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Transatlantische Handelsbeziehungen mit Kanada als Chance für deutsche KMU

Masterarbeit 2017 64 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation und Zielsetzung
1.2 Gang der Untersuchung

2 Theoretische Grundlagen zur Internationalisierung deutscher KMU
2.1 Definition: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU)
2.2 Internationalisierungsverhalten deutscher KMU
2.3 Stärken und Schwächen von KMU in Bezug auf Internationalisierung
2.4 Beweggründe von KMU zur Internationalisierung

3 Der Zielmarkt Kanada
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Geografische Faktoren
3.3 Demografische Faktoren
3.3.1 Bevölkerungsentwicklung
3.3.2 Bevölkerungsverteilung und Zweisprachigkeit
3.4 Politische und rechtliche Faktoren
3.4.1 Das politische System
3.4.2 Das rechtliche System
3.4.3 Einordnung des politischen und rechtlichen Systems Kanadas für deutsche KMU
3.5 Ökonomische Faktoren
3.5.1 Wirtschaftslage Kanadas
3.5.2 Sektorale und regionale Wirtschaftsstruktur
3.5.2.1 Sektorale Wirtschaftsstrukturen
3.5.2.2 Regionale Wirtschaftsstrukturen
3.5.3 Kanadas Außenhandel
3.5.3.1 Überblick über den kanadischen Außenhandel
3.5.3.2 Kanadas Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland
3.5.4 Weitere Standortfaktoren Kanadas
3.5.4.1 Die kanadische Verkehrsinfrastruktur
3.5.4.2 Der kanadische Arbeitsmarkt
3.6 Bewertung des Zielmarktes Kanada für deutsche KMU

4 Chancen für deutsche KMU in Kanada durch CETA
4.1 Vorbemerkungen und Eingrenzung
4.2 Auswirkungen von CETA auf einen verbesserten Marktzugang
4.2.1 Abschaffung von Zöllen
4.2.2 Weitere Zoll- und Handelserleichterungen
4.2.3 Öffnung des kanadischen Dienstleistungsmarktes
4.2.4 Zugang zum öffentlichen Auftragswesen in Kanada
4.2.5 Abbau von technischen Handelshemmnissen
4.2.5.1 Regulatorische Zusammenarbeit
4.2.5.2 Anerkennung von Konformitätsbewertungen und -bewertungsstellen
4.3 Mögliche positive Effekte von CETA für die deutsche Wirtschaft

5 Handlungsempfehlungen für deutsche KMU zur Erschließung des kanadischen Marktes
5.1 Exportorientierte Markterschließung durch Vertretungsvergabe
5.1.1 Vorbemerkungen
5.1.2 Möglichkeiten der Vertretungsvergabe
5.1.3 Rechtliche Aspekte bei der Vertretungsvergabe
5.2 Markterschließung mit eigener Präsenz auf dem kanadischen Markt
5.2.1 Vorbemerkungen
5.2.2 Gründung einer Tochtergesellschaft versus Errichtung einer Zweigniederlassung
5.2.3 Unternehmensformen in Kanada
5.2.4 Die Corporation als mögliche Rechtsform zur Gründung einer Tochtergesellschaft für deutsche KMU in Kanada
5.3 Lokale Besonderheiten bei Markteintritt und -bearbeitung

6 Schlussbetrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Beweggründe für KMU zur Internationalisierung

Abb. 2: Kanada - Provinzen und Territorien

Abb. 3: Worldwide Governance Indicators - Canada/Deutschland

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Quantitative KMU-Definition des IFM Bonn

Tab. 2: Außenhandel Kanada (in Mio. US$; Veränderung in %)

Tab. 3: Überblick über die wichtigsten Handelspartner Kanadas in 2015

Tab. 4: Außenhandel Deutschlands zu Kanada von 2014 bis 2016 (in Mrd. Euro, Abweichungen durch Rundungen, Veränderung in %)

Tab. 5: SWOT-Analyse Kanada für deutsche KMU

1 Einleitung

1.1 Motivation und Zielsetzung

Der Trend zur Globalisierung gilt als einer der zentralsten ökonomischen und gesell- schaftlichen Entwicklungen in der heutigen Zeit.[1] Die damit verbundene Internationali- sierung der Märkte ist eine der wichtigsten Herausforderungen, denen sich Unterneh- men dabei zu stellen haben. So ist der Welthandel in den letzten Jahrzehnten deutlich stärker gewachsen als die Weltproduktion. Durch die Ausdehnung des weltweiten Handels verstärken sich auch die Wettbewerbsbedingungen, nicht nur auf den Aus- lands- sondern auch auf den Heimatmärkten. Kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland werden von diesen Prozessen der Internationalisierung erfasst und rea- gieren, zahlreich selbst mit der Erschließung ausländischer Märkte.[2] Die Stärke der deutschen Exportwirtschaft ist somit nicht das alleinige Resultat von Großunternehmen sondern auch von deutschen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).

Folgte man der Annahme, dass sich der Erschließungsprozess im Rahmen der Inter- nationalisierung unbeirrt und frei von Wiederständen fortsetzt, wurde man durch Ereig- nisse der letzten Zeit eines besseren belehrt. Meldungen über Protektionismus domi- nieren zunehmend die Schlagzeilen und erhöhen die Unsicherheit in der Exportwirt- schaft. So warnte der Bundesverband der deutschen Industrie jüngst vor den Folgen des „Brexit“[3] für die deutsche Exportwirtschaft.[4] Geplante Freihandelsabkommen, wie zwischen der EU und den USA (TTIP) werden nicht zum Abschluss gebracht und poli- tische Konflikte wie z. B. mit Russland oder der Türkei erhöhen die Ungewissheit in den entsprechenden Handelsbeziehungen. Aus der zentralen Bedeutung einer auslän- dischen Absatzmarkterschließung für die deutsche Exportwirtschaft, gepaart mit den beispielhaft genannten wachsenden Unsicherheiten im Auslandsgeschäft entstand die Motivation für diese Arbeit.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes sind die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Kanada und Deutschland frei von Belastungen. Gleichzeitig bleibt das Ausmaß des Warenaustausches hinter den Möglichkeiten beider Volkswirtschaften zurück.[5] Kanada gehört laut der Definition des Internationalen Währungsfond (IWF) zu den High- Income-Ländern.[6] Gemessen am Bruttoinlandsprodukt war es im Jahr 2016 die zehnt- größte Volkswirtschaft der Welt.[7] Eine grundlegende Attraktivität des kanadischen Marktes kann somit unterstellt werden. Durch das jüngst ausgehandelte Freihandels- abkommen (CETA), zwischen der EU und Kanada, kann darüber hinaus eine langfris- tig stabile Handelsbeziehung unterstellt werden, mit Chancenpotenzialen auch für deutsche KMU. Zielsetzung der vorliegenden Arbeit ist es, die Chancen des kanadi- schen Marktes, unter Berücksichtigung der veränderten Gegebenheiten durch das Freihandelslabkommen CETA, für deutsche KMU darzustellen sowie Handlungsemp- fehlungen zur Umsetzung dieser Chancen aufzuzeigen. Eine Abgrenzung erfolgt hier- bei hinsichtlich der Richtung der Internationalisierungsaktivitäten. Somit steht nur ein absatzmarktorientiertes Auslandsengagement im Fokus der Betrachtung. Aktivitäten im internationalen Beschaffungsprozess sind hingegen nicht Thema der vorliegenden Ar- beit. KMU sind des Weiteren eine höchst heterogene Gruppe deren Untersuchungsge- genstand vor allem hinsichtlich ihrer knappen Ressourcenausstattung von Interesse ist. Diese Arbeit soll deutschen KMU somit eine erste Orientierung geben und gleich- zeitig das Informationsdefizit über den kanadischen Markt mit dessen Potenzialen ver- ringern. Eine auf den Einzelfall zugeschnittene Betrachtung eines deutschen KMU, unter Berücksichtigung individueller Branchen- bzw. Unternehmensgegebenheiten wird durch diese Arbeit nicht ersetzt.

1.2 Gang der Untersuchung

Der Zielsetzung folgend untergliedert sich die vorliegende Arbeit in sechs Kapitel. Da der Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen liegt, erfolgt im zweiten Kapitel zunächst eine ausgewählte Definition von KMU und eine Darstellung ihres Internationalisierungsverhaltens. Es werden die Stärken und Schwächen von KMU im Zusammenhang mit Internationalisierung beleuchtet und abschließend die Motive dargestellt, welche zu einem Auslandsengagement bewegen können.

Im dritten Kapitel folgt die Fokussierung auf den Zielmarkt Kanada mit dem besonde- ren Blick auf die Attraktivität der spezifischen Rahmenbedingungen. Im Einzelnen wer- den geografische, demografische, politische und rechtliche sowie ökonomische Fakto- ren analysiert und bewertet. Die Veränderungen des Marktzugangs durch das Frei- handelsabkommen CETA und die damit verbundenen Chancen für deutsche KMU werden im vierten Kapitel behandelt. Die Konzentration liegt hierbei auf den Auswir- kungen, welche sich durch das vorläufig in Kraft tretende Freihandelsabkommen erge- ben und für KMU von Bedeutung sind. Am Ende des Kapitels steht eine Darstellung der möglichen positiven Effekte von CETA für die deutsche Wirtschaft. Die Schlussfol- gerungen aus Kapitel drei und vier münden im Kapitel fünf, welches thematisch fol- gernd Handlungsempfehlungen für deutsche KMU zur Umsetzung eines Auslandsen- gagements auf dem kanadischen Markt vorstellt. Es werden Empfehlungen bezüglich einer Markterschließung ohne eigene Präsenz als auch mit eigener Präsenz auf dem kanadischen Markt thematisiert. Die Betrachtung der lokalen Besonderheiten bei Markteintritt und -bearbeitung schließen das fünfte Kapitel ab. Abschließend folgt das sechste Kapitel mit der Schlussbetrachtung und einem, über die thematisierte Betrach- tung hinaus gehendem Ausblick.

2 Theoretische Grundlagen zur Internationalisierung deut- scher KMU

2.1 Definition: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU)

Im allgemeinen Sprachgebrauch scheint es ein intuitives Verständnis von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zu geben. Dennoch findet man in einschlägiger Fachlite- ratur bislang keine allgemeingültigen, sondern zahlreiche an unterschiedlichen Krite- rien orientierte KMU-Definitionen.[8] Der Hauptgrund hierfür liegt in der Heterogenität des Untersuchungsgegenstandes - sowohl aus betriebswirtschaftlicher als auch aus volkswirtschaftlicher Sicht.[9] Da in dieser Arbeit KMU unabhängig von Ihrer Branchen- zugehörigkeit von Großunternehmen abgegrenzt werden sollen, ist eine Bestimmung der spezifischen Merkmale notwendig.

Grundsätzlich kann eine Unterscheidung KMU-spezifischer Merkmale nach quantitativen und qualitativen Kriterien erfolgen, wobei die Abgrenzung der gewählten Merkmale in Abhängigkeit vom Untersuchungsziel geschehen sollte. Bei empirischen Arbeiten hat sich insbesondere eine Definition durchgesetzt, die auf quantitativen Merkmalen und hier insbesondere auf der Beschäftigtenanzahl basiert.[10] Die in der Fachliteratur häufig vorzufindenden KMU-Definitionen sind die der EU-Kommission und des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn (IfM Bonn), wobei im Rahmen dieser Arbeit die KMU-Definition des IfM Bonn am zweckdienlichsten ist.[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Quantitative KMU-Definition des IFM Bonn[12]

Aus Tabelle 1 wird eine quantitative Untergliederung der KMU nach der Anzahl der Beschäftigten und dem Jahresumsatz ersichtlich. In der seit dem 01.01.2016 aktuali- sierten Definition werden neuerdings kleinste Unternehmen mit bis zu neun Beschäftig- ten und einem Jahresumsatz bis zwei Millionen Euro von kleinen Unternehmen mit bis zu 49 Beschäftigten und bis zehn Millionen Euro Jahresumsatz voneinander unter- schieden. Unternehmen mit bis zu 499 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz bis 50 Millionen Euro werden als mittlere Unternehmen klassifiziert. Bei Überschreitung dieser quantitativen Abgrenzungskriterien handelt es sich um ein Großunternehmen.

Ein wesentlicher Vorteil der quantitativen Abgrenzung liegt in der einfachen Erfassbar- keit und objektiven Nachweisbarkeit dieser Kriterien.[13] Kleine und mittlere Unterneh- men rein über quantitative Größen zu definieren würde in dieser Arbeit jedoch zu kurz greifen, da zentrale Merkmale unberücksichtigt bleiben würden. Diese Charakteristika kleiner und mittlerer Unternehmen haben einen großen Einfluss auf den unternehmeri- schen Entscheidungsprozess und auch auf Internationalisierungsbestrebungen. Da die Schnittmenge von mittelständischen Unternehmen, Familienunternehmen und unab- hängigen KMU sehr groß ist[14], steht im Fokus der qualitativen Definitionsbestimmung die Einheit von Eigentum und Leitung und wird nach der Mittelstandsdefinition des IfM Bonn wie folgt operationalisiert:

Mindestens 50 % der stimmberechtigten Unternehmensanteile werden von bis zu zwei natürlichen Personen bzw. ihrer Familienangehörigen gehalten und diese natürlichen Personen gehören der Geschäftsleitung an.[15]

Der Unternehmer als leitende, planende und kontrollierende Instanz, dessen wirt- schaftliche Existenz eng mit dem Unternehmen verbunden ist, steht somit im Zentrum. Aus der Einheit von Inhaber und Unternehmen resultiert die direkte Einflussnahme der Unternehmensleitung auf wichtige strategische Entscheidungen. Die Effekte dieser qualitativen Kriterien haben somit Einfluss auf Organisationsstruktur, Finanzierungs- verhalten, Produktpolitik, Personalführung und Innovationstätigkeit.[16] Qualitativ werden KMU für diese Arbeit somit als rechtlich und wirtschaftlich selbständige Unternehmen, die durch die Persönlichkeit des Unternehmers geprägt sind, interpretiert.[17]

2.2 Internationalisierungsverhalten deutscher KMU

Unter den 20 größten Exportländern weltweit belegte Deutschland im Jahr 2015, mit einem Exportumsatz von ca. 1,33 Billionen US-Dollar wiederholt den dritten Platz (nach China und den USA).[18] Volkswirtschaftlich sind die Auslandsaktivitäten der Unternehmen eine zentrale Determinante der Wettbewerbsfähigkeit, des Wirtschaftswachstums sowie der Sicherung von Wohlstand und Arbeitsplätzen in Deutschland.[19] Nach der in Kapitel 2.1 dargelegten quantitativen KMU-Definition des IfM Bonn zählten im Jahr 2015 in Deutschland zu den KMU: ca. 3,45 Millionen Unternehmen, was einem Anteil von 99,6 % an allen in Deutschland tätigen Unternehmen entspricht, die rund 2,215 Billionen Euro Umsatz erwirtschafteten, was einem Anteil von ca. 35 % an allen in Deutschland getätigten Umsätzen entspricht, und 16,85 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer beschäftigten, was einem Anteil von ca. 58,5 % an allen in Deutschland sozialversicherungspflichtig Beschäftigten entspricht.[20]

Trotz der großen Bedeutung, die KMU auf dem deutschen Heimatmarkt zukommt, muss ihre internationale Ausrichtung differenziert betrachtet werden. Während im Jahr 2015 laut IfM Bonn ca. 80 % der deutschen Großunternehmen Waren ins Ausland exportierten, fielen diese Indikatoren bei den KMU geringer aus. Hier lag nach Angaben des IfM Bonn die Quote exportierender kleiner und mittlerer Unternehmen im Jahr 2015 bei ca. 10,7 % (etwa 348.400)[21] mit einem Anteil von ca. 17,1 % am deutschen Gesamtexportumsatzvolumen[22] (206,4 Mrd. Euro).

Dennoch waren im Jahr 2015 ungefähr 97 % der Exporteure KMU, wobei der Expor- tumsatz im 10-Jahres-Zeitraum von 2005 bis 2015 um 19 % gestiegen ist.[23] Ein noch deutlicherer Anstieg ist seit der Jahrtausendwende zu verzeichnen, wonach der Expor- tumsatz von KMU sogar um fast 40 % zugenommen hat. Diese Entwicklungen zeigen, dass in den letzten Jahren durch die beschleunigte Dynamik des Globalisierungspro- zesses eine internationale Ausrichtung deutscher KMU immer mehr an Bedeutung ge- wonnen hat. Der Internationalisierungsgrad hängt bei KMU im Vergleich zu Großunter- nehmen von verschiedenen Faktoren, wie z. B. der Branchenzugehörigkeit ab. Einen hohen Internationalisierungsgrad weisen hauptsächlich Unternehmen aus der Elektro- industrie, dem Maschinenbau und der Industrieproduktion auf.[24]

Die am häufigsten genutzte Form der Internationalisierung im Absatzgeschäft ist für kleine und mittlere Unternehmen der Export. Im Vergleich zu einer Direktinvestition auf dem entsprechenden Auslandsmarkt, beispielsweise in Form einer Zweigniederlas- sung oder der Gründung einer Tochtergesellschaft, ist das unternehmerische Risiko für KMU bei Exportgeschäften wesentlich geringer. Eine Befragung von KMU durch das IfM Bonn aus dem Jahr 2005 kam zu dem Ergebnis, dass dennoch ca. 41.000 kleine und mittlere Unternehmen auch mit einer Direktinvestition im Ausland aktiv sind. Diese Zahl dürfte sich in den letzten Jahreszehnten unter Berücksichtigung des oben darge- stellten Anstiegs an Internationalisierungsaktivitäten bei KMU verändert haben. Weite- re Möglichkeiten von Marktbearbeitungsformen, wie die Lizenzvergabe oder das Fran- chising, spielten im Rahmen der Befragung des IfM Bonn eine untergeordnete Rolle.[25] Die möglichen Marktbearbeitungsstrategien im Auslandsmarkt hängen auch von den jeweiligen Stärken und Schwächen ab, die kleine und mittlere Unternehmen im Rah- men eines Internationalisierungsvorhabens aufweisen. Diese sollen im nächsten Kapi- tel genauer analysiert werden.

2.3 Stärken und Schwächen von KMU in Bezug auf Internationalisierung

Unter den Stärken eines Unternehmens werden im wirtschaftlichen Sinne die Wettbe- werbsvorteile verstanden, welche die Konkurrenz nicht oder nur schwer nachvollziehen kann. Wettbewerbsnachteile sind entsprechend als Schwächen zu verstehen. Für alle Unternehmen ist die Internationalisierung eine Herausforderung. Unter Berücksichti- gung der quantitativen und qualitativen Merkmale bringen KMU gegenüber Großunter- nehmen jedoch eine Anzahl von Stärken und Schwächen mit sich, die es im Rahmen einer Internationalisierungsstrategie richtig einzusetzen gilt. Daraus resultierend sollten KMU einerseits ihre bestehenden bzw. potenziellen Stärken strategisch ausnutzen und andererseits ihre Schwächen abbauen, um im Rahmen eines Auslandsengagements erfolgreich zu sein.[26]

Zu den allgemeinen Stärken von KMU zählt im Vergleich zu Großunternehmen auf- grund flacher nichthierarchischer Organisationsstrukturen und kurzer Informationswege eine hohe Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit. Individuelle Kundenbedürfnisse können durch die Nähe zum Markt besser berücksichtigt werden.[27] Zusätzlich begüns- tigen eine rechtliche Eigenständigkeit große Innovationskraft und Beschäftigte mit oft- mals hohen fachlichen Qualifikationen eine schnelle Anpassung an sich veränderte Umweltbedingungen. Einhergehend mit der Spezialisierung auf die Vermarktung wett- bewerbsfähiger Produkte in Nischensegmenten, kann die Stärke einer kundenorientier- ten Flexibilität zur Sicherung des Erfolgs beitragen. Kleine und mittlere Unternehmen haben somit die Möglichkeit, internationale Marktnischen, die von Großunternehmen häufig vernachlässigt werden, auszufüllen. Anwendbare Voraussetzungen für KMU zur Realisierung eines erfolgreichen Internationalisierungsvorhabens sind somit grundsätz- lich gegeben.[28]

Zu den strukturellen Schwächen von KMU, die ein Internationalisierungsvorhaben er- schweren oder gar verhindern können, zählen Ressourcenengpässe im Bereich des Human- und Finanzierungskapitals. Aufgrund begrenzter Kapazitäten können Ma- nagementengpässe zu mangelnder Informationsbeschaffung und -verarbeitung führen, die in Kombination mit fehlender Auslandserfahrung (Erfahrungsengpässe), die Chan- cen eines Auslandsengagements nicht bzw. zu spät erkennbar machen oder die Risi- ken unterschätzen.

Infolge einer unsystematischen Vorbereitung kann sich die Internationalisierung bereits zu Beginn durch Wissensdefizite im Planungsprozess der Standortsuche problema- tisch gestalten.[29] Eine systematische Marktforschung über das ausländische Zielland sollte im Rahmen eines langfristig entwickelten Unternehmenskonzepts zur Verfügung stehen und nicht durch situatives Management ersetzt werden.[30] Oftmals ist es durch die Dominanz und Autorität der Inhaber sowie die flache Organisation in kleinen und mittleren Unternehmen schwierig, hoch qualifiziertes Personal für Auslandsvorhaben zu finden bzw. dauerhaft an das Unternehmen zu binden. International ausgerichtete Großunternehmen bieten häufig bessere Karriereperspektiven und Aufstiegschan- cen.[31] Da das Wissen in KMU zudem meist sehr stark personengebunden ist, lässt es sich nur schwer auf internationale Märkte übertragen (Transferengpässe), zumal die Wissensträger auch am heimischen Standort benötigt werden (Personalengpässe).

Die bereits erwähnten Finanzierungengpässe können sich aufgrund von Liquiditätsengpässen und einem limitierten Zugang zum inländischen und ausländischen Kapitalmarkt aus Sicherheitsmängeln[32] und fehlender Reputation ergeben. Mögliche Finanzierungsquellen, wie beispielsweise spezielle Fördermittel für Auslandsvorhaben, sind zudem häufig nicht bekannt.[33] Des Weiteren ist der Eigentümer vielfach nicht bereit, durch Formen der Beteiligungsfinanzierung, Kontroll- und Mitspracherechte an Dritte abzugeben.[34] Trotz der Schwächen, die KMU in Bezug auf Internationalisierung aufweisen, können die Beweggründe für ein Auslandsengagement überwiegen. Auf diese soll im Folgenden näher eingegangen werden.

2.4 Beweggründe von KMU zur Internationalisierung

Warum sich ein KMU dazu entscheidet, außerhalb des Heimmarktes tätig zu werden, kann vielfältig begründet sein. Neben ressourcen-, effizienz- oder strategisch motivier- ten Zielen liegt ein Hauptmotiv in der Erschließung neuer Märkte für den Vertrieb der eigenen Produkte und Dienstleistungen.[35] Häufig ist mehr als ein Motiv für die Ent- scheidung zur Aufnahme von Auslandsaktivitäten ausschlaggebend. Während einige Unternehmen ein reaktives, durch Probleme bzw. Zwänge induziertes Internationalisie- rungsverhalten aufweisen, ist die Internationalisierung in anderen Fällen eher durch aktives Verhalten gekennzeichnet.[36]

Internationalisierungszwänge (sog. Push-Faktoren) resultieren dabei aus der Anpassung an geänderte Umfeldbedingungen, wie beispielsweise eine sinkende Nachfrage im Inland oder hohen Wettbewerbsdruck durch Konkurrenten. Internationalisierungsanreize (sog. Pull-Faktoren) sind hingegen vom Unternehmen, beispielsweise durch das Eruieren von Marktpotenzialen auf dem Auslandsmarkt oder die Nachfrage nach dem eigenen Produkt, selbst initiiert.

Eine Befragung von KMU durch die IHK Bochum aus dem Jahr 2010 ergab, dass so- wohl bei den Push- als auch bei den Pull-Faktoren die absatzorientierten Motive für ein Auslandsengagement klar im Vordergrund stehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Beweggründe für KMU zur Internationalisierung[37]

Auf einer Skala von 1 (trifft nicht zu) bis 6 (trifft voll zu) sind die vier wichtigsten Punkte für ein Auslandsengagement absatzorientiert. Erst im Anschluss daran werden Gründe genannt, die beschaffungsorientierten Motiven zuzuordnen sind. Die Antworten „Neue Beschaffungsmärkte“ mit einer Bewertung von 3,24 und „Produktionskosten“ mit 2,37 haben damit eher ein mittleres Gewicht im Entscheidungsprozess eines Internationali- sierungsvorhabens.[38] Im Zuge der Globalisierung können deutsche KMU mit einer blo- ßen Binnenorientierung Benachteiligung erfahren. Zur Absicherung der eigenen Positi- on besteht deshalb Handlungsbedarf für Internationalisierungsvorhaben.[39] Aus diesem Grund soll im folgenden Kapitel Kanada als Zielmarkt deutscher KMU näher themati- siert werden.

3 Der Zielmarkt Kanada

3.1 Vorbemerkungen

Wirtschaftliche Aktivitäten im Ausland - vor allem in Übersee - sind deutlich risikobe- lasteter als Inlandsgeschäfte. Im Vorfeld einer Auslandsaktivität gilt es deshalb, Chan- cen und Risiken zu erkennen, einzuordnen und zu bewerten. Insbesondere KMU soll- ten ein Auslandsengagement systematisch analysieren, da die vorhandenen personellen und finanziellen Ressourcen begrenzt sind (siehe Kapitel 2.3). Aus Fehlbeurteilungen können ansonsten ernste bzw. existenzbedrohende Folgen resultieren.[40]

Die Entscheidung für einen bestimmten Auslandsmarkt ist in der Praxis jedoch nicht immer das Ergebnis eines strategischen Prozesses. Vielmehr kann es vorkommen, dass der Einstieg ins Auslandsgeschäft das Resultat einer ausländischen Kundenan- frage ist. Häufig folgen Lieferanten auch ihren inländischen Kunden ins Ausland. Ob- wohl der eher spontane Eintritt ins Auslandsgeschäft durchaus positiv verlaufen kann, ist die Wahrscheinlichkeit des Export- und Internationalisierungserfolgs durch eine sys- tematische Vorgehensweise jedoch wesentlich höher.[41] Ziel der nachfolgenden Analy- se des Zielmarktes Kanada ist es, die Faktoren zu untersuchen, die einen Einfluss auf ein Auslandsengagement deutscher KMU haben. Die endgültige Entscheidung für ein deutsches KMU, ob der kanadische Markt die Attraktivität für eine Marktbegehung aufweist, ist vom jeweiligen Produkt- bzw. Dienstleistungsangebot sowie der Bran- chenstruktur abhängig.

3.2 Geografische Faktoren

„In Deutschland wird die Weite Kanadas häufig unterschätzt“.[42] Die räumliche Entfer- nung eines Landes in Verbindung mit den topographischen Gegebenheiten bestimmt die grundsätzliche Transportdauer, die zur Erreichung von Kunden benötigt wird.[43] Dies kann bei der Bearbeitung des kanadischen Marktes, beispielsweise im Vertrieb oder After-Sales-Service, eine erhebliche Herausforderung darstellen.[44] Mit einer Flä- che von 9.984.670 Quadratkilometern ist Kanada nach Russland das zweitgrößte Land der Erde und damit in der Fläche ca. 28-mal größer als Deutschland. Kanada liegt auf dem nordamerikanischen Kontinent und grenzt südlich und nordwestlich (Alaska) an die USA. Mit 202.080 Kilometern hat Kanada die längste Küstenlinie der Welt und ist umgeben vom Pazifischen, Arktischen und Atlantischen Ozean.[45] Von Osten nach Westen erstreckt sich Kanada über 5.514 Kilometer, von Nord nach Süd auf über 4.636 Kilometern.[46]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Kanada - Provinzen und Territorien[47]

Wie Abbildung 1 zeigt, ist Kanada im Süden in zehn Provinzen mit jeweils eigenen Hauptstädten (in Klammern) aufgeteilt: Alberta (Edmonton), British Columbia (Victoria), Manitoba (Winnipeg), New Brunswick (Fredericton), Newfoundland and Labrador (St. John’s), Nova Scotia (Halifax), Ontario (Toronto), Prince Edward Island (Charlottetown), Québec (Québec) und Saskatchewan (Regina). Im bevölkerungsarmen Norden unterteilt sich Kanada in drei Territorien, die im Gegensatz zu den Provinzen unter reiner Bundesverwaltung stehen: Northwest Territories (Yellowknife), Nunavut Territory (Iqaluit) und Yukon Territory (Whitehorse).[48]

Je nach Region und Jahreszeit gibt es in Kanada große klimatische Unterschiede. Im Norden liegen die Temperaturen bis auf kurze Sommer häufig weit unter dem Gefrier- punkt. Aufgrund der extremen klimatischen Bedingungen sind hier beispielsweise nur 12 % der Gesamtfläche für landwirtschaftliche Nutzung geeignet. Der Großteil der Be- völkerung hat sich daher im Süden Kanadas angesiedelt.[49] Da die gemäßigte Klimazo- ne in Kanada relativ schmal ist, reicht das arktische Klima dennoch bis in die bevölker- ten Gebiete. Mittlere Temperaturen reichen von -20 bis +25 Grad Celsius, Extremtem- peraturen gar von -40 bis +40 Grad Celsius.[50] Die klimatischen Gegebenheiten können im Zusammenhang mit der Verkehrsinfrastruktur, die in Kapitel 3.5.4.1 gesonderte Be- achtung findet, Auswirkungen auf die Marktbearbeitung haben. Abschließend sei erwähnt, dass aufgrund der Größe Kanadas sechs verschiedene Zeitzonen mit einer Differenz von im äußersten Osten des Landes 4,5 bis im äußersten Westen des Landes 9 Stunden Zeitverschiebung im Vergleich zur mitteleuropäischen Standardzeit (MEZ) existieren.[51] Die Bevölkerungsentwicklung und -verteilung im zweitgrößten Land der Erde wird im Anschluss thematisiert.

3.3 Demografische Faktoren

3.3.1 Bevölkerungsentwicklung

Das gesamtwirtschaftliche Wachstumspotential und die damit verbundene Attraktivität des Zielmarktes kann im Bereich ökonomischer Umweltfaktoren mithilfe von Indikato- ren, wie Bevölkerungswachstum und -struktur, genauer bestimmt werden. Dabei spie- len auch soziokulturelle Faktoren eine Rolle, da hierdurch die Einstellung gegenüber Neu- und Fremdartigem beeinflusst wird.[52] Laut Schätzungen[53] des Government of Canada zählt Kanada im zweiten Quartal 2017 ca. 36,6 Mio. Einwohner.[54] Unter Be- achtung der Größe des Landes entspricht dies einer durchschnittlichen Bevölkerungs- dichte von 3,7 Einwohnern pro Quadratkilometer (im Vergleich leben in Deutschland ca. 229 Einw./km[2]).[55] Kanadas Bevölkerungsentwicklung ist von Wachstum geprägt. Lag die Einwohnerzahl im Jahr 1946 noch bei ca. 12,3 Mio. Einwohnern, wuchs diese seitdem überdurchschnittlich im Vergleich mit den anderen G7-Staaten.[56] So betrug die Gesamtwachstumsrate im Zeitraum von 2005 bis 2015 ca. 11,4 %.[57] Bis zum Jahr 2050 wird ein weiteres Bevölkerungswachstum auf 45 Mio. Einwohner prognostiziert.[58]

Als Haupteinflussfaktor auf die steigende Einwohnerzahl gilt hierbei die Einwanderung. Seit den 90er-Jahren liegt die durchschnittliche Zahl an Menschen, die jährlich nach Kanada einwandern, bei ca. 235.000 Immigranten.[59] Kanada ist somit ein klassisches Einwanderungsland, welches mit Menschen aus 200 verschiedenen ethnokultureller Gruppen durch ethnische und kulturelle Vielfalt geprägt ist. Der Anteil der in Asien ge- borenen Immigranten ist nach einer Erhebung aus dem Jahr 2009 mit ca. 56 % am höchsten.[60] Die Hauptherkunftsländer sind seit dem Jahr 2001 China und Indien und seit 2004 auch die Philippinen.[61] Der Anteil an der Gesamtbevölkerung mit kanadischer Herkunft lag im Jahr 2011 nur bei 32,2 %, gefolgt von britischer Herkunft mit 19,8 % und französischer Herkunft mit 15,5 %.[62] Unter der Berücksichtigung der Tatsache,

dass Kanada als klassisches Einwanderungsland gilt, ist es verständlich, dass die

Deutsch-Kanadische Handelskammer die Nachfrage nach deutschen Produkten, generell als aussichtreich bewertet.[63]

Auch aufgrund der meist jüngeren Immigranten ist im Vergleich zu anderen G7- Staaten der Altersmedian in Kanada relativ niedrig und lag im Jahr 2015 bei 40,5[64] Jahren (im Vergleich dazu lag dieser in Deutschland im Jahr 2015 bei 46,2[65] Jahren). Der Anteil der Gesamtbevölkerung ab 65 Jahren ist unter den G7-Staaten somit der zweitniedrigste[66] und lag im Jahr 2015 bei ca. 16 %[67] (Deutschland im Jahr 2015: ca. 21 %[68] ). In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass der kanadische Arbeitsmarkt im Kapitel 3.5.4.2 thematisiert wird.

3.3.2 Bevölkerungsverteilung und Zweisprachigkeit

Aufgrund der in Kapitel 3.2 dargestellten Größe Kanadas und der damit verbundenen Herausforderungen bei der Marktbearbeitung für deutsche KMU soll nachfolgend die Thematik der Markterschließung in Bezug auf die Bevölkerungsverteilung analysiert werden. Trotz der enormen Landesgröße attestiert die Deutsch-Kanadische Handels- kammer deutschen Mittelständlern eine leichte Erreichbarkeit eines Großteils der ka- nadischen Kunden.[69] Grund dafür ist, dass der größte Bevölkerungsanteil Kanadas entlang der Grenze zu den Vereinigten Staaten lebt und hier wenige Provinzen den Großteil ausmachen. Die Provinz mit dem größten Bevölkerungsanteil (Stand: 2. QL. 2017) ist Ontario, wo ca. 38,6 % der Gesamtbevölkerung Kanadas leben. Es folgen Quebec mit ca. 22,9 %, British Columbia mit ca. 13,1 %, Alberta mit ca. 11,7 %, Mani- toba mit ca. 3,6 % und Saskatchewan mit ca. 3,2 % der Gesamtbevölkerung. Das be- völkerungsärmste Gebiet ist das Nunavut Territory mit 37.462 Einwohnern.[70] Daraus folgt, dass über 86 % der Gesamtbevölkerung Kanadas in vier Provinzen beheimatet ist.

Eine weitere Eingrenzung der Bevölkerungsverteilung kann anhand des Urbanisierungsgrades vorgenommen werden. Im Jahr 2015 lag der Anteil der Urbanisierung in Kanada bei 81,83 % mit steigender Tendenz. Zu den größten Metropolen (Einwohnerzahl) zählen demnach Toronto (6,06 Mill.), Montréal (4,03 Mill.), Vancouver (2,47 Mill.), Calgary (1,41 Mill.), Edmonton (1,33 Mill.), Ottawa (1,32 Mill.), Québec (0,8 Mill.), Winnipeg (0,87 Mill.) und Hamilton (0,77 Mill.).[71] Über die Hälfte der kanadischen Gesamtbevölkerung lebt somit in den neun größten Städten.

Im Zusammenhang mit der Bevölkerungsverteilung und einem Engagement deutscher KMU in Kanada sei darauf hingewiesen, dass Kanada offiziell ein zweisprachiges Land mit den Amtssprachen Englisch und Französisch ist. Die letzte Volkszählung 2011 ergab, dass mehr als die Hälfte aller Kanadier als Muttersprache Englisch spricht und Französisch mit ca. 20 % somit als größte Minderheitssprache mit regionalen Schwer- punkten angesehen werden kann. Neben kleineren Gemeinschaften, die sich über Ka- nada verteilen, gilt Quebec mit einem Anteil von 80,2 % französischsprachiger Kanadi- er als die größte frankophone Provinz, gefolgt von New Brunswick, wo der Anteil fran- kophoner Kanadier bei 33,3 % liegt. Aufgrund der offiziellen Zweisprachigkeit sind die Institutionen der Bundesregierung angehalten, ihre Dienste sowohl auf Englisch als auch auf Französisch anzubieten.[72] Das politische und rechtliche System Kanadas wird im Folgenden näher erläutert.

3.4 Politische und rechtliche Faktoren

3.4.1 Das politische System

Durch die in Kapitel 3.2 genannten Provinzen und Territorien handelt es sich bei Kana- da um einen Bundesstaat mit der Staatsform einer konstitutionellen Monarchie, die zum britischen Commonwealth gehört.[73] Das Regierungssystem ist eine parlamentari- sche Demokratie, bestehend aus den Regierungsebenen Bund, Provinzen/Territorien und Kommunen.[74] Staatsoberhaupt Kanadas ist die britische Monarchin Königin Elisa- beth II. Bis auf die Ernennung ihres Vertreters auf kanadischen Boden, dem General- gouverneur, hat sie jedoch keine Eingriffsmöglichkeiten in die politischen Angelegen- heiten Kanadas. Die Funktion des Generalgouverneurs hat hauptsächlich repräsentati- ven Charakter und ist mit den Verantwortungsbereichen des deutschen Bundespräsi- denten vergleichbar.

Auf Bundesebene besteht das kanadische Parlament mit seinem Sitz in der Hauptstadt Ottawa aus zwei Kammern: dem Unterhaus (House of Commons) und dem Oberhaus (Senat). Während die derzeit 338 Abgeordneten aus dem Unterhaus vom Volk für fünf Jahre nach dem Mehrheitswahlrecht gewählt werden, ernennt der Generalgouverneur auf Vorschlag des Premierministers die 105 Senatoren des Oberhauses.[75] [76] Kanadi- scher Regierungschef ist der Premierminister (derzeit Justin Trudeau), der gewöhnlich der Chef der Partei mit den meisten Sitzen im Unterhaus (derzeit Liberal Party) und zudem Vorsitzender des Parlaments ist. Er beruft die Kabinettsminister aus den Abge- ordneten des Parlaments. Unter seiner Führung bestimmt das Kabinett die Regie- rungspolitik.[77]

[...]


[1] Vgl. Clement, R., Terlau, W., (Globalisierung und Internationaler Standortwettbewerb 2004), S. 35

[2] Vgl. Behr v., M., Semlinger, K., (Einleitung 2004), S. 7

[3] „Brexit“ steht für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Das vereinigte Königreich ist einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands.

[4] Vgl. Spiegel-Online, (EU-Austritt der Briten 2017),

[5] Vgl. Auswärtiges Amt, (Länderinformation Kanada)

[6] Im Jahr 2014 belegte Kanada, gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, laut IWF mit 44.843 US$ weltweit den 20. Platz (im Vergleich belegte Deutschland mit 45.888 US$ den 18. Platz). Für weitere Informationen vgl. Germany Trade & Invest, (Kaufkraft und Konsumverhalten - Kanada).

[7] Vgl. Statista, (Kanada 2017), S. 40

[8] Vgl. Kabst, R., (Internationalisierung mittelständischer Unternehmen 2004), S. 2

[9] So verweist das IfM Bonn zur Begründung seiner quantitativen KMU-Definition auf die „Deutsche Beson- derheit“ in Abgrenzung zur KMU-Definition der EU-Kommission. Im Vergleich zu den 28 EU- Mitgliedsstaaten ist Deutschland hiernach weniger stark durch Kleinstunternehmen geprägt. Vgl. IfM

Bonn, (Mittelstand im Einzelnen 2017)

[10] Vgl. Kabst, R., Weber, W., (Internationalisierung mittelständischer Unternehmen 2000), S. 6 f

[11] Vgl. IfM Bonn, (KMU-Definition 2017)

[12] Eigene Darstellung in Anlehnung an: IfM Bonn, (KMU-Definition 2017)

[13] Vgl. Weber, P., (Internationalisierungsstrategien mittelständischer Unternehmen 1997), S. 8

[14] Ca. 95 % aller KMUs sind laut Definition des IfM Bonn auch Familienunternehmen. Vgl. Arentz, O., Münstermann, L., (Mittelunternehmen statt KMU? 2013), S. 6.

[15] Vgl. IfM Bonn, (Mittelstandsdefinition 2017)

[16] Vgl. Wallau, F., (Mittelständische Unternehmen in Deutschland 2006), S. 13 f

[17] Vgl. Weber, P., (Internationalisierungsstrategien mittelständischer Unternehmen 1997), S. 12

[18] Vgl. Statistisches Bundesamt, (Außenhandel 2015)

[19] Vgl. Brutscher, P., Raschen, M., Schwartz, M., Zimmermann, V., (Internationalisierung 2012), S. 5

[20] Vgl. IfM Bonn, (Mittelstand im Überblick)

[21] Der Tatsächliche Anteil von deutschen KMU mit Exporterfahrung liegt nach IfM Schätzungen aus dem Jahr 2013 jedoch deutlich höher bei ca. 18%. Für weitere Informationen vgl. IfM Bonn, (Mittelstand im Einzelnen).

[22] Die Angaben beruhen auf Daten der Umsatzsteuerstatistik des Jahres 2015. Da hierbei Exporte im EU- Raum mit geringem Warenwert, Lieferungen an Privatpersonen im Ausland und auch Teile der Dienst- leistungsexporte nicht erfasst wurden, fallen die tatsächlichen Exportumsätze höher aus. Für weitere In- formationen vgl. IfM Bonn, (Mittelstand im Einzelnen).

[23] Vgl. IfM Bonn, (Mittelstand im Einzelnen)

[24] Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, (Exportinitiativen)

[25] Vgl. Hanslik, A., (Internationaler Markteintritt 2012), S. 53 f

[26] Vgl. Knop, R., (Erfolgsfaktoren 2009), S. 13

[27] Vgl. Keuper, F., Luu, N.T., Schunk, H.A., (Internationalisierung deutscher kleiner und mittlerer Unternehmen 2009), S. 186

[28] Vgl. Abrahamczik, C., (Die erfolgreiche Internationalisierung kleiner und mittlerer Unternehmungen 2012), S. 25

[29] Vgl. Keuper, F., Luu, N.T., Schunk, H.A., (Internationalisierung deutscher kleiner und mittlerer Unternehmen 2009), S. 186

[30] Vgl. Abrahamczik, C., (Die erfolgreiche Internationalisierung kleiner und mittlerer Unternehmungen 2012), S. 25 f

[31] Vgl. Knop, R., (Erfolgsfaktoren 2009), S. 14

[32] Die Eigenkapitalquote bei kleinen und mittleren Unternehmen lag im Jahr 2014 bei durchschnittlich 26,6 % und damit unter der Eigenkapitalquote von Großunternehmen von 31,4 %. Für weitere Informationen vgl. IfM Bonn, (Mittelstand im Einzelnen).

[33] So stellt z. B. das BMWi in Kooperation mit dem kanadisch nationalen Forschungsrat (NRC-IRAP) für das Jahr 2017 Fördermittel zur Verfügung - für deutsch-kanadische FuE-Projekte speziell für KMU. Für weitere Informationen vgl. Kooperation International, (Erste Deutsch-Kanadische Ausschreibung).

[34] Vgl. Abrahamczik, C., (Die erfolgreiche Internationalisierung kleiner und mittlerer Unternehmungen 2012), S. 25 f

[35] Vgl. Sternad, D., (Die Internationalisierungsentscheidung 2013), S. 10 f

[36] Vgl. Backes-Gellner, U., Huhn, K., (Internationalisierungsformen und ihre Bedeutung 2000), S. 184

[37] Eigene Darstellung in Anlehnung an: Industrie- und Handelskammer im mittleren Ruhgebiet zu Bochum, (Internationalisierungsstrategien des Mittelstands 2010), S. 11.

[38] Vgl. Industrie- und Handelskammer im mittleren Ruhgebiet zu Bochum, (Internationalisierungsstrategien des Mittelstands 2010), S. 7 f

[39] Vgl. Amrisha, U., Geyer, G., (Strategien der Internationalisierung 2012), S. 9

[40] Vgl. Werner, H., (Basiswissen Außenhandel 2014), S. 45

[41] Vgl. Sternad, D., (Beurteilung von Zielmärkten 2013), S. 41 f

[42] Möglich, J., Geschäftsführer der kanadischen Niederlassung des Werkzeugmaschinenherstellers MAG IAS Canada Inc., (Kanada - großes Land 2010), S. 18

[43] Vgl. Weber, P., (Internationalisierungsstrategien mittelständischer Unternehmen 1997), S. 53

[44] Vgl. Deutsch-Kanadische Industrie- und Handelskammer, (Kanada - großes Land 2010), S. 18

[45] Vgl. Marshall McLuhan Salon, (Über Kanada - Geographie und Klima)

[46] Vgl. BMWi, (Zielmarktanalyse Kanada 2016), S. 9

[47] Vgl. Weltkarte.com, (Landkarte Kanada - Provinzen und Territorien)

[48] Vgl. Government of Canada, (Canada’s Regions)

[49] Vgl. Marshall McLuhan Salon, (Über Kanada - Geographie und Klima)

[50] Vgl. Aussenwirtschaft Austria, (Länderreport Kanada), S. 9

[51] Vgl. BMWi, (Zielmarktanalyse Kanada 2016), S. 9

[52] Vgl. Weber, P., (Internationalisierungsstrategien mittelständischer Unternehmen 1997), S. 51

[53] Die letzte Volkszählung fand im Jahr 2011 statt, wonach in Kanada 33.476.688 Einwohner erfasst wurden. Für weitere Informationen vgl. Marshall McLuhan Salon, (Über Kanada - Bevölkerung).

[54] Vgl. Statistics Canada, (Estimates of population)

[55] Vgl. Marshall McLuhan Salon, (Über Kanada - Bevölkerung)

[56] Vgl. Statistics Canada, (Population Growth in Canada)

[57] Vgl. Statista, (Kanada 2017), S. 8

[58] Vgl. Statistisches Bundesamt, (G7 in Zahlen), S. 7

[59] Vgl. Statistics Canada, (150 years of immigration)

[60] Bis in die 60er-Jahre war die Herkunft der Einwanderer vorwiegend aus Europa. Für weitere Informationen vgl. Aussenwirtschaft Austria, (Exportbericht Kanada 2016), S. 5.

[61] Vgl. Marshall McLuhan Salon, (Über Kanada - Bevölkerung)

[62] Vgl. Statista, (Kanada 2017), S. 15

[63] Vgl. Deutsch-Kanadische Industrie- und Handelskammer, (Markteinstieg Kanada 2015), S. 22 u. 37

[64] Vgl. Statista, (Kanada 2017), S. 12

[65] Vgl. Statista, (Deutschland), S. 110

[66] Vgl. Statistisches Bundesamt, (Bevölkerung im Alter von 65 Jahren)

[67] Vgl. Statista, (Kanada 2017), S. 11

[68] Vgl. Statista, (Deutschland), S. 19

[69] Vgl. Deutsch-Kanadische Industrie- und Handelskammer, (Markteinstieg Kanada 2015), S. 21

[70] Vgl. Statistics Canada, (Estimates of population)

[71] Vgl. Statista, (Kanada 2017), S. 13 f

[72] Vgl. Marshall McLuhan Salon, (Über Kanada - Zweisprachigkeit)

[73] Vgl. BMWi, (Zielmarktanalyse Kanada 2016), S. 10 f

[74] Vgl. Government of Canada, (Regierung)

[75] Die Ernennung der Senatoren erfolgt nach konstitutionell festgelegten Regionalquoten. Während die bevölkerungsreichen Provinzen Quebec und Ontario mit jeweils 24 Senatoren die größten Anteile stel- len, sind die drei Territorien mit nur jeweils einem Senator vertreten. Auch wenn sich der Senat als Be-

standteil des föderalen Systems versteht, stellt er jedoch keine Vertretung der Provinzen im Parlament dar. Eine solche sieht die kanadische Verfassung nicht vor. Für weitere Informationen vgl. Senate of Canada, (Canada’s Senate 2017), S. 3 f.

[76] Vgl. Auswärtiges Amt, (Kanada Innenpolitik)

[77] Vgl. Marshall McLuhan Salon, (Über Kanada - Das politische System)

Details

Seiten
64
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668635432
ISBN (Buch)
9783668635449
Dateigröße
967 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388779
Institution / Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen
Note
1,8
Schlagworte
transatlantische handelsbeziehungen kanada chance KMU mittlere Unternehmen kleine Unternehmen Ceta Handelsabkommen Ttip Nafta Internationalisierung Freihandelsabkommen USA Nordamerika

Autor

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Titel: Transatlantische Handelsbeziehungen mit Kanada als Chance für deutsche KMU