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Aktuelle Kunst der Türkei im Spannungsverhältnis von Utopie, Wirklichkeit und der westlichen Erwartungshaltung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 25 Seiten

Kunst - Sonstiges

Leseprobe

1 Einleitung

„How is it possible to find a way out of isolation to become a part of the local and global art scene? Which path should one pursue? And at the end of the day is it not utopian thinking which makes way for improvement?“ [1]

Barbara Heinrich, 2011

Ein absurdes Bild zeigt sich dem Betrachter in der Videoarbeit der beiden kurdischen Künstler Şener Özmen und Erkan Özgen: Sie reiten als Don Quijote und Sancho Panza, hoch zu Pferd und auf dem Packesel, edel mit Anzug und Krawatte bekleidet, durchs anatolische Gebirge – auf der Suche nach dem Weg in die Tate Modern in London, eines der bekanntesten Museen für Gegenwartskunst in Europa. In dieser Utopie verbinden die Künstler einen humoristischen Rekurs auf Cervantes Werk mit ironischer Kritik an der Marginalisierung türkischer Kunst durch den Westen.

Das, mit Road to Tate Modern betitelte, Kurzvideo bringt dabei treffend auf den Punkt, was sich als roter Faden durch die Geschichte der Kunst der Türkei seit Gründung der Republik 1923 zieht: der Gegensatz zwischen Tradition und Moderne, Peripherie und Zentrum, Fiktion und Wirklichkeit. Gedreht wurde der Film im Jahr 2003. Das Zentrum der europäischen zeitgenössischen Kunst erscheint darin als unerreichbares Ziel. Bei dem Versuch internationale Wahrnehmung und Wertschätzung zu erlangen, werden den Kunstschaffenden immer wieder Steine in den Weg gelegt. Im Kontext der aktuellen (kultur-)politischen Entwicklungen sowie den problematischen Beitrittsgesprächen zwischen der EU und der Türkei, ist die Botschaft der Videoarbeit auch 2017 nicht veraltet.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie die beiden kurdischen Künstler Şener Özmen und Erkan Özgen ihre eigene Position als Künstler in der Gesellschaft inszenieren und so die prekäre Situation der türkischen Kunstszene um 2000 vermitteln. Dabei dient die Geschichte des Don Quijote als Sinnbild für die scheinbare Ausweglosigkeit der Kunst der Türkei, beim Versuch sich aus der Peripherie ins westliche Kunstzentrum zu manövrieren. Fiktion und Realität werden gegenübergestellt. Tragik und Komik des Videos werden deutlich, sobald der Rezipient die Romanvorlage erkennt und um deren Handlung weiß. In diesem Kontext entwickelt sich ein komplementäres Verhältnis von nichtwissendem Akteur und wissendem Betrachter. Um die Geschichte des tragischen Antihelden auf die türkische Kunst- und Kulturszene übertragen zu können, ist zunächst die ikonographische Beschreibung der Videoarbeit notwendig. Im Anschluss gilt es die wichtigsten Szenen des Videos herauszuarbeiten und mit der literarischen Vorlage zu vergleichen. Darüber hinaus, erfolgt die Verknüpfung der Ergebnisse mit den Entwicklungen der Istanbuler und insbesondere der südostanatolischen Kunstszene des letzten Jahrzehnts. Wobei die Frage beantwortet wird, ob Şener Özmen, Erkan Özgen – als Vertreter der KünstlerInnen mit kurdischen Wurzeln – und im übertragenen Sinne zeitgenössische KünstlerInnen der Türkei am Ziel angekommen sind.

2 Wo geht’s zur Tate Modern? – Formale Videobeschreibung Şener Özmens und Erkan Özgens Road to Tate Modern

Der Kurzfilm Tate’e Giden Yol (Road to Tate Modern) [2] ist wohl das bekannteste Werk des kurdischen Video- und Fotokünstlers Şener Özmen, der in der südostanatolischen Stadt Diyarbakır lebt und arbeitet. Zusammen mit dem kurdischen Kollegen Erkan Özgen greift er im Jahr 2003 den Gedanken der Unüberwindbarkeit lokaler und sozialer Herkunft auf. Zwei in Anzügen gekleidete Männer reiten durch eine karge Berglandschaft. Einer von ihnen reitet auf einem Pferd und hält einen langen Stab in der Hand; der zweite folgt ihm auf einem Esel. Bei den Protagonisten handelt es sich um die Künstler Özmen und Özgen selbst. Beide wirken erschöpft und verloren, da sie immer wieder Anhaltspunkte für den Weg suchen, dem sie folgen möchten. Die steilen Felswände im Hintergrund der Umgebung wirken, wie kaum erklimmbare Hindernisse; dieser Eindruck wird durch die Kameraführung aus der Froschperspektive verstärkt (02:05 Min.; Abb.1). Die Reise geht nur schleppend voran. Das Fließen eines Gewässers wird hörbar. Auf Kurdisch macht der hintere Reiter deutlich, dass er erschöpft sei, nach den „vierzig Tagen und Nächten“, die sie schon unterwegs seien. (Abb. 2) Der andere Mann reagiert unnachgiebig und fordert seinen Begleiter auf still zu sein, bis er nur wenige Sekunden später selbst entscheidet eine Pause einzulegen. An einem Bach erfrischen und waschen sie sich. Die polierten Schuhe, die Socken und das Sakko werden ordentlich abgelegt (02:55 Min.; Abb. 3.). Im weiteren Verlauf des Rittes kommen die beiden Männer an eine Weggabelung und wissen nicht weiter. Einen vorbeikommenden Reisenden fragen sie: „How can we reach Tate Modern?“ (05:15 Min.; Abb. 4). An dieser Stelle ist auf die Mehrdeutigkeit des englischen Begriffes „reach“ in der Frage nach dem Weg hinzuweisen. Zum einen ist die Frage als Erkundigung nach der Reiseroute zu verstehen, zum anderen als Frage nach der Möglichkeit die Tate Modern zu „erreichen“. Es eröffnet sich damit eine weitere Bedeutungsebene, die es im Folgenden zu erläutern gibt. Erstaunlicherweise scheint der Reisende den Weg zu kennen und antwortet: „Bis vor zum Berg und dahinter links“ sagt er. „Ist der Weg lang?“, hakt der Mann auf dem Esel nach. „Ja, sicher“ weiß der Reisende, „allein bis zum Berg dauert es schon eine Weile.“ Er ermutigt die beiden Reiter dennoch den langen Weg auf sich zu nehmen. Um diese Information reicher, hält sie nichts davon ab ihren Ritt fortzusetzen und dem beschriebenen Weg zu folgen. Ob die beiden reisenden Männer an ihrem Ziel der Londoner Galerie für moderne und zeitgenössische Kunst ankommen, erfährt der Betrachter jedoch nicht. Es folgt ein Abspann.

3 Der Glaube an die Utopie: Don Quijote als Sinnbild für die Unüberwindbarkeit lokaler und sozialer Herkunft zeitgenössischer türkischer Kunst

3.1 Die Geschichte des ‚Ritters der traurigen Gestalt‘

In ihrer Videoarbeit bedienen sich die beiden Künstler der Thematik eines in Kunst, Film und Musik vielfach rezipierten Weltromans. Miguel de Cervantes‘ Roman El Ingenioso Hidalgo Don Quijote de la Mancha (1605/1615) ist der wichtigste Roman des ‚Siglo de Oro‘, des goldenen Zeitalters der spanischen Kunst und ein Klassiker der Weltliteratur. Der in der Region La Mancha Spaniens lebende Junker Alonso Quijano hat nahezu alle Ritterromane gelesen und hält diese für absolut wahr. Im Wahn will er nun die Ritterabendteuer erleben, die in den Romanen geschildert werden und macht sich als Don Quijote de la Mancha auf seinem alten, mageren Pferd Rozinante auf den Weg. All seine Erlebnisse bringt er mit seinem Leben als selbsternannter Ritter in Zusammenhang; sein Begleiter Sancho Panza ist eigentlich ein gewöhnlicher Bauer, dicklich und klein auf einem Esel reitend, begleitet er seinen langen, hageren Herrn auf Schritt und Tritt; Denn von diesem hat er die Statthalterschaft auf einer Insel versprochen bekommen. Die beiden Kontrastfiguren sind, in eine phantastische Idee vernarrten, Idealisten. Sie scheinen untrennbar und erleben ihre Abenteuer im Kampf gegen Windmühlen, die Don Quijote für Riesen hält und staubumwölkte Hammelherden, die ihm als mächtige Heere erscheinen. Don Quijote entwirft sich als edler Ritter nach Maßgabe des Rittertums, das in den Romanen verkörpert ist. Durch die vielen Formen des Missverhältnisses, zwischen dem Anspruch der Romanvorbilder und deren Erfüllung in der Wirklichkeit entstehen zugleich die Komik und Tragik des Romans.[3] Statt eines stattlichen Pferdes hat er seinen dürren, klapprigen ‚Gaul‘ gesattelt, sein Helm ist aus Pappe und Metall selbst zusammengebaut, die Rüstung reichlich rostzerfressen.[4] Er kann wie ein mittelalterlicher Ritter in Rüstung und zu Pferd erscheinen und dennoch (oder gerade deshalb) verfehlt sein Auftritt die von ihm erwartete Imposanz. Umso bemerkenswerter ist es, dass er sich in seinem Wahn von nichts und niemandem abhalten lässt. Don Quijote ist ein Antiheld, der einer Traumwelt nacheifert, in der das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit einander gegenübergestellt werden. Bis hin zur Absurdität bewahrt er die Hoffnung und den Glauben an seinen Traum. Die Geschichte des ‚Ritters der traurigen Gestalt‘ lässt sich analog auf die Videoarbeit Road to Tate Modern anwenden und soll im Folgenden zur Grundlage eines Vergleiches zwischen Literaturvorlage und Videoarbeit genommen werden, um entscheidende Ähnlichkeiten, Abweichungen und Ergänzungen herauszuarbeiten.

3.2 Özmen und Özgen als Stellvertreter Don Quijotes und seines Knappen Sancho Panzas

Es werden unterschiedliche Bildmittel betrachtet, die die Geschichte Don Quijotes in der Videoarbeit Özmens und Özgens wiederspiegeln, wie die optische Erscheinung der Protagonisten auf der formalen Ebene und die falsche Einschätzung ihrer Situation im erzählerischen Kontext. Ebenso gilt es unterschiedliche Szenen, die das Video zu einem, ganz auf die türkische Kunstszene bezogenen, grotesken Schauspiel werden lassen zu bearbeiten. Entscheidend ist dabei, dass trotz Abweichungen von der Literaturvorlage, beim Betrachter das gleiche Gefühl eines utopischen Vorhabens – charakterisiert durch Tragik und einer gewissen Komik – vermittelt wird, wie es beim literarischen Vorbild der Fall ist. Diese Art der Rezeption ist eng an das Wissen des Betrachters geknüpft.

3.2.1 Optische Erscheinung der Protagonisten im Vergleich zur Literaturvorlage

Die Parallele zwischen den Protagonisten des Films von Özmen und Özgen und den Romanhelden Cervantes‘ vermittelt sich ausschließlich über das Bild. Sie ist entscheidend, um das Wissen des Betrachters herauszufordern und damit die Rezeption des Kunstwerkes vorzugeben. Mit ihren Attributen (Lanze, Pferd, Esel), ganz nach der ikonographischen Tradition, weisen sich die Protagonisten als die Sagengestalten Don Quijote und Sancho Panza aus. An dieser Stelle seien beispielhaft die künstlerischen Don Quijote-Interpretationen von Pablo Picasso und Honoré Daumier sowie die diversen Verfilmungen des Romans verwiesen, die zur Bildung dieser Bildtradition beigetragen haben.[5] (Abb. 5, 6) Özmen reitet, Don Quijote verkörpernd, auf einem Pferd voran und trägt einen langen Holzstab als Lanze mit sich, während Özgen auf einem viel zu kleinen Esel und schwer bepackt versucht Schritt zu halten. Die Assoziationen zu den Sagengestalten werden beim Betrachter aufgerufen. Hierbei ist dennoch zu erwähnen, dass bekannte Szenen der Romanvorlage, wie der Kampf mit den Windmühlen nicht nachgestellt werden. So erfolgt die Verknüpfung zur Literaturvorlage zwar durch die Erscheinung der Protagonisten, aber über die Hälfte des Films bleibt unklar, was die Referenz an das literarische Meisterwerk aussagen soll.[6] Irritiert wird der Betrachter zudem durch die vornehme Kleidung der Männer, der bis zu diesem Zeitpunkt – außer durch Verinnerlichung des Werktitels – noch nicht weiß, dass das Reiseziel die Tate Modern ist. Demnach würde die westliche Erwartungshaltung hinsichtlich der Kleidung der beiden, offensichtlich dem Kulturkreis des Nahen Ostens angehörigen Männer, eine den Umständen angepasste Kleidung vorsehen.[7] In einen schwarzen Anzug gekleidet, entsprechen sie eher der Vorstellung des Dresscodes in einem Museum; zum Reiten eines Pferdes und einer Gebirgsüberquerung bei wechselnden Witterungsverhältnissen taugt diese Form der Bekleidung normalerweise nicht. Die Künstler Özmen und Özgen scheinen bei Ankunft im größten Museum für zeitgenössische Kunst einen guten Eindruck machen zu wollen, sich anpassen zu wollen. In unserer heutigen (sowohl westlichen als auch islamisch-orientalischen) Gesellschaft, ist der Anzug zwar alltagstauglich geworden, dennoch gilt er als eine spezifische Kleiderform, die zu besonderen Anlässen, Feierlichkeiten oder von verschiedenen Berufsgruppen bevorzugt getragen wird; auch vom erfolgreichen Künstler in Europa, so zumindest die klischeehafte Vorstellung. Das berufliche oder gesellschaftliche Ansehen wird in Zusammenhang mit dieser Kleidungsform gesetzt.[8]

[...]


[1] Heinrich, Barbara: Where do we go from here?, in: Şener Özmen u.a. (Hrsg.), Şener Özmen (= Contemporary art series Artist book Güncel sanat dizisi Sanatçı kitabı, Bd. 4) 2011, S. 66–70, hier S. 67.

[2] Şener Özmen und Erkan Özgen: Road to Tate Modern, 2003, Video, transferiert auf DVD, 07:13 Min., Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=KGZxvAI5P6o.

[3] Strosetzki, Christoph und Delgado, Mariano: Miguel de Cervantes' Don Quijote. Explizite und implizite Diskurse im Don Quijote (= Studienreihe Romania, Bd. 22), Berlin 2005, S. 195.

[4] Vgl. Cervantes Saavedra, Miguel de: Der sinnreiche Junker don Quijote von der Mancha. Deutsch von Ludwig Braunfels, München 1967.

[5] Vgl. Picasso, Don Quichotte sowie Daumier, Don Quijote und Sancho Pansa. Siehe dazu auch Hartau, Johann: Don Quijote als Thema der bildenden Kunst, in: Tilmann Altenberg (Hrsg.), Europäische Dimensionen des Don Quijote in Literatur, Kunst, Film und Musik, Hamburg 2007, S. 117–169. Elisabeth Winkler bietet einen Überblick über die zahlreichen filmischen Bearbeitungen des Don Quijote, vgl. Winkler, Elisabeth: Wahnsinn, Idealismus, Mythos. Darstellungs- und Deutungsmöglichkeiten Don Quijotes im Film, in: Ines Detmers und Wolfgang G. Müller (Hrsg.), Don Quijotes intermediale Nachleben, Trier 2011, S. 315–328. Siehe ebenso Altenberg, Tilmann: Don Quijote im Film, in: Tilmann Altenberg (Hrsg.), Europäische Dimensionen des Don Quijote in Literatur, Kunst, Film und Musik, Hamburg 2007, S. 171–234.

[6] Happersberger, Sarah Kristin: Nichtwissende Reisende oder wissende Betrachter? Reisen, Nichtwissen und Absurdität in Filmen von Rodney Graham sowie Sener Özmen und Erkan Özgen., in: Irina Gradinari u.a. (Hrsg.), Versteckt - Verirrt - Verschollen. Reisen und Nicht-Wissen (= Trierer Beiträge zu den historischen Kulturwissenschaften, Bd. 18), Wiesbaden 2016, S. 261–284, hier S. 276.

[7] Der Phänotyp der Künstler – dunkle Haare und Schnauzbart – als klischeehafte Vorstellung wie ein Türke auszusehen hat und die kurdische Sprache weisen auf den Nahen Osten.

[8] Vgl. zur Geschichte des Anzuges Amies, Hardy: Anzug und Gentleman. Von der feinen englishen Art sich zu kleiden: ein persönlicher Blick auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Anzugs und seines notwendigen "Zubehörs", Münster 1997. Oder Meyerrose, Anja: Herren im Anzug. Eine transatlantische Geschichte von Klassengesellschaften im langen 19. Jahrhundert, Köln 12016.

Details

Seiten
25
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668611320
ISBN (Buch)
9783668611337
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v386914
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
Türkische Kunst Contemporary Art Sener Özmen Kunst Türkei Utopie

Autor

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