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Zum pädagogischen Grundbegriff der Erziehung. Eine Einführung in die Allgemeine Pädagogik

Ausarbeitung 2017 12 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhalt

1. Zum pädagogischen Grundbegriff der Erziehung
1.1 Definition und Vergleich der Erziehungsbegriffe bei Kant und Salzmann
1.2 Drei Grundverständnisse von Erziehung
1.2.1 Technologisches Verständnis
1.2.2 Organisches Verständnis
1.2.3 Dialogisches Verständnis
1.3 Verständnis und Unterschied von intentionaler und funktionaler Erziehung
1.4 Regel und Werte als Erziehungsziele und ihre Konsequenzen für den erzieherischen Prozess

2. Zum pädagogischen Grundbegriff der Sozialisation
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Phasen der Sozialisation

3. Zum Begriff und zur Epoche der Reformpädagogik

4. Quellen

1. Zum pädagogischen Grundbegriff der Erziehung

Zunächst soll sich dem in der Pädagogik grundlegenden Begriff der Erziehung gewidmet werden. Friedrich Ernst Schleiermacher begann seine Vorlesung „Theorie der Erziehung“ im Jahre 1826 mit folgenden Worten: „Was man in Allgemeinen unter Erziehung versteht, ist als bekannt vorauszusetzen.“[1] Dem kann bei näherer Beschäftigung mit verschiedenen Autoren und deren Definition von Erziehung nicht zugestimmt werden. Obwohl sie alle den Terminus „Erziehung“ verwenden, reden sie doch alle über verschiedene Sachverhalte und haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was sie unter Erziehung verstehen. Zwei Bespiele sollen im Folgenden zu Verdeutlichung dessen angeführt werden.

1.1 Definition und Vergleich der Erziehungsbegriffe bei Kant und Salzmann

Wenn wir aus pädagogischer Sicht über den Begriff der Erziehung und den damit verbundenen Auftrag diskutieren, so stellt sich zunächst einmal die zentrale Frage nach der grundsätzlichen Erziehbarkeit des Menschen. Ein Frage, auf die der aufklärerische Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) eine klare Antwort hat: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts als was die Erziehung aus ihm macht“[2] Ausgehend von der Frage nach dem Wesen des Menschen, die eine der vier Grundfragen ist, auf welcher seine Philosophie beruht, entwickelt Kant ein Menschenbild, bei dem es nicht primär darum geht, wie die Natur den Menschen bestimmt, sondern vielmehr was der Mensch selbst als frei handelndes Wesen aus sich selber macht oder machen kann bzw. soll. Kant kommt damit also zum Schluss, dass es vor allem der mangelnden Erziehungsfähigkeit der ErzieherInnen zuzuschreiben sei, wenn Kinder in ihrem Verhalten auffällig sind und sich nicht in die soziale Gemeinschaft einordnen können. Kinder sind also nicht wie Augustinus´ Erbsündenlehre lange Zeit nahelegte von Natur aus schlecht, sondern nach Kant a prori (vor jeder eigenen Erfahrung) mit sittlicher Fähigkeit ausgestattet. Ob es schließlich aber moralisch gut handeln kann, wird entscheidend von dessen Erfahrungen mitbestimmt. Immanuel Kant ermahnt deshalb die Eltern zu einer sorgfältigen Erziehung, die darauf abzielt, das Kind zu einem selbstständig handelnden und sittlichen Menschen heranreifen zu lassen. Weil die Entwicklung der Naturanlagen beim Menschen nicht automatische geschieht, sei die Erziehung eine besondere Kunst. Jene Erziehungskunst müsse wissenschaftlich entwickelt werden, wenn sie die menschliche Natur zum Guten heben will.[3]

Kants Forderungen waren während der Aufklärung in Deutschland äußerst populär, doch im Laufe der Zeit entwickelten sich neue Erziehungsansichten, welche den Educator (ErzieherIn) gleichzeitig auch als Educandus (den zu Erziehenden) sieht. Christian Gotthilf Salzmann ist einer der Vertreter dieser Ansicht. Er ist der Meinung der/die ErzieherIn müsse sich selbst erziehen, um andere erziehen zu können: „Von allen Fehlern und Untugenden seiner Zöglinge muss der Erzieher den Grund in sich selbst suchen“[4] Salzmann nennt dieses Prinzip „Symbolum“, was so viel wie „Erziehung des Erziehers heißt“.[5] Erziehung bedeutet für Salzmann also mehr als nur die Schaffung eines kindgemäßen Lebens- und Erfahrungsraumes, es bedeutet auch auch die Selbsterziehung des Erziehers bzw. der Erzieherin, damit er bzw. sie – nicht nur die Lernumgebung des Kindes – kindgemäß werde. Er gilt damit als einer der ersten – wenn nicht sogar der erste Vorreiter – einer „Pädagogik vom Kinde aus“, da er anders als die aufklärerischen Philosophen vor ihm, das Kind und seine entwicklungsbedingten Besonderheiten in den Mittelpunkt seiner Pädagogik rückt.

Eine Gemeinsamkeit mit Kant ist aber dennoch zu erkennen, denn auch Salzmann sieht die Wurzeln des sozialen Elends im rückständigen , verfehlten und unvernünftigen Verhalten der Eltern. Er formuliert deshalb - ähnlich wie Kant, allerdings eindringlicher und dramatischer - seinen Appell zur Erziehung : „Rettung der Menschen durch Erziehung!“[6]

1.2 Drei Grundverständnisse von Erziehung

Nun sollen die drei Grundverständnisse von Erziehung näher beleuchtet werden: das organische, technologische und dialogische Verständnis von Erziehung.

1.2.1 Technologisches Verständnis

Mit dem technologischen Verständnis von Erziehung ist eine mechanisch-handwerkliche Auffassung von Erziehung gemeint. Wie ein Handwerker nach einem vorgefassten Plan aus einem vorgegebenen Material mit einem geeigneten Werkzeug seine Gegenstand herstellt, so bringt auch der Erzieher nach dem ihm vorschwebenden Ziel eine „bestimmte Form“ des ihm vorschwebenden Menschen hervor.[7] Unter dieser Erziehungs-Analogie des handwerklichen Tuns bzw. der Materialverarbeitung ist der Mensch im Grunde ein nach einem bestimmten Bild zu formendes Material. Unter jener Vorstellung bezeichnete man die „Bildung“ demnach als „formatio animae“ (= Formung/Bildung des Herzens).

Eine solche technologische Auffassung findet sich beispielsweise beim Begründer des Behaviorismus Burrhus F. Skinner, der „Erziehung als Verhaltensformung“[8] sieht und damit als das Hervorbringen erwünschter Verhaltensweisen durch verstärkende bzw. abschwächende Faktoren (= operante Konditionierung). Ausschlaggebend hinsichtlich des Erfolgs der Erziehung ist demnach ausschließlich das äußerlich beobachtbare Verhalten. Das Innere des Menschen gilt als Black Box und wird ausgeklammert. Das Erziehungsziel „Mit anderen teilen“ beispielsweise, gilt als erfüllt wenn der/die zu Erziehende „sichtbar“ mit anderen teilt – wie er/sie innerlich dazu steht, ob er/sie es aus moralischem Bewusstsein tut oder nicht, spielt hier keinerlei Rolle.

1.2.2 Organisches Verständnis

Nach diesem Grundverständnis von Erziehung ist der Mensch kein beliebig zu formendes Material, sondern entfaltet sich von innen her und zwar nach dem ihm/ihr eigenen Gesetz zu dem in ihm/ihr angelegten Ziel. Erziehung ist damit eine Kunst des Pflegens und Wachsenlassens, quasi ein Nicht-stören dieses organischen Naturvorgangs (= pädagogischer Naturalismus) und demnach definiert als ein Nicht-eingreifen in die Entfaltung des im Menschen bereits von Anfang gelegten Entwicklungsplans.[9] Der Mensch soll sich frei und selbstbestimmt entwickeln können – so wie es die Natur (bzw. Gott) für ihn vorgesehen hat. Der/die ErzieherIn ist nach dieser Auffassung also vergleichbar mit einem/einer GärtnerIn, der/die die Aufgabe hat, das Kind zu pflegen, zu beschützen und zu hegen. Der Mensch, insbesondere das Kind, gilt hier also von Natur aus als gut.

Dies wird beispielsweise bei Jean Jacques Rousseau deutlich, der seinen Erziehungsroman „Emil“ mit folgendem Satz beginnt: „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht; alles entartet unter den Händen des Menschen“. Ebenso fußt die Waldorfpädagogik auf einem letztlich organischen Entwicklungs- bzw. Erziehungsmodell, denn hier wird die Entwicklung bzw. Erziehung des Kindes bzw. des/der Jugendlichen als Wachstumsprozesse in Metamorphosen, in einem kosmisch bestimmten Rhythmus und Wechsel – sichtbar am Gestaltwandel – in vier Jahrsiebten, in denen sich unter Anleitung stufenweise die Wesenskräfte des Menschen entfalten, beschrieben. Nach jenen Schritten ist das „Ich“ dann letztlich entwickelt und der Mensch muss nicht mehr angeleitet werden, sondern ist Gestalter seiner eigenen weiteren Entwicklung.[10]

1.2.3 Dialogisches Verständnis

Erziehung soll im Grunde weder biologisch-organisch („Wachsenlassen“) noch technologisch („Machen“) erfolgen, denn Konzeptionen verfehlen den wesentlichen Kern der Sache bzw. missachten sogar die Grundlage und Voraussetzung der Erziehung: Den Menschen als Leib-Seele-Geist Einheit mit seinen besonderen Wesensmerkmalen wie etwa der Selbstbestimmung, der Reflexivität, der Freiheit usw. Darüber hinaus gehen beide Auffassungen von einem beständigen Voranschreiten in der Entwicklung des Menschen aus, was aus heutiger Sicht widerlegt werden kann bzw. bereits wurde. Es ist daher an Martin Bubers Worte zu erinnern, der formuliert: „Der Mensch wird am Du zum ich“[11] und somit das erzieherische Verhältnis als rein dialogisches Verhältnis sieht.[12] Unter dem dialogischen Prinzip der Erziehung versteht er also den Prozess wie sich individuelle Bewusstheit in Begegnung mit anderen Menschen (im Erziehungsprozess mit dem/der Edukantin) und der materiellen Welt realisiert. Nach seiner Auffassung geschieht dies unter der Ich-Du-Beziehung, d.h. im Kontakt, der sich in der Person-Umwelt-Einheit vollzieht. Jene ist also ein wesentlicher Teilbestand jeglichen sozialen Handelns und somit ein Grundtypus der sozialen Interaktion. Der soziale oder gesellschaftliche Stand, die die handelnden Personen untereinander haben, ist dabei für das dialogosche Prinzip unerheblich.[13]

Der Pädagoge Helmut Zöpfl greift diesen Aspekt auf und kommt zu dem Schluss, dass die Dialogizität des Menschen die entscheidende Bedingung für Erziehung ist[14], denn nur wenn Erziehung ein interpersonaler Akt, ein Zusammentreffen und -wirken von grundsätzlich als gleichwertig geltenden Menschen ist, kann sie sich von inhumanen Beeinflussungsformen (z.B. einer Dressur oder Indoktrination) abgrenzen und so dem Wesen des Menschen gerecht werden.

[...]


[1] Schleiermacher, 1959, S.36

[2] Kant, 1803, S.29

[3] Vgl. Kant, 1803, S.16-17

[4] Salzmann, 1891, S.28

[5] Vgl. Salzmann, 1891, S. 27

[6] Vgl. Salzmann, 1891, S.104

[7] Vgl. Bollnow, 1959, S. 16

[8] Vgl. Sein gleichnamiges Werk

[9] Vgl. Hölterhinken, 2013, Punkt 3

[10] Ebd. Punkt 3

[11] Buber, 1958, S.29

[12] Vgl. Buber, 1959, S.39

[13] Vgl. https://userpages.uni-koblenz.de/~luetjen/ws11/ref_pu.pdf

[14] Vgl. Zöpfl, 1990, S.44f.

Details

Seiten
12
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668603363
ISBN (Buch)
9783668603370
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v386146
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Schlagworte
grundbegriff erziehung eine einführung allgemeine pädagogik

Autor

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