Lade Inhalt...

Die Figurencharakterisierung des Hofmeisters Läuffer in J.M.R. Lenz "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung"

Seminararbeit 2005 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Hofmeister und seine Darstellung
2.1. Sozialhistorischer Hintergrund des Hofmeisterdaseins
2.2. Explizit-figurale Figurencharakterisierung
2.2.1. Eigenkommentar
2.2.2. Fremdkommentar
2.2.2.1. Herr von Berg, Geheimer Rat
2.2.2.2. Der Major, sein Bruder
2.2.2.3. Die Majorin
2.2.2.4. Gustchen, ihre Tochter
2.2.2.5. Wenzeslaus, ein Schulmeister
2.2.2.6. Lise
2.3. Explizit-auktoriale Figurencharakterisierung

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lenz Drama der Hofmeister ist erstmals 1774 bei Goethes Verleger Weigand in Leipzig im Druck erschienen. Damals wurde jedoch Lenz nicht als Autor des Stückes genannt, sondern das Werk anonym veröffentlicht. Die erste Handschrift des Hofmeister Dramas ist jedoch schon in den Jahren 1771/1772 entstanden. Sie trug als Untertitel die Bezeichnung Lust- und Trauerspiel. Diese wurde in der Druckfassung jedoch wieder gestrichen und der Hofmeister erschien als Komödie.

Die Hauptfigur des Werkes ist, wie der Titel schon zu verstehen gibt, ein Hofmeister mit Namen Läuffer. Diese Figur soll auch im Mittelpunkt meiner Ausführungen stehen.

Dabei verfolge ich das Ziel die Frage zu beantworten mit welchen Charakterisierungsarten und Techniken der Autor die Figur darstellt und welche Wirkungen er damit bei seinen Rezipienten erzielt.

Ich werde meine Arbeit vorrangig auf die Untersuchung des Werkes in Hinblick auf die Techniken der Figurencharakterisierung nach Pfister stützen. Dieser differenziert nach vier Klassen von Techniken der Figurencharakterisierung. Es handelt sich dabei um die explizit-figurale, die implizit-figurale, die explizit-auktoriale und die implizit-auktoriale Figurencharakterisierung.[1]

Im Folgenden stellt sich für mich die Aufgabe, zu untersuchen, ob und in welchem Umfang Lenz im Hofmeister diese Techniken verwendet und welche Wirkungen er damit erzielt. Ich möchte mich bei der Erarbeitung der Charakterisierungstechniken auf die Untersuchung der explizit-figuralen und der explizit-auktorialen Charakterisierungstechniken beschränken, da beispielsweise implizit-figurale Techniken vor allem auf der Bühne umgesetzt werden und somit stark von Regisseur, Schauspieler und den Möglichkeiten, die die Bühne bietet, abhängen und somit vom Autor weitgehend unbeeinflussbar sind.

Auch werde ich in diesem Zusammenhang versuchen die Position der einzelnen Personen zu Läuffer darzustellen. Auch möchte ich auf die Relationen der verschiedenen Techniken eingehen um den quantitativen Aspekt der Techniken näher zu beleuchten.

Den Charakterisierungstechniken vorangestellt, gebe ich zunächst einen kurzen Einblick in den sozialhistorischen Hintergrund des Hofmeisterdaseins der damaligen Zeit, um die Grundproblematik des Stückes kurz aufzuzeigen.

2. Der Hofmeister und seine Darstellung

2.1. Sozialhistorischer Hintergrund des Hofmeisterdaseins

Hofmeister nennt man „im 16. und 17. Jahrhundert Zeremonienmeister und Erzieher an fürstlichen Höfen, ab dem 18. Jahrhundert allgemein Hauslehrer an begüterten Familien.“[2]

Jakob Michael Reinhold Lenz verfasste seinen Hofmeister oder die Vorteile der Privaterziehung in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Es ist demzufolge vom zweiten Teil der oben angeführten Definition auszugehen.

Meist waren es intellektuelle, studierte Angehörige der Mittelschicht, die dem Beruf des Hofmeisters nachgingen. Hofmeister wurden von adeligen Familien zur Erziehung ihrer Kinder zumeist für mehrere Jahre in ihre Häuser geholt. Dabei bestand ihre Aufgabe nicht nur darin, den Kindern Allgemeinbildung zu vermitteln, sondern auch darin ihnen Regeln des gesellschaftlichen Umgangs, sowie Ausdrucksformen, wie beispielsweise Malerei, Tanz und Klavierspiel zu vermitteln.

„Ein Hofmeister verdiente im Durchschnitt pro Jahr nicht mehr als 50 Taler, bei freier Kost und Logis. Das reichte kaum aus, um die ökonomische und soziale Abhängigkeit vom Arbeitgeber zu überwinden. Hierin kann man durchaus die Anfänge einer Herausbildung eines akademischen Proletariats und den Beginn einer schleichenden Verelendung vieler Intellektueller sehen.“[3] Doch blieb den Studierten häufig nichts anderes übrig, als dem Beruf des Hofmeisters nachzugehen, da sie nach Abschluss ihrer Ausbildung häufig keine andere Anstellung fanden. Auch den Lehrern an öffentlichen Schulen ging es nicht wesentlich besser. Ihr Verdienst und ihr Ansehen reichten zumeist nicht aus, um ein unabhängiges Leben zu führen.

Dieses Problem ist jedoch nicht das einzige, vor dem die Hofmeister standen. „1) Der soziale Zwang erlaubte es ihnen nicht, sich über ihre bürgerliche Herkunft und damit über sozialdistinkte Lebens- und Verhaltensweisen hinwegzusetzen.2) Der ökonomische Zwang führte die Hofmeister in immer größere Abhängigkeit von der adligen Familie. Um diese Abhängigkeit etwas zu mildern, mußten sie sich dem sozialen Zwang bedingungs- und das heißt widerspruchslos unterwerfen.3) Dies führte schließlich zu einem psychischen Zwang, der Verinnerlichung des sozialen Loyalitätsgebot.“[4] Hier werden vielfache soziale und gesellschaftliche Verstrickungen aufgezeigt, in die sich ein Hofmeister fast zwangsläufig hinein begeben musste. Der Weg heraus aus dieser Situation war häufig sehr schwierig und teilweise aufgrund der herrschenden Machtverhältnisse nahezu unmöglich zu realisieren. Es handelte sich folglich um einen Kreislauf, dessen Durchbrechung nur sehr schwer möglich war.

2.2. Explizit-figurale Figurencharakterisierung

2.2.1. Eigenkommentar

Jakob Michael Reinhold Lenz beginnt sein Werk mit der Selbstcharakterisierung Läuffers im ersten Akt. Die erste Szene dieses Aktes besteht ausschließlich aus einem Monolog der Hauptperson. Zunächst beschreibt Läuffer seine berufliche Situation. Er beginnt indem er den Standpunkt seines Vaters ihm gegenüber darstellt. „Mein Vater sagt ich sei nicht tauglich zum Adjunkt.“[5]

Hier kommt zum Ausdruck, dass Läuffer glaubt, sein Vater traue ihm nicht zu als Amtsgehilfe tätig zu sein. Er stellt gleich darauf die Vermutung auf, dass sein Vater das Geld nicht aufbringen will oder kann, ihm Lohn zu zahlen.

Er schildert aber in diesem Eingangsmonolog des Stückes auch seinen Standpunkt zu sich selbst und seine Vorstellung vom Leben. „Im halben Jahr hätt ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule mitgebracht, und dann wär ich für einen Klassenpräzeptor noch immer viel zu gelehrt gewesen.“[6] Hier wird dem Leser deutlich, dass Läuffer sehr viel von sich selbst hält, er glaubt etwas Besseres zu sein und glaubt für einen Lehrer zu gebildet zu sein.

Läuffer schildert hier aber auch den Standpunkt des Geheimen Rates ihm gegenüber und andererseits auch seine eigene Meinung zum Geheimen Rat von Berg. „aber der Herr Geheime Rat muss das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen fragt er nach Händels Kuchengarten und Richters Kaffeehaus.“[7] Diese Äußerung lässt mehrere Schlussfolgerungen zu. Die Aussage hinterlässt einerseits einen sehr ironischen Charakter, durch die Art Läuffers über den Geheimen Rat von Berg zu sprechen. Andererseits zeigt sie deutlich welche Meinung der Geheime Rat über Läuffer hat. So kann der Leser aus den Aussagen schließen, dass der Herr von Berg z. Bsp. durch die Anrede „Monsieur“[8] seine übergeordnete gesellschaftliche Position ironisch darstellt. Außerdem scheint es, als ob er die Studienaktivitäten Läuffers auf den Besuch von diversen Lokalen beschränkt.

Es kommt dann in dieser Szene zu einer Begegnung zwischen Läuffer, dem Major und dem Geheimen Rat von Berg. Hier zeigt sich ganz explizit und ohne Umschweife die Stellung Läuffers zum Geheimen Rat. „Ich scheu ihn ärger als den Teufel“[9] Hier wird einerseits der Respekt deutlich, ja sogar die Angst, die er dem Geheimen Rat gegenüber verspürt und andererseits auch in gewisser Weise eine Verachtung ihm gegenüber indem er ihn mit dem Teufel vergleicht.

Der Monolog zu Beginn des Hofmeisters vermittelt dem Leser auch Informationen über das Alter Läuffers. Er merkt an, dass er zu jung ist zum Pfaffen. Er muss folglich jünger sein als 25 Jahre, da dies das Mindestalter für die Anstellung als Pfarrer ist. Außerdem spricht Läuffer auch von seiner Statur und seinem bisherigen Werdegang. Neben dem Bild, das er von sich selbst hat, vermittelt Läuffer auch von seinem Standpunkt ausgehend, die Sichtweisen seines Vaters und des Geheimen Rates von Berg.

Die erste Szene des ersten Aktes dient also zur Einführung der Hauptfigur des Dramas von verschiedenen Ausgangspunkten.

Es folgt ein weiterer Eigenkommentar Läuffers in der dritten Szene des ersten Aktes. Im Gegensatz zum Eingangsmonolog handelt es sich hier um einen Dialog zwischen der Hauptfigur und der Majorin, in deren Haus er soeben eine Hofmeisterstelle angetreten hat. „Wenigstens hab ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen, und wohl über die 15 Tanzmeister in meinem Leben gehabt.“[10] Die Absicht, die Läuffer mit dieser Aussage verfolgt, ist es der Majorin zu zeigen, dass er während seiner Zeit in Leipzig Anteil am gesellschaftlichen Leben genommen hat und in der Lage ist sich entsprechend der Anforderungen der Gesellschaft zu führen. Gleichzeitig bestätigt diese Aussage Läuffers auch die Einschätzung des Geheimen Rates, dass er sich während seiner Studienzeit größtenteils in Lokalen bzw. auf Tanzveranstaltungen aufgehalten habe. Hier wird allerdings auch deutlich, was die adelige Gesellschaft von den Hofmeistern fordert. Nicht primär ihre Bildung sondern ihre gesellschaftlichen Umgangsformen sind von Bedeutung. Läuffer beugt sich hier also den Anforderungen der Majorin und sagt ihr, was sie von seinem Standpunkt aus betrachtet, hören möchte.

Im Verlauf dieser Szene erhält der Leser weitere Informationen über Läuffer. Diese betreffen vorrangig Kenntnisse und Fertigkeiten, über die er nach eigener Aussage verfügt. „Ich spiele die Geige und das Klavier zu Not“[11] Außerdem kommt im Dialog auch deutlich die niedere gesellschaftliche Stellung Läuffers zur Majorin zum Ausdruck. Er versucht die Majorin mit zahlreichen Komplimenten zu beeindrucken. Diese wirken jedoch sehr steif und übertrieben und zeigen auch deutlich das Abhängigkeitsverhältnis, in dem Läuffer sich der adligen Familie gegenüber befindet.

Im Folgenden stößt zu dem Dialog zwischen Majorin und Läuffer, Graf Wermuth. Der Graf und die Majorin beginnen ein Gespräch über einen neuen Tanzmeister, der aus Dresden nach Insterburg angereist war. Läuffer versucht sich daraufhin an dem Gespräch zu beteiligen und bringt sein Wissen über den benannten Tanzmeister vor. Auch sagt er, dass er diesen in Leipzig tanzen sehen hat und bewertet seinen Auftritt negativ. Anders als bei den Komplimenten der Majorin gegenüber äußert Läuffer hier seine eigene Meinung. Scheinbar denkt er dabei nicht an den Standesunterschied, der zwischen ihm und der Majorin herrscht. Mit dieser Aussage versucht Läuffer sich gleichwertig mit dem Grafen Wermuth in das Gespräch einzubringen und sein Wissen zu behaupten.

[...]


[1] Vgl. Manfred Pfister: Das Drama, Theorie und Analyse. 3. Auflage. München: Wilhelm Fink Verlag 1982.

[2] Der Bockhaus: in 15 Bänden. Aktualisierte Auflage. Leipzig, Mannheim: F.A. Brockhaus 2002

[3] Matthias Luserke: J.M.R. Lenz, Der Hofmeister Der neue Menoza Die Soldaten. München: Wilhelm Fink Verlag 1993. S.33

[4] Ebd. S.34/35

[5] Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung, Eine Komödie. Stuttgart: Reclam 2001. S.5

[6] Ebd. S.5

[7] Ebd. S.5

[8] Ebd. S.5

[9] Ebd. S.5

[10] Ebd. S.7

[11] Ebd. S.8

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638375979
ISBN (Buch)
9783638646963
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v38582
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für germanistische Literaturwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Figurencharakterisierung Hofmeisters Läuffer Lenz Hofmeister Vorteile Privaterziehung Werk Jakob Michael Reinhold

Autor

Zurück

Titel: Die Figurencharakterisierung des Hofmeisters Läuffer in J.M.R. Lenz "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung"