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Annäherung zur Gleichberechtigung des Geschlechts seit der Gründung der VR China

Bachelorarbeit 2017 44 Seiten

Asienkunde, Asienwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Überblick der Frau vor der Gründung der VR China
2.1.Das Frauenbild im Konfuzianismus
2.2.Die Frau in der traditionellen Familie
2.3.Innovative Diskurse zur Bildung der Frau
2.4.Zwischenfazit: Perzeption der Frau vor 1949

3.Zunehmende Rechte der Frauen
3.1.Bildung
3.2.Ehe und Familie
3.2.1.Recht in der Ehescheidung
3.3.Die berufstätige Frau
3.4.Körper und Selbstbestimmung
3.4.1.Recht auf Schwangerschaftsabbruch
3.4.2.Selektive Abtreibung

4. Fazit

5.Literaturverzeichnis: Primärliteratur

6.Literaturverzeichnis: Sekundärliteratur

I. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

妇女能顶半边天 - fùnǚ néng dǐng bjnbiān tiān.

Dieser berühmte Satz stammt von Mao Zedong und heißt auf Deutsch übersetzt ÄFrauen tragen die Hälfte des Himmels“ (Kristof 2010: 259). In Europa wurden Männer und Frauen als die grundlegende Spaltung der Gesellschaft verstanden. Männlichkeit und Weiblichkeit bildeten die Bilanz der individuellen sozialen Identität (Bossler 2015: 4).

In China aber wurden Geschlechterdivisionen von Mann und Frau in andere, spezifischere Kategorien wie z.B. Sohn, Tochter, Vater, und Mutter unterteilt. In China wurde nicht zwischen dem anatomischen Geschlecht unterschieden, sondern unter relationalen, gebundenen, ungleichen Dyaden (Bossler 2015: 4). Somit hatte die Mutter eines Sohnes z.B. mehr Ansehen als eine Mutter, die nur Töchter auf die Welt gebracht hatte (Beike 1987: 27), obwohl sie beide Mütter waren und die gleiche Arbeit leisteten.

Im alten China wurden Frauen geboren, um als Eigentum des Mannes ihm ein Leben lang zu dienen (Beike 1987: 26). Ähnlich erging es auch Frauen außerhalb Chinas, da die Gesellschaft sowohl im Westen, als auch im Osten, patriarchalisch geprägt war. Frauen sollten sich nicht um außerhäusliche Angelegenheiten kümmern. Sie sollten kochen, putzen, und dem Mann gehorchen, sollten ihm dienen, und im Gegenzug seine finanzielle Sicherheit erhalten.

Dieses auf den Mann fokussierte Verhalten wird Frauen in der heutigen Gesellschaft weltweit immer noch abverlangt. Die Gleichberechtigung der Geschlechter findet in der chinesischen Praxis nicht statt. Dies gilt aber nicht nur für China.

Vollständige Geschlechtergleichberechtigung findet weltweit nirgendwo statt. Kein Land auf der gesamten Welt ist frei von jeglicher Erniedrigung. Täglich werden Menschen mit Geschlechts-, Rassen-, Minderheits- und anderen Diskriminierungen konfrontiert. Dies gilt weltweit auch für Industriestaaten. Viel zu häufig lesen wir im Alltag von Unterdrückungen, Missbräuchen, Gefahren, und Ungerechtigkeiten, welchen Frauen in ihrem Leben begegnen.

Dem World Economic Forum zufolge belegt China im Jahr 2016 bei Geschlechtergleichberechtigung Platz 99 von insgesamt 144 gelisteten Ländern. Dies ist eine erschreckende Zahl, wenn man beachtet, dass Deutschland auf demselben Forum auf Platz 13, Frankreich auf Platz 17, und die VSA auf Platz 45 liegen. Mit anderen asiatischen Ländern verglichen, muss China ebenfalls weiter an der Gleichberechtigung arbeiten. Während Japan und Südkorea laut WEF die Plätze 111 und 116 belegen, liegen die Philippinen mit Platz 7 weit vorne. Auch Länder wie Vietnam, Thailand, Indien, oder Indonesien, liegen mit den Plätzen 65, 71, 87 und 88 weit vor der VR China (WEF 2016: Internet).

Als Beispiel für die Ungerechtigkeit kann man den Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt nennen. Frauen in China mit einem Hochschulabschluss haben, im Gegensatz zu Männern, große Schwierigkeiten, eine Tätigkeit zu finden. Sie werden nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, und selbst wenn, werden sie häufig abgelehnt. Obwohl die rechtliche Gleichberechtigung des Geschlechts besteht, bekommen sie Ausreden zu hören, weshalb sie nicht eingestellt werden können (Bork 2010: Internet).

Ein anderes Beispiel der Ungerechtigkeit ist der gesellschaftliche Zwang, der berufstätige Frauen dazu zwingt, bis zum 26. Lebensjahr verheiratet zu sein. Sie werden für die Bevorzugung einer Berufstätigkeit, statt einer Arbeit im Haushalt und Familienplanung, kritisiert (Yuan 2005: 83). Diese Frauen werden als Leftover Women (剩女 Shqngnǚ) bezeichnet. Das Ironische dabei ist, dass es aufgrund der Ein-Kind-Politik einen Überschuss an Männern in China gibt, und trotzdem Frauen mit Karriere als ÄÜbriggebliebene“ bezeichnet werden.

Selbst, wenn sich ein Paar findet, gibt es auch hier Diskriminierungen. Eine innereheliche Vergewaltigung bleibt in China unbestraft. Es gibt kein Gesetz, das sexuellen Missbrauch in der Ehe verurteilt (Yuan 2005: 94).

Durch die Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949, und die Kulturrevolution der Jahre 1966 bis 1976, ergriffen immer mehr Frauen die Gelegenheit, auf denselben Stand wie die Männer zu drängen. Gesetze wurden verändert, Frauen bekamen mehr Rechte, und sie erhielten die Möglichkeit, für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen.

Doch selbst heutzutage stoßen Frauen in ihrem alltäglichen Leben oft auf Gegenwehr der Männer. Dazu gehören die Schwierigkeiten der Suche nach einen Arbeitsplatz, Konkurrenzkämpfe, Belästigungen am Arbeitsplatz, Ehescheidungen, und vor allem Rückzüge der Frauen zu traditionell konfuzianischen Werten. Die Gesellschaft zwingt Frauen, an ihrer Keuschheit im Haushalt und der Hoffnung auf eine gelungene Ehe, statt an der eigenen Selbstentwicklung zu arbeiten (Yuan 2005: 83).

Ich habe mich für das Thema ÄAnnäherung zur Gleichberechtigung des Geschlechts seit der Gründung der VR China“ entschieden, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen.

Meine Arbeit fokussiert sich auf vier Rechte der Frauen. Diese sind Bildung, Rechte in der Ehe, der weibliche Körper und Selbstbestimmung, und die Berufstätigkeit.

Für die Bearbeitung dieser Bachelorarbeit habe ich mir mehrere Primärquellen aus der Literatur ausgesucht, welche von Sekundärquellen unterstützt werden. Zwei wichtige Schriften für dieses Thema sind die Monographien Die Frauen der chinesischen Revolution; Wege zur Selbstbestimmung von Mechtild Beike aus dem Jahr 1987, und Chinese Women Since Mao von Elisabeth Croll des Jahres 1983. Obgleich diese Werke beide über 25 Jahre alt sind, werden die Stellung der Frau in China vor- und nach der Gründung der VR äußerst deutlich dargestellt. Eine grundlegende Basisschrift über die Bildung der Frau stammt von Paul Bailey, Gender and education in China: gender discourses and Women’s schooling in the early twentieth century aus dem Jahr 2007. Er arbeitet deutlich heraus, was der Sinn und Zweck der Bildung für Mädchen im Jahr 1844 war. Bildung war für die Frau in China der erste Schritt zur Gleichberechtigung, weshalb dieses Recht als einziges von vier Rechten bereits im geschichtlichen Teil thematisiert wird. Für den aktuellen Forschungsstand werden größtenteils Zeitungsartikel der Nachrichtendienste wie BBC, The New York Times, The Guardian und The Telegraph verwendet. Hierbei wird auf das Publikationsdatum des Artikels geachtet, sodass keine Quelle älter als sieben Jahre ist.

Meine Fragestellung für die Bachelorarbeit lautet ÄInwiefern hat sich das Leben einer Frau in der chinesischen Gesellschaft seit der Gründung der Volksrepublik China verändert?“. Bei den in der Bachelorarbeit vorkommenden chinesischen Personennamen werden, wie auf Chinesisch, zuerst die Nachnamen, dann die Vornamen genannt.

Der Hauptteil meiner Bachelorarbeit wird in zwei Kategorien unterteilt.

Zuerst gehe ich auf die Vergangenheit der Stellung der Frau ein. Mit einem kurzen Überblick über das Bild der Frau im Konfuzianismus, und die Rolle der Frau in der traditionellen Familie, wird dem Leser der Status der chinesischen Frau vorund während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verdeutlicht.

Mithilfe von Baileys Monographie über die Bildung der Frau wird danach ein Einblick in den Beginn der Mädchenschulen gegeben. Zum Abschluss des geschichtlichen Überblicks wird dem Leser durch ein Zwischenfazit die Rolle und der soziale Stand der Frau vor der Gründung der Volksrepublik China veranschaulicht.

Im zweiten Teil des Hauptteils werden die zunehmenden Rechte der Frauen ab der Gründung der VR China vorgestellt. Diese Rechte werden in vier Kategorien unterteilt: die Bildung, die Ehe, der Körper und Selbstbestimmung, und die Berufstätigkeit der Frau. Im Kapitel über Ehe und Familie wird das Scheidungsrecht als Unterkapitel thematisiert. Im Kapitel über den Körper werden zwei Unterkapitel über den Schwangerschaftsabbruch, sowie die selektive Abtreibung, also Abtreibung aufgrund eines weiblichen Fötus, näher veranschaulicht.

Zuletzt wird ein endgültiges Fazit als Zusammenfassung präsentiert.

2. Geschichtlicher Überblick der Frau vor der Gründung der VR China

Wirft man einen Blick in die Geschichte Chinas, insbesondere die traditionelle, chinesische Gesellschaft vor dem 20. Jahrhundert, so wird einem bewusst, dass diese sehr stark von Männern dominiert wurde.

Aufgrund von zahlreichen Repressionen gegenüber Frauen wie zum Beispiel dem Konkubinat, dem weiblichen Infantizid, oder dem Füßebinden1, wird von manchen Gelehrten angenommen, dass die Oppression der chinesischen Frauen stärker war als die der westlichen Frauen (Yuan 2005: 1). Die Ursache der starken Unterdrückung von chinesischen Mädchen und Frauen ist teilweise auf die Lehren des Konfuzianismus zurückzuführen.

2.1. Das Frauenbild im Konfuzianismus

Konfuzianismus in China ist für Jahrtausende die dominante soziale, sowie moralische Philosophie gewesen. Die Tradition des Konfuzianismus begann mit Konfuzius, welcher in den Jahren 551 bis 479 v. Chr. lebte. Nach seinem Tod wurden Bücher veröffentlicht, die heute zur klassischen konfuzianischen Lehre zählen, und bereits im Jahr 136 v. Chr. zur Staatslehre erklärt wurden (Yuan 2005:

Der Konfuzianismus etabliert damals wie heute eine strikte Hierarchie: der Sohn ist dem Vater, der Schüler dem Lehrer, und die Frau dem Mann Untertan (Scholl-Latour 2008: 221).

Feminist_Innen im 20. Jahrhundert, und solche, die sich für Frauenrechte einsetzten, kritisierten den Konfuzianismus für die Rechtfertigung der Unterordnung von Frauen (Yuan 2005: 1), da die Lehren des Konfuzius die Beteiligung einer Frau am öffentlichen Leben strikt ablehnen (Beike 1987: 29).

Es galt für Frauen, sich nicht in Angelegenheiten außerhalb des Haushalts einzumischen. Die konfuzianische Sicht betont den angeborenen Unterschied der Geschlechter, und legitimiert so die Geschlechterrollen. Dieses Prinzip schränkte die Frau stark auf das Leben im Haus ein, und festigte die Arbeitsteilung der Geschlechter (Beike 1987: 29; Yuan 2005: 95).

Weltweit beharren Menschen fest auf dem Glauben von inhärenter, natürlicher Rollenverteilung der Geschlechter, obwohl einige von ihnen wissen, dass Geschlechterrollen das Ergebnis einer Sozialisation sind. Laut Ferguson ist dies einfach zu erklären. Die Ideologie der Geschlechterrollen verfestigt Machtverhältnisse zwischen Männern, Frauen, und wirtschaftlichen Klassen. Die Mystifizierung rechtfertigt die sozialen und wirtschaftlichen Rollen der zwei dominanten Gruppen (Yuan 2005: 96; Ferguson 1991: 198).

2.2. Die Frau in der traditionellen Familie

Nach dem Idealbild der konfuzianischen Normen war die traditionelle chinesische Familie patriarchalisch strukturiert (Beike 1987: 22). Die Familien- und Verwandschaftsstruktur war zentral um die Männer organisiert. Unabhängig von Klassenzugehörigkeit und geographischer Lage waren Frauen der Diskriminierung durch Männern ausgeliefert. Sie hatten keinen Führungsanspruch, und die Verantwortung über Entscheidungen im familiären Raum wurde ihnen nicht überlassen. Ferner besaßen die Frauen kein Eigentum und hatten darauf auch keinen Anspruch. Selbst die eigenständig erworbenen finanziellen Einkünfte wurden ihnen nicht zur Verfügung gestellt, da nur der Mann im Haus (Vater, Ehemann, oder Schwiegervater) über das Geld disponierte (Beike 1987: 26).

Nicht einmal sich selbst besaß die Frau, denn sobald sie ein heiratsfähiges Alter erreichte, wurde sie an die Familie des zukünftigen Ehemanns Äverkauft“. Von diesem Moment an war sie das Eigentum ihres Mannes (Beike 1987: 26).

Viele Begriffe für Familienangehörige mütterlicherseits beginnen mit dem Buchstaben 外, welches Wài ausgesprochen wird. Es bedeutet Äaußen“. Dies weist darauf hin, dass selbst nach einem Ehebündnis die chinesischen Frauen als Außenseiter betrachtet wurden (Upton-McLaughlin 2013: Internet).

Bereits mit der Geburt wurde der minderwertige gesellschaftliche Status eines Mädchens deutlich. In der überwiegenden Mehrheit wurde die Geburt eines Sohnes, anstatt die einer Tochter, begrüßt (Beike 1987: 26). Dies kann auf die Erwartungen, welche eine Familie dem Kind gegenüber hatten, zurückgeführt werden: Kinder waren die Schlüssel zu zukünftigen, ökonomischen Vorteilen.

Ein Sohn wurde in der Familie als potentieller Ernährer betrachtet. Ihm stand das Recht zu, ein Amt oder Geschäft auszuüben, und Land zu erwerben (Beike 1987: 26). Währenddessen brachte die Geburt einer Tochter kaum Vorteile in eine Familie.

Eine Tochter konnte ihre Familie weder öffentlich vertreten, noch durfte sie den Familiennamen fortsetzen. Die Hochzeit stellte eine finanzielle Belastung für die bäuerliche Familie dar. Zudem war die Tochter ein Verlust, da sie früher oder später die Familie verlassen und den Kontakt abbrechen musste. Töchter betrachtete man als einen ÄBesitz“, den man später wieder Äverlieren“ musste (Beike 1987: 27).

Manche Frauen hatten Glück, in ihrer neuen Familie gut behandelt zu werden. Viele andere Frauen wurden nach der Verehelichung als Objekt behandelt, welches für einen hohen Preis erworben wurde (Yuan 2005: 92).

2.3. Innovative Diskurse zur Bildung der Frau

Aufgrund der Niederlage Chinas im Opiumkrieg im Jahr 1860, und den darauffolgenden politischen Einflüssen imperialistischer Mächte innerhalb des Landes, forderten die Intellektuellen Chinas eine Durchsetzung von wirtschaftlichen, politischen, und sozialen Reformen (Beike 1987: 42).

Sie widmeten sich den westlichen Gesellschaften und der westlichen Literatur. Dabei stellten die Intellektuellen fest, dass die Macht des Westens nicht nur aus Waffen, sondern aus den männlichen Kapazitäten und Möglichkeiten entstanden. Sie kamen zum Entschluss, dass für die sogenannte ÄFreisetzung der männlichen Energie“ Frauen notwendig waren, und China niemals zum starken Staat wachsen würde, solange sich die Söhne in der Umgebung von ungebildeten Müttern aufhielten (Beike 1987: 42-43).

Zu diesem Thema gibt es männliche sowie weibliche Argumente, die sich für eine Bildung der Mädchen und Frauen aussprechen.

Im Jahr 1892 befürwortete der Reformer Zheng Guanying ( 郑 观 应 Zhèng Guānyīng) die Bildung der Frau mit dem spezifischen Ziel, keusche Ehefrauen (Xiánqī, 贤妻) und tugendhafte Mütter (Xiánmǔ, 贤母) aus ihnen zu machen. Zhengs Befürwortung der Frauenbildung war Teil eines größeren Programmes von institutionellen und sozialen Reformen (Bailey 2007: 15-16).

Für Zheng bedeutete die mangelnde Bildung der Frauen, dass Männer sich nicht auf die Unterstützung aus dem Haushalt verlassen konnten. Seiner Meinung nach mussten Frauen keine genauso hohe Bildung haben wie Männer. Doch eine gewisse Allgemeinbildung und Wissen war notwendig, damit Frauen moralisch aufrichtig und kompetenter im Umgang mit alltäglichen Angelegenheiten waren. Dies sollte, laut Zheng, die Ehemänner von unangemessenen Ängsten entlasten und Keuschheit in den Haushalt bringen. Die Frauen sollten fähig sein, ihre Söhne zu führen und ihren Männern zu helfen (Bailey 2007: 16).

Ein weiteres Beispiel von männlichen Aktivisten, die sich für die Bildung von Mädchen und Frauen einsetzten, war Liang Qichao (梁啟超 Liáng Qǐchāo).

Liang war einer der Aktivisten der Reformbewegung aus dem Jahr 1898. Ein Jahr zuvor erweitere er einige Argumente für Frauenbildung. Er konstatierte, dass die Ursache von Chinas Schwäche an der mangelnden Bildung der Frauen lag (Bailey 2007: 16-17).

Liangs Meinung nach war es schlimm genug, dass die Hälfte der männlichen Bürger unproduktiv war. Wenn aber die gesamte weibliche Bevölkerung von jenen Männern abhängig war, so war es unvermeidlich, dass das Land schwach blieb. Die Frauen sollten gebildet sein, um ihre Kinder einer gebildeten Erziehung auszusetzen. Er war überzeugt, dass der Mangel an Äwahrem“ Lernen unter den Frauen zur Voreingenommenheit führte. Die Frauen zeigten keine Neugier oder Interesse an der Welt außerhalb ihres Haushaltes (Bailey 2007: 17).

Wie bereits deutlich zu erkennen ist, liegt für die Männer der Fokus der Bildung von Frauen nicht auf der Frau selbst, sondern auf der Stärkung der Männer, oder der Stärkung des Landes. Das Ausbilden der Frauen sollte genutzt werden, damit die Söhne dieser Frauen klüger und tugendhafter werden konnten. Jene Söhne sollten daraufhin das Land weiter stärken.

Die zusätzlichen Sachkenntnisse sollten zur Stärkung des Haushalts und der Volkswirtschaft, und somit einer Stimulierung und Bekräftigung der männlichen Bevölkerung dienen (Bailey 2007: 18).

Es ging ihnen also nicht primär um das Wohl der Frauen, oder die Beteiligung von Frauen am sozialen Leben, sondern um das Wohl der Männer, die mit ungebildeten Frauen konfrontiert wurden.

Parallel zu Männern, die sich für die Bildung der Frauen einsetzten, gab es auch Frauen, die solche Meinungen mit ihren eigenen Argumenten stützten. Eine solche Frau war Kang Tongwei (康同薇 Kāng Tóngwēi).

Kang Tongwei war die Tochter des Kang Youwei (康有为 Kāng Yǒuwéi) (Judge 2004: 119; Zhang 2006b.: 302), der als führender konservativer Reformer und Philosoph des späten 19. Jahrhunderts bekannt war (Tay 2010: 97).

Kang Tongwei schrieb, dass weise Frauen in der Vergangenheit die klassischen Werke zitierten, und sich auf moralische Grundsätze verließen, um schwierige Situationen zu lösen, welche Männer allein nicht hätten lösen können. All dies hätten sie ihrer Bildung zu verdanken. Zudem zog Kang eine Verbindung zwischen der alten weiblichen chinesischen Bildung und der modernen westlichen Frauenbildung. Sie war davon überzeugt, dass die westliche Bevölkerung die ÄPrinzipien der Vergangenheit“ verstanden, und deshalb die Frauenbildung unterstützten (Judge 2004: 121).

Kang argumentierte im Jahr 1898, dass die Bildung von Frauen notwendig war, damit ehrenwerte Mütter ihre Söhne belehren, kompetente Ehefrauen ihre Männer assistieren, und keusche Töchter ihren Vätern gehorchen konnten. Dies sollte die Harmonie innerhalb der Familie garantieren (Bailey 2007: 20).

Folglich ging es für Kang nicht darum, dass Frauen eine hohe Bildung, und die damit verbundene potentielle Unabhängigkeit, genießen konnten. Vielmehr sollte die gebildete Frau dazu dienen, dass innerhalb der Familie eine gute Stimmung vorzufinden war, welches dem Mann zum Vorteil kam, und letztendlich zu einer stärkeren und motivierten Kraft der Nation führen sollte.

Doch schon vor der Gründung der ersten Mädchenschule gab es Möglichkeiten für Töchter, eine gewisse Art von Bildung zu erlangen.

Während sich in der Qing Dynastie das Bild eines Mädchens als Äeine Ware, die Verlust bringt“ in der Gesellschaft eingebürgert hatte, gab es gleichzeitig noch eine andere Bezeichnung für Töchter. Diese lautete ÄDie Perle auf der Handfläche“ (Lu 2010: 62).

Es gibt Beweise für Bildung von Mädchen im 18. Jahrhundert, welche belegen, dass Töchter aus elitären Haushältern eine moralische Erziehung genießen konnten. Für die Beibehaltung des familiären Status war es wichtig, dass die Töchter von ihren Vätern Klassikwerke und Texte über die weibliche Moral gelehrt bekamen. Die Mühe der Väter wurde von den Töchtern sehr geschätzt (Lu 2010: 66).

Im Laufe der späten Kaiserzeit wuchs zunehmend das Bewusstsein über eine gute literarische Bildung für die eigenen Töchter. Die Mädchen begannen, unter der Aufsicht ihrer Eltern, Gedichte zu schreiben. Die Lehre der Benutzung von Tinte und Pinsel bereitete auch manchen Vätern eine Freude (Lu 2010: 89).

Diese Art der Bildung der Frauen erschuf zwischen dem Vater und der Tochter eine Kommunikation, die sonst nur unter Männern möglich gewesen war. Es brachte sie intellektuell und emotional näher zusammen, sodass für manche Väter die Existenz der Tochter wichtiger wurde als die Existenz des Sohnes (Lu 2010: 90).

Im Jahr 1844 wurde die erste öffentliche Schule für Mädchen gebaut. Die Schule wurde in einer Stadt namens Ningbo (宁波, Níngbō) von Mary Ann Aldersey gegründet. Aldersey war die erste ledige weibliche Missionarin in China, und Ningbo eine von fünf Hafenstädten, die gezwungen wurden, aufgrund der Niederlage im Opiumkrieg ihre Häfen zu öffnen (Bailey 2007: 12).

Im Jahr 1859 wurde in Fuzhou (福州, Fúzhōu) die erste Internatsschule für Mädchen im Auftrag der methodistischen Kirche geöffnet. In den folgenden Jahren wurden weitere missionarische Mädchenschulen in Tianjin (天 津 , Tiānjīn) und Peking gegründet (Bailey 2007: 12).

Die Missionare setzten sich für die Chancengleichheit in der formalen Bildung für Mädchen in China ein. Sie nutzten eine Reihe von Ansätzen, um die Mädchen zu rekrutieren. Dafür stellen sie den Mädchen kostenfreies Essen, Unterkunft, Lernmaterialien, Kleidung, und Transport zur Verfügung (Li 2014: 321).

Aldersey gelang es, ihre Schule so lange kostenfrei zur Verfügung zu stellen, bis über vierzig Schülerinnen eingeschrieben waren. Aufgrund der engagierten Bemühungen dieser Missionare entstanden daraufhin weitere Mädchenschulen in sieben verschiedenen Städten (Li 2014: 321).

Hingegen gibt es auch Quellen, welche deutlich belegen, dass die Gründung der ersten Mädchenschulen nicht das Ziel der Gleichberechtigung verfolgten. Die von den Missionaren gegründeten Schulen waren christlich geprägt, und legten ihren Fokus auf Religion. Dementsprechend hatten sie in der chinesischen Gesellschaft einen schlechten Ruf. Um ihre Religion in China zu verbreiten, wurden den Mädchen aus ärmeren Familienverhältnissen diese hervorragenden Bedingungen und Unterstützung angeboten, damit sie diese Schulen besuchten (Liu 2009: 94-95), und zum Christentum konvertierten.

Im Fokus stand folglich weiterhin nicht die Bildung der Mädchen, sondern die Verbreitung des christlichen Glaubens.

[...]


1 Eine vor ca. 1000 Jahren entstandene Tradition der Han-Chinesen. Die Füße von Frauen wurden in eine Dreiecksform gebunden und so klein wie möglich gehalten. Da es Manchu Frauen verboten war, ihre eigenen Füße zu binden, steht das Füße Binden als ein Symbol der Han-Chinesischen Kultur. Frauen hatten aufgrund der gebundenen Füße Schwierigkeiten beim Laufen, und wurden somit auf die häusliche Rolle beschränkt (Wang 2016: Encyclopedia).

Details

Seiten
44
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668601864
ISBN (Buch)
9783668601871
Dateigröße
747 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v385952
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Schlagworte
annäherung gleichberechtigung geschlechts gründung china

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Titel: Annäherung zur Gleichberechtigung des Geschlechts seit der Gründung der VR China