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Untersuchungen zu Partikelverben mit "an" im Deutschen. Das strukturelle und semantische Puzzle

Masterarbeit 2016 100 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Strukturelles Puzzle
2.1 Morphologische Analyse
2.1.1 Partikelverben als Wortbildungsprodukte
2.1.2 Partikelverben als morphologische komplexe Verben (V0)
2.1.3 Testkriterien für die „Wortigkeit“ und „Syntagmatizität“
2.2 Syntaktische Analyse
2.2.1 Zweifelhafte Argumentation der morphologischen Analyse
2.2.2 Syntaktisches Gefüge von Partikelverben
2.3 Zwischenposition zwischen Morphologie und Syntax
2.3.1 In situ – Ansatz für Partikelverben
2.3.2 Funktionale Struktur und strukturelle Adjazenz
2.3.3 Lokale Domain
2.3.4 Partikelverben in der Wortbildung

3 Semantisches Puzzle
3.1 Die Lexikalische Dekompositionsgrammatik
3.1.1 Theoretischer Rahmen
3.1.2 an als lexikalische Argumente
3.1.3 an als lexikalische Adjunkte
3.1.4 an als übergeordneter Funktor auf Basisverb
3.2 Konstruktionsgrammatik
3.2.1 Einstieg zur Konstruktionsgrammatik
3.2.2 Fusion zwischen Verben und Argumentkonstruktionen
3.2.3 Argumentkonstruktionen mit an

4 Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im engeren Sinne bilden sich Verbpartikeln im Deutschen von Präpositionen heraus. Im weiteren Sinne könnten sie sich aus homonymen Präpositionen, Adverbien, Adjektiven, Substantiven und Verben entwickeln. Die Auffassung, dass Verbpartikeln formal in irgendeine syntaktische Hauptkategorie einzuordnen sind, bleibt jedoch noch umstritten. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit an -Verben, welche auf jeden Fall zu „echten“ Partikelverben gehören. Um die begriffliche Komplexität zu reduzieren, wird in folgenden Darstellungen die engere klassische Position angenommen. Die Verbpartikeln aus anderen möglichen Kategorien werden an dieser Stelle ausgeschlossen.

Die vorliegende Arbeit geht einer wesentlichen Frage nach: Wie wird die Partikel[1] an mit dem Verb verbunden? Einerseits fokussieren die Untersuchungen auf die strukturelle Seite. Zum strukturellen Puzzle von an -Verben bzw. von Partikelverben mit anderen präpositionalen Konstituenten (ab, auf, aus, bei, durch, mit, nach, über, um, unter, vor, zu usw.) herrschen in der Literatur drei Positionen vor:

− Partikelverben im Deutschen sind Wörter (Kap.2.1).
− Partikelverben im Deutschen sind Phrasen (Kap.2.2).
− Partikelverben im Deutschen sind ein Hybridprodukt zwischen der Morphologie und der Syntax (Kap.2.3).

Andererseits beschäftigen sich die Untersuchungen mit der semantischen Seite. Zum semantischen Puzzle von an -Verben werden wiederum zwei differente Positionen hervorgehoben:

− Die Valenzgrammatik (Vertreter: die Lexikalische Dekompositionsgrammatik): Die Partikel an kann als lexikalisches Argument, lexikalisches Adjunkt und aktionaler Funktor in die Verbsemantik integriert werden (Kap.3.1).
− Die Konstruktionsgrammatik: Die Partikel an gilt als fixierter lexikalischer Bestandteil von schematischen Argumentkonstruktionen. Die an -Verben bilden sich von der Fusion zwischen Verben und Argumentkonstruktionen mit an heraus (Kap.3.2).

2 Strukturelles Puzzle

2.1 Morphologische Analyse

2.1.1 Partikelverben als Wortbildungsprodukte

Bereits in der klassischen deutschen Wortbildungslehre werden Partikelverben als Wortbildungsprodukte aufgefasst, z. B. Partikelkomposita bzw. trennbare verbale Komposita bei Grimm (1826) und Wilmanns (1899), unfeste Komposita bei Paul (1920) und Henzen (1965). Ihrer Meinung nach werden alle linkserweiterten Verben durch die Komposition gebildet und alle rechtserweiterten Verben durch die Derivation im Sinne der Suffigierung. Sie unterscheiden zwei Arten von verbalen Komposita: trennbare/ unfeste (Partikelverben) und untrennbare/ feste (Präfixverben).

In moderneren Arbeiten wie bei Kühnhold/ Wellmann (1973), Erben (1983) und Fleischer (1983) werden Partikelverben durch die Präfigierung, die aus der Komposition hervorgegangen ist, gebildet. Die Junggrammatiker gehen davon aus, dass Partikeln und Präfixe viele Gemeinsamkeiten an der semantischen und syntaktischen Modifizierung des Grundverbs aufweisen (1).

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(Kühnhold/ Wellmann 1973)

In neuesten Werken der deutschen Wortbildungslehre werden Partikelverben einerseits als Produkte der Präfigierung aufgefasst. Erben (2006: 137f) weist darauf hin, dass in der Gegenwartssprache die unfesten betonten Präfixe immer mehr für grammatische Aufgaben (insbesondere zur aktionalen Abstufung des Grundverbs) herangezogen werden, z. B. anbraten, anlaufen, anlesen usw ., während ihre ursprünglichen raumbezogenen präpositionalen Bedeutungen zunehmend von Doppelpartikeln zum Ausdruck gebracht werden, z. B. herankommen, voranstellen. Angesichts der Tatsache, dass zahlreiche funktionale Konkurrenzen unter den unfesten betonten Präfixen und den eigentlichen Präfixen bestehen, z. B. anlügenbelügen, anregenerregen, anbrennenentbrennen, stellt Erben (2006: 137) fest: „Es ist, als ob auf der Inhaltsebene feste und unfeste Zusammensetzungen zusammengeschmolzen wären, wogegen auf der Ausdrucksebene die Trennbarkeit als Relikt weiterbestand“.

Andererseits behauptet Eisenberg (2004), dass sich Partikelverben durch einen eigenen Wortbildungsprozess herausbilden. Eisenberg (2004: 255-269) klassifiziert Partikeln als eine Teilklasse der Affixe, die aber weder Präfixe noch Suffixe sind, sondern eine eigenständige Position in der verbalen Affixbildung besetzen. Anders als Erben hebt Eisenberg hervor, dass Partikeln eine größere Nähe zu freien Formen (Präpositionen) aufweisen als Präfixe. Obwohl die Partikeln im gegenwärtigen Deutschen vielfältige semantische Beiträge leisten können, stellt die lokale Grundbedeutung noch deren Hauptfunktion dar, z. B. signalisieren fast 75% von an -Verben die lokativ-relationale Bedeutung ‚Kontakt’.

Eichinger (2000: 102-105 & 156-165) lehnt den Affixstatus von Partikeln ab und erklärt den Wortbildungsprozess von Partikeln auf dem Wege der Inkorporation. Die Inkorporation bezeichnet „[…] jene Technik, die es erlaubt, die Wortbildung mit ihren eignen Mitteln an den Bereich der Syntax anzuschließen“ (Eichinger 2000: 157), d. h. die syntaktisch oder phraseologisch ausgeführten Verbindungen werden auf eine spezifische Weise lexikalisch rekonstruiert. Im Falle von Partikelverben werden präpositional/ adverbiale Beziehungen auf generalisierte Weise lexikalisch ins Basisverb inkorporiert.

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(Eichinger 2000: 104)

Aus dem Beispiel (2) ergibt sich, dass bei nachkommen und einsammeln die Handlungsmuster mit Fokus auf der Funktionalisierung von syntaktischen Verbindungen der Traktor kommt nach dem Mähdrescher und in ein Aufbewahrungsobjekt hinein sammeln abstrahiert und generalisiert werden, bei aufwehen und sich ausbreiten die inkorporierten Präpositionen/ Adverbien aber eine weitere Idiomatisierung erfahren und deutliche aktionale Bedeutungskomponente signalisieren, welche nicht auf die syntaktische Relation, sondern auf die Eigenleistung der Wortbildungsmittel zurückgreifen. „Die Nähe zur Syntax und auch die Distanz“ (Eichinger 2000: 104) schlagen sich in fast allen Partikelverben nieder.

Zwischenfazit: In der deutschen Wortbildungslehre gibt es keine einheitliche Antwort auf die Frage, welcher Wortbildungsprozess für die Entstehung der Partikelverben sorgt. Sie werden ursprünglich als eine Subkategorie der Komposition, dann als eine Subkategorie der Derivation und schließlich als eine selbständige Kategorie eingeschätzt. Die Klassifizierung von Partikelverben als eine selbständige Kategorie scheint den „komischen“ Wortstatus von Partikelverben plausibler zu erklären, da die formale Trennbarkeit und die Nähe zu syntaktischen Verbindungen die Partikelverben schon deutlich von Komposita und Derivaten abgrenzen.

2.1.2 Partikelverben als morphologische komplexe Verben (V0)

2.1.2.1 Neeleman/ Weerman (1993): Adjunktionsanalyse und Komplexitätsbeschränkung

Neeleman/ Weerman (1993) entwickeln eine Adjunktionsanalyse, um Parallelitäten und Differenzen zwischen Partikeln und resultativen Prädikaten im Holländischen zu erklären. Es wird zunächst auf zwei Parallelitäten eingegangen. Erstens besetzen die beiden die gleiche Position in Verbletztsätzen, also adjazent zu finiten Verben wie (3) und (4).

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(Neeleman/ Weerman 1993: 436)

Zweitens sind Kombinationen von zwei Partikeln (5) oder zwei resultativen Prädikaten (6) ungrammatisch. Außerdem können resultative Prädikate nicht zusammen mit Partikeln auftreten (7).

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Neben Parallelitäten weisen Partikeln und resultative Prädikate im Holländischen aber größere Differenzen auf. Erstens sind Partikeln weder topikalisierbar noch erfragbar (8a-b), während resultative Prädikate topikalisiert und erfragt werden können (8c-d).

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(Neeleman/ Weerman 1993: 438)

Zweitens ist es möglich, resultative Prädikate ins Mittelfeld zu verschieben, wenn sie aus Intonationsgründen oder durch bestimmte Fokusmarkierungen wie zo…zelfs (such…even) fokussiert werden (9a-b), die Partikeln hingegen nicht (9c-d).

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(Neeleman/ Weerman 1993: 438)

Drittens sind resultative Prädikate modifizierbar (10b), während es bei Partikeln nicht möglich ist (10a).

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(Neeleman/ Weerman 1993: 439)

Viertens können Partikeln ein Input für weitere produktive Wortbildungen sein (11), aber die resultativen Prädikate nicht (12).

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(Neeleman/ Weerman 1993: 439f)

Die Parallelitäten und Differenzen zwischen Partikeln und resultativen Prädikaten im Holländischen lassen sich Neeleman/ Weerman (1993: 441) zufolge auf die folgende Tatsache zurückführen: Sowohl Partikeln als auch resultative Prädikate sind an Basisverben adjungiert und bilden mit Basisverben komplexe Prädikate. Allerdings sind Partikeln morphologisch an Basisverben adjungiert (13a), während die Adjungierung resultativer Prädikate in einem syntaktischen Prozess stattfindet (13b). Die relativ strikte Abgrenzung der Morphologie von der Syntax ist verantwortlich für die Differenzen zwischen den beiden Konstruktionen.

(13) a. Verbpartikeln b. resultative Prädikate

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(Neeleman/ Weerman 1993:441)

Die Adjungierung stellt so Neeleman/ Weerman (1993) nichts Neues in der Morphologie dar. Sie kann aber auch in der Syntax stattfinden, wobei aufgrund des (maximalen) Projektionsprinzips der X-bar Theorie ein XP (statt X0) an Basisverb adjungiert sein muss.

Neeleman/ Weerman (1993: 458-464) stellen neben der Adjunktionsanalyse noch eine Komplexitätsbeschränkung auf, um zu erklären, warum die Kombinationen von zwei Partikeln (14a), oder von zwei resultativen Prädikaten (14b), oder von einer Partikel und einem resultativen Prädikat (14c) ungrammatisch sind.

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Der Grund für die Ungrammatikalität in oben genannten Fällen liegt in der strukturellen Beschränkung der Komplexität lexikalischer Köpfe (15).

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In allen drei Fällen ist V3 an sich ein lexikalischer Kopf, V2 hat einen lexikalischen Kopf, und zwar V3. Dagegen ist V1 weder ein lexikalischer Kopf an sich noch hat V1 einen lexikalischen Kopf, da V2 an sich nicht lexikalisch ist. V1 läuft der Komplexitätsbeschränkung zuwider, deswegen wird V1 als ungrammatisch betrachtet.

Die Komplexitätsbeschränkung kann, so Neeleman/ Weerman (1993), ebenfalls die Nicht-Adjazenz-Form von Partikelverben (17a) und resultativen Konstruktionen (17b) in Verbzweitsätzen rechtfertigen.

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(Neeleman/ Weerman 1993: 463)

Die Partikel oder das resultative Prädikat kann sich nicht zusammen mit dem Basisverb in die Verbzweitposition (C-Position) bewegen, ansonst würde die Komplexitätsbeschränkung verletzt. Nach der Komplexitätsbeschränkung ist (18a) grammatisch, da nur sich das niedrigste Verb (Basisverb) in die C-Position bewegt und somit C einen lexikalischen Kopf hat, und zwar V. Hingegen ist die Struktur in (18b) ausgeschlossen, da in diesem Fall C an sich weder lexikalisch ist, noch einen lexikalischen Kopf hat (V1 an sich nicht lexikalisch).

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(Neeleman/ Weerman 1993: 464)

2.1.2.2 Stiebels/ Wunderlich (1994): [+ max]-Kategorie

Partikelverben im Deutschen weisen die folgenden Merkmale auf, die nach Stiebels/ Wunderlich (1994: 921-927) als wichtige Argumente für die „Wortigkeit“ von Partikelverben dienen.

Erstens liegen unter Partikelverben im Deutschen zwei Nicht-Adjazenz-Formen vor, und zwar die morphologische Trennbarkeit (durch das Partizipialaffix ge- und die Infinitivpartikel zu) und die syntaktische Trennbarkeit in Verberst- und Verbzweitsätzen. In Verbletztsätzen folgen Partikeln und Basisverben aber unmittelbar aufeinander. Außerdem kann weder das infinite Verb noch die Partikel allein ins Vorfeld (also in die Fokusposition) verschoben werden (19).

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(Stiebels/ Wunderlich 1994: 923, originales Beispiel aufspringen)

Zweitens dienen Partikelverben als Input weiterer Derivationen, besonders der ung-, er- und bar- Derivation. Nach der Derivation bleibt das alte Betonungsmuster unverändert.

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(DUW 2001)

Bemerkenswert sind diejenigen nominalen Komposita (21), die aus einer neuen Wurzelbildung (root formation) resultieren und morphologisch mit entsprechenden Partikelverben verwandt sind.

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(Stiebels/ Wunderlich 1994: 924; DUW 2001)

Im Beitrag von McIntyre (2001: 49ff) werden jene denominalen Partikelverben, deren Basen außerhalb der Kombination mit Partikeln nicht verbfähig sind (23), als eine hinreichende Evidenz für die „Wortigkeit“ von Partikelverben betrachtet.

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(McIntyre 2001: 49ff; DUW 2001)

Da die Basisverben in (23a) im Deutschen nicht existieren, nimmt McIntyre (2001) an, dass in diesem Fall die Partikeln präsyntaktisch schon mit den nominalen Basen verbunden sind und die Veränderung der Wortart (Substantiv à komplexes Verb) gleichzeitig zur Verbindung stattfindet. Die Basisverben in (23b) sind zwar möglich, aber deren Sprachgebräuchlichkeit ist zweifelhaft, da im modernen Deutschen die reine Konversion von A à V nicht produktiv ist and allmählich durch die Bildung komplexer Verben ersetzt wird. Daher verbinden sich Partikeln nach McIntyre (2001) auf der morphologischen Stufe mit Adjektiven.

Viertens gehen Stiebels/ Wunderlich (1994) der Partikeliteration nach. Es sind drei Formen von Iterationen vorhanden: Partikel-Partikel-Komplex, Präfix-Partikel-Komplex und Partikel-Präfix-Komplex. Im Deutschen sind Partikel-Partikel-Komplexe nahezu ausgeschlossen (24a), die einzigen Partikel-Partikel-Verben resultieren aus der Rückbildung und treten nur ungetrennt auf (24b).

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Im Deutschen beschränken sich Präfix-Partikel-Komplexe auf eine kleine Menge. Solche Komplexe kommen nur mit Präfixen be-, ver- und über- vor.

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(DUW 2001)

Im Vergleich zu den ersten zwei Komplexen unterliegen Partikel-Präfix-Komplexe relativ wenigeren Restriktionen. Es gibt zahlreiche Belege dazu (26). Die semantische Untransparenz eingebetteter Präfixverben deuten an, dass es sich bei solchen Komplexen um einen weniger produktiven Bildungsprozess handelt.

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(DWDS Korpus)

Im Folgenden werden die Kernthesen von Stiebels/ Wunderlich (1994: 928-944) beschrieben. Partikelverben im Deutschen sind ihrer Meinung nach spezifische morphologische Objekte. Als Output einer bestimmten Wortbildung sollen Partikelverben nur eine syntaktische Position (V0- Position) besitzen, allerdings treten Partikeln in bestimmten Kontexten getrennt von Basisverben auf. Nach dem klassischen Prinzip der lexikalischen Integrität soll die morphologische Struktur in der Syntax unsichtbar sein, d. h. es gibt keinen syntaktischen Prozess, der auf Wortbestandteile Bezug nimmt (27).

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(Stiebels/ Wunderlich 1994: 918)

Die Ursache für die Ungrammatikalität in (27b) und (27d) liegt darin, dass die morphologische Negation (hier un- und ent-) einen relativ engen Skopus hat und daher unsichtbar für eine Konjunktion wie sondern ist. Dann stellt sich eine Frage, wie die Trennbarkeit von Partikelverben gerechtfertigt wird, wenn die Syntax die morphologisch gebildete Wortstruktur nicht überprüfen kann. Neeleman/ Weerman (1993) führen die Komplexitätsbeschränkung ein, um die (syntaktische) Trennbarkeit von Partikelverben zu verdeutlichen. Allerdings führt die Komplexitätsbeschränkung zu einer der lexikalischen Integrität entgegengesetzten Schlussfolgerung: Die morphologische Struktur ist sichtbar in der Syntax, da die Komplexität des Partikelverbs durch die Syntax überprüft wird und daher nur das finite Basisverb in die C-Position verschoben werden darf. Außerdem scheint die Komplexitätsbeschränkung für Adjektive nicht aussagekräftig zu sein. Als Gegenbeispiele listen Stiebels/ Wunderlich (1994: 916) einige Adjektive auf.

(28) superfederleicht, supersüßsauer, dunkelblaugrün, hellgrüngelb

Die oben angeführten Adjektive, die deutlich der Komplexitätsbeschränkung zuwider laufen, existieren aber tatsächlich im Deutschen. Darum geht die generelle Gültigkeit der Komplexitätsbeschränkung verloren. Wegen des Widerspruchs zur lexikalischen Integrität und der zweifelhaften Gültigkeit lehnen Stiebels/ Wunderlich (1994) die Komplexitätsbeschränkung als eine Lösung zum Problem der Trennbarkeit von Partikelverben ab und versuchen die Trennbarkeit von Partikelverben durch die Zuweisung einer [+ max]-Kategorie zu rechtfertigen.

Stiebels/ Wunderlich (1994) teilen morphologische Objekte in drei Gruppen ein: [+max], [+ min], [-max, -min]. Die erste Gruppe mit der Kategorie [+max] kann ummittelbar syntaktische Positionen besitzen, während die zweite Gruppe mit der Kategorie [+min] immer gebunden auftritt und nicht frei in die Syntax geht. Die dritte Gruppe mit der Kategorie [-max, -min] mag zwar frei auftreten, kann aber auch weitere morphologische Operationen (Derivation, Komposition oder Flexion) erfahren und danach zu Wortbestandteilen werden. Ausgehend von dieser Klassifizierung werden das Kompositum, das Präfixverb und das Partikelverb mit verschiedenen Kategorien gekennzeichnet (29):

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(Stiebels/ Wunderlich 1994: 929)

Aus (29) ergibt sich, dass der Partikel die [+max]-Kategorie zugewiesen wird. Alle morphologischen Objekte mit der [+max]-Kategorie sind sichtbar in der Syntax, was durch die Bedingung der Sichtbarkeit gewährleistet wird.

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Da die Partikel in der Syntax sichtbar ist, kann sie dann eine eigene syntaktische Position (also getrennt von dem finiten Basisverb) einnehmen. Darüber hinaus stellen Stiebels/ Wunderlich (1994) noch eine Partikelbeschränkung auf (31).

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Diese Partikelbeschränkung definiert eine Struktur, die einen morphologisch maximalen Nicht-Kopf enthält. Diese Struktur beschränkt sich auf (komplexe) Verben, was erklärt, warum es im Deutschen keine „Partikel-Nomen“ oder „Partikel-Adjektive“ gibt.

Die Zuweisung der Kategorie [+max]/ [+min] bedingt Stiebels/ Wunderlich (1994) zufolge das Verhalten von Partikelverben/ Präfixverben in weiteren morphologischen Operationen (z. B. Flexion oder Derivation). Hierzu verwenden die Autoren noch zwei generelle Prinzipien aus der lexikalischen Phonologie für die Affigierung, nämlich das Prinzip der Adjazenz (32) und das der Klammertilgung (33).

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Dem Präfix wird die Kategorie [+min] zugewiesen, daher bildet es, also vor der Affigierung, mit dem Basisverb einen neuen Verbstamm [px-V]. Bei der Affigierung findet die Klammertilgung problemlos statt (34).

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(Stiebels/ Wunderlich 1994: 934)

Der Partikel wird hingegen die Kategorie [+max] zugewiesen. Sie muss in der Konstruktion sichtbar und daher peripher zum Verbstamm stehen, also [pt [V]]. Diese Struktur erschwert eigentlich die Affigierung bei Partikelverben, weil in diesem Fall Affixe zwei Klammern überwinden müssen, also [[pt [V]] af], was die Bedingung der Adjazenz verletzen würde. Aber im Deutschen ist das Anhängen der Flexionsaffixe bei Partikelverben möglich, dawegen fügen Stiebels/ Wunderlich (1994) einen neuen Mechanismus der Umklammerung hinzu (35).

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(Stiebels/ Wunderlich 1994: 934)

Aus (35) ergibt sich, dass bei Partikelverben der verbale Kopf die einzige Domäne für das Anhängen der Flexionsaffixe darstellt. Dies erklärt, warum die Flexionsklasse von Partikelverben mit der des verbalen Kopfs übereinstimmt, z. B. [an+max [lach-te]v, +prät, 3.P.Sg.], [an+max [warf]v, +prät, 3.P.Sg.], und warum das Partizipialaffix ge- und die Infinitivpartikel zu direkt an den Verbstamm gesetzt werden müssen, z. B. [an+max [ge [lach-t]v, +part]], [an+max [zu [lach-en]v, -part]+zu].

Stiebels/ Wunderlich (1994) schätzen die nominalen Derivate von Partikelverben, z. B. Angespucke, als eine Zusammensetzung zwischen der Partikel (ohne die Designation [+max]) und dem nominalisierten Basisverb ein.

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(Stiebels/ Wunderlich 1994: 936)

Jedoch löst die Strukur in (36) das sogenannte Klammerparadox aus: Das Wort Angespucke wird nicht wie [An-[ge-[spuck]e]] gelesen, sondern wie [Ge-[an-spuck]e]. Es stellt sich die Frage, wie das Zirkumfixe Ge- -e, das direkt an das Basisverb spuck gesetzt wird, einen Skopus über das ganze Partikelverb (einschließlich der Partikel an) besitzt. Als eine mögliche Lösung zu diesem Klammerparadox schlagen Stiebels/ Wunderlich (1994) wiederum das Prinzip der lexikalischen Verwandtschaft zwischen dem Kompositum und dem Partikelverb vor.

(37) Lexical relatednes:

A compound of the structur [P[αVβ]x], where X is a noun or adjective formed from a verb (with α, β as possible derivation affixes), may be interpreted as if α, β were applied to the respective verb [P V]. α and β may be (phonologically) empty (Stiebels/ Wunderlich 1994: 936).

Die lexikalische Verwandtschaft stellt sicher, dass das Kompositum analog zum entsprechenden Partikelverb interpretiert wird. Diese Interpretation verletzt aber die strikte Kompositionalität, da die möglichen Interpretationen für [αVβ]x stark revidiert werden müssen, wenn der semantische Beitrag des ersten Kompositionselements bzw. der Partikel mitberücksichtigt wird, z. B. Schaffung ≠ Anschaffung, Fänger ≠ Anfänger, greifbar ≠ angreifbar

2.1.3 Testkriterien für die „Wortigkeit“ und „Syntagmatizität“

Ausgehend von morphosyntaktischen Merkmalen, die in Neeleman/ Weerman (1993) und Stiebels/ Wunderlich (1994) dargestellt werden, heben Schlotthauer/ Zifonun (2008: 280-299) jeweils drei notwendige Kriterien für die „Wortigkeit“ und die „Syntagmatizität“ hervor.

Aus der Tab. 1 ergibt sich, dass Partikelverben im Deutschen die meisten Kriterien der „Wortigkeit“ erfüllen können. Sie weisen im adjazenten Kontext dieselbe Modifikator/ Komplement-Kopf-Abfolge wie Komposita/ Derivate auf. Hinsichtlich der Akzentuierung sind sie ebenfalls mit Komposita vereinbar, da der Akzent immer auf Erstglieder fällt. Außerdem sind Partikelverben produktiv ableitbar und mit nominalen Basen verbindbar. Darüber hinaus können Partikeln Änderungen der verbalen Argumentstruktur auswirken. Das Kriterium „Binnenflexion“ ist Partikelverben nicht relevant, da Partikeln ursprünglich aus homonymen Präpositionen/ Adverbien stammen, welche an sich unflektierbar sind. Hinsichtlich der „Syntagmatizität“ (Tab. 2) erfüllen Partikelverben im Deutschen alle drei Kriterien nicht. Partikeln weisen eine niedrige Beweglichkeit auf. Im Nicht-Adjazenz-Kontext bleibt ihnen gemeinhin nur eine Position frei, und zwar die rechte Satzklammer. Im Adjazenz-Kontext sind sie nicht ins Mittelfeld verschiebbar. Meistens ist die Beweglichkeit von Partikeln ins Vorfeld bzw. in die Fokusposition ausgeschlossen. Außerdem haben Partikeln keine selbständige Modifizierbarkeit.

Tab.1: Wortigkeit von Partikelverben

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Tab.2: Syntagmatizität im Sinne des Konstituentenstatus der ‘Partikel’-Teile

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Anmerkung: Ein „+“ spricht für die „Wortigkeit“ bzw. „Syntagmatizität“ von Partikelverben, ein „-“ dagegen und ein „[+]“ bezeichnet ein nicht relevantes Kriterium.

(Schlotthauer/ Zifonun 2008: 307)

Nach der Überprüfung anhand der oben dargestellten Kriterien kommen Schlotthauer/ Zifonun (2008) zur Schlussfolgerung, dass Partikelverben im Deutschen deutlich im morphologischen Bereich liegen und die Unterscheidung zwischen freien (transparenten) und idiomatisierten (untransparenten) Partikelverben „keine oder nur marginale syntaktische Reflexe“ (ebd.: 308) hat.

2.2 Syntaktische Analyse

2.2.1 Zweifelhafte Argumentation der morphologischen Analyse

Die Standardargumente der morphologischen Analyse, wie oben mehr oder weniger explizit erwähnt, lauten wie folgt:

− Adjazenz
− Produktive Ableitbarkeit
− Denominale Partikelverben
− Änderung der Argumentstruktur
− Feste Position
− Keine Modifizierbarkeit

In der Literatur, welche für eine syntaktische Analyse von Partikelverben plädieren, wird die Argumentation der morphologischen Analyse als zweifelhaft und nicht stichhaltig kritisiert.

Adjazenz

Es ist für die morphologische Analyse zweifellos eine große Herausforderung, die Trennbarkeit von Partikelverben zu rechtfertigen, da alle Teile echter morphologischer Wörter in allen grammatischen Kontexten unmittelbar aufeinanderfolgen sollen. Sowohl Neeleman/ Weerman (1993) als auch Stiebels/ Wunderlich (1994) erklären die Trennbarkeit mithilfe von Zusatzmechanismen bzw. –bedingungen (z. B. die Komplexitätsbeschränkung, die Partikelbeschränkung, die Bedingung der Sichtbarkeit, der Mechanismus der Umklammerung und das Prinzip der lexikalischen Verwandtschaft). Allerdings sind solche Zusatzbedingungen der Meinung Lüdelings (1999) nach sehr ad hoc und umständlich. Für die syntaktische Analyse dient die Trennbarkeit als das wichtigste Argument für die syntaktische Struktur von Partikelverben, dazu bedarf es keiner zusätzlichen Begründungen.

Produktive Ableitbarkeit

Es wird oft behauptet, dass Partikelverben Wörter sein müssten, da sie als Input für weitere Wortbildungen dienen können. Diese Behauptung beruht auf der Restriktion des phrasalen Inputs in der Wortbildung (38).

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Die Aussagekräftigkeit der Restriktion des phrasalen Inputs wird bei Lüdeling (1999: 55-102), Lüdeling/ de Jong (2002: 319-322) und Müller (2002a: 310-337) intensiv diskutiert, wobei zwei Hauptargumente gegen diese Restriktion hervorgehoben werden.

Erstens haben im Deutschen manche Wortbildungsprodukte eindeutige phrasale Basen. Beispielsweise können Resultativkonstruktionen, Depiktivkonstruktionen, Objektsprädikativ-Konstruktionen und adverbiale Konstruktionen nominale Derivationen erfahren (39).

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(Lüdeling 1999: 86-96; Lüdeling/ de Jong 2002: 319-322; Müller 2002a: 310-337)

Dagegen sind einige Partikelverben, die gewöhnlicherweise als Wörter klassifiziert werden, von weiteren Wortbildungen ausgeschlossen (40).

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(Lüdeling/ de Jong 2002: 322)

Aus den Beispielen in (39) und (40) geht hervor, dass die Restriktion des phrasalen Inputs nicht haltbar ist, daher die Basisfähigkeit in der Wortbildung nicht mit der strukturellen Differenz zusammenhängt. Es wird aber festgestellt, dass syntaktische Verbgefüge (z. B. Resultativkonstruktionen) deutlich beschränkter basisfähig sind als typische Partikelverben. Das unterschiedliche Potenzial in der Basisfähigkeit zwischen den beiden lässt sich Lüdeling (1999) und Lüdeling/ de Jong (2002) zufolge primär auf semantische Faktoren zurückführen. Die ung - und bar - Derivationen lassen beispielsweise meistens nur lexikalisierte Basen zu. Hierzu führt Lüdeling (1999) die folgenden Beispiele auf.

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(Lüdeling 1999: 92&95)

Die Phrase groß/ klein schreiben hat eine transparente Bedeutung und eine lexikalisierte Bedeutung. Nur die lexikalisierte Variante kann eine ung -Derivation erfahren, wie dargestellt in (41b) und (41c). Das Partikelverb aufheben hat ebenfalls eine lexikalisierte (42a) und eine transparente (42b) Lesart. (42c) und (42d) zeigen auf, dass die ung -Nominalisierung nur bei der lexikalisierten Lesart möglich ist. Dasselbe gilt für an -Verben. Da anbraten und anlesen nach (semi-)produktivem Muster gebildet werden, sind sie von der ung -Derivation ausgeschlossen (42e). Die semantische Lexikalisierung spielt auch eine entscheidende Rolle bei der bar -Derivation. Anbauen hat z. B. eine lexikalisierte Variante (43a) und eine transparente Variante (43b), nur die lexikalisierte Variante kann anbaubar lizenzieren.

Denominale Partikelverben

Denominale Partikelverben, insbesondere diejenigen, deren denominale Basisverben im Deutschen nicht existieren, gelten als Evidenz für die morphologische Struktur (vgl. McIntyre 2001:49-51). Solche Basen, die außerhalb von partikelverbförmigen Kombinationen nicht vorkommen, nähern sich unikalen bzw. quasi-unikalen Morphemen an (vgl. Kolehmainen 2006: 70ff).

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(Kolehmainen 2006: 71)

Die Formen *ahmen in nachahmen, *mergeln in ausmergeln und *merzen in ausmerzen sind unikale Komponenten, da sie nur in bestimmten Kombinationen erscheinen. Dasselbe gilt für *leinen in anleinen, *freunden in anfreunden. Die Form ??renken tritt zwar noch nicht völlig isoliert auf, wird aber als „veraltet“ gekennzeichnet. Sie gehört zu quasi-unikalen Morphemen, denn sie tritt außerhalb einiger weniger Kombinationen bald nicht mehr auf. Dasselbe gilt für ??strengen in anstrengen, ??feuchten in anfeuchten.

Solche unikale bzw. quasi-unikale Elemente sind auch unter Phrasen zu beobachten (45). Daher ist die Existenz von denominalen Partikelverben der Meinung von Kolehmainen (2006) nach kein zwingendes Argument für den Wortstatus von Partikelverben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Kolehmainen 2006: 71f)

Veränderung in der Argumentstruktur

Die Behauptung, dass es morphologischen Objekten eigentümlich ist, eine Änderung der verbalen Argumentstruktur auszuwirken, wird von Lüdeling (1999: 26-34) kritisiert und widerlegt. Ihr Hauptgegenargument lautet, dass phrasale Gefüge (z. B. Sekundärprädikate) gleiche Veränderungen in der verbalen Argumentstruktur bewirken können wie Partikelverben.

Erstens lässt sich eine Argumentstelle kausativer Positionsverben und Bewegungsverben entweder durch direktionale Präpositionalphrasen oder durch Partikeln sättigen (46).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(DUW 2001)

Zweitens können sowohl Partikeln als auch phrasale Sekundärprädikate (zumeist resultative Prädikate) zu einer Argumenterweiterung beitragen (47).

(47) a. Transitivierung (Ergänzung eines Akkusativobjekts)

*Der Prinz lächelt seine Mutter.

Der Prinz lächelt seine Mutter an.

*dass der Wecker Dornröschen klingelt.

dass der Wecker Dornröschen wach / aus dem Bett klingelt.

b. Ergänzung eines Dativobjekts

*Dornröschen kommt dem Prinzen.

Dornröschen kommt dem Prinzen mit List bei.

Dornröschen kommt dem Prinzen mit List auf die Spur.

c. Ergänzung eines Dativobjekts und eines Akkusativobjekts

Der Zauberer hexte dem Eindringling eine krumme Nase an.

Der Zauberer hexte dem Eindringling eine krumme Nase ins Gesicht.

(Lüdeling 1999: 31ff)

Zum Schluss stellt Lüdeling (1999) fest, dass die Argumentsättigung und –erweiterung bei Partikelverben anhand eines syntaktischen Mechanismus erklärt werden können. Im Falle der Argumentsättigung können Partikeln dieselbe Position/ Argumentstelle wie PPs einnehmen (46), daher wäre es einfacher, Partikeln als (degenerierte) Phrasen zu betrachten. Im Falle der Argumenterweiterung bewirken Partikeln und phrasale Gefüge einen gleichen argumentstrukturellen Effekt, daher scheint ein morphologischer Mechanismus im Vergleich zum generelleren syntaktischen Mechanismus unnötig zu sein.

Feste Position

Im Vergleich zu anderen syntaktischen Konstituenten weisen Partikeln eine ziemlich hohe Stellungsfestigkeit (z. B. beschränkte Mittelfeld- und Vorfeldbesetzung) auf, was oft als Argument für den morphologischen Status von Partikelverben angesehen wird. Diese Argumentation wird allerdings bei Lüdeling (1999: 44-50), Müller (2002a: 263-297; 2002b: 121-134) und Wurmbrand (2000) kritisch beleuchtet.

Zunächst wird der Mittelfeldfähigkeit von resultativen Prädikaten und Partikeln nachgegangen. Einerseits treten phrasale resultative Prädikate in der Verbletztstellung meistens unmittelbar adjazent zum Verb auf, anders gesagt können sie nicht beliebig ins Mittelfeld verschoben werden (48).

(48) a. dass der Prinz die Zwiebeln in feine Würfel schneidet.

*dass der Prinz die Zwiebeln in feine Würfel mit Tränen in den Augen schneidet.

b. dass der Prinz Dornröschen gestern wach küsste.

??dass der Prinz Dornröschen wach gestern küsste.

c. dass Dornröschen ihr Glas gerne leer trinkt.

??dass Dornröschen ihr Glas leer gerne trinkt.

(Lüdeling 1999: 45 & 47)

Aber wenn resultative Prädikate kontrastiv fokussiert werden, können andere Elemente zwischen resultativen Prädikaten und Verben eingefügt werden.

(49) Ich möchte, dass der Prinz die Zwiebeln in feine WÜRFEL für die Suppe und in RINGE für den Salat schneidet.

(Lüdeling 1999: 47)

Andererseits ist die Mittelfeldbesetzung durch Partikeln nicht gänzlich ausgeschlossen.

[...]


[1] In dieser Arbeit bezieht sich der Begriff Partikel auf die Verbpartikel.

Details

Seiten
100
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668600317
ISBN (Buch)
9783668600324
Dateigröße
974 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v385478
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Schlagworte
untersuchungen partikelverben deutschen puzzle

Autor

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Titel: Untersuchungen zu Partikelverben mit "an" im Deutschen. Das strukturelle und semantische Puzzle