch durch dieInvolvierung von Moral- und Identitätsdifferenzen und gehen schließlich mit einer hohenIntensität und Zerstörungskraft einher (Coleman et al. 2007, 1456). Selbst wenn sich durch die Dynamik zwischen den Konfliktparteien im Laufe der Zeit Komponenten verändern und sich sogar später Lösungen für das anfängliche Problem ergeben, können diese auch zu keiner Lösung des andauernden Konflikts beitragen. Die Konfliktparteien entwickeln eine spezielle Art, über die gegnerische Partei zu denken, sodass sich der Konflikt durch die Dynamik irgendwann nicht mehr um die ursprüngliche Sache, sondern um das Verhältnis der Parteien zueinander dreht (Coleman et al. 2007, 1457).

Ein anderer nicht zu vernachlässigender Faktor ist die strategische Vorgehensweise, die stetsauch von der Zusammensetzung der Gruppe ausgeht. Das Ziel ist es meistens, Gewalt vor allemin Konfliktsituationen strategisch einzusetzen und daher ein konsistentes Verhalten an den Tagzu legen. Diese Konsistenz kann auf Zwang oder der starken persönlichen Bindung zu Gruppebasieren. Zeigen die Mitglieder ein hohes Engagement in Verbindung mit der Gruppe, soverfolgen diese jegliche Befehle aufgrund der Verhaltensnorm der Gruppierung. Ihre Loyalitätverpflichtet sie somit zu konsistentem Verhalten (Weinstein 2007, 205). Der Einsatz vonGewalt gegenüber Kämpfern oder Zivilisten hängt schlussendlich von Situationen undEntscheidungen ab, die wiederum je nach Bindung der Mitglieder zur Gruppe bis zu einemgewissen Grad umgesetzt werden können. Je höher also die Verbundenheit zur Gruppe, destokonsistenter auch die Ausführung der Befehle (Weinstein 2007, 209). Das Potenzial einerhöheren Konfliktintensität kann in diesem Zusammenhang identifiziert werden, der Einflussvon Strategie spielt jedoch auch stets eine wichtige Rolle im Gefecht.

Die Organisation der Gruppe und das damit verbundene Gefühl der Zugehörigkeit undWichtigkeit kann von Anführern der Gruppen genutzt werden. Menschen in diesem Verhältniskönnen so durch einfachste Aussagen dazu aufgerufen werden, für das so empfundene Gute zukämpfen und gegen das Schlechte oder Böse vorzugehen. Dieser Mechanismus kann je nachIdentifikationsgrad schnell zu Gewalt und Eskalation führen (Mandel 2002, 105). Loyalität unddas Gefühl der Zugehörigkeit stehen in Wechselwirkung mit der Organisation und somit derLeitung und der Konsistenz innerhalb der Gruppe. Strategische Vorgehensweisen undtiefgehende Bindungen können sich gegenseitig verstärken und Gewalt innerhalb vonKonflikten intensivieren.

3.2 Eigenschaften bestimmter Identitätsarten

Gruppen unterscheiden sich in ihren Gemeinsamkeiten, was sich wiederum auf dieZusammensetzung und die Stärke des Zusammenhalts auswirkt. Religion und Nationalität geben Anhaltspunkte zur Erkennung von wichtigen Strukturen innerhalb sozialerGruppierungen. Vor allem in Zeiten der Unsicherheit bezüglich der eigenen Existenz undIdentität gewinnen Gruppen zwecks Sicherheit an großer Bedeutung (Kinnvall 2004, 749).Hierbei ist eine starke Kombination, die die Identität schützen kann, Religion undNationalismus. Beides sind sehr starke Identitätspfeiler, die Einheit, Sicherheit undAufnahmebereitschaft in schweren Zeiten mit sich bringen. Die zwei Konzepte geben dasGefühl eines Zuhauses, wo sie vor dem Fremden geschützt sind (Kinnvall 2004, 762). Im Zugeder jeweiligen Ideologie werden die sogenannten Anderen, die die nicht der Gruppe angehören,als schwach, wertlos und irrational definiert. Es entsteht ein Feindbild, in welchem inExtremfällen Nicht-Mitgliedern die Menschlichkeit abgesprochen werden kann und diese somitals bloße Objekte angesehen werden. Dies führt zwangsläufig zur Eskalation von Konflikten,wie zum Beispiel durch die Ausübung von sexueller Gewalt. Das strategische Ziel hierbei istes, die Schwäche und die Unfähigkeit des Feindes zu betonen. In manchen Glaubensrichtungenist eine solche Tat obendrein alleinige Schuld des Opfers, welches dann als unrein beschimpftund von der Gesellschaft ausgeschlossen werden kann (Kinnvall 2004, 763).

Die Verbindung zwischen Religion und Gewalt lässt sich auch anhand der Beziehung zwischen religiöser Tradition und kulturellen Hintergründen, wie die Orientierung zu anderen Gruppen, Persönlichkeitsrechte und Staatslegitimität, erklären. Gewalt spielt dann eine große Rolle, wenn Gruppen in einer Gesellschaft als wichtiger empfunden werden als Individuen (Bruce 2005, 20). Sie entsteht aus dem Zwischenspiel vom Grad der Toleranz gegenüber anderen und dem Staat, der Präsenz eines gemeinsamen Verhaltenskodexes, dem Grad der geteilten Identität und der Anwesenheit von Alternativen zum Status quo (Bruce 2005, 26). Da jeder Glauben auf einem Verhaltenskodex aufbaut, welcher explizite moralische Normen denjenigen vorschreibt, die sich der Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlen, kann in religiösen Zusammenkünften Gewaltpotenzial erkannt werden (Appleby 1999, 9).

Eine weitere Erklärung der Beziehung zwischen Gruppeneigenschaften und dem Ausmaßkollektiver Gewalt findet sich in der Kosten-Nutzen-Analyse. Individuelle Motive undmoralische Vorstellungen spielen bei dieser Rechnung eine nicht zu vernachlässigende Rolle(Oliver/Marwell 1988, 6). In Glaubensgemeinschaften besteht das gemeinsame Gut aus allenVorteilen, die durch die Ideologie versprochen werden. Dieses Gut ist daher mit wenig Kostenverbunden und ermöglicht auch in Gruppen mit großen Mitgliederzahlen die Organisation vongemeinschaftlichem zielgerichtetem Handeln. Sogar die persönliche Aufopferung zwecks der Aufrechterhaltung des Glaubens kann somit als Ehre angesehen werden. In diesem Sinnekönnen Glaubensgemeinschaften aufgrund der geringen Kosten der Organisation auf eine großeAnzahl an Mitgliedern bauen, die wiederum das Ausmaß des kollektiven Handelns verstärkenkann. Dieselbe Rechnung lässt sich auch in Bezug auf die Motivation von religiösemTerrorismus anwenden: Extremreligiöse Anhänger begehen für ihren Glauben und den damitverbundenen Nutzen Gewalttaten, töten unschuldige Zivilisten und terrorisieren ganzeBevölkerungen. Religion stellt dabei nicht nur die grundsätzliche Ideologie für Gewalttaten,sondern auch die Motivation und Organisation eines Angriffes bereit (Juergensmeyer 2003, 5).Ritualisierte Gewalt kann somit in den jeweiligen Kreisen als etwas Positives bewertet werden.Indem es Mitgliedern einer Gruppe erlaubt wird, ihren Hass gegen andere auszudrücken undGewalt auszuüben, wird eine noch engere Verbundenheit der Glaubensgemeinschaftgeschaffen (Juergensmeyer 2003, 171). Es geht dem Märtyrer nicht nur darum, durch seineAufopferung Feinde mit in den Tod zu reisen, sondern um einen geistigen Krieg. Hierbei liegtder Fokus weniger auf dem Opfer an sich, sondern eher auf der Betonung des Richtigen unddes Falschen, des Chaos und der Ordnung. Der Widerspruch zwischen den Gruppen solldadurch betont werden (Juergensmeyer 2003, 172).

Es erscheint, dass Religion und Nationalismus sowohl über die Tiefe der Verbundenheit der einzelnen Gruppenmitglieder, als auch über diverse Charakteristika der Struktur und des Handlungsrepertoires ein höheres Gewaltpotenzial aufweisen. Somit kann argumentiert werden, dass sich stark identitätsbezogenen Konflikte eher verschärfen als andere, woraus sich folgende zu testende Kernhypothese ergibt:

Ethnische Konflikte gehen mit einer höheren Intensität einher als nicht-ethnische Konflikte.

Hierbei umfasst die Kernhypothese die verschiedenen noch auszudifferenzierendenDimensionen der Intensität und integriert Religion und Nationalität in das Konzept derEthnizität.

3.3 Dimensionen von Konfliktintensität

Betrachtet man nur einmal alle möglichen Folgen, die ein Konflikt mit sich bringen kann, fälltschnell auf, dass Gewalt viele Formen annehmen kann und Intensität auf mehreren Ebenengemessen werden muss. Ethnische Konflikte haben somit nicht nur eine Auswirkung auf dieKonfliktstärke im herkömmlichen Sinne, gemessen an der Zahl der Gefechtstoten,

[...]

Details

Seiten
37
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668634510
ISBN (Buch)
9783668634527
Dateigröße
900 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v389049
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,7
Schlagworte
Identität Konflikt Intensität Konfliktfolgen Ethnie Eskalation Loyalität Strategie
Zurück

Titel: Identität und Konfliktintensität. Auswirkungen des Wechselspiels zwischen Loyalität und Strategie auf Dimensionen von Intensität