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Höher, schneller, gefährlicher? Der Risikosport BASE Jumping im Kontext von Gesellschaft und Persönlichkeit

Masterarbeit 2017 82 Seiten

Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Risikosport
2.1 Definition des Begriffs
2.2 BASE jumping

3 Warum betreiben die Menschen Risikosport?
3.1 Die Grundlage menschlichen Handelns
3.2 Hedonic tone
3.3 Die Rolle der Angst
3.4 Der Körper in Angstsituationen: positiver & negativer Stress für den Körper
3.5 Kognitive Dissonanz
3.6 Suchteffekt
3.7 Der flow

4 Der Einfluss der Gesellschaft auf den Risikosport
4.1 GoPro
4.2 Red Bull

5 Wer betreibt Risikosport?
5.1 Psychophysiologischer Ansatz
5.2 Physiologischer Ansatz

6 Zusammenfassung & Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2.1: BASE jumping im Lauterbrunnental

Abbildung 2.2: BASE jumping durch einen 2,60m breiten Felsspalt im Lauterbrunnental

Abbildung 3.1: Überblick über die wichtigsten beteiligten Hirnstrukturen im Hinblick auf Handlungsentscheidungen

Abbildung 3.2: Beteiligte Strukturen des limbischen Systems bei Belohnungen wie Kokain oder Heroin und Nikotin und anderen

Abbildung 3.3: Hypothesized results of lower hedonic tone and behaviors to reach euthymia

Abbildung 3.4: Modell der Beziehung zwischen sensation seeking und Angstgefühlen

Abbildung 5.1: Die Beziehung zweier Persönlichkeitsdimensionen von Eysenck

Abbildung 5.2: Zusammenhang zwischen Extraversion, Stimulationsniveau und hedonic tone nach Eysenck & Eysenck

Abbildung 5.3: Mehrebenenmodell nach Zuckerman

Abbildung 5.4: Mean Visual average evoked potential, Amplitudes for groups scoring high and low on the disinhibition subscale of the sensation seeking Scale

Abbildung 5.5: Mean Heart-Rate Changes during 5 5s following stimulus offset for subjects with high and low disinhibition scores averaged over the first three trials

Tabellenverzeichnis

Tabelle 2.1: Todesliste der BASE jumper der vergangenen knapp 20 Jahre. Abgerufen am 14.07.2017 unter http://www.blincmagazine.com/forum/wiki/Fatality_Statistics.

Tabelle 2.2: BASE jumpers` demographic and injury findings (Monasterio, 2013, 307).

Tabelle 3.1: Auswirkungen der sympathischen Aktivierung auf verschiedene Organe (zitiert nach Krohne & Tausch, 2014, 23).

Tabelle 3.2: Verhalten von Herzfrequenz und Katecholaminausscheidung im Harn bei Autorennen, in Ruhe und bei maximaler Fahrradergometrie (Schwaberger, 1985, .384).

Tabelle 5.1: Ausgewählte Items aus dem Eysenck Personality Questionnaire nach Ruch (1999, zitiert nach Krohne & Tausch, 2014, 77).

Tabelle 5.2: Relative Sub- bzw. Supersensitivität der drei fundamentalen Verhaltenssysteme und die resultierenden Persönlichkeitseigenschaften nach Cloninger (1987, zitiert nach Wanke, 2003, 23)

Tabelle 5.3: Psychopathologie und Monoamine Oxidase (MAO) (Zuckerman, 2000, 1018).

1 Einleitung

Immer höher, besser, weiter und extremer scheint das Motto der heutigen Generation zu sein. Neben steigenden Anforderungen und höheren Erwartungen im Beruf scheint sich dieses Streben auch auf bestimmte Teile des Sports zu übertragen, was dazu führt, dass das Vorangegangene immer wieder überboten werden muss, um sich lebendig und ausgeglichen zu fühlen. Diese Generation scheint durch ein „alternativloses Streben nach mehr und mehr“ (Schymanski, 2015, 13) gekennzeichnet zu sein. Unbeantwortet bleibt sicherlich die Frage, in welche Extreme sich dieser Zeitgeist noch entwickelt.

Eine Besonderheit der heutigen Zeit ist auch, dass durch die verfügbaren Medien viele Millionen Menschen an diesen Freizeitbeschäftigungen teilhaben können.

Der Alltag heutzutage birgt in weiten Teilen der westlichen Welt weniger Gefahren als dies noch vor einiger Zeit der Fall war, als das Leben durch Kriege und andere Gefahren bedroht war und sich das menschliche Gehirn als primäre Aufgabe das Überleben zum Ziel gesetzt hatte und dahingehend entwickelt wurde. Heutzutage lebt der Mensch auf der Nordhalbkugel in weiten Teilen in einer Welt voller Überfluss, in der alle lebenswichtigen Ressourcen in Fülle vorhanden sind. Das zufriedene Gefühl, das Menschen damals nach einer erfolgreichen Jagd und einem leckerem Essen oder einer überstandenen Gefahr erlebt und wie eine Belohnung für ihr Handeln empfunden haben, ist heute in dieser Art und Weise nicht mehr gegeben.

Der Mensch kommt kaum noch in die Situation, Todesangst zu empfinden, und die Schwelle für körpereigenes Lob nach einer Handlung ist gestiegen. Möglicherweise ist das ein Grund, warum immer mehr Menschen ihr Leben bewusst bei waghalsigen Sportarten riskieren, deren Ausübung ein gewisses Todesrisiko birgt. Die Todesangst versetzt unseren Körper in eine extreme Alarmbereitschaft, wodurch alle vorhandenen Kräfte mobilisiert werden, um das Überleben zu sichern.

Eine dieser waghalsigen Situation stellt das BASE jumping dar, bei dem die Akteure von Gebäuden oder Klippen springen, was bei vielen einen Adrenalinkick auslöst, unter anderem bedingt durch die damit verbundene Todesangst. Vielen Menschen erscheint diese Art von Extremsport sicherlich als verantwortungslos und der sie Ausübende als lebensmüde. Was sind das also für Menschen, die ihr Leben immer wieder aufs Spiel setzen und was treibt sie an? Und wieso stürzen sie sich hunderte Meter in die Tiefe, wenn andere Menschen bereits beim Zuschauen Herzrasen bekommen und selbst lieber eine Fahrradtour machen?

Ich habe keinerlei Bezug zu dieser Art von Sport und interessiere mich besonders für die Hintergründe, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind.

In dieser Arbeit möchte ich die psychosozialen und physiologischen Aspekte dieser sogenannten Risikosportarten zu erläutern versuchen und aufzeigen, welche Prozesse sich im Körper in solchen Extremsituationen abspielen. Zur Beantwortung der Fragestellungen werden verschiedene Ansätze in dieser Arbeit vorgestellt, die das Handeln der Risikosportler beeinflussen. Zunächst wird jedoch der Risikosport definiert und das BASE jumping genauer vorgestellt. Außerdem werde ich den freien Fall kurz auf seinen besonderen Reiz untersuchen.

Im zweiten Kapitel werde ich einen ersten Ansatz dafür liefern, warum Menschen sich in solch risikoreiche Situationen begeben. Da die Gründe für ihre waghalsigen Aktionen sicherlich Parallelen zu unterschiedlichen Hobbies anderer Menschen aufzeigen, soll zunächst die Grundlage jeglichen menschlichen Handelns erläutert werden und erklärt werden, inwiefern sich zwei Gruppen von Personen hinsichtlich ihrer Risikobereitschaft unterscheiden lassen.

Im Anschluss möchte ich analysieren, was die Angst für eine Rolle spielt und wie diese Personen es schaffen, einen der natürlichen Grundinstinkte, nämlich die (Todes-)angst, zu überwinden. Damit einher geht die Analyse des Körpers in Bezug auf Angstreaktionen und die Frage wie sich positiver bzw. negativer Stress auf den Körper auswirken. Psychologische Faktoren spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle, da die Entscheidung abzuspringen im Gehirn getätigt wird. Welche Mechanismen auch hier den gesunden Menschenverstand überlisten, soll im Unterkapitel der kognitiven Dissonanz kurz dargestellt werden.

Anschließend möchte ich untersuchen, ob es möglich ist, dass einige Springer süchtig nach ihrem Sport sind und sie dadurch zu immer neuen und riskanteren Sprüngen motiviert werden. In diesem Zusammenhang wird auch der Zustand des flow erläutert und dieses Phänomen anhand des BASE jumping analysiert.

Als Abschluss der ersten Fragestellung nach dem Warum soll die Rolle der Gesellschaft beleuchtet werden. Zunächst wird die GoPro vorgestellt, eine Kamera, die die Risikosportler stets begleitet und für viele Klicks im Internet verantwortlich ist. Außerdem soll die Marke Red Bull untersucht werden, da die Förderung von Extremsportlern für Red Bull ein Marketingkonzept zu sein scheint, wobei ich analysieren möchte, inwiefern die Förderung durch Sponsorengelder Druck auf die Extremsportler ausübt, noch spektakulärere Sprünge auszuführen.

Im nächsten Teil der Arbeit soll untersucht werden, welche Menschen sich hauptsächlich in extreme Situation begeben und was sie möglicherweise gemeinsam haben.

Dabei wird ein psychosozialer Ansatz verfolgt, der eng mit dem physiologischen Ansatz verknüpft ist und somit immer wieder Parallelen zwischen den beiden Unterkapiteln aufzeigt.

Als Grundlage des risikoreichen Sporttreibens soll zunächst die Persönlichkeit untersucht werden, wobei verschiedene Konstrukte vorgestellt werden, die das Risikoverhalten in unterschiedlichen Dimensionen zu erklären versuchen. Da die menschliche Persönlichkeit auch eine genetische Grundlage hat, spielen neben bestimmten Hormonen, Neurotransmittern und Enzymen auch bestimmte Gene eine Rolle. Diese Aspekte werden im folgenden Kapitel vorgestellt.

In der Schlussbemerkung werden die gesammelten Erkenntnisse hinsichtlich der Fragestellung was für Menschen Risikosportarten betreiben und warum sie es tun zusammengefasst und kritisch erörtert.

Vorab muss aber festgehalten werden, dass der menschliche Körper ein sehr komplexes Konstrukt und jeder Mensch einzigartig ist. Dies erschwert es, eine einheitliche Antwort sowohl auf die Frage nach dem Warum als auch nach dem Wer zu finden, die auf alle Menschen zutreffend ist.

Neben den untersuchten Ansätzen spielen immer auch spezifische Umweltbedingungen und tiefergehende psychologische Hintergründe eine Rolle, die nicht in dieser Arbeit zu erfassen sind. Die behandelten Aspekte liefern somit lediglich einige, von vielen möglichen, Erklärungsansätzen.

2 Risikosport

2.1 Definition des Begriffs

Für den Risikosport gibt es keine allgemein gültige Definition und jeder Sportler schätzt das Risiko, das er eingeht, individuell ein. Die Schauplätze für die waghalsigen, risikoreichen Aktionen sind sehr unterschiedlich. Neben dem in dieser Arbeit vorgestellten Fallschirmspringen von unterschiedlichen Gebäuden oder Klippen, bergen auch das Surfen von Riesenwellen, das Gleitschirmfliegen, das Bergsteigen oder das Kajak fahren extreme Gefahren, je nach praktizierter Art und Weise.

Risikosport wird in der Literatur häufig zusammen mit dem Begriff Extremsport verwendet. Dabei geht es um Sportarten, mit denen eine extreme physische und psychische Beanspruchung einhergehen und bei denen die menschlichen Grenzen immer wieder ausgetestet und verschoben werden (Hadbawanik, 2011, 14). Während unter Extremsport auch sportliche Höchstleistungen wie beispielsweise der Ironman auf Hawaii, der für die teilnehmenden Sportler eine extreme Anstrengung darstellt und für den Durchschnittsmenschen unerreichbar ist, anzusiedeln sind, ist bei der Verwendung des Begriffs Risikosport die potentielle Gefahr für das menschliche Leben hervorzuheben, da ein unkalkulierbares Todesrisiko bei jedem BASE Sprung vorhanden ist. Ein individueller Verhaltensfehler aber auch unglückliche Zufälle können schwerwiegende Auswirkungen haben, wobei dies nicht immer an einer konkreten Sportart festgemacht werden kann, sondern entscheidend ist, wie die Sportart ausgeführt wird. Zu nennen wäre da zum Beispiel das Klettern, wo lediglich das Freiklettern ohne Sicherung den Risikosport ausmacht (Bach, 2004, 18). Im Mittelpunkt stehen laut Opaschowski (2005, 876)

„von Sicherheit und Alltagstrott abgestoßene Abenteurer, die den Ausbruch wagen und sich unter extremen Bedingungen selbst bewähren und beweisen wollen. Sie wollen leben und zwar so intensiv wie möglich. Menschen, die sich freiwillig Risiken aussetzen, beweisen nicht nur ein großes Selbstvertrauen, sondern auch ein größeres Vertrauen in Dinge, die ihnen Sicherheit versprechen. Sie wirken waghalsig, obwohl sie sich sicher fühlen. Risikosportler durchleben das gesamte Gefühlsspektrum von großer Angst bis zu tiefer Freude.“

Beim Risikosport kann man von einem subjektiven im Vergleich zu einem objektiven Risikokonzept sprechen, bei dem nicht nur messbare, berechenbare und aus Erfahrung gewonnene Erwartungen zur Berechnung des Risikos genutzt werden. Bei dem subjektiven Risikokonzept wird das Risiko geringer eingeschätzt, wenn es freiwillig eingegangen wird oder vermeintlich kontrollierbar erscheint (Maisriml, 2011, 4). Dies trifft vermutlich auch auf viele BASE jumper zu.

Gabler (2002, zitiert nach Becker, 2014, 10) hat fünf Merkmale von Risikosportarten festgelegt, die mehr oder weniger auf die jeweiligen Aktivitäten zutreffen, aber eine Abgrenzung gegenüber anderen Sportarten ermöglichen. Dazu zählt zum einen das Erleben äußerster Anstrengung und der Wille, ein Leistungsziel zu erreichen, was vermutlich besonders bei extrem ausdauernden Herausforderungen wie dem Iron Man der Fall sein kann, aber ebenfalls vorkommt, wenn es darum geht, einen Berg zu besteigen, um im Anschluss mit dem Fallschirm von dort hinunterzuspringen. Damit geht das Erleben von körperlichen Strapazen einher sowie das Erfahren von ungewohnten Körperlagen und Bewegungszuständen, was sowohl beim Fliegen/ Fallen als auch bei anderen Sportarten wie z.B. dem Motorcross mit spektakulären Sprüngen vorhanden ist. Das vierte Merkmal beschreibt die Reiz- und Spannungssuche mit dem resultierenden Nervenkitzel, da der Handlungsausgang nicht vorausgesagt werden kann und viel Konzentration notwendig ist, um das Risiko der Verletzung oder eines tödlichen Unfalls zu minimieren. Außerdem scheint eine gewisse Angstlust bei den Risikosportlern vorhanden zu sein, worauf in Kapitel 3.4 genauer eingegangen werden soll.

Laut Semler (1994,82) steht fest, dass der Risikosport ein Phänomen der westlichen Welt bzw. der Menschen ist, die auf der nördlichen Erdhalbkugel leben. Diese Menschen sind durch einen hohen Wohlstand was ihre Versorgungs- und Entwicklungslage angeht gekennzeichnet und mit Hilfe von Versicherungen jeglicher Art gegen alle vermeintlichen Eventualitäten abgesichert. Viele andere Menschen auf der Welt sind noch immer mit dem Sichern des bloßen Überlebens beschäftigt und kämpfen gegen Hungersnöte, Umweltkatastrophen und Kriege um ihr Leben. Es liegt die Vermutung nahe, dass diese Menschen sich nicht unnötigen Gefahren bei Risikosportarten aussetzen wollen, um ihr Leben zusätzlich in Gefahr zu bringen (Semler, 1994, 83). Da Menschen der westlichen Welt deutlich geringere Existenzsorgen haben und ihnen der Alltag ohne jegliche Gefahren möglicherweise langweilig erscheint, haben sie eine enorme Risikobereitschaft, hinter der laut Opaschowski (2005, 877) auch ein bestimmter Zeitgeist steht, bei dem es darum geht, möglichst viel und intensiv zu erleben.

Die Risikobereitschaft, die einige Menschen ausmacht, könnte auch evolutionär bedingt sein. Früher sind die Menschen auf der Suche nach Nahrung auf die Jagd gegangen und in neue Reviere weitergezogen, wenn keine Nahrung mehr zu finden war. Dies barg immer neue Gefahren und Risiken, die die Menschen eingehen mussten, um zu überleben. “People have always found a certain pleasure in taking these risks to the benefit of the community“ (Zuckerman, 2000, 1015).

Diese Konfrontation mit neuen Situationen ist heutzutage nicht mehr in dem Maße vorhanden wie damals, auch wenn dieser Grundinstinkt noch in den Menschen verankert ist. Es gibt somit Menschen, die diesem Grundinstinkt entsprechend, immer auf der Suche nach neuen und intensiven Reizen sind. Zuckerman (1990, 313) nennt dieses Verhalten sensation seeking, was eine menschliche Persönlichkeitseigenschaft darstellt, die zu einem gewissen Anteil vererbt wird und als “the need for varied, novel and complex sensations and experience and the willingness to take physical and social risks for the sake of such experience“ definiert wird.

Der von Zuckerman gewählte Begriff des sensation seeking basiert auf einem von ihm entwickelten Persönlichkeitskonstrukt und beinhaltet laut seiner sensation seeking Skala vier unterschiedliche Faktoren, die in verschiedenen Studien untersucht wurden und Menschen als sensation seeker definieren. Dazu zählen neben dem für uns relevanten thrill and adventure seeking (Aktivitäten durchführen, die Gefahren bergen) auch die Enthemmung (disinhibition: Stimulation durch sozial oder sexuell enthemmtes Verhalten), die Eindruckssuche (experience seeking: unkonformistische Lebensweise oder Kontakt mit Randgruppen, um neue Eindrücke zu gewinnen) und eine Anfälligkeit für Langeweile (boredom susceptibility: Intoleranz gegenüber Routinearbeiten) (Krohne & Tausch, 2013, 114).

Andere Wissenschaftler haben ähnliche Persönlichkeitskonstrukte entwickelt, von denen einige in Kapitel 5.1. behandelt werden. Ich habe die Grundidee von Zuckerman bereits in diesem Kapitel vorgestellt, weil ich mich entschieden habe, diesen Ansatz in meiner Arbeit zu verfolgen und dadurch ein besseres Verständnis des Begriffes sensation seeking gewährleistet ist.

Mehrere Studien, wie unter anderem die von Jack und Ronan (zitiert nach Monasterio, 2013, 304), haben mit Hilfe der sensation seeking Skala die Sportler, die risikoreiche Sportarten wie Fallschirmspringen oder Autorennen betreiben mit denen verglichen, die weniger risikoreiche Aktivitäten, wie Schwimmen oder Aerobic, bevorzugen. Die Sportler der gefährlicheren Sportarten hatten deutlich höhere Werte in der Skala als der weniger gefährlichen, was als Beleg dafür gewertet werden kann, dass das Begriff des s ensation seeking auch ein Verhalten ist, das man bei BASE jumpers antrifft.

Es kann jedoch nicht immer abgegrenzt werden, welcher Bereich der Skala konkret gemeint ist. Die vier Faktoren weisen aber ähnliche physiologische Hintergründe auf und werden in Kombination mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen anderer Wissenschaftler, die das Betreiben von Risikosportarten auf andere Eigenschaften zurückführen und die im Kapitel der Persönlichkeit vorgestellt werden, einen guten Überblick über die Persönlichkeit von Risikosportlern geben können.

2.2 BASE jumping

BASE jumping ist eine Sportart, bei der die Sportler mit einem Fallschirm auf dem Rücken wie ein Vogel durch die Luft fliegen. Dabei springen sie von Gebäuden (buildings), Antennen (a ntennas), Brücken (s pans) und Felsen bzw. Klippen (e arth), wodurch der Name zustande kommt und die Sportler somit als Objektspringer bezeichnet werden (Hadbawnik, 2011, 138).

Vor der Landung wird der Sturz durch Auslösen des Fallschirms abgefangen, wobei besonders riskante Sprünge unterhalb von 100 Metern ebenfalls vorkommen und dem Unterfangen eine zusätzliche Herausforderung verleihen (Warwitz, 2001, 326).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: BASE jumping im Lauterbrunnental. Abgerufen am 13.05.2017 unter http://www.sueddeutsche.de/panorama/sport-unfaelle-und-dann-stille-1.3148968.

Das BASE jumping kann somit als eine gesteigerte Variante des Fallschirmsports gesehen werden und jahrelange Fallschirmspringerfahrung ist zumindest die Voraussetzung für diese waghalsige Sportart, die zu einer der gefährlichsten der Welt zählt, was ein Blick auf die Todesliste der vergangenen Jahre nahe legt, die Tabelle 2.1 illustriert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.1: Todesliste der BASE jumper der vergangenen knapp 20 Jahre. Abgerufen am 14.07.2017 unter http://www.blincmagazine.com/forum/wiki/Fatality_Statistics.

Um mehr über die Persönlichkeit von BASE jumper s zu erfahren wurden Springer analysiert. Aus folgender Tabelle 2.2 ist zu erkennen, dass diese überwiegend männlich und Single waren und im Durchschnitt Mitte 30 Jahre alt. Außerdem hatten 42% der Teilnehmer bereits eine ernsthafte Verletzung erlitten (Monasterio, 2013, 308), worauf im Folgenden in einer Studie von Mei Dan vertieft eingegangen wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.2: BASE jumpers` demographic and injury findings (Monasterio, 2013, 307).

*AIS: Abbreviated Injury Scale

Eine Studie, in deren Rahmen 20.850 Sprünge zwischen 1995 und 2005 von dem Bergmassiv Kjerag in Norwegen analysiert wurden zeigt, dass BASE jumping im Vergleich zum Fallschirmspringen ein fünf- bis achtfach erhöhtes Verletzungs- bzw. Todesrisiko aufweist. Die Zahl der Unfälle steigt mit der Zahl der Sprünge. Letztere ist in den letzten Jahren erheblich angestiegen, da sich die Sportart immer größerer Beliebtheit erfreut. Laut der Studie endet einer von 2.317 Sprüngen tödlich und jeder 257. Sprung zieht eine nichttödliche Verletzung nach sich (Soreide et al., 2007, 1113).

Da sich die Sportart in den letzten Jahren erheblich entwickelt hat und die Sprünge immer extremer geworden sind, ist anzunehmen, dass die Zahlen sich in einer aktuelleren Studie ebenfalls dahingehend verändern würden. Studien über das BASE jumping sind jedoch schwierig durchzuführen, da sich beispielsweise die genaue Zahl der aktiven BASE jumper nur schwer bestimmten lässt. Zum einen, weil viele Springer heimlich und teilweise nachts von den Gebäuden springen, weil dies illegal ist, und zum anderen da besonders bei Fragen nach einer Todesrate die Frage aufkommt, ob Einfachspringer ebenfalls mit in die Statistik gezählt werden.

Laut einer Studie von Mei- Dan et al. (2012, zitiert nach Mei- Dan, 2013, 103) haben bereits 72% aller Springer einen Unfall mit Todesfolge oder mit ernsthafter Verletzung ihrer Sportkollegen miterlebt. 43% haben selbst eine Verletzung erlebt und 76% haben einen Moment erlebt, bei dem sie nur knapp dem Tod oder einer ernsthaften Verletzung entkommen sind. Lediglich 6% der Springer haben weder selber einen Unfall erlebt oder mitbekommen und sind auch in noch keine „brenzlige“ Situation gelangt, wobei bedacht werden muss, dass letztgenannte Springer im Durchschnitt erst seit zwei Jahren die Sportart betrieben, hingegen die anderen bereits seit durchschnittlich 5.8 Jahren aktiv waren.

Daraus lässt sich schließen, dass die Springer früher oder später mit der Gefahr konfrontiert werden, was sich auch an einer positiven Korrelation zwischen der Anzahl der Sprünge und der Begegnung eigener oder lediglich begleitender Art mit Unfällen zeigen lässt und auch bei dem Umgang mit der Angst berücksichtig werden muss. Außerdem konnte festgestellt werden, dass ältere Springer weniger Sprünge im Jahr machen als jüngere Springer, aber trotzdem der Sportart treu bleiben, was daran liegen könnte, dass ihnen das extreme Risiko bewusst ist (ebd., 103). Weitere Erklärungsansätze ergeben sich im weiteren Verlauf dieser Arbeit.

Die deutlich höhere Gefahr beim BASE jumping im Vergleich zum Fallschirmspringen lässt sich auch an den unterschiedlichen physischen und aerodynamischen Umständen festmachen. BASE jumper springen von einer deutlich geringeren Höhe ab, meistens sogar von weniger als ca. 150 Metern. Fallschirmspringer nutzen die Luftströme der hohen Höhe für einen stabilen Flug, was ihnen ein sicheres Fallschirmöffnen ermöglicht. BASE jumper haben hingegen aufgrund der geringeren Absprunghöhe eine geringere Fallgeschwindigkeit und fliegen aufgrund des gewählten Abflugortes nah an Gebäuden oder der Erde entlang, wodurch sie weniger aerodynamische Kontrolle haben und instabilere Flugeigenschaften aufweisen. Dies kann konsekutiv zu Problemen mit dem Öffnen des Fallschirms führen, weil der Springer wenig Zeit hat eine instabile Fluglage zu korrigieren und sich der Fallschirm bei höheren Geschwindigkeiten schneller und sicherer öffnet (Mei-Dan, 2013, 95).

Hinzu kommt die Tatsache, dass viele Sprünge von hohen Klippen oder Felsen erfolgen, die nur durch eine lange Wanderung zu erreichen sind und meist von jeder Zivilisation abgeschnitten sind. Dies erschwert im Bedarfsfall die Arbeit der Rettungskräfte, die zunächst in diese abgelegenen Gebiete kommen müssen. Außerdem müssen gute Wind-, Wetter- und Wolkenkenntnisse vorhanden sein, um jegliche Wetterveränderung, die innerhalb kürzester Zeit eintreten kann, richtig einschätzen zu können (ebd., 95).

Einige Springer tragen noch den sogenannten wingsuit (vgl. Abbildung 2.1), der einem Fledermausanzug gleicht und das Flugerlebnis steigern kann. Durch diesen kann der freie Fall besser gesteuert werden und er ermöglicht eine horizontale Flugrichtung, wodurch das Fliegen verlängert werden kann (Burfeind, 2017). Zu jedem Meter abwärts wird durch den Anzug durch Stoff zwischen den Beinen und unter den Armen ebenfalls 1 ½ Meter vorwärts ermöglicht. Außerdem können die Flugeigenschaften durch Beugen des Oberkörpers oder der Beine verändert werden, was jedoch auch große Gefahren bergen kann, wenn der Springer dadurch ins Trudeln gerät (Mei- Dan, 2013, 105).

Einer der extremsten Springer war der Südtiroler Uli Emanuele, der mit seinem Sprung durch ein 2,60m breites Felsloch, das in Abbildung 2.2 zu erkennen ist, Berühmtheit erlangt hat. Das Ausmaß an Gefahr, dass durch die schwer berechenbare Naturgewalt Wind entsteht, ist vermutlich von jedem Menschen nachvollziehbar. Dieser vorgestellte Fall ist nur ein Beispiel für die Risikobereitschaft einiger Menschen, wo das eigene Leben ohne ersichtlichen Grund aufs Spiel gesetzt wird und es zeigt, was für Dimensionen der Risikosport erreicht hat. Der Springer ist wenige Monate nach seinem Erfolg bei einem anderen Sprungprojekt ums Leben gekommen (Münchener Abendzeitung, 2016).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.2: BASE jumping durch einen 2,60m breiten Felsspalt im Lauterbrunnental. Abgerufen am 13.05.2017 unter https://i.ytimg.com/vi/-C_jPcUkVrM/maxresdefault.jpg.

Im Folgenden soll die Frage beleuchtet werden, wieso es für einige Leute so reizvoll ist zu fliegen bzw. zu fallen.

Der Mensch ist nicht dazu gemacht, wie ein Vogel durch die Luft zu fliegen. Bereits ein Sturz aus wenigen Metern Höhe kann Verletzungen nach sich ziehen und mit steigenden Metern bedeutet er den sicheren Tod. Um der natürlichen Begrenztheit der Menschen, was das Fliegen angeht, entgegenzuwirken, hat Leonardo da Vinci einen Vorreiter des Fallschirms erfunden, aus dem sich letztendlich diese Sportart entwickelt hat. Durch eine gewisse Fallhöhe ist eine Bewegung durch die Luft möglich, wobei die Endphase entscheidend ist, in der der Fallschirm geöffnet werden muss, um nicht durch den Aufprall auf die Erde das Leben in Gefahr zu bringen. Dabei kommt es neben viel technischem Können auch auf Selbstdisziplin, Verantwortungsfähigkeit, physische Fitness, psychische Stabilität und Trainingsfleiß an, um das Fallen zu bewältigen (Warwitz, 2001, 84).

Durch das Beherrschen des Fallens haben sich die Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten des Menschen erweitert. Bei Warwitz (2001, 85) heißt es dazu:

„Erst die Diskrepanz zwischen Schwierigkeit der Aufgabe und verfügbare Fallkompetenz und Sorgfalt des Fallenden bringen Gefährdung und setzen die Grenzen, bestimmt durch die Höhe des nicht mehr kalkulierbaren Restrisikos. […] Indizien zur Missachtung der ethischen Pflicht zur Selbsterhaltung sind daher Fallunternehmungen, die den Erfolg weniger von der eigenen Situationsbeherrschung als von der Fügung des Schicksals abhängig machen.“

Das Phänomen, sich fallen lassen zu können und von einem Schirm aufgefangen zu werden und unversehrt wieder auf dem Boden zu landen, scheint für viele Menschen eine beglückende und bereichernde Erfahrung darzustellen. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Zuverlässigkeit der Technik, in diesem Falle des Fallschirms, birgt für andere Menschen jedoch auch ein zu großes Risiko, da der Mensch eben nicht zum Fallen bzw. Fliegen gemacht ist (Warwitz, 2001,86).

3 Warum betreiben die Menschen Risikosport?

3.1 Die Grundlage menschlichen Handelns

Für die Beantwortung dieser Frage gibt es nicht die eine erklärende Antwort. Es gibt aber verschiedene Ansätze, die Begründungen dafür liefern könnten, warum Menschen das Risiko suchen und andere dieses eher meiden.

Dafür müssen grundsätzliche Hintergründe für die unterschiedlichen Handlungsweisen der Menschen beleuchtet werden. Hierbei möchte ich genauer auf menschliche Emotionen eingehen.

“Emotions represent complex psychological states that are elicited as a response to one´s external environment and involve the interplay between behavioral and physiological responses. Unlike emotions, which are specific and usually occur in response to a stimulus, mood is a general feeling of one´s psychological state that is longer lasting than specific emotions” (Sternat & Katzman, 2016, 2149).

In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass die Emotionen eine wesentliche Grundlage für menschliches Handeln darstellen. Sie lassen sich in positive und negative Emotionen unterteilen und als gängigste Emotionen kann man Freude, Wut oder Angst neben vielen weiteren festhalten. Sie sind somit konkret die Handlungstreiber, wobei an dieser Stelle angemerkt werden soll, dass es viele andere Theorien gibt, die unterschiedliche Motive als Grundlage menschlichen Handelns ansehen (Häusel, 2011, 14).

Ausgehend von der Annahme, dass Emotionen der ausschlaggebende Grund für bestimmte Handlungen sind, sollen im Folgenden die dafür zuständigen Hirnregionen beleuchtet werden, um sie im Verlauf der Arbeit in Verbindung zu den Neurotransmittern zu bringen. Dafür soll zunächst ein vereinfachter Überblick über die wichtigsten Hirnstrukturen in Bezug auf die Handlungsentscheidungen dargestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.1: Überblick über die wichtigsten beteiligten Hirnstrukturen im Hinblick auf Handlungsentscheidungen (Häusel, 2011,14).

Im Hirnstamm sind die Instinkte des Menschen verankert. Im Zwischenhirn bzw. im Endhirn, auch Großhirn genannt, liegt ein für diese Arbeit relevantes System, das sogenannte limbische System, auf das im Verlauf des Kapitels genauer eingegangen wird. Zunächst wird besonders die Funktion des Großhirns hervorgehoben, welches lange Zeit als Vertreter der Vernunft und des Verstandes gehandelt wurde. Mittlerweise konnte man jedoch feststellen, dass auch dieses vermeintlich rationale System von Emotionen beeinflusst wird. (Häusel, 2011, 26).

Für die Verarbeitung von Emotionen ist das bereits angesprochene limbischen System zuständig. Es umfasst Teile des Hirnstamms, wie beispielsweise die Amygdala, sowie des Großhirns, und zwar insbesondere den präfrontalen und frontalen Kortex. Die Amygdala ist das emotionale Bewertungszentrum im Gehirn und es zeigte sich, dass bestimmte Reize, die beispielsweise Furcht auslösen sofort von der Amygdala verarbeitet werden und eine Schreckreaktion des Körpers auslösen, bevor sie an den präfrontalen Kortex weitergegeben werden, wo weitere Informationen eingeholt und Planungsschritte abgewogen werden (ebd., 26). Diese Annahme bestätigte sich, indem Tiere untersucht wurden, bei denen die Amygdala, auch Mandelkern genannt, entfernt wurde. Diese Tiere zeigten auch in lebensbedrohlichen Situationen, wie der Konfrontation mit einer Giftschlange, keine Angstreaktion. Obgleich die Amygdala deswegen häufig als Angstzentrum bezeichnet wird, ist ihre Funktion deutlich komplexer. Sie ist außerdem eng mit dem Hippocampus verbunden, dem Lernzentrum des Gehirns (ebd., 26ff).

Das limbische System ist somit für die Handlungsplanung entscheidend, da die Anforderungen und Möglichkeiten der Umwelt ständig analysiert werden und sich Patienten mit Störungen in diesem Bereich häufig unangemessen verhalten. Bei Faller heißt es dazu

„Im limbischen System werden Erlebnisinhalte affektiv bewertet und emotionale Reaktionen ausgelöst. Bei Reizung dieser Gebiete können z.B. Wut-, aber auch Lustreaktionen erzeugt werden. Somit ist es nicht verwunderlich, dass ein Großteil der Bahnen im Hypothalamus, dem Hauptkoordinations- und Reflexzentrum für viele Empfindungen, wie beispielsweise Geruch oder Geschmack, endet. Da der Hypothalamus auch das Kontrollzentrum für das vegetative Nervensystem darstellt, ist es verständlich, dass psychische Erregungen zu vegetativen Störungen (Blutdrucksteigerung, Erröten, Erblassen) und, umgekehrt, vegetative Störungen zu emotionalen Äußerungen und psychosomatischen Erkrankungen führen“ (Faller, 2004, 606).

Dafür sind besonders zwei Systeme im Gehirn wichtig und zwar das Belohnungs- bzw. Vermeidungssystem und ihre zugehörigen Strukturen, der Nucleus accumbens und die Insula. Im Folgenden soll der Fokus auf das Belohnungszentrum gelegt werden.

Nucleus accumbens

Der Nucleus accumbens ist tief im Mittelhirn verankert und ist Teil des limbischen Systems, das als Belohnungszentrum im Gehirn gilt. Dieses System reagiert reflexartig, ohne Nachzudenken und ist somit nahezu autonom. Es ist immer dann aktiv, wenn eine Belohnung erwartet wird (Schymanski, 2015,8).

Die Wichtigkeit des Belohnungszentrums entdeckten Olds & Milner im Jahre 1954 in einer Studie mit Ratten, bei der diese ihr Belohnungszentrum mit Hilfe einer Elektrode im Gehirn per Knopfdruck selbst stimulieren konnten. Daraus resultierte, dass sie dies bis zu 1000mal in der Stunde taten und sogar andere Bedürfnisse wie das Essen vernachlässigten (Krämer, 2013). Normalerweise wird das Belohnungszentrum v.a. durch den Neurotransmitter Dopamin stimuliert, das bei allen lebenswichtigen Handlungen wie Essen, Trinken etc., ausgeschüttet wird. Wenn beispielsweise etwas Leckeres gegessen wird, reagieren die Substantia nigra und das Tegmentum (vgl. Abbildung 3.2) im Zwischenhirn, woraufhin Dopamin ausgeschüttet wird und das Striatum, der Nucleus accumbens und die Amygdala, stimuliert werden. (Krämer, 2013).

In folgender Abbildung 3.2 sind bis auf die Amygdala alle betroffenen Gehirnbereiche des limbischen Systems eingezeichnet. Kokain stimuliert besonders den Nucleus accumbens, während Heroin und Nikotin im ventralen Tegmentum wirken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.2: Beteiligte Strukturen des limbischen Systems bei Belohnungen wie Kokain oder Heroin und Nikotin und anderen (Krämer, 2013).

Diese Stimulierung führt wiederum zu einer Reaktion des Belohnungszentrum, das daraufhin unter anderen den Neurotransmitter γ Aminobuttersäure (im Folgenden GABA) ausschüttet, der Angstfreiheit, wohlige Müdigkeit und Muskelentspannung bewirkt und an die Rezeptoren von aktivierenden Zentren dockt, die durch den Botenstoff gehemmt werden (Schymanski, 2015,1ff). Die aktivierenden Zentren sind der Motor für die Planung und Durchführung von Handlungen, die wiederum dafür sorgen, dass die Belohnungsspeicher unter anderem Dopamin ausschütten.

Außerdem gelangt Dopamin in den Hippocampus, in dem Erinnerungen abgespeichert und emotional bewertet werden, was z.B. dazu führt, dass ein genussvolles Essen immer wieder Begehren hervorruft (Krämer, 2013).

Das Belohnungssystem reagiert reflexartig und somit nahezu autonom auf unmittelbare Reize. Es besteht aus zwei Subsystemen, bei dem das eine auf eine antizipierte Belohnung reagiert während das andere das tatsächliche Eintreten des Ereignisses belohnt. Besonders das erste Subsystem reagiert nur dann, wenn ein Reiz über dem Normalen bzw. Gewohntem liegt, was dazu führt, dass die Gewöhnung an etwas Schönes schnell nach einer Steigerung strebt (Häusel, 2011, 31).

Anders als lange Zeit angenommen beschert uns nicht die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin das Hochgefühl nach einem Sprung sondern die Endorphine, die in Kapitel 3.5 näher erläutert werden. Wie Studien des Neurologen Kent Berridge (1996, zitiert nach Krämer, 2013) herausfanden, ist das Dopamin entscheidend für das Erleben von Verlangen als Motivation, das zu dem Vollzug der Handlung führt. Bei Ratten wurde die Verbindung zwischen dem Hypothalamus und dem Striatum gekappt, woraufhin weniger Dopamin in den betroffenen Arealen zu finden war. Daraufhin hörten die Ratten auf nach Nahrung zu suchen, aßen aber normal, wenn ihnen die Nahrung in den Mund gelegt wurde (Krämer, 2013). Das fehlende Verlangen nach dem Essen belegt die Rolle des, im beschriebenen Fall nicht ausgeschütteten, Dopamins als Motivator. Auf das BASE jumping übertragen bedeutet dies, dass es auf einen spezifischen Reiz hin, z.B. die Vorstellung des Gefühls von freiem Fall, zu einer Dopaminausschüttung kommt. Das Dopamin motiviert den Sportler dann wenn möglich alle Hindernisse und Anstrengungen bis zum Ende zu überwinden um sein Ziel, in diesem Falle den Sprung, zu erreichen, welcher dann zur Ausschüttung von Endorphinen führt.

Das erste Subsystem des Belohnungszentrums, welches die Belohnung erwartet, steht somit mit Dopamin im Zusammenhang während das andere nach einem vollendetem Ereignis durch die körpereigenen Opioide, also die Endorphine, gesteuert wird.

Hierbei ist anzumerken, dass der Mensch in der Lage ist, diesen natürlichen Kreislauf zu manipulieren. So kann das Belohnungszentrum ebenfalls durch Drogen wie Kokain und häufig verschriebene Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine stimuliert werden, welche an dieselben Rezeptoren wie der Neurotransmitter GABA andocken. Der Mensch wird somit angetrieben durch die Lust, die zu einer Ausschüttung von Dopamin führt und die Befriedigung, die durch den Neurotransmitter GABA ausgelöst wird (Schymanski, 2015, 5). An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass diese Darstellung vereinfacht ist und viele weitere Neurotransmitter und Hormone in den Prozess involviert sind, aber aus Komplexitätsgründen im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter auf deren Einfluss eingegangen wird. An dieser Stelle sei außerdem darauf hingewiesen, dass nicht genau gesagt werden kann, wo im Gehirn was passiert, da es Millionen von Interaktionen gibt, die ebenfalls wie die Zuordnung bestimmter Funktionen zu anatomischen Korrelaten im Gehirn, Gegenstand intensiver Forschung sind.

Der Mensch ist somit auf der ständigen Suche nach einer Möglichkeit, sein Belohnungszentrum zu stimulieren. Wieso aber müssen einige Menschen sich tausende Meter in die Tiefe stürzen, während andere bereits mit einer Rudertour über einen See zufrieden sind?

3.2 Hedonic tone

Laut Frenkel (2016, zitiert nach Wittig, 2016) können die Menschen in Risikosucher, sogenannte high sensation seeker und Risikovermeider, low sensation seeker zu unterteilen. Diese unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Empfindungen was stressreiche und intensive Reizstimulationen angeht. Einige Personen empfinden intensive Reizstimulationen als angenehm und positiv, während er anderen Menschen Angst macht und sie risikoreiche Situationen meiden. Letzteres trifft auf die Mehrheit der Menschen zu.

Laut dem Psychologen Semler (1994, 36f) lässt sich bereits aus dem Verhalten in der Kindheit eine Parallele zum Risikoverhalten bei Erwachsenen ziehen. Die Neugierde bei Kindern ist etwas Grundlegendes, was ihnen beim Erwerb von Wissen und Fähigkeiten hilft. Das Austesten und Erleben von neuen Situationen reduziert die Angst vor Unbekanntem und stärkt das Selbstbewusstsein des Kindes im Hinblick auf kommende Aufgaben in der Zukunft. Natürlich scheitern Kinder teilweise mit ihrer Neugierde, in dem sie irgendwo runterfallen o.ä., aber sie suchen mit ihrem Verhalten nicht das Risiko sondern befriedigen ihre Neugierde und haben somit eine hohe intrinsische Motivation, ihre Grenzen auszutesten. Das Maß an Neugierde unterscheidet sich aber von Kind zu Kind und es gibt welche, die sich zunächst etwas zeigen lassen bevor sie es selber ausprobieren und andere, die vieles ohne Anleitung und ohne Zögern testen.

Wie die Neugierde bei Kindern unterscheidet sich auch bei Erwachsenen das persönliche Aktionsniveau, also der Bereich, wo der Körper ideal beansprucht ist und ein optimales Level an Stimulation durch Reize gewährleistet ist. Die Person ist dabei nicht über- oder unterfordert. Bei Abweichungen von dem persönlichen Aktionsniveau können bei Überforderung Angst oder Stress und bei Unterforderung Langeweile eintreten, die mit mehr oder weniger negativen Gefühlen verbunden sind (Semler, 1994, 42). Das optimale stimulationsbedingte Erregungsniveau des Wohlfühlens eines Individuum wird nach Eysenck auch hedonic tone genannt (Krohne & Tausch, 2013, 88).

Dieses Verhalten basiert auf einem System, das arousal system genannt wird und alle vorangegangenen Emotionssysteme wie beispielsweise die Belohnung miteinschließt. Dieses System hat immer eine gewisse Grundaktivität und dient dazu, den Körper optimal an seine Umwelt anzupassen und jegliche Aktivität bei einer Belohnung oder einer Bestrafung angemessen zu regulieren. Diese Verhaltensregulierung bzw. –aktivierung hängt von drei Faktoren ab, die eng miteinander verknüpft sind. Zum einen hängt es von den Genen ab, da sie unsere Zellen und die Zellchemie vorgeben und für die neuronalen Strukturen entscheidend sind. Außerdem spielen diese neuronalen Strukturen, die elektrisch und chemisch verbunden sind und das Nervensystem ausmachen, eine Rolle und zuletzt die Neuromodulatoren, also die Hormone und Neurotransmitter, die unsere Emotionen stark beeinflussen und deren Verfügbarkeit ebenfalls wie die neuronalen Strukturen auf einer genetischen Grundlage basiert (Häusel, 2011, 32f).

Der menschliche Körper ist ständig unterschiedlichen Reizen ausgesetzt, die auf auditive, visuelle, olfaktorische, gustatorische oder haptische Weise aufgenommen werden und im Gehirn eine bestimmte Reaktion auslösen. Der Körper reagiert mit der Ausschüttung unterschiedlicher Neurotransmitter auf die verschiedenen Reize und steuert so seine Reaktion, weswegen die Reize auch dazu führen, dass, wie oben bereits erwähnt, beispielsweise Dopamin ausgeschüttet wird, wenn das Lieblingsessen vor einem steht.

Mit dem Ziel, das Belohnungszentrum zu stimulieren, suchen wir nach Reizen, die in der Lage sind, unser persönliches optimales, stimulationsbedingtes Wohlfühlniveau zu erreichen. Je eher ein Reiz dazu führt, dass er unser Belohnungszentrum stimuliert und wir erregt werden, desto attraktiver ist er für uns, was dazu führt, dass der Mensch bestimmte Dinge tut und andere unterlässt (Semler, 1994, 44).

Laut Semler (1994, 45) haben Risikosportler somit ein extrem hohes Aktionsniveau und benötigen extreme Reizzustände, um sich optimal wohlzufühlen, wobei zu beachten ist, dass das optimale Aktionsniveau sowohl durch einen Erregungsanstieg als auch durch einen -abfall erreicht werden kann. Das heißt, dass das optimale Wohlfühlniveau für Risikosportler nach einem Sprung mit einem wingsuit erreicht wird, wenn das Aktionsniveau nach einer Überaktvierung während des Sprunges nach der Landung wieder abfällt (Semler, 1994, 45).

Folgende Abbildung 3.3 zeigt hingegen eine andere Hypothese, die besagt, dass einige Personen ein besonders niedriges Aktionsniveau haben und somit mit Hilfe interner oder externer Faktoren versuchen, dieses auf ein Level zu bringen, das andere Menschen bereits bei weniger aufregenderen Aktivitäten erreichen würden. Euthymia ist das griechische Wort für Mut, Frohsinn und Heiterkeit und beschreibt in der Abbildung den Zustand des erregungsbedingten Wohlfühlens.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.3: Hypothesized results of lower hedonic tone and behaviors to reach euthymia (Sternat & Katzman, 2016, 2150).

Die Autoren der Studie bringen den low hedonic tone jedoch häufig mit Krankheitsbildern wie beispielsweise Depressionen oder einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in Zusammenhang und geben an, dass betroffene Personen Belohnung schlecht antizipieren können und das Belohnungssystem in Verbindung mit dem dopaminergen System nicht richtig arbeitet, da bei diesen auch ein Serotoninaufnahmeblocker keine Wirkung zeigte (Sternat & Katzman, 2016, 2149f).

Da aber nicht davon auszugehen ist, dass alle BASE jumper eine psychische Störung haben, mit der womöglich eine Irregularität in Bezug auf die Neurotransmitter einhergeht, scheint mir die die Hypothese, dass die Mehrheit der BASE jumper ein besonders hohes Stimulationsniveau haben, naheliegender. Da aber jeder Springer individuell ist, sind sicherlich auch welche dabei, die den Sport aufgrund eines Krankheitsbildes wie beispielsweise ADHS ausüben.

Meiner Meinung nach trifft es jedoch nicht auf die Mehrheit der Springer zu, da eine Irregularität in Bezug auf die Neurotransmitter nicht flächendeckend als Begründung für risikoreiches Verhalten angesehen werden kann.

Zusammenfassend zu den ersten Unterkapiteln lässt sich festhalten, dass der Motor für jegliche Handlungen die positiven Emotionen sind, da diese dafür sorgen, dass das „Glückshormon“ Dopamin als Motivator ausgeschüttet wird, wodurch das Belohnungszentrum stimuliert wird. Da jeder Mensch verschiedene Bedürfnisse hat, reagiert er unterschiedlich auf Reize in der Umwelt und orientiert sich an jenen, die das meiste Potenzial haben das persönliche Aktionsniveau am besten zu befriedigen. Neben der Ausschüttung von Dopamin führt die Stimulierung des Belohnungszentrums unter anderem zu der Freisetzung des Botenstoffs GABA, das für die Entspannung zuständig ist.

Die erste Annahme für das Warum legt somit nahe, dass Risikosportler generell ein recht hohes Aktionsniveau haben, weswegen ihnen viele Herausforderungen im Alltag langweilig erscheinen. Sie benötigen somit intensive und besonders attraktive Reize, um ihr persönliches Aktionsniveau und eine Stimulierung des Belohnungszentrums zu erreichen. Eine andere Hypothese legt nahe, dass die Personen eine krankheitsbedingte Irregularität der Neurotransmitter aufweisen und somit eine sehr geringe Dopaminkonzentration haben. Diese versuchen sie mit Hilfe von riskanten Sportarten zu erhöhen und eine Endorphinausschüttung zu erreichen.

Zu der Vermutung des hohen Aktionsniveaus kommt die Tatsache, dass sich Menschen generell in sogenannte Risikosucher bzw. Risikovermeider unterteilen lassen und sensation seeker den Risikosuchern zuzuordnen sind.

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Details

Seiten
82
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783956873478
ISBN (Buch)
9783956873492
Dateigröße
6.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v387595
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,7
Schlagworte
Risikosport Base Jumping Angst GoPro Adrenalin

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Titel: Höher, schneller, gefährlicher? Der Risikosport BASE Jumping im Kontext von Gesellschaft und Persönlichkeit