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Messung der kulturellen Identität bei türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten. Entwicklung und Validierung eines bildgestützten Instruments

Examensarbeit 2017 118 Seiten

Psychologie - Diagnostik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund der Untersuchung
2.1 Kultur und Migration
2.2 Migration und Identität
2.2.1 Identitätsentwicklung
2.2.2 Kulturelle Identität
2.2.3 ÄTürkische Identität“
2.3 Migration aus Sicht der Akkulturationsforschung
2.3.1 Akkulturationsbegriff und Akkulturationsmodelle
2.3.2 Messmethoden der Akkulturation
2.3.3 Beziehung zwischen Akkulturation und kultureller Identität
2.4 Migration und subjektive Lebenszufriedenheit
2.5 Migrationsforschung in Deutschland
2.6 Einordnung der vorliegenden Studie
2.7 Hypothesen

3 Methodisches Vorgehen
3.1 Stichprobe und Versuchsdesign
3.1.1 Türkischstämmige Untersuchungsstichprobe
3.1.2 Deutschstämmige Vergleichsstichprobe
3.2 Versuchsmaterial
3.2.1 Biographischer Fragebogen
3.2.2 Positive and Negative Affect Schedule (PANAS)
3.2.3 Satisfaction With Life Scale (SWLS)
3.2.4 Bildgestütztes Verfahren zur Messung der kulturellen Identität bei türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten in Deutschland
3.3 Versuchsdurchführung

4 Ergebnisdarstellung
4.1 Vorbereitende Datenanalyse
4.2 H1a/b - Validierung des ÄBildgestützten Instruments zur Messung der kulturellen Identität bei türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten in Deutschland“
4.3 H2a - Ethnisches Zugehörigkeitsgefühl und Persönliche Nähe
4.4 H3a - Unterschiede in der Bewertung der persönlichen Nähe zwischen den
Teilstichproben 4.5 H4c - Bereichsspezifische kulturelle Identität und subjektive Lebenszufriedenheit

5 Diskussion

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Akkulturationsstrategien

Abbildung 2: Überblick über Modelle, Erhebungs- und Auswertungsmethoden

Abbildung 3: Häufigkeitstabelle der Bewertung der Frage "Ich fühle mich als Türke/Türkin bzw. Deutscher/Deutsche" beantwortet von den türkischstämmigen Probanden (n=102)

Abbildung 4: Häufigkeitstabelle der Bewertung der Frage "Ich fühle mich als Türke/Türkin bzw. Deutscher/Deutsche" beantwortet von den deutschstämmigen Probanden (n=114)

Abbildung 5: Lebensbereich Verkehr (türkisch-öffentlich)

Abbildung 6: Dimension "Persönliche Nähe"- Identitätstypen

Abbildung 7: Dimension "Persönliche Nähe"- bereichsspezifische Identitätstypen

Abbildung 8: Persönliche Nähe zu den türkisch kategorisierten Bildern in Abhängigkeit vom

ethnischen Zugehörigkeitsgefühl der türkischstämmigen Stichprobe

Abbildung 9: Persönliche Nähe zu den deutsch kategorisierten Bildern in Abhängigkeit vom

ethnischen Zugehörigkeitsgefühl der türkischstämmigen Stichprobe

Abbildung 10 Persönliche Nähe zu türkisch-privaten und deutsch-öffentlichen Bildern im Zu- sammenhang mit der subjektiven Lebenszufriedenheit gemessen an den nega- tiven Affekten des PANAS

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Kombinationsmöglichkeiten der bereichsspezifischen Identitätstypen

Tabelle 2: Mittelwerte, Standardabweichung und Cronbachs α der Dimension Ätürkisch kategorisierten Bilder bewertet nach deutsch-türkisch“ und Ädeutsch kategori- sierte Bilder bewertet nach deutsch-türkisch“ für die gesamte, türkischstämmi- ge und deutschstämmige Stichprobe...

Tabelle 3: Mittelwerte, Standardabweichung und Cronbachs α der Dimension Ätürkisch kategorisierte Bilder bewertet nach persönlicher Nähe“ und Ädeutsch kategori- sierte Bilder bewertet nach persönlicher Nähe“ nur für die türkischstämmige Stichprobe

Tabelle 4: Mittlere Differenz der Abstufungen der Dimension "Ich fühle mich als Tür- ke/Türkin" und der Ätürkisch bzw. deutsch kategorisierten Bilder bewertet nach persönlicher Nähe“ von der türkischstämmigen Stichprobe (n=102)

Tabelle 5: Mittelwerte, Standardabweichung und Cronbachs α der Dimension Ätürkisch kategorisierte Bilder bewertet nach persönlicher Nähe“ und Ädeutsch kategori- sierte Bilder bewertet nach persönlicher Nähe“ von der gesamten, türkisch- stämmigen und deutschstämmigen Stichprobe

Tabelle 6: Mittelwerte, Standardabweichung und Cronbachs α für die Dimension ÄNegati- ve Affekte“ des PANAS für die gesamte, türkischstämmige und deutschstäm- mige Stichprobe

Tabelle 7: Mittelwert, Standardabweichung und Cronbachs α für Ätürkisch-privat kategori- sierte Bilder bewertet nach persönlicher Nähe“ und Ädeutsch-öffentlich katego- risierte Bilder bewertet nach persönlicher Nähe“ für die gesamte, die türkisch- stämmige und deutschstämmige Stichprobe

Tabelle 8: Häufigkeitstabelle der Kombinationsmöglichkeiten einer niedrigen bzw. hohen persönlichen Nähe zu den deutsch-öffentlichen Bildern und den türkisch- privaten Bildern bewertet von der türkischstämmigen Stichprobe (n=102)

Zusammenfassung. Im Rahmen dieser Studie wurde ein Äbildgestütztes Instrument zur Messung der kulturellen Identität bei türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten in Deutschland“ entwickelt und validiert. Das Instrument erlaubt die Erhebung der deutschen und türkischen Identität nach den öffentlichen und privaten Lebensbereichen. Außerdem wurde die subjektive Lebenszufriedenheit untersucht. Diese wurde mit Hilfe der Dimension ÄNegative Affekte“ aus dem ÄPositive and Negative Affect Schedule“ (Krohne et al., 1996) gemessen. Die subjektive Lebenszufriedenheit wurde in Abhängigkeit der kulturellen Identität gemessen. Es wurde überprüft, ob türkischstämmige Probanden mit einer Kombination aus der türkisch-privaten und deutsch-öffentlichen Identität die höchste Lebenszufriedenheit ha- ben. Die Datenerhebung erfolgte im Frühjahr 2016 anhand eines standardisierten Online- Fragebogens. Die Stichprobe bestand aus 216 Probanden, davon 102 Türkischstämmigeund 114 Deutschstämmige, im Alter von 16 bis 28 Jahren. Die Validität des bildgestützten Instruments konnte bestätigt werden. Zudem ergab sich ein signifikanter Unterschied in der Bewertung der persönlichen Nähe in Abhängigkeit von der ethnischen Identität der türkisch-stämmigen Stichprobe. Die Bewertung der persönlichen Nähe der deutsch kategorisierten und türkisch kategorisierten Bilder unterschied sich ebenfalls signifikant zwischen der deutschstämmigen und türkischstämmigen Stichprobe. Jedoch konnte kein Zusammenhang zwischen der subjektiven Lebenszufriedenheit und der Kombination aus türkisch-privaten und deutsch-öffentlichen Identität bei den türkischstämmigen Probanden festgestellt werden. Abschließend werden im Rahmen dieser Studie die Gütekriterien des Instruments diskutiert.

Abstract. In this study an "image-based instrument for measuring the cultural identity of Turkish immigrants in Germany" was processed and validated. The instrument enables to record of German and Turkish identity according to the public and private areas of life. Furthermore subjective well-being was examined. It was measured by the negative negative affects of the ÄPositive and Negative Affect Schedules“ (Krohne et al., 1996). It was investi- gated whether Turkish research participants with a combination of Turkish-private and Ger- man-public identity have the highest level of subjective well-being. The assessement took place in spring 2016 using a standardized online questionnaire. The sample was composed of 216 subjects, 102 Turkish and 114 German, aged 16 to 28 years. The validity of the image-based instrument has been confirmed. Furthermore there was a significant difference in the ratings of personal closeness depending on the ethnic identity of the Turkish sample. The evaluation of the personal closeness of the German-categorized and Turkish- categorized pictures differed significantly between the German and Turkish sample. Howev- er, no link could be found between subjective well-being and the combination of Turkish- private and German-public identity among Turkish subjects. At the end of this study the quali-ty criteria of the validated instrument were particularly discussed.

1 Einleitung

Vor einigen Jahren musste ich mich zwischen der türkischen und deutschen Staatsangehö- rigkeit entscheiden. Da mich das Thema zu diesem Zeitpunkt sehr beschäftigte, habe ich einen Leserbrief zu der Thematik Ädoppelte Staatsangehörigkeit“ für die örtliche Zeitung ÄMain Echo“ geschrieben. Ich habe versucht darzustellen, dass ich das Gefühl habe, einen Teil meiner Identität für den anderen Teil aufgeben zu müssen. Kurze Zeit später erhielt ich folgende Antwort:

„…Um wirklich hinter einem Pass der Bundesrepublik Deutschland zu stehen, muss man aus vollem Herzen sich als Teil dieser Gemeinschaft fühlen, sich einfügen, diese Gemeinschaft repräsentieren. Teil der neuen Gemeinschaft zu sein, bedeutet in letz- ter Konsequenz auch, heraus aus der türkischen zu treten. Nur wenn Sie dazu letzt- lich bereit sind, sich auf eine Seite zu stellen, werden Sie innerlich Ihren Frieden in dieser Sache finden.“

Migration ist besonders für die einzelne Person bedeutungstragend, da sie mit einer psychosozialen Veränderung des Lebens verbunden ist (Treibel, 1990). Sie bedeutet für den Migranten einen Wechsel bzw. ein Leben zwischen verschiedenen soziokulturellen Umgebungen und wirkt sich dadurch auf die Identität aus. So stehen viele Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund vor den unterschiedlichsten Fragen bezogen auf ihre Identität: Was sind sie Türken oder Deutsche? Können sie sich vorstellen irgendwann in die Türkei zurückzukehren? Denken oder träumen sie auf Deutsch oder Türkisch?

Die ersten Türken hingegen hatten dieses Problem der Zugehörigkeit weniger, denn sie leb- ten bereits lange Jahre in der Türkei und identifizierten sich daher mit der türkischen Kultur. Nach Deutschland kamen sie als ÄGastarbeiter“. Ihre Arbeitskraft wurde von Deutschland benötigt und so entschieden sich viele junge türkische Männer für eine bestimmte Zeit in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Sie wurden als Gäste gesehen, die nach einer be- stimmten Zeit wieder in ihre Heimat zurückkehren sollten. Da das Leben und Arbeiten in ei- nem fremden Land für viele Migranten der ersten Generation mit einer großen Unsicherheit verbunden war, gab der Gedanke der Rückkehr eine gewisse Sicherheit. Außerdem waren diese Türken tief verankert und verwurzelt in ihrem Heimatland, der Türkei. Daher lebten sie mit der Option des gepackten Koffers in Deutschland (Schmid, 2010). Doch dadurch schie- nen gegenseitiges Kennenlernen der Kulturen und eine tiefe Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen und den Wertemaßstäben der Anderen, in diesem Fall der deutschen Kultur, nicht unbedingt erforderlich zu sein (Aicher-Jakob, 2010).

Mit der Zeit holten viele türkische Arbeiter ihre Familienangehörigen nach oder gründeten in Deutschland eine Familie und bekamen hier Kinder. Mittlerweile leben knapp 2,9 Millionen

Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland. Diese machen 17% der

gesamten Migranten aus und sind somit die größte Gruppe innerhalb der Migranten in Deutschland. 52% der türkischstämmigen Migranten haben jedoch keine eigene Migrationserfahrung gemacht, d.h. sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen (Bundesministerium des Inneren, 2016).

Diese Jugendlichen und jungen Erwachsene müssen sich im Vergleich zu ihren Vorfahren aus der 1. Generation ganz anderen Herausforderungen stellen. Denn zum einen wird ihnen die türkische Tradition durch Eltern bzw. Großeltern vermittelt und verlangt, dass sie diese auch praktizieren. Zum anderen kennen sie das Heimatland ihrer Eltern nur noch aus dem regelmäßigen Urlaub, den Erzählungen, Filmen und Serien. Sie haben sich ein soziales Um- feld und Netzwerk außerhalb der Familie aufgebaut: Sie gehen zur Schule, sind in Vereinen und treffen sich mit ihren Freunden. Durch die unterschiedlichen Sozialisationen sind sie verschiedensten Erwartungen ausgesetzt. Es entsteht für die türkischstämmigen Jugendli- chen ein Balanceakt, den sie zu meistern haben (Aicher-Jakob, 2010).

Daher stellt sich die Frage, welchen Einfluss der Umgang mit den unterschiedlichen Kulturen auf die Identitätsbildung hat. Besonders wichtig ist dabei die kulturelle Identität. Die Reaktio- nen der Jugendlichen auf die verschiedenen Kultureinflüsse und die daraus entstehende Äkulturelle Identität“ ist von zentraler Bedeutung. Denn diese wirkt sich wiederum auf das Verhalten gegenüber anderen und schließlich auch auf die Lebenszufriedenheit aus. Die kulturelle Identität kann auf verschiedene Arten erfasst werden. Das im Rahmen dieser Stu- die entwickelte Instrument basiert auf dem Akkulturationsmodell von Berry (1997). Außerdem erfasst es die kulturelle Identität bereichsspezifisch. Gericke (2013) entwickelt das Bilderver- fahren zur Messung der kulturellen Identität. Hater (2014) entwarf dieses Verfahren durch das Einbeziehen des öffentlichen und privaten Lebensbereichs weiter (Arends-Tóth und Van de Vijver, 2004). Im Rahmen dieser Arbeit wurden weitere Modifizierungen vorgenommen. Das dadurch entwickelte ÄBildgestützte Instrument zur Messung der kulturellen Identität bei türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten in Deutschland“ betrachtet außerdem die ÄPersönliche Nähe“ zu den Bildern aus der deutschen bzw. türkischen Kultur. Dadurch kann das ethnische bzw. nationale Zugehörigkeitsgefühl untersucht werden. Außerdem fand in dieser Studie erstmals die Validierung des Verfahrens statt. Des Weiteren wurde die subjek- tive Lebenszufriedenheit erfragt. Dadurch konnte der Zusammenhang zwischen der be- reichsspezifischen kulturellen Identität und der subjektiven Lebenszufriedenheit untersucht werden.

2 Theoretischer Hintergrund der Untersuchung

Die Auseinandersetzung mit einer anderen Kultur kann das Konstrukt der eigenen Identität beeinflussen. Wie sich genau dieser Einfluss auswirkt, verdeutlichen die sozialpsychologi- schen Ansätze in den Identitätstheorien (Tajfel und Turner, 1986). Nach Erikson (1981, zit. nach Maehler, 2012, S.33) gibt es in der Forschung keine einheitliche Begriffsbestimmung für die Bezeichnung ÄIdentität“. Zudem wird auch durch unterschiedliche Methoden zur Mes- sung des Konstrukts und durch ein Defizit an Konsistenz und Systematik, vor allem im Be- reich der kulturellen Identität, eine Generalisierung und Vergleichbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse erschwert (Liebkind, 2006).

Um ein besseres Verständnis der kulturellen Identität zu ermöglichen, werden im Folgenden zunächst Modelle zur Identitätsentwicklung vorgestellt. Anschließend wird das Konzept der kulturellen Identität näher betrachtet. Zudem wird gesondert auf Unterscheidungsmerkmale der Ätürkischen Identität“ eingegangen. Auch die Akkulturationsforschung spielt im Rahmen dieser Arbeit eine wichtige Rolle. Da das Akkulturationsmodell von Berry (1997) zentral für diese Arbeit ist, wird auf dieses vertieft eingegangen. Messmethoden und die Betrachtung der Akkulturation nach Lebensbereichen sollen ein spezifischeres Verständnis ermöglichen. Außerdem wird auf den Zusammenhang zwischen der kulturellen Identität und der Akkultura- tion eingegangen. Zuletzt wird die subjektive Lebenszufriedenheit im Rahmen der Migration dargestellt.

2.1 Kultur und Migration

Im Zusammenhang mit der kulturellen Identität ist es wichtig sich zunächst den Begriff ÄKul- tur“ näher anzuschauen. Die Definitionen für die Kultur sind mit der wachsenden Migration exponentiell gestiegen. Seinen Ursprung hat der Kulturbegriff im Lateinischen Äcultura“. Der Begriff deutet auf Pflege bzw. sorgsame Arbeit auf dem Acker hin und meint vor allem Pro- zesse und Ergebnisse menschlicher Gestaltung (Makorova, 2008). Der niederländische Psy- chologie Hofstede fasst Kultur als allgemeine Prägung eines Landes zusammen (Kutschker und Schmid, 2008). Dabei umfasst Kultur erlernte und gruppenspezifische Charakterzüge und beeinflusst so nahezu alle Lebensbereiche (Hofstede et al., 2011). Eine besondere Be- deutung wird von Hofstede et al. (2011) den Werten beigemessen. Werte werden früh er- worben, von nahezu allen Kulturmitgliedern geteilt und sind nicht bewusst und kaum änder- bar. Daher stellen sie das Zentrum einer Kultur dar. Hofstede arbeitet zwischen 1968 und 1973 grundlegende Kulturdimensionen heraus. Dadurch gelingt es ihm kulturellen Differen- zen zwischen verschiedenen Nationen zu erklären (Kutschker und Schmid, 2008). Da im Rahmen dieser Arbeit die deutsche und türkische Kultur im Fokus stehen, werden die Diffe- renzen zwischen diesen Kulturen zusammengefasst (Hofstede et al., 2011): Dem Kollektiv wird in der Türkei im Vergleich zu Deutschland ein höherer Wert eingeräumt. Außerdem werden Hierarchien in der Türkei mehr befürwortet. Auch eine Ätypische“ Verteilung der Ge- schlechtsrollen ist in der Türkei weiter verbreitet als in Deutschland. Zudem zeigt sich Deutschland als toleranter in neuen Situationen, somit ist die Intoleranz in der Türkei weiter verbreitet. Insgesamt wird deutlich, dass sich die türkische Kultur von der deutsche Kultur in vielen Bereichen unterscheidet.

2.2 Migration und Identität

Im Fokus dieser Arbeit stehen Jugendliche und junge Erwachsene mit türkischem Migrati- onshintergrund. Der Begriff ÄMigration“ kann aus dem Lateinischen abgeleitet werden und bedeutet ÄWanderung“ (Schmid, 2010). Um ein besseres Verständnis von Migration zu er- langen, wird diese weiter durch das Konzept Äder Bevölkerung mit Migrationshintergrund“ spezifiziert. Von einer Person mit Migrationshintergrund wird dann gesprochen, Äwenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt.“ (Statistisches Bundesamt, 2016, S. 4). Unter Berücksichtigung dieser Definition ver- steht man (1) Zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer, (2) zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte, (3) (Spät-)Aussiedler und (4) mit deutscher Staatsangehörig- keit geborene Nachkommen der drei zuvor genannten Gruppen als Personen mit Migrati- onshintergrund (Statistisches Bundesamt, 2016). Ein wichtiges Unterscheidungskriterium gegenüber anderen Gruppierungen wie beispielsweise Touristen, Geschäftsreisenden und Studierenden im Ausland ist das Anstreben eines langen Aufenthalts im Aufnahmeland (Landis, Bennett und Bennett, 2004).

2.2.1 Identitätsentwicklung

Der Begriff der Identität geht hauptsächlich auf Erikson (1981, zit. nach Maehler, S.33) in den 50er Jahren zurück. Sein Identitätskonzept gilt als das einflussreichste und bekannteste (Öztoprak, 2007). Die Identitätsentwicklung beschreibt er als eine psychosoziale Entwick- lung, in der erst nach kontinuierlichem Durchlaufen einer Abfolge verschiedener Stufen eine Identitätsgrundlage geschaffen werden kann. Erikson definiert die Ich-Identität als die Äunmit- telbare Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit und die damit ver- bundene Wahrnehmung, dass auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen“ (Erikson, 1989, S. 18). In der Adoleszenz werden frühere Identifikationen in Frage gestellt. Der Jugendliche setzt sich in dieser Lebensphase mit gesellschaftlichen Erwartungen und den eigenen Fähigkeiten auseinander und gelangt so letztendlich zur Ich-Identität. Erst dadurch wird die Identität gefestigt und Fähigkeiten, Überzeugungen und Identifikationen der Kindheit können zu einem einheitlichen Selbst synthetisiert werden. Die Ich-Identität bildet sich folglich erst in den für das Jugendalter typischen Krisen heraus. Eine Krise wird hierbei als ein für die Weiterentwicklung des Individuums notwendiger Wendepunkt verstanden.

Nach Erikson (1988) kann es bezogen auf die Migration, dann zu einer Identitätskrise kom- men, wenn Migranten sich diskriminiert fühlen oder das Gefühl haben, nicht dazuzugehören. Öztoprak (2007) beschreibt, dass Eriksons Theorie besonders für Untersuchungen der Iden- titätsbildung bei jungen Migranten geeignet ist. Als besonders problematisch beschreibt Öztoprak (2007) die Identitätsbildung bei Jugendlichen der zweiten und dritten Migrationsge- neration. Diese sind „keine richtigen Türken mehr, aber auch noch keine richtigen Deutsche“ (Öztoprak, 2007, S.51)

Der Entwicklungspsychologe Marcia (1993, zit. nach Öztoprak, 2007, S. 54) hat Eriksons psychosoziales Modell erweitert und für die empirische Forschung zugänglich gemacht. Hier- für hat er ein Instrument, das ÄIdentity-Status-Interview“, zur Erhebung von Identitätszustän- den entwickelt und validiert. Bis heute beruhen viele psychologische Identitätsstudien auf seinen Ansatz und seine Methoden. In vier Identitätsstadien behandelt Marcia (1980, zit. nach Maehler, 2012, S. 49) das Konzept der Identität: Demnach besitzt ein Individuum die übernommene Identität (foreclosure), wenn es eine innere Verpflichtung gegenüber Autori- tätspersonen, wie beispielsweise den Eltern empfindet und sich zudem stark an den Vorstel- lungen dieser orientiert. Die Auseinandersetzung mit einer Krise und eine damit verbundene Entscheidung bleiben somit aus, da durch die Abhängigkeit zur Autoritätsperson die durch eine Krise ausgelöste Unsicherheit gering bleibt. Der Zustand der diffusen Identität (identity diffusion) beruht darauf, dass keine innere Verpflichtung gegenüber bestimmten Werten oder einem Beruf empfunden wird. Stattdessen ist das Individuum geprägt von Desorientierung, Entscheidungsunfähigkeit und Desinteresse. Dies kann wiederum zu einer Krise führen. Menschen im Zustand des Moratoriums (moratorium) haben die Möglichkeit sich zwischen verschiedenen Alternativen zu entscheiden. Diese Orientierungsphase ist mit einer Krise verbunden, da letztendlich eine Wahl getroffen werden muss. Wenn die Krise überwunden wurde, wird der Zustand der erarbeiteten Identität (identity achievement) erreicht. Das kann gelingen, indem das Individuum sich z.B. zu selbst gewählten ideologischen und beruflichen Zielen bekennt. Wenn die Krise durch kritische Reflexion des sozialen und elterlichen Ein- flusses erfolgreich überwunden wurde, ist die Person im Falle einer erarbeiteten Identität zu einem eigenen Standpunkt gelangt (Marcia, 1980, zit. nach Maehler, S. 48 ff.). Marcia (1980, zit. nach Maehler, S. 48) unterzieht seinem Modell der psychosozialen Entwicklung eine em- pirische Prüfung. Dabei zeigt sich in mehreren Studien ein starker Anstieg des Anteils der diffusen Identität (von 20% auf 40%) im Laufe der Zeit. Da diese Zunahme zu Interpretati- onsschwierigkeiten geführt hat, hat Marcia (1989) in einer weiteren Studie die diffuse Identi- tät genauer analysiert. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff Äkulturell adaptive Diffu- sion“ entwickelt (Oerter und Dreher, 2008). Besonders in einer sich schnell entwickelnden Gesellschaft und für den Umgang mit sich ständig verändernden Gesellschaftsformen spielt die Äkulturell adaptive Diffusion“ eine wichtige Rolle. Sie bildet sich dann, wenn Kontexte

voneinander abweichen und gefestigte Wertevorstellungen eine Person daran hindern wür- den, sich der jeweiligen Situation anzupassen (Marica, 1989). Da Migranten zwischen verschiedenen, teilweise sehr unterschiedlichen Kontexten wechseln müssen, hat für sie diese Form eine besondere Bedeutung (Öztoprak, 2007). Außerdem stellt sich in kulturvergleichenden Studien ein Zusammenhang zwischen kollektivistischen Kulturen und der übernommenen Identität heraus (Marcia, 1993, zit. nach Öztoprak, 2007, S.55). Bei Personen mit diesem Identitätszustand ist oft ein Mangel an adaptiven Fähigkeiten festzustellen. Daher kann das vor allem in einer neuen Kultur aufgrund von mangelnder Flexibilität zu Anpassungsschwierigkeiten führen (Öztoprak, 2007).

2.2.2 Kulturelle Identität

Die Kultur prägt in vielfacher Weise Überzeugungen, Denkstile, moralische Einstellungen, Gebräuche und Handlungsweisen einer Person. Sie spielt demnach eine zentrale Rolle für die Identität (Oerter, 2013). Um den Prozess, die Einflüsse und Folgen von Migration auf die Identität zu untersuchen, ist es wichtig das Konstrukt Äkulturelle Identität“ genauer zu be- trachten.

Prinzipiell kann der Begriff der Identität in die personale und soziale Identität unterteilt wer- den (Schmidt-Denter, Quaiser-Pohl und Schöngen, 2005). Die personale Identität beschreibt Persönlichkeitsfaktoren und damit das Phänomen sich über die Zeit und in verschiedenen Situationen als dieselbe Person wahrzunehmen (Erikson, 1980, zit. nach Schmidt-Denter et al., 2005, S. 4). Die soziale Identität wird dahingegen durch die Empfindung einer Zugehörig- keit zu bestimmten sozialen Gruppen und die subjektive Bedeutung dieses Zugehörigkeits- gefühls bestimmt. Durch die Bildung von Stereotypen können soziale Kontexte und Unter- schiede eingeschätzt und zugeordnet werden. So können Mitglieder und Nichtmitglieder ei- ner Kategorie voneinander unterschieden werden (Tajfel, 1982). Bei diesem Kategorisie- rungsprozess ist das Individuum bestrebt eine positive soziale Identität herzustellen. Hierzu wendet es bestimmte Strategien zur Aufwertung der Eigengruppe und Abwertung der Fremdgruppe an. Wenn der Vergleich zwischen der eigenen Gruppe und der fremden Grup- pe positiv ausfällt, wird eine stabile und zufriedenstellende positive soziale Identität für die eigene Person hergestellt (Tajfel und Turner, 1986). Fremdenfeindlichkeit bzw. übermäßiger Nationalstolz, aber auch die Abwertung der Eigengruppe und die Identifikation mit der Fremdgruppe können sich als Formen extremer Ausprägungen dieses Kategorisierungspro- zesses zeigen (Süllwold, 1988).

Zur genauen Erfassung der sozialen Identität bei Personen mit Migrationshintergrund wird die Identifikation mit der Herkunftskultur - die ethnische Identität - von der Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft - die nationale Identität - unterschieden (Liebkind, 2006; Phinney, 1990). Diese werden im Rahmen der Entwicklungs- und Sozialpsychologie als Dimensionen der sozialen Identität betrachtet (Tajfel, 1981).

Die ethnische Identität kann sich über Zeit und Kontext hinweg verändern und wird daher als dynamisches Konstrukt definiert (Phinney, 2003). Unter der Ethnie versteht man eine ab- grenzbare Menschengruppe, die aufgrund einer gemeinsamen Vergangenheit ein Gemein- schaftsgefühl und eine eigenständige Identität entwickelt hat. Grundlage dieser gemeinsa- men Vergangenheit können beispielsweise die Sprache, Abstammung, Geschichte, Kultur und Religion sein (Maehler, 2012). Zudem wird die ethnische Identität als mehrdimensiona- les Konstrukt beschrieben (Phinney, 2003). Im Folgenden soll auf die wichtigsten Dimensio- nen eingegangen werden: Eine dieser Dimensionen ist die ethnische Kategorisierung bzw. die Selbstbezeichnung. Hierbei wird der Frage nachgegangen, wie sich die Person selbst definiert (Pinney und Ong, 2007). Aus psychologischer Sicht ist jedoch die emotionale Nähe oder das Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe für das Individuum wichtiger als die Kategorie selbst. Daher wird sie als wichtigste Dimension der ethnischen Identität be- trachtet (Phinney, 2003). Auch die Exploration, also die Informationssuche bezogen auf die eigene Ethnie und Erfahrungen aus der eigenen ethnischen Gruppe, spielt für die ethnische Identitätsentwicklung eine große Rolle. Weiterhin werden Sprachgebrauch, Essverhalten und das religiöse oder soziale Engagement in der Literatur oft mit der ethnischen Identität in Ver- bindung gebracht. Sie können als ethnisches Verhalten zusammengefasst werden und stel- len eine weitere wichtige Dimension dar. (Berry, et al., 2006). Die Bewertung und Einstellung gegenüber der eigenen Gruppe beschreiben ebenfalls die ethnische Identität. Durch eine positive Bewertung kann die Person besser mit Diskriminierungen umgehen. Das kann wie- derum das Wohlbefinden positiv beeinflussen (Pinney und Ong, 2007). Phinney und Ong (2007) analysieren die ethnische Identität, indem sie sich besonders auf die zuvor beschrie- bene Identitätsentwicklung nach Erikson und Marcia beziehen. Zusammenfassend kann der Entwicklungsprozess einer ethnischen Identität als der Ausbau eines Selbstkonzeptes als Mitglied einer Gruppe gesehen werden. Auch die Einstellung und Bedeutung dieser Mitglied- schaft haben einen wichtigen Einfluss auf die ethnische Identitätsentwicklung. Im Rahmen dieser Studie sind beide Dimensionen von zentraler Bedeutung.

Wie bereits erwähnt, ist neben der ethnischen Identität auch die nationale Identität ein Teil der sozialen Identität einer Person. Im Vergleich zur ethnischen Identität wurde diese weni- ger umfassend untersucht (Liebkind, 2006). Wenn sich Migranten zu dem Staat, in dem sie leben oder zur Mehrheitsgruppe innerhalb dieser Nation zugehörig fühlen, spricht man von einer nationalen Identität (Polat, 1997). Verschiedene Faktoren können auf die nationale Identifikation1 bei Migranten einwirken. Nesdale (2002) untersuchte die nationale Identifikati- on bei Migranten in Australien. Er stellte viele Faktoren fest, die wichtig für die nationale Identität sind: Die Einstellung zur Migration, die Beziehung zwischen Mitgliedern der Migran- tengruppe und zur Mehrheitskultur (Akzeptanz, Diskriminierung, Freundschaft), die positive Erfahrung in der Aufnahmegesellschaft (Erfolg im Beruf, Selbstwirksamkeit) und das Aus- maß des Kontakts mit Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft (Kenntnisse über Sprache, Werte, Gewohnheiten). Positive Erfahrungen im Aufnahmeland wie z.B. wahrgenommene Akzeptanz oder Erfolg im Beruf fördern die nationale Identifikation (Maehler, 2012). Nach Barrett (2005) ist für die Entwicklung der nationalen Identität das Wissen über die nationale Gruppe wichtig. Außerdem ist die eigene Beschreibung der Person als Mitglied der nationa- len Gruppe und der Stellenwert dieser Zuschreibung, also das Zugehörigkeitsgefühl, bedeut- sam. Es gehören viele weitere Faktoren wie die Verbundenheit zu anderen Personen aus der nationalen Gruppe und Kenntnisse von wichtigen Symbolen, typischen Eigenschaften und Merkmalen der Individuen innerhalb der nationalen Gruppe dazu. Das Modell Societal- Social-Cognitive-Motivational Theory (SSCMT) (Barrett, 2007) bietet eine Möglichkeit zur Beschreibung der nationalen Identitätsentwicklung. Es geht von exogenen (gesellschaftli- chen und sozialen) und endogenen (kognitiven und emotionalen) Faktoren aus. Einflüsse der Massenmedien und der Schule werden den gesellschaftlichen Faktoren zugeordnet. Bei den sozialen Faktoren wird dem Einfluss der Eltern eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Für die Verarbeitung dieser sozialen und gesellschaftlichen Informationen sind kognitive Fak- toren wie Aufmerksamkeits-, Speicher-, und Repräsentationskapazität des Kindes sehr wich- tig. Die kognitiven Prozesse werden wiederum von der Motivation und affektiven Vorlieben einer Person beeinflusst (Barrett, 2007)

Um die ethnische bzw. die nationale Identität genauer erfassen zu können, werden diese oft in der Forschung in Beziehung zueinander gesetzt. Dabei wurden zwei leitende Ansätze entwickelt. Wenn beispielsweise eine stark ausgeprägte türkische Identität mit einer abge- schwächten deutschen Identität einhergeht, entspricht dies dem unidimensionalen Ansatz. Bei diesem Ansatz wird eine lineare Beziehung zwischen der nationalen und ethnischen Identität einer Person angenommen. Eine hohe Ausprägung in einer Identität würde folglich mit einer schwachen Ausprägung in der anderen einhergehen (Liebkind, 2006; Phinney, 1990). Ergebnisse verschiedener Untersuchungen mit Migranten bestätigen jedoch einen anderen, den bidimensionalen Ansatz (Hutnik, 1991; Berry et al., 2006; Liebkind, 2006). Ent- sprechend diesem Ansatz geschieht die Identifikation mit dem Herkunftsland unabhängig von der Identifikation mit dem Aufnahmeland. So kann ein türkischstämmiger Migrant z.B. sowohl die deutsche als auch die türkische Identität haben (Maehler, 2012). Diese soge- nannte bikulturelle Identität sollte daher nicht als der Mittelpunkt zwischen der Herkunfts- und Aufnahmekultur verstanden werden. Vielmehr beschreibt sie das Ergebnis der Identifikation mit beiden Kulturen (Phinney, 2003).

2.2.3 ÄTürkische Identität“

Gewiss ist es schwierig Äden Türken“ oder Äden Deutschen“ zu definieren. Die kulturelle Iden- tität entwickelt sich mit der Zeit und stellt einen Prozess dar. Zudem gibt es sicherlich auch innerhalb einer Kultur mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Natürlich wird eine einfache Stereotypisierung einer Kultur nicht den Unterschieden, die es innerhalb dieser gibt, gerecht (Aicher-Jakob, 2010). Dennoch kommt die vorliegende Arbeit nicht ohne eine Kategorisie- rung aus. Die Untersuchung der kulturellen Identität würde sich erübrigen, wenn es keine Unterschiede zwischen den Kulturen gäbe. Daher muss es bestimmte Aspekte geben, die eine Unterscheidung zwischen der Ätürkischen Identität“ und Ädeutschen Identität“ ermöglicht. Dabei haben Untersuchungen an türkischstämmigen Migranten in Deutschland eine Sonder- stellung. Denn die Eltern türkischstämmiger Jugendlicher leben meist schon seit mehreren Jahren oder sogar Jahrzehnten in Deutschland. Dadurch ihr Verständnis der türkischen Kul- tur bereits von der Kultur in Deutschland geprägt. Dennoch verstehen diese in Deutschland lebenden Türken ihre Kultur als die Ätürkische Kultur“ (Aicher- Jakob, 2010). Durch Kultur- standards werden Elemente einer Kultur abstrahiert und generalisiert. So kann das für eine Gruppe Ätypische bzw. normale“ Wahrnehmen, Denken und Handel beschrieben werden (Thomas, 2003). Insgesamt soll dieser Einblick in die türkische Kultur ermöglichen, die Un- terschiede zwischen der türkischen und deutschen Kultur besser zu verstehen.

Respekt, Gehorsam, Höflichkeit und Benehmen sind tief verankerte Werte in der türkischen Kultur. Kinder werden früh nach diesen Werten erzogen und sollen diese gegenüber ihren Eltern, ihren älteren Geschwistern und anderen Verwandten zeigen (Mafaalani und Toprak, 2011). Viele Untersuchungen belegen, dass für türkische Mütter und Väter die wichtigsten Erziehungsziele Respekt und Gehorsam sind (Holtbrügge, 1975; Scherberger, 1999; Kaba- kci-Kara, 2009 zit. nach Uhanyan, 2012, S. 94). Durch das Weitergeben dieser Werte an die nächsten Generationen soll zum einen die absolute Ehrerbietung gegenüber den Eltern und zum anderen der Familienzusammenhalt gesichert werden (Uhanyan, 2012). Ein Beispiel für das Respektieren höhergestellter Personen zeigt sich in der Ansprache dieser: Ältere Ge- schwister, Onkel, Tanten oder auch ihre Lehrer werden üblicherweise nicht mit dem Vorna- men, sondern mit Äabla“ (ältere Schwester), Äabi“ (ältere Bruder), Äteyze“ (Tante), Äamca“ (Onkel) sowie Äögretmenim“ (mein Lehrer) angesprochen. Bei den Werten Respekt und Ge- horsam handelt es sich um tief im islamischen Glauben verwurzelte Werte (Hunner-Kreisel, 2010 zit. nach Uhanyan, 2012, S.94).

Generell spielt die Religion eine besonders wichtige Rolle für die türkische Identität. Schät- zungsweise bekennen sich in der Türkei von den 70 Millionen Einwohnern 55 Millionen zur sunnitischen und 12 bis 15 Millionen zur alevitischen Glaubensrichtung (Karakas, 2007). Das Leben des Einzelnen, aber auch das Zusammenleben innerhalb der Familie wird stark durch den Koran geregelt (Ruthven, 2005). Für den Großteil der türkischen Bevölkerung hat die Familie oberste Priorität. Die Gemeinschaft steht über dem Ziel der Unabhängigkeit und der Individualisierung (Zentrum für Türkeistudien, 2000). Zwischen Eltern und Kindern besteht in der Türkei eine noch viel stärkere emotionale Bindung als in der deutschen Kultur. Das Ver- ständnis über die Altersabsicherung durch die eigenen Kinder ist in türkischen Familien noch weit verbreitet (Kagitcibasi, 1991). Im Gegensatz dazu ist die emotionale Bindung innerhalb der deutschen Familien im internationalen Vergleich sehr schwach ausgeprägt. In einer Stu- die des Instituts zur Zukunft und Arbeit in Bonn nimmt sie im internationalen Vergleich den vorletzten Platz ein (Alesina und Giuliano, 2007). Auch zur genaueren Beschreibung des türkischen Mannes wurden mehrere Studien durchgeführt. Als wichtigste Aufgabe des Vaters stellten sich die finanzielle Versorgung der Familie und damit das Ermöglichen einer guten Ausbildung für die eigenen Kinder heraus. Das Beschützen der Familienmitglieder und das Vermitteln von Werten wie das Bewahren der Tradition und Respekt sind weitere wichtige Bereiche der väterlichen Erziehung (Westphal, 2000). Wie das Bild des türkischen Mannes, ist auch das Bild der türkischen Frau gekennzeichnet von Stereotypen. Viele Bedingungen wirken auf das Leben der türkischen Frau (Aichner-Jakob, 2012). In ländlichen Regionen der Türkei herrscht häufig eine traditionellere Rollenverteilung als in der Stadt. Die Mutter ist vor allem für den Haushalt und die Erziehung der Kinder zuständig. Sie soll den Zusammenhalt in der Familie und den Kontakt zur Verwandtschaft sicherstellen. Hauptziele der Erziehung sind die Jungen zum Familienoberhaupt und Ernährer und die Mädchen zur guten Hausfrau und Mutter heranzuziehen (Mafaalani und Toprak, 2011). Die Erziehung in die Geschlechter- rollen kann in Deutschland meist nicht mehr aufrechterhalten werden. Vor allem junge tür- kischstämmige Frauen in Deutschland geben an, dass sie nicht mehr die Normen und Werte ihrer Eltern bedingungslos akzeptieren können. Sie entwickeln verschiedenste Strategien, um ihre eigenen Vorstellungen und die Erwartungen ihrer Eltern zu vereinbaren (Otyakmaz, 1995). Je nach Kultur und Gesellschaft herrschen unterschiedliche Erziehungspraktiken vor. In vielen türkischen Familien ist die Anwendung von Gewalt und Macht ein verbreitetes Mit- tel, um das erwünschte Verhalten herzustellen (Uslucan, 2010). Sprichwörter wie Äannenin vurdugu yerde gül biter“ (An den von der Mutter geschlagenen Stellen blühen Rosen) zeigen, dass Bestrafungen und Gewalt insgesamt gängig und kulturell akzeptiert sind. Die Andro- hung von Schlägen wird sehr inflationär verwendet und hat daher für die meisten Kinder kei- nen Bedrohungscharakter mehr (Kagitcibasi, 1996). Bestrafungen resultieren in der Regel aus Hilflosigkeit und fehlenden Konfliktlösungsstrategien der Eltern (Mafaalani und Toprak, 2011). Insgesamt ist eine inkonsequente Erziehung innerhalb der in Deutschland lebenden türkischen Familien sehr verbreitet (Kagitcibasi, 1996).

Stolz auf das eigene Land ist in der Türkei anders als in Deutschland positiv konnotiert. Der Satz Äne mutlu türküm diyene“ stammt von Atatürk und bedeutet ÄWelch ein Glück sagen zu können ´Ich bin Türke´“. Jeden Morgen singen Schüler an türkischen Schulen die National- hymne und anschließend wird dieser Leitsatz gemeinsam aufgesagt (Gün, 2006). Des Wei- teren unterscheidet sich das Zeitverständnis der türkischen von der deutschen Kultur, da es in der Türkei insgesamt flexibler ist. In der Türkei dominiert somit ein polychroner Umgang mit der Zeit, d.h. Pläne werden insgesamt flexibler gestaltet. In polychronen Kulturen wird viel Wert auf menschliche Interaktionen gelegt und daher ist es oft schwierig einzuschätzen, wie viel Zeit man für eine Tätigkeit benötigt. Deutlich wird das auch an der Infrastruktur in der Türkei. Ein Großteil des Verkehrs ist vor allem in Großstädten sehr chaotisch. Beispielsweise hat der innerstädtische Busverkehr keine festen Busfahrtzeiten. Um zu signalisieren, dass man mitfahren möchte, stellt man sich an den Straßenrand und winkt dem Busfahrer zu. Auch auf personeller Ebene wird der flexible Umgang mit der Zeit beispielweise durch die allgemeine gesellschaftliche Akzeptanz einer Verspätung deutlich. Denn Personen werden aufgrund einer Verspätung nicht als unhöflich oder chaotisch angesehen (Gün, 2006).

2.3 Migration aus Sicht der Akkulturationsforschung

Neben der sozialpsychologischen Sicht auf die Migrationssituation hat sich ein weiterer For- schungsstrang entwickelt (Schmid, 2010). Durch die Akkulturationsforschung wird die sozial- psychologische Perspektive um eine interkulturelle Komponente erweitert (Redfield et al., 1936 zit. nach Schmid, 2010, S. 31). In dieser klassisch, eher soziologisch orientierten For- schungsrichtung wird der Beitrag der Psychologie immer bedeutsamer. Ihre Methodik ermög- licht sowohl Veränderungen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Kultur als auch mig- rationsbedingte Entwicklungsprozesse über einen längeren Zeitraum hinweg zu analysieren (Öztoprak, 2007). Obwohl die Akkulturationsforschung sich im letzten Jahrzehnt auf interna- tionaler Ebene stark ausgeweitet hat, wurden dabei kaum einheitliche Standards verwendet (Maehler und Schmidt-Denter, 2013). Die internationale Akkulturationsforschung wurde in den letzten Jahren insbesondere durch John Berry (1997) geprägt (Maehler, 2012).

2.3.1 Akkulturationsbegriff und Akkulturationsmodelle

Wenn Menschen aus der einen Kultur in eine andere wechseln, wird bei den betroffenen Personen ein kultureller und psychologischer Veränderungsprozess ausgelöst (Öztoprak, 2007). Die Beschreibung dieses Prozesses stellt eine wichtige Herausforderung für die Mig- rationsforschung dar. Gemeint ist dabei der Begriff der Akkulturation, also der Aneignung einer zweiten Kultur (Rudmin, 2009 zit. nach Maehler, 2012, S.70). Um die Akkulturation der Forschung zugänglich zu machen, muss der Akkulturationsbegriff operationalisiert werden. Klassischerweise wird dabei die Akkulturation wie folgt definiert: ÄAcculturation is the dual process of cultural an psychological change that takes place as a result of contact between two or more cultural groups and their individual members“ (Berry, 2005, S. 698). Eine kon- kretere und sachanalytische Definition bietet Heckmann (1992): ÄAkkulturation meint durch Kulturkontakte hervorgerufene Veränderungen von Werten, Normen und Einstellungen bei Personen, den Erwerb von Kenntnissen, Fähigkeiten und Qualifikationen (Sprache, arbeits- bezogene Qualifikationen, gesellschaftlich-kulturelles Wissen u.a.) sowie Veränderungen von Verhaltensweisen und ÄLebensstilen“ (z.B. in Bezug auf Arbeit, Wohnen, Konsum, Freizeit- verhalten, Kommunikationsformen, Heiratsmuster); auch Veränderungen der Selbstidentität sind damit notwendigerweise verbunden“ (Heckmann, 1992, S.168). Der Begriff der Enkultu- ration sollte vom Akkulturationsbegriff abgegrenzt werden. Die Enkulturation beschreibt den Sozialisationsprozess zu Beginn des Lebens in einer Gesellschaft. Der Neugeborene wächst in die eigene Kultur hinein und entwickelt sich zu einem kulturell integrierten Erwachsenen (Esser, 2001). Türkische Migranten der ersten Generation haben die Enkulturation in der Türkei abgeschlossen. Dennoch müssen sie in Deutschland noch einmal sprachliche und kulturelle Fertigkeiten erlernen. Daher findet eine erneute Sozialisation, die Akkulturation, statt. Die folgenden Generationen müssen eine andere Form der Akkulturationsleistung er- bringen. Sie wachsen gleichzeitig mit zwei unterschiedlichen Kulturen auf. Deshalb wird auch von einem bikulturellen Sozialisationsprozess gesprochen (Öztoprak, 2007).

Der wohl bekannteste Akkulturationsforscher John W. Berry hat durch sein Modell der Akkul- turationsstrategien (1997) die Forschungsrichtung nachhaltig geprägt (Schmid, 2010). Dabei unterscheidet Berry (1997) Veränderungen auf Gruppenebene und individueller Ebene. Auf individueller Ebene ist eine psychologische Veränderung gemeint, die beim Individuum selbst eintritt (Graves, 1967 zit. nach Berry, 1997, S.7). Diese kann z.B. die kulturelle Identi- tät, das Verhaltensrepertoire und Denkmuster betreffen. Wenn sich die kollektive Kultur einer ethnischen Gruppe durch den Kontakt mit einer anderen Kultur verändert, geschieht dieser Prozess auf der Gruppenebene. Darunter können Veränderungen der sozialen Strukturen oder der politischen Organisation zusammengefasst werden. Durch diese Unterscheidung kann die Beziehung zwischen den beiden Ebenen untersucht werden. Zudem besteht die Möglichkeit, dass die individuelle Akkulturation stark von der Akkulturationserfahrung der eigenen Gruppe abweicht (Berry, 1997).

Berry (1997) beschreibt die Akkulturationsvorstellung einer Person, indem er die Einstellung gegenüber zwei Fragestellungen untersucht (Berry, 1997, S. 9):

1. Erhalt der Identität der Herkunftskultur: ÄIs it considered to be of value to maintain one’s identity and characteristics? “
2. Kontakt und Teilnahme mit dem Aufnahmeland: ÄIs it considered to be of value to maintain relationships with larger society? “

Die beiden Fragestellungen können dabei als unabhängige Dimensionen gesehen werden. Daher kann bei Berry (1997) von einem zweidimensionalen Ansatz gesprochen werden. Die Fragen werden mit ÄJa“ oder ÄNein“ beantwortet. Durch die Kombination der Antworten las- sen sich vier Akkulturationsstrategien ableiten (siehe Abbildung 1): Die Assimilationsstrategie wird als das Aufgeben der Herkunftskultur und Streben nach Kontakt mit der Aufnahmekultur definiert. Wenn die Individuen dagegen den Kontakt zur Aufnahmekultur vermeiden und sich ausschließlich zur eigenen Kultur hinwenden, verfolgen sie die Segregationsstrategie. Man spricht von Integration, wenn die Individuen das Bedürfnis haben sowohl ihre eigene Kultur als auch den Kontakt zur Aufnahmegesellschaft aufrechtzuerhalten. Geringes Interesse an dem eigenen kulturellen Erbe und am Kontakt zur Aufnahmegesellschaft wird als Marginalisierung definiert (Berry, 1997; 2005).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Akkulturationsstrategien (in Anlehnung an Berry, 1997, S. 10)

In dieser Darstellung wird angenommen, dass die Migranten frei über ihre eigene Akkultura- tion entscheiden können. Da die Aufnahmegesellschaft die Strategie der Migranten beein- flussen kann, ist das nicht immer der Fall (Berry, 1997). Daher hat Berry (2005) sein Modell weiterentwickelt, indem er die von der Mehrheitsgesellschaft eingeforderten Akkulturations- strategien einbezieht. So ist Integration nur dann möglich, wenn die Aufnahmegesellschaft offen gegenüber kultureller Vielfalt ist. Die Integrationsstrategie geht mit einem hohen Wohl- befinden einher und stellt daher das adaptivste Muster dar (Berry, 1997; 2005). Eine Vielzahl an Studien stellen die Integration als bevorzugte und die Marginalisierung als seltenste Stra- tegie dar (Berry et al., 2006). Die Integrations- und Separationsstrategie können nur dann verfolgt werden, wenn auch in der eigenen kulturellen Gruppe der Erhalt der kulturellen Identität angestrebt wird (Berry, 1997). Diese beiden Strategien werden als Äkollektivistisch“, die Assimilation dagegen als Äindividualistisch“ eingeordnet (Lalonde und Cameron, 1993; Moghadam, 1988 zit. nach Berry, 1997,S.11). Um eine bessere Vergleichbarkeit der beiden Dimensionen herzustellen, schlagen Bourhis, Moise, Perrault und Senécal (1997, S. 377) eine Umformulierung der Fragen vor:

Dimension 1: Is it considered to be of value to maintain immigrant cultural identity and characteristics?

Dimension 2: Is it considered to be of value to adopt the cultural identity of the host commu- nity?

In Untersuchungen konnten gezeigt werden, dass die Antworten abhängig von der Formulie- rung der Fragen sind. Wurde wie bei Berry (1997) nach dem Kontakt mit der Aufnahmekultur gefragt, ergab sich für die Integrationsstrategie ein Anteil von 82%. Bei der Frage nach der Annahme der Aufnahmekultur wie bei Bourhis et al. (1997) ergab sich dagegen ein Anteil von 37% für die Integrationsstrategie. Das bedeutet, dass die Anteile an den einzelnen Ak- kulturationsstrategien abhängig von der Operationalisierung der Akkulturation sind. Daher ist es sinnvoll beide Dimensionen nach demselben Konstrukt zu operationalisieren (Berry und Sabatier, 2011).

2.3.2 Messmethoden der Akkulturation

Die Beziehung der Dimensionen ÄErhalt der Herkunftskultur“ und die ÄAnpassung an die Aufnahmegesellschaft“ wird je nach Akkulturationsmodell mit unterschiedlichen Methoden erhoben. Um diese statistisch zu analysieren, werden adäquate Erhebungsmethoden benötigt. Generell gibt es verschiedene Methoden das Konstrukt der Akkulturation zu messen (Maehler, 2012). Diese werden in Abbildung 2 dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Überblick über Modelle, Erhebungs- und Auswertungsmethoden in Anlehnung an Maehler, 2012, S. 86)

Besonders weit verbreitet sind in der bisherigen Akkulturationsforschung unidimensionale und bidimensionale Modelle. Bei unidimensionalen Modellen wird die Akkulturation überwie- gend als Assimilationsprozess verstanden (Arends-Tóth und Van de Vijver, 2007). Das Indi- viduum bewegt sich dabei Äauf einem Kontinuum zwischen den Polen Beibehalten der Her- kunftskultur und Anpassung an die neue Kultur“ (Maehler, 2012, S. 80). Bidimensionale Mo- delle gehen dagegen von zwei unabhängigen Dimensionen aus (Arends-Tóth & Van de Vijver, 2007). Durch unterschiedliche Ausprägungen auf den beiden Dimensionen und deren Kombinationen sind verschiedene Strategien der Akkulturation möglich. Seit Berrys Akkultu- rationsmodell (1997) hat der bidimensionale Ansatz innerhalb der Akkulturations-forschung eine große Bedeutung bekommen (Arends-Tóth und Van de Vijver, 2007).

Es ist in der Forschung ein enger Zusammenhang zwischen Erhebungsmethoden und theo- retischen Modellen der Akkulturation zu erkennen. In unidimensionalen Modellen wird das sogenannte one-statement-measurement als zentrale Erhebungsmethode verwendet (Arends-Tóth & Van de Vijver, 2007). Bezogen auf den jeweiligen kulturellen Kontext werden verschiedene Fragen zu alltäglichen Verhaltensweisen und Situationen gestellt (Maehler, 2012). Es werden dafür bipolare und meist fünfstufige Antwortskalen eingesetzt. Anhand der getroffenen Entscheidung kann festgestellt werden, wo der Wert des Befragten auf dem Kon- tinuum zwischen Beibehalten der Herkunftskultur und Anpassung an die Aufnahme- gesellschaft liegt. Diese Art der Erhebung von Akkulturation ermöglicht eine kurze, einfache und effiziente Durchführung und Auswertung. Jedoch gibt es auch bei dieser Erhebungsme- thode einige Probleme. Unidimensionale Modelle postulieren eine perfekt negative Korrelati- on zwischen der Beibehaltung der Herkunftskultur und der Annahme der Aufnahmekultur. Diese theoretische Annahme wird in der Literatur kontrovers diskutiert und ist daher fraglich (Arends-Tóth und Van de Vijver, 2007). Zudem sind die Werte im mittleren Bereich des Kon- tinuums schwierig zu interpretieren. Unklar ist, ob diese für die Integrationsstrategie, also die gleichzeitige Bevorzugung beider Kulturen oder für eine Marginalisierung, also die Ableh- nung beider Kulturen, stehen (Ryder et al., 2000 zit. nach Arends-Tóth und Van de Vijver, 2007, S. 1465).

Zur Erhebung der Akkulturation bei einem bidimensionalen Modell werden zum einen das two-statement-measurement und zum anderen das four-statement-measurement eingesetzt. Bei dem two-statement-measurement wird die Akkulturationsorientierung anhand von zwei separater Skalen gemessen. Hierfür können verschiedene Verfahren verwendet werden. Eine Möglichkeit bietet die Median- und Mittelwert-Split-Methode. Bei diesem Verfahren wer- den die Werte der Individuen in den zwei Skalen mit dem jeweiligen Schwellenwert (Median oder Mittelwert) in der Gesamtstichprobe verglichen (Arends-Tóth und Van de Vijver, 2007). Wenn z.B. die Werte einer Person in beiden Skalen über dem Median bzw. dem Mittelwert der Gesamtpopulation liegen, dann verwendet diese Person die Integrationsstrategie (Maeh- ler, 2012). Jedoch ist dabei die Kategorisierung in die vier Akkulturationsstrategien stark po- pulations- und stichprobenabhängig (Ward und Kennedy, 1994 zit. nach Arends- Tóth und Van de Vijver, 2007, S.1466). Mit der Mittelpunkt-Split-Methode kann dieses Problem um- gangen werden, da der Mittepunkt der Skala als Referenz herangezogen wird. Schwierigkei- ten in der Interpretation entstehen, wenn dieser Mittelpunkt auch eine Antwortalternative ist (z.B. der Skalenwert 3 bei einer fünfstufigen Skala). Dieser kann dann als Zustimmung, Ab- lehnung oder Unklassifizierbar interpretiert werden. In Bezug darauf gibt es in der Literatur kein einheitliches Vorgehen (Arends- Tóth & Van de Vijver, 2007).

Das four-statement-measurement ist die einzige Methode, in der die vier Akkulturations- strategien unabhängig voneinander erhoben werden. Anhand des höchsten Skalenwerts kann dann das Individuum zu der entsprechenden Strategie zugeordnet werden. Die Items beinhalten immer Aussagen zur Herkunfts- und Aufnahmekultur. Daher sind zweifache Ver- neinungen und komplexe, lange und mehrdeutige Items kaum zu vermeiden (Arends- Tóth und Van de Vijver, 2007).

Den ausführlichsten und aktuellsten Vergleich der Erhebungsmethoden liefern Arends-Tóth und Van de Vijver (2007). Sie haben 293 türkischen Migranten jeweils mit allen drei Erhe- bungsmethoden Fragen zu ihrer türkischen Herkunftskultur und ihrer niederländischen Auf- nahmekultur gestellt. Außerdem wurde eine getrennte Betrachtung zwischen dem öffentli- chen und dem privaten Lebensbereich vorgenommen. Insgesamt kann folgender Trend beo- bachtet werden: Mit allen drei Erhebungsmethoden lassen sich vergleichbare Ergebnisse erzielen. Die Integrationsstrategie wird vor allem im öffentlichen Bereich und die Separati- onsstrategie im privaten Bereich bevorzugt. Nach Arends-Tóth & Van de Vijver (2007) ist die beste Methode zur Erhebung der Akkulturationsorientierung die two-statement-methode, da sie die beste Kategorisierung in Akkulturationsstrategien aufweist. Aber auch mit dem one- statement-measurement zeigten sich ähnliche Ergebnisse. Bei dem four-statement- measurement weichten die Ergebnisse etwas ab. Gründe hierfür können die Länge der Er- hebungsmethoden und die Komplexität der Items sein (Arends- Tóth und Van de Vijver, 2007).

2.3.3 Beziehung zwischen Akkulturation und kultureller Identität

Bisher wurden der theoretische Hintergrund der kulturellen Identität und der Akkulturationsprozess von Migranten näher beleuchtet. In diesem Kapitel wird die Beziehung zwischen den beiden Konstrukten aufgezeigt.

Berry et al. (2006) stellten fest, dass sich die beiden Konstrukte nicht immer klar voneinander trennen lassen und teilweise sogar synonym verwendet werden. Obwohl sich die For- schungslinien zur Akkulturationsorientierung und zur kulturellen Identität zunächst separat entwickelt haben, wurden sie häufig in der Literatur aufeinander bezogen (Berry et al., 2006). Nach Oerter (2013) entwickelt sich die kulturelle Identität durch Enkulturation und Akkultura- tion. Die kulturelle Identität wird also durch das Aufwachsen in einer kulturellen Umgebung aufgebaut. Phinney (1990) beschreibt die kulturelle Identität von Migranten als Teilaspekt der psychologischen Akkulturation. Die kulturelle Identität bezeichnet er als dynamisches, mul- tidimensionales Konstrukt, das sich auf die eigene Identität oder Selbstwahrnehmung als Mitglied einer ethnischen Gruppe bezieht (Phinney, 2003). Phinney (1990) weist der kulturel- len Identität eine zentrale Bedeutung für die Ausbildung des Selbstbildes und für die psychi- sche und psychosoziale Akkulturation von Migranten zu. Die Veränderungen der kulturellen Identität geschehen im Laufe der Zeit in der neuen Kultur. Diese können als Veränderungen bezogen auf die Akkulturation verstanden werden. Der ständige Wandel bzw. die Verände- rungen sind ein zentrales Element der kulturellen Identität und der Akkulturation (Phinney, 2003).

Wichtig ist auch der Einfluss der Identitätsentwicklung auf die Akkulturation. Das Entwick- lungsstadium der kulturellen Identität und das Alter zum Zeitpunkt der Migration können ei- nen großen Einfluss auf den Akkulturationsverlauf haben (Ward et al., 2001 zit. nach Schmid, 2010, S.51). Bei Kindern verläuft die Akkulturation meist weniger problematisch als bei Jugendlichen. Kulturelle Assimilations- und Separationsprozesse können die ohnehin kritische Phase der Pubertät zusätzlich belasten (Berry et al., 2006). Auch Phinney (2003, S.64) betont: Ä[A]ge at the time of immigration and length of time in the new culture are im- portant markers of acculturation“. Zur Beschreibung der Beziehung zwischen den Konstruk- ten kulturelle Identität und Akkulturation wird häufig der Unterschied zwischen den Generati- onen verglichen (Phinney, 2003). Es wird angenommen, dass sich die Migranten im Laufe der Generationen immer weniger von den Mitgliedern des Aufnahmelandes unterscheiden (Berry et al. 2006). Aber diese Unterschiede sind unregelmäßig und können von unterschied- lichen Aspekten der Akkulturation und der kulturellen Identität geprägt werden (Phinney, 2003).

Die kulturelle Identitätsentwicklung kann wie die Akkulturationsstrategien durch einen inter- aktiven Zusammenhang zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland bestimmt werden (Phinney, 1990). Für die kulturelle Identität können daher auch die beiden Dimensionen ÄIdentifikation mit der Herkunftskultur“ (ethnische Identität) und ÄIdentifikation mit der deutschen Aufnahme- kultur“ (nationale Identität) unterschieden werden. Deshalb kann auch die kulturelle Identität analog zur Akkulturation bidimensional konzeptualisiert werden (Phinney, 1990; 2003; Phin- ney und Ong, 2007). Die Dimensionen sind unabhängig voneinander und werden genutzt, um kulturelle Identitätsorientierungen zu beschreiben. Die Parallelen zu den Akkulturations- strategien führen zur Verwendung der gleichen Begrifflichkeiten für den Status der kulturellen Identität bei Migranten, nämlich der integrierten, assimilierten, separierten und marginalisier- ten Identität (Phinney, 1990). Außerdem tauchen in Phinneys Arbeit (1990) in Anlehnung an die allgemeine Identitätsentwicklung auch folgende Synonyme für die vier kulturellen Identi- tätsprofile auf: Bikulturelle Identität (entspricht der integrierten Identität), national orientierte Identität (entspricht der assimilierten Identität), die ethnisch eingebettete Identität (entspricht der separierten Identität) und die diffuse kulturelle Identität (entspricht der marginalisierten Identität) . Wie bei den Akkulturationsstrategien nimmt Phinney et al. (2001 zit. nach Schmid, 2010, S.52) auch bei der kulturellen Identitätsentwicklung einen interaktiven Prozess zwi- schen Aufnahme- und Herkunftskultur an. Auch Bourhis et al. (1997) operieren mit dem Kon- strukt der kulturellen Identität zur Messung der Akkulturation. Das Konstrukt der Identität wird in einigen Akkulturationsmodellen ins Zentrum gestellt und zur Operationalisierung der Ak- kulturation verwendet.

Diese Auffassung der kulturellen Identität mit seinen vier Formen kann nur als Ausgangs- punkt für ein tieferes Verständnis gesehen werden (Esses et al., 2001, zit. nach Schmid, 2010, S. 53). Denn die individuellen Lösungsversuche bei Migration sind viel komplexer als durch die Identitätstypen und Akkulturationsstrategien angenommen. Sie können im privaten Bereich z.B. in der Familie die Werte ihrer Herkunftskultur respektieren und praktizieren. Gleichzeitig können sie im öffentlichen Bereich beispielsweise im Kontakt mit Peers im Be- reich der Freizeitgestaltung die Werte der Aufnahmekultur teilen (Camilleri & Malewska- Peyre, 1997, zit. nach Schmid, 2010, S.53). Atabay (2003) spricht auch von einer Patchwork- Identität, die nur ungenügend durch die vier Identitätsformen dargestellt werden kann. Arends-Tóth und van de Vijver (2004) haben empirisch nachgewiesen, dass sich die Identität nach unterschiedlichen Lebensbereichen unterscheidet. In ihrem bereichsspezifischen Mo- dell legen sie dar, wie sich die Adaptation in verschiedenen Lebensbereichen ändert. Arends-Tóth und Van de Vijver (2004) unterscheiden gemäß der Ebenen der Bereichsspezi- fität: Den öffentlichen (funktionalen, zweckorientierten) und privaten (sozial-emotionalen, wertorientierten) Bereich (Arends-Tóth und Van de Vijver, 2003 zit. nach Van de Vijver, 2004). Diese können dann wieder in spezifische Lebensbereiche unterteilt werden. Bei- spielsweise gehören Bildung und Sprache zum öffentlichen Bereich und Erziehung und Hei- rat zum privaten Bereich. In der untersten Ebene sind spezifische Situationen angesiedelt, in denen die Präferenz für Anpassung an die Aufnahmekultur und der Erhalt der Herkunftskul- tur je nach Situation variieren können. In die Diskussion über die Beziehung zwischen der Akkulturation und kulturellen Identität sollte die bereichsspezifische Anpassung aufgenom- men werden. Da sich die öffentliche und private Identitätskonstruktion unterscheiden können, ist es sinnvoll die kulturelle Identitätsorientierung in verschiedenen Lebensbereichen zu be- trachten (Arends-Tóth und Van de Vijver, 2004).

Deutlich wird, dass die Beziehung zwischen Akkulturation und kultureller Identität unter- schiedlich aufgefasst werden kann und sehr komplex ist (Zick, 2010). Die Identität kann als ÄPrädiktor, Mediator, Moderator, Indikator und Outcome der Akkulturation“ (Zick, 2010, S. 418) verstanden werden. Oft wird die kulturelle Identität in der Akkulturationsforschung als primäres Konstrukt verwendet (Zick, 2010), so auch in der hier vorliegenden Arbeit.

2.4 Migration und subjektive Lebenszufriedenheit

Eine besonders wichtige Rolle für das Gelingen der Akkulturation spielt die Lebenszufrie- denheit der Migranten im Aufnahmeland (Oerter, 2013). Die Migration kann sowohl eine gro- ße Belastung als auch große Chancen darstellen. Viele Migrationstheorien nehmen an, dass sich Migranten der ersten Generation bewusst für die Migration entschieden haben. Das im- pliziert, dass Migranten die Kosten der Migration in Kauf nehmen, um ihre Lebensbedingun- gen und die Lebenszufriedenheit zu erhöhen (Kämpfer, 2014). In der Forschung wird festge- stellt, dass die erste und zweite Generation insgesamt gesünder ist als die dritte Generation (Seiffge-Krenke, 2012). Massakowski (2007, zit. nach Seiffge-Krenke, 2012, S.154) weist darauf hin, dass die ethnische Identität in kollektivistischen Kulturen eine Coping-Ressource darstellen kann. Das breite soziale Netzwerk bietet soziale Unterstützung in Stresssituatio- nen. Dadurch können diese besser gemeistert werden. Bei Migranten, die schon länger in der Aufnahmekultur leben, haben sich jedoch bereits solche soziale Bindungen aufgelöst.

Es gibt verschiedene Arten kultursensitive Gesundheitsaspekte zu untersuchen. Lange Zeit wurde die Stressbewältigung der Migranten beobachtet. Eine weitere, weniger untersuchte Perspektive bietet die Erhebung der Lebenszufriedenheit. Objektive Theorien der Lebenszu- friedenheit legen den Fokus auf die Gesellschaft, die ökonomische Zufriedenheit, die Güter und vorhandenen Ressourcen (Genkova, 2013). Inwieweit Migranten mit ihrem Leben im Aufnahmeland zufrieden sind, kann jedoch nicht nur durch objektive Lebensbedingungen abgeleitet werden (Kämpfer, 2014). Für die subjektive Zufriedenheit ist die Einstellung der einzelnen Person ausschlaggebend (Stricker, 1999). Eine hohe Lebenszufriedenheit im Auf- nahmeland und der neuen Kultur beeinflussen den Akkulturationsprozess positiv. Anderer- seits kann eine herkunftsbezogene Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft die Lebens- zufriedenheit von Migranten einschränken (Berry, 1997). Eine erfolgreiche kulturelle Identi- tätsentwicklung ist ausschlaggebend für das psychische Wohlbefinden. Junge Migranten müssen während dieses Prozesses eine besondere Herausforderung meistern. Der Prozess der kulturellen Identitätsentwicklung wird sowohl durch die Beziehung zur Herkunftsgesell- schaft als auch durch die zur Mehrheitsgesellschaft beeinflusst (Phinney, 1990). Die kulturel- le Identität stellt für Migranten ein wichtiges Charakteristikum dar. Wenn die Mehrheitsgesell- schaft Assimilationsdruck ausübt, kann das zu Wut, Depression und sogar Gewalt führen. Außerdem umfasst eine positiv bewertete ethnische Identität optimistische Gefühle gegen- über der eigenen kulturellen Gruppe und dadurch eine günstige Selbstbewertung (Phinney et al., 2001). Es wird also angenommen, dass eine starke und gefestigte ethnische Identität einen positiven Beitrag zum Wohlbefinden2 leistet (Liebkind, 1996 zit. nach Phinney et al., 2001). In der Forschung wird am häufigsten die bikulturelle bzw. integrative Identität mit einer hohen Lebenszufriedenheit in Zusammenhang gebracht (Phinney, 1990; Berry, 1997). Doch warum ist es wichtig, die subjektive Lebenszufriedenheit von Migranten zu erheben? ÄIf a person were allowed to choose between two states of life, he or she would always choose the one which offers a high degree of well-being“ (Böhnke und Köhler, 2010, zit. nach Kämpfer, 2014, S. 629). Folglich streben Menschen nach einem guten Leben. Schon seit Jahrtausenden beschäftigen sich Menschen mit den Begriffen Glück, Wohlbefinden und Le- benszufriedenheit (Diener, 2000). Außerdem stellt die subjektive Lebenszufriedenheit nicht nur einen Wert oder ein Ziel an sich dar. Sie beeinflusst zudem viele gesellschaftliche Berei- che wie die Gesundheit, die Arbeitsleistung und zwischenmenschliche Beziehungen (Kämp- fer, 2014). Dennoch wurde diese in der empirischen Forschung lange Zeit vernachlässigt. Denn das Operationalisieren eines derartig komplexen und subjektiven Konstrukts gestaltet sich äußerst schwierig (Genkova, 2013). Diener (2000) gilt als Vorreiter dieser Forschungs- richtung. Er beschreibt die subjektive Lebenszufriedenheit als Äpeople´s evaluations of their lives- evaluations that are both affective and cognitive“ (Diener, 2000, S. 34). Er unterschei- det verschiedene Komponenten der subjektiven Lebenszufriedenheit: Die Lebenszufrieden- heit als globale Beurteilung des ganzen Lebens und die Zufriedenheit in bestimmten Le- bensbereichen (wie Arbeit oder Ehe) bilden sich in kognitiven Repräsentationen ab. Die posi- tiven Affekte und die negativen Affekte beziehen sich auf die emotionalen Komponenten der subjektiven Lebenszufriedenheit. Die emotionalen und kognitiven Anteile können in ver- schiedenen Situationen variieren (Diener, 2000). Um die subjektive Lebenszufriedenheit zu erheben, werden in aktuellen Forschungen Methoden mit mehreren Items verwendet. Ge- eignete Erhebungsmethoden sind nach Diener (2000) der PANAS (Positiv and Negative Affect Scale) von Watson, Clark & Tellegen (1988) und die SWLS (Satisfaction With Life Scale) von Diener und Kollegen (1985).

Aus den bisher genannten Gründen ist es wichtig, die subjektive Lebenszufriedenheit von Migranten zu untersuchen. Im Rahmen der hier durchgeführten Arbeit werden die deutschen Übersetzungen der von Diener (2000) empfohlenen Methoden SWLS und PANAS zur Erhebung der subjektiven Lebenszufriedenheit von Migranten verwendet.

2.5 Migrationsforschung in Deutschland

Nachdem im vorherigen Abschnitt auf theoretische Modelle und die Operationalisierung ein- gegangen wurde, soll nun die Identitäts- und Akkulturationsforschung in Deutschland näher beleuchtet werden. Empirische Untersuchungen zur kulturellen Identität wurden vor allem in den Einwanderungsländern USA und Kanada durchgeführt. Jedoch spielen politische Rah- menbedingungen und gesellschaftliche Einstellungen gegenüber der Migration in den Auf- nahmeländern eine große Rolle. Diese Faktoren beeinflussen die Identitätsorientierung und Akkulturationsstrategien der Migranten (Berry, 1997). Daher können die Befunde aus ande- ren Einwanderungsländern und über andere Migrantengruppen nicht ohne weiteres auf tür- kischstämmige Migranten in Deutschland übertragen werden (Edele, Stanat, Radmann und Segeritz, 2013).

Die kulturelle Identität von türkischstämmigen Migranten in Deutschland wird in vielen Fällen als Selbstkategorisierung zu einem Land bzw. zu einer Kultur aufgefasst. Fragt man tür- kischstämmige Migranten beispielsweise nach ihrer Heimat, geben 22% Deutschland, 30% die Türkei und Deutschland und 38% nur die Türkei an. Es empfinden jedoch auch 10% we- der Deutschland noch die Türkei als ihre Heimat (Sauer, 2007 zit. nach Schmid, 2010, S-60). Empirische Befunde zeigen, dass die Mehrheit der deutschstämmigen Bevölkerung in Deutschland eine integrative oder assimilative Haltung gegenüber Migranten zeigt. Jedoch wird auch hier in bestimmten Bereichen wie der Bildung eher eine assimilative Einstellung gefordert. Diskriminierung durch die Mitglieder der Aufnahmekultur kann dagegen zu einer stärkeren Orientierung an die Herkunftskultur führen (Schmid, 2010). Schiffauer (2001) beo- bachtet in seinen Fallstudien, dass vor allem jugendliche Migranten unterschiedlichen Erwar- tungen ausgesetzt sind. Dasselbe Verhalten türkischstämmiger Jugendlicher wird oft von den Eltern als zu Äeingedeutscht“ empfunden, während Lehrer das Verhalten als Ätypisch türkisch“ bewerten.

Die Forschung zur Akkulturationsorientierung von Migranten in Deutschland hat erst im letz- ten Jahrzehnt zugenommen (Schmid, 2010). In diesem Zusammenhang wurde die Akkultu- rationsorientierung von der Mehrheitsbevölkerung und den Migranten verglichen (Makarova, 2008). Die meisten Studien erfassen die Akkulturationsorientierung nach Berrys Modell (1997) und verwenden für die Auswertung das two-statement-measurement (Maehler, 2012). Eine Untersuchung von Piontkowski, Florac, Hoelker und Obdrzalek (2000, zit. nach Ma- karova, S.45) stellte Unterschiede in den Akkulturationsstrategien in verschiedenen Kulturen fest. In der Studie wird gezeigt, dass die deutsche Aufnahmekultur sich am meisten Integra- tion, gefolgt von Assimilation wünscht. Weiterhin bevorzugen nach dieser Untersuchung 56% der türkischstämmigen Migranten die separative Akkulturationsstrategie. Zudem stellten Pfaf- ferot und Brown (2006, zit. nach Schmid, 2010, S.64) fest, dass Deutsche sogar die Separa- tion bei Migranten in Deutschland überschätzen. Wenn Deutsche eine Diskordanz zwischen ihren Akkulturationsorientierung und der Orientierung der Migranten wahrnehmen, fühlen sie sich bedroht. Das führt dann zur Vermeidung einer Interaktion (Schmid, 2010). Arends-Tóth und Van de Vijver (2004) untersuchten bei türkischstämmigen Migranten die bereichsspezifi- sche Akkulturationsstrategie. Wie bereits erwähnt, unterschieden sich diese im öffentlichen und privaten Bereich. Die türkischstämmigen Migranten bevorzugten die Integrationsstrate- gie eher im öffentlichen und die Separationsstrategie eher im privaten Bereich (siehe Kapitel 2.2.2 und 2.2.3).

Es gibt nur wenige qualitative Studien über die subjektive Lebenszufriedenheit von Migran- ten. Jedoch zeigt sich in Studien mit großen repräsentativen Stichproben ein klares Bild. ÄMigranten sind mit ihrem Leben unzufriedener als die Einheimischen“ (Safi, 2010; Bartman, 2011; Verkuyten, 2008, zit. nach Kämpfer, 2013, S. 16). Noch überschaubarer ist die Anzahl an empirischen Befunden über die subjektive Lebenszufriedenheit von türkischstämmigen Migranten in Deutschland (Kämpfer, 2013). Die Auswirkungen der kulturellen Identität auf die subjektive Lebenszufriedenheit türkischstämmiger Jugendliche wird in Koydemirs (2013) Studie thematisiert. Untersucht wurde ob, die integrative kulturelle Identität im Vergleich zu den anderen Identitätstypen mit einer höheren subjektiven Lebenszufriedenheit einhergeht. Koydemir (2013) konnte weiterhin in seiner Untersuchung feststellen, dass die integrative kulturelle Identität am häufigsten als passend empfunden wurde (40%). Aber auch die sepa- rative Identität wurde von einigen türkischstämmigen Probanden als am passendsten bewer- tet (31.1%). Koydemir (2013) kann in seiner Untersuchung bestätigen, dass türkischstämmi- ge Migranten mit einer integrativen Identität auch die höchste subjektive Lebenszufriedenheit haben. Dabei wurden sowohl kognitive als auch affektive Aspekte der subjektiven Lebenszu- friedenheit berücksichtigt.

2.6 Einordnung der vorliegenden Studie

Wichtige Konzepte wie die kulturelle Identität, das Akkulturationsmodell von Berry (1997), die bereichsspezifische Betrachtung der kulturellen Identität nach Arends-Tóth und Van de Vijver (2004) und wichtige Erhebungsmethoden wurden bereits vertieft dargestellt. Die vorliegende Untersuchung bezieht sich auf diese theoretischen Konzepte. Die kulturelle Identität tür- kischstämmiger und deutschstämmiger Personen wird basierend auf Berrys Akkulturations- modell (1997) untersucht. Dies geschieht anhand des Äbildgestützten Instruments zur Mes- sung der kulturellen Identität bei türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten in Deutsch- land“. Dabei handelt es sich um eine Weiterentwicklung des ÄBilderverfahrens“ von Hater (2014).

Im Folgenden wird zunächst die Operationalisierung der kulturellen Identität in dieser Arbeit dargestellt: Das Verfahren basiert auf das bidimensionale Akkulturationsmodell von Berry (1997). Anders als bei Berry (1997) geschieht in dem bildgestützten Verfahren die Operatio- nalisierung nicht mit zwei unterschiedlichen Konzepten, also dem Erhalt der eigenen Kultur und der Kontaktaufnahme mit der Mehrheitsgesellschaft. In dem bildgestützten Instrument wird die kulturelle Identität durch die Bewertung der ÄPersönlichen Nähe“ zu den Bildern aus der deutschen bzw. türkischen Kultur erhoben. Die Akkulturationsprozesse werden im Rah- men dieser Studie durch die kulturelle Identität operationalisiert. Daher wird die ethnische und nationale Identität der türkischstämmigen Probanden erhoben, also die Identitätstypen und nicht die Akkulturationsorientierungen. Der Identitätstyp kann mit dem bildgestützten Instrument auch bereichsspezifisch erfasst werden. Das bedeutet, es wird in dem Verfahren zwischen der kulturellen Identität nach privaten und öffentlichen Lebensbereichen unter- schieden. Beide Dimensionen (türkisch-deutsch; privat-öffentlich) wurden mit dem two- statement-measurement erfasst. Die Messung der bereichsspezifischen kulturellen Identität erfolgte durch die Kategorisierung der Bilder in Ätürkisch-private“, Ädeutsch-private“, Ätürkisch- öffentliche“ und Ädeutsch-öffentliche“ Bereiche. Durch die Bewertung der persönlichen Nähe zu den Bildern aus diesen vier Lebensbereichen, konnte für jeden Probanden die bereichs- spezifische kulturelle Identität ermittelt werden.

Ein Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Validierung des Instruments. Diese liegt bisher nicht vor und soll daher im Rahmen dieser Arbeit auf zwei Ebenen durchgeführt werden: Zum ei- nen wurde überprüft, ob die gewählte Kategorisierung der Bilder nach Ätürkisch“, Ädeutsch“, Äöffentlich“ und Äprivat“ durch die Stichprobe bestätigt werden kann. Zum anderen wird die Erhebung der kulturellen Identität anhand der Skala ÄPersönliche Nähe“ mit der Bewertung des ethnischen und nationalen Zugehörigkeitsgefühls im biographischen Fragebogen vergli- chen. Anhand von Kulturstandards der türkischen Kultur wurde in der theoretischen Herlei- tung gezeigt, dass sich die deutsche und türkische Kultur in vielen Merkmalen unterschei- den. Daher wird untersucht, ob sich diese Unterschiede in der Bewertung der deutschen und türkischen Bilder durch die türkischstämmigen und deutschstämmigen Teilstichproben zei- gen. Außerdem stellt die Betrachtung der subjektiven Lebenszufriedenheit im Zusammen- hang mit der kulturellen Identität einen wichtigen Bereich in dieser Studie dar. Arends-Tóth und Van de Vijver (2004) kamen zu dem Ergebnis, dass in den Niederlanden lebende Tür- kischstämmige am häufigsten im privaten Bereich die Herkunftskultur präferieren und im öf- fentlichen Bereich eher die Aufnahmekultur als passender empfinden. Daher wird überprüft, ob türkischstämmige Probanden mit der türkisch-privaten und deutsch-öffentlichen Identität die höchste subjektive Lebenszufriedenheit haben. Wie bereits dargelegt, erscheint es sinn- voll die Lebenszufriedenheit auf subjektiver Ebene zu erfassen. Basierend auf dieser An- nahme werden sowohl kognitive als auch affektive Aspekte der subjektiven Lebenszufrie- denheit gemessen. Dies geschieht mit deutschen Übersetzung der ÄSatisfaction With Life Scale” (Schumacher, 2003) und der “Positive and Negative Affect Schedule” (Krohne, Egloff, Kohlmann & Tausch, 1996).

2.7 Hypothesen

In dieser Arbeit werden lediglich die hervorgehobenen Hypothesen untersucht. Die übrigen Unterhypothesen wurden von Gutmann (2016) untersucht oder sind in Bearbeitung durch Neudel (2017).

Im ersten Komplex wird die Validität des auf Berrys (1997) Modell aufbauenden ÄBildgestützten Instruments zur Erfassung der kulturellen Identität“ überprüft. Dafür werden die durch das Forschungsteam gewählten und nach Ädeutsch“ und Ätürkisch“ kategorisierten Bilder durch die Stichprobe nach Ädeutsch-türkisch“ bewertet. Die Zuordnung nach Äöffentlich-privat“ wird von Neudel (2017) untersucht.

H1a: Die Bilder, welche vom Untersuchungsteam als ‚türkisch‘ kategorisiert wurden, werden von Jugendlichen türkischer und deutscher Herkunft stärker als türkisch beur- teilt als die Bilder, die vom Untersuchungsteam als ‚deutsch‘ kategorisiert wurden.

H1b: Die Bilder, welche vom Untersuchungsteam als ‚deutsch‘ kategorisiert wurden, werden von Jugendlichen türkischer und deutscher Herkunft stärker als deutsch beur- teilt als die Bilder, die vom Untersuchungsteam als ‚türkisch‘ kategorisiert wurden.

H1c: Die Bilder, welche vom Untersuchungsteam als ‚privat‘ kategorisiert wurden, werden von Jugendlichen türkischer und deutscher Herkunft stärker als privat beurteilt als die Bilder, die vom Untersuchungsteam als ‚öffentlich‘ kategorisiert wurden.

H1d: Die Bilder, welche vom Untersuchungsteam als ‚öffentlich‘ kategorisiert wurden, werden von Jugendlichen türkischer und deutscher Herkunft stärker als öffentlich beurteilt als die Bilder, die vom Untersuchungsteam als ‚privat‘ kategorisiert wurden.

In diesem Block wird die Bewertung der ÄPersönlichen Nähe“ und des ethnischen bzw. nati- onalen Zugehörigkeitsgefühls miteinander verglichen. Nach Phinney und Ong (2007) und Phinney (2003) sind diese beiden Dimensionen besonders wichtig für die Beschreibung der ethnischen Identität. Neudel (2017) bearbeitet die Übereinstimmung mit dem nationalen Zu- gehörigkeitsgefühl.

H2a: Türkischstämmige Jugendliche, die sich als Türken fühlen, empfinden eine höhere persönliche Nähe zu den türkischen Bildern als türkischstämmige Jugendliche, die sich nicht als Türken fühlen.

H2b: Türkischstämmige Jugendliche, die sich als Deutsche fühlen, empfinden eine höhere persönliche Nähe zu den deutschen Bildern als türkischstämmige Jugendliche, die sich nicht als Deutsche fühlen.

Im dritten Hypothesenblock werden die Unterschiede in der Bewertung durch die deutschstämmige und türkischstämmige Teilstichprobe betrachtet. Gutmann (2016) überprüfte die unterschiedliche Bewertung hinsichtlich des Aspekts Traditionalität vs. Modernität und Neudel (2017) hinsichtlich des Aspekts Privatheit vs. Öffentlichkeit.

H3a: Es treten signifikante Unterschiede zwischen der türkischstämmigen und der deutschstämmigen Gruppe hinsichtlich der Bewertungen der persönlichen Nähe zu den türkischen und deutschen Bildern auf.

H3b: Es treten signifikante Unterschiede zwischen der türkischstämmigen und der deutschstämmigen Gruppe hinsichtlich der Bewertungen der Traditionalität/Modernität zu den türkischen und deutschen Bildern auf.

H3c: Es treten signifikante Unterschiede zwischen der türkischstämmigen und der deutschstämmigen Gruppe hinsichtlich der Bewertungen der Privatheit zu den türkischen und deutschen Bildern auf.

Im letzten Hypothesenblock wird die subjektive Lebenszufriedenheit in Abhängigkeit von der bereichsspezifischen kulturellen Identität untersucht. Es wird überprüft, ob die Ergebnisse der türkischstämmigen Migranten in den Niederlande von Arends-Tóth und Van de Vijver (2004) auf die türkischstämmige Stichprobe dieser Untersuchung übertragen werden kann. Gutmann (2016) betrachtete dabei die kognitiven Aspekte der subjektiven Lebenszufrieden- heit anhand des SWLS (Schumacher, 2003). Neudel (2017) untersucht die affektiven Aspek- te anhand der positiven Affekte im PANAS (Krohne, Egloff, Kohlmann und Tausch, 1996)

[...]


1 Identifikation wird als Synonym für Identität verwendet

2 Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit werden synonym verwendet

Details

Seiten
118
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668598027
ISBN (Buch)
9783668598034
Dateigröße
3.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384988
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Schlagworte
Kulturelle Identität Empirische Arbeit Psychologie Kultur und Migration Akkulturationsforschung Berry

Autor

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Titel: Messung der kulturellen Identität bei türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten. Entwicklung und Validierung eines bildgestützten Instruments