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Mad Scientist und Mensch-Tier-Verhältnis. Herkunft des Wissenschaftsklischees und Betrachtung der antirationalistischen Wissenschaftskritik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 19 Seiten

Soziologie - Wissen und Information

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Über die Herkunft des mad scientist

2. Der mad scientist als Resultat einer antirationalistischen Wissenschaftskritik

3. Der mad scientist als Resultat des Mensch-Tier-Verhältnis
3.1. „ Das Tier “ im wissenschaftlichen Diskurs
3.2. Tierdefinitionen: Der Aufbau vom Dualismus
3.3. Menschen und nichtmenschliche Tiere in der westlichen Ideengeschichte
3.4. Benutzung der Tiermetapher zur Etikettierung von Menschengruppen
3.5. Mad scientist und der Mensch-Tier-Dualismus

4. Synthese: Eine ganzheitliche Sicht

Literaturverzeichnis

1. Über die Herkunft des mad scientist

Spätestens seit Goethes Faust werden Wissenschaftler1 in westlichen Medien, sei es Literatur, Serie oder Film, oftmals sehr klischeehaft dargestellt. Sie zeichnen sich durch einen Verfall zur triebhaften, ungesunden und vernunftlosen Suche nach verbotenem oder zuviel Wissen aus, das sehr oft zur Katastrophe führt. Dr. Frankenstein, Dr. Strangelove oder Dr. Jekyll sind nur einige Beispiele hierfür.

Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der Herkunft dieses Bildes. Als Basis dienen dabei zwei Herangehensweisen: Die eine ist die Annahme, dass dieses Klischee seinen Ursprung in Konflikten zwischen Religion und Wissenschaft hat, und dass die moderne Wissenschaft die alten, religiösen Grenzen der Wissensaneignung zu gefährden droht. Der mad scientist wäre also eine religiös motivierte Warnung vor einer vermeintlich zu starker Wissensaneignung als Reaktion auf schwankende religiös-gesellschaftliche Macht.2 Die andere Herangehensweise ist die Annahme, dass der mad scientist seinen Ursprung in der Dualismen-Bildung und des „Othering“, der Veranderung, hat. Konkret geht es dabei um den gesellschaftlichen Aufbau von Eigen- und Fremdgruppe, mit dem Ziel der Abwertung des Fremden und der gleichzeitigen Aufwertung des Eigenen. Wir werden sehen, dass dieses Phänomen weitreichende Wurzeln in der westlichen Ideengeschichte hat und auf den beiden Urdualismen Mensch-Tier, sowie Kultur-Natur beruht.3

Dabei werde ich, nach einer ersten Eingrenzung und Ausführung der beiden Theorien, weiterhin untersuchen, welche Annahme in welchem Ausmaß und wie genau eine Rolle bei der Generierung des Wissenschaftlerklischees einnimmt. So wird es hoffentlich möglich sein, dieses Phänomen zukünftig in einer ganzheitlicheren Betrachtungsweise zu behandeln, die der Komplexität der Generierung dieses Klischees besser Rechnung tragen wird.

2. Der mad scientist als Resultat einer antirationalistischen Wissenschaftskritik

„Gott schuf Alles aus Nichts. // Aber ihr Alchymisten, // Falsche Kinder des Lichts, // Gottes Antagonisten! // Schaffet aus Allem Nichts.“4

- J. C. F. Haug: Gott und die Alchymisten

„Vorsicht vor der Wissenschaft!“ So scheint die Warnung vieler Werke aus Literatur und Film zu lauten.5 Doch während diese Medien sich u.a. mit Fantasiewelten und Illusion beschäftigen, liegt das Interesse der Wissenschaft vor allem in der Erforschung tatsächlicher Gegebenheiten, von beobachtbaren und nicht-beobachtbaren Existenzen, schlicht: von Wahrheit.6 Doch was passiert wenn beide Welten aufeinander treffen? Während Wissenschaft bei der Untersuchung von Medien bei der Wahrheit bleiben möchte, müssen Medien diesem Anspruch nicht unbedingt folgen. Tatsächlich fühlen sich Wissenschaftler_innen oft in Film und Literatur falsch dargestellt.

Viel mehr als in Nachrichtenmagazinen oder Dokumentarsendungen, werden Zuschauer in Filmen und Serien des Abendprogramms mit Wissenschaft konfrontiert7, vor allem im Horror-Genre.8 Um zu verstehen, wie es zum Klischee, bzw. Stereotyp des mad scientist kam, ist es nun wichtig, dieses Bild der Wissenschaft enger einzugrenzen und die Gründe für die Darstellung des mad scientist darzulegen. Dies soll jedoch aus Platzgründen und der doch sehr komplexen, späteren Ausführung der Verbindung zum Mensch-Tier- Verhältnis eher verkürzt dargelegt werden.

Grundlage dieser Untersuchung sind größtenteils Weingarts Darstellungen und Ausführungen des mad scientist.9 Ihr Ursprung liegt demnach in einer religiös geprägten, antirationalistischen Wissenschaftskritik, deren Anfänge weit vor Hollywood und der modernen westlichen Literatur beginnen. Seit der Antike ist wissenschaftliches Wissen mit positiven und negativen Eigenschaften, mit Befreiung, aber auch mit Unterdrückung, sowie mit Vorurteilen und Aberglauben assoziiert. Um Wissenschaft ranken sich demzufolge viele Mythen, wie die Erschaffung menschlichen Lebens, dessen Veränderung durch Erbmaterialmanipulation oder die Schaffung von Hybriden, Monstern, o.ä.. Der Alchemist ist dabei der Prototyp des mad scientist, er verkörpert als Wissenschaftler, der nach verbotenem Wissen sucht, den Ursprung dieser Metapher und findet seinen Nachfolger vor allem im modernen Chemiker10.

Dass der mad scientist sich vor allem mit vermeintlich verbotenem Wissen beschäftigt, wird am ewigen Kampf zwischen Religion und Wissenschaft, und somit an der tiefsitzenden Ambivalenz gegenüber der Wissenschaft deutlich:

„Die Leistung der mechanischen Erschaffung menschlichen Lebens - oder Lebens überhaupt - erscheint als Höhepunkt der Wissensaneignung und der Macht, die dieses Wissen vermittelt. Die meisten Gesellschaften haben dieser Ausweitung menschlichen Wissens definitive Grenzen gesetzt; die moderne westliche Gesellschaft hat sich durch den Versuch hervorgetan, diese Grenze zu beseitigen. Aber die alten Grenzen üben noch immer ihre Macht aus und erzeugen ein gewisses Grauen darüber, was jenseits dieser Grenzen gefunden werden wird.“11

Wissenschaft als Instanz, die ständig das religiöse Wissen herausgefordert und in Frage gestellt hat, wurde zur Gefahr einer Jahrtausenden alten Denktradition. Die Beantwortung bestimmter Fragen, wie der Ursprung menschlichen Lebens oder die Geheimnisse der Entschlüsselung der göttlichen Schöpfung, wurden zusehends der Autorität von Religionsführern entzogen und in die Hände der Wissenschaft gelegt. Damit wurde nicht nur deren Autorität, sondern auch die Instanz Gottes, sowie fast alle religiösen Werte in Frage gestellt. Antirationalistische Wissenschaftskritik, in Form des mad scientist, kann somit als Folge dieser Spannung zwischen Religion und Wissenschaft betrachtet werden. Sei es Goethes Dr. Faust, Dr. Frankenstein, Dr. Jekyll, Dr. Moreau, Dr. Caligari oder Dr. Strangelove: Sie alle fungieren als Metapher für diese Kritik. Insbesondere Dr. Frankenstein zeigt diese Ambivalenz auf: Als Schöpfer einer „nahezu menschlichen Kreatur“ umgeht er Gottes Werk und stellt - stellvertretend für die Wissenschaft - seine Autorität als einziger Schöpfer damit in Frage. Die Folgen dieser Missachtung religiöser Moral werden anschließend anhand der Katastrophe, die durch Frankensteins Monster ausgelöst wird, ausführlich dargestellt. Doch ist diese Ambivalenz gegenüber der Wissenschaft nicht der einzige Grund für die Darstellung des mad scientist.

3. Der mad scientist als Resultat des Mensch-Tier-Verhältnis

Wenn es zur Rechtfertigung von Diskriminierung oder Ungleichheit kommt, lassen sich die meisten Argumente direkt oder indirekt auf ein bereits im Vorfeld etabliertes Ungleichheitsverhältnis zurückführen: Das Mensch-Tier-Verhältnis. Die Etikettierung von Menschengruppen geschieht meist über zwei seit Jahrtausenden wirkungsmächtigen Dualismen: Kultur versus Natur und Mensch versus Tier. Auf der Basis dieser kulturell geschaffenen Gegensätze eröffnet sich ein ganz neuer Blick auf Diskriminierungsstrukturen. Genau dies wird auch im Fall des mad scientist deutlich werden. Um dies nachzuvollziehen, ist jedoch erst ein Abriss der Ideen „des Tiers“ und „des Menschen“ in der westlichen Geschichte notwendig. Dabei wird deutlich, dass die Vorstellung „des Tiers“, wie es in der Gesellschaft vorliegt, so nicht existiert. Es ist eine Metapher. Gerade diese Metapher dient aber als Basisfolie um andere Ungleichheitsstrukturen rechtfertigen zu können. Dabei nehmen Dualismen die Funktion der Herstellung von Eigengruppen und Fremdgruppen ein, dienen als Bildung von Identität und Abgrenzung, der „Veranderung“ und ferner als Aufwertung des Eigenen und Abwertung des Fremden.

3.1. „Das Tier“ im wissenschaftlichen Diskurs

Tiere waren bisher kaum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung. Erst seit Kurzem eröffnet sich hier mit den Human-Animal Studies ein neues, überschaubares Forschungsfeld. Dabei begegnen uns Tiere überall im gesellschaftlichen Alltag, sei es z.B. als Haus-, Versuchs-, Nutz-, oder Jagdtiere. Bei vielen Menschen in der westlichen Gesellschaft gelten Hunde und Katzen als Familienmitglieder, hier ist die gesellschaftliche Interaktion also direkt und offensichtlich. Andererseits gibt es auch viele subtilere und indirekte Interaktionen zwischen Menschen und anderen Tieren, wie zum Beispiel zwischen Milchtrinkern und Milchkühen. Zudem gibt es gesellschaftliche Teilbereiche, die nur einem vergleichsweise kleinen Anteil von Menschen vorbehalten sind, in denen Tiere als Ressourcen dienen, wie Wissenschaftler_innen und Versuchstiere oder Schlachtarbeitende und Nutztiere. Trotzdem agiert der Großteil der Gesellschaft zumindest indirekt auch mit diesen Tieren, so zum

Beispiel, wenn sie als Verbrauchende die Produkte aus der Nutztierindustrie kaufen oder verzehren. Dabei fällt auf, dass der Großteil der Mensch-Tier-Verhältnisse von Dominanz, oder sogar Gewalt oder Ausbeutung der Menschen gegenüber den Tieren geprägt ist. So ist das unfreiwillige Töten von Tieren für die Fleischproduktion stets ein Akt der Gewalt. Auch Milchkühe werden nach durchschnittlich 5 Jahren, wenn ihre Milchproduktion nachlässt, getötet12 und in der Eierindustrie werden bei neugeschlüpften Küken die männlichen gleich nach der Geburt lebendig zerschreddert, vergast oder zermust13. Von Interesse ist in diesem Teil jedoch weniger diese Praktiken selbst, als viel mehr der gesellschaftspolitische Umgang damit. Welche Erklärungen geben sich Menschen für die Tötung von Tieren? Welche Rechtfertigungen liefern Denkende und Philosophierende aus der westlichen Menschheitsgeschichte für die Unterwerfung und Ausbeutung von Tieren?

3.2. Tierdefinitionen: Der Aufbau vom Dualismus

Um überhaupt die gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse behandeln zu können, ist es wichtig eine einheitliche Definition von Tieren zu finden. Tatsächlich gibt es nämlich zwei widersprüchliche Definitionen, eine naturwissenschaftliche und eine westlich-kulturelle14. Laut der naturwissenschaftlichen Tierdefinition zählt man zu den Tieren sämtliche eukaryotische Lebewesen, die ihre Energie nicht durch Photosynthese gewinnen und Sauerstoff zur Atmung benötigen, aber keine Pilze sind, sowie zur Energie- und Stoffgewinnung sich von anderen Lebewesen ernähren (Heterotrophie)15. Hier ist der Mensch mit eingeschlossen. Die westlich-kulturelle Tierdefinition hingegen definiert Tiere als eben jene Lebewesen, vom Regenwurm zum Gorilla, aber den Menschen jedoch ausgenommen, wobei der Mensch mit dem Gorilla - naturwissenschaftlich gesehen - weitaus mehr gemein hat, als der Gorilla mit dem Regenwurm. Allgemein dominiert die westlich-kulturelle Tierdefinition in unserer Gesellschaft. Sie ist die Norm. Wenn von Tieren die Rede ist, sprechen die meisten Menschen von Lebewesen, zu denen sie sicherlich nicht gehören. Bei der naturwissenschaftlichen Tierdefinition muss hingegen meist präzisiert werden, wenn man von Tieren spricht und den Menschen mitmeint.

Es handelt sich bei der westlich-kulturellen Tierdefinition also um eine Metapher, ein Konstrukt. „ Das Tier“ gibt es nicht. Diese Metapher ist jedoch wichtig für den Aufbau des gesellschaftlich höchst wirkungsmächtigen Dualismus Mensch-Tier, und darüber hinaus des Dualismus Kultur-Natur. Wie wir sehen werden, ist dieser Dualismus die Basis für die Herstellung der Eigengruppe „Menschen“ gegenüber der Fremdgruppe „Tiere“ und somit der erste Schritt zu einer Legitimierung für die Unterwerfung von Tieren. Um der naturwissenschaftlichen Tierdefinition mehr Gewicht zu geben, sowie diesen Dualismus in Frage zu stellen, soll also im nachfolgenden Verlauf der Arbeit der Begriff „nichtmenschliche Tiere“ benutzt werden, wenn von Tieren die Rede ist und Menschen ausgenommen werden sollen.

3.3. Menschen und nichtmenschliche Tiere in der westlichen Ideengeschichte

Die westliche Tiermetapher ist eine durch die religiösen Vorstellungen der abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) geprägte Konstruktion16. Diese Religionen haben ihre Wurzeln in patriarchalen Viehzüchterkulturen, in denen sich die Vorstellung eines allmächtigen, m ä nnlichen Schöpfergottes entwickelte. Das „Ebenbild“ dieses Gottes, der männliche Mensch, wird zur auserwählten Gruppe. Somit entsteht eine erste effektive Trennung zwischen Menschen und anderen Tieren. Zudem entwickelte sich in diesen Religionen, wenn auch diese These unter Theolog_innen Jahrhunderte lang umstritten ist, die Vorstellung eines ewigen Kampfes zwischen „Gut“ und „Böse“, die die Idee eines teuflischen Gegenspielers hervorbrachte, der für Irrlehren, Kirchenabfall und sündige Lebensformen stand. Nun benötigte diese Idee die Beschreibung seiner Gestalt. „Das Tier“, das man eh als unvernünftig, ungehemmt und abgründig betrachtete, war hierfür bestens geeignet, wurden diese doch durch die Exklusivität der Unsterblichkeit der menschlichen Seele von vorneherein abklassifiziert.

[...]


1 Da es sich bei dieser Hausarbeit um die Untersuchung eines Klischees handelt, und sämtliche untersuchte Wissenschaftler dieses Klischees männlich waren, wird in diesem Einzelfall auf eine geschlechtergerechte Schreibweise verzichtet und nur die männliche Form verwendet.

2 Vgl. Weingart; Weingart 2005, S. 189-206

3 Vgl. Mütherich; Brenner 2003, S. 16-42

4 Johann Christoph Friedrich Haug 1805: „Gott und die Alchymisten“, zitiert nach Schummer 2006, S. 112

5 Vgl. Toumey 1992

6 Vgl. hierzu, sowie zu den folgenden Ausführungen: Weingart; Weingart 2005, S. 189-206

7 Vgl. Gerbner 1987, S. 110

8 Vgl Tudor 1989

9 Vgl. Weingart; Weingart (2005)

10 Vgl. Schummer 2006

11 Back 1995 zitiert nach Weingart; Weingart 2005

12 Quelle: Vegetarierbund Deutschland

13 Quelle: ZDF Doku: 37° vom 28. September 2004 (Titel: Mit Herz für Tiere)

14 Unsere Tierdefinition ist typisch für den modernen Okzident. So wurde im alten Ägypten z.B. keine strikte Mensch-Tier Trennung vorgezogen, wie es bei uns der Fall ist. Da hier auch speziell auf die westliche Entwicklung eingegangen wird, und andere Kulturen andere Tierdefinitionen haben, wird hier von der „westlichkulturellen“ Tierdefinition gesprochen.

15 Quelle: Wikipedia Online: http://de.wikipedia.org/wiki/Tier (Abruf: 13.03.2012)

16 Vgl. hierzu sowie zum gesamten Abschnitt: Mütherich; Brenner 2003, S.17-32

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668612204
ISBN (Buch)
9783668612211
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v387088
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,5
Schlagworte
wissenschaft mensch-tier-verhältnis

Autor

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Titel: Mad Scientist und Mensch-Tier-Verhältnis. Herkunft des Wissenschaftsklischees und Betrachtung der antirationalistischen Wissenschaftskritik