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Zu Hermann Hesses "Der Steppenwolf". Inwiefern ist der Roman autobiografisch und welche Gesellschaftskritik ist erkennbar?

Essay 2015 5 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inwiefern ist der Roman autobiografisch und welche Gesellschaftskritik ist erkennbar?

Der folgende Essay beschäftigt sich mit der Frage: Inwiefern die Figur Harry Haller aus Hesses Roman eine autobiographische ist. Hierzu werden neben dem Roman sekundärtexte in Form von Analysen und Reflexionen zum Werk Hesses heran gezogen. Im Roman Der Steppenwolf von Hermann Hesse, welches 1927 erschienen ist, wird die Geschichte von Harry Haller erzählt, der sich in zwei Persönlichkeiten zu teilen scheint. Neben dem Menschen Harry gibt es somit den Steppenwolf, der immer wieder zum Vorschein kommt. In Bezug auf Harry Haller und Hermann Hesse zeigen sich einige Parallelen, die auch in der im Roman geäußerten Gesellschaftskritik deutlich werden. Diese sollen im Folgenden aufgegriffen und erörtert werden.

Der Roman besteht zum Größten Teil aus den Aufzeichnungen Harry Hallers, was zu Anfang von einem fiktiven Herausgeber erläutert wird. Ob diese real oder von Harry Haller erfunden sind lässt sich nicht eindeutig sagen. Ein deutlicher Hinweis auf eine Parallele zwischen Hesse und Haller stellen die ähnlichen Namen dar. Weiterhin lässt sich eine Andeutung in der Figur Hermine/Hermann erkennen. Ebenso lassen Charakterzüge Hallers Rückschlüsse auf Hesse zu. So ist Haller belesen und gebildet findet sich jedoch in der Gesellschaft nur schwer zurecht. Inwiefern sich letzteres auf Hesse beziehen lässt wird noch erörtert. Schaut man sich Hesses Lebenslauf an, so scheint er im Steppenwolf tatsächlich erlebtes einzubinden. Um 1914 veröffentlicht Hesse zahlreiche politische Aufsätze die sich „gegen nationale Besessenheit“ und für „Vernunft und Humanität“ einsetzen und wird hierfür scharf kritisiert.[1] Ähnliches wiederfährt Harry Haller im Steppenwolf: „Dieser ,Bursche` und vaterlandslose Geselle Haller aber sei ich selber, und es stünde besser um unser Land und um die Welt, wenn wenigstens die paar denkfähigen Menschen sich zu Vernunft und Friedensliebe bekennten, statt blind und besessen auf einen neuen Krieg loszusteuern.“[2] Hesse ahnt den Nationalsozialismus früh voraus und zieht in den dreißiger Jahren in die Schweiz, da er immer mehr zwischen die Fronten gerät. Bis 1945 gilt Der Steppenwolf als „unerwünschte Literatur“ und wird nicht mehr nachgedruckt.[3] Hesse erleidet um 1916 einige Schicksalsschläge und begibt sich daraufhin in Behandlung bei J.B. Lang einem Schüler des C.G. Jung. Hinweise auf die von Lang praktizierte Art der Psychoanalyse finden sich mehrfach im Steppenwolf. Vor allem in den Szenen im magischen Theater wird dies deutlich. Lang selbst soll in der Figur des Pablo abgebildet sein.

Mit der bestehenden Situation nach dem ersten Weltkrieg, die von der Angst vor einem neuen Krieg geprägt gewesen ist, begründet sich die deutliche Gesellschaftskritik im Steppenwolf. Harry Haller findet sich ebenso wie Hesse in dieser Situation wieder und scheint die kommende Bedrohung als einziger wahrzunehmen. Auch die Religionskritik im Steppenwolf kann auf Hesses persönliche Erfahrungen zurückgeführt werden. Weitere Parallelen zu Hesses Leben finden sich im Entstehungsprozess des Steppenwolf. So sollte der Titel anfangs Der Untergang lauten, was sich direkt auf Hesses zu dieser Zeit schwierigen Lebensverhältnisse beziehen lässt.[4] Gleichzeitig wird auch die „Identifikation Hesses mit dem gehetzten Einzelgänger“ immer stärker,[5] was sich offensichtlich im Motiv des Wolfes wieder findet.

Die Figur Harry Haller zeigt in ihren Lebensumständen ebenfalls einige Parallelen zum Autor auf. So hat Hesse als er mit dem Steppenwolf begonnen hatte, zwei kleine möblierte Zimmer in einer Mansarde bewohnt. Harry Haller bewohnt im Steppenwolf ein Zimmer, das ebenso beschrieben wird. Auch die Charakterisierung der Haushälterin deutet darauf hin, dass Hesse seine eigene Umgebung abgebildet hat.[6] In dieser Zeit denkt Hesse darüber nach sich das Leben zu nehmen, was er in einem Brief deutlich macht. „[…]wahrscheinlich doch bald auf die Flucht ins Jenseits begeben werde-das Leben ist mir in letzter Zeit doch allzu lästig geworden“[7] In diesem Brief ist ebenfalls von seiner Arbeit am Steppenwolf die Rede und Hesse beschreibt sehr detailliert die Spaltung der Figur Harry Haller in Mensch und Wolf. Dies könnte ein Hinweis auf eine ähnliche Persönlichkeitsspaltung bei Hesse sein. Um 1926/27 besucht Hesse einige Maskenbälle, worauf er sich mit Tanzstunden vorbereitet. Dem Steppenwolf Harry Haller ergeht es ähnlich. Trotz seiner Scheu vor Menschenansammlungen lässt er sich Hermine zuliebe von dieser tanzen beibringen und besucht schließlich einen großen Maskenball. „Es war der erste Maskenball, den ich mitmachen sollte[…] Heute nun war auch für mich der Ball ein Ereignis, auf das ich mich mit Spannung und nicht ohne Ängstlichkeit freute.“[8] Das Werk selbst ist nach seiner Veröffentlichung vielfach kritisiert worden. Unter anderem auch, weil sich die mutmaßliche Depression des Autors im Werk wiederspiegelt. So schreibt Wilson als Reaktion auf die Lektüre: „Anders als[…] Thomas Mann hat Hesse nicht die Kraft, Menschen lebendig werden zu lassen; aber dafür sind seine Ideen weit lebendiger als die von Mann, vielleicht weil dieser stets der distanzierte Betrachter ist, während Hesse immer als ein nur leicht verkleideter Mitspieler in seinen Romanen erscheint.“[9] In diesem Zitat zeigt sich deutlich, wie sehr Hesse in seinen Romanen in Erscheinung tritt. Weiter schreibt Wilson, dass Hesse „[…] besessen von dem Bedürfnis, seine eigenen Lebensprobleme dadurch zu lösen, daß er sie zu Papier bringt.“[10] Wäre dies tatsächlich Hessses Intention ist es kaum möglich ihn nicht vollständig oder zu Teilen in der Figur Harry Haller zu suchen. Der Roman wird vielleicht gerade durch die Authentizität der Hauptfigur und die dadurch einfache Identifikation mit dieser sehr erfolgreich. Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren ist Hesses Werk sehr erfolgreich. Hesse selbst spricht in einem Nachwort von 1942 folgendermaßen über seine Leser: „Unter den Lesern […] fand ich häufig solche, denen mein Buch zwar Eindruck machte, denen aber merkwürdigerweise nur die Hälfte seiner Inhalte sichtbar wurde. Diese Leser haben […], im Steppenwolf sich selber wiedergefunden, haben sich mit ihm identifiziert[…].“[11] Diese Tatsache scheint Hesse jedoch keineswegs zufrieden zu stellen, denn dieser stellt abschließend fest: „[…],daß das Buch zwar von Leiden und Nöten berichtet, aber keineswegs das Buch eines Verzweifelten ist, sondern das eines gläubigen. Ob er dies nun auf seinen Protagonisten oder sich selbst bezieht, kann nicht vollständig geklärt werden, jedoch könnte es auf beide zutreffen. Hesse beschreibt den Steppenwolf als Die Geschichte einer Heilung. So wird aus dem in sich gekehrten Harry Haller, der den Tod als Befreiung ansieht, durch das treffen auf Hermine eine andere Person. Haller öffnet sich Hermine und nimmt schlussendlich sogar Tanzstunden, um mit ihr auszugehen. Zu Anfang des Romans erscheint dies völlig undenkbar. „[…], die Menschenwelt und sogenannte Kultur in ihrem verlogenen und gemeinen blechernen Jahrmarktsglanz auf Schritt und Tritt wie ein Brechmittel entgegengrinst,[…].“[12] Hierbei wird besonders deutlich, wie sehr Harry Haller die Vergnügungssucht der Gesellschaft verabscheut. Trotzdem besucht er zum Ende des Romans einen Maskenball. Es hat also eine deutliche Entwicklung stattgefunden. Das die Leser diese Entwicklung häufig nicht wahrnehmen kommentiert Hesse wie folgt: „, Möge jeder aus ihr machen, was ihm entspricht und dienlich ist! Aber es wäre mir doch lieb, wenn viele von ihnen merken würden, daß die Geschichte des Steppenwolfes zwar eine Krankheit und Krisis darstellt, aber nicht eine, die zum Tode führt, nicht einen Untergang, sondern das Gegenteil: eine Heilung.´“[13] Ob Hesse diese Heilung auf sich bezieht kann lediglich gemutmaßt werden, jedoch spricht zumindest die Behandlung von Lang dafür, dass Hesse eine solche Heilung angestrebt haben könnte. Beginnt man den Steppenwolf zu lesen, wird man zunächst mit den Worten eines fiktiven Herausgebers konfrontiert. Dieser beschreibt Haller als älteren scheuen Mann, der Kultur schätzt, jedoch nicht die Gesellschaft von Menschen und sich selbst als Steppenwolf bezeichnet.[14] Die folgenden Aufzeichnungen Hallers sind aus der Ich-Perspektive erzählt, was eine Identifikation mit der Figur vereinfacht. Wie bereits beschrieben, weißt das geschilderte Leben von Harry Haller einige Parallelen mit dem von Hesse auf. In diesem Zusammenhang ist eine genauere Betrachtung des Tractats äußerst interessant. Dieses kann als psychologische Analyse des Steppenwolfs gesehen werden. Die Persönlichkeitsspaltung wird ebenso thematisiert, wie die sozialen Probleme und die depressiven Neigungen Hallers. Eventuell könnte diese Herangehensweise in Verbindung mit Hesses Aufenthalten bei C.G Jung und Lang stehen. Interessanter Weise kommen durch die Konfrontation mit der eigenen Persönlichkeit, Selbstmordgedanken in Haller auf. Dies ändert sich erst mit dem kennen lernen von Hermine. Ihr Name deutet ebenfalls indirekt auf Hesse hin, hinzukommt, dass in Zusammenhang mit ihr oft von einem Jugendfreund namens Hermann gesprochen wird. Auf die Spitze getrieben wird die psychologische Komponente schließlich im magischen Theater. Hier zerstört Haller in Form eines Spiegels seine eigene Persönlichkeit und erhält danach eine Anleitung zum Aufbau einer solchen. Außerdem lernt er seinen Steppenwolf zu dressieren und tötet zum Schluss aus Eifersucht Hermines Spiegelbild. Zwar sind diese Szenen vermutlich, das Ergebnis eines Drogenrausches, aber es finden sich deutliche Hinweise auf eine psychoanalytische Herangehensweise.

Zusammenfassend stellt man fest, dass es viele deutliche Parallelen zwischen Hermann Hesse und Harry Haller gibt. So lässt sich die im Buch geäußerte Gesellschaftskritik direkt auf Hesses Lebzeiten anwenden. Auch in den Nebenfiguren des Romans und einigen Schauplätzen finden sich Hinweise auf Hesse. Außerdem gibt es Hinweise auf die Psychoanalytischen Methoden von C.G Jung und J.B. Lang, bei denen Hesse in Behandlung gewesen ist. Trotzdem kann den Roman schwer als autobiografisch bezeichnen, da zu jeder Zeit verdeutlicht wird, dass es sich beim Steppenwolf um eine fiktive Erzählung handelt und selbst der fiktive Herausgeber am Wahrheitsgehalt Hallers Aufzeichnungen zweifelt.

[...]


[1] Martin Pfeifer: Hermann Hesse Siddhartha Der Steppenwolf 1984 Hollfeld S. 7

[2] Hermann Hesse: Der Steppenwolf 1974 Montagnola S. 108

[3] Martin Pfeifer: Siddhartha Der Steppenwolf 1984 Hollfeld S. 10

[4] Martin Pfeifer: Siddhartha Der Steppenwolf 1984 Hollfeld S. 66

[5] Martin Pfeifer: Siddhartha Der Steppenwolf 1984 Hollfeld S. 66

[6] Martin Pfeifer: Siddhartha Der Steppenwolf 1984 Hollfeld S. 68

[7] Martin Pfeifer: Siddharta Der Steppenwolf 1984 Hollfeld S. 68

[8] Hermann Hesse : Der Steppenwolf S. 203f

[9] Martin Pfefer: Siddhartha Der Steppenwolf 1984 Hollfeld S. 71f

[10] Martin Pfeifer: Siddhartha Der Steppenwolf 1984 Hollfeld S. 72

[11] Martin Pfeifer: Siddharta Der Steppenwolf 1984 S. 73

[12] Hermann Hesse: Der Steppenwolf S. 34

[13] Martin Pfeiffer: Siddhartha Der Steppenwolf S. 74

[14] Vgl. Hermann Hesse: Der Steppenwolf S. 2

Details

Seiten
5
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668598096
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v385080
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Schlagworte
hermann hesses steppenwolf inwiefern roman gesellschaftskritik

Autor

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