Lade Inhalt...

"Me, Myself and I". Identitätsarbeit im Internet in Form von Moto-Vlogs

Bachelorarbeit 2017 89 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. What you see is what you get - Identitätsarbeit zwischen Realität und Illusion

2. Auf der Suche nach einer eigenen Identität
2.1 Konstruktion von Identität
2.1.1 Gründe für das gesteigerte Selbstinteresse des modernen Menschen
2.1.2 Das Herausbilden einer Identität speziell in der Lebensphase Jugend
2.2 Darstellung von Identität
2.2.1 Authentizität - nur ein Mythos?
2.2.2 Gründe der Selbstdarstellung und mögliche Strategien
2.2.3 Produkt Persönlichkeit? Gründe und Strategien der Selbstvermarktung
2.3 Der Vlog als neue Form der Identitätsarbeit
2.3.1 Surfst du noch oder bloggst du schon?
2.3.2 Das Vloggen ist des YouTubers Lust

3. Hermeneutische Analyse
3.1 Herangehensweise
3.2 Untersuchung der Transkriptionen
3.2.1 Ergebnisse bezüglich der Identitätskonstruktion
3.2.2 Ergebnisse bezüglich der Inszenierung von Persönlichkeit
3.2.3 Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Fazit und Ausblick

1. What you see is what you get - Identitätsarbeit zwischen Realität und Illusion

Was haben die postmoderne Identitätsarbeit und ein Big Mac gemeinsam? Diese Frage mag auf den ersten Blick absurd wirken, auf den zweiten Blick jedoch ergeben sich tatsächlich unerwartete Parallelen. Wenn man sich die mediale Präsentation des Burgers ansieht, ist dieser bis zum letzten Sesamkorn durchdacht, ästhetisiert und choreographiert. Nichts wird dem Zufall überlassen. Der Salat ist noch etwas grüner, das Brötchen noch etwas fluffiger, das Fleisch noch etwas zarter, als es jemals möglich wäre. Diese Bilder prasseln mit einem solchen Nachdruck auf den menschlichen Neokortex[1] ein, dass sich dem Betrachter die Sinne vernebeln. Die fade Realität wird zum großen Teil oder komplett von der hyperbolisch-euphemistischen, medialen Repräsentation verdrängt; „[d]as Erfahrene wirkt unabhängig von seinem Wirklichkeitsgehalt und unabhängig vom Medium, in dem es vermittelt wird, und bildet Erinnerungsspuren“ (Ermann, 2003, S. 184). Jeder Burger wird dabei als etwas Besonderes inszeniert, man denke nur an den Burger King Slogan „Have it your way“, der genau dieses Bedürfnis des Konsumenten nach Individualität anspricht. Diese mediale Ästhetisierung und Inszenierung ist zu einem festen Bestandteil moderner Identitätsarbeit geworden. Gerade auf sozialen Netzwerken, wie YouTube, Facebook, Instagram & Co, präsentieren sich die User exakt so, wie sie von ihrer Zielgruppe, dem sozialen Umfeld, wahrgenommen werden wollen. Sie akzen- tuieren folglich Dinge, die diesem Bild zuträglich sind und kaschieren alles, was nicht dazu passt. Bei einer täglichen Nutzungsdauer des Internets seitens jugendlicher User von im Schnitt 200 Minuten im Jahr 2016 (GfK Media and Communication Research, 2016) und einem stetigen Bedeutungszuwachs sozialer Netzwerke, muss dem „Online-Leben“ eine entscheidende Rolle, im Bezug auf die Entwicklung der Heranwachsenden und deren Eingliederung in die Gesellschaft, beigemessen werden. Fraglich ist jedoch, wie der Einzelne als Teil eines solchen, realitätsverzerrenden Systems die Aufgabenstellungen der alltäglichen Identitäts- arbeit bewältigt und wie unter diesen Umständen eine erfolgreiche und stabile Sozialisation erfolgen kann.

Die Aufgabenstellung der modernen Identitätsarbeit formuliert Keupp (2016) wie folgt:

Identitätsarbeit hat als Bedingung und als Ziel die Schaffung von Lebens- kohärenz. In früheren gesellschaftlichen Epochen war die Bereitschaft zur Übernahme vorgefertigter Identitätspakete das zentrale Kriterium für Lebensbewältigung. Heute kommt es auf die individuelle Passungs- und Identitätsarbeit an, also auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation, zum „Selbsttätigwerden“ oder zur „Selbsteinbettung“. […] Das Gelingen dieser Identitätsarbeit bemisst sich für das Subjekt von Innen an dem Kriterium der Authentizität und von Außen am Kriterium der Anerkennung (S. 106-107).

Diese individuelle Passungs- und Identitätsarbeit erfordert es, sich ausführlich mit - vor allem in der Lebensphase Jugend - zentralen Fragen auseinanderzusetzen: Wer bin ich? Bin ich tatsächlich der, als den ich mich selbst empfinde, oder bin ich der, den andere in mir sehen? Ist meine Identität tatsächlich meine Identität oder ist sie lediglich Spielball und Produkt äußerer Einflüsse? Bin ich etwas Besonderes? Ist mein Identitätskonstrukt stabil? Ist es von Dauer oder nur vorübergehend? Der Versuch diese und viele weitere Fragen zu beantworten, ist für sich alleine genommen bereits eine Aufgabe von erheblichem Ausmaß. Voraussetzung dafür sind bestimmte „Ressourcen“, als die Keupp (2016), ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die folgenden ausmacht: „Herstellung eines kohärenten Sinnzusammenhangs“, „[d]ie Fähigkeit zur Grenzziehung“, das Vor- handensein von „einbettende[n] Kulturen“, „eine materielle Basissicherung“, „die Erfahrung der Zugehörigkeit“, „einen Kontext der Anerkennung“, die „Beteiligung am alltäglichen interkulturellen Diskurs“ und „zivilgesellschaftliche Basiskom- petenzen“ (S. 107). Wie im weiteren Verlauf dargelegt werden wird, können Medien viele dieser Komponenten potentiell abdecken und besonders durch die Möglichkeit des Betrachtens der eigenen Person von außen ein potentes Werkzeug zur Analyse des Selbst verkörpern. Fraglich ist jedoch, ob die Analyse in einem solchen Zerrspiegel möglich, beziehungsweise überhaupt gewollt ist, oder - ähnlich einem Kaleidoskop - alleine das Betrachten und Zurschaustellen neuer Arrangements bereits bekannter Einzelkomponenten das Ziel der medialen Präsentation ist, die ebenso schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Allgemein gehen die meisten Menschen davon aus, dass sie über ein unveränderliches „Kern-Selbst“ verfügen, mithilfe dessen sie sich mit ihrer Umwelt in Beziehung setzen und durch Zugehörigkeit sowie Abgrenzung eine kontext- abhängige Identität konstituieren (Ermann, 2011, S. 135-136). Jedoch nehmen psychische Störungen, wie Identitätsdiffusion - der Verlust eines tragenden Identitätsgefühls (Ermann, 2011, S. 138) - und andere Identitätsstörungen durch den raschen Wandel sozialer Bezüge in der Welt des 21. Jahrhunderts immer weiter zu, die Stichworte wie Liberalisierung, Pluralisierung, Mobilisierung, Globalisierung und Medialisierung zu ihrem neuen Credo erhoben hat (Ermann, 2003, S. 182). Diese - und im Speziellen die Medialisierung - haben eine gesellschaftliche Entwicklung zu Folge, „in der Wirklichkeit immer rascher durch Vorstellung, Personen durch Technik und Beziehungen durch Illusionen ersetzt werden“ (Ermann, 2003, S. 187). Ersatz für die dadurch verkümmernde soziale Interaktion wird in der medialen Kommunikation gesucht, die dem Subjekt mit pseudosozialen Feedbackmöglichkeiten die Befriedigung seiner zwischen- menschlichen Bedürfnisse suggeriert (Ermann, 2003, S. 188). Die Folge ist eine stark selbstbezogene, narzisstisch motivierte und medial zur Schau gestellte Präsentation des Selbst. Neben Narzissmus und Identitätskonstruktion treibt jedoch noch ein weiterer Faktor die massenhaft vollzogene Darstellung der eigenen Person im Netz voran: die Aussicht auf das Erlangen von einer gewissen Prominenz und die damit verbundene Aufmerksamkeit. YouTube hat sich längst von einer unbedeutenden Online-Parallelwelt zu einer der größten Distributions- plattformen von Bewegtbild entwickelt. Mehrere Millionen Abonnenten, der damit einhergehende Bekanntheitsgrad und die Möglichkeit damit Geld zu verdienen, verbunden mit der Tatsache, dass theoretisch jeder erfolgreich sein kann, üben eine geradezu magische Anziehungskraft auf junge Menschen aus. Es wäre jedoch zu einfach gedacht, diese Entwicklungen, im Sinne einer kultur- und medienpessimistischen Sichtweise, alleine dem Internet zuzuschreiben und diese von vorn herein zu verteufeln. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ist daher oft versucht, sich neuen Entwicklungen gegenüber skeptisch oder sogar ablehnend zu verhalten.

Um Licht ins Dunkel dieser äußerst relevanten Thematik zu bringen, hat es sich diese Arbeit zum Ziel gesetzt, den Status quo festzuhalten, zu analysieren sowie zu deuten und so ein besseres Verständnis für heutige und zukünftige Veränderungen im Bezug auf Identitätsarbeit auszubilden. Diesbezüglich soll die Fragestellung zentral sein, wie Identitätsarbeit generell und speziell im Internet in Form des Moto-Vlogs vonstatten geht, welche Strategien hierbei angewandt werden und was mögliche Gründe für diese Entwicklungen sein könnten.

Um dies bewerkstelligen zu können, ist es notwendig, zuerst die Entstehung einer „Kultur des Selbst“ und des Individualismus zeitgeschichtlich einzuordnen, die 5

Bedingungen dafür zu klären und Zusammenhänge aufzuzeigen. Darauf auf- bauend werden Voraussetzungen, Mechanismen und Strategien im Bezug auf das Errichten eines Identitätskonstruktes im und abseits des Internets mit Fokus auf die Entwicklungsphase der Adoleszenz dargelegt sowie mögliche Probleme geschildert. Die Präsentation der Ergebnisse dieser Konstruktionsversuche ist im darauffolgenden Abschnitt zentral. Im Sinne einer erschöpfenden Untersuchung der on- und offline praktizierten Methoden der Selbstdarstellung, wird zunächst der generelle Grad an Authentizität diskutiert, den mediale Produkte erreichen können beziehungsweise ob sich Wahrhaftigkeit und mediale Darstellung nicht per se ausschließen. Auf diese Ausführungen hin werden die unterschiedlichen Formen der Selbstdarstellung im alltäglichen sowie medialen Kontext akkumuliert, die später vor dem Hintergrund wirtschaftlicher und im speziellen kapitalistischer Einflussfaktoren und deren Bedeutung für das einzelne Individuum eingeordnet werden. Da an diesem Punkt der Arbeit eine solide Basis für das Verständnis von moderner Identitätsarbeit geschaffen worden ist, kann nun die Spezialform des Vlogs näher beleuchtet werden. Entsprechend der Etymologie vorgehend, liegt der Fokus zunächst auf den generellen Fragen, warum sich Menschen innerhalb der Blogging-Landschaft engagieren und wo Gemeinsamkeiten zwischen dem klassischen Tagebuch und dem „Web-Log“ zu erkennen sind. Dabei wird ein Bezug zur vorsätzlichen Inszenierung von Privatsphäre und dem Motiv des „Beichtstuhls“ in den Medien hergestellt. Inzwischen bei der bildlichen Kompo- nente des Vlogs angelangt, werden genrespezifische Logiken der Plattform YouTube im Allgemeinen sowie hinsichtlich der Vlogs im Speziellen beschrieben und Zusammenhänge mit bereits Behandeltem aufgezeigt. Diese Theorien werden daraufhin anhand einer text- und teilweise auch bildhermeneutischen Unter- suchung von 14 Moto-Vlogs überprüft. Die Ergebnisse werden im Anschluss diskutiert und in einem Fazit eingeordnet, das darüber hinaus Anregungen für zukünftige Forschung zu dieser Thematik erörtert.

2. Auf der Suche nach einer eigenen Identität

Identitätsarbeit wird im weiteren Verlauf in die Bildung und die Darstellung von Identität untergliedert. Erstere legt dabei den Fokus eher auf eine nach innen hin ausgerichtete, explorative Herangehensweise, während sich die zweite eher expressiv an der Außenwelt orientiert.

2.1 Konstruktion von Identität

Die Aufgabe des Herausbildens einer eigenen Identität ist von vielen Faktoren abhängig und vor allem in der Lebensphase Jugend von enormer Wichtigkeit für die weitere Entwicklung des Subjekts. Vor allem im Zeitalter der (Post-)Moderne hat diese Bedeutsamkeit durch verschiedenste gesellschaftliche Umbrüche beträchtlich zugenommen.

2.1.1 Gründe für das gesteigerte Selbstinteresse des modernen Menschen

Als im Laufe der Menschheitsgeschichte die Sicherung des eigenen Überlebens immer nebensächlicher (Inglehart, 2008, S. 145) und die Religion immer weiter von der Wissenschaft verdrängt wurde, entstand bei vielen Menschen, vor allem in der „westlichen Welt“, ein Gefühl der Orientierungslosigkeit. Der feste Anker des Glaubens, der Verhaltensrichtlinien und Lebenssinn zugleich vorgab, sowie die Aufgabe sich und Andere vor dem Tod zu bewahren, waren weitestgehend verschwunden. Folglich war und ist es naheliegend am einzigen Punkt im Leben, dessen man sich wirklich sicher sein kann, Halt zu suchen - dem Selbst (Schulze, 2001, S. 562). Ebenso wichen in der westlichen Welt ungleiche Machtverhältnisse, wie das Lehnswesen oder Diktaturen, der Demokratie, was dem einzelnen Individuum eine nie zuvor dagewesene Anzahl an Möglichkeiten und Freiheiten verschaffte. Kein Führer, keine Tradition, kein moralisches Gesetz schreibt dem Menschen mehr zwingend vor, wie er - abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen - zu handeln hat, oder wer er sein soll (Ehrenberg, 2004, S. 9). Diese beiden Ausläufer der Emanzipation lösten zwar die Ketten der Schuld und des Gehorsams, erforderten jedoch vom modernen Menschen, sich dem Joch der Verantwortung und des Handelns zu beugen, was „die psychische Befreiung und die Unsicherheit der Identität“ sowie „die persönliche Initiative und die Unfähigkeit des Handelns“ mit sich brachte (Ehrenberg, 2004, S. 273). Die Schlagworte „Projekt, Motivation [und] Kommunikation“ (Ehrenberg, 2004, S. 8) sind zu zentralen Idealen herangewachsen, an die sich eine große Zahl moderner Menschen auf der Suche nach ihrem Lebensweg anzupassen versucht (Ehren- berg, 2004, S. 8). Dieses Verhalten ist jedoch keinesfalls ausschließlich intrinsisch motiviert. Selbstverwirklichung wird regelrecht zu einer sozialen Norm erhoben, die das Individuum verpflichtet, sich selbst zu erforschen, um zur „eigenen“ Identität vorzustoßen (Ehrenberg, 2004, S. 4). Im schlimmsten Fall droht sogar der Ausschluss aus der entsprechenden Gemeinschaft (Ehrenberg, 2004, S. 9).

Die Tendenz zum Individualismus ist charakteristisch für westliche Kulturen. Dabei ist sie bereits seit mehr als 500 Jahren beobachtbar und nimmt immer weiter zu (Burkart, 2006, S. 8-9). Mit der Zeit brach das Klassensystem immer weiter in Milieus und Subkulturen auf, was eine Positionierung des Selbst in immer mehr sowie immer feineren Unterkategorien nötig machte, wodurch die Einzigartigkeit des Individuums immer weiter betont wurde und in den Mittelpunkt rückte (Burkart, 2006, S. 10). Fakt ist, dass die Persönlichkeit eines jeden Menschen geprägt ist, „durch die einzigartige Lerngeschichte; durch Muster der Verarbeitung von Erfahrungen […] [und] durch die singuläre genetische Ausstattung“ (Schulze, 2001, S. 559), was ihn zu einem unverwechselbaren Individuum macht. Jedoch ist das Subjekt an sich im Laufe der Zeit, entgegen der Erwartung, nicht individueller geworden. Sowohl der moderne als auch der archaische Mensch verfügt zwar über Individualität, jedoch ist sich dieser keiner von beiden zur Gänze gewahr (Schulze, 2001, S. 563). Die Illusion der steigenden Individualität gründet lediglich auf den Begrifflichkeiten, die dem modernen Menschen zur Bezeichnung seiner Besonderheiten zur Verfügung stehen und in denen er sich - oft fälschlicherweise - zu erkennen glaubt (Schulze, 2001, S. 563). Zu dem Trugschluss eines individuelleren Individuums trägt ebenso die, seit ein paar Jahrzehnten signifikant steigende, Vehemenz bei, mit der der Vormarsch der Individualität suggeriert und propagiert wird (Schulze, 2001, S. 563). Dabei ist das öffentlich zur Schau getragene Konzept der Individualität von vorn herein zum Scheitern verurteilt, da neue und vermeintlich einzigartige Distinktionsmerkmale von der Masse an selbsterklärten Individualisten kopiert werden, um sich abzugrenzen, wodurch das Besondere automatisch zu Norm wird und in der Menge verschwindet (Schulze, 2001, S. 566). Die Ironie dabei ist, dass Individualisten in ihrer Verachtung für die Masse und durch den Bruch der Konventionen diese so indirekt konstituieren und sichern (Schulze, 2001, S. 574). Sobald sie sich bewusst werden, dass ihre, ehemals als exklusiv empfundene, Identität auf einem Muster beruht, an dem sich auch andere orientieren, werden erneut Feinabstimmungen vorgenommen, um die Illusion der Singularität wiederherzustellen (Schroer, 2006, S. 53). Dass es sich hierbei nur um ein Unterscheiden um des Unterscheidens Willen handelt, nicht aber um den Ausdruck der ureigenen Persönlichkeit, scheint dabei zweitrangig oder sogar gewünscht zu sein, denn „Selbstverwirklichung ist anstrengend, Inszenierung von Selbstverwirklichung ist entlastend“ (Schulze, 2001, S. 580). Das, durch Abgleichen mit und Abgrenzung von etwas Anderem errichtete, Identitätskonstrukt verfehlt damit jedoch genau die Essenz des Besonderen; das einzigartige Individuum wird dominiert vom Bild, das es vom Gewöhnlichen hat und wird so unbewusst zu dessen heimlichen Sklaven.

2.1.2 Das Herausbilden einer Identität speziell in der Lebensphase Jugend

Die menschliche Existenz - und vor allem die Lebensphase der Adoleszenz - ist eng verbunden mit der Exploration und Ausarbeitung der eigenen Identität (Hurrelmann, Rosewitz & Wolf, 1985, S. 13-14). Dabei ist die Identität des Subjekts im 21. Jahrhunderts aufgrund fluider Weiterentwicklung nicht final definierbar (Bublitz, 2010, S. 68), weswegen das Modellieren und Anpassen der eigenen Persönlichkeit stets experimentell und nie abgeschlossen ist (Bublitz, 2010, S. 111). Im Zuge dessen müssen Identitätskonzepte, die auf einer lebens- langen Ausrichtung anhand von idealisierten Vorbildern basieren, als untauglich betrachtet werden, da deren Unveränderlichkeit den Bedürfnissen des, sich chamäleonartig anpassenden, modernen Selbst auf Dauer nicht Rechnung tragen kann (Wegener, 2008, S. 379). Stattdessen werden relevante einzelne Aspekte der (medialen) Vorbilder für verschiedene Lebensbereiche handverlesen und zu einem, temporär begrenzt als Einheit existierenden, neuen „virtuellen“ Orientie- rungskonstrukt verwoben, das sich für diese Zeit als eigener Standpunkt manifestiert (Wegener, 2008, S. 380). Vor allem mit dem Aufkommen des Internets und speziell der sozialen Medien wandelte sich die Art und Weise wie Heranwachsende Identitätsarbeit betreiben entscheidend. Diese Veränderung verspricht zwar einerseits nahezu unendlich viele Möglichkeiten und Freiheiten, stellt die Heranwachsenden andererseits jedoch auch vor eine weitaus größere Herausforderung, als sich an einem „Identitäts-Komplettpaket“ - beispielsweise den Eltern - zu orientieren. Während sich vor dem Aufkommen von Massen- medien das Aushandeln der eigenen Identität auf das nähere Umfeld -also Familie, Gemeinde oder Schulen, um nur einige zu nennen - beschränkte, kommt es heute durch die Mediennutzung zu einem in Beziehung setzen mit der Gesamtheit der medialen Akteure (Deuze, 2012, S. 247). Daraus erwächst ein Zeitalter „of ’universal comparison’, in which the destination of individual self- constructing labours is endemically and incurably underdetermined“ (Bauman, 2000, S. 7). Strukturen, die ehemals als gegeben und selbstverständlich hinge- nommen wurden, ist dieser Status also abhanden gekommen und einem Gros an sich gegenseitig widersprechenden und aneinander aufreibenden Schemata gewichen, denen sich das Subjekt als Teil der Gesellschaft unterwerfen muss (Bauman, 2000, S. 7). Wie ein Gelingen von Identitätsbildung unter solchen Umständen funktionieren kann, oder zumindest angestrebt wird, ist Inhalt des nächsten Abschnittes.

Diese erfolgt im Netz meist untergliedert in vier Teilbereiche. Das Fundament für das Erkennen und Bilden der eigenen Persönlichkeit wird durch das Sondieren des sozialen Umfelds und ein „sich-in-Beziehung-setzen“ mit diesem gelegt (Wagner, 2009, S. 124). Jugendliche erkunden damit spielerisch ihren Platz im sozialen Gefüge und die damit verknüpften Erwartungen Anderer (Hoffmann, 2011, S. 111). Dabei orientieren sich Jugendliche einerseits an realen Personen aus ihrem unmittelbaren Umfeld, die sie vor allem wegen deren persönlicher Meinung sowie Wertschätzung achten und bewundern, und andererseits an medialen Rollenvorbilder, die für „erfolgreiche Bewältigung gesellschaftlicher Erwartungen, für Anerkennung aufgrund von Leistung und Popularität wie auch für optische Stereotype“ stehen (Wegener, 2008, S. 380). Diese strahlen deswegen eine so große Anziehungskraft aus, da sie den Jugendlichen Omnipotenz in Form von kreativer Selbstverwirklichung, finanzieller Unabhängigkeit und Erfolg beim anderen Geschlecht suggerieren und somit als Vorlage und Katalysator für das mentale Ausleben von Überlegenheitsphantasien dienen können (Wegener, 2008, S. 383). Männlichen Jugendlichen, auf denen der Fokus in der nachfolgenden Untersuchung liegt, geht es dabei noch weitaus mehr als Mädchen darum, sich als „erfolgreiche, souveräne und emotional unabhängige Persönlichkeit“ zu erleben (Wegener, 2008, S. 383).

Sich erleben - bei genauerem Überlegen eigentlich eine paradoxe Formulierung. Viellicht trifft sie auch genau deswegen so zentral den Kern der Sache. Die Rede ist von einer Entkopplung des Erlebten vom Subjekt durch das Medium. Vor der Erfindung der Kamera war es, abgesehen von vielleicht spiegelnden Oberflächen und der Portraitmalerei, unmöglich, sich selbst mit den Augen anderer zu sehen (Deuze, 2012, S. 238). Man lebte „based on an unspoken assumption of equivalence based on the supposition that people see me as the person I consider myself to be“ (Deuze, 2012, S. 238). Anders gesagt, ging man einfach davon aus zu sein, wer man glaubte zu sein. Gewissermaßen war zwar bereits davor ein Einblick in das Fremdbild durch Feedback von Mitmenschen möglich, dies dürfte jedoch bei weitem weniger wirkungsmächtig sein, als sich tatsächlich visuell aus der Perspektive eines anderen Menschen „leben zu sehen“. So ist es durch das Medium möglich, mit emotionalem, zeitlichem und räumlichem Abstand das

eigene Verhalten zu analysieren, einzuordnen und dadurch zu erfahren wer man - von außen gesehen - ist (Bublitz, 2010, S. 70). Durch dieses „außerkörperliche Erleben“ können die eigenen Gefühle besser reflektiert werden und ihnen wird die subjektiv erlebte Unmittelbarkeit sowie Durchschlagskraft genommen, wodurch sie für das Subjekt besser verständlich und verarbeitbar werden (Holzwarth, 2010, S. 446). Erst durch diese Außenperspektive ist das Individuum in der Lage sein Wesen mit der „unsichtbaren Masse“ abzugleichen und auf Unterschiede beziehungsweise Gemeinsamkeiten zu untersuchen (Bublitz, 2010, S. 181). Auf Basis dieser Vorlage erfolgt dann eine „Inszenierung und Positionierung auf dem Identitätsmarkt mit Wiedererkennungswert“ (Bublitz, 2010, S. 181) und zugleich dient dieser Abgleich als ständige Rückversicherung nicht vom rechten Pfad abgekommen zu sein (Bublitz, 2010, S. 190). Bublitz (2010, S. 181) bezeichnet das „[s]ich unterscheiden, ohne dass es einen Unterschied macht“ als Schlüsselfaktor für die Anschlussfähigkeit an die Masse, was ironischerweise letztendlich zu einer Nivellierung der individuellen Besonderheiten führt.

Insgesamt scheinen Selbstaufmerksamkeit, Selbstbeobachtung und die Reflex- ivität im Bezug auf die eigene Biographie erheblich zugenommen zu haben, was zur Folge hatte, dass eine Kultur der Selbstthematisierung und der Selbst- bekenntnisse entstand (Burkart, 2006, S. 7-8). Ein wahrhaftiges Erkennen des eigenen Wesens scheint dabei oft zweitrangig zu sein - das Lenken der, immer knapper werdenden, Aufmerksamkeit Anderer auf die eigene Person und die damit einhergehende Selbstbestätigung stehen im Fokus (Schroer, 2006, S. 42). Dieses „in sich verliebt sein“ oder - in der Sprache der Psychologie - das pathologische, zwanghafte Verhalten, die Bedeutung von Ereignisse oder Personen stets hinsichtlich der Relevanz für das eigene Selbst zu überprüfen, ist auch besser bekannt unter dem Namen Narzissmus (Senett, 1983, S. 21). Problematisch an diesem krankhaften Selbstbezug ist jedoch, dass er trotz der Tatsache, dass man sich stark mit den eigenen Wünschen beschäftigt, nicht zu deren Verwirklichung beiträgt. Ganz im Gegenteil. Es scheint als würde er „die Versenkung in die Bedürfnisse des Selbst zu verstärken und zugleich ihre Erfüllung zu block- ieren“ (Senett, 1983, S. 21). Senett sieht den Grund dafür darin, dass Narzissten nach Erreichen eines Ziels, oder der Kontaktaufnahme mit einer Person, das Gefühl hätten, dass dies doch nicht sei, was sie sich zu Beginn davon erhofft hatten (1983, S. 21). Twenge, Konrath, Foster, Campbell und Bushman (2008, S. 875) stellten bei einer Untersuchung von 85 College-Studenten im Jahr 2008 fest,

dass von den untersuchten Probanden fast zwei Drittel eine narzisstischere Persönlichkeit aufwiesen, als der, zwischen 1979 und 1985 festgestellte, Mittelwert. Neben dem Anstieg von Narzissmus ergab die Studie darüber hinaus insgesamt eine Erhöhung der Werte von Persönlichkeitsmerkmalen mit Bezug zum Individualismus, wie zum Beispiel Durchsetzungsvermögen, Handlungsfähigkeit, Selbstbewusstsein und Extraversion (Twenge et al., 2008, S. 875). Die Autoren weisen dabei der gestiegenen Aktivität in den Medien eine wahrscheinlich zentrale Rolle zu (Twenge et al., 2008, S. 893).

Über das reine „in Beziehung setzen“ der eigenen Person hinaus geht das Bestreben der Heranwachsenden, ihre Kompetenzen zu erkennen, zu entwickeln und ausleben zu können (Wagner, 2009, S. 124), was für die Ausbildung von Selbstbewusstsein sowie Selbstwertgefühl - beides entscheidende Faktoren für die erfolgreiche Konstruktion von Identität - essenziell ist (Richter-Reichenbach, 2011, S. 76). Diese Tendenz liegt jedoch nicht ausschließlich in intrinsischer motivierter Selbstexploration begründet, auch der stetig steigendende und dazu immer früher einsetzende Konkurrenzdruck veranlasst Heranwachsende sowie deren Eltern möglichst früh Talente zu entdecken, zu fördern und zu vermarkten (Hoffmann, 2011, S. 106).

Nicht zuletzt ist es für die Entwicklung der Jugendlichen unerlässlich, dass sie „[s]ich selbstbestimmte Freiräume suchen“ (Wagner, 2009, S. 124) können, denn ebenso wie diese konkrete Vorstellungen von dem haben, wie sie sein möchten, können Abgrenzungen dem gegenüber, wie sie nicht sein möchten, eine ebenso klare Trennschärfe annehmen. Dabei wird das (pseudo-)authentische Selbst durch Grenzziehungen sowohl gegenüber Gleichaltrigen, als auch im Bezug auf Erwachsene konstituiert und - wie später gezeigt wird - auch inszeniert (Richter- Reichenbach, 2011, S. 69). Auf dem Weg zu einem elternunabhängigen Lebensstil, mit dem ein Auszug von Zuhause und monetäre Unabhängigkeit ein- hergehen (Hurrelmann et al., 1985, S. 65), schlagen die Identitätssuchenden oft - bewusst oder unbewusst - andere Wege ein als die Eltern. Da sie deren Lebensweise nicht selten als antiquiert und in der Folge als für sie persönlich als ungeeignet erachten, beginnen sie „zukunftstauglich erscheinende Konzepte für Ressourcenbeschaffung, Nutzung der Konsumoptionen und kulturelle Angebote, für Lebensentwürfe und -pläne“ (Richter-Reichenbach, 2011, S. 70) auf Tauglich- keit für ihren Selbstentwurf hin zu testen und bei Erfüllung der - wie auch immer gearteten - Erwartungen zu diesem hinzuzufügen.

Abschließend geht es Jugendlichen auch darum, sich mit der neu entdeckten beziehungsweise erschaffenen Identität am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen (Wagner, 2009, S. 124) und so das „Bedürfnis nach sozialer Anerkennung sowie nach sozialer und soziokultureller Verortung“ (Hoffmann, 2011, S. 113) zu stillen. Sie sehnen sich also danach ihre Rolle im sozialen System zu finden und suchen nach Selbstbestätigung von Außen, wobei - wie weiter oben dargelegt - der Blick in den medialen Spiegel ihrer Online-Persona als potente Experimentier- und Analyseschnittstelle für ihre fluiden Rollenentwürfe herangezogen werden kann (Hoffmann, 2011, S. 113).

Angesichts der schieren Masse an extern und intern motivierten Erwartungs- haltungen sowie Anforderungen an die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen, sind Probleme geradezu vorprogrammiert. Eines der zentralsten ist die steigendende Selbst-Diskrepanz, die zustande kommt, indem das Individuum die Güte des eigenen Identitätsentwurf nicht nur mit dem Maßstab des subjektiven Empfindens misst, sondern diesen ebenfalls in Relation zu einem Ideal-Selbst und einem Soll-Selbst stellt, wodurch das Gelingen des Konstruktes von der Übereinstimmung aller drei anhängig ist (Higgins, 1987, S. 319). Ist dies nicht der Fall, bilden sich in der Folge verschiedene negative Gefühlszustände heraus. Während das Subjektiv-Selbst den eigenen, gefühlten Standpunkt darstellt, manifestiert sich im Ideal-Selbst die Antizipation von Hoffnungen, Wünschen und Erwartungen, die Andere im Bezug auf das Subjekt hegen, wohingegen das Soll- Selbst deren Erwartungen hinsichtlich dessen Pflichten und Verantwortlichkeiten widerspiegelt (Higgins, 1987, S. 319). Sobald zwischen Subjektiv- und Ideal-Selbst ein Missverhältnis herrscht, entwickeln sich mit Depression assoziierte Emotionen wie beispielsweise Enttäuschung, Unzufriedenheit und Traurigkeit (Higgins, 1987, S. 336). Bei einer signifikanten Disproportionalität, das Subjektiv- und das Soll- Selbst betreffend, lassen sich im Gegenzug Gefühle nachweisen, die auf eine erhöhte Unruhe hinweisen, wie zum Beispiel Angst, Rastlosigkeit oder Anspannung (Higgins, 1987, S. 336). Dabei gilt für beide Fälle: je ausgeprägter die Abweichung, desto stärker werden die Emotionen wahrgenommen (Higgins, 1987, S. 336). Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, kann - neben einem wahrhaftigen und anstrengenden Bemühen um Reduzierung der Diskrepanz - die Selbstdarstellung als ein bequemeres, aber nach außen hin äußerst wirksames Antidot gebraucht werden.

2.2 Darstellung von Identität

Die Präsentation des Selbst ist vermutlich so alt wie der Mensch an sich, jedoch scheint diese mit dessen fortschreitender Entwicklung immer weiter zuzunehmen. Bereits Immanuel Kant schreibt in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht: „Die Menschen sind insgesamt, je zivilisierter, desto mehr Schauspieler“ (Kant, 2000, S. 40). Im nun folgenden Abschnitt wird das „Repertoire“ des modernen Darstellers, mit starkem Bezug zum Internet, aufgearbeitet und Zusammenhänge mit wirtschaftlichen Einflussfaktoren hergestellt. Zunächst soll aber die generelle Authentizität von medialen Produkten diskutiert werden, um die spätere Argumentation besser einordnen zu können.

2.2.1 Authentizität - nur ein Mythos?

Die Crux an der Bestimmung des Authentizitätsgehalts ist, dass sich weder das Publikum noch der Inszenierende in der Regel gänzlich sicher sein können, wo eine Inszenierung anfängt und wo sie aufhört (Seel, 2001, S. 62). Daher wird im Folgenden der Frage nachgegangen, ob Authentizität und mediale Darstellungen sich nicht per se gegenseitig ausschließen. Um dies beantworten zu können, muss hinsichtlich der Authentizität zunächst zwischen der äußeren und inneren Lebenswelt distinguiert werden. Das äußere Erleben umschließt alles vom Subjekt und seinem Umfeld objektiv visuell Wahrnehmbare, das innere Erleben hingegen bezeichnet die subjektive Perspektive des Übereinstimmens der intrinsischen Gefühlswelt und deren nach außen hin sichtbaren Manifestation (Schultz, 2003, S. 13). Das Zwischenschalten eines Mediums, mit dem stets eine technische Interpretation und Bearbeitung - wie beispielsweise durch die Wahl des Bildausschnittes oder die einzelnen Schritte der Postproduktion - einhergeht, kann die visuell wahrnehmbare Realität bereits zu einem erheblichen Teil verklären (Schultz, 2003, S. 15). Da Kommunikation ohne Medien (im weiteren Sinn) jedoch nicht möglich ist und jedes Medium die Realität auf unterschiedliche Art und Weise verzerrt beziehungsweise Möglichkeiten zur Verzerrung bietet, ist es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit hier die Fiktion von der Realität zur Gänze abzuspalten (Höller, Scholz, Schröder & Starke, 2013, S. 137). Medialer Kommunikation in der Folge jeglichen Anspruch auf Authentizität abzusprechen, wäre jedoch zu einfach gedacht, denn wie sehr viele Dinge im Leben, ist auch dieser Sachverhalt nicht schwarz oder weiß. Es handelt sich viel mehr um eine graue Masse „raffinierte[r] Hybride“ (Richard, 2014, S. 47) die Sein und Schein vermengen und sich, wenn überhaupt, nur durch ein erhebliches Maß an Medienkompetenz wieder entwirren lassen. Erschwert wird diese Aufgabe sowohl für den Forschenden, als auch für das Subjekt und dessen Umwelt, durch die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft „die Rolle, die man spielt, und das Selbst, das man ist, in einer gewissen Weise gleichgesetzt [werden], und diese Selbst-als-Rolle wird meist als etwas gesehen, das im Körper seines Besitzers zu Hause ist“ (Goffman, 2015, S. 230). Das bedeutet nichts anderes, als dass man für sein Gegenüber ist, was man vorgibt zu sein. Dabei versucht das Subjekt diesen Eindruck sowie dessen Interpretation - bewusst oder unbewusst - zu kontrollieren und dadurch das bei Anderen entstehende Bild von der eigenen Person zu modellieren (Goffman, 2015, S. 7-8). Auf diese Inszenierung des Selbst wird nun im weiteren Verlauf näher einge- gangen.

2.2.2 Gründe der Selbstdarstellung und mögliche Strategien

Das Herausbilden einer Identität birgt für das Subjekt einiges an Konfliktpotential. Wie bereits gezeigt wurde, spielt die Innenorientierung im Bezug auf die eigene Persönlichkeit für den modernen Menschen eine zentrale Rolle. Zugleich gilt es jedoch auch die eigene Person anhand „sozial nachgefragte[r] Selbstdar- stellungen, die zugleich individuelle Differenzen markier[en]“ auszurichten, denn „[g]efordert ist eine publikumswirksame, theatrale Form der Selbstpräsentation, die sich ›auszahlt‹“ (Bublitz, 2010, S. 114). Auszahlen ist hier nicht wortwörtlich im monetären Sinn zu verstehen, auch wenn das ein Nebeneffekt sein kann. Viel mehr hat sich im postindustriellen Informationszeitalter eine „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ herausgebildet, die der Aufmerksamkeit als knappes und umkämpftes Gut einen hohen Stellenwert zuschreibt (Franck, 1998, S. 50). Auf jene und andere Interdependenzen zwischen Ökonomie und Identitätsbildung geht der nächste Unterpunkt weiter ein. Zunächst aber zurück zur Selbstdarstellung. Inszenierungen werden hierbei als „absichtsvoll eingeleitete oder ausgeführte sinnliche Prozesse [begriffen], die vor einem Publikum dargeboten werden und zwar so, daß [sic!] sich eine auffällige spatiale und temporale Anordnung von Elementen ergibt, die auch ganz anders hätte ausfallen können“ (Seel, 2001, S. 51). Teil dieser Inszenierung ist das Spielen einer „Rolle“. Da dieser Begriff in der Literatur extrem allgemein und vage verwendet wird, soll dieser nun im Hinblick auf die vorliegende Thematik umrissen werden. Als Rolle wird dahingehend „die Gesamtheit der kulturellen Muster bezeichne[t], die mit einem bestimmen Status verbunden sind“ und „Einstellungen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen, die einem jeden Inhaber dieses Status von der Gesellschaft zugeschrieben werden“, beinhalten (Linton, 1973, S. 311). Sie äußert sich vornehmlich durch Status- symbole wie beispielsweise Kleidung oder Benehmen und kommuniziert dadurch das „Innehaben“ der Rolle nach außen hin (Goffman, 1973, S. 97). Dabei ist es für das „Funktionieren“ der Rolle von erheblicher Bedeutung, dass der Akteur gegenüber den rollenspezifischen „Rollenpartnern“ nicht „aus der Rolle fällt“ um diese konsistent und glaubhaft zu präsentieren (Goffman, 1973, S. 98). Jeder Mensch verfügt in der Regel über mehr als eine Rolle, da er in verschiedenen sozialen Systemen und Schemata agiert, wodurch eine Adaption des eigenen Verhaltens vorteilhaft oder sogar verpflichtend für das Gelingen von zwischen- menschlicher Interaktion ist (Schroer, 2006, S. 63). Für das Individuum ist dieses, beinahe schizophren anmutende, Verhalten völlig selbstverständlich. Proble- matisch wird es nur dann, wenn Personen situationsbedingt von einer „Rollen- Kohorte“ in eine andere wechseln und entdecken, dass das, was sie für eine Person gehalten haben, nur ein „Teil-Selbst“ war (Schroer, 2006, S. 64). So ist natürlich die Überraschung groß, wenn sich der liebevolle Kindergärtner als Kopf eines Kinderporno-Rings entpuppt, oder die nette Nachbarin von nebenan ihre Kinder misshandelt. Diese „Teil-Selbste“ rücken die eigene Persönlichkeit meist in ein besseres Licht, um die Bewunderung Anderer auf sich zu ziehen, können aber auch Selbstentwürfe umfassen, die absichtlich Ablehnung erzeugen sollen (Schorb, 2009, S. 90), wie beispielsweise die Inszenierung exzessiven Drogen- konsums oder Gewalthandlungen (Hurrelmann et al., 1985, S. 111-112). Diese Splitterpersönlichkeiten dienen dabei nicht immer nur der Kommunikation und Erklärung der eigenen Einstellung, teilweise werden diese sozusagen als Rätsel aufgegeben, um eine Thematisierung der eigenen Person durch Andere zu erreichen (Schroer, 2006, S. 63). Mit am augenscheinlichsten ist dieses Phänomen bei Persönlichkeiten der Regenbogenpresse oder in den „Trash- Talkshows“ der 90er Jahre zu beobachten, wo ein Skandal den anderen jagt, nur zum Zwecke der Generierung von Aufmerksamkeit und um „im Gespräch zu bleiben“. Der Entschluss zur Annahme einer Rolle kann dabei seitens des Individuums freiwillig erfolgen, es ist jedoch durchaus auch im Bereich des Möglichen, dass jene diesem unfreiwillig und vielleicht zu Unrecht, zum Beispiel aufgrund von Fehlinterpretationen seitens der Mitmenschen, zugeschrieben wird. Ein aktives Gestalten der eigenen Darstellungen kann den Fokus dabei sowohl auf das Innenleben der Person legen und sich in der Folge mit Gefühlen, Werten und Lebenszielen beschäftigen, als auch eher an der Außenwelt ausgerichtet sein und dadurch die Beeinflussung von Alltag, Lebensumfeld sowie Interessen zum Ziel haben (Richter-Reichenbach, 2011, S. 72). Dafür stehen im 21. Jahrhundert „kaum mehr zu überblickende Deutungsangebote, Sinnlieferanten und Weltbilder“ (Schroer, 2006, S. 53) zur Verfügung, die es zu deuten, im Hinblick auf die eigene Persönlichkeit einzuordnen und zu präsentieren gilt.

2.2.3 Produkt Persönlichkeit? Gründe und Strategien der Selbstvermarktung

Eines der dominantesten Konzepte das 21. Jahrhunderts ist der Kapitalismus. Für den modernen Menschen ist der Einfluss des Marktes auf seinen Alltag zur selbstverständlichen Normalität geworden. Wo man hinsieht, versuchen Unter- nehmen die Aufmerksamkeit der Masse auf sich zu ziehen und in Profit umzuwandeln. Lukrative Massenware an eine Generation von Individualisten abzusetzen, von denen keiner so sein will wie der Andere, klingt zunächst nach einem Ding der Unmöglichkeit, aber die Werbeindustrie weiß damit umzugehen. So ist es zu einer allgemein gängigen Praxis von Unternehmen geworden, den Zuwachs an Individualität, den das Produkt für das Individuum bedeutet, zu betonen (Schulze, 2001, S. 578-579), wie folgende Werbebotschaft des Auto- herstellers „smart“ beispielhaft verdeutlichen soll:

Anders als andere zu sein, ist nicht immer ganz einfach - und mitunter ganz schön anstrengend. Es kann aber auch ganz einfach sein und jede Menge Spaß machen. Denn mit smart BRABUS tailor made können Sie ein Auto fahren, das wirklich anders ist. Genau wie Sie (smart, 2011).

Mit hoher Wahrscheinlichkeit bedient der Markt durch dieses Verhalten nicht nur den Wunsch der Konsumenten, etwas Besonderes zu sein, sondern verstärkt diesen, mithilfe von repetitiv-persuasiver Kommunikation, noch zusätzlich. Dabei beschränkt sich diese Logik nicht mehr allein nur auf Produkte. Auch auf Menschen lastet der erhöhte Zwang sich zu vermarkten, indem sie die Selbst- erfüllung im Konsum suchen und diesen Lebensstil in Form von medialer Inszenierung ausdrücken (Reichert, 2008, S. 60). Dabei gilt: je individueller, desto besser vermarktbar (Bublitz, 2010, S. 170) und rückt somit „das Selbst als massenhaft herstellbares und zugängliches ›Kunstwerk‹, dessen konstitutives Merkmal die Medienpräsenz und der Kampf um die Be(ob)achtung bildet, ins Zentrum der Aufmerksamkeit“ (Bublitz, 2010, S. 173). Der eigene Lebenslauf entwickelt sich dadurch zu einem nie final abschließbaren Projekt, das sich unter anderem in der Form des Weblogs oder Blogs widerspiegelt, der sich durch die kontinuierliche Aktualisierung stets „im Aufbau“ befindet und nicht fertig gestellt werden kann (Reichert, 2008, S. 49-50). Diese Tendenzen beschränken sich längst nicht mehr nur auf das „private“ soziale Umfeld. Auf dem Arbeitsmarkt wird heute das Herausbilden einer unverwechselbaren „Ich-Marke“ fast schon zur Voraussetzung für Erfolg (Teske, 2014, S. 26), was zur Folge hat, dass das „Privatleben“ zusammen mit Inszenierungen des eigenen Körpers sowie Fähigkeiten mithilfe einer optimierten Selbstführung vermarktet wird (Bublitz, 2010, S. 177). So werden Persönlichkeiten gesucht, die sich mit ihrer Arbeit identifizieren und sich darin selbst verwirklichen wollen (Burkart, 2006, S. 32), da unmotivierte Arbeiter in der Regel weniger leisten, als die, die für ihre Arbeit „brennen“. Dieses, an der Profitmaximierung ausgerichtete, Vorgehen begünstigt die Entstehung eines „Arbeitsmarktes der Selbstverbieger“ auf dem es belohnt wird, kein wahrhaftiges Selbst zu haben, beziehungsweise dieses verbergen oder zumindest hinten anstellen zu können (Reichert, 2008, S. 83). Stattdessen ist eine flexible Persönlichkeit vom Vorteil, die sich den Anforderungen des jeweiligen Arbeitgebers anpasst, aber dennoch immer den Schein der Authentizität aufrecht erhält (Reichert, 2008, S. 83).

Speziell in der „Blogosphäre“ - also dem virtuellen „Raum“ in dem sich alle Blogger bewegen - gibt es noch weitere Entwicklungen, die, beeinflusst durch den Markt, Selbstinszenierungen begünstigen. Im Gegensatz zum Fernsehen oder anderen Medien genießen YouTube-Videos, aufgrund der oft niedrigeren Produktionsqualität und der Tatsache, dass es sich um „Amateur-Content“ handelt, den Ruf einer hohen Authentizität (Strangelove, 2010, S. 64-65). Schnell haben Marketing-Abteilungen weltweit dieses Potential für Produktwerbung erkannt und begonnen, es für ihre Zwecke nutzbar zu machen, denn „[n]othing is more credible than real experiences from real people“ (Bakker, 2008). Wenn man sich heute erfolgreiche YouTube-Videos ansieht, wie zum Beispiel jene von Bianca Heinicke auf ihrem Kanal „BibisBeautyPalace“, einem der meistabonnierten deutschen YouTube-Kanäle (Socialblade, 2017), gehört es dabei völlig zur Normalität, dass dort Produkte angepriesen und Kaufempfehlungen ausgesprochen werden2. Diese Art von Werbung erfolgt meist als Kooperation zwischen Firmen und YouTubern, die damit Geld verdienen, jedoch veröffentlichen manche, meist unbekanntere, Blogger auch unentgeltliche Produkttest. Dies führt laut Strangelove (2010, S. 182) zu einer „transformation of capitalism into a better way of creating and consuming“ also sozusagen eine „Win-Win“ Situation, da die YouTuber ihr Hobby zum Beruf machen können und der Konsument Werbung nicht mehr so sehr als störend empfindet. Ob diese positive Sichtweise tatsächlich zutrifft, oder ob es sich hierbei lediglich um glorifizierte halblegale Schleichwerbung unter dem effizienten Deckmantel der Schein-Authentizität handelt, sei an dieser Stelle dahingestellt. Tatsache ist allerdings, dass jeden Tag mehr Inhalte ins Internet geladen werden, wobei die überwältigende Mehrheit kaum beachtet wird, während ein kleiner Kern den Löwenanteil an Aufmerksamkeit kumuliert (Reichert, 2008, S. 61). Diese erhält innerhalb der Logik des Internets nur, „was ›bedeutend‹, ›neu‹, ›faszinierend‹ oder von der Normalität abweichend ist“ (Reichert, 2008, S. 64) und verleiht dem Content erst durch Klick-Zahlen, Likes und Ähnliches Relevanz und in der Folge Wert (Reichert, 2008, S. 63). Diese statistischen Quantitäten sind dabei nicht nur für das Individuum von Relevanz, auch die Plattformen, auf denen der Content veröffentlich wird, haben ein großes Interesse daran, diese zu maximieren. Viele Menschen glauben, dass sie die Kontrolle über YouTube haben, dass es ihre eigene Welt ist und sie unabhängig darin agieren können, übersehen jedoch, dass es sich eher um eine Art Lehnswesen handelt, bei der die Plattform die Voraussetzungen zur Verfügung stellt um „Früchte“ anzubauen und sich bei der „Ernte“ den Großteil selbst einbehält, während andere den Hauptteil der Arbeit erledigen (Strangelove, 2010, S. 191). Durch die interpersonelle Konkurrenz um die individuellsten Persönlichkeitsentwürfe besteht ein ständiges Bedürfnis nach „neuen Identitätsmustern, an frischer symbolischer Ware“ (Winter & Eckert, 1990, S. 149), weswegen YouTube und überhaupt alle Massenmedien stets darauf bedacht sind, diese zu Tage zu fördern, um die dadurch generierte Aufmerksamkeit, in Form von Werbegelder, in Profit umzuwandeln.

Exemplarisch hierfür, soll folgendes Video angeführt werden, bei dem die Protagonistin ihren Zuschauern zahlreiche Artikel der Drogeriekette dm präsentiert (BibisBeautyPalace, 2015).

2.3 Der Vlog als neue Form der Identitätsarbeit

Ob gewollt oder nicht, „Lifelogging“ - was übersetzt so viel wie Lebensproto- kollierung bedeutet - ist fester Bestandteil unseres Lebens geworden (Selke, 2016, S. 1). Einerseits wird jeder einzelne Mensch, oft ohne dessen Wissen, nach dem Credo „Daten sind das neue Öl“ von Unternehmen und dem Staat kategorisiert, klassifiziert und analysiert. Andererseits zeichnet sich zusätzlich ein Trend zu freiwilligen Selbstvermessung ab, zu denen auch das Blogging zählt. Ein Blog - kurz für Web Log - ist ein „elektronisches Tagebuch im Internet. Typische Anwendung des Web 2.0. Im Gegensatz zu einer persönlichen Homepage, die eine Art Visitenkarte des Betreibers darstellt, handelt es sich bei einem Blog um ständig aktualisierte und kommentierte Tagebuchbeiträge“ (Gabler Wirtschafts- lexikon, 2017). Dieser unterscheidet sich vom „Vlog“ - also ein Video Log - lediglich durch das Medium, das von der Schrift zum Bewegtbild wechselt (Cambridge Dictionary, 2017). Die Gründe große Teile seines Privatlebens im Internet frei zugänglich zu machen sind dabei mannigfaltig. Diese werden nun, auf Basis der im Verlauf dieser Arbeit akkumulierten Grundlagen, zuerst im Hinblick auf das Bloggen im Allgemeinen ergründet und später auf den Spezialfall des Vloggens auf YouTube eingegrenzt.

2.3.1 Surfst du noch oder bloggst du schon?

Diesbezüglich gilt es zuallererst das Motiv des Tagebuchs näher zu beleuchten. Ein solches meint im Allgemeinen einen, meist nicht final abschließbaren, Bericht eines einzelnen Subjekts, der vornehmlich alltägliche Geschehnisse und Gedanken behandelt, generell jedoch jede denkbare Thematik enthalten kann (Boerner, 1969, S. 11). Charakteristisch ist die Einteilung in getrennte Zeitabschnitte, die in der Regel, aber nicht zwangsläufig, einen Tag umschließen, wobei eine gewisse Regelmäßigkeit des Eintrags typisch, jedoch wiederum nicht mandatorisch ist (Boerner, 1969, S. 11). Dabei kann die eigene Identität im Tagebuch nicht nur repräsentiert, sondern auch retrospektiv konstruiert werden, indem die, für deren Aushandlung notwendigen Teil-Selbste, sowie die verschie- denen Rollen anderer Menschen mit etwas Abstand zum Geschehen analysiert und interpretiert werden (Strangelove, 2010, S. 69). Dieses Verhalten liegt in einer tiefen Sehnsucht der einzelnen Individuen begründet, Ordnung und Stabilität in ihren, besonders durch die postmoderne Gesellschaft fragmentierten und unsicheren, Leben herzustellen (Boerner, 1969, S. 63).

[...]


[1] Der Teil des Gehirns, auch Großhirn genannt, der unter anderem für die Verarbeitung visueller Reize zuständig ist (Shepherd, 2010).

Details

Seiten
89
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668628489
ISBN (Buch)
9783668628496
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388720
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Schlagworte
Identität Identitätsarbeit Persönlichkeit Persönlichkeitsentwicklung YouTube Vlog Identitätskonstruktion Moto-Vlog V-Log Selbstdarstellung Selbstausdruck Selbstvermarktung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: "Me, Myself and I". Identitätsarbeit im Internet in Form von Moto-Vlogs