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Individualisierung und soziale Beziehungen in der Stadt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 14 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Stadt

2. Individualisierung
2.1. Freie Wahl und Identitätsverlust
2.2. Notwendigkeit des Selbstschutzes
2.3. Lebensstil

3. Veränderung sozialer Beziehungen in der Stadt und Land

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit dieser Arbeit möchte ich einen Überblick über die Veränderungen der sozialen Beziehungen und die Individualisierung des Einzelnen durch das Leben in der Stadt geben. Als Gegenüber soll dabei das Leben auf dem Land fungieren. Dabei kann man den Strukturwandel, der sich in den letzten beiden Jahrhunderte ereignete, nicht außer Acht lassen. Dieser wird daher innerhalb der Arbeit immer wieder aufgegriffen werden. Ein wichtiger Diskussionspunkt wird die Frage sein, inwieweit Land mit traditionellem Leben bzw. Stadt mit modernem Leben gleichzusetzen sind.

Zu Beginn möchte ich jedoch erst einmal eine Definition des Begriffs ‚Stadt‘ geben und dabei auf Louis Wirths soziologisches Stadtkonzept eingehen. Hier soll vor allem die Wichtigkeit der Einwohnerzahl, Bevölkerungsdichte und Bevölkerungsheterogenität deutlich werden.

Das darauf folgende Kapitel widmet sich der Individualisierung. Dabei sollen die damit auftretenden Probleme, wie beispielsweise der Verlust traditioneller sozialer Gemeinschaft, Identitätsfindung und soziale Distanzierung, betrachtet werden. Besonders Simmels Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“ wird hier im Vordergrund stehen. Neben den Problemen werden aber auch die positive Seite der Freiheit, die das Leben in der Stadt mit sich bringt, angesprochen. Ausführungen zum Thema ‚Lebensstile‘ werden das Kapitel abschließen.

Im dritten Abschnitt gehe ich der Frage nach, wie sich soziale Beziehungen in der Stadt oder im modernen Leben von traditionellen Kontakten unterscheiden. Hier soll die Familie eine sehr wichtige Stellung einnehmen.

Zum Schluss möchte ich die Diskussion Stadt-Land bzw. modern-traditionell noch einmal aufgreifen und erörtern, ob eine Trennung der Begriffe im Bezug auf die Veränderungen der sozialen Beziehungen überhaupt eine Rolle spielt.

1. Die Stadt

Im ‚ Meyers Großes Taschenlexikon ‘ wird der Begriff ‚Stadt‘ definiert als „Siedlung mit meist nichtlandwirtschaftlichen Funktionen (...), gekennzeichnet unter anderem durch eine gewisse Größe, Geschlossenheit der Ortsform, hohe Bebauungsdichte, zentrale Funktionen in Handel, Kultur und Verwaltung (...) In Deutschland unterscheidet man Klein- (5000-20 000 EW), Mittel- (20 000-100 000 EW) und Großstädte (über 100 000 EW).“

Man kann aus dieser Erklärung schließen, dass Menschen, die in der Stadt leben, anders leben, als Menschen auf dem Land, dass viele Menschen auf relativ engem Raum zusammen sind, dass diese auf irgendeine Art und Weise untereinander kommunizieren und dass eine Stadt ein abgeschlossenes Territorium ist. Eine wichtige Bedeutung hat in dieser Beschreibung auch die Einwohnerzahl: Durch sie kann man feststellen, um welche Art von Stadt es sich handelt. Doch wie steht es mit den Menschen, die in der Stadt leben bei all der sachlichen Betrachtung? Wie sehen ihre Beziehungen untereinander aus? Um diesen Fragen nachzukommen legte Louis Wirth 1974 sein soziologisches Stadtkonzept vor: Demnach würden Bevölkerungszahl, -dichte und -heterogenität die Siedlungsstruktur einer Gemeinde bestimmen und sich auf die sozialen Beziehungen auswirken (Petermann 2002: 23f.). Man kann dies so verstehen, dass die Einwohnerzahl und die Bevölkerungsdichte ein wichtiger Faktor sind für die Qualität oder Quantität der sozialen Beziehungen der Menschen. Lebt man beispielsweise in einer sehr kleinen Stadt kennt man sicherlich die gesamte Nachbarschaft, den Bäcker und den Postboten persönlich und führt im Vorbeigehen ein kleines Gespräch. Das Ganze ist überschaubar. In einer großen Stadt ist dies schwieriger: Man begegnet auf der Straße sehr viel mehr Menschen. Durch die Menge wird ist es unmöglich jeden wahrzunehmen oder sich das Gesicht zu merken. Zudem kommen immer neue Menschen dazu, andere verschwinden. Stadtbewohner – so Wirth - sind mobiler und ziehen beispielsweise öfter um oder gehen andere Wege (Wirth 1974: 56). Hier stellt sich nun auch die Frage, ob es einen Unterschied macht, ob man in einer Großstadt mit 600 000 Einwohnern lebt bzw. in einer mit 5 Millionen, oder ob die Zahl nicht irgendwann unwichtig wird. Möglicherweise spielt die Bevölkerungs-Heterogenität dabei eine Rolle. Diese kann sich auf verschiedene Dinge beziehen, wie z.B. Schichten, Lebensweisen, Migration oder Ethnizität (Petermann 2002: 24) und räumt dem Individuum eine freiere Entfaltung ein, wie sie auf dem Land möglich ist. Dabei bilden sich aber immer auch Gruppen von Gleichgesinnten oder solchen, die aufgrund ihrer ökonomischen Ausgangslage zu einem bestimmten Kreis gehören. Man kann dies sehr deutlich an Stadtvierteln beobachten: In dem einen wohnen Reiche, im anderen Studenten, wieder in einem anderen Arbeiter usw. Man könnte es auch so betrachten, dass jedes Viertel für sich eine eigene kleine Stadt darstellt und alle zusammen die Großstadt bilden. Dies lässt sich ohne weiteres auf unterschiedliche Lebensbereiche übertragen, wie z.B: Religion, Nationalität, Berufsstand. Und hier gelangt man zu dem berühmten Bild der Stadt, die sich aus vielen verschiedenen Mosaiken (= soziale Welten) zusammensetzt und somit zu einem großen heterogenen Ganzen wird (Lindner 1990: 109, Hannerz 1980: 54).

2. Individualisierung in Städten

Im Allgemeinen versteht man unter ‚Individualisierung‘ die Betonung des Besonderen und Eigentümlichen einer Person. In der Soziologie versteht man darunter auch den „Prozess der Auflösung von für die Industriegesellschaft typischen Lebensformen und deren Ablösung durch neue“. Gemeint ist hier v.a. der Verfall von sozialen Gruppen- und Funktions-Zusammenhängen, in die der Einzelne eingebunden ist bzw. war und die ihm ein großes Maß an Sicherheit boten. In der modernen Gesellschaft entstehen zunehmend individuell ausdiffe-renzierte, oft auch „ungesicherte“ Lebensentwürfe (Meyers Großes Taschenlexikon 1999: Bd. 10, S. 182f.). Dieser Problematik wendet sich dieses Kapitel zu. Die Stadt ist hier v.a. interessant, da sie ein überaus wichtiges Element der modernen Gesellschaft darstellt.

2.1. Freie Wahl und Identitätsverlust

Für viele Menschen bedeutet das Leben in der Stadt, im Gegensatz zum Land, die Möglichkeit, sich zu entfalten. Durch das große Konsumgüterangebot, die Existenz von zahlreichen Vereinen, Bildungsstätten, kulturellen Veranstaltungen, Verkehrsmitteln und Arbeitsplätzen wird eine Stadt attraktiv. Sie wird zu einem Ort von Möglichkeiten, an dem man sich sein Leben in gewissem Maße nach seinen eigenen Interessen einrichten kann. Menschen kommen in die Stadt, um zu studieren, zu arbeiten, etwas Neues zu beginnen oder sie leben bereits dort und möchten oder können auf die Vorteile nicht mehr verzichten. Auch ein Gefühl von Unabhängigkeit und Selbständigkeit verbindet man mit dem Stadtleben. Der Stadtbewohner hat

die Möglichkeit auszuwählen, wie er sein Umfeld gestaltet und mit welchen Menschen er

Kontakt hat.

Daraus ergeben sich allerdings einige Probleme sowohl auf der Ebene der eigenen Identität als auch in Bezug auf die sozialen Beziehungen: Durch den Wegfall von traditionellen sozialen Beziehungsstrukturen[1] ist der Einzelne auf sich selbst gestellt. Er wird nicht mehr in ein „gefestigtes Sozialgebilde“ hineingeboren, sondern findet soziale Bindungen nur noch in „künstlichen Gruppen (...), die jeder einzelne ohne weiteres wechseln kann, wodurch keine dauerhaften Bindungen entstehen.“ (Petermann 2002: 25)[2]. Für das Individuum bedeutet dies einen enormen Verlust von Sicherheit im Hinblick auf Werte, Normen und Glauben: Der Einzelne muss sich sein eigenes Weltbild, aber auch seinen Lebenslauf erarbeiten (Eckel 1998: 116f.). Diese Unsicherheit kann also nur individuell ausgeglichen werden. Der Mensch muss den gegebenen sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen entsprechend in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen und eine Vorstellung davon haben, wie sein Leben aussehen soll (Eckel 1998: 111). Problematisch scheint dabei nicht nur die „Notwendigkeit der Wahl“, sondern auch die Vereinbarkeit der verschiedenen Rollen, die ein Mensch zu erfüllen hat: Der Einzelne hat in seinen sozialen Rollen den jeweiligen normativen Orientierungen und unter-schiedlichen Verantwortungsbereichen gerecht zu werden und dabei sollte er „alle Rollen in der Vorstellung eines Selbst vereinbaren, um überhaupt handlungsfähig zu sein“ (Eckel 1998: 110). Auch hier stellt sich also die Frage nach dem Selbst. Vielleicht kann man dies so verstehen, dass beispielsweise ein Mann in einer Lederfabrik arbeitet, Ehemann und Vater ist, sich gleichzeitig in einem Rechtsystem bewegt und sich politisch engagiert, er sich jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit nicht an Demonstrationen gegen das Töten von Tieren beteiligen wird, da er damit indirekt sein Geld verdient.

[...]


[1] Traditionelle Beziehungsstrukturen : Verwandtschaftsbeziehungen, Nachbarschaft.

[2] Es stellt sich hier allerdings die Frage inwieweit man das Stadtleben für den Verfall von traditionellen Beziehungsstrukturen verantwortlich machen kann. Kritiker sehen allgemeine Entwicklungen in der Gesellschaft, wie z.B. moderne Kommunikations- und Transportmittel, als Ursachen (vgl. Petermann 2002: 31).

Details

Seiten
14
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638375689
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v38544
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,5
Schlagworte
Individualisierung Beziehungen Stadt

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