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Das Smartphone im Geographieunterricht. Einsatzmöglichkeiten von Smartphone und Smartphone-Apps im Sinne von Mobile Learning

Bachelorarbeit 2017 45 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Relevanz des Themas / Problemstellung
1.2 Aktueller Forschungsstand / Forschungslücke
1.3 Zielsetzung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Definitionen
2.2 Ausstattung zur Handynutzung in und außerhalb der Schule
2.3 Potenziale und Problematiken
2.4 Entwicklung und Anpassung
2.4.1 Entwicklung der Lehrerrolle
2.4.2 Anpassung schulischer Grundlagen
2.5 Effektivität und Erfolgsfaktoren

3. Praktische Umsetzung im Geographieunterricht
3.1 Lernstandskontrollen mit Kahoot!
3.2 Topographie mit MxGeo Pro
3.3 GPS und Geocaching mit Actionbound
3.4 Erweiterte Realität mit wikitude
3.5 GIS mit dem Explorer kennenlernen
3.6 Thematischer Einstieg mit der Grundwasser App
3.7 Auswertung

4. Fazit

5. Zusammenfassung / abstract

6. Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Relevanz des Themas / Problemstellung

Die Digitalisierung, das Internet und immer neuere und leistungsfähigere mobile Endgeräte verändern die Welt grundlegend. Bereits während der Sozialisation geraten Heran­wachsende in Kontakt mit Technik. Dabei fällt vor allem auf, dass Kinder in immer jüngerem Alter zum ersten Mal Erfahrungen mit einem mobilen Endgerät erlangen. Insbesondere Smart-phones kombinieren die vielen Vorzüge der Internetnutzung, Organisation und Flexibilität und sind deshalb zum ständigen Begleiter vieler Jugendlicher geworden. Ständige Erreichbarkeit, nahezu unbegrenzter Zugriff auf Informationen aller Art zu jeder Zeit und an jedem Ort sind nicht nur Begleiterscheinungen einer digitalisierten Gesellschaft, sondern können in allen Lebenslagen durch das Smartphone abgerufen und verfügbar gemacht werden.

Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (=mpfs) erhebt in der reprä­sentativen Studienreihe „Jugend, Information, (Multi-)Media“, hier „JIM" abgekürzt, jährlich die Mediennutzung in Schule und Freizeit von Jugendlichen im Alter von zwölf bis 19 Jahren. Im Jahr 2016 standen Smartphone und Internetzugang demzufolge jeweils in mehr als 97% aller Haushalte in Deutschland zur Verfügung (JIM-Studie 2016, S.6). Die Studie untersucht zudem die Medienbeschäftigung in der Freizeit und stellt so heraus, dass 92% der Jugendlichen das Smartphone täglich in ihrer Freizeit nutzen (JIM-Studie, S.11).

Entgegen der naheliegenden Vermutung bleibt die Schule bei der Handynutzung jedoch weitestgehend ausgeschlossen. Aus schulischer Sicht überwiegen die Gefahren der Handynutzung in der Schule: Cybermobbing oder die Verletzung des Rechts am eigenen Bild führten dazu, dass Handys vielerorts in der Schulordnung verboten wurden. Dadurch bleibt das Potential der mobilen Mini-Computer in der Schule ungenutzt (Gatterer 2013, S.10), dabei bieten Apps die Möglichkeit, das Gerät beliebig zu erweitern und nahezu uneingeschränkt zu nutzen.

Die Entwicklung von Konzepten, die das Smartphone sinnvoll und zielführend in Schule und besonders den Geographieunterricht integrieren, steht noch relativ am Anfang. Die Frage, wie sich der Einsatz moderner Medien auf das Lernen auswirkt, kann deshalb noch nicht abschließend beantwortet werden.

1.2 Aktueller Forschungsstand / Forschungslücke

Zwar ist das Smartphone aus dem Alltag kaum noch wegzudenken, in die Schule hat das Smartphone bisher jedoch kaum oder keinen Einzug gehalten. Da es sich somit um ein sehr aktuelles und junges Forschungsgebiet handelt, ist die das Thema behandelnde Literatur nicht sonderlich umfassend.

Die vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest durchgeführte JIM-Studie erhebt jährlich Daten zur Medienausstattung, Medienbeschäftigung in der Freizeit, aber bietet im Jahr 2016 auch Informationen zur Smartphone-Nutzung im Bezug zur Schule. Demzufolge gibt es in 59% der Schulen überhaupt kein WLAN. (JIM-Studie 2016, S.48).

Neben der Kultusministerkonferenz (=KMK), die sich auf politischer Ebene mit dem Thema Medienbildung auseinandersetzt, befassen sich auch andere pädagogische und didak­tische Werke vorallem mit der Medienbildung. Das Smartphone in der Schule bleibt meist nur Teil der Studien über neue Medien.

Lediglich Gatterer befasst sich mit dem Mehrwert von Smartphones in der Schule. Er behandelt mögliche Problematiken und Potentiale in einer umfassenden Studie für den österreichischen Raum (Gatterer 2013).

„Mobiles Lernen mit dem Handy" (Friedrich, Bachmair, Risch 2011) stellt verschiedene Szenarien der Smartphone-Nutzung in der Schule dar, bezieht sich dabei jedoch nicht aus­schließlich auf den Geographieunterricht. Anwendungsmöglichkeiten des Smartphones im Geo-graphieunterricht beschränken sich hier auf Standard-Anwendungen wie Bild-, Film­und Tonaufnahmen, auch inklusive Geo-Tagging und GPS-Tracking. Haffer und Peter ergänzen diese Möglichkeiten zusätzlich durch das Geocaching.

In der Zeitschrift „Praxis Geographie" veröffentlichte Steinbach 2014 eine übersichtliche Liste verschiedener Anwendungen mit Potential für den Geographieunterricht (Praxis Geographie 2014 (7-8)). Sie werden jedoch nur mit einem didaktischen Kommentar versehen, ohne konkret konzeptualisiert zu werden.

Es lässt sich zwischenzeitlich zusammenfassen, dass es Studien gibt, die sich mit modernen Medien befassen, in denen das Smartphone jedoch immer nur ein Teilaspekt bleibt. Literatur, die sich mit dem Smartphone-Einsatz in der Schule befassen, zeigen entweder allgemeine Möglichkeiten der Handynutzung im Unterricht auf, die nicht im Geographieunterricht anwendbar sind, oder nutzen lediglich Standardanwendungen, ohne das Potential der Vielzahl von Apps zu nutzen.

1.3 Zielsetzung

Angesichts der aufgezeigten Problemstellung und der angesprochenen Forschungs-lücken werden in dieser Bachelorthesis folgende Leitfragen behandelt:

- Wie sind Schulen und Haushalte im Hinblick auf die Smartphonenutzung im Schulunterricht ausgestattet?
- Welche Problematiken und Potentiale bringt der Smartphone-Einsatz mit sich?
- Inwiefern verändert sich die Lehrerrolle durch den Smartphone-Einsatz?
- Kann das Smartphone effektiv für das Lernen verwendet werden?
- Welche Apps lassen sich im Geographieunterricht einsetzen und wie könnte man diese konzeptualisieren?

Im Hinblick auf den schulischen Geographieunterricht sind insbesondere Apps bedeutsam. Die Aufgabe, diese in mögliche Konzepte zu integrieren, wird Teil dieser Arbeit sein. Die Untersuchung, inwieweit das Smartphone in der allgemeinbildenden Schule angewendet werden kann, ist daher Grundlage für die Betrachtung des Themas. Die notwendigen Voraussetzungen wie Ausstattung und Lehrerfortbildung werden dabei thematisiert.

In diesem Zusammenhang wird auch überprüft, ob und welchen Mehrwert das Smartphone für das Lernen hat. Hierbei werden Potentiale und Problematiken gegeneinander aufgewogen und die Effektivität des Smartphones im Unterricht beleuchtet.

Im praktischen Teil der Arbeit werden verschiedene Apps für den Geographieunterricht konzeptualisiert und anschließend anhand ausgewählter Kriterien gegenübergestellt.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Definitionen

- Mobile Learning

Traxler beschreibt „Mobile Learning" als technologiegestütztes Lernen mit mobilen Endgeräten (Traxler 2007, S.1ff). Hierbei hebt er vor allem die Verfügbarkeit und den unbegrenzten Zugang zu Wissen hervor.

Sharples et al. definieren „Mobile Learning" als ortsunabhängiges Lernen und beziehen den Aspekt der Mobilität auf den Lernenden (Sharples et al. 2009, S.234ff).

„Mobile Learning" kombiniert in dieser Arbeit die beiden aufgezeigten Definitionen. Das aus dem Englischen stammende „mobile" spielt auf das Mobiltelefon an und wird hier durch das Smartphone vertreten. Das bedeutet, dass „digitale Medien und digitale Werkzeuge zunehmend an die Stelle analoger Verfahren treten [können]" (KMK 2016, S.8). „Mobile Learning" steht jedoch auch für ortsungebundenes Lernen. Insbesondere im Geographie­unterricht ist dieser Aspekt von besonderer Bedeutung, etwa wenn es um Lernen an außerschulischen Orten geht.

- Effektivität

„Effektivität" bezeichnet in dieser Arbeit den eindeutigen Mehrwert, den das Lernen mit dem Smartphone und der Einsatz von Apps haben. Sie ist also wichtiger Bestandteil zur Erreichung eines vorher gesetzten Ziels - zum Beispiel des Lernziels. Smartphone und Apps sollen subjektiv als Bereicherung für den Unterricht wahrgenommen werden und objektiv zum Erreichen des Lernziels beitragen.

- Medienkompetenz

Feulner beschreibt Medienkompetenz als „eine Grundlage für gesellschaftliche Partizipation" (Feulner 2014, S.6). Sie ist mittlerweile Schlüsselqualifikation und vermittelt „Selbstständigkeit und Teamfähigkeit", aber auch „Entscheidungsfähigkeit und demo­kratische^] Bewusstsein" (Mandl, Reinmann-Rothmeier, Gräsel 1998, S.17).

Die Kultusministerkonferenz führt sechs wesentliche Aspekte der Medienkompetenz auf:

a) Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren
b) Kommunizieren und Kooperieren
c) Produzieren und Präsentieren
d) Schützen und sicher Agieren
e) Problemlösen und Handeln
f) Analysieren und Reflektieren

„Die Länder verpflichten sich dazu, dafür Sorge zu tragen, dass alle Schülerinnen und Schüler [...] bis zum Ende der Pflichtschulzeit die in diesem Rahmen formulierten Kom­petenzen erwerben zu können".

Ziel ist es, „individuelles und selbstgesteuertes Lernen [zu] fördern, Mündigkeit, Identitäts­bildung und das Selbstbewusstsein [zu] stärken sowie die selbstbestimmte Teilhabe an der digitalen Gesellschaft [zu] ermöglichen“ (KMK 2016, S. 15ff).

Da augenscheinlich keine einheitliche Definition von „Medienkompetenz“ existiert, umfasst sie in dieser Arbeit das Wissen über Potentiale und Gefahren moderner Medien und die Fähigkeit, mit Medien umzugehen, und über den Umgang mit modernen Medien kritisch­reflexiv nachzudenken. Darüber hinaus meint „Medienkompetenz“ im Sinne des lebens­langen Lernens jedoch auch jegliche Erfahrung im Umgang mit Medien, die vor oder nach der Schule gemacht wird.

- Mediendidaktik

Didaktik ist eine T eildisziplin der Pädagogik und befasst sich mit der Theorie des Unterrichts und dem Lehren und Lernen in der Schule. Sie schließt auch die Frage nach der Methodik mit ein und spielt somit eine wesentliche Rolle in der Planung des Unterrichts, in den das Smartphone integriert werden soll.

In der Geschichte der Mediendidaktik findet man auch den Grund dafür, dass neue Medien bisher nur zögerlich in die Schule aufgenommen werden. „Maßgeblich ist dafür sicherlich, dass die Schule sich als eigenständige Provinz des Buches und des Fließtexts versteht und dies verteidigt“ (Friedrich, Bachmair, Risch 2011, S.215). Diese Ansicht ist inzwischen jedoch überholt - Medien sollen in die Kultur integriert werden (ebenda, S.216).

Nach Mandl, Reinmann-Rothmeier und Gräsel ist eine neue Lernkultur, „die auf dem Gedanken des lebenslangen Lernens aufbaut“ notwendig, um effektiven Medienunterricht zu gewährleisten (Mandl, Reinmann-Rothmeier, Gräsel 1998, S.17).

Aufgabe der modernen Mediendidaktik ist es also, Medien effektiv zur Unterstützung von Lehr- und Lernprozessen in den Unterricht zu integrieren.

2.2 Ausstattung zur Handynutzung in und außerhalb der Schule

Immer mehr Kinder und Jugendliche kommen immer früher in Kontakt mit mobilen Geräten und dem Internet. Die JIM-Studie veranschaulicht repräsentativ die mediale Ausstattung der rund 6,5 Millionen deutschsprachigen Jugendlichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Entgegen der in der JIM-Studie abgebildeten medialen Ausstattung der Haushaltezeigt Abb. 1 die persönliche Ausstattung der Jugendlichen dargestellt. Mit 95% besitzt fast jeder Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren ein Smartphone. Auch die Möglichkeit, von zu Hause ins Internet zu gehen, ist um zwei Prozentpunkte gewachsen. Gleichzeitig fällt ein wachsender Verzicht bei Laptops und Computern auf, während der Tablet-PC an Beliebtheit gewinnt.

Die geschlechterspezifischen Unterschiede sind nicht signifikant. Betrachtet man jedoch die Verfügbarkeit im Altersverlauf, so wird deutlich, dass Computer/Laptops mit steigendem Alter deutlich häufiger vorhanden sind (12 Jahre: 45%, 19 Jahre: 86%). Eine ebenfalls häufigere Verfügbarkeit von Computern/Laptops lässt sich bei Jugendlichen mit formal höherer Bildung feststellen (JIM 2015, S.7f. und JIM 2016, S.7f.).

Das Angebot an Optionen zur Freizeitgestaltung für Jugendliche wird von Jahr zu Jahr umfassender. Der JIM-Studie zufolge verabreden sich 73% der Jugendlichen regelmäßig[1] mit Freunden. 69% sind in der Freizeit sportlich aktiv, 21% musizieren mehrmals pro Woche (JIM 2016, S.11f.).

Das Smartphone hat mittlerweile deutlich Einzug in die Freizeitgestaltung erhalten. Ob das Smartphone beispielsweise bei den Verabredungen mit Freunden zum Einsatz kommt, geht aus der Studie nicht hervor. 92% der Jugendlichen benutzen das Smartphone täglich in der Freizeit, Bücher tauchen nur in 18% der Fälle in der täglichen Freizeitgestaltung auf.

Bachmair sieht dies in der Vielzahl der technischen Möglichkeiten des Smartphones[2] begründet. Demnach bietet das Smartphone

- ständige Verfügbarkeit,
- hohe Speicherkapazität für unterschiedliche Dateiformate,
- Funktionen der aktiven Medienerstellung (Video, Foto, Audio),
- Anwendungen zur Organisation (Kalender, Wecker),
- Möglichkeiten der persönlichen Kommunikation sowie
- Zugang zum Internet und einer Vielzahl von Anwendungen (Apps) (Friedrich, Bachmair, Risch 2011, S.11).

Bei der Internetnutzung dominiert das Smartphone deutlich. 91% der Jugendlichen surfen regelmäßig mit dem Smartphone. Insgesamt nutzen drei von vier Internetbesuchern am liebsten das Smartphone für den Internetzugang.

Die von Bachmair angeführte ständige Verfügbarkeit legt aus finanzieller Sicht eine Internet-Flatrate - also das Zahlen eines festen Betrags zur unbegrenzten Nutzung von Mobilen Daten - nahe. 79% der Jugendlichen haben einen entsprechenden Vertrag mit ihrem Anbieter abgeschlossen. Nicht zwingend notwendig ist diese Datenflatrate zu Hause. Dort können 92% über eine WLAN-Verbindung im Internet surfen.

Auch öffentliche WLAN-Hotspots werden immer häufiger genutzt. Sie finden sich bei­spielsweise an öffentlichen Plätzen in Städten, in einigen Nahverkehrsmitteln und in Restaurants oder Cafés. Diese wurden von 59% der Jugendlichen mindestens selten genutzt. Die Zeit, die Jugendliche nach Selbsteinschätzung online verbringen, hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt und ist von 99 Minuten im Jahr 2006 auf über 200 Minuten gestiegen. Ihren Hausaufgaben widmen Jugendliche nur etwa 90 Minuten am Tag (JIM 2016, S.24ff).

Immer mehr Schulen verfügen ebenfalls über einen Internetzugang. Der Ausbau begann nach der Jahrtausendwende mit Hilfe des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Deutschen Telekom AG im Rahmen einer Initiative namens „Schulen ans Netz". Demnach wurden 99% der bundesdeutschen Schulen mit Computern und Breitband­Internetzugängen ausgestattet (Klein 2008, S.40).

Das Bildungsministerium kündigte zudem im letzten Jahr an, „die Schulen in Deutschland fit für die digitale Zukunft zu machen" (JIM 2016, S.46). Dafür sollen fünf Milliarden Euro im Rahmen des sogenannten Digitalpakts für den Ausbau der technischen Infrastruktur und zur Umsetzung digitaler Bildung in allen deutschen Schulen investiert werden. Eine WLAN- Verbindung gibt es nur in 41% der Schulen, was vielfach auf die Finanzsituation der Schulträger zurückzuführen ist. Schülerinnen und Schüler dürfen das WLAN lediglich in 12% der Schulen überhaupt nutzen. „[G]erade einmal sieben Prozent können das kabellose Schulnetz während des Unterrichts als Zugang zum Internet verwenden" (JIM 2016, S.48).

Ein entsprechender Ausbau der technischen Infrastruktur ist aufgrund der mangelnden Zugänglichkeit von WLAN-Netzwerken an deutschen Schulen also zwingend notwendig, um das Smartphone effektiv im Unterricht etablieren zu können. Entsprechende Netzwerke müssen aufgebaut und gewartet, Inhalte und entsprechende Plattformen entwickelt und erprobt werden. Die Ausstattung der Schüler hingegen ist auf den ersten Blick einwandfrei und für die Handynutzung im Unterricht geeignet.

2.3 Potentiale und Problematiken

Das Smartphone als modernes Medium bringt Gefahren mit sich, die bisher ausschlag­gebend für in Schulordnungen verankerte Handyverbote waren. 2016 durften 40% der Schüler ihr Handy in der Schule überhaupt nicht nutzen. 6% war es sogar untersagt, das Handy überhaupt mit in die Schule zu bringen (JIM 2016, S.47).

Dazu zählen vor allem die Sorgen um Datenschutz und Datensicherheit, die bei der unbedachten Nutzung des Internets durchaus begründet sind: leichtsinniger und verant­wortungsloser Umgang mit personenbezogenen Daten, Urheberrechtsverletzungen und die mögliche Konfrontation mit in irgendeiner Form entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten stellen die Schule vor erzieherische Probleme.

Die skeptische Haltung der Pädagogen rührt jedoch auch daher, dass immer mehr Jugendliche derartige Inhalte selbst produzieren. Prügeleien oder körperliche Übergriffe werden häufiger gefilmt und finden ihren Weg ins Netz.

Auch das Versenden intimer Fotos oder das „Sexting" - hervorgehend als Wortneu­schöpfung aus „Sex" und „Texting" - scheinen immer häufiger im Internet zu werden. Mögliche Konsequenzen sind den Jugendlichen oft nicht bewusst. Die Veröffentlichung solcher Gewaltszenen oder intimer Bilder ist strafbar und kann zudem Grund für exzessives Mobbing sein.

Dank der Mobilgeräte findet dieses immer häufiger auch über das Internet statt. Das sogenannte „Cyber-Mobbing“ beschreibt Beleidigungen, Drohungen oder das Belästigen einer Person über das Internet (Gatterer 2013, S.51ff.). Jugendliche setzen hierbei auf die Anonymität im Netz und werden so schneller zu Tätern.

Im schulischen Kontext sind Aufnahmen von Lehrenden ein besonderes Problem. Auch die Nutzung des Smartphones als unerlaubtes Hilfsmittel in Prüfungssituationen ist ein schulspezifisches Problem, das Lehrer vor eine neue Aufgabe stellt. Hier gilt es, Prüfungssituationen zu entwickeln, bei denen das Smartphone unmittelbar verwendet werden darf und muss, um unerlaubtes Schummeln mit dem Smartphone zu verhindern. Schüler, Lehrer und Eltern müssen in den Bereichen Datenschutz, Jugendschutz und Persönlichkeitsrecht sensibilisiert werden (KMK 2012, S.8).

Auf der technischen Ebene steht dem Smartphone-Einsatz im Unterricht ein weiteres Problem im Weg: Unterschiedliche Gerätehersteller und verschiedene Betriebssysteme verursachen erheblichen Mehraufwand in der Schule. Zwar sind Samsung-Geräte, die unter dem Google-Betriebssystem Android laufen, mit 43% am häufigsten bei den 12- bis 19­Jährigen vertreten, mit 26% belegt das iPhone mit dem iOS-Betriebssystem von Apple jedoch den zweiten Platz (JIM 2016, S.23). Erforderlich sind also entweder An-wendungen, die für alle Betriebssysteme verfügbar sind, um das Selbstversorger-Prinzip bring your own device ermöglichen zu können, wobei Lehrkräfte und Schüler ihre eigenen mobilen Endgeräte nutzen, oder einheitliche Geräte und Betriebssysteme für alle Schüler, bei denen die Software nur einmalig angeschafft werden muss.

Bei älteren Geräten kommt zudem das Problem der Kompatibilität hinzu: Wenn ältere Geräte die neusten Betriebssystem-Updates nicht mehr erhalten, kann nicht gewährleistet werden, dass Anwendungen auf dem neusten Stand sind und einwandfrei funktionieren. Auch die Speicherkapazität beim Download verschiedener Apps für den Unterricht und die begrenzte Akkulaufzeit könnten ein technisches Problem des Smartphone-Einsatzes im Unterricht sein.

Wird das Smartphone einheitlich als Lernmittel in der Schule genutzt, muss geprüft werden, ob es unter die in vielen Ländern geltende Lernmittelfreiheit fällt. Ist das der Fall, hieße das, dass diese in Schulen kostenlos zur Verfügung gestellt werden müssten. Diese Regelung ist von Land zu Land unterschiedlich, sodass individuell geprüft werden müsste, ob das Smartphone als solches Lernmittel von der Schule getragen und an die Schüler verliehen werden kann (KMK 2016, S.37). In diesem Zug muss auch die Frage betrachtet werden, ob kostenpflichtige Apps von der Schule oder den Eltern gezahlt werden.

Bei der Beschaffung von Informationen über das Internet können diese in Echtzeit abgerufen werden, unabhängig von Distanzen. Die Menge der Informationen, die über das Internet abgerufen werden können, ist so groß wie nie zuvor. Im Rahmen der Medienkompetenzvermittlung müssen Schüler deshalb lernen, diese Informationen zu selektieren, um diesen „Overflow an Informationen“ (Gatterer 2013, S.53) zu bewältigen. Menge, Geschwindigkeit und Effizienz bei der Informationssuche sind gleichzeitig jedoch als großes Potential zu betrachten.

„Medien wirken durch ihr vielfältiges didaktisch-methodisches Potential, das Anschaulichkeit, inhaltliche Attraktivität und formale Qualität ebenso einschließt wie die Möglichkeit, eigene mediale Produkte kreativ zu gestalten, als Motor und Motivator für das Lehren und Lernen in der Schule.“ (KMK 2012, S.4)

Die Potentiale des Smartphones erscheinen nahezu grenzenlos. Sie unterstützen kreatives, selbstgesteuertes und kooperatives Lernen und geben den Lernenden die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und bei der Gestaltung, der Planung, Reflexion und Dokumentation des eigenen Lernweges mitzuwirken. digitaler Informationen unabhängig von räumlichen und zeitlichen Distanzen und erweitert schulische und außerschulische Lernorte um eine virtuelle Ebene. Der „pädagogisch sinnvoll[e] Einsatz unterstützt differenzierende, teilweise selbstgesteuerte und zugleich überprüfbare Lernprozesse" (KMK 2012, S.4).

Auch Mandl, Reinmann-Rothmeier und Gräsel bezeichnen die neuen Medien deshalb als „innovative Mittel der Anregung und Unterstützung von Lehr-Lernprozessen“, als Impulsgeber „für die Einführung und Etablierung problemorientierter Unterrichtskonzepte“ und „als Gegenstand von unterrichtlichen Aktivitäten und Reflexionen“ (1998, S.19).

Konkret und auf den schulischen Einsatz bezogen profitiert das Smartphone als moderner Alleskönner vor allem aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten, die es bietet. Abbildung 2 zeigt diese verschiedenen Smartphonefunktionen auf:

1. AMtagsorganisation, also Programme wie Kalender, Wecker und Timer, die meist bereits werkseitig vor-installiert sind und so organisatorische Funktionen wie das Planen von Abgabefristen, Klausurterminen oder das Signalisieren des Endes einer Arbeitsphase im Unterricht übernehmen.
2. Kommunikation, die durch Messenger-Programme, SMS, Telefon und E-Mail einen ortsunabhängigen Austausch ermöglichen und so auch ortsunabhängiges Lernen ermöglicht.
3. Internet, also die Möglichkeit, Informationen zeit- und ortsunabhängig abzurufen. Informationen sind so „just in time" und situationsgerecht verfügbar, können inter­aktiv und kreativ genutzt und bearbeitet werden und regen so selbstkontrolliertes Lernen an.
4. Applikationen erweitern die Möglichkeiten des Smartphones und des Unterrichts, machen diesen abwechslungsreich und frei gestaltbar und fördern so konstruktive Lernprozesse der Schüler. Lernen wird durch sie zu einem aktiven, situativen und kooperativen Prozess.
5. Das Handy als Schnittstelle bietet nicht nur die Möglichkeit, Informationen untereinander etwa via Bluetooth zu teilen, sondern legt auch neue Möglichkeiten der Präsentation offen, indem über Datenkabel etwa ein interaktives Whiteboard oder ein Beamer angeschlossen werden. So können Daten und Bilder für die gesamte Klasse sichtbar gemacht werden.
6. Aufnahmefunktionen wie die Kamera und das Mikrofon bieten die Möglichkeit, eigene Inhalte zu erstellen und mit der Umwelt zu interagieren. Interviews, das Erstellen von Film-Clips und das Aufnehmen von Fotos bieten Möglichkeiten, ein Thema zu visualisieren. Tafelbilder und Grafiken können abfotografiert und ver­schickt oder bearbeitet werden. Es gibt zudem Apps, die sich der Kamerafunktion bedienen und so eine erweiterte Realität („Augmented Reality") schaffen.

In Schulen begrenzt sich die Auseinandersetzung mit digitalen Medien zumeist auf die Internetrecherche an lokalen Computern. Mobile Endgeräte, insbesondere das bei fast allen Jugendlichen vorhandene Smartphone bieten jedoch die Möglichkeit, ortsungebunden auf Informationen zuzugreifen. Außerschulische Lernorte können so vielfältig in die Unterrichtsgestaltung einbezogen werden. Dies ist insbesondere im Sinne der räumlichen Orientierungskompetenz[3] wertvoll (Haffer, Peter 2014, S.85ff).

Um die Etablierung des Smartphones im Geographieunterricht zu ermöglichen, ist es notwendig, die Infrastruktur entsprechend auszubauen und Konzepte zu entwickeln, die weitere der oben genannten Problematiken ausradieren. Unterschiedliche Geräte und Betriebssysteme müssten durch übergreifende Software einander gleichgesetzt werden, um die Teilnahme eines jeden Schülers am Unterricht gewährleisten zu können. Probleme wie Daten- und Jugendschutz, sowie das Urheber- und Persönlichkeitsrecht müssen dabei bedacht und berücksichtigt werden.

So kann neben der Ausbildung und Entwicklung einer Medienkompetenz ein selbst­gesteuertes Lernen angeregt werden, das die Schüler motiviert und das Lernen effektiver macht. Der Einsatz des Smartphones im Geographieunterricht bietet die Gelegenheit, den situativen Wechsel zwischen aktiver und reaktiver Position des Lehrenden zu einer vorrangig aktiven Schülerposition umzuwandeln und den Unterricht so aktiver, selbstgesteuerter und sozialer zu gestalten.

2.4 Entwicklung und Anpassung

Neben der Voraussetzung einer funktionierenden Infrastruktur und der Klärung verschie­dener rechtlicher Fragen ist die Fortbildung der Lehrkräfte und die Entwicklung entspre­chender Unterrichtskonzepte und schulischer Grundlagen besonders wichtig. Damit der kompetente Umgang mit Medien an Schulen gelehrt werden kann, müssen zunächst die Lehrkräfte entsprechendes Wissen erlernen.

2.4.1 Entwicklung der Lehrerrolle

Durch den Einsatz des Smartphones im Unterricht wird das Lernen durch Instruktionen mehr und mehr zum konstruktiven Lernen gewandelt. Das Lernen wird somit immer stärker zum selbstgesteuerten und sozialen Prozess und schafft eine vorranging aktive Rolle des Lernenden (Gatterer 2013, S.21). Dementsprechend ist es unabdingbar, dass auch die Rolle der Lehrkraft eine entsprechende Veränderung erfährt.

[...]


[1] Unter „regelmäßig“ wird in dieser Arbeit „täglich oder mehrmals pro Woche“ verstanden.

[2] Bachmair spricht von „Eckpunkten der [...] Handyfunktionen“ (2011, S.11). Er betitelt das Handy in der Ausführung jedoch als „Multimediacomputer“, weshalb der Begriff „Handy“ in diesem Teil der Arbeit als „Smartphone“ spezifiziert wird.

[3] Die Bildungsstandards für das Fach Geographie definieren die räumliche Orientierungskompetenz als „Fähigkeit, sich in Räumen orientieren zu können ([...], Orientierung in Realräumen und die Reflexion von Raumwahrnehmungen)“ (Deutsche Gesellschaft für Geographie 2014, S. 9).

Details

Seiten
45
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668665576
ISBN (Buch)
9783668665583
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388033
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Schlagworte
smartphone geographieunterricht einsatzmöglichkeiten smartphone-apps sinne mobile learning

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Titel: Das Smartphone im Geographieunterricht. Einsatzmöglichkeiten von Smartphone und Smartphone-Apps im Sinne von Mobile Learning