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Die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt. Wie können Unternehmen Integrationsbarrieren überwinden?

Bachelorarbeit 2017 49 Seiten

Führung und Personal - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Vorgehensweise

2 Konzeptionelle und definitorische Grundlagen
2.1 „Der Flüchtling“: Begriffsbestimmung und rechtliche Stellung in Deutschland
2.2 Integration aus migrationssoziologischer Sichtweise:
2.3 Bedeutung der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen

3 Dimensionsanalyse der Integrationsbarrieren
3.1 Barrieren auf individueller Ebene
3.2 Barrieren auf Unternehmensebene
3.3 Barrieren auf interkultureller Ebene

4 Diskussion
4.1 Überwindung der Sprachbarriere
4.2 Überwindung unternehmensinterner Barrieren
4.3 Überwindung der Qualifikationsvermittlungsbarriere

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungen

Tabellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

„Kaum ein Thema beherrscht derzeit die deutsche Medienlandschaft so intensiv wie das der Integration von Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft und den deutschen Arbeitsmarkt“ (Rump & Eilers, 2017, S. 201). Die Meinungen über die Bewältigung dieser Aufgabe innerhalb der deutschen Bevölkerung gehen dabei auseinander. Auf die Frage, ob Deutschland die Herausforderungen durch die Aufnahme von Flüchtlingen bewältigen wird, antworteten im August 2016 34,6 Prozent der Befragten mit ’Ja, ganz sicher’ oder ’Eher ja’ und 34,4 Prozent mit ’Nein, ganz sicher nicht’ oder ’Eher nicht’ (Abb. 1). Einig, mit 84 Prozent, sind sich die Bürger nur darin, dass der Staat dafür sorgen sollte, dass Flüchtlinge in Deutschland schnell arbeiten dürfen (Thränhardt, 2015, S. 2).

Zur Integration von Flüchtlingen in eine Gesellschaft gibt es in der Migrationssoziologie viele Modelle und Theorien. Die Dimensionen sind vielfältig und der Prozess komplex. Übereinstimmung herrscht allerdings, wenn es um die Bedeutung der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen geht. Die Erwerbstätigkeit von Flüchtlingen geht weit über den reinen Selbstzweck hinaus. Gronwald (2015) fasst dies wie folgt zusammen: „Die Integration in den Arbeitsmarkt – daran wird sich zeigen, ob Deutschland die Verantwortung für Hunderttausende Flüchtlinge bewältigt. Nur so haben Asylsuchende eine echte Perspektive auf ein neues Leben. Nur so wird es langfristig ein friedliches Miteinander geben. Am Arbeitsmarkt entscheidet sich, ob die Gesellschaft die Jahrhundertaufgabe löst – oder daran scheitert.“

Barrieren bei der Arbeitsmarktintegration gibt es derzeit allerdings noch viele. Lange Wartezeiten in Anerkennungssystemen (Thränhardt, 2015, S. 6) zum Beispiel lähmen die Initiative der Flüchtlinge genauso, wie komplexe Gesetzeslagen, die Rechtsunsicherheiten bei den einstellungswilligen Unternehmen auslösen (IHK Frankfurt am Main, 2017).

Trotz alledem stehen Unternehmen und Wirtschaftsverbände einer zügigen Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen offen gegenüber. Besonders im Mittelstand ist das Interesse groß (Aumüller, 2016, S. 30). Laut Ernst & Young würden 75 Prozent der Unternehmen Flüchtlinge einstellen oder haben dies bereits getan (Abb. 2). Diese positive Einstellung ist wichtig, denn zusätzlich zur Politik, die vor allem Integrationsprozesse erleichtern soll, kann auch der private Sektor durch Ausbildung und Beschäftigung von Flüchtlingen einen entscheidenden Beitrag leisten (Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) & United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR), 2016, S. 1).

Zwar sind die von Flüchtlingen mitgebrachten Qualifikationen und Erfahrungen nicht exakt deckungsgleich mit den Anforderungen deutscher Unternehmer, allerdings ließen sich auch neue Berufszweige entwickeln (Ternès, Zimmermann, Herzog & Udovychenko, 2017, S. 65).

Die Motivation der Unternehmen ist dabei ganz unterschiedlich. Die Arbeitgeber erhoffen sich vor allem neue Perspektiven, die eingestellte Flüchtlinge mit in ihr Unternehmen bringen können (Rump & Eilers, 2017, S. 210). Weitere Einstellungsgründe liegen im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung oder zielen auf eine Abmilderung eines bestehenden oder zu erwarteten Arbeitskräftemangels ab (OECD, 2017, S. 35).

1.2 Zielsetzung

Ziel dieser Arbeit ist es, relevante Integrationsbarrieren, die es aus Unternehmensperspektive bei der Einstellung von Flüchtlingen zu beachten gilt, systematisch zusammenzutragen und in verschiedene Dimensionen einzuteilen. Ausgewählte, von den Unternehmen zu überwindende Barrieren, werden analysiert. Im Anschluss daran werden Lösungsmaßnahmen für Unternehmen zur Überwindung der analysierten Barrieren aufgezeigt und Praxisbeispiele von Unternehmen vorgestellt, die bereits Wege zum Überwinden dieser Barrieren gefunden haben.

1.3 Vorgehensweise

Zunächst werden in Kapitel 2 die konzeptionellen und definitorischen Grundlagen dieser Thesis erläutert. Der Begriff Flüchtling wird definiert und die rechtliche Stellung in Deutschland dargestellt. Im Anschluss daran wird der allgemeine Prozess der Integration anhand des Integrationsmodells von Hartmut Esser erläutert. Kapitel 2.3 beschreibt schließlich die besondere Bedeutung der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen auf individueller, ökonomischer und fiskalischer Ebene.

In Kapitel 3 wird eine Dimensionsanalyse der Integrationsbarrieren durchgeführt. Hierbei liegt der Fokus auf den drei Barrieren, die Unternehmen aus eigener Kraft überwinden können und auf individueller Ebene, auf Unternehmensebene oder auf interkultureller Ebene liegen.

Im folgenden Diskussionsteil werden die analysierten Barrieren aus Teil 3 aufgegriffen und Lösungsansätze zur Überwindung dieser Hürden von Seiten der Unternehmen aufgezeigt. Ebenfalls werden Praxisbeispiele angeführt, die zeigen sollen, wie andere Unternehmen in der Vergangenheit diesen Rahmenbedingungen begegnet sind.

Am Ende dieser Arbeit folgt das Fazit mitsamt meiner persönlichen Einschätzung.

2 Konzeptionelle und definitorische Grundlagen

2.1 „Der Flüchtling“: Begriffsbestimmung und rechtliche Stellung in Deutschland

Der Begriff Flüchtling ist eindeutig definiert und wird doch häufig im alltäglichen Sprachgebrauch falsch verwendet. Demzufolge drängt sich eine kurze Definition des Begriffs Flüchtling und eine Erklärung auf, über welche Personen in dieser Thesis geschrieben wird.

Gemäß Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) von 1951 gilt als „Flüchtling“ eine Person, die „ ... aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will ...“ (Vereinte Nationen, 1951, S. 6).

Dies bedeutet allerdings nicht, dass Personen, die keinen Flüchtlingsschutz gemäß der GFK bzw. nach § 3 Abs. 1 Asylgesetz (AsylG) genießen, keinen, zumindest temporären Schutz in Deutschland erhalten können. Es besteht weiterhin die Möglichkeit als Asylberechtigter nach Art. 16 a Abs. 1 Grundgesetz anerkannt zu werden, subsidiären Schutz gemäß § 4 Abs. 1 AsylG zu erhalten, oder einem Abschiebeverbot laut § 60 Abs. 5 Aufenthaltsgesetz (AufenthG) zu unterliegen. Asylberechtigte haben in ihrem Heimatstaat schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen von Seiten des Staates selbst zu befürchten. Aus diesem Grund wird oft von „politisch Verfolgten“ gesprochen (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), 2014, S. 18 ff.).

Im weiteren Verlauf dieser Thesis wird der Begriff „Flüchtling/e“ nun stellvertretend für die gemäß GFK anerkannten Flüchtlinge und für Asylberechtigte verwendet, da der Rechtsstatus und die damit einhergehenden Rechtsfolgen identisch sind (BAMF, 2014, S. 21). Natürlich umfassen der Begriff „Flüchtling“ sowie alle anderen Alternativbegriffe immer sowohl weibliche als auch männliche Flüchtlinge.

Nach offizieller Anerkennung als Flüchtling in Deutschland bekommen die Antragsteller eine zunächst drei Jahre gültige Aufenthaltserlaubnis zugesprochen. Nach diesen drei Jahren wird der Antrag sowie die zugrundliegende Gefährdungslage erneut geprüft. Wenn der Fluchtgrund weiterhin besteht, wird eine unbefristete Niederlassungserlaubnis ausgesprochen. Bereits ab dem Zeitpunkt der Anerkennung stehen Flüchtlingen grundsätzlich die gleichen Sozialleistungen wie deutschen Staatsbürgern zu. Des Weiteren besteht uneingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt, der Familiennachzug wird deutlich erleichtert und es besteht ein Anspruch auf die Teilnahme an einem Integrationskurs (BAMF, 2014, S. 44f.). Integration gelingt allerdings nicht nur durch solche Kurse. Die Aspekte, die in der migrationssoziologischen Theorie für eine erfolgreiche Integration wichtig sind, werden im nächsten Kapitel behandelt.

2.2 Integration aus migrationssoziologischer Sichtweise:

Das Modell von Hartmut Esser

Zum Thema Integration gibt es in der Wissenschaft unzählige Modelle. Der in der deutschen Sozialforschung wichtigste Ansatz stammt dabei von Hartmut Esser (Gestring, 2014, S. 82).

Esser definiert Integration allgemein als „Zusammenhang von Teilen in einem systemischen Ganzen“ (2001, S. 72). Der Gegenbegriff dazu sei die Segmentation der Teile, also „autonome, nicht aufeinander bezogene Einheiten“. Zudem sei die Grundlage jeder Integration die Interdependenz der Teile, also ihre wechselseitige Abhängigkeit (Esser, 2001, S. 72f.).

Wie bereits die Definition des Begriffs andeutet, sind stets zwei Einheiten beteiligt. Das System als Ganzes und die Teile aus dem es besteht. Daraus abgeleitet entwickelte Esser, aufbauend auf Untersuchungen des britischen Soziologen David Lockwood, zwei Sichtweisen des Integrationsbegriffes, die System- und die Sozialintegration (Esser, 2001, S. 3). Die Systemintegration befasst sich mit der „Integration des Systems einer Gesellschaft als Ganzheit“ (Esser, 2001, S. 3), die Sozialintegration hingegen fokussiert die Individuen hinsichtlich der Frage, wie diese als Neuankömmlinge mit dem bestehenden System rechtlicher, kultureller und sozioökonomischer Beziehungen verknüpft werden können (Heckmann, 2015, S. 70).

Im folgenden Abschnitt wird ausschließlich der Aspekt der Sozialintegration erläutert, da es dort um den Einbezug der Teilnehmer in die Gesellschaft geht. Die Systemintegration hingegen wird über „anonyme, nicht an identifizierbare, einzelne Personen unmittelbar gebundene Mechanismen gesichert“ (Esser, 2001, S. 6). Diese sind für diese Arbeit allerdings irrelevant.

Esser unterscheidet in seinem Modell vier Dimensionen der Sozialintegration. Die Dimensionen heißen Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation. Kulturation umfasst nötiges Wissen und Kompetenzen, dass die Akteure zum erfolgreichen Interagieren in der neuen Umgebung besitzen müssen. Darunter fällt typischerweise auch der Spracherwerb. In dieses Humankapital können Migranten investieren, um für andere Akteure interessant zu werden (Esser, 2001, S. 8f.). Platzierung, als zweite Dimension, bedeutet allgemein gesprochen, die Besetzung einer bestimmten gesellschaftlichen Position durch einen Teilnehmer. Bedeutende Formen der sozialen Integration innerhalb der Platzierung sind zum Beispiel die Verleihung der Staatsbürgerschaft und des Wahlrechts, Einnahme einer beruflichen Position, meist nach Durchlaufen eines vorherigen Bildungswegs, und die Möglichkeit soziale Beziehungen zu anderen Personen aufzubauen und zu unterhalten (Esser, 2001, S. 9).

Die Interaktion ist gemäß Esser eine Spezialform des sozialen Handelns. Gekennzeichnet ist sie durch eine wechselseitige Orientierung der Teilnehmer. Dadurch bilden sich Relationen untereinander, welche wiederum zu einer Integration in soziale Beziehungen wie Freundschaften, Nachbarschaften oder eine eheliche Beziehung führen können (Esser, 2001, S. 10f.). Durch solche Interaktionen kommt es laut Esser letztendlich zu einer Platzierung „in den alltäglichen, nicht-formellen und nicht in Märkten verankerten Bereichen der Gesellschaft“ (2001, S. 11). Die letzte Stufe, die Identifikation, beschreibt die kognitive und emotionale Bindung eines Teilnehmers mit dem System, zu dem er sich zugehörig fühlt. Ausdrücken kann sich dies u.a. in einer Art „Wir-Gefühl“ hinsichtlich der Gesellschaft bzw. hinsichtlich der anderen Mitglieder einer Gruppe (Esser, 2001, S. 12).

Zwischen den vier Dimensionen herrschen einige kausale Zusammenhänge. Eine Identifikation mit der Gesellschaft wird typischerweise nur dann stattfinden, wenn die Zugehörigkeit zu dieser als vorteilhaft erlebt wird. Voraussetzung dafür ist u.a. eine positiv erlebte Einbettung in die sozialen Gefüge. Davor müssen allerdings zunächst die kulturellen Fähigkeiten, vor allem sprachlicher Natur, gegeben sein. Dies setzt wiederum eine entsprechende Platzierung auf anregenden Positionen innerhalb der Gesellschaft voraus (Esser, 2001, S. 17). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „[d]er Schlüssel zu jeder nachhaltigen Sozialintegration, auch in Hinsicht auf Interaktion und Identifikation, ... die Plazierung [ sic ] der Akteure auf möglichst zentrale und daher für im Prinzip alle Akteure interessanten Positionen [ist] und die damit in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis verbundene Kulturation“ (Esser, 2001, S. 17).

Zu solchen Positionen zählt, wie oben erwähnt, auch die Stellung auf dem Arbeitsmarkt. Welche Bedeutung eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen für die Menschen selbst, die deutsche Ökonomie und auf die Staatsfinanzen hat, wird im nächsten Kapitel ausführlich diskutiert.

2.3 Bedeutung der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen

2.3.1 Individuelle Ebene

Erwerbstätigkeit bedeutet für den Großteil der Flüchtlinge mehr als nur ein geregeltes Einkommen. Seit der ersten Anwerbung von Gastarbeitern lautet das inoffizielle deutsche Integrationsmodell: „Integration durch Arbeit und soziale Rechte“ (Laschet, 2007, S. 1). Der Arbeitsplatz ist der Ort, an dem Integration am besten funktioniert. Dort kommen Flüchtlinge in Kontakt mit Kollegen und gehen einer gemeinsamen Aufgabe nach (Laschet, 2007, S. 2). Somit kann Arbeit der ethnischen und sozialen Segregation entgegenwirken, die sich oft nachteilig auf Karrierechancen der Einzelnen außerhalb des eigenen Viertels und die kulturelle Integration in die neue Gesellschaft auswirkt (Häußermann & Siebel, 2001, S. 89).

Da die meisten Stellen in Deutschland weiterhin über persönliche Kontakte vergeben werden (Brenzel et al., 2016, S. 2), können Einstellungen von Flüchtlingen auch zu einer Art ,,Schneeballeffekt“ führen. Sobald persönliche Beziehungen zu Kollegen aufgebaut wurden oder Geflüchtete positive Erfahrungen in einem Unternehmen gemacht haben (Flake, Jambo, Pierenkemper, Placke & Werner, 2017, S. 9) können dadurch gegebenenfalls arbeitssuchende Freunde oder Bekannte vermittelt werden.

Erwerbsarbeit hat allerdings noch weitere, entscheidende Auswirkungen auf Flüchtlinge. Arbeit ist in Deutschland eine der notwendigen Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens (Heckmann, 2015, S. 95). „Über die Erwerbsarbeit erwirbt man sich gesellschaftliches Ansehen und eine soziale Stellung.“ (Walbrecht, 2010, S. 10) Zudem führt Arbeit durch den hohen Stellenwert, die sie in unserer Gesellschaft besitzt (Walbrecht, 2010, S.10), zu Selbstbewusstsein und gesteigertem Selbstwertgefühl bei den Flüchtlingen selbst (Laschet, 2007, S. 3). Integration in eine Beschäftigung, die Normalität und Perspektive in das Leben bringt (Thränhardt, 2015, S. 4), ist weiterhin entscheidend für die Würde der Menschen, gerade in Hinsicht auf den Gesundungsprozess, den viele nach den teilweise traumatischen Erlebnissen im Heimatland oder der Flucht durchmachen (Chope, 2014, S. 5f.; [Übersetzung des Verfassers]). Abgesehen von den zuvor genannten gesellschaftlichen und psychologischen Aspekten, sichert der Zugang zum Arbeitsmarkt die finanzielle Unabhängigkeit (Thränhardt, 2015, S. 4) und ein ,,gewisses Maß an Selbstständigkeit“ (Walbrecht, 2010, S. 10).

Das migrationssoziologische Modell von Esser wird damit bestätigt. „Der Zugang zu Arbeit und Einkommen ... bildet über die eigentlichen wirtschaftlichen Aspekte hinaus das Fundament einer gelingenden Integration“ (Laschet, 2007, S. 3) und ein längerfristiger Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt beinhaltet das Risiko der „sozialen Marginalisierung, der Abwärtsmobilität“ (Laschet, 2007, S. 3).

2.3.2 Gesamtwirtschaftliche und fiskalische Ebene

Über das Thema der ökonomischen und fiskalischen Auswirkungen der stark gestiegenen Zuwanderung nach Deutschland wird seit einiger Zeit eine teils kontroverse Debatte geführt. Es halten sich vehement viele Meinungen, die u.a. häufig vom politisch rechten Rand der deutschen Parteienlandschaft geäußert werden. Darunter sind die Ansichten vertreten, dass Flüchtlinge der deutschen Bevölkerung die Arbeitsplätze wegnähmen, das allgemeine Lohnniveau senken und den Staat ausschließlich Geld kosten würden.

Dieses Bild wird auch in Umfragen widergespiegelt. Während die befragten Mittelständler eher positive Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft erwarten (Abb. 3), äußert sich knapp die Hälfte der befragten deutschen Bevölkerung skeptisch darüber (Eisnecker & Schupp, 2016, S. 162).

Die gesamtwirtschaftlichen Folgen der Flüchtlingszuwanderung sind heute nur sehr schwer abzusehen und hängen von vielen Voraussetzungen ab, die von den Flüchtlingen mitgebracht werden. Wichtig hierbei sind vor allem die Altersstruktur, das Bildungsniveau und die Berufserfahrung (Hentze & Kolev, 2016, S. 60). Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass fast zwei Drittel der Asylbewerber des Jahres 2016 männlich und knapp 74 Prozent unter 30 Jahre alt waren (Tab. 1). Dies sind grundsätzlich gute Voraussetzungen, da die Flüchtlinge dadurch mittel- und langfristig helfen können die Überalterung der deutschen Gesellschaft zu mildern und bei entsprechender Ausbildung auch dem Problem des prognostizierten Arbeitskräfteengpasses entgegenwirken können (Wrobel, 2016, S. 16). Der bestehende und sich ausweitende Fachkräftemangel auf dem deutschen Arbeitsmarkt wird durch die große Zahl an Flüchtlingen allerdings nicht abrupt behoben (Hinte, Rinne & Zimmermann, 2015, S. 747). Dies hat vielfältige Gründe. Wenn Flüchtlinge in die Bedarfsanforderungen des deutschen Arbeitsmarkts fallen, ist dies dem Zufall geschuldet, denn das deutsche Asylrecht erlaubt generell keine Auswahl gemäß Arbeitsmarkteignung (Hinte et al., 2015, S. 747). Dies ist der große Unterschied gegenüber Arbeitsmigranten, die in der Regel ,,schneller integrierbar“ (Hinte et al., 2015, S. 747) sind als Flüchtlinge. Des Weiteren zieht es Flüchtlinge eher in wirtschaftlich erfolgreiche Regionen. Dies führt dazu, dass die demografische Ungleichheit und der Fachkräftemangel in wirtschaftlich schwächeren Regionen wohl kaum gemildert wird (Wrobel, 2016, S. 17). Um die positiven Effekte in Bezug auf den Fachkräfteengpass zu verstärken, ist es notwendig, möglichst früh ,,neben den asylrelevanten Daten auch arbeitsmarktrelevante Daten“ (Hinte et al., 2015, S. 751) der Menschen aufzunehmen und somit Potentiale zu entdecken (Hinte et al., 2015, S. 747). Der Fokus muss darauf liegen, innerhalb der Gruppe der Flüchtlinge, Fachkräfte aufzuspüren (Hinte et al., 2015, S. 751).

Die Aussagen, dass Flüchtlinge deutschen Arbeitnehmern die Arbeitsplätze wegnähmen, es also zu einer Art „Verdrängungseffekt“ (Hinte et al., 2015, S. 748) komme und sich automatisch das allgemeine Lohnniveau verringere, lassen sich empirisch nicht bestätigen (Hinte et al., 2015, S. 748). So kam eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit im Jahre 2015 zu dem Ergebnis, dass die Zuwanderung auf lange Sicht kaum Einfluss auf die Arbeitslosenquote und das Lohnniveau in Deutschland haben wird und deutsche Arbeitskräfte sogar gewinnen würden (Brücker, 2015, S. 1). Diese positiven Effekte für die einheimische Bevölkerung zeigen sich auch in einer Untersuchung von Foged und Peri. Sie untersuchten die Auswirkungen der starken Einwanderung von Flüchtlingen in Dänemark von 1990 bis 2008 und fanden heraus, dass die niedrig-qualifizierten dänischen Arbeiter vom Zuzug sogar profitierten. Aufgrund von anfänglichen Sprachbarrieren übten die Flüchtlinge zumeist einfachere Arbeiten aus. Daraus resultierte eine Art „Verdrängung“ der heimischen Arbeiter in bessere und anspruchsvollere Arbeiten und folglich ein höherer Lohn (Foged & Peri, 2016, S. 1ff.).

Außerdem füllen Flüchtlinge oft die vorhandenen Lücken in den Branchen, ,,die für heimische Arbeitskräfte weniger attraktiv sind“ (Hentze & Kolev, 2016, S. 61). Gerade in der Produktion gibt es ein hohes Übereinstimmungspotenzial. In diesem Bereich fehlen 50 Prozent des deutschen Mittelstandes geeignete Bewerber (Abb. 4). Da in diesem Sektor häufig bereits angelernte Fähigkeiten ausreichend sind, ergibt sich eine gute Ausgangsposition für beide Seiten.

Die Implikationen für die Staatsfinanzen und die gesamtwirtschaftliche Entwicklung sind in verschiedenen Untersuchungen modelliert und in Anbetracht verschiedener Annahmen und Entwicklungen getestet worden. Die Simulation des Instituts der deutschen Wirtschaft (Abb. 5) sagt Staatsausgaben in Höhe von fast 29 Milliarden Euro im Jahre 2020 für Flüchtlingsunterbringung und -unterstützung in Deutschland voraus. Ausgehend von rund 18 Milliarden im Jahr 2016 steigt der Betrag vor allem aufgrund des wachsenden Familiennachzugs und der damit verbundenen, höheren Zahl der nicht erwerbstätigen Flüchtlinge (Hentze & Kolev, 2016, S. 67). Gemäß der Simulation (Abb. 6) erhöht sich aber auch das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 um annähernd 30 Milliarden Euro im Vergleich zur hypothetischen Situation ohne Flüchtlingsaufnahme. Die Zahl schwankt um plus-/minus 5 Milliarden Euro, bei Erwägung eines positiveren oder negativeren Verlaufs. Solch eine Entwicklung fußt vor allem auf dem gestiegenen privaten und staatlichen Konsum sowie den höheren Staatsausgaben für Investitionszwecke z.B. in sozialen Wohnungsbau oder Bildung. Der dadurch steigende deutsche Import führt zusätzlich zu einem geringeren deutschen Handelsbilanzüberschuss, da die Importzuwächse die Exportzuwächse überschreiten (Hentze & Kolev, 2016, S. 69f.)

Die wirtschaftliche Entwicklung verläuft also zunächst positiv, bis sie ab einem ungewissen Zeitpunkt durch die steigende Staatsverschuldung gedämpft wird.

Im Hinblick auf die Staatseinnahmen ergeben sich erst langfristig gesehen positive Entwicklungen, nämlich dann, wenn die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt weiter vorangeschritten ist und von ihnen mehr Einkommenssteuer und Sozialabgaben gezahlt werden. Wie stark diese berechneten Effekte allerdings in der Zukunft eintreten, hängt davon ab, wie schnell die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden können und der Ausbau ihres Bildungsniveaus voranschreitet (Hentze & Kolev, 2016, S. 71f.).

Es zeigt sich demnach, dass die schnelle Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen nicht nur für die Menschen selbst eine wichtige Rolle spielt, sondern auch für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung sowie für die Staatsfinanzen eine hohe Relevanz besitzt.

Warum also zurzeit nur in 16 Prozent der deutschen Mittelstandsbetriebe Flüchtlinge arbeiten (Abb. 2) liegt an einer Vielzahl von Barrieren, die es bei der Einstellung und Beschäftigung von Flüchtlingen zu beachten gibt. Diese Barrieren werden im folgenden Kapitel in verschiedene Dimensionen eingeteilt und ausgewählte Barrieren analysiert.

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Details

Seiten
49
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960952541
ISBN (Buch)
9783960952558
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388299
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
Flüchtlinge Integration Barrieren Unternehmen Schwierigkeiten Deutschland Integrationsbarriere Arbeitsmarkt Migration

Autor

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Titel: Die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt. Wie können Unternehmen Integrationsbarrieren überwinden?