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Manipulation von Erinnerungen. Psychologische Erkenntnisse der Kognitionsforschung

Hausarbeit 2017 22 Seiten

Psychologie - Kognitive Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EinleitungS

1 Definition von Erinnerungen

2 Das Gedächtnis - Das menschliche Gedächtnis als Basis von Erinnerungen
2.1 Gedächtnisformen
2.2 Implizites und explizites Gedächtnis
2.2.1 Implizites Gedächtnis
2.2.2 Explizites Gedächtnis
2.3 Prozedurales und Deklaratives GedächtnisS
2.3.1 Prozedurales Gedächtnis
2.3.2 Deklaratives Gedächtnis
2.4 Die drei mentalen Prozesse der Gedächtnisbildung
2.4.1 Enkodierung
2.4.2 Speicherung
2.4.3 Abruf
2.5 Sensorisches Gedächtnis
2.5.1 Ikonisches Gedächtnis
2.5.2 Echotisches Gedächtnis S

3 Broadbents Modell der Informationsverarbeitung als Grundlage weiterer Gedächtnismodelle

4 Kurzzeitgedächtnis und Arbeitsgedächtnis
4.1 Phonologische Schleife
4.2 Visuell- räumlicher Notizblock
4.3 Zentrale Exekutive
4.4 Proaktive Interferenz S

5 Langzeitgedächtnis
5.1 Reproduktion (memoring)
5.2 Wiedererkennen (recognition)
5.3 Unterstützende Produktion (relearnig)
6 Manipulation von Erinnerungen und Erinnerungsverfälschung ...
6.1 Begriff der Manipulation in der Psychologie
6.2 Erinnern als rekonstruktiver Prozess
6.3 Genauigkeit der Rekonstruktion
6.4 Beispiele für das rekonstruktive Gedächtnis
6.5 Erinnerungen unterliegen ständigen Veränderungen
6.6 Erinnerungen als dynamischer Prozess

7 Fehlleistungen des Gedächtnissen
7.1 Rückschaufehler als Beispiel für endogene Manipulation
7.2 Infantile Amnesie
7.3 Pseudoerinnerungen

8 Suggestion - aktive Manipulation und Implementierung von Erinnerungen
8.1 Die Versuche Elizabeth Loftus zum Fehlinformationeseffekt
8.2 Kreative Suggestion - Studie von Julia Shaw

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis
10.1 Textliteratur
10.2. Grundlagenliteratur

Abbildungsverzeichnis

1 Langzeitgedächtnis

Einleitung

Nicht die Anzahl der Dinge, an die ich mich erinnere, ist erstaunlich, sondern die Anzahl der Dinge, die gar nicht so waren, wie ich sie erinnere. (Mark Twain, 1835-1910, zit. nach Myers, 2008, S. 419)

Im Zuge der jüngeren wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bereich der Kognitionsforschung gelangen vermehrt erfolgreiche Erinnerungsverfälschungen in den Fokus der Öffentlichkeit. Kaum etwas anderes beeinflusst die mentale Verfassung, das zukünftige Handeln oder die Emotionen eines Menschen so maßgeblich wie Erinnerungen (Goldenberg, 2007). Die Fragestellung, wie Erinnerungen manipuliert werden können und in welchen Formen eine mögliche Manipulation überhaupt abläuft, liegt nicht nur nahe, eine mögliche Antwort gibt auch Aufschluss darüber, ob eine Erinnerungsverfälschung überhaupt bewusst durch das Individuum wahrgenommen werden kann. Diese Fragestellung ist Grundlage der vorliegenden Hausarbeit. Zunächst werden generelle Prozesse der kognitiven Informationsverarbeitung und Gedächtnisbildung theoretisch beschrieben. Hierfür wird sich allgemeiner Grundlagenliteratur, insbesondere David G. Myers „Psychologie“ bedient.

Der Hauptteil der Arbeit widmet sich anschließend detaillierter der endogenen und exogenen Erinnerungsverfälschung. An Hand von diversen Untersuchungen und aktuellen Studien wird das Phänomen der Suggestion analysiert. Hierbei wird explizit darauf eingegangen, wie stark Erinnerungen verändert oder falsche Erinnerungen geschaffen werden können. Anschließend werden die Resultate mit Hilfe anderer Erkenntnisse der Kognitionspsychologie erläutert. Zur Veranschaulichung wird zusätzlich ein Blick auf mögliche, und in der Vergangenheit erfolgreiche, Manipulation geworfen.

1 Definition von Erinnerungen

Erinnerungen sind das kognitive Wiedererleben von vergangenen Erlebnissen und Erfahrungen. Der Sinn einer Erinnerung besteht primär darin, Informationen zu liefern, die dem Handeln in Gegenwart und Zukunft dienen (Prof. Dr. Randolf Menzel, Tanja Krämer, 2011, o.S.). Das meiste, was Menschen durch Umwelteinflüsse und Reize aufnehmen, ist von kurzer Verweildauer und wird schnell wieder vergessen (Ebbinghaus, 1885, zit. nach Myers, 2008, o.S.). Folglich stehen Erinnerungen unter Einfluss zeitlicher Faktoren.

2 Das Gedächtnis - Das menschliche Gedächtnis als Basis von Erinnerungen

Ohne das Gedächtnis gäbe es keine Erinnerungen (Alan J. Parkin, 2000, S. 11). Somit ist das Gedächtnis das essentielle Grundgerüst, welches die Bildung von Erinnerungen überhaupt erst ermöglicht. Der Stellenwert des Gedächtnisses wird meist erst dann von Bedeutung, wenn es während Krankheiten wie z. B. einer Amnesie zu Ausfällen kommt. Das Gedächtnis ist im Gehirn lokalisiert und verarbeitet Inhalte u. a. im Hippocampus oder dem Zerebellum, auch Kleinhirn genannt (Wagner et. al, 1998; Squire, 1992; zit. nach Myers, 2008, S. 401f).

Die Autoren des Magazins „Spektrum“ definieren das Gedächtnis, als die Fähigkeit eines Lebewesens Erinnerungen zu bilden und Gelerntes abrufbar zu speichern um dieses Wissen auch zukünftig zu nutzen (Dipl.-Biol. Elke Brechner u.a., 2001). Das Gedächtnis spiele eine komplexe und zugleich entscheidende Rolle im Bereich des Verhaltens. Laut Prof. Dr. Randolf Menzel (2001), Neurobiologe der FU-Berlin, sei das Gedächtnis darüber hinaus in der Lage voneinander unabhängige Informationen zu speichern. Es könne schätzungsweise bis zu

1 Billionen Informationsbestandteile speichern. Die aktuelle Forschung habe jedoch noch keine verlässlichen Zahlen in Bezug auf das tatsächliche Speicherpotential des Gedächtnisses liefern können. Zu einer ähnlichen Definition kommt Myers (2014), der vereinfacht feststellt, dass das Gedächtnis in der Lage sei, Informationen nach der Aufnahme speichern und abrufen zu können. Das Gedächtnis ist also ein Mechanismus mit Netzwerkcharakter, (Anderson, 1983; Favre-Bulle, 2001; Hussy, 1984; Vaterrodt-Plünnecke & Bredenkamp, 2006 zit. nach Tobinski, 2017, S.33) welcher enkodieren, speichern und abrufen kann.

In der Psychologie wird das Gedächtnis mit der Form und Funktionsweisen eines Computers verglichen (Anderson, 1983, zit. nach Tobinski, 2017, S. 29). Wie bei einem Computer verfährt das Gedächtnis mehrstufig. In der Kognitionsforschung hat sich ein Dreistufenmodel etabliert. Demnach enkodiert und speichert das Gedächtnis, bevor es in der Lage ist, die gespeicherten Informationen wieder abzurufen (Atkinson & Shiffrin, 1986, zit. nach Myers, 2014, S.330). Trotz der Ähnlichkeiten mit einem Computer darf nicht unerwähnt bleiben, dass das Gedächtnis einem Computer zwar ähnelt, jedoch elementare Unterschiede aufweist. Ein künstlich geschaffener Computer verfährt sequenziell, d.h. er bearbeitet Aufgaben nacheinander. Das menschliche Gedächtnis hingegen ist in der Lage, kognitive Prozesse parallel zu verarbeiten. Im Laufe der Geschichte haben sich unterschiedliche Gedächtnismodelle entwickelt. Sie ähneln sich oft oder basieren auf gleichen Annahmen. Im folgenden Abschnitt wird ein grober Überblick über die wichtigsten Gedächtnismodelle dargestellt. Ziel ist es, das Gedächtnis in seiner Grundstruktur und Funktionsweise zu beleuchten, um im Verlauf das Hauptthema der Arbeit unterstützend zu erläutern.

2.1 Gedächtnisformen

Um besser einschätzen zu können wie unser Gedächtnis in verschiedenen Situationen agiert, definiert die Kognitionsforschung unterschiedliche Gedächtnisprozesse, welche folgend größtenteils in Anlehnung an das Kapitel „9.1 Die Erforschung des Gedächtnisses“ aus Myers „Psychologie“ (2008) ausgearbeitet werden. Myers fasst Begriffe teilweise zusammen. Hiervon wird sich in dieser Arbeit distanziert, um eine abgrenzendere Darstellung zu gewährleisten.

2.2 Implizites und explizites Gedächtnis

2.2.1 Implizites Gedächtnis

Die Fähigkeit Informationen ohne bewusste Anstrengung aus dem Gedächtnis wiederherzustellen nennen Psychologen implizites Gedächtnis. Während der Betrachtung der Umwelt sehen wir ständig Dinge, die wir schon einmal gesehen und gelernt haben. Diese Alltagsgegenstände müssen nicht erneut gelernt werden, sondern werden automatisiert aus dem Gedächtnis abgerufen. Im Laufe des Aufwachsens hat sich unser Gedächtnis einen Großteil dieses Wissens unbewusst angeeignet. Das Gedächtnis analysiert und verarbeitet dabei Informationen über Raum, Zeit oder die Häufigkeit von wiederkehrenden Ereignissen. (Buchner & Wippich, 2000; Reodiger, 1990, zit. nach Zimbardo & Gerrig, 2004, S. 295f). Bei anderen Dingen bedarf es jedoch eines expliziten Prozesses, welcher eine bewusste Verknüpfung zwischen Objekt und Gedächtnis herstellt.

2.2.2 Explizites Gedächtnis

Das explizite Gedächtnis bedarf zur Wiedergewinnung von Informationen einer bewussten Anstrengung. Hierfür sind aktive Gedächtnisprozesse notwendig. In der Realität laufen sowohl implizite als auch explizite Prozesse parallel ab. Neben der expliziten und impliziten Form des Gedächtnisses gibt es noch eine weitere Unterscheidung.

2.3 Prozedurales und deklaratives Gedächtnis

2.3.1 Prozedurales Gedächtnis

Das prozedurale Gedächtnis beinhaltet alle Informationen und Erinnerungen über Prozesse, Abläufe und Fähigkeiten. Dieses Wissen wird oft für motorische Prozesse benötigt und wurde zuvor gelernt.

Auch hierbei handelt es sich um einen impliziten, also unbewussten Prozess, da das prozedurale

Gedächtnis nicht unmittelbar zugänglich ist. Inhalte des prozeduralen Gedächtnisses lassen sich zwar vom Individuum vormachen, sind jedoch schwer zu beschreiben. Prozedurales Wissen wird „skriptisch“ gespeichert.

2.3.2 Deklaratives Gedächtnis

Die zweite Form des Gedächtnisses stellt das deklarative Gedächtnis dar. An Stelle von Abläufen speichert diese Form des Gedächtnisses Faktenwissen. Explizites Wissen, welches im Gegensatz zu prozeduralem Wissen unmittelbar zugänglich ist und vom Individuum gut beschrieben werden kann. Auch die Erinnerung an uns selbst, sog. autobiografisches Wissen, fällt unter den Begriff des deklarativen Gedächtnisses. Es teilt sich zudem in das semantische, das Weltwissen z.B. „Frankfurt ist eine Stadt“, sowie das episodische Gedächtnis, welches Ereignisse des eigenen Lebens, z. B. Gesichter, speichert.

2.4 Die drei mentalen Prozesse der Gedächtnisbildung

Neben der Aufteilung in unterschiedliche Formen, gliedere die Neurowissenschaften das Gedächtnis laut Myers in einen dreistufigen Prozess.

2.4.1 Enkodierung

Der erste Teil widmet sich der Aufnahme von (neuen) Informationen, der sog. Enkodierung. Während dieses Prozesses werden Informationen sowohl bewusst als auch automatisiert in das Gedächtnis überführt. Es entsteht eine mentale Repräsentation der externen Welt. Allerdings stellt diese Repräsentation keine hundertprozentige Wiedergabe der Umwelt dar. Dennoch erhalten wir einen genauen Überblick über die Beschaffenheit von Gegenständen (Atkinson & Shiffrin zit. nach Zimbardo & Gerring, 2004, S.297f). Dies geschieht durch visuelle-, auditive- und semantische Enkodierung. Kognitionsforscher gehen davon aus, dass sich diese automatische Verarbeitung unbewusst auf Routineerlebnisse konzentriere und damit Freiraum für die deutlich anstrengenderen bewussten Verarbeitungsprozesse schaffe. Während der Enkodierung stehen visuelle, auditive und semantische Verarbeitungsprozesse im Vordergrund.

2.4.2 Speicherung

Die Speicherung baut auf der Enkodierung auf und beschreibt den Prozess der Aufrechterhaltung aufgenommener und enkodierter Informationen (Sperling, 1960; Cowan 1994; Hulme & Tordorff 1989, zit. nach Myers, 2008, S.395f). Diese Informationen bleiben oftmals so lange erhalten, bis sie benötigt werden oder erloschen sind. Es handelt sich also um eine zeitlich begrenzte Speicherung.

2.4.3 Abruf (retrieval)

Nach erfolgreicher Speicherung ist der Abruf der Informationen möglich. Hier ist die Parallele zum Computer eindeutig erkennbar. Gespeicherte Informationen können innerhalb von Sekundenbruchteilen abgerufen werden. Dieser Prozess heißt Erinnern (Atkinson & Shiffrin, 1968, zit. in Myers, 2008, S.404; zit. in Myers, 2014, S.330). Die Interaktion der drei Schritte erscheint einfach. An dieser Stelle sei aber betont, dass es sich um ein komplexen Vorgang handelt.

Bevor ein Individuum beispielsweise die Information, einen Tiger gesehen zu haben, enkodieren kann, muss es zunächst Attribute eines Tigers aus dem Gedächtnis abrufen. Auch in der Sprache müssen stets jedes Wort, die Grammatik, der Hintergrund und die Bedeutung einer Aussage enkodiert werden. Daraus erfolgt die Erkenntnis, dass unser Gedächtnis eine sehr leistungsstarke Einheit ist. Täglich verarbeitet es unzählige Informationen über unsere Umwelt, ohne dass wir uns der zugrundeliegenden Prozesse bewusst sind.

2.5 Sensorische Gedächtnissysteme

Sensorische Gedächtnissysteme erweitern das Gedächtnis um die Informationen, die der Umwelt in Form von visuellen und auditiven Reizen entstammen. Typische Charakteristika des sensorischen Gedächtnisses sind die sehr kurzen Verweildauern der aufgenommenen Informationen. Im Kontrast zur kurzen Verweildauer steht die große Menge an Informationen, die durch die sensorischen Systeme aufgenommen werden können (Sperling 1960, zit. nach Zimbardo & Gerring, 2004, S.292).

2.5.1 Ikonische Gedächtnis

Als Teil des sensorischen Gedächtnisses beschreibt das ikonische Gedächtnis die sehr kurze Speicherung großer Mengen visueller Reize. Die Verweildauer beschränkt sich im visuellen Bereich auf etwa eine halbe Sekunde. (Sperling, 1960, zit. nach Zimbardo & Gerring, 2004, S.300). Die Erkenntnis über die Leistungsfähigkeit des sensorischen Gedächtnisses zeigte sich bei Versuchen von Sperling, der Probanden Anordnungen von Zeilen mit Buchstaben und Ziffern für 50 Millisekunden vorlegte und sie sich dann erinnern lies. Selbst bei solch kurzen Zeitspannen gelang es den Probanden mit Hilfe des fotografischen Gedächtnisses sich einige Buchstaben zu merken.

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668630833
ISBN (Buch)
9783668630840
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388778
Institution / Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Frankfurt früher Fachhochschule
Note
1,3
Schlagworte
manipulation erinnerungen psychologische erkenntnisse kognitionsforschung

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Titel: Manipulation von Erinnerungen. Psychologische Erkenntnisse der Kognitionsforschung