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Kreationismus in der Kritik. Zur Auslegung von Genesis 1-11 in "The New Defender's Study Bible"

Masterarbeit 2009 131 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Vorstellung der The New Defender ’ s Study Bible

2. Kreationismus
2.1 Entstehung des Kreationismus.
2.1.1 Wiliam Jennings Bryan
2.1.2 Henry M. Morris
2.2 Strömungen des Kreationismus..
2.2.1 Day-Age -Kreationismus.
2.2.2 Gap -Kreationismus
2.2.3 Literal Biblical Creation - oder Young Earth -Kreationismus.
2.3 Aktuelle politische Debatte in den USA.
2.3.1 Kitzmiller vs. Dover Area School District.
2.3.2 Caroline Crocker vs. George Mason University

3. Kreationistische Exegese von Gen 1-11..
3.1 Auswahl des Textbeispiels
3.1.1 King James Bible
3.1.2 Gen 1-11.
3.2 Die Autorenfrage..
3.2.1 Gott oder doch Adam?
3.2.2 Das Alter des Textes..
3.3 Das Gottesbild..
3.3.1 Gottes Schöpfungshandeln
3.3.2 Die Beschreibung Gottes
3.4 Der Aufbau des Schöpfungsberichts
3.5 Die Fluterzählung
3.5.1 Die Arche
3.5.2 Entstehung der Flut
3.5.3 Ausbreitung der Flut
3.5.4 Auswirkungen der Flut
3.6 Methodologische Zusammenfassung und Problematisierung

4. Kritische Exegese von Gen 1-11.
4.1 Begründung der Textauswahl und Schwerpunktsetzung
4.2 Die Schöpfungsberichte
4.2.1 Struktur der Schöpfungsberichte
4.2.2 Redaktionsgeschichte.
4.3 Die Sintfluterzählung
4.3.1 Struktur der Sintfluterzählung
4.3.2 Redaktionsgeschichte.
4.3.3 Vergleich zu außerbiblischen Quellen
4.4 Bedeutung von Gen 1-11 für den Pentateuch

5. Standpunkt der Katholischen Kirche
5.1 Das Zweite Vatikanische Konzil.
5.1.1 Die dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung
„Dei Verbum“
5.1.2 Die göttliche Inspiration und die Auslegung der Heiligen Schrift.
5.2 Die Interpretation der Bibel in der Kirche..
5.2.1 Methoden und Zugänge zur Heiligen Schrift
5.2.2 Der fundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift.
5.3 Kardinal Schönborn..
5.3.1 Finding Design in Nature.
5.3.2 Neun Katechesen..
5.3.3 Fides, Ratio, Scientia. Zur Evolutionsdebatte..
5.3.4 Schöpfung und Evolution - zwei Paradigmen und ihr gegenseitiges Verhältnis..
5.4 Zusammenfassung der katholischen Position..

6. Abschließende und begründete Bewertung der The New Defender ’ s

Study Bible.

7. Literatur..

8. Internetquellen

9. Anhang.

1. Einleitung und Vorstellung der The New Defenders Study

Bible

Das Thema meiner Master-Arbeit lautet Kreationismus in der Kritik. Zur Auslegung von Gen 1-11 in „ The New Defender ’ s Study Bible “. Wie sich aus dem Titel ergibt, liegt daher der Schwerpunkt meiner Arbeit damit in einer Kritik des Kreationismus, die von einer Analyse der kreationistischen Auslegung von Gen 1-11 in The New Defender ’ s Study Bible ausgeht. Im Verlauf der einleitenden Übersicht über meine Arbeit, werde ich nicht nur den von Henry M. Morris heraus- gegebenen Bibelkommentar näher vorstellen, sondern auch meine Vor- gehensweise erläutern.

Bevor ich jedoch meine Arbeit näher vorstelle, möchte ich kurz auf meine Entscheidung, mich in der Master-Arbeit mit dem Kreationis- mus zu beschäftigen, eingehen. Charles Darwin feiert in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag. Er wurde am 12. Februar 1809 geboren. Wie zu erwarten, gibt es daher ein erneutes Aufflammen des medialen Interesses an ihm und seiner bedeutendsten wissenschaftlichen Errungenschaft, der Evolutionstheorie. Doch zusammen mit den zahlreichen lobenden Er- wähnungen gibt es auch kritische Stimmen, die Darwin und die Evoluti- onstheorie attackieren. Was mich daran interessiert, ist der Umstand, dass diese Attacken nicht aus den Reihen der Biologie kommen. Im In- ternational Herald Tribune fand sich wenige Tage vor Darwins Geburts- tag ein Artikel, der verkündete, dass nun auch die Biologie Darwins Theorie akzeptiere.1 Daraus lässt sich schließen, dass die Evolutions- theorie nach wie vor diskutiert wird. Die Kritik an Darwin stammt viel- mehr aus dem religiösen Lager. Der Kreationismus, der diese Kritik an- zuheizen scheint, war für mich bis dato eher ein Phänomen des evangelikalen Amerikas. Dass das Thema Kreationismus nun auch in Deutschland an die Öffentlichkeit kam, weckte mein Interesse. Ich ent- schloss mich zu einer Kritik des Kreationismus.

Ein erster Schritt dieser Arbeit wird die Eingrenzung des weiten Begriffs „Kreationismus“ sein. Zu diesem Zweck gilt es, die historische Entwicklung des Kreationismus in den USA nach zu verfolgen. Aus der geschichtlichen Beschreibung des Phänomens ergibt sich eine kurze Definition der wichtigsten Hauptströmungen des Kreationismus. Dieser erste Schritt soll vor allem bei der Einordnung der The New Defender ’ s Study Bible helfen. Durch diese Vorarbeit wird die Zuordnung dieses Bibelkommentars zu einer Hauptströmung möglich.

Im Anschluss daran erfolgt dann die Analyse der kreationisti- schen Auslegung von Gen 1-11. Die Begrenzung der Analyse auf Gen 1- 11 ist dem Umstand geschuldet, dass diese elf Kapitel der Genesis die Grundlagen des Kreationismus enthalten. Die beiden Schöpfungsberichte und die Sintfluterzählung bilden das Zentrum ihres „Glaubens“. Dieses Zentrum zu verteidigen, ist das erklärte Ziel von Henry M. Morris, dem Gründer des Institute for Creation Research und dem Herausgeber der The New Defender ’ s Study Bible. Letztere ist ein Bibelkommentar, der die gesammelten Glaubensgrundsätze, der von Morris vertretenen Frak- tion des Kreationismus enthält. Darüber hinaus liefert der Kommentar auch die biblischen Belege für all diese Glaubenswahrheiten. Im An- schluss an die Analyse der kreationistischen Auslegung von Gen 1-11 werde ich eine eigene kritische Exegese von Gen 1-11 durchführen, um so meine Ergebnisse mit denen der kreationistischen Auslegung ver- gleichen zu können. Den Abschluss bildet ein Versuch der Verortung der Katholischen Kirche. Es soll das Verhältnis zum Fundamentalismus und die katholischen Grundlagen der Bibelexegese dargestellt werden. Auf diese Weise erhoffe ich eine umfassende Kritik des Kreationismus zu erarbeiten.

2. Kreationismus

Um die Vorstellungen, Denkmuster und Argumente zu verstehen, die in The New Defender ’ s Study Bible enthalten sind, ist es sehr wichtig einen groben Überblick über den Kreationismus zu gewinnen. Es gilt dabei die historische Entwicklung ebenso zu betrachten, wie die drei wesentlichen Hauptströmungen des Kreationismus. Denn so sehr der Kreationismus durch seine Opposition zu Darwins Evolutionstheorie geeint wird, so ist er doch in sich zerstritten. Dies erschwert die Analyse dieser Spielart des christlichen Fundamentalismus zusätzlich. In der Auseinandersetzung mit The New Defender ’ s Study Bible muss man sich demnach, wenn man so will, gleich zwei Gordischen Knoten stellen. Zum einen bedarf es einer Trennung der verschiedenen kreationistischen Spielarten. Wenn dies gelungen ist, wartet ein zweiter, jedoch ungleich komplexerer Knoten darauf, gelöst zu werden. Bietet die kreationistische Bibelauslegung nämlich auf den ersten Blick auch scheinbar einfache Antworten auf alle noch so schweren Fragen des Lebens, so erreicht sie diese Antworten auf argumentativ zweifelhaftem Weg. Die Auseinander- setzung mit dieser Argumentation lässt sich jedoch mit einem gewissen Vorwissen der kreationistischen Strömungen und deren historischer Ent- stehung vereinfachen. Scheint der Kreationismus in seinen Haupt- strömungen und seiner Entstehung und Entwicklung zunächst wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche, wie ein längst überkommener Dis- kurs, so offenbart ein Blick auf das tagespolitische Geschehen in den USA, dass der Kreationismus noch immer ein Thema ist. Eine Publikation wie The New Defender ’ s Study Bible belegt diese Ein- schätzung in aller Deutlichkeit.

2.1 Entstehung des Kreationismus

Die Auseinandersetzung mit dem Kreationismus hat eine beinahe ebenso lange Tradition, wie die Evolutionstheorie, auf deren Ablehnung sie gründet. Um die kreationistischen Argumente als Fundamentalismus zu entlarven, bedarf es eines Rückblicks auf die Entstehung der kreatio- nistischen Ideen. Da der heutige Kreationismus darüber hinaus seine Ar- gumente oft recht unreflektiert aus älteren Publikationen kreationisti- scher Autoren adaptiert, scheint es zudem angebracht die bedeutendsten Vertreter des Kreationismus zu erwähnen. Bryan und Morris seien hier- bei hervorgehoben. Letzterem wird diese Ehre nicht nur deshalb zu Teil, weil die Analyse, der von Morris veröffentlichten The New Defender ’ s

Study Bible im Zentrum dieser Arbeit steht, sondern auch, weil er sich

bis zu seinem Tod im Jahr 2006 zu einer der wesentlichen Autoritäten und Sprecher in der fundamentalistisch evangelikalen Szene in den USA entwickelt hat. Wiliam Jennings Bryan wiederum wurde aufgrund seiner Beteiligung am Aufsehen erregenden Gerichtsprozess um den Lehrer Scopes in Dayton, Tennessee, ausgewählt. Neben Bryan werden jedoch noch einige andere bedeutende Kreationisten zwischen der Veröffent- lichung der Evolutionstheorie und dem Zweiten Weltkrieg dargestellt und betrachtet.

2.1.1 Wiliam Jennings Bryan

Der Kreationismus des späten 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte viele bedeutende Vertreter aufzu- weisen. Man kann mit Recht behaupten, dass diese Vorkämpfer des Kreationismus durch ihre Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie die Grundlage für die heutige Generation christlicher Fundamentalisten darstellen. Diese erste Generation von Kreationisten folgte zwar weniger einheitlichen und klar abgegrenzten Denkschulen, als dies heute der Fall ist, dennoch lohnt ein Blick auf die Entwicklung der Bewegung, um die verschiedenen Spielarten des Kreationismus in der heutigen Zeit zu ver- stehen.

Die Untersuchung dieser ersten Phase des Kreationismus, die mit kurzer Verzögerung nach der Veröffentlichung von Darwins Evolutions- theorie begann und ungefähr mit dem Zweiten Weltkrieg endete, muss jedoch noch vor der Zeit Darwins ansetzen, genauer gesagt im Jahr 1650. In diesem Jahr veröffentlichte der anglikanische Bischof James Ussher sein Werk Annales veteris testamenti, zu Deutsch „Die Annalen des Al- ten Testaments“. Der im englischen Exil lebende Ire hat in diesem Werk das Datum der Schöpfung errechnet. Laut seinen Ausführungen ent- standen demnach Himmel und Erde zwischen dem 17. Oktober und dem 22. Oktober des Jahres 4004 vor Christus. Am siebten Tag, dem 23. Oktober 4004 v. Chr. ruhte Gott.2 Das wichtigste Hilfsmittel, dass Ussher für seine Berechnungen nutzte, war die Heilige Schrift. Glaubt man an die Fehlerfreiheit der Bibel so ist die Bestimmung des Alters der Erde, besonders in den ersten Kapiteln der Genesis, recht einfach. Es finden sich zahlreiche Zeitangaben, die sich miteinander addieren lassen. „Noach war sechshundert Jahre alt, als die Flut über die Erde kam“ (Gen 7,6). All diese Angaben ermöglichten Ussher die wichtigsten Ereignisse des Alten Testaments zeitlich zu bestimmen. So fand der Exodus im Jahr 1491 v.Chr. statt. Die Sintflut verwüstete die Erde im Jahr 2348 v.Chr. und die Schöpfung geht zurück auf das Jahr 4004 vor Christus. Mit Hilfe eines Kepplerschen Tabellenwerks konnte Ussher dann schließlich das genaue Datum, also Monat und Tag, der Schöpfung bestimmen.3

Bischof Ussher und seine Berechnungen finden deshalb Er- wähnung, weil sie Einzug hielten in die King James Version und somit auf diesem Weg nicht unbedeutenden Einfluss auf die New Defender ’ s Study Bible haben. Ussher kann daher als Vordenker des Kreationismus bezeichnet werden. Im Gegensatz zu den heutigen Vertretern des Kreationismus argumentierte Ussher jedoch 1650 im wissenschaftlichen Sinn auf der Höhe der Zeit.4 Anders verhielt es sich mit dem Kreationis- mus. Während die akademische Welt Darwins neue Theorie schnell akzeptierte, formierte sich besonders in Amerika schnell Widerstand. „1865 wurde die Evolution an der Universität Cambridge schon im Examen abgefragt.“5 Die schnelle Integration in den Wissenskanon, hielt die Vertreter der Kirchen jedoch nicht davon ab, die Evolution als Feind auszurufen. 1874 verkündete Charles Hodge, der in Princeton Theologie lehrte, dass es sich bei Evolution um eine Form des Atheismus handele.6 Unterstützung glaubte die aufkeimende Bewegung durch die Wissen- schaft zu erhalten. Besonders im Deutschland des späten 19. Jahr- hunderts wurde die Evolutionstheorie in wissenschaftlichen Kreisen gründlich hinterfragt und kritisiert. Ein Grund, warum der Kreationismus dennoch nur langsam an Fahrt gewann, war die Historisch-Kritische Methode der Bibelexegese. Diese Methode reduzierte die Heilige Schrift in den Augen vieler Fundamentalisten zu einem historischen Dokument. Durch diese Entwicklung sahen viele Christen den wahren Glauben weit stärker bedroht, als durch den Kreationismus. So äußerte A.C. Dixon, der erste Herausgeber des bedeutenden fundamentalistisch evangelikalen Grundsatz-papiers The Fundamenals, dass er zwar Widerwillen verspüre, der Nachfahre eines Affen zu sein, er die beschämende Tatsache jedoch akzeptiere, wenn sie bewiesen sei.7

Es dauerte fast zwei Jahrzehnte bis die Äußerungen von Hodge stärker in den Fokus des christlichen Fundamentalismus rückten und die Evolution somit zum Feind ausgerufen wurde. Trotz der starken Kritik an der Evolutionstheorie wussten die Kreationisten zu dieser Zeit wenige Naturwissenschaftler auf ihrer Seite.8 Während der zwanziger Jahre des

20. Jahrhunderts war S. James Bole der einzige Vertreter des Kreatio- nismus mit einer universitären Ausbildung in Biologie. Nachdem er den akademischen Grad des Bachelors errungen hatte, dauerte es jedoch bei- nahe drei Jahrzehnte bis er den Doktortitel erhielt. Während dieser Zeit setzte er sich intensiv mit der Evolutionslehre auseinander und kam zu dem Schluss, dass es eine Frage des Glaubens sei, ob man sich für die Schöpfungslehre oder die Evolution entscheidet. Schließlich glaube der Vertreter der Evolution an deren Hypothesen, während der Christ an Gott glaubt. Die wohl interessanteste Äußerung Boles ist jedoch eine andere. Er räumte ein, dass aus der Perspektive des Wissens die Evolution scheinbar die größere Autorität habe. Dennoch vertrat er den Standpunkt, dass die Schöpfung in jüngster Vergangenheit und innerhalb von sechs Tagen stattgefunden habe.9

Weniger bescheiden führte ein anderer Vertreter des frühen Krea- tionismus die Diskussion. Von vielen Anhängern später als der größte Naturwissenschaftler seiner Zeit gepriesen, hatte Arthur I. Brown schon immer einen Hang zur Prahlerei. Er verkündete gerne, dass er als Chirurg 50.000 Dollar im Jahr verdiene. In den frühen zwanziger Jahren des letz- ten Jahrhunderts begann er kleine Pamphlete gegen die Evolution zu ver- öffentlichen. Zwar brachte er dabei wenig neue Ideen hervor, bewies aber schnell sein Talent zur Popularisierung. Er schaffte es, den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs, zumindest die Kritik an der Evolutions- theorie, so zu verpacken, dass die breiten Massen ihm folgen konnten. So vermittelte er, dass er die Evolution aus zwei Gründen ablehnte. Erstens, stehe die Evolution im Gegensatz zum wissenschaftlichen Konsens und außerdem widerspräche sie den eindeutigen Aussagen der Bibel. Über diese eindeutigen Aussagen machte Brown aber ansonsten selbst ledig- lich recht schwammige Andeutungen. Besonders bei der Deutung von Genesis schien er sich nicht recht festlegen zu wollen. Die Tage der Schöpfung hätten je 24 Stunden angedauert. Außerdem hätte es wohl eine Katastrophe nach der ursprünglichen Schöpfung und der Wieder- herstellung des Garten Edens gegeben. Seine Zuhörerschaft störte sich nur wenig an diesen unklaren Aussagen. Von 1925 an gab Brown die Chirurgie auf und bereiste die USA, um Vorträge gegen die Evolution zu halten.10

Obwohl auch Brown auf seinen Reisen zu vielen Zuhörern sprach, so erreichte doch auch er nicht die Zahl von Menschen, die Harry Rimmer mit seinen Vorträgen gegen die Evolution fesselte. Rimmer, der zunächst in größter Armut in Bergbausiedlungen im Norden Kaliforniens aufwuchs, war ein athletischer Mann. Seine akademische Ausbildung an dem Hahneman Medical College musste er aus finanziellen Gründen abbrechen. Er verließ dieses kleine Institut zwar ohne Abschluss, dafür aber mit einigem medizinischen Fachvokabular, das ihm später dazu diente seine Zuhörerschaft zu beeindrucken. Er richtete sich ein kleines Laboratorium ein, in dem er eigenen Nachforschungen nachging, die sich zumeist darauf beschränkten, mikroskopische Lebewesen zu foto- grafieren. Diese nutzte er dann, um seine Vorträge zu illustrieren. In den frühen zwanziger Jahren erregte Darwins Lehre von der Evolution Rim- mers Aufmerksamkeit.11 Die Popularität, die er auf seinen zahlreichen Vortragsreisen sammelte, nutzte Rimmer, um das Research Science Bu- reau ins Leben zu rufen. Dessen einzige Aufgabe war es, Rimmers Vor- träge und Expeditionen zu finanzieren. Trotz seines Erfolges bei der brei- ten Masse, fiel kritischen Beobachtern auf, dass Rimmers Methode ledig- lich darin bestand, dass er die Bibel als absolute Wahrheit annahm und die wissenschaftlichen Fakten verdrehte oder ignorierte. Der Grund für seinen Erfolg schien also in seiner Fähigkeit zur Beeinflussung seiner Zu-hörerschaft zu liegen.12 In seinen zahlreichen Vorträgen vertrat Rim- mer die Meinung, dass die Schöpfung nach sechs Tagen, die je 24 Stunden dauerten, vollbracht war.13 Sein theologischer und wissenschaft- licher Einfluss trug maßgeblich zur Etablierung der Gap -Theorie bei.14 Er grenzte seine Position scharf gegen die zu seiner Zeit populäre Day- Age Theorie des Kreationismus ab, die besagte, dass jeder einzelne Tag des Schöpfungsberichts einem geologischen Zeitalter entsprach und so die Ergebnisse der Geologie integrieren wollte. Ein Vertreter dieser Form des Kreationismus war unter anderem William Jennings Bryan.

William Jennings Bryan legte stets großen Wert auf seinen Glau- ben. Im Vorwort zu seinen Memoiren weist er darauf hin, dass seine Vorfahren vier Generationen von guten Christen hervorbrachten.15 Diese Tradition führte Bryan fort. Er legte jedoch nicht nur für seine Person großen Wert auf den Glauben, sondern sorgte sich auch für die Gesell- schaft um die Beibehaltung des Glaubens. Als Gefahr machte Bryan schnell die Wissenschaft aus. Er fürchtete, dass die Jugend, wenn sie in sensiblem Alter mit der Wissenschaft konfrontiert würde, leicht ihren christlichen Glauben verlieren könne.16 Diese Befürchtung schien sich für ihn im Laufe der Jahre zu bestätigen. Neben seiner politischen Arbeit gab Bryan mit zunehmendem Alter immer häufiger theologische Vor- lesungen in evangelikalen Gemeinden. Im Anschluss an diese Ver- anstaltung sah er sich häufig mit Eltern konfrontiert, die den Verlust des Glaubens ihrer Kinder beklagten. Dieser sei zu beobachten seitdem sie die Universität besuchten. Bryan machte für diesen Verlust des Glaubens schnell die Konfrontation mit der Evolutionslehre verantwortlich. Daher entschloss sich Bryan den Kampf gegen die Evolutionslehre zu dem Sei- nigen zu machen.17 Des Weiteren war Bryan davon überzeugt, dass der Ausbruch des Ersten Weltkriegs entscheidend mit der Lehre Darwins zusammenhing. Der Krieg erschütterte seinen Glauben an eine zu- künftige christliche Menschheit, denn er offenbarte die dunkle Seite des Menschen. Bryan glaubte, dass Darwin entscheidenden Einfluss auf den deutschen Militarismus hatte, der Europa in seine bis dato dunkelste Stunde führte. Also entschloss sich Bryan den christlichen Glauben in den USA zu verteidigen, in dem er gegen die Evolutionslehre zu Felde zog. Diese Kampagne zeigte bald erste Erfolge. Vier Staaten, darunter Tennessee, verboten die Lehre der Evolutionstheorie in öffentlichen Schulen und mehr als zwanzig weitere Staaten diskutierten ähnliche Gesetze. 18 Debattierte der Senat von Tennessee zunächst ausführlich über das Gesetz, so sorgte der Druck der Öffentlichkeit dafür, dass das Gesetz mit großer Mehrheit angenommen wurde.19 Nur wenige Monate nachdem das Gesetz verabschiedet worden war, kam es zu einem Prozess, der das Ende der ersten Hochphase des amerikanischen Kreatio- nismus einläutete. Der 24-jährige Lehrer John Scopes wurde in Dayton, Tennessee, angeklagt, da er im Unterricht die Evolution behandelt hatte. Die Anklage wurde von William Jennings Bryan vertreten, der vor dem Prozess verkündete, dass ein Sieg der Evolution das Ende des Christen- tums bedeuten würde. Die Verteidigung um Clarence Darrow schätzte den Prozess ähnlich ein. „Darrow erwiderte, hier stehe nicht Scopes vor Gericht, sondern die Zivilisation.“20 Der Höhepunkt der Gerichtsver- handlung, deren Urteil am Ende wegen eines Verfahrensfehlers für un- gültig erklärt wurde, war die Vernehmung von Bryan durch Darrow. Dieser hatte Bryan in den Zeugenstand berufen, da das Gericht zuvor die meisten seiner Beweise gegen den Kreationismus nicht zugelassen hatte. Während des Verhörs muss Bryan eingestehen, dass ein einzelner Tag der Schöpfung durchaus 600 Millionen Jahre angedauert haben könnte. Da Bryan jedoch ein Vertreter des Day-Age -Kreationismus war, ist die- ses Zugeständnis weit weniger hoch zu bewerten als beispielsweise der Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Schrader dies tut.21 Dennoch, nach dem Abschluss des Prozesses wurden zwar noch in einigen anderen Staaten Gesetzentwürfe gegen die Lehre der Evolutionstheorie an öffentlichen Schulen eingereicht, doch die Stimmung im Land wendete sich mehr und mehr gegen den Fundamentalismus.22 Zwar erklärte der Supreme Court in Washington das Gesetz erst 1968 für verfassungs- widrig, doch verbuchten die Gegner der Kreationisten den Prozess als Sieg.23

Folgt man dem Verlauf des Kreationismus als Gegenbewegung des evangelikalen Fundamentalismus zur Evolutionslehre nach Darwin, so wird eine interessante Entwicklung deutlich. Zu Beginn des 20. Jahr- hunderts begründete der aufkeimende Kreationismus seine Kritik noch mit dem wissenschaftlichen Diskurs über die Lehren Darwins gegen En- de des 19. Jahrhunderts. Auch Bole stimmte noch zu, dass aus wissen- schaftlicher Sicht die Evolutionstheorie überzeugender sei. Doch zeigt sich bereits bei diesem moderaten Vertreter eine Tendenz, die später in Rimmer ihren Höhepunkt fand. Rimmer wollte keine wissenschaftlichen Beweise vorbringen, er wollte nur die Massen überzeugen. Dazu war ihm jedes Mittel recht. Er nutzte gezielt eine hochtrabende Diktion, die seine schlecht gebildeten Zuhörer mit wissenschaftlicher Autorität ver- wechseln sollten. Man kann sagen, mit Rimmer hatte sich der Kreatio- nismus von der Naturwissenschaft emanzipiert. Man bediente sich ledig- lich noch naturwissenschaftlicher Worthülsen, um dem Publikum die Überlegenheit des Kreationismus in jeder Hinsicht vorzugaukeln. Die faktische Niederlage von Bryan in Dayton, Tennessee, markierte den Beginn vom Ende dieses soglosen Umgangs mit der fehlenden wissen- schaftlichen Grundlage des Kreationismus. So sagte Rimmers Sohn, dass sein Vater mit dem Zweiten Weltkrieg verschwunden sei. Die Welt hat ihn hinter sich gelassen.24

2.1.2 Henry M. Morris

Der Prozess gegen den Biologielehrer Scopes veränderte die Vor- gehensweise der Kreationisten. Ihr Einfluss auf die Legislative der ein- zelnen Bundesstaaten der USA schwand. Lediglich die Bundesstaaten Mississippi und Arkansas verabschiedeten noch Gesetze gegen die Er- wähnung der Evolutionstheorie in Schulen. Scopes selbst gab 1965 in einem Interview zu Protokoll, dass seiner Meinung nach der damalige Prozess gegen ihn den Beginn des Endes des Kreationismus markierte.25 Dennoch erfuhren viele Schüler, besonders im Mittleren Westen und Süden der USA, nichts über Evolution aus ihren Schulbüchern. Die Ver- lage ignorierten dieses Thema aus Angst vor Einbrüchen der Verkaufs- zahlen, denn in den Köpfen vieler Amerikaner galt immer noch die Un- vereinbarkeit zwischen christlichem Glauben und Darwins Evolutions- lehre. Der aus dem 19. Jahrhundert stammende Ausruf von Charles Hod- ge, Darwinismus sei Atheismus, galt und gilt für viele Bürger auch noch im 20. Jahrhundert.26 Erst 1957 änderte sich die Situation in den Klas- senzimmern. Die Sowjetunion hatte den ersten funktionierenden Satelliten in den Weltraum gebracht. Dieser Schock förderte im ganzen Land die naturwissenschaftliche Ausbildung, wollte man doch beweisen, dass der Kommunismus unterlegen ist.27 Doch der Kreationismus nahm seinen Kampf gegen Darwin und seine Lehre schnell wieder auf.

Im Februar 1961 erschien dann The Genesis Flood von John C. Whitcomb und Henry M. Morris. Im Vorwort zur zweiten Auflage des Werkes verdeutlichten beide Autoren ihren Standpunkt durch die Aus- sage, dass die grundlegende Aussage des Buches auf der Annahme be- ruhe, dass die Heilige Schrift wahr ist. Morris vertrat weiterhin den Standpunkt, dass Gott sich auf zwei Weisen offenbart habe. Zum einen offenbarte sich Gott in der Bibel und zum anderen in der Natur. Gott sei der Autor beider Bücher. Bei der gemeinsamen Arbeit an The Genesis Flood beschäftigte Whitcomb sich mit der Exegese der heiligen Schrift, während Morris wissenschaftliche Theorien in den biblischen Rahmen einpasste.28 Dass Morris sich dieser Aufgabe bis zuletzt widmete, wird auch Kapitel 3 zeigen. Die Sintflut so legen Whitcomb und Morris dar, war weltumspannend. In The Genesis Flood finden sich vielfältige Er- klärungen, die diese Kernthese stützen. So gibt es Erklärungen zu der Quelle, der für die Flut nötigen Mengen an Wasser und über die Aus- maße der Arche.29 All diese Erklärungen integrierte Morris dann auch in The New Defender ’ s Study Bible. Ein Argument für eine junge Erde, das aus der Zusammenarbeit mit Whitcomb hervorging, übernahm Morris jedoch nicht für spätere Publikationen. Die ersten beiden Editionen von The Genesis Flood enthielten den angeblichen Beweis für ein Zusammen-leben von Menschen und Dinosauriern. Burdick, ein Mitglied der Deluge Geology Society, gab an, in der Nähe von Glen Rose, Texas, mensch-liche Fußabdrücke neben Abdrücken eines Dinosauriers ge- funden zu haben. Froh angesichts eines solchen eindeutigen Beweises für ihre Theorie und gegen die Evolution, veröffentlichten Morris und Whitcomb die Funde. Leider ließen sich keine brauchbaren Belege für Burdicks Aussagen finden, so dass die dritte Auflage von The Genesis Flood ohne einen Hinweis auf die angeblichen Funde in Glen Rose, Texas, auf den Markt kam.30 Dieser Rückschlag ließ Morris und Whitcomb jedoch nicht an der Richtigkeit ihrer Aussagen zweifeln. Beide waren davon überzeugt, dass durch ihr Verständnis hinsichtlich der Flut der Kampf zwischen Evolution und Schöpfungslehre beendet werden würde. Durch den Beweis, dass sich die Fossilien enthaltenden Sedimentschichten innerhalb kurzer Zeit während und nach der Sintflut abgelagert hätten, wäre der Evolution die Grundlage entzogen.31 Doch die Kernthesen aus The Genesis Flood standen nicht nur im Gegensatz zur etablierten Naturwissenschaft, sondern auch zu den in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etablierten Strömungen des Kreationismus. Zwar verkaufte sich das Buch sehr gut, doch schien es als würden viele Leser die Radikalität der darin vertretenen Thesen nicht erkennen. Viele verbanden sie mit anderen kreationistischen Bewegungen. So lobte bei-

spielsweise S. Hugh Paine ausdrücklich das Werk, bewarb aber weiterhin

die Gap -Theorie. Ähnlich verhielt es sich mit R. Laird Harris, der das Manuskript wohlwollend las, jedoch weiterhin dem Day-Age - Kreationismus anhing. Zwar störten sich beide Autoren an dieser Synthese, der nach ihrer Meinung inkompatiblen Ansätze, doch taten sie nichts, um dieses Missverständnis zu klären.32 Auch in der Auseinander- setzung mit Kritikern aus dem naturwissenschaft-lichen Lager hielten sie sich zurück. Diese warfen ihnen unter anderem vor, dass die An- ziehungskraft ihres Buches darin bestünde, den Anschein einer wissen- schaftlichen Publikation zu haben.33 Den Vorwürfen, dass ihre Theorie den Stand der Wissenschaft, besonders den der Geologie verdrehte oder schlicht falsch dargestellt habe, entgegneten Morris und Whitcomb, dass die Frage nach der korrekten Interpretation der geologischen Daten nicht zentral sei. Viel wichtiger sei, was Gott über diese Fragen offenbart ha- be.34

Morris nutzte die Popularität, die ihm The Genesis Flood ein- gebracht hatte, und gründete 1970 zusammen mit Nell und Kelly Segraves das Creation Science Research Center. Bereits im Frühjahr 1972 verließ Morris jedoch mit einem Teil der Angestellten das Creation Science Research Center aufgrund eines Streits über die wissenschaft- liche Qualität der Arbeit der Mitbegründer. Morris gründete daraufhin das Institute for Creation Research, kurz ICR. Zunächst beschränkte sich die Arbeit des ICR auf einige Forschungsreisen zum Berg Ararat, um dort die Arche zu bergen, und einige geologische Exkursionen. Ein Mit- arbeiter des ICR räumte 1978 ein, dass der Grossteil der Forschung sich darauf beschränkt, wissenschaftliche Publikationen nach Belegen für den Kreationismus zu untersuchen. 35 Zwar hat sich das Institut der Forschung verschrieben, doch lässt sich beobachten, dass dessen Mit- glieder die Aufgabe des Instituts eher als eine missionarische und nicht als eine naturwissenschaftliche verstehen. Trotz einer eher mageren Aus- beute hinsichtlich der Forschungsergebnisse, kommt das ICR auf eine große und ständig wachsende Anzahl von Publikationen. Des Weiteren erreichten Morris und seine Kollegen eine wachsende Zuhörerschaft durch Podiumsdiskussionen. 1981 wurde das Institute for Creation Research schließlich als Hochschule anerkannt und vergibt seither „Mastertitel in Astro- und Geophysik, Biologie, Geologie und Science Education.“36 Bis zum heutigen Tag publiziert das ICR unzählige Bücher, aber auch viele Artikel über den Internetauftritt des Institutes.37 Zu den neuesten Publikationen gehören zwei Artikel, die sich mit Drachen und dem Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum von Studenten und Evolution beschäftigen.

Der erste Artikel postuliert, dass zwar weltweit Legenden über Drachen existieren, sich diese aber nicht flächendeckend mit dem Fund von Fossilien erklären lassen. Der Autor geht davon aus, dass es für die Evolution sprechen würde, wenn auf jedem Kontinent, auf dem sich Drachenlegenden finden, ebenfalls Fossilien des Dracorex hogwartsia entdeckt werden würden. Dieser Dinosaurier weise die typischen äußeren Merkmale eines Drachen auf. Da die Funde dieses Dinosauriers sich je- doch auf Nordamerika beschränken, lassen sich die Drachenlegenden nur durch ein Zusammenleben von Menschen und Dinosauriern erklären, da frühere Generationen, beispielsweise in China oder Wales, nicht durch Knochenfunde hätten inspiriert werden können. Außerdem decke sich die These des Zusammenlebens mit Bibelzitaten aus dem Buch Ijob. „Sieh doch das Nilpferd, das ich wie dich erschuf. Gras frisst es wie ein Rind.“ (Ijob 40,15). In dem Artikel ersetzt der Autor „Nilpferd“ durch „Drache“ mit einem Hinweis auf The New Defender ’ s Study Bible. Dort werde die Problematik genauer erklärt.38 Es bleibt zu hoffen, dass die dortigen Anmerkungen auch klären, warum der angebliche Drache des Alten Testaments „Grass frisst wie ein Rind“, wo Drachen doch in den meisten Legenden eher Fleischfresser sind.

Der zweite Artikel äußert sich besorgt über den Alkoholkonsum amerikanischer College Studenten. Dieser steige nicht nur in Besorgnis erregendem Maße an, sondern sei auch trotz nachhaltigem Wissen und vielerlei Anstrengungen nicht in den Griff zu bekommen. Den Grund für all dies sieht der Autor in dem an Universitäten verbreiteten Humanis- mus, der als religiöses Konstrukt den Studenten ein hedonistisches Leben näher bringe. Die einzige Lösung für das Problem seien daher Ver- haltensregeln, basierend auf christlichen Werten. Solange an Uni- versitäten der auf Evolution basierende Humanismus den Studenten Hedonismus einimpfe, sei dem Alkoholmissbrauch nicht beizu- kommen.39

Beide Artikel zeigen zwei der typischen Vorgehensweisen des heutigen Kreationismus auf. Sie suchen eine Verbindung von Natur- wissenschaft, in dem Beispiel die Archäologie, und der Bibel vorzu- täuschen und legen Wert darauf, die Evolutionslehre als Religion oder Grundlage einer Religion darzustellen. Der Kreationismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich also erneut der Naturwissenschaft zugewendet. Morris und seine Mitstreiter haben aus dem Sputnik-Schock gelernt, dass Naturwissenschaft für die breite Masse der Bevölkerung ein überzeugendes Argument ist und nicht außer Acht gelassen werden darf. In ihrem Umgang mit naturwissenschaftlichen Argumenten zeigen die Kreationisten der heutigen Zeit eine gewisse Nähe zu Rimmer. Zwar mögen die Argumente für viele überzeugend klingen, doch sind sie für einen Wissenschaftler zumeist bestenfalls amüsant. Doch genau hier liegt die Gefahr des Kreationismus. Wird er von wissenschaftlicher Seite aus belächelt, werden seine Argumente nicht für voll genommen und er des- halb von offizieller Seite ignoriert, so kann er schnell ein breites Publikum für sich gewinnen, die seine einfachen Erklärungen einer zu kompliziert gewordenen Welt dankend akzeptieren. Es gilt daher den langwierigen Weg der Auseinandersetzung mit den wirren Argumenten des christlichen Fundamentalismus, der sich im Gewand des Kreationis- mus präsentiert, in Angriff zu nehmen und die Ergebnisse dieser Auseinander-setzung in verständlicher Form zu kommunizieren. Nur so kann ihm der Nährboden der Zuhörerschaft entzogen werden.

2.2 Strömungen des Kreationismus

Ein Aspekt, der die Auseinandersetzung mit dem Kreationismus so schwierig macht, ist die Tatsache, dass es eigentlich nicht den Kreati- onismus gibt. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Vielzahl von ver- schiedenen Strömungen und Spielarten, die zwar in der Evolution einen gemeinsamen Feind sehen, ansonsten aber wenig gemein haben. In der Auseinandersetzung untereinander legen diese Gruppen oftmals ebenso großen Eifer an den Tag, wie in der Auseinandersetzung mit der moder- nen Wissenschaft. Friedrich Wilhelm Graf fasst in der Süddeutschen Zeitung in der Ausgabe vom 08.05.2009 die Situation treffend zu- sammen.

„Kreationismus ist kein klar definierter Begriff. Begriffs- historische Studien fehlen. Seit spätestens den 1920er Jahren lässt er sich teils als polemische Fremdbezeichnung, teils als pathetische Selbstbezeichnung nachweisen. Die Primärliteratur ist kaum noch zu überschauen. Kreationisten schreiben gern und viel - vor allem gegen andere Kreationisten.“40

Auch wenn in den letzten Jahrzehnten die Vertreter des Young-Earth - Kreationismus, wie etwa Henry Morris, scheinbar die „intellektuelle Lufthoheit“41 gewonnen haben, so kann man doch keinesfalls von einem Ende des Streits innerhalb der fundamentalistisch evangelikalen Szene um die Deutung von Genesis sprechen. Daher folgt nun eine kurze Ein- führung der drei wichtigsten Strömungen des Kreationismus.

2.2.1 Day-Age-Kreationismus

Der Day-Age -Kreationismus kam im späten 19. Jahrhundert auf. Diese Strömung des Kreationismus zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Tage des ersten biblischen Schöpfungsberichts als Zeitalter sieht, deren Länge nicht genau bestimmt werden kann. Diese Theorie ist ein Versuch, die Ergebnisse der Geologie und den Schöpfungsglauben mit- einander zu verbinden und zu vereinbaren.

Ein wichtiger Vertreter des Day-Age -Kreationismus ist Arnold Guyot, der von 1854 an den Lehrstuhl für physikalische Geographie und Geologie am College von New Jersey, der heutigen Princeton University, innehatte. Indem Guyot die Tage von Gen 1 als Zeitalter interpretierte, konnte er die physikalische, geologische und biologische Entwicklung der Erde mit der Reihenfolge der im ersten Buch Moses beschriebenen Abläufe verknüpfen. Außerdem vertrat Guyot die Ansicht, dass lediglich Materie, das Leben und der Mensch durch einen speziellen göttlichen Schöpfungsakt entstanden seien. Weiterhin äußerte er Zweifel an der Evolution der Wirbeltiere aus den Wirbellosen.42 Guyot suchte also seinen Glauben und die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Zeit mit- einander zu verbinden.

Einen ähnlichen Standpunkt hinsichtlich der Entstehung des Le- bens vertrat John William Dawson. Er folgte Guyot als Lehrstuhlinhaber der Geologie in Princeton und ging davon aus, dass die einzelnen Tage der Schöpfung in Gen 1 einem längeren Zeitraum entsprachen und dass die Sintflut nur insofern eine weltweite Flut war, als das sie die gesamte Lebenswelt des biblischen Autors betraf. Das Alter der Erde, nicht jedoch des Menschen, war laut Dawson sehr hoch.43 Auch hier erkennt man, dass Dawson danach strebte Genesis mit der Geologie in Einklang zu bringen, um so ein neues Verständnis von Darwin zu ermöglichen.

Das wohl aufschlussreichste Beispiel eines Vertreters des Day- Age -Kreationismus ist George Frederick Wright. Dieser versuchte zu- nächst eine vermittelnde Rolle hinsichtlich des Alters der Erde zwischen der Geologie und den geistigen Nachfolgern des Bischofs Ussher einzu- nehmen. Des Weiteren insistierte er, dass ein wörtliches Verständnis der Heiligen Schrift nicht in allen Büchern der Bibel möglich oder nötig sei.44 Nur die Passagen, die für die Erlösung von Bedeutung seien, gelte es wortwörtlich zu verstehen. Wright sah Genesis vielmehr als Protest gegen den Polytheismus und nicht als Naturgeschichte. Weiterhin sei es eine Unverschämtheit danach zu streben, jegliche moderne Naturwissen- schaft in Genesis zu entdecken.45 Ähnlich war Wrights Standpunkt zu dem Versuch der Altersbestimmung aus den Genealogien in Genesis. Wright stellte heraus, dass diese vor allem dem Nachweis der Ver- bindung von Jesus und David, sowie Abrahams und nicht der alters- geschichtlichen Bestimmung der Erde dienen.46 Doch Wright entfernte sich schnell wieder von diesen moderaten Positionen, indem er sagte, dass die Schöpfung in sechs Tagen zwar nicht im wörtlichen Sinne wahr sei, aber doch naturwissenschaftlich korrekt.47 In den späten achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam er zu dem Schluss, dass Genesis die Möglichkeit bot, so viel Zeit zwischen Adam und Abraham verstreichen zu lassen, wie es die Ergebnisse der Naturwissenschaft benötigen.48

Dieser kurze Überblick über die wichtigsten Vertreter des Day- Age -Kreationismus verdeutlicht, dass ihre Position stark durch die Aus- einandersetzung mit dem wissenschaftlichen Zeitgeist ihrer Epoche ge- prägt ist. Guyot beispielsweise suchte einen Weg seinen Glauben in Ein- klang mit der Geologie zu bringen. Es zeigt sich dabei, dass die Überein- stimmungen zwischen ihm und Vertretern der Evolutionslehre größer waren als die Unterschiede.49 Die Fundamentalisierung der Day-Age - Kreationisten begann mit dem Streben nach Integration der Naturwissen- schaft in die Bibel durch Wright. Inhaltlich gilt es festzuhalten, dass die Position des Day-Age -Kreationismus besonders im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert äußerst beliebt war. Es erfolgt eine Annäherung der Re- ligion an die Naturwissenschaft, indem die sechs Tage des ersten Schöp- fungsberichts als Zeitalter verstanden werden. Die Bestimmung der Län- ge der Zeitalter kann dabei von wenigen Tausend bis hin zu Millionen Jahren variieren. Somit gelingt der Spagat zwischen der Annerkennung eines hohen Erdalters und einer beinahe wörtlichen Auslegung der Heili- gen Schrift.50

2.2.2 Gap-Kreationismus

War der Day-Age -Kreationismus die dominierende Variante des Kreationismus im späten 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert, so wurde er in seiner Deutungshoheit bis zum Zweiten Weltkrieg durch den Gap -Kreationismus abgelöst. Diese Strömung strebt nach einer stärkeren Konsolidierung von naturwissenschaftlichen Ergebnissen, besonders im Hinblick auf das Alter der Erde, mit dem christlichen Schöpfungsglauben. Der Beiname Ruin-and-Restoration -Kreationismus gibt einen ersten Hinweis, wie dies geschieht. Die Kernaussage ist eine große zeitliche Lücke zwischen Gen 1,1 und Gen 1,2.51

Einer der Vertreter dieser Strömung war S. James Bole. Sein Ver- ständnis der Schöpfung ermöglicht es ihm an einer göttlichen Schöpfung im Garten Eden festzuhalten, die er zeitlich ähnlich verortete wie Bischof Usher, und dies mit dem Alter der Erde, das die Geologie und andere Naturwissenschaften bestimmt hatten, zu vereinbaren. Darüber hinaus stellte er fest, dass es sich bei der Sintflut um ein lokal begrenztes Phä- nomen und keinesfalls um eine weltweite Katastrophe gehandelt haben muss.52 Um die Schöpfungsberichte mit dieser erdgeschichtlichen Lücke vereinbaren zu können, postuliert der Gap- Kreationismus, dass es zwei getrennte Schöpfungshandlungen gab, die womöglich Millionen von Jahre auseinander liegen. Trotz aller Freude an einfachen Additionen auf Grundlage der Bibel hat sich noch kein Kreationist an die Berechnung der Länge dieser Lücke gewagt. Dies mag vor allem daran liegen, dass die Belege in Genesis nicht zu finden sind, wohl deshalb, weil die Gap- Kreationisten diese zwischen Gen 1,1 und Gen 1,2 ansetzen. Die meisten der heute gefundenen Fossilien stammen aus der Zeit der ersten Schöp- fung. Somit ist ihr hohes Alter leicht erklärt. Gott hat die Tiere, deren Fossilien gefunden werden, schlicht vor der Schöpfung Adams zerstört, der dann wie ab Gen 1,2 beschrieben in sechs tatsächlichen Tagen un- gefähr 4000 Jahren vor Christi Geburt geschaffen wurde.53

Harry Rimmer war es letztlich, der den Gap-Kreationismus zur dominierenden Theorie über den Ursprung des Lebens unter amerikani- schen Fundamentalisten vor dem Zweiten Weltkrieg machte.54 Im Ge- gensatz zu Bole betonte Rimmer, dass es zwar eine zeitlich nicht genauer zu bestimmende Schöpfung gegeben habe, dass diese jedoch keineswegs menschliches Leben hervorgebracht habe. Erst der zweite Schöpfungs- akt, den Rimmer auf 5862 vor Christus datiert hat, brachte mit Adam und Eva menschliches Leben hervor. Zwar mögen einige Fossilien aus der vorherigen Schöpfung stammen, doch stammen die meisten Fossilien, laut Rimmer, aus der Periode zwischen der Schöpfung Adams und der Sintflut, die jedoch lokal begrenzt war.55

Die Erfolgsgeschichte des Gap- Kreationismus war recht kurz. Ebenso wie ihr Aufstieg ist auch ihr Niedergang eng mit dem Namen Harry Rimmer verbunden. Zunächst konnten seine feurige Rhetorik und seine mit wissenschaftlichem Vokabular gespickten Vorträge die Massen für sich gewinnen. Doch als eine neue Generation von naturwissenschaft- lich gebildeten Evolutionsgegnern das Parkett betraten, ging die Fackel an sie über. Es gab keinen Bedarf mehr für Rimmer und die Gap- Theorie, die so vollkommen ohne Belege in der Heiligen Schrift und ohne wissenschaftliche Grundlage auskommen musste und konnte.

2.2.3 Literal Biblical Creation- oder Young Earth-Kreationismus

1923 veröffentlichte George McCready Price sein Werk New Ge- ology. Darin beschreibt er, dass die Erde sehr jung sei und dass die Fossi- lien aus der Zeit der Sintflut und den Jahrhunderten danach stammen. McCready Prices Theorie findet jedoch unter seinen Zeitgenossen nur wenig Zustimmung. Seine „Gegner halten an einer religiös überformten Evolutionsbiologie als Leitdiskurs fest.“56 Eine ähnlich intensive Be- tonung der Geologie findet sich erst wieder bei Whitcomb und Morris.

Diese setzen dann auch die „Glaubensgeologie im Kreationismusdiskurs als herrschende methodische Meinung durch.“57

Die so entstandene Strömung nennt sich entweder Literal- Biblical-Creation -Kreationisten oder Young-Earth -Kreationisten. Beide Namen geben entscheidende Hinweise auf ihre wesentlichen Stand- punkte. Im Zentrum dieser Strömung steht ein wörtliches Verständnis der Bibel und damit einhergehend, die Annahme der Berechnung des Alters der Erde nach Ussher.58 Will man den Young-Earth -Kreationismus von den anderen großen Strömungen der Evolutionsgegner unterscheiden, so greift man am besten diese beiden zentralen Aspekte auf. Betrachtet man zunächst das wörtliche Verständnis der Bibel, so stellt man fest, dass sich hieraus zwei Merkmale herausstellen lassen. Der Young-Earth - Kreationismus geht davon aus, dass beide Schöpfungsberichte wörtlich zu verstehen sind und dass es sich genau genommen, um einen zu- sammenhängenden Bericht handelt.59 Die Schöpfung des Weltraums, der Erde, des Menschen und der Tiere geschah demnach in enger zeitlicher Abfolge innerhalb von sechs Tagen, die je 24 Stunden hatten. Außerdem maß diese Strömung des Kreationismus der Sintflut große Bedeutung bei. In ihrem Verständnis handelt es sich hierbei nicht um ein lokal be- grenztes Phänomen, sondern um eine weltweite Katastrophe. Die Young- Earth -Kreationisten halten an ihrer Überzeugung fest, dass Gott durch diese Flut alles Leben auf der Erde auslöschte. Die einzige Ausnahme waren diejenigen Menschen und Tiere, die sich auf Noahs Arche gerettet hatten. Zusammen mit dem Glauben an die Schöpfungswoche und der weltweiten Flut stellt die Überzeugung, dass die Erde nicht älter als 10000 Jahre ist, das dritte Merkmal dieser Gruppe dar. Zumeist wird die Entstehung der Erde auf das Jahr 4004 vor Christi Geburt datiert. Dabei beziehen sich die Fundamentalisten auf die Berechnungen des Bischofs Ussher. Doch man ist vorsichtiger geworden im kreationistischen Lager. Nur noch selten werden diese schon recht genauen Zeitangaben noch mit Datum und Uhrzeit versehen.60 Der wichtigste Vertreter des Young- Earth -Kreationismus ist das Institute for Creation Research, das von Henry M. Morris gegründet wurde. The New Defender ’ s Study Bible ist die wohl interessanteste und zugleich aufschlussreichste Publikation, die mit dieser Institution in Verbindung gebracht werden kann.

Ein wesentlicher Faktor, der zur Festigung der Dominanz des Young-Earth -Kreationismus beigetragen hat, war letztlich die Gründung des Institute for Creation Research. Durch diese Einrichtung erhielten Morris und andere Vertreter eine geistige Heimat, von der aus sie ihre Deutungshoheit innerhalb des Kreationismus verteidigen konnten. So konnte sich der Glaube an den wörtlich zu verstehenden Schöpfungs- bericht, an die weltweite Flut und an ein geringes Alter der Erde in fundamentalistisch evangelikalen Kreisen ausbreiten.

2.3 Aktuelle politische Debatte in den USA

Auf politischer Ebene tritt derzeit jedoch eine andere fundamenta- listisch kreationistische Gruppierung verstärkt in den Vordergrund. Es handelt sich dabei um Vertreter des Intelligent Design. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt jedoch mit der Analyse der The New Defender ’ s Study Bible auf der kreationistischen Strömung Young-Earth -Kreationismus. Daher soll an dieser Stelle nur kurz auf Intelligent Design eingegangen werden. Festzuhalten ist, dass es sich dabei um eine neuere Entwicklung innerhalb der kreationistischen Szene handelt. Für eine präzise und knappe Zusammenfassung der Intelligent Design -Kreationisten empfiehlt sich Christoph Schraders „Darwins Werk und Gottes Beitrag“. Es ist 2007 im Kreuzverlag erschienen. Schrader beschreibt prägnant die amerikanische Intelligent Design -Bewegung, ihre wichtigsten Thesen und ihre Ziele. Des Weiteren lässt Schrader auch die Gegner der Be- wegung zu Wort kommen, indem er die Widerlegung zentraler Argu- mente des Intelligent Design beschreibt. Außerdem zeigt er auf, dass die Wurzeln des Intelligent Design im evangelikalen Fundamentalismus liegen, der auch den Young-Earth -Kreationismus hervorgebracht hat. Daher beschließe ich dieses Kapitel mit zwei Schlaglichtern auf die aktuelle politische Debatte um den Kreationismus in den USA. Die beiden Fälle bieten sich deshalb als Beispiel an, weil sie die öffentliche Debatte aus zwei Blickwinkeln präsentierten. Im ersten Prozess sind die Evolutionsgegner die beklagte Partei. Das zweite Beispiel schildert den Fall einer Vertreterin des Kreationismus, die angibt, ihre Anstellung aufgrund einer Vorlesung, in der sie Intelligent Design als Alternative zur Evolution präsentierte, verloren zu haben.

2.3.1 Kitzmiller vs. Dover Area School District

Gerichtsverfahren, die das Thema der Evolutionslehre an Schulen berühren, waren und sind in den USA traditionell ein Politikum. Dies mussten nicht nur die Beteiligten des berühmten Prozesses gegen Scopes 1925 in Dayton, Tennessee erfahren. Ähnlich wie seinerzeit John Scopes verhalf ein Prozess über die Inhalte des Biologieunterrichts Richter John E. Jones III. zu zweifelhaftem Ruhm. Seit dem Verfahren Kitzmiller v. Dover Area School District gilt er einigen Mitmenschen als „liberaler Aktivist.“61 Da die religiöse Rechte in den USA mit derlei Be- zeichnungen bisweilen recht inflationär umgeht und schlicht jeden so tituliert, der konträre Positionen einnimmt und die Demokratische Partei wählt, erscheint dieser Titel zunächst wenig verwunderlich. Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass es sich bei Richter Jones um einen konservativen Republikaner handelt, der von George W. Bush ernannt wurde. Eben jener George W. Bush hatte im August 2005 ein Interview gegeben, in dem er in Bezug auf den Fall in Dover vor- geschlagen hatte, Intelligent Design an texanischen High Schools Seite an Seite mit der biologischen Theorie der Evolution zu unterrichten.62 Wie kam also Richter Jones zu diesem Attribut?

Im Dezember 2005 gab er in dem Verfahren Kitzmiller v. Dover Area School District der Seite der Kläger Recht. Diese bestand aus Eltern aus dem Schuldistrikt Dover in Pennsylvania, die dagegen klagten, dass ihren Kindern im Biologieunterricht Intelligent Design als legitime Al- ternative zur Evolutionslehre präsentiert wurde.63 Eine der klagenden Eltern war die für das Verfahren namensgebende Tammy Kitzmiller. Der verantwortliche Schulausschuss des Bezirks Dover Area hatte be- schlossen, Intelligent Design als wissenschaftliche Theorie im Biologie- unterricht der High School unterrichten zu lassen. Als es zum Prozess kam, erhielt der Schuldistrikt Unterstützung von dem prominentesten Vertretern der Intelligent Design -Kreationisten, dem Discovery Institute aus Seattle. Doch letztlich konnte auch das Discovery Institute den Richter nicht davon überzeugen, dass es sich bei Intelligent Design nicht um religiös motivierten Kerationismus handelt. Richter Jones urteilte, dass Intelligent Design an öffentlichen Schulen nicht gelehrt werden dürfe, „weil die amerikanische Constitution öffentlichen Schulen religiöse Lerninhalte verbietet.“64 Dieses Urteil sorgte in dem konservativen Lager der USA für einen Sturm der Entrüstung, in den auch der Fernsehsender Fox-News einstimmte.

Die Quintessenz dieses Urteils ist, dass Intelligent Design religiös motivierter Kreationismus ist und daher keine Erwähnung im Biologieunterricht zu finden braucht. „Glauben […] kann das durch Forschung erworbene Wissen nicht ersetzen. Umgekehrt spricht die Wissenschaft als solche keinem Menschen den Glauben ab.“65

2.3.2 Caroline Crocker vs. George Mason University

Carolin Crocker würde das Urteil von Richter Jones und dessen Begründung sicherlich nicht unterstützen. Crocker ist Verfechterin des Intelligent Design -Kreationismus. Ihr Fall soll exemplarisch für die Ängste und Befürchtungen vieler Amerikaner stehen, die in den Natur- wissenschaften eine Art Establishment sehen, dem sie hilflos ausgeliefert sind.66

Caroline Crocker war als Dozentin für Biologie an der George Mason Universität in Virginia angestellt. In ihrer Vorlesung über Zell- biologie nutzte sie die Gelegenheit, um ihre Studenten über die Grenzen der Evolutionslehre zu unterrichten, indem sie ihnen das Konzept des Intelligent Design als alternatives Erklärungsmodell präsentierte. Dar- aufhin gab es Beschwerden seitens der Studenten. Ihre befristete Stelle wurde 2005 nicht verlängert. Nun gehen die Meinungen auseinander. Crocker gibt an, dass sie für ihre Meinung abgestraft worden sei. Die Mason Universität habe sie für ihre mangelnde Akzeptanz von Darwins Evolutionslehre entlassen. Die Hochschule bestreitet dies, weist jedoch, ohne direkt Crocker zu erwähnen, darauf hin, dass erwartet werde, dass Dozenten die Inhalte ihrer Fachrichtung in den Lehrveranstaltungen the- matisieren. Auf den Fall Crocker übertragen bedeutet diese Aussage, dass keine Theologie im Biologiehörsaal zu unterrichten ist.67

Ob berechtigt oder nicht, der Fall Crocker zeigt, dass viele Ame- rikaner, die sich im wissenschaftlichen Umfeld bewegen, Angst haben, mit Evolutionsgegnern in Verbindung gebracht zu werden. Besonders Studenten der naturwissenschaftlichen Fakultäten fürchten, dass dies ihnen sämtliche Karrierechancen verbauen könne. Dies ist letztlich nur ein weiterer Beleg dafür, dass viele Christen fürchten, „ihr Glaube werde von der Wissenschaft angegriffen.“68 Sollten die Vertreter der Natur- wissenschaften diese subtilen Ängste weiterhin ignorieren, so spielen sie möglicherweise den Kreationisten in die Hände, die die so verängstigten Menschen leichter von ihren Thesen überzeugen können. Umso wichti- ger sind Äußerungen, wie die von Stephen Barr, einem Professor für Theoretische Teilchenphysik an der University of Delaware. „Die wis- senschaftliche Theorie vom Urknall habe schließlich eine gewisse Ähn- lichkeit mit dem Schöpfungsmythos.“69 Dieses Zitat weist den Weg für die effektive Auseinandersetzung mit dem Kreationismus. Es ist der Dia- log zwischen Naturwissenschaft und Theologie, sowie die Publikation der Ergebnisse dieses Dialogs, der die Menschen erkennen lässt, dass beide Parteien nicht zwangsläufig in Konflikt stehen und sich sehr wohl miteinander vereinbaren lassen.

3. Kreationistische Exegese von Gen 1-11

Dieses Kapitel widmet sich der Grundlage des Kreationismus. Die wichtigsten Argumente der Kreationisten sollen durch eine Analyse ihrer Belege im biblischen Text überprüft werden. Zwar strebt der Krea- tionismus nach naturwissenschaftlicher Verifizierung seiner Aussagen,70 doch beschränkt er sich darauf, die Naturwissenschaften nur als zusätz- liche Bestätigung seiner Behauptungen zu nutzen. Letztlich ist die ein- zige Instanz, vor der alle Thesen zu bestehen haben, das in der Heiligen Schrift festgehaltene Wort Gottes. Jegliches Phänomen lässt sich, nach der Argumentation der Kreationisten, aus der Bibel heraus erklären. Da diese wörtlich das Wort Gottes wiedergibt, hat die Heilige Schrift als irrtumsfrei zu gelten.

Liest man unter dieser Vorraussetzung die Bibel, so ergeben sich erstaunliche Erkenntnisse. Unter anderem gelang es dem anglikanischen Erzbischof von Armagh, James Ussher, im 17. Jahrhundert das Alter der Erde exakt zu berechnen. „Seinen gelehrten Berechnungen zufolge hat Gott Himmel und Erde am Vorabend des 23. Oktober im Jahre 4004 vor unserer Zeitrechnung geschaffen.“71 Sollte man Ussher zwar keineswegs dem heutigen kreationistischen Lager zuordnen, so mag diese Anekdote doch als erster Hinweis dienen, was die kreationistische Auslegung von Gen 1-11 hervorbringt. Auch lässt sich aufgrund dessen der Aufbau dieses Kapitels erklären. Da sich die kreationistische Auslegung den biblischen Texten auf recht unwissenschaftlichem und vereinfachtem Weg nähert, muss sich die Analyse der kreationistischen Auslegung auf deren wichtigsten Ergebnisse konzentrieren, um diese einer exemplarischen Kritik zu unterziehen. Durch die Analyse soll das methodologische Vorgehen, die Ergebnisse und letztlich auch die

Schlussfolgerungen der kreationistischen Exegeten hinterfragt und widerlegt werden.

3.1 Auswahl des Textbeispiels

Um die kreationistische Argumentationsweise zu verstehen, ist es wichtig zu lernen, aus welcher Quelle die Kreationisten ihre Argumente ziehen. Ein allgemeiner Verweis auf die Bibel wäre zu einfach. Deshalb wird zunächst dargelegt werden, warum sich Morris für die King James Version als Grundlage für The New Defender ’ s Study Bible entschieden hat. Schon aus dieser Begründung ergeben sich wahrscheinlich erste wichtige Rückschlüsse auf die Argumentationsweise der Kreationisten. In einem zweiten Schritt wird der Fokus enger gestellt werden, um dar- zulegen, warum sich die Analyse der kreationistischen Exegese auf Gen 1-11 konzentriert.

3.1.1 King James Bible

Morris nimmt die Entscheidung für die King James Version als Grundlage der The New Defender ’ s Study Bible sehr wichtig. Im Anhang findet sich daher ein eigenes Kapitel zu diesem Thema: „A Creationist’s Defense Of The King James Bible“, also eine kreationistische Ver- teidigung der King James Bibel. Bei dieser Verteidigung geht Morris in zwei Schritten vor. Zunächst stellt Morris die bedeutsamen Vorteile der King James Version vor, um im Anschluss Gründe für die Ablehnung jüngerer Bibelübersetzungen anzuführen.

Zu Beginn der Argumentation führt Morris ein sehr interessantes Argument für die Verbundenheit zur King James Version an. Er stellt heraus, dass alle der über 50 Übersetzer, die an der King James Version beteiligt waren, an die Unfehlbarkeit und volle Autorität der Schrift und an die wörtliche Historizität von Genesis, mit der Schöpfung in sechs Tagen und der weltweiten Flut, geglaubt haben.72 Die Bedeutung dieser

Tatsache unterstreicht er an anderer Stelle wenig später, als er beklagt, dass das Auswendiglernen der Heiligen Schrift in Vergessenheit geraten ist. Da sich in der heutigen Zeit ein Streit um die Deutung der Schrift entwickelt hat, kommt dem einzelnen Wort weniger Aufmerksamkeit zu. All dies ist, laut Morris, auf den fehlenden Glauben an die wörtliche In- spiration zurückzuführen. Durch die Konzentration auf den „Ge- danken“73 werden die Worte flexibel. Was wiederum bewirkt, dass die Gedanken flexibler werden. Dies führt letztlich dazu, dass die Übersetzer ihre eigene Botschaft in die Übersetzung mit einfließen lassen. Die Über- setzer der King James Version waren vor dieser Gefahr gefeit. Da sie alle sowohl „akademisch als auch spirituell qualifiziert“74 waren, war ihnen bewusst, „dass präzise Gedanken präziser Worte bedürfen.“75

Als einen wesentlichen Grund für die Ablehnung neuerer Bibel- übersetzungen baut Morris die Textgrundlage aus. Er beginnt damit, in- dem er ausführt, dass aufgrund neu entdeckter Quellen die Forderung nach einer Modifizierung lauter wird. Diese alternativen Textgrundlagen basieren, was das Neue Testament angeht, auf der Westcott-Hort Version des griechischen Textes. Eine spätere Modifikation hiervon ist unter an- derem der Nestle-Aland Text. Das Neue Testament in der King James Version hingegen basiert auf dem Textus Receptus, der byzantinischen Version. Das Alte Testament basiert sowohl bei neueren Versionen als auch bei der King James Version auf den masoretischen Quellen. Wäh- rend der King James Version dies jedoch als Quelle genügt, ergänzen neuere Versionen als zusätzliche Quellen die Vulgata, die Septuaginta und Schriftrollen, die am Toten Meer gefunden wurden. Dies gilt ins- besondere für die von Kittel herausgebrachte Biblica Hebraica. Doch scheint die Person Kittel selbst der wichtigste Grund zu sein, warum sei- ne Arbeit nicht als Grundlage einer akkuraten Bibelübersetzung genutzt werden kann. Morris erklärt, dass Kittel ein deutscher Rationalist war, der die biblische Unfehlbarkeit ablehnte und ein treuer Anhänger des

[...]


1 Vgl. Wade, Darwin’s evolving genius, S.1.

2 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.35.

3 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.37-38.

4 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.37.

5 Schrader, Darwins Werk, S.39.

6 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.39.

7 Vgl. Numbers, The Creationists, S.52-53.

8 Vgl. Numbers, The Creationists, S.69.

9 Vgl. Numbers, The Creationists, S.71-72.

10 Vgl. Numbers, The Creationists, S.73-74.

11 Vgl. Numbers, The Creationists, S.76-77.

12 Vgl. Numbers, The Creationists, S.80-81.

13 Vgl. Numbers, The Creationists, S.83.

14 Vgl. Numbers, The Creationists, S.84.

15 Vgl. Bryan, Memoirs Bd.1, S.11.

16 Vgl. Bryan, Memoirs Bd.1, S.51.

17 Vgl. Bryan, Memoirs Bd.II, S.479.

18 Vgl. Numbers, God and Evolution, S.93-94.

19 Vgl. Scott, Evolution vs. Creationism, S.93.

20 Schrader, Darwins Werk, S.40.

21 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.41.

22 Vgl. Scott, Evolution vs. Creationism, S.96-97.

23 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.41-42.

24 Vgl. Numbers, The Creationists, S.87.

25 Vgl. Kutschera, Von Darwin zu Einstein, S.17.

26 Vgl. Numbers, God and Evolution, S.91.

27 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.42.

28 Vgl. Numbers, The Creationists, S.225.

29 Vgl. Numbers, The Creationists, S.226.

30 Vgl. Numbers, The Creationists, S.228.

31 Vgl. Numbers, The Creationists, S.229.

32 Vgl. Numbers, The Creationists, S.230.

33 Vgl. Numbers, The Creationists, S.229.

34 Vgl. Numbers, The Creationists, S.232.

35 Vgl. Numbers, The Creationists, S.315.

36 Schrader, Darwins Werk, S.43.

37 www.icr.org

38 Vgl. Thomas, Is There Some Truth to Dragon Myths?

39 Vgl. Thomas, Evolutionary Connection to Increased College Drinking.

40 Graf, Kulturkampf, S.13.

41 Schrader, Darwins Werk, S.43.

42 Vgl. Numbers, The Creationists, S.21-22.

43 Vgl. Numbers, The Creationists, S.22-23.

44 Vgl. Numbers, The Creationists, S.35.

45 Vgl. Numbers, The Creationists, S.37.

46 Vgl. Numbers, The Creationists, S.38.

47 Vgl. Numbers, The Creationists, S.40.

48 Vgl. Numbers, The Creationists, S.42-43.

49 Vgl. Numbers, The Creationists, S.23-24.

50 Vgl. Scott, Evolution vs. Creationism, S.62.

51 Vgl. Scott, Evolution vs. Creationism, S.61.

52 Vgl. Numbers, The Creationists, S.72.

53 Vgl. Numbers, God and Evolution, S.91.

54 Vgl. Numbers, The Creationists, S.87.

55 Vgl. Numbers, The Creationists, S.83.

56 Graf, Kulturkampf, S.13.

57 Graf, Kulturkampf, S.13.

58 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.43.

59 Vgl. Kapitel 3.4.

60 Vgl. Waschke, Moderne Evolutionsgegner, S.80-81.

61 Schrader, Darwins Werk, S.121.

62 Vgl. Sarkar, Doubting Darwin, S.xi.

63 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.121.

64 Schrader, Darwins Werk, S.122.

65 Schrader, Darwins Werk, S.123.

66 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.126.

67 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.126.

68 Schrader, Darwins Werk, S.127.

69 Vgl. Schrader, Darwins Werk, S.119.

70 Vgl. Kapitel 2.

71 Schrader, Darwins Werk, S.35.

72 Vgl. The New Defender’s Study Bible S.2146.

73 Vgl. The New Defender’s Study Bible S.2148.

74 Vgl. The New Defender’s Study Bible S.2146.

75 Vgl. The New Defender’s Study Bible S.2148.

Details

Seiten
131
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668598140
ISBN (Buch)
9783668598157
Dateigröße
894 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v385011
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Katholische Theologie
Note
1,0
Schlagworte
Kreationismus The New Defender's Study Bible Genesis Christlicher Fundamentalismus

Autor

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Titel: Kreationismus in der Kritik. Zur Auslegung von Genesis 1-11 in "The New Defender's Study Bible"