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Das Familienstellen. Ein ausführlicher Einblick

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 16 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Historischer Kontext

3. Einführung in die Methode des Familienstellens
3.1 Die Seele
Die Familienseele
Bindung und Lösung
Das Gewissen
3.3 Das Schicksal
Personenkreis der Bindungsliebe
Nachahmung und Nachfolge
Die Toten in der Aufstellung
3.4 Ordnung und Liebe
Ursprungsordnung
Geben und Nehmen
3.5 Versöhnung und Helfen

4. Vertiefung „Symptomaufstellung“ nach Hausner

Beispiel: Gegenüberstellung

5. Wissenschaftlichkeit

6. Nachwort

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnisverzeichnis

Vorwort

Im Jahr 2005 besuchte ich im Schloss Goldegg bei Herrn Dr. med. Karl Heinz Domig mein erstes Seminar zum Thema Familienstellen. Der Titel des Wochenendseminars Liebe allein genügt nicht hatte mein Interesse geweckt und ohne jede Vorahnung ließ ich mich auf dieses Abenteuer ein, wenn auch mit gemischten Gefühlen, die von Vorfreude bis hin zu Angst reichten. Was ich dort zu sehen und zu spüren bekam, ging über meine Vorstellungen und Erwartungen hinaus, ich wusste vieles nicht einzuordnen, ließ es einfach geschehen und war überrascht über die facettenreiche Bandbreite der aufkommenden Emotionen in der gesamten Gruppe. Die Faszination Familienstellen hat mich seither nicht mehr losgelassen, in unzähligen Büchern suchte ich nach Antworten auf die entstandenen Fragen und weitere Familienaufstellungen sollten folgen.

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit wird die Methode des Familienstellens genauer beleuchtet. Im Zentrum des Interesses steht ein ausführlicher Einblick in die anerkannte Disziplin der Psychotherapie, um mit bestem Wissen und voller Achtung an eine Aufstellung herangehen zu können - sowohl als TherapeutIn als auch KlientIn. Die Grundlagen des Familienstellens sind dem umfassenden Werk von Jakob Robert Schneider (2006) entnommen, der sich nah an Bert Hellinger orientiert und sein Wissen durch langjährige Erfahrung mit Aufstellungsarbeit vertiefen konnte. Begriffe wie Seele, (Gruppen-)Gewissen, Zugehörigkeit, Ausgleich, Ordnung, Bindung oder Lösung, die für das Familienstellen unumgänglich sind, werden ausführlich erörtert und anschaulich gemacht. Zudem wird konkretisiert, welche Rolle die therapeutische Fachkraft in der Aufstellung einnimmt und was es zu beachten gibt.

Ein Kapitel widmet sich dem Werk von Stephan Hausner (2010), der die Systemaufstellungen im Bereich von Krankheiten und Symptomen maßgeblich weiterentwickelt hat und abschließend wird kurz auf die Wissenschaftlichkeit der Methode eingegangen.

„Hier geschieht in kurzer Zeit etwas Sichtbares und unmittelbar (Nach-) Vollziehbares, das berührt und eine persönliche Not einsichtig und häufig auch lösend in einen wesentlichen Ereignis- und Beziehungszusammenhang stellt.“

(Schneider 2006, 16)

2. Historischer Kontext

Die ersten Bewegungen in der Systemtherapie wurzeln in den 1950er Jahren - hauptsächlich in den USA. Wobei nicht direkte BegründerInnen genannt werden können, viel mehr entwickelten sich unterschiedliche Ansätze und Theorien zeitgleich an verschiedenen Orten, ohne gegenseitiges Wissen. Neue Sichtweisen in diesem Kontext eröffnete beispielsweise der Arzt J. L. Moreno, der seine Erfahrungen aus dem Stegreiftheater benutzte, um seelische Konflikte und Beziehungskonflikte über Rollenverhalten anschaulich zu machen. Virginia Satir setzte ganze Großfamilien über Generationen auf der Bühne in Szene um Familiengeschichten für die Klienten zu klären. Bert Hellinger verdichtete die Methode des Familienstellens auf seine eigentümliche Weise, dabei behilflich war ihm sein außerordentlicher Spürsinn für hilfreiche psychotherapeutische Methoden und familiäre Ordnungen, die er Ordnungen der Liebe nennt. Er erkannte, dass seelische Vorgänge und familiäre Bindungsprozesse in Aufstellungen dargestellt werden können und durch gezielte Umstellung der RepräsentantInnen, kurze Informationsfragen, das Hereinnehmen ausgeklammerter Personen und lösende kurze Dialoge oder Rituale, hilfreiche Prozesse in Klienten hervorgerufen werden. (Vgl. Schneider 2006, 24)

3. Einführung in die Methode des Familienstellens

Das Seltsame am Familienstellen ist die Methode selbst, obwohl diese in ihrem Grundvorgang eigentlich ganz einfach ist. Durch das Gespräch zwischen TherapeutIn und KlientIn, das zur Klärung des Anliegens dient und von äußerster Wichtigkeit ist, wird bestimmt, ob die Herkunfts- oder die Gegenwartsfamilie aufgestellt wird und welche Familienmitglieder überhaupt relevant sind. Anschließend beginnt die Wahl der StellvertreterInnen durch die KlientIn. Die anwesenden Frauen und Männer stellen sich zur Verfügung, in eine repräsentative Wahrnehmung (v. Kibed) zu schlüpfen, um lebende oder verstorbene (Familien-) Mitglieder eines zusammengehörenden Systems, in Beziehung zueinander, aufzustellen. Je weniger die StellvertreterInnen über das Anliegen wissen, desto überzeugender ist das gefühlte Wissen – erstaunlich ist, dass das Gefühlte in einer Aufstellung mehr leitet als das Gesagte. Interessant ist, dass die Wahl der StellvertreterInnen anfangs immer willkürlich erscheint, am Ende stellt sich allerdings heraus, dass die repräsentative Wahrnehmung in Resonanz mit den StellvertreterInnen steht.

Den Rahmen bildet meist ein (Wochenend-) Seminar, das in einem großzügigen Raum abgehalten wird, in dem die TeilnehmerInnen in einem Stuhlkreis zusammen sitzen. Eine Familienaufstellung könnte mit einer Theateraufführung verglichen werden, wobei die therapeutische Fachkraft die Rolle des Regisseurs einnimmt, allerdings ohne Drehbuch arbeitet, und sich auf die Bewegungen der Seele innerhalb des morphogenetischen Feldes verlässt. Die KlientIn gehört anfangs dem Publikum an und kann die Darbietung von außen anschauen und beobachten, erst am Ende einer Aufstellung hat die KlientIn die Möglichkeit selbst in das Lösungsbild integriert zu werden, um eine bessere Verinnerlichung zu erreichen. Diese Entscheidung trifft die therapeutische Fachkraft situationsbedingt und spontan, je nachdem in welcher emotionalen Verfassung sich die KlientIn befindet. Die Fachkraft wird zudem nur eingreifen, wenn ein Prozess stockt, Informationen fehlen oder weitere Mitglieder aufgestellt werden sollen – ansonsten ist eine Aufstellung größtenteils der Eigendynamik und den freien Bewegungen überlassen. Die meist unbewussten Verstrickungen werden in der Aufstellung sichtbar und bewusst gemacht, mit dem Ziel, eine Lösung zum Wohle Aller zu finden. In solchen (Los-) Lösungsprozessen steckt viel Potential zur Veränderung und Verbesserung der aktuellen Lebenssituation bzw. zur Heilung bei schweren Krankheiten und/oder langanhaltender Symptome der Klienten.

3.1 Die Seele

Schneider (2006) führt an, dass das Ganze der Seele mehr ist als die Summe seiner Teile und ihrer Funktionen. Die Seele ist nicht identisch mit unserem Bewusstsein, sie schließt das Unbewusste mit ein. Sie ist nicht identisch mit physikalischen und physiologischen Vorgängen in unserem Körper und unserem Gehirn, obwohl sie untrennbar damit verbunden ist. Die Seele ist auch nicht gleichzusetzen mit unserem Fühlen, das Fühlen ist aber die erfahrbare Ausdrucksweise der Seele. Sie ist nicht der „Kern“ oder die „Substanz“ eines Ganzen, sondern eher ein „Raum“, der eine lebende Ganzheit umhüllt. Es ist das gesamte „Feld“ was eine Person oder Gruppe ausmacht, das in einer Raum und Zeit übergreifenden Weise verbindet und Identität schafft. Alles was einen individuellen Menschen zu eben diesem Menschen macht (sein Körper, sein Gehirn, sein Geist, sein Denken, Fühlen und Handeln, seine Erlebnisse, seine Geschichten) könnte als individuelle Seele bezeichnet werden.

Die Familienseele

In diesem Kontext können wir auch von einer Familienseele sprechen – und in dieser Seele bewegt sich vor allem das Familienstellen – als dem, was eine Familie über Raum und Zeit hinweg zu eben dieser Familie macht, mit den dazugehörenden Personen, Ereignissen, Erlebnissen, Erinnerungen, Entscheidungen und so weiter. Wir können von der Familienseele aber auch als Clan, Sippe oder Gemeinschaft sprechen, wir sind immer, in Beziehungen oder in der Natur, in irgendeiner Weise in „seelische Felder“ eingebunden. Dieses Eingebundensein nennt Hellinger häufig die „Große Seele“, er meint damit nichts Mystisch-Jenseitiges, sondern das uns unbegreifliche und geheimnisvolle Ganze, das uns belebt, trägt und vielleicht sogar führt. Albrecht Mahr spricht in diesem Zusammenhang von einem „wissenden Feld“. (Vgl. ebd., 43)

Bindung und Lösung

Was verbindet in Familien die einen in das Schicksal der anderen und was wiederum löst aus diesen Verstrickungen? Wie kann die Liebe, die Grundqualität menschlichen Lebens, gelingen? Es sind vordergründig diese Fragen die im Rahmen einer Aufstellungsarbeit geklärt werden sollen. Es geht um das Sichtbarmachen von Verstrickungen, die über Generationen wirken und häufig unbewusst andauern und um das Lösen aus denselbigen. Es geht über die Bewältigung persönlich erlittener Traumata hinaus – es gilt auch die Traumata anderer, mit denen wir in blinder Liebe, in Mitgefühl und in einer Art blindem Ausgleich über Raum und Zeit hinweg verbunden sind, zu bewältigen. Es geht also immer um die Liebe und ihre Folgen, beispielsweise zwischen Mann und Frau, Eltern und Kind(ern), Leben und Tod, Gut und Böse, Wahrheit und Lüge oder um Gerechtigkeit, Ausgleich, Schuld oder Geheimnisse und vieles mehr.

In einer Aufstellung wird der Blick auf das „Seelenleben“ und deren prägende Ereignisse gerichtet, Hindernisse, Geheimnisse und Stolpersteine, die das Leben erschweren, werden offenbart und durch das Herstellen einer neuen Ordnung (Lösung) kann das freie Gestalten der Zukunft wieder gelingen – die Blickrichtung ist nicht länger verstellt, Ausschau nach Neuem findet statt, eine neue ungeahnte Kraft kann sich entfalten. (Vgl. ebd., 43f) Eine gute Lösung wird meist durch Rituale, einfache Lösungsätze, Bewusstmachung oder Bewegungen herbeigeführt und wird in der Aufstellung als Erleichterung oder Wohlbefinden von den StellvertreterInnen wahrgenommen.

Das Gewissen

Bert Hellinger versteht das Gewissen als seelisches Gleichgewichtsorgan in Beziehungen. Hierzu kann angeführt werden, dass der Begriff des Gewissens im alten Griechenland aus der Vorstellung heraus entstanden ist, dass es für all unsere Handlungen, gegenüber Göttern und Mitmenschen, einen inneren „Mitwisser“ gibt. Daraus hat sich im christlichen Verständnis eine göttliche Norm im Empfinden von Gut und Böse gebildet, allerdings kann am menschlichen Verhalten beobachtet werden, dass ein schlechtes Gewissen daran hindern kann Gutes zu tun und der Mensch dazu fähig ist, mit bestem Gewissen schlimme Dinge zu tun. Diese Wahrnehmung in therapeutischen Prozessen griff Hellinger auf und hat damit angefangen, das Gewissen neu zu beschreiben: „Das Gewissen sagt mir nur, was ich tun muss, um zu einer Gruppe dazugehören zu dürfen, und was ich vermeiden muss, um nicht bestraft oder ausgeschlossen zu werden.“ (Ebd., 46)

Aus diesem Ansatz heraus ergeben sich drei Ebenen und drei Arten des Gewissens und zusätzlich eine bewusste und eine unbewusste Wirkungsweise.

Die drei Ebenen des Gewissens

Zugehörigkeit: Ein gutes Gewissen herrscht, wenn Handlungen vollzogen werden, die von der Gruppe geachtet oder sogar erwünscht sind; ein schlechtes Gewissen herrscht, wenn das Verhalten einen Ausschluss zur Folge hat, mit Verachtung zu rechnen ist und die Sicherheit der Gruppe verloren geht.

Ausgleich: Sind Nehmen und Geben in Einklang und werden Rechte und Pflichten ausgewogen wahrgenommen, entsteht ein gutes Gewissen; ist dies nicht der Fall oder entsteht sogar Ungerechtigkeit und ist der Zusammenhalt einer Gruppe gefährdet, entsteht wiederum ein schlechtes Gewissen.

Ordnung: Wird die Hierarchie oder der Rang innerhalb einer Gruppe gewahrt und werden gewissenhaft Normen und Regeln eingehalten, entsteht ein gutes Gewissen; ein schlechtes Gewissen resultiert aus Widersetzung der geltenden Hierarchie, Regeln, Normen, Tabus und Wahrheiten.

Die drei Arten des Gewissens

Die drei Ebenen des Gewissens finden sich in allen drei Arten des Gewissens: Gruppengewissen (kollektives Gewissen), persönliches Gewissen und universales Gewissen . In welcher Weise sich diese drei Arten des Gewissens in der Evolution des Menschen ausgebildet haben ist bisher nicht genau erforscht und lässt nur Vermutungen anstellen, wesentlich aber ist, dass das Gruppengewissen nicht auf den Einzelnen als Person schaut, sondern auf die Gruppe als Ganzes und auf die Einzelnen nur in ihrer Funktion für die Gruppe (vergleichbar mit einem Vogelschwarm). Weil dieses archaisch wirkende Gewissen aber heute meist nicht mehr fühlbar ist, kann es nur in seiner Wirkung auf Gruppen wahrgenommen werden. Die drei Arten des Gewissens behalten eine eigenständige Notwendigkeit für unser Leben in Beziehungen, sie wirken, steuern, fließen zusammen und ergänzen sich, aber sie widersprechen sich auch. Es treten Widersprüche innerhalb der einzelnen Ebenen des Gewissens auf, beispielsweise zwischen dem was die Zugehörigkeit fordert, und dem, was die Verlässlichkeit gebietet. Es stellt sich also die Frage, welcher Gewissenskonflikt steckt (un-)bewusst hinter einem Problem und auf welcher Ebene bietet welche Art des Gewissens Hinweise für die Lösung? (Vgl. ebd., 45f)

3.3 Das Schicksal

In Aufstellungen zeigt sich, wer vom Schicksal auf Kosten anderer begünstigt wurde. Ohne dass dies hätte verhindert oder geändert werden können, erleben sich die Betreffenden als schuldig. Diese schicksalhafte Schuld und Unschuld erfährt man als Machtlosigkeit. Die Erfahrung in diesem Bereich zeigt, dass man einem unberechenbaren Schicksal im Guten wie im Bösen ausgeliefert ist und deshalb wird dies nur schwer ertragen. Das übliche Reaktionsmuster bei schicksalhafter Schuld ist, dass der/die Begünstigte diesen Vorteil einschränkt, ihn aufgibt oder wegwirft, beispielsweise durch Selbstmord oder Krankheit. (Vgl. Hellinger 2000, 42)

Schneider (2006, 19) verweist darauf, dass die Psychotherapie im Familienstellen der Dimension des Schicksals wieder mehr Raum gibt. Die großen seelischen Kräfte, die auf unser Leben einwirken, können aus einer Art kollektivem Unbewussten auftauchen, angeschaut und gewürdigt werden, in einer Öffnung auf Neues hin können diese zugänglich gemacht werden.

Personenkreis der Bindungsliebe

„Wer als Ausgeklammerter das Schicksal anderer prägt, gehört zum Familiensystem.“ (Ebd., 51) Die Wirkung von Ausklammerung in Beziehungssystemen ergibt also, dass auch folgende Personen als zugehörig zur Familie bezeichnet werden können: die Kinder, Halbgeschwister, Eltern und deren (Halb-)Geschwister, Großeltern und manchmal auch deren (Halb-)Geschwister und häufig auch die Urgroßeltern. Doch nicht nur Blutsverwandte, lebende und tote, zählen zur Schicksalsgemeinschaft, sondern auch solche Menschen, die im Sinn von Verlust und Gewinn und existenzieller Verbundenheit dazugehören. (z. Bsp. frühere Partner, Adoptiveltern, Geschäftspartner oder Kriegskameraden u.v.m.)

Nachahmung und Nachfolge

Zwei Begriffe die differenziert werden wollen: Nachahmung meint vereinfacht gesagt, dass Kinder dazu neigen, ihre Eltern oder andere Familienmitglieder die sie lieben, meist der älteren Generation, nachzuahmen. Dies geschieht überwiegend aus dem Grund den Eltern nahe und/oder ihnen gleich zu sein, um somit Anerkennung und Sicherheit zu erlangen. Die Nachfolge meint, dass Kinder den unbewussten Wunsch verspüren, den fehlenden Personen (frühverstorbene Eltern oder Geschwister oder andere mit denen eine Verstrickung andauert) in den Tod zu folgen. (Ebd., 60f)

Die Toten in der Aufstellung

In den meisten Aufstellungen geht es um Leben und Tod – es gibt kaum Familien, in denen keine Angehörigen früher als angenommen aus dem Leben gerissen werden - und für die seelische Gesundheit der Menschen scheint ein würdiger und bewusster Abschied von den Toten äußerst bedeutsam zu sein. Von Seiten der Lebenden her ist das gut nachvollziehbar, aber dass auch die Toten ein Wissen um ihren Tod und einen Abschied von den Lebenden brauchen, ist schwerer zu verstehen. In den Aufstellungen werden Tote durch lebende StellvertreterInnen dargestellt und um dies markant zu symbolisieren, liegen diese häufig am Boden. „Diese können nicht die Toten in ihrer Todeswirklichkeit vertreten. Aber sie können sie in ihrer Wirkung auf die Seele der Lebenden vertreten, in der Seele, die Lebende und Tote auch über den Tod hinaus verbindet.“ (Ebd., 76)

In einer jeden Aufstellung richtet sich die Kernfrage darauf: Wo ist ein Verstorbener in der Erinnerung der Familie ausgeklammert, wo sind Lebende von einem Toten durch etwas Ungelöstes getrennt? Über die StellvertreterInnen kommt es zu einer Begegnung von Lebenden und Toten. Durch nachgeholte Abschiede, lösende, befreiende Worte die wechselseitig gesprochen werden und durch die Akzeptanz von Leben und Tod wird Frieden gefunden - die Ruhelosigkeit hat ein Ende. Verstorbene bekommen einen Platz in den Herzen der Lebenden und erlangen somit den ersehnten Frieden, die Ausgeklammerten werden somit wieder in das System hereingenommen.

3.4 Ordnung und Liebe

„Die Liebe füllt, was die Ordnung umfaßt.

Sie ist das Wasser, die Ordnung der Krug.

Die Ordnung sammelt,

die Liebe fließt.

Ordnung und Liebe wirken zusammen.

Wie sich ein klingend Lied den Harmonien fügt,

so fügt die Liebe sich der Ordnung.

Und wie das Ohr sich schwer gewöhnt an Dissonanzen, auch wenn man sie erklärt,

so gewöhnt sich unsere Seele schwer an Liebe ohne Ordnung.

Mit dieser Ordnung gehen manche um,

als wäre sie nur eine Meinung,

die sie beliebig haben oder ändern könnten.

Doch sie ist uns vorgegeben.

Sie wirkt, auch ohne daß wir sie verstehen.

Sie wird nicht gedacht, sie wird gefunden.

Wir erschließen sie, wie Sinn und Seele, aus der Wirkung.“

(Hellinger 2000, 125)

Es gibt in der Seele ein tiefes Bedürfnis nach Ordnung und diese Ordnung spielt eine besonders große Rolle, wenn es um das Gelingen von Beziehungen geht. Aber was heißt Ordnung in diesem Kontext? Allgemein könnte man sagen, dass damit alle Geschehnisse gemeint sind, die im Guten wie im Schlechten, nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten ablaufen. Es wird davon ausgegangen, dass die Menschen gewisse seelische Ordnungen brauchen, um wachsen zu können. (Vgl. Schneider 2006, 20f)

Ursprungsordnung

Innerhalb eines Familiensystems herrscht eine einfache Grundordnung in Bezug auf Rang und Platz: Zuerst kommen die Eltern, dann die Kinder in der Reihenfolge in der sie geboren wurden. Diese archaische Ordnung bezieht sich vermutlich auf die Weitergabe von Leben in der Gruppe, jedenfalls zeigt auch ein Blick in die Kulturgeschichte und Weltliteratur, dass die Rangordnung, dem Alter nach, eine große Bedeutung hat. An dieser Stelle sei auf Frau Dr. Jirina Prekop (2000b) hingewiesen, die in ihrem Werk Erstgeborene viel Aufschlussreiches über die Geschwisterreihenfolge und deren Wirkungsweise im System erörtert . Häufig lässt sich die Ordnung in Geschwisterreihen mit einfachen Lösungsätzen wieder herstellen.

Geben und Nehmen

Eltern geben das Leben an ihre Kinder weiter – daraus folgt, dass Eltern geben und Kinder nehmen. An dieser Stelle kann nicht gewählt werden, man ist den Gesetzmäßigkeiten ausgeliefert und muss sich diesen auch fügen. Das Annehmen der Eltern bildet die beste Basis in der Aufstellungsarbeit und trägt wesentlich zur „Ganzwerdung“ bei. Im Gegensatz zur Eltern-Kind-Beziehung steht die Paarbeziehung – hier geschieht das Geben und Nehmen wechselseitig. (Vgl. Hellinger 2000, 126ff)

3.5 Versöhnung und Helfen

Während seelischen Konflikten erlebt sich das Individuum als gespalten, zerrissen, unentschieden, in Unfrieden, voller Anstrengung und manchmal wie verrückt. Wird in diesem Fall die Psychotherapie oder Beratung zur Hilfe gerufen leistet sie Versöhnungsarbeit. Schneider (2006) konkretisiert dies sehr ausführlich:

„Das Familienstellen hat in seiner verbindenden und versöhnenden Kraft seine größte Wirksamkeit und Anziehungskraft. Es holt Ausgeklammerte in Familien wieder herein. Es hilft, der ebenbürtigen Verbundenheit aller, die zu einem Beziehungssystem gehören, ob lebend oder tot und welchem Schicksal auch immer unterworfen, zuzustimmen. Es versöhnt Opfer und Täter und ihre Angehörigen miteinander auch und gerade dort, wo es schwer ist, zum Beispiel nach einem Missbrauch, einer Vergewaltigung, einem Mord oder einem politischen Unrecht.“ (S. 21)

Weiter verweist Schneider auf die unzähligen (Bürger-)Kriege die beinahe jedes Land betreffen und dadurch schwere Schuld und soziale Konflikte hervorrufen. Überall dort spürt man eine tiefe Sehnsucht nach Versöhnung, Ruhe und Frieden zwischen den Lebenden und den Toten, vor allem hier treffen die Familienaufstellungen auf offene Herzen (vgl. ebd., 22). Im Allgemeinen bieten sie eine befreiende Einsicht in das bisherige Schicksal, bringen auf heilsame Weise Beziehungen in Ordnung und vermitteln Kraft, indem man das Leben der Eltern und Vorfahren anzunehmen lernt.

Für die HelferIn (therapeutische Fachkraft) heißt dies: Helfen kann nur, wer selbst seine Eltern und das Leben genommen hat und dabei der KlientIn nicht mehr zu geben versucht als gebraucht und angenommen werden kann. Die bestmögliche Hilfe erweist sich, wenn auf die Lebensumstände der Hilfesuchenden unterstützend eingegangen wird, wo und wie es die Würde der Betreffenden erlaubt. Zudem muss das Helfen von der eigenen Person der TherapeutIn weitgehend zurückgenommen werden. Die Aufstellungsarbeit wirkt auch auf die Helfer gut, wenn sie ganz von den Kräften und dem Wissen der Familienseele der Klienten getragen wird (vgl. ebd., 22f). Wie bereits erwähnt wirkt das Gefühlte in Aufstellungen mehr als das Gesagte, Aufstellungen werden im höchsten Maße der Eigendynamik überlassen, die therapeutische Fachkraft beobachtet genauestens und nimmt Veränderungen wahr, sie greift nur bei Bedarf ein und hilft, ein augenblicklich optimales Lösungsbild herzustellen.

4. Vertiefung „Symptomaufstellung“ nach Hausner

Der Münchner Heilpraktiker Stephan Hausner (2010), dessen Arbeit ebenfalls geprägt von Bert Hellinger ist, entwickelte die Methode der Symptomaufstellung weiter und ist Vorreiter auf diesem Gebiet. Seine Erkenntnisse, seine jahrelange Erfahrung, neue Leitideen, Schwerpunkte und konkrete Beispiele, aber auch Risiken fasste er in Auch wenn es mich das Leben kostet! auf ausführliche Weise zu einem informativen Nachschlagewerk, mit zahlreichen Beispielen, zusammen. Sein Fokus liegt auf Systemaufstellungen bei schweren Krankheiten und lang anhaltenden Symptomen, wie der Untertitel verraten lässt. Hausner zeigt auf, dass viele Krankheiten und Symptome auf Verstrickungen innerhalb eines Systems zurückzuführen sind. Hierbei ist zu erkennen, dass bestimmte Verstrickungen immer wieder ähnliche Krankheiten hervorrufen. Durch die Verschriftlichung seiner durchgeführten Aufstellungen gewährt er Einblick in seine Arbeit. Fundiertes Wissen, Können, Sensibilität aber auch Achtung, Respekt und Einsicht werden von ihm mitgebracht und vorausgesetzt. Besonders eindrucksvoll und zustimmend wirken die persönlichen Worte der Klienten, die über gesundheitliche Verbesserungen und/oder Heilungserfolge berichten.

Auf Grund des Umfangreichtums dieser Thematik ist es leider nicht möglich innerhalb dieser Seminararbeit näher auf Hausner und seine therapeutische Arbeit einzugehen, aber es sei darauf hingewiesen, dass in diesem Bereich viel Potential zur Heilung und Bewusstwerdung steckt.

Hausner stellt sich abschließend die Frage, wie es wohl wäre, wenn unsere Kinder von diesen Zusammenhängen bereits in der Schule erfahren würden? Könnte dadurch eine allgemeine Verbesserung menschlicher Beziehungen und deren Lebensumstände sowie ein (Um-) Denken erreicht werden?

Bis jetzt wurde diese Frage kaum diskutiert, die aktuelle Situation in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen weist aber darauf hin, dass ein erhöhter Bedarf an Veränderung besteht. Es wäre interessant sich mit dieser Thematik weiter auseinanderzusetzen und ob es überhaupt möglich erscheint, das Lehren von solchen Zusammenhängen in unser Schul- und Bildungswesen zu integrieren – und wenn ‚Ja’, wie?

Beispiel: Gegenüberstellung

Die Basis, auf die Hausner in seiner Arbeit aufbaut, ist die Annahme der Eltern und des geschenkten Lebens. „Oft ergibt sich aus der Gegenüberstellung eine heilsame Hinbewegung zu den Eltern und über die Zustimmung zur Familie und deren Geschichte auch ein ‚Ja’ zum eigenen Leben und Schicksal. Aus der Verbindung mit der Familie und den Ahnen gewinnt der Patient die Kraft, das Schwere anzuschauen und sich in der Folge auch seiner Krankheit zu stellen.“ (Ebd., 31f)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Patientenübung (Hausner 2010, 31)

5. Wissenschaftlichkeit

Abschließend soll noch auf die Worte des Physikers Prof. Dr. Thomas Görnitz (Institut für Didaktik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt) eingegangen werden. Er wurde gebeten, das Nachwort in Schneiders Werk (2006, 207ff) zu verfassen, um die Arbeit des Familienstellens aus naturwissenschaftlicher Sicht zu erklären. Er erläutert, dass er während der gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeit mit seiner Frau (Medizinerin und Psychologin) herausgefunden hat, dass die Strukturen des menschlichen Unbewussten die gleichen sind, die in der Physik als grundlegend für die Quantentheorie erkannt werden können. Zudem bezeichnet er die Quantentheorie als die genaueste und beste Theorie, die die Naturwissenschaften besitzen.

„Die Quantentheorie kann als eine mathematische voll ausgeformte Theorie verstanden werden, die verdeutlicht, dass in sämtlichen Bereichen der Natur ein Ganzes oftmals mehr ist als allein die Summe seiner Teile. Quantentheorie ist daher eine ‚Physik der Beziehungen’.“ (Ebd., 209)

Görnitz schließt sein Nachwort mit dem Denken, dass das Werk von Schneider als Anleitung zur praktischen Arbeit beim Familienstellen verwendet werden kann, ohne befürchten zu müssen, wissenschaftlich nicht auf der Höhe der Zeit zu sein. Höchste Sorgfalt im Umgang, gepaart mit einer fundierten Ausbildung, entsprechender Qualifikation und ausreichender Erfahrung, setzt der Physiker ebenfalls voraus.

6. Nachwort

Ich bin von der Wirkungsweise dieser Methode zu tiefst überzeugt, obwohl vieles unerklärbar und sehr umstritten ist. Durch das Aufstellen meiner inneren Bilder durfte ich Heilung und Frieden erfahren und zu neuem Lebenswillen gelangen. Mit dieser Methode halten wir ein geniales Werkzeug in Händen, dessen Umgang äußersten Respekt und Hochachtung, in jeder Hinsicht, verlangt.

Ich schließe mich dem Wunsch Hausners an, dass es ein enormer Fortschritt wäre, wenn

„die Medizin in der Betrachtung des kranken Menschen die Mehrgenerationenperspektive der systemischen Familientherapie in der Entstehung von Krankheiten sowie der Aufrechterhaltung von Symptomen angemessen berücksichtigt, und dass die Aufstellungsarbeit mit Kranken den (...) gebührenden Platz und Stellenwert innerhalb dieses Ansatzes erhält“. (Hausner 2010, 244)

„Wer immer nur das tut, was er schon kann wird immer nur das sein, was er schon ist!“

- Henry Ford -

Literaturverzeichnis

Hausner, Stephan (2010): Auch wenn es mich das Leben kostet. Systemaufstellungen bei schweren Krankheiten und lang anhaltenden Symptomen. 2. überarbeitete Auflage. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag

Hellinger, Bert (2000): Die Mitte fühlt sich leicht an. Vorträge und Geschichten. 9. erweiterte Auflage. München: Kösel

Hellinger, Bert (2007): Die Quelle braucht nicht nach dem Weg zu fragen. Ein Nachlesebuch. 5. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme-Verlag

Prekop, Jirina (2000a): Von der Liebe, die Halt gibt. Erziehungsweisheiten. 5. Auflage. München: Kösel

Prekop, Jirina (2000b): Erstgeborene. Über eine besondere Geschwisterposition. 5. Auflage. München: Kösel

Schäfer, Thomas (2004): Was die Seele krank macht und was sie heilt. Die psychotherapeutische Arbeit Bert Hellingers. München: Knaur-Taschenbuch-Verlag

Schneider, Jakob Robert (2006): Das Familienstellen. Grundlagen und Vorgehensweisen. 2. erweiterte Auflage. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag

Ulsamer, Bertold (1999): Ohne Wurzeln keine Flügel. Die systemische Therapie von Bert Hellinger. Originalausgabe. München: Goldmann Verlag

Ulsamer, Gabriele; Ulsamer, Bertold (2006): Spielregeln des Familienlebens. Ordnungen der Liebe zwischen Eltern und Kindern. 6. Gesamtauflage. Freiburg im Breisgau; Basel; Wien: Herder spektrum

Abbildungsverzeichnisverzeichnis

Abb. 1: Patientenübung

Hausner, Stephan (2010): Auch wenn es mich das Leben kostet. Systemaufstellungen bei schweren Krankheiten und lang anhaltenden Symptomen. 2. überarbeitete Auflage. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag. S. 31

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Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668612440
ISBN (Buch)
9783668612457
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v385593
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Erziehungswissenschaft
Note
1
Schlagworte
Familienstellen systemisches Arbeiten Virginia Satir

Autor

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Titel: Das Familienstellen. Ein ausführlicher Einblick