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Resilienzföderung bei Kindern und Jugendlichen. Begriffsdefinitionen, Studien, Resilienz-Modelle und Bindungstheorie

Hausarbeit 2016 12 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen

3 Studien der Resilienzförderung
3.1 Empirische Forschungsergebnisse
3.1.1 Personale Ressourcen des Kindes
3.1.2 Soziale Ressourcen / Schutzfaktoren

4 Konzepte der Resilienz
4.1 Risikofaktorenkonzept
4.2 Schutzfaktorenkonzept

5 Resilienzförderung bei Kindern und Jugendlichen
5.1 Fallbeispiel: (Melissa, 16 Jahre)

6 Fazit

Literatur- & Quellenverzeichnis:

1 Einleitung

Die erlebte Kindheit kann einen entscheidenden Einfluss auf das weitere Leben haben. Es gibt Kinder, die eine Kindheit durch Gewalterfahrungen wie Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung oder Armut oder Traumata erleben. Trotz widriger Umstände können sich einige Kinder überraschend positiv, kompetent und gesund entwickeln. Warum ist das so? Was macht sie widerstandsfähiger? Diesen Fragen widmet sich die Resilienzforschung, die auch durch die Kauai-Langzeit-Studie von der Resilienzforscherin Emmy Werner wichtige Erkenntnisse lieferte. Einige der Kinder, die in ihrer Kindheit und Jugend schwierige Umstände erlebten, entwickelten sich zu glücklichen, gesunden Erwachsenen. Heute ist Resilienz Förderung ein wichtiges Thema, da ein komplexes Zusammenwirken diverser Akteure wie Eltern, Kindergärten, Schulen, Erziehungsberatungsstellen etc., die Kinder unterstützen kann, mit schwierigen Lebensumständen besser fertigzuwerden. Ich gehe auf Begriffsdefinitionen, Studien, Resilienz-Modelle und die Bindungstheorie ein. Am Beispiel eines Falles möchte ich das Resilienzkonzept herausarbeiten, wie Kinder und Jugendliche mit Unterstützung von SozialarbeiterInnen Schutzfaktoren, Handlungsfähigkeiten stärken bzw. aufbauen oder auch Risikofaktoren vermindern können oder als Präventionskonzepte fungieren können.

2 Definitionen

Resilienz leitet sich vom englischen Begriff “resilience“ ab und bedeute Spannkraft, Elastizität. Es bezeichnet die Fähigkeit, sich nach schwierigen Lebensumständen wieder „aufzustellen“. Die Resilienzexpertin und Pädagogin Corina Wustmann definiert Resilienz als „psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungskrisen“ (vgl. Wustmann 2004a, 2004b, 2005). Auch definiert sie drei Erscheinungsformen von Resilienz: 1.“ Die positive Entwicklung trotz andauerndem Risikostatus wie z.B. chronischer Armut 2.beständige Kompetenz unter akuten Stressbedingungen und 3. Erholung bei Traumata. (Zander, 2010, S.18). Zander definiert Resilienz im sozialwissenschaftlichen Bereich als „dass ein Mensch angesichts außergewöhnlicher Risiken unerwartet hohe seelische Widerstandskraft zeigt“ (Zander, 2016, S.48). Resilienz umfasst eine positive, gesunde Entwicklung trotz hohem Risiko-Status, die beständige Kompetenz unter extremen Stressbedingungen und die positive bzw. schnelle Erholung von traumatischen Erlebnissen.

Die Resilienzforschung ist ein relativ neues Forschungsgebiet, das sich mit der Widerstandsfähigkeit der Seele befasst quasi nach dem Motto: Manchmal kommt es besser, als man denkt. Allerdings, laut M. Zander, sei umstritten, ob jeder Mensch über ein Resilienzpotential verfügt (vgl. Zander, 2016, S. 49). Corina Wustmann geht davon aus, dass Resilienz erlernbar, veränderbar und situationsabhängig ist (vgl. Wustmann 2004, s.26f), also dass Resilienz ist ein variabler, dynamischer, situationsspezifischer Prozess ist.

Das Konzept der Salutogenese von Aaron Antonovsky ist eng mit dem Konzept der Resilienz verknüpft. im Zentrum steht nicht welche Probleme man zu bewältigen hat, es interessiert viel mehr, wie dieses Bewältigen im Einzelnen aussieht. Er geht von einem optimistischen, ressourcenorientierten Menschenbild aus und sowohl die Salutogenese, als auch das Konzept der Resilienz versuchen, den Menschen in seiner Ganzheit wahrzunehmen. Wichtig dabei ist, seine, präventiven, Bewältigungskompetenzen ganzheitlich zu unterstützen und nicht nur die Krankheit zu bekämpfen. So hat er traumatisierte Überlebende von Konzentrationslagern, die sich wieder ein Leben aufbauten und ihr Schicksal überstanden, befragt. Er hat festgestellt, dass die Widerstandsfähigen über Ressourcen bzw. ein „Kohärenzgefühl“ verfügen (vgl. Kormann, 2007, S.42). Salutogenese geht von der Gesundheit aus und fragt, warum Menschen nicht krank werden und zuversichtlich mit objektiv schwierigen Situationen umgehen. Das Kohärenzgefühl ist ein umfassendes Konstrukt, eine Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein Gefühl des Vertrauens hat, dass:

- Die Reize, die sich aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind
- Innere und äußere Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen
- Wahrscheinlichkeit, dass sich die Dinge so gestalten lassen, wie man es erwartet
- diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen (vgl. Opp et al.,1999, S.211)

3 Studien der Resilienzförderung

Die ersten Langzeitstudien bzw. Längsschnittstudien von E. Werner und R. Smith (1982/1989), haben 40 Jahre lang 698 Kinder, die alle ca.1955 auf der Insel Kauai geboren worden waren und in schwierigen Verhältnissen aufwuchsen, wissenschaftlich begleitet. Diese Studie gilt als „Meilenstein“ und Pionierstudie in der Resilienzforschung, da sie den Schwerpunkt auf den Vergleich von resilienten und nichtresilienten Kindern richtete (vgl. Zander, 2008, S.74f). Die Kinder wurden ab Geburt und im Alter von 1, 2, 10, 18, 32 und 40 Jahren wissenschaftlich begleitet (Werner, 2011, S.33) und dabei die bis dahin geltenden Annahmen, dass bei risikobelasteten Kindern als Erwachsene bspw. psychische Störungen vorliegen könnten, revidiert. Etwa ein Drittel der Kinder hatte mit multiplen Risikobelastungen wie bspw. chronische Armut und familiäre Disharmonie zu kämpfen. Davon zeigten zwei Drittel Lern-und Verhaltensstörungen wie mangelnde Aggressionskontrolle, Straffälligkeiten und psychische Probleme. Das andere Drittel entwickelte sich zu positiv eingestellten Erwachsenen, die beruflich tätig und in stabilen Beziehungen waren (vgl. Werner, 2016, S.38; Kormann, 2007, S.43).

Die Mannheimer Risikokinderstudie von Laucht et al., die am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim 2001 durchgeführt wurde und noch wird, untersucht als Längsschnittstudie 362 Kinder (geboren 1986-1988) von Geburt bis ins Jugendalter. Es sind fünf Erhebungen geplant, im Alter von 3 Monaten, 2 Jahren, 4 Jahren, 8, 11,15 Jahren und eine abschließende Erhebung im 19. Lebensjahr. Unter Risikokindern werden Kinder identifiziert, deren Entwicklung gefährdet ist und unter Risikofaktoren, Bedingungen, die die Wahrscheinlichkeit einer Störung in der Entwicklung erhöht. Im Fokus der Risikoforschung stehen die Fragen, welche Chancen oder Risiken für Kinder mit psychosozialen Risiken, die auch eine Risikobelastung bei der Geburt hatten, bestehen. Zu solchen Risiken gehören bspw. unerwünschte Schwangerschaft, psychischen Beeinträchtigung der Eltern, niedriges elterliches Bildungsniveau oder materielle Not und beengte Wohnverhältnisse (vgl. Kormann, 2007, S.46). Im Interesse der Untersuchung stand das Fürsorgeverhalten bzw. die Mutter-Kind Bindung. Ergebnis dieser Studie war, sowie auch bei Emmy Werner, dass sich Beeinträchtigungen in allen Entwicklungsstadien zeigen und sich bis ins Erwachsenenalter Benachteiligungen fortführen. Aber auch, dass sich nicht alle Kinder ungünstig entwickeln, sondern einige auch resilient sind (vgl. Laucht, 2011, S.7. S.14).

Bei beiden Studien kristallisierten sich schützende Merkmale heraus, die sowohl in die personalen Ressourcen des Kindes wie auch in soziale Schutzfaktoren unterteilt werden (vgl. Zander, 2010, S.39). Eine weitere Studie, auf die ich jetzt nicht eingehe, ist die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie von Bender und Lösel von 1997.

3.1 Empirische Forschungsergebnisse

Warum zeigen Menschen trotz des Vorhandenseins von riskanten dauerhaften und wechselwirkungsreichen Problemlagen keine Anzeichen von Entwicklungsstörungen und entwickeln sich allem Anschein nach unproblematisch? Neben den Risikofaktoren sind ebenso die Schutzfaktoren und die vorhandenen Ressourcen für die Entwicklung eines Menschen bedeutsam.

3.1.1 Personale Ressourcen des Kindes

Wie M. Zander, G. Kormann oder auch C. Wustmann beschrieben haben, besitzen resiliente Kinder positive Temperamentseigenschaften die angeboren sind wie bspw. Fröhlichkeit, Ausgeglichenheit, Anpassungsfähigkeit oder hohes Antriebsniveau und lösen bei Eltern eher positive Zuwendung aus, als Kinder die ein sogenanntes schwieriges Temperament haben. Eigentliche Resilienzfaktoren wie Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, Sozialkompetenz wie Empathie, positives Selbstwertgefühl, sicheres Bindungsverhalten und flexibles Bewältigungsverhalten (vgl. Zander, 2010, S. 39; Kormann 2007, S.48) sind dagegen erwerbbar. Als Beispiel die Definition der Selbstwirksamkeit nach Bandura: Überzeugung, dass man in einer bestimmten Situation die angemessene „Leistung“ erbringen kann und beeinflusst die Wahrnehmung, die Motivation und die Anstrengung. Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, dass man in einer bestimmten Situation die angemessene Leistung erbringen kann. Selbstwirksamkeit entscheidet über: Entscheidungen für bestimmte Verhaltensweisen, Stärke der Anstrengung, Ausdauer angesichts von Misserfolgen oder Hindernissen, Ausmaß an Stresserleben, Verarbeitung von Rückschlägen.

Bei der Kauai Studie wurden die bei den resilienten Kindern die Kommunikationsfähigkeit, Problemlöseverhalten, sowie Hilfsbereitschaft und die Fähigkeit sich Hilfe zu organisieren besonders vermerkt. Auch als Jugendliche hatten sie realistischere Berufs- und Zukunftspläne als ihre „Kontrollgruppe“ (Zander, 2011, S.37).

3.1.2 Soziale Ressourcen / Schutzfaktoren

In beiden Studien wurde festgestellt, dass Ressourcen in der Familie wie emotionale Bindungen, oder auch Unterstützungssysteme außerhalb der Familie, das Wohlbefinden der Kinder stärken und positiv zu deren Entwicklung beitragen. Wie die von Bowlby entwickelte Bindungstheorie ist eine sichere Bindung zu einer Bezugsperson nach den Erkenntnissen der Resilienzforschung ein Schutzfaktor, der für die sozial-emotionale Entwicklung eine wichtige Rolle spielt (Vgl. Wustmann, 2005, S.195). Auch die Mannheimer Studie hebt hervor, wie wichtig die feinfühlige, unterstützende Interaktion mit Bezugspersonen auf eine positive Bindungsbeziehung und somit Resilienz auswirkt (vgl. Laucht, 2011, S.16 -17). Bezugspersonen wie bspw. ErzieherInnen, LehrerInnen können auch in Bildungseinrichtungen wie Kindergärten und Schulen einer sicheren Bindung zuträglich und positive Rollenbilder für die Kinder sein und somit einen wichtigen Einfluss auf deren Entwicklung haben (vgl. Zander, 2010, S. 39). Auch das weitere soziale Umfeld kann schützende Faktoren für Kinder bieten wie bspw. durch Verwandte und Nachbarn wenn sie Rat, Fürsorge oder Zuwendung bei Krisenzeiten von Erwachsenen erhalten. Auch Freundschaften mit Gleichaltrigen können schützende und förderliche Einflussmöglichkeiten ausüben (vgl. Wustmann, 2004, S.53).

4 Konzepte der Resilienz

4.1 Risikofaktorenkonzept

Wie M. Zander feststellt, gibt es im Leben immer Krisen oder Entwicklungsaufgaben die bewältigt werden müssen. Unterschieden wird zwischen den „erwartbaren Entwicklungskrisen “, wie beispielsweise Problemen während der Pubertät und unerwarteten Risiken wie zum Beispiel kritische Lebensereignisse wie traumatische Erfahrungen oder Schicksalsschläge, die C. Wustmann auch mit ins Risikokonzept mit einbezieht (vgl. Zander, 2016, S. 52). Emmy Werner verwendet den Ausdruck „Hochrisikokinder“, bei Kindern mit multiplen Risiken. Zu Risiken gehören einerseits umweltbezogene, familiäre oder soziodemografische Risikofaktoren wie beispielsweise chronische Armut, familiäre Disharmonie, instabile familiäre Situation, elterliches Suchtverhalten, Aufwachsen mit psychisch kranken Eltern, sehr junge Elternschaft, geringes Bildungsniveau der Eltern (vgl. Zander, 2010, S. 33). Zu Risikofaktoren gehören aber auch personale Risiken bzw. auch Vulnerabilitätsfaktoren. Vulnerabilität ist das Gegenteil von Resilienz und bedeutet aus dem lateinischen kommend: Verwundbarkeit, Verletzlichkeit. Vulnerabilität bedeutet ein erhöhtes Risiko aufgrund personaler (krankheitsbedingter) und äußerer Risikofaktoren einen ungünstigen Entwicklungsverlauf zu nehmen (vgl. BZgA, 2009, S.20). Zu diesen Faktoren gehören biologische Merkmale wie pränatale Komplikationen, wie bspw. Substanzkonsum der Mutter, perinatale Komplikationen, wie bspw. Frühgeburt, postnatale Komplikationen, wie bspw. Atem-Saugbeschwerden. Zu den psychologischen Risikofaktoren zählen schwieriges Temperament, unsichere Bindungsorganisation und impulsives Verhalten. Wustmann unterscheidet zwischen primären, seit Geburt vorhandenen und sekundären Faktoren, die sich das Kind nach der Geburt aneignet (vgl. Zander, 2010, S.34). Die umweltbezogenen Risikofaktoren, die im familiären und später im schulischen Kontext vorhanden sind, sind bspw. chronische Armut, Mobbing durch Peerkontakte, Arbeitslosigkeit, Migrationshintergrund, häufige Schulwechsel oder elterliche Trennung. Soziale und milieubedingte Risiken sind beispielsweise das Aufwachsen in einem sozialen Brennpunkt. Laut M. Zander werden schulische Aspekte fast nicht erwähnt (vgl. Zander, 2010, S. 34). Biologische Faktoren scheinen mit zunehmendem Alter an Bedeutung zu verlieren, aber psychosoziale gewinnen an Einfluss.

4.2 Schutzfaktorenkonzept

Schutzfaktoren lassen sich wie Risikofaktoren jeweils auf drei Ebenen finden. Risikomildernde Faktoren lassen sich unterscheiden zwischen Schutzfaktoren im Kind, in der Familie und Faktoren in der Gemeinde bzw. im sozialen, außerfamiliären Umfeld.

Personale Schutzfaktoren sind beispielsweise Merkmale wie ein aufgeschlossenes und fröhliches Temperament, aber auch erworbene bzw. erwerbbare Fähigkeiten wie hohe Sozialkompetenz, pro-sozialem Verhalten, Selbstregulation und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen.

Als familiäre, soziale Ressourcen können eine verlässliche Bezugsperson, ein positives Familienklima, Unterstützung und Zusammenhalt genannt werden. Besonders das Vorliegen einer sicheren Bindung ist bei Kindern für die Entfaltung von Resilienz unerlässlich (vgl. Zander, 2010, S. 38-39).

Risiko- und Schutzfaktoren sind nicht isoliert zu betrachten und aus einem Risikofaktor kann auch ein Schutzfaktor entstehen und umgekehrt. Daher sind Risikofaktoren auch variabel und individuell und somit Resilienz nicht universell übertragbar (vgl. Opp, 1999, S. 14). Das bedeutet, dass bei multiplen Risiken auch mehrere Schutzfaktoren vorhanden sein sollten, die risikomildernd und entwicklungsfördernd wirken sollten. Bei Abstinenz eines Schutzfaktors kann ein Risikofaktor entstehen, aber auch, dass ein Fehlen von Risiken nicht gleichzeitig einen Schutzfaktor darstellt (vgl. Wustmann, 2004, S.44f).

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Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668599468
ISBN (Buch)
9783668599475
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v385364
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda
Note
1,3
Schlagworte
resilienzföderung kindern jugendlichen begriffsdefinitionen studien resilienz-modelle bindungstheorie

Autor

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Titel: Resilienzföderung bei Kindern und Jugendlichen. Begriffsdefinitionen, Studien, Resilienz-Modelle und Bindungstheorie