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Christlicher Glaube und Gesundheit. Eine Betrachtung aus Public Health-Sicht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 21 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Methodik
2. Ergebnisse
2.1 Psychische Gesundheit
2.2 Physische Gesundheit

3. Diskussion
3.1 Diskussion psychische Gesundheit
3.2 Diskussion physische Gesundheit
3.3 Schlussfolgerung

Abbildungverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In einer säkularisierenden Welt und einem Deutschland, in dem seit Jahrzehnten eine hohe Anzahl an Kirchenaustritten zu verzeichnen ist (Klein und Albani 2007), war Religion und Glaube nahezu vollständig verdrängt aus dem Bewusstsein der denkenden rationalen Zunft der Gesundheitswissenschaften. Sigmund Freud zeichnete Anfang des vorherigen Jahrhunderts ein sehr negatives Bild des Glaubens und der Religion, die er als „kollektive Zwangsneurose“ bezeichnete (Klein und Albani 2007, Koenig 2012, Bonelli 2016). Dieses Bild schien sich in den Köpfen der Menschen und der Forscher zu festigen. Es übertrug sich auch auf die Studienergebnisse bis Ende der 60er-Jahre. Diese stellten Religiosität überwiegend in Zusammenhang mit Ängstlichkeit und Depressivität dar (Klein und Albani 2007). Schleichend entstand eine große Lücke, der einst eng miteinander verwandten Heilungen, im religiösen und im naturwissenschaftlich medizinischen Gewand (Koenig 2012, Bonelli 2016).

Religion sei die älteste Form der Medizin (Sulmasy 2009). Heilung und Gesundheit sind ein wichtiger Aspekt im jüdisch geprägten Christentum. Im Alten Testament finden sich mehrere Stellen und Geschichten die Gesundheit und Krankheit thematisieren. Gesundheit wurde schon damals in einem mehrdimensionalen Kontext gesehen. So im Buch der Sprüche: „Eines Mannes Geist erträgt seine Krankheit; aber ein zerschlagener Geist, wer richtet ihn auf?“ (Sprüche 18:14) oder „Huldvolle Worte sind eine Honigwabe, Süßes für die Seele und Gesundheit für das Gebein“ (Sprüche 16:24). Auch im Neuen Testament ist Heilung und Gesundheit ein fester Bestandteil im Wirken Jesu. Er tritt oft in der Rolle eines Arztes in Erscheinung (Weissenrieder und Etzelmüller 2007, S.2750, Klein et al. 2011, S.128): „… Die Starken bedürfen nicht eines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Markus 2:17). Weiterhin tritt er auch als Wunderheiler auf, wenn der aktuelle Stand der Medizin versagt: “ … und vieles erlitten hatte von vielen Ärzten und alle ihre Habe verwandt und keinen Nutzen davon gehabt hatte (es war vielmehr schlimmer mit ihr geworden), …“ (Markus 5:26).

Die ersten westlichen Krankenhäuser wurden durch religiöse Organisationen gegründet. Über Jahrhunderte wurde den Medizinern die Lizenz zur Berufsausübung durch religiöse Instanzen erteilt. Durch die Säkularisierung des Gesundheitswesens schien die Verbindung zur Religiosität gekappt (Koenig 2012).

Seit den 80er Jahren geraten das Thema Spiritualität und Glaube in das Visier unterschiedlicher wissenschaftlicher Fachrichtungen. David B. Larson gilt als Pionier der Forschung im Feld von Gesundheit und Religion, der anfing, Sigmund Freuds Thesen wissenschaftlich zu überprüfen (Bonelli 2016). Als eine der Kerndimensionen von Diversity ist Glaube und Spiritualität ein wichtiger Teil der menschlichen Persönlichkeit. Auf unterschiedlichen Ebenen der Weltanschauung und dem individuellen Erleben der Wirklichkeit spielt persönlicher Glaube eine bedeutende Rolle. Aus diesem Grund widmen sich die Gesundheitswissenschaften vermehrt dem Glaubensaspekt und seinen Effekten auf die Gesundheit eines Individuums. Seit den 1990 Jahren lässt sich ein enormer Anstieg an Forschungsansätzen zum Zusammenhang zwischen Spiritualität und Gesundheit beobachten. Die Forschungsansätze beschäftigen sich mit der physischen, psychischen und der pflegewissenschaftlichen Dimension von Gesundheit (Klein et al. 2011, S.12).

Ziel dieser Arbeit ist den Zusammenhang zwischen dem christlichen Glauben und den möglichen gesundheitlichen Auswirkungen zu untersuchen. Weiterhin soll der aktuelle Forschungsstand zu dieser Thematik aufgezeigt werden. Außerdem soll die Frage beantwortet werden, ob christlicher Glaube als Gesundheitsressource dienen kann. Abschließend soll Freuds These, Religion wirke sich negativ auf die Gesundheit aus, durch die Forschungsergebnisse geprüft werden. Die Ermittlung möglicher positiver oder auch negativer Gesundheitseffekte ist relevant für Public Health. Dadurch könnten Maßnahmen abgeleitet werden die Gesundheit der Bürger zu verbessern und die Zusammenhänge in der Gesundheitsversorgung unter dem Aspekt von Diversity und Glaube besser zu verstehen. Die Betrachtung der gesundheitlichen Auswirkungen soll auf einer möglichst individuellen und persönlichen Ebene geschehen. Die institutionelle Makrosicht auf die Kirche ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Dieser Aspekt würde den Rahmen deutlich sprengen. Ebenso wird bei der zu untersuchenden Religionsrichtung eine Eingrenzung vorgenommen, indem möglichst nur christliche Glaubensrichtungen untersucht werden.

In den vorliegenden Studien wird meist nicht explizit und ausschließlich der christliche Glaube untersucht und der Begriff verwendet. Die meist verwendeten Begriffe sind Religion und Spiritualität (R/S). Jedoch ist anzumerken, dass die meisten Studien entweder aus den USA oder aus Europa stammen und überwiegend christliche Glaubensrichtungen untersuchen (Klein und Albani 2007, Bonelli 2016). Hier wurde keine Differenzierung hinsichtlich der christlichen Glaubensrichtungen vorgenommen.

Es wurden alle christlichen Glaubensströmungen, darunter die katholische, evangelische mit ihren Ausprägungen, freikirchliche und neue christliche Glaubensbewegungen wie Pfingstler, Charismatiker, Siebenten-Tags-Adventisten und ähnliche berücksichtigt.

R/S wird in der Forschung differenziert betrachtet. Spiritualität wird meist als intrinsisch motiviertes Bedürfnis nach Glauben und Göttlichkeit definiert. Religiosität wird eher als extrinsisch motiviert angesehen mit zum Beispiel dem Wunsch nach sozialer Anerkennung (Klein und Albani 2007, Sulmasy 2009). R/S wurde auf unterschiedliche Art gemessen. Als Kriterium, ob ein Proband der R/S zuzuordnen war, wurden die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft, die persönliche Glaubenseinstellung und auch die Qualität der R/S gemessen an der Zahl von Kirchenbesuchen, dem Lesen der Bibel, der Anzahl an Gebeten und dem Singen christlicher Lieder (Macilvaine et al. 2013).

Die Definition von Gesundheit ist angelehnt an das Salutogenesemodell von Aaron Antonovsky. Die gesundheitlichen Auswirkungen, mögliche Stressoren und Ressourcen werden auf der physischen und psychischen Ebene untersucht. Der Kohärenzsinn in Form von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit im Kontext des christlichen Glaubens durchleuchtet. Das Kapitel psychische Gesundheit beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen R/S und Coping, zu unterschiedlichen psychischen Erkrankungen wie bspw. Depression, zum subjektiven Wohlbefinden und mit den Wirkungspfaden von R/S auf psychisches Wohlbefinden. Das Kapitel physische Gesundheit beschäftigt sich mit den Wirkungspfaden von R/S auf körperlicher Ebene. Das Suizidverhalten wird in dieser Arbeit, obwohl meist der Psyche zugeordnet, in der physischen Ebene untersucht. Unter dem Argument, dass ein Suizid oder Suizidversuch einen sehr körperlichen Akt darstellt. Außerdem wird das Suchtverhalten und als Letztes die Compliance im Kontext von R/S beleuchtet.

1.1 Methodik

Es wurde eine systematische Literaturrecherche, eine Schlüsselwortsuche und eine Closed-circle Recherche durchgeführt. Die Recherche erfolgte außerdem in der Bibliothek der Hochschule für Gesundheit unter der Thematik „Religion und Gesundheit“. Die systematische Literaturrecherche erfolgte auf der PubMed Datenbank durch Mesh-Terms ((("Christianity"[Mesh]) AND "Religion"[Mesh]) AND "Religion and Medicine"[Mesh]) AND "Religion and Psychology"[Mesh]. Der Filter wurde für die Literatur ab dem 1.1.1990 gesetzt. Die Suche lieferte 178 Treffer. Nach Durchsicht der Titel wurden 24 Artikel in die Vorauswahl der EndNote Literaturverwaltung aufgenommen. Die Schlüsselwortsuche nach „Glaube Religion Gesundheit“ auf der Thieme Connect Online-Plattform lieferte 107 Treffer. Nach Durchsicht der Titel wurden 7 Artikel in die Vorauswahl genommen. In der Closed-circle Recherche wurden nach Durchsicht der Literaturverzeichnisse der Artikel, 18 weitere Artikel in die Vorauswahl aufgenommen. 3 Fachbücher wurden aus der Hochschulbibliothek der Vorauswahl hinzugefügt. Die Literatur lag in deutscher und englischer Sprache vor. Somit wurden 52 Literaturquellen in die Vorauswahl aufgenommen. Nach Durchsicht der Abstracts wurden 18 Literaturquellen als Grundlage für diese Arbeit ausgewählt. 34 Artikel wurden ausgeschlossen, da sie thematisch nicht der Beantwortung der Fragestellung dienten, zwar einen Bezug zu Religion und Spiritualität hatten aber nicht den gesundheitlichen Aspekt untersuchten.

2.Ergebnisse

2.1Psychische Gesundheit

Etwa 80 % der Studien beschäftigten sich mit den psychischen Gesundheitsauswirkungen von R/S (Koenig 2012). Das breite Forschungsfeld über den Zusammenhang zwischen R/S und psychischer Gesundheit sei überwiegend im US-amerikanischen Raum angelegt. Dort habe R/S eine größere Bedeutung als in Deutschland. Ca. 95 % der US-Amerikaner glauben an Gott und ca. 66 % gehören einer Glaubensgemeinschaft an. Für 55 % sei R/S sehr wichtig in ihrem Leben.

In Deutschland gehören ca. 65 % einer christlichen Glaubensrichtung an. Jedoch sei für nur ca. 20 % ihr Glaube wichtig und ca. 54 % der Ostdeutschen sahen sich als Atheisten (Klein und Albani 2007). R/S gehe mit einer tendenziell besseren psychischen Gesundheit einher. Mit weniger Stress, höherer Lebenszufriedenheit und längerem Leben. Der positive Effekt schien umso stärker je intrinsischer die R/S ausgeprägt war (Klein und Albani 2007). R/S gehe mit tendenziell geringerer Depressivität einher und könne sich als eine unterstützende Ressource erweisen. Eine intrinsisch motivierte R/S könne die Symptome einer depressiven Episode abschwächen. Eine stark ausgeprägte Depression könne allerdings die aus R/S geschöpfte Ressource außer Kraft setzen (Grom 2012). Eine innerliche R/S stehe im negativen Zusammenhang mit Angstsymptomen. Gegenteilig könne, eine von außen motivierte R/S von Angstsymptomen begleitet sein (Klein und Albani 2007).

Die Ressource begründe sich nicht in R/S per se, sondern hänge davon ab wie R/S in die Bewältigungsfähigkeiten (Coping) eines Individuums integriert sei. Die Forschung unterscheidet zwischen einem positiven und einem negativen Coping im Kontext von R/S. Positives religiöses Coping (PRC) sei geprägt durch eine positive Beziehung zu Gott mit einem Gefühl von Verbundenheit und Lebenssinn. Negatives religiöses Coping zeichne sich wiederum durch eine negative und ambivalente Gottessicht aus, welcher oft streng sowie richtend wahrgenommen werde (Wigger et al. 2008, Sulmasy 2009, Voltmer et al. 2010). Im Trauerfall stehe NRC mit größerer emotionaler Belastung, stärker ausgeprägter depressiver Symptomatik und einer posttraumatischen Belastungsstörung im Zusammenhang. NRC wirke sich eher als zusätzlicher Stressor aus indem das Trauerereignis als Strafe Gottes angesehen werde begleitet vom Gefühl der Schuld (Voltmer et al. 2010). PRC hingegen wirke unterstützend im posttraumatischen Verarbeitungsprozess und der persönlichen Reifung. Die Stichprobe von 60 trauernden Probanden limitiere allerdings die Aussagekraft der Studie (Wigger et al. 2008). PRC könne als ein Puffer fungieren und Depressivität, Ängstlichkeit sowie Lebensunzufriedenheit reduzieren. PRC könne als zusätzliche Bewältigungsressource die allgemein-menschlichen Copingfähigkeiten unterstützen (Grom 2012).

Unter 303 Befragten einer evangelischen Kirchengemeinde in den USA wurde das subjektive Wohlbefinden im Zusammenhang mit der religiösen Hingabe untersucht. Die religiöse Hingabe wurde an der Anzahl an Kirchenbesuchen, Gebeten und den verbrachten Stunden beim Lesen der Bibel gemessen.

Nach Ergebnis der Studie sei das subjektive Wohlbefinden umso höher je stärker der Score der religiösen Hingabe. So könne das subjektive Wohlbefinden unter Christen verbessert werden, indem die religiöse Hingabe erhöht werde (Macilvaine et al. 2013). Andere Studien lieferten allerdings widersprüchliche Ergebnisse. So wirkte sich in einigen Studien höhere R/S positiv auf die psychische Gesundheit aus (Büssing und Mundle 2012). Den anderen Studien nach stehe extreme R/S im Zusammenhang mit höherer Depressivität (Bonelli 2016).

Zwei Übersichtsarbeiten fassen die Ergebnisse zu psychischer Gesundheit und R/S zusammen. Eine deutliche Mehrheit der 454 Studien zum Thema Coping zeigte eine helfende Wirkung von R/S beim Umgang mit negativen Ereignissen wie Krankheiten, Schmerzen, Trauer und terroristischen Anschlägen. 79 % der 326 Studien zum besseren subjektiven Wohlbefinden zeigten einen signifikanten Zusammenhang mit R/S auf. 29 der 40 Studien zum Hoffnungsempfinden berichteten von einem positiven Zusammenhang mit R/S. 81 % der 32 Studien wiesen einen Zusammenhang von R/S mit optimistischer Lebenseinstellung auf (Koenig 2012, Bonelli 2016). 42 der 69 Studien zur Selbstachtung beschrieben einen positiven Zusammenhang mit R/S. 3 % lieferten gegenteilige Ergebnisse. Niedrigere Selbstachtung könne durch Religiosität entstehen, da diese oft die Demut betone. 61 % der 444 Studien zu Depression und R/S berichteten von einem negativen Zusammenhang. Bei 6 % stand R/S mit erhöhter Depressivität in Verbindung. 56 % der 70 Langzeitstudien berichteten von milderen Symptomen infolge von Depressivität, wenn R/S stärker ausgeprägt war. 10 % der Studien gingen von einer erhöhten Depressivität aus. 33 % der 43 Studien stellten einen negativen Zusammenhang von psychotischen Symptomen mit R/S fest, während 23 % einen positiven Zusammenhang aufzeigten. 82 % der 74 Studien fanden eine signifikante Verbindung zwischen R/S und sozialer Unterstützung (Koenig 2012, Bonelli 2016).

So finde sich nach Auswertung aller Studienergebnisse der Übersichtsarbeiten bei 74,4 % der publizierten Studien eine statistisch signifikante Korrelation zwischen R/S und besserer psychischer Gesundheit. Das Vorurteil R/S wirke sich generell negativ auf die psychische Gesundheit aus, sei damit eindrucksvoll widerlegt. Vielmehr müsse R/S als eine psychodynamische Ressource angesehen werden. Jedoch solle diese nicht unkritisch verschrieben werden (Koenig 2012, Bonelli 2016).

Die Wirkungsweise von R/S auf die psychische Gesundheit sei ein komplexes Geflecht an Mechanismen (siehe Abb.1). So könne R/S zur Stressbewältigung beitragen, indem einem negativen Ereignis ein Sinn zugesprochen und eine positivere Weltsicht produziert wird. Im Rahmen des positiven religiösen Coping (PRC) trete Gott als eine Kontrollinstanz in Erscheinung, die existenzielle Ängste reduziere (Koenig 2012, Bonelli 2016). Die Dogmatik und das Vorhandensein von Regeln in religiösen Instanzen könne, bei Befolgung, negative Lebensereignisse verhindern. Die Abwendung solcher Ereignisse wie Scheidung, Straftaten bzw. Gefängnisaufenthalt und riskante sexuelle Praktiken führe zu positiveren Emotionen, wodurch das Risiko schlechter psychischer Gesundheit reduziert werde (Koenig 2012, Bonelli 2016). Außerdem führe prosoziales und helfendes Engagement der Nächstenliebe zu einem besseren subjektiven Wohlbefinden. Im negativen Fall könne Religion durch Exklusion, Ächtung, Verurteilung, Angst, Zwang und Kontrolle die psychosoziale Belastung erhöhen. Das Gefühl von Schuld und Sündhaftigkeit führe im Zusammenspiel mit negativem religiösen Coping (NRC) zu schlechterer psychischer Verfassung (Koenig 2012).

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