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Zugriff auf die Lebenswelt der AdessatInnen als begleitende Unterstützung und Erziehung

Akademische Arbeit 2017 9 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Hinführung

„Die Essenszeiten sind beliebig, das Essen selbst ist eher lieblos und spärlich. Die munteren Kinder haben keinen erkennbaren Platz für ihre Sachen und für Schularbeiten; die beengte Wohnung wirkt unaufgeräumt und chaotisch“ (Thiersch / Grunwald / Köngeter 2012, S.176).

Dieses Zitat aus einer Fallgeschichte zeigt, wie der Alltag in einer Familie aussehen kann. Das Beispiel weist auf verschiedene Probleme und Herausforderungen im Alltag hin. Die Aufgabe eines Sozialarbeiters/einer Sozialarbeiterin wäre, die Probleme zu bewältigen und wieder Struktur und Ordnung in den Alltag zu bringen. Doch wie sieht dieser Prozess aus?

In diesem Essay verfolge ich die Fragestellung „Ist der Zugriff auf die Lebenswelt der AdressatInnen, in dem Konzept der Lebensweltorientierung, eine begleitende Unterstützung und Erziehung für die Klienten?“. Wie wird die Lebenswelt der Klienten wahrgenommen und wie sieht dann die Hilfe aus? Um diese Fragen zu beantworten, werde ich zu Beginn ein paar Begriffe erläutern und anschließend das Konzept der Lebensweltorientierung darstellen.

Handlungskompetenz

Zu Nächst möchte ich kurz auf den Begriff der Handlungskompetenz eingehen, da er in allen methodischen Konzepten der Sozialen Arbeit eine wichtige Rolle spielt.

Unterschiedliche Angebote der Sozialen Arbeit, Aufgabenstellungen und Settings erfordern unterschiedliche Kompetenzen. Handlungskompetenz stellt die Potentiale, über die eine Person verfügt und die notwendig sind, um komplexe und bedeutende Aufgaben zu bewältigen, dar. Eine Kompetenz gibt aber immer nur Auskunft über mögliches und nicht über tatsächliches Handeln. Es kommt nicht immer nur auf die Fähigkeiten an, sondern auch auf die grundlegende Einstellung, denn diese führt zu einer situativen Motivation, das vorhandene Handlungspotential zu nutzen. Der Begriff Handlungskompetenz muss daher auf eine höhere Abstraktionsstufe angesiedelt werden, da er umfassender als die einzelnen Fähigkeiten ist. Zudem ist Handlungskompetenz auch stets in Beziehung zu den Rahmbedingungen des Handelns zu setzen. Es kommt auf den Raum, die Zeit und die sozialen Beziehungen eines Adressaten an (vgl. Heiner 2010, S. 617).

Lebensweltorientierung

Diese Rahmenbedingungen spielen in der Lebensweltorientierung eine besondere Rolle, denn dieses Konzept gründet auf der Lebenswelt ihrer Klienten.

Das Konzept der Lebensweltorientierung basiert auf methodischem Handeln, welches immer kontextabhängig, institutionell und situativ ist. Eine Fachkraft kann z.B. in einer Erziehungsberatungsstelle nicht in gleicher Weise mit den Kindern interagieren wie auf einem Abenteuerspielplatz. Oder ein Familienhelfer/eine Familienhelferin die eine Familie länger als ein Jahr zu Hause besucht, hat andere Möglichkeiten methodisch zu handeln, als ein Schulsozialarbeiter/eine Schulsozialarbeiterin (vgl. Heiner 2010, S. 611).

Der Gegenstand der Lebensweltorientierung erlaubt eine Verbindung unterschiedlicher theoretischer und praktischer Entwicklungen. Er verbindet die Analyse von gegenwärtigen Lebensverhältnissen mit pädagogischen Konsequenzen. Zudem basiert er auf dem Zusammenspiel von Problemen und Möglichkeiten, Stärken und Schwächen, um daraus das Handlungsrepertoire zwischen Vertrauen und gemeinsamen Konstruktionen von Hilfeentwürfen zu finden. Es ist ein Konzept, das mit pädagogischen, methodischen Konsequenzen auf schwierige Lebensverhältnisse antwortet. Ausgangspunkte der Lebensweltorientierung sind alltägliche Erfahrungen und gesellschaftliche Situationen (vgl. Thiersch / Grunwald / Köngeter 2012, S.175).

Alltagsorientierung

Da öfter der Begriff „Alltag“ oder „alltäglich“ fällt, möchte ich diesen kurz erläutern. Alltag ist überall, wo man lebt, in der Familie, in der Arbeit, in der Öffentlichkeit. Zu betonen ist, dass Alltäglichkeit, nicht das private Leben im Gegensatz zum öffentlichen meint. Es ist der Raum den man kennt, die Menschen, die einem bekannt sind, Erfahrungen, die man gemacht hat und Gruppen, in denen man lebt. Von dort aus wird das eigene ICH strukturiert und geprägt. Einerseits kann man im Alltag gefangen sein und anderseits ist er notwendig für Sicherheit im Leben, ohne seinen Alltag würde man sich daher Selber gefährden. Für die Lebensweltorientierung bedeutet „alltägliche Erfahrungen“ demnach, die Lebenswirklichkeit, so wie sie gegeben ist, ernst zu nehmen und sich von dort aus zu orientieren (vgl. Thiersch / Grunwald 2008, S.221).

Blick auf die Praxis

Dimensionen Lebensweltorientierter Arbeit

Lebensweltorientierung ist bestimmt durch reflexive Vermittlung von wissenschaftlicher Fundierung und von Tätigkeiten in der Praxis. Deswegen kann es Gefahr laufen, den Bezug zur Lebenswelt der Adressaten zu verlieren. Diese Ambivalenz von Wissenschaft und Erfahrung aus der Praxis ist also grundlegend für die Lebensweltorientierung. Die Theorie hinter der Lebensweltorientierung stellt sechs Dimensionen und fünf Struktur- und Handlungsmaxime dar (vgl. Thiersch / Grunwald / Köngeter 2012, S.186).

Die erfahrene Zeit

Da heutzutage Bezüge zwischen Lebensphasen und Lebenslauf oft brüchig sind, wie auch Perspektiven für die Zukunft, spielt die erfahrene Zeit der AdressatInnen eine wichtige Rolle. Übergänge werden in Situationen gesellschaftlichen Wandels zunehmende schwieriger und die Zukunft benötigt Kompetenzen und Mut, sich in das Offene hinein zu wagen. Lebensweltorientierung soll helfen, Bewältigungsaufgaben in der jeweiligen Gegenwart und der Gleichaltrigenkultur zu meistern (vgl. Thiersch / Grunwald / Köngeter 2012, S.187).

Der erfahrene Raum

Menschen sind eingebettet in ihren erfahrenen Raum. Dieser kann sehr unterschiedlich sein, z.B. für heranwachsende Frauen, alleinerziehende Eltern oder alte Menschen. Lebensweltorientierung sucht neue Optionen einen verengten Lebensraum zu öffnen, gegebene Ressourcen zugänglich zu machen und neue zu inszenieren. Ziel

ist es die Gestaltungsräume der Menschen zu vergrößern, damit sie gekonnter mit ihrer Situation zu Recht kommen und sie ggf. verändern können (vgl. Thiersch / Grunwald / Köngeter 2012, S.187).

Soziale Beziehungen

In der Lebensweltorientierung werden Kinder und Heranwachsende im Kontext ihres sozialen Geflechts gesehen, z.B. im Geflecht von Familie oder Freundschaften. Ziel ist es Zeit und Raum zu strukturieren, soziale Beziehungen zu ordnen und die so problematischen Pragmatismen und Routinen im Denken und Handeln zu verflüssigen (vgl. Thiersch / Grunwald / Köngeter 2012, S.187).

Lebensbewältigungsaufgaben

Die Lebensweltorientierung hat insbesondere Respekt vor den alltäglichen eher unauffälligen Bewältigungsaufgaben. Hilfe bedeutet hier oft, Ordnung in verwahrlosten räumlichen und zeitlichen Strukturen zu finden und auch in den kleinen Aufgaben das Nebenher für Beziehungsklärung zu nutzen. Es geht meistens um die Transparenz und Klarheit in den Alltagsvollzügen, um die pädagogische Strukturierung elementarer Regeln im Umgang mit Raum, Zeit, mit anderen und mit sich (vgl. Thiersch / Grunwald / Köngeter 2012, S.187).

Hilfe zur Selbsthilfe

Hilfe zur Selbsthilfe, Empowerment oder Identitätsarbeit ist eine grundlegende Aufgabe in der Lebensweltorientierung. Denn sie will Menschen in ihren Stärken, wie auch in ihrer Aversion gegen Zwänge und Zumutungen unterstützen. Sie sieht die Menschen in Auseinandersetzung mit politischer Partizipation oder bürgerschaftlicher Übernahme von Aufgaben. Identitätsarbeit soll als Kompetenz zur Lebensbewältigung dienen. Menschen sollen in allen Belastungen, in den Widersprüchen und der Offenheit der heutigen Gesellschaft zu einer Sicherheit im Lebenskonzept finden, die sich gegen Verzweiflung behaupten kann (vgl. Thiersch / Grunwald / Köngeter 2012, S.188).

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Details

Seiten
9
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668605954
ISBN (Buch)
9783668605961
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v386278
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Schlagworte
zugriff lebenswelt adessatinnen unterstützung erziehung soziale Arbeit lebensweltorientiert

Autor

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