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Der Vertrag von Tordesillas und die Aufteilung der Welt zwischen Spanien und Portugal durch den Papst

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einstieg
1.1 Einleitung
1.2 Inhalt und Aufbau

2. Völkerrecht und Navigation im ausgehenden 15. Jahrhundert
2.1 Die völkerrechtliche Situation
2.2 Exkurs: Die navigationstechnische Situation

3. Der Vertrag von Tordesillas
3.1 Die Vorgeschichte: spanisch-portugiesische Rivalität im Atlantik
3.2 Die „Teilung der Welt“ durch Papst Alexander VI.
3.3 Der Vertrag von Tordesillas – Grundlagen, Folgen und Probleme

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

1. Einstieg

1.1 Einleitung

„Wenn es jemals eine Sammlung europäischer Erinnerungsorte geben sollte, dann wird der Vertrag von Tordesillas darin einen prominenten Platz einnehmen.“[1] Mit diesen Worten beginnt Ute Schneider ihren Aufsatz zum Vertrag von Tordesillas in Saeculum, dem Jahrbuch für Universalgeschichte. Diese wenigen Worte lassen erahnen, welche enorme Bedeutung der Vertrag bis in unsere Zeit hinein hat. Durch ihn wurden zwei Einflusszonen bestimmt, deren Verlauf bis heute durch die portugiesischsprachige Bevölkerung in Brasilien und die spanischsprachige im restlichen Lateinamerika widergespiegelt wird.

Im Rahmen des Hauptseminars „Territorialkonflikte im Völkerrecht“ soll der Vertrag von Tordesillas mitsamt seiner Vorgeschichte einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Nicht nur, weil der Vertrag in diesem Zusammenhang zu einem Klassiker der Lehre wurde, sondern auch, weil in der Gesamtbetrachtung völkerrechtliche Abläufe der damaligen Zeit ebenso deutlich werden wie die teils hochinteressante Argumentation im Kampf um Einflusssphären.

1.2 Inhalt und Aufbau

Diese Arbeit verfolgt das Ziel, natürlich durch den relativ engen Rahmen einer Hausarbeit begrenzt, den Vertrag von Tordesillas, seine – durchaus umfassende – Vorgeschichte, seine Entstehung und seine Folgen darzulegen. In diesem Zusammenhang erschien es wichtig, auch ein Kapitel zum völkerrechtlichen status quo im ausgehenden 15. Jahrhundert sowie einen Exkurs zu den damaligen Navigations- und Vermessungsmöglichkeiten voranzustellen. Diese beiden Punkte sollen es erleichtern, einen Zugang zu den Rahmenbedingungen des Vertrages aber auch der Vorgeschichte zu erlangen.

In der Natur der Sache liegend, nimmt auch die Vorgeschichte des Vertrages einen nicht unbeträchtlichen Raum ein, was aber notwendig ist, um die durchaus komplexe Situation aus Interessen und Ansprüchen besser erfassen zu können.

Schließlich sollen die von Papst Alexander VI. erlassenen Bullen der Jahre 1493 behandelt werden, da sie in direktem Zusammenhang mit dem Vertrag und den Vertragsverhandlungen zu verstehen sind. Eine eingehende Schilderung des Vertrages schließt den Hauptteil dieser Arbeit.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen darüber hinaus auch Fragen angeschnitten werden, die etwa die Bezeichnung „Teilung der Welt“ problematisieren oder ob der Vertrag einen Beitrag zur Verwissenschaftlichung des europäischen Denkens geleistet hat.

Der rechtliche Aspekt, insbesondere die Argumentation der beteiligten Parteien soll, wo nötig, nicht aus den Augen verloren werden.

2. Völkerrecht und Navigation im ausgehenden 15. Jahrhundert

2.1 Die völkerrechtliche Situation

Das moderne, ausdifferenzierte Völkerrecht existierte Ende des 15. Jahrhunderts noch nicht. Nichtsdestotrotz gab es allgemein anerkannte Regeln und Prinzipien im Umgang zwischen Staaten oder Herrschaftsgebilden. Die durch Kaiser und Papst geprägte Ordnung nannte sich Respublica Christiana.[2]

Der Ordnungsanspruch des Papstes leitete sich unter anderem von der Konstantinischen Schenkung ab. Die Echtheit dieser angeblich aus der Spätantike stammenden Urkunde wurde zwar schon zu Zeiten der Entdeckung Amerikas von einzelnen in Zweifel gezogen, jedoch wurde diese Kenntnis erst zu Zeiten der Reformation wirksam. Auf dieser Schenkung beruht das Recht des Papstes, neuentdeckte Gebiete als päpstlichen Besitz zu deklarieren und sie unter seine Jurisdiktion zu stellen. Auf dieser Grundlage war es gängig, dass der Papst neuentdeckte Inseln der Herrschaft Dritter überlies. So wie er, wie sich noch zeigen wird, die Herrschaft über die Kanarischen Inseln den Spaniern[3] und die Herrschaft über Guinea[4] den Portugiesen überlies.[5]

Gemäß dieser Respublica Christiana war es nach allgemeiner Auffassung üblich, dass die Gebiete nichtchristlicher Völker automatisch als zu missionierendes Gebiet betrachtet wurden. Solche Gebiete konnten einem Herrscher, verbunden mit einem Auftrag das Territorium im christlichen Sinne zu missionieren, vom Papst zugewiesen werden.[6] Nichtchristliche Gebiete galten als vakant. „Diese Vakanz führte zu einem Recht der Eroberung und Beherrschung causa fidei, das jedem christlichen Herrscher zukam. Hierauf gründete sich im 16. Jahrhundert die Eroberungspraxis der Entdecker.“[7]

Den Ungläubigen gestand man keine eigene Rechtspersönlichkeit zu und betrachtete sie in diesem Sinne als Eigentum und ihre politische und gesellschaftliche Organisation als rechtlos.[8]

Wichtig ist natürlich, dass der Papst bei Verstößen gegen von ihm angeordnete Herrschaftsverhältnisse geeignete Mittel der Sanktion hatte, nämlich die Exkommunikation. Somit gab es in den internationalen Beziehungen eine übergeordnete Sanktionsgewalt, die im grundsätzlich anarchisch geprägten Staatenraum zumindest für die christlichen Herrscher allgemeingültige Regeln erlassen konnte.

Die Meere wurden zu diesem Zeitpunkt im Wesentlichen noch als res communis betrachtet.[9]

Als Folge der Entdeckung Amerikas und der dort verübten Grausamkeiten stellten sich die Spätscholastiker die Frage, inwiefern die Eroberung der Neuen Welt rechtens ist.[10]

„Die Spätscholastiker entwickelten als erste eine Lehre vom Völker- und vom Menschenrecht.“[11] Dem folgten Gelehrte, die das Völkerrecht dezidiert aufgriffen und mitprägten, wie etwa der Niederländer Hugo Grotius. Es ist zur Zeit des Vertrags von Tordesillas also nicht möglich, von einem Völkerrecht im modernen Sinne zu sprechen. Wohl aber von allgemeingültigen Umgangsregeln unter den Staaten, die teils, wie sich später zeigen wird, einer durchaus tiefgründigen Argumentation folgten.

2.2 Exkurs: Die navigationstechnische Situation

Die navigationstechnischen Möglichkeiten der heutigen Zeit dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wesentlichen Erkenntnisse zur genauen Orientierung auf See erst nach der Entdeckung der Neuen Welt und vor allem nach den Bullen des Papstes Alexander VI. und dem Vertrag von Tordesillas erlangt wurden.

Die Schwierigkeiten der Ortsbestimmung durch Messung der Mondabstände zu gewissen Fundamentalsternen etwa, war äußerst schwierig, insbesondere auf schwankenden Schiffen. Der Hadleysche Spiegelsextant wurde erst um 1731 erfunden.[12]

„So hoffnungslos aber erschien zuvor die Bewältigung dieser Aufgabe [der genauen Ortsbestimmung auf See, C.B.], dass die Franzosen trouver les longitudes sur la mer als Redensart im gleichen Sinne gebrauchten, wie wir jetzt von dem Auffinden der Quadratur des Kreises oder des perpetuum mobile sprechen.“[13]

Daraus lässt sich leicht ableiten, wie schwierig es zu dieser Zeit für den Papst und die unterzeichnenden Vertragsparteien war, auf See eine genaue Grenzziehung vorzunehmen.

Im Grunde genommen überstieg das Vorhaben, eine exakte Linie über den Ozean zu ziehen, die wissenschaftlichen und geographischen Kenntnisse jener Zeit bei weitem.[14] Und so waren auch die Angaben einer Demarkationslinie in den päpstlichen Bullen derart verworren, dass eine genaue Bestimmung nicht möglich war.[15]

[...]


[1] Schneider, Ute: Tordesillas 1494 – Der Beginn einer globalen Weltsicht. In: Saeculum: Jahrbuch für Universalgeschichte, 54/I, S. 41

[2] Vgl. Kahle, Günter: Lateinamerika in der Politik der europäischen Mächte, Köln u.a. 1993, S. 2

[3] Die Bezeichnung „Spanier“ oder „Spanien“ ist, da es auf dem Gebiet des heutigen Spaniens im ausgehenden 15. Jhd. keine einheitliche spanische Nation gab, keine absolut korrekte Bezeichnung. Im Zusammenhang dieser Arbeit sind damit hauptsächlich die kastilischen Herrscher gemeint. Da aber in der Literatur ebenfalls überwiegend von Spanien die Rede ist, wird dies auch hier übernommen.

[4] Bezeichnung für Westafrika.

[5] Vgl. Schneider, Ute: Tordesillas 1494 – Der Beginn einer globalen Weltsicht. In: Saeculum: Jahrbuch für Universalgeschichte, 54/I, S. 45

[6] Vgl. Kahle, Günter: Lateinamerika in der Politik der europäischen Mächte, Köln u.a. 1993, S. 2

[7] Fahl, Gundolf: Der Grundsatz der Freiheit der Meere in der Staatenpraxis von 1493 bis 1648, Köln u.a. 1969, S. 19

[8] Vgl. Fahl, Gundolf: Der Grundsatz der Freiheit der Meere in der Staatenpraxis von 1493 bis 1648, Köln u.a. 1969, S. 18 - 19

[9] Vgl. Fahl, Gundolf: Der Grundsatz der Freiheit der Meere in der Staatenpraxis von 1493 bis 1648, Köln u.a. 1969, S. 13

[10] Vgl. Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Band 3/1 Die Neuzeit, Stuttgart u. Weimar 2006, S. 106

[11] Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Band 3/1 Die Neuzeit, Stuttgart u. Weimar 2006, S. 107

[12] Vgl. Peschel, Oscar: Die Teilung der Erde unter Papst Alexander VI. und Julius II. Paderborn 2012, Nachdruck des Originals von 1871, S. 9 - 10

[13] Peschel, Oscar: Die Teilung der Erde unter Papst Alexander VI. und Julius II. Paderborn 2012, Nachdruck des Originals von 1871, S. 10

[14] Ebda. S. 23

[15] Ebda. S. 14

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668597372
ISBN (Buch)
9783668597389
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384974
Institution / Hochschule
Hochschule für Politik München
Note
1,7
Schlagworte
vertrag tordesillas aufteilung welt spanien portugal papst

Autor

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