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Problemlagen der Interviewführung in fremdsprachlichen und interkulturellen Kontexten am Beispiel von Experteninterviews

Hausarbeit 2017 21 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Arbeitsweisen der Sozialwissenschaft
2.2 Experteninterviews als qualitative Erhebungsmethode
2.3 Begriffsdefinitionen
2.4 Kommunikationsmodelle

3. Methodische Herangehensweise

4. Problemfelder der interkulturellen Experteninterviewf ü hrung
4.1 Notwendige tatsächliche Kompetenzen des Interviewers
4.2 Status und zugeschriebene Kompetenz aus Perspektive des zu Interviewenden
4.3 Problemfeld sprachliche Kompetenz
4.4 Problemfeld non-verbalen Kommunikation
4.5 Problemfeld Inhaltsebene
4.6 Problemfeld Beziehungsebene
4.7 Problemfeld Indexikalität

5. Diskussion und m ö gliche L ö sungsstrategien

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Zeit der internationalen Globalisierung können sich Menschen aus allen Kulturen unseres Planeten begegnen. Diese Kontaktsituationen erfordern insbe- sondere von Wissenschaftlern ein hohes Maß an interkultureller Kompetenz so- wie den Mut, sich komplexeren Anforderungen in der Kultur übergreifenden Kommunikation zu stellen (ERLL; GYMNICH 2014: 6). Im Zuge ihrer Untersu- chungen und unter Zuhilfenahme von quantitativen und qualitativen Methoden stellen sich zahlreiche Wissenschaftler der Herausforderung, ihre Forschungs- frage auch in fremdsprachlichen bzw. interkulturellen Kontexten zu beantwor- ten. Qualitative Methoden kommen dabei zum Einsatz, um eine begrenzte An- zahl von Fällen ganzheitlich und umfassend zu analysieren (HEISER 2017: 12). Eine erprobte Erhebungsmethode aus der qualitativen Methodologie ist das Ex- perteninterview. Aufgrund der hohen Bedeutung der genannten Methode ist es wichtig, sich mit möglichen Fehlerquellen auseinanderzusetzen, insbesondere im interkulturellen Kontext. Das Thema dieser Hausarbeit ist daher von hoher Aktualität und praktischer Relevanz. Ein Kapitel wird sich mit der Auswahl und Darstellung der Methode Experteninterview als zentralen Untersuchungsgegen- stand beschäftigen. Zuvor soll erläutert werden, wie sich die gängigen Methodo- logien in den Sozialwissenschaften voneinander unterscheiden. Um sich weiter- führend der Fragestellung hermeneutisch anzunähern, sollen einschlägige Be- grifflichkeiten und Modelle erklärt werden. Die methodischen, aber auch die for- schungspraktischen Problemlagen, die sich etwa aus Sprachbarrieren oder unter- schiedlichen kulturellen Prägungen von Interviewer und Informant ergeben, sol- len anschließend in dieser Arbeit dargelegt werden. Dabei werden sowohl Um- stände, die vom Forschenden als hinderlich wahrgenommen werden könnten, als auch unbewusste Fehlerquellen thematisiert. Des Weiteren sollen mögliche Kon- sequenzen der Problemlagen für wissenschaftliche Forschungsergebnisse erar- beitet werden. Abschließend findet eine Diskussion der Analyseergebnisse statt und es werden mögliche Lösungsstrategien aufgezeigt.

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Arbeitsweisen der Sozialwissenschaft

Die Sozialforschung formuliert an sich selbst den Anspruch, die tatsächliche Wirklichkeit unvoreingenommen zu ergründen. Nach anerkannter wissenschaft- licher Verfahrensweise bedient man sich der folgenden Methodologien, um die genannte Zielvorstellung erreichen zu können: Der quantitativen sowie der qua- litativen Forschung (KRUSE 2009: 1). Beide Methodologien grenzen sich jedoch voneinander ab und zeichnen sich durch eindeutige Charakteristika aus.

Die quantitative Sozialforschung ermöglicht das Entdecken und Erklären linear strukturierter und kausaler Zusammenhänge. Im generellen quantitativen Forschungsverständnis existiert eine grundsätzliche objektive Realität, die ob- jektive Erkenntnisse wiederum ermöglicht (KROMREY 2009: 22). Dabei werden standardisierte Verfahrung mit dem Ziel eingesetzt, Muster bei der Begutachtung zahlreicher Fälle zu identifizieren und repräsentative Aussagen für eine größere Zielgruppe treffen zu können. Das quantitative Methodenparadigma folgt dabei einer deduktiven Logik. Deduktives Vorgehen bedeutet, dass beispielhaft von einer allgemeinen Theorie auf besondere Einzelfälle geschlossen wird. Im Sinne des quantitativen Vorgehens heißt dies konkret, zuvor aufgestellte Hypothesen unter Anwendung des Falsifikationsprinzips des Kritischen Rationalismus zu überprüfen und anschließend gegebenenfalls zu modifizieren. Erhebungsmetho- den in der quantitativen Forschung sind statistische Verfahren, die entsprechend ausgewertet werden können (BURZAN 2015: 21 ff.). Im Kontrast zur quantitati- ven Forschungslogik wenden Wissenschaftler qualitative Methoden an, um eine begrenzte Anzahl von Fällen ganzheitlich und umfassend zu analysieren. Dabei bezieht die Methodologie ihre Erklärungskraft grundlegend aus der interpretati- ven Soziologie, zum Beispiel vom symbolischen Interaktionismus und weiter- führenden Handlungstheorien (FLICK 2009: 12 ff.). Letztendlich soll die For- schungsfrage beantwortet und die inhaltliche Basis begründeter Theorien gelegt werden. Dabei kommen die grundlegenden Prinzipien „Interpretation“ und „Re- konstruktion“ unter Beachtung von kontextbezogenen Zusammenhänge zum Einsatz (HEISER 2017: 12). Das qualitative Methodenparadigma folgt im Gegen- satz zu quantitativen Vorgehensweisen einer induktiven Logik, bei der von Ein- zelfällen auf eine allgemeine Regel geschlussfolgert wird. Erhebungsmethoden der qualitativen Methodologie sind hermeneutischer Art bzw. „Statistik unty- pisch“ (BURZAN 2015: 22-23). Als Beispiele für qualitative Erhebungsmethoden können das Experteninterview oder die qualitative Inhaltsanalyse genannt wer- den.

2.2 Experteninterviews als qualitative Erhebungsmethode

Interkulturelle Kommunikation ist für die Sozialwissenschaft im Allgemeinen von großer Bedeutung. Besonders wenn zwischenmenschliche Kommunikation gefragt ist, wie beispielsweise bei einem Experteninterview, kommt der Sensibi- lität für fremdsprachliche und interkulturelle Zusammenhänge eine besondere Relevanz zu. In diesem Kontext entscheiden die kommunikativen Fähigkeiten des Interviewers über Erfolg und Misserfolg der Datengenerierung (ERLL; GYM- NICH 2014: 79 ff.). Generell haben Experteninterviews eine beachtliche Bedeu- tung in der Forschungspraxis (BOGNER; LITTIG; MENZ 2014: 1). In dieser Arbeit möchte ich mich daher auf den Spezialfall des Experteninterviews als qualitative Erhebungsmethode beschränken.

Im Mittelpunkt des Experteninterviews stehen die sogenannten Experten, die nach GLÄSER und LAUDEL (2017: 1). folgendermaßen definiert werden: „Experten sind Menschen, die ein besonderes Wissen über soziale Sachverhalte besitzen“. Diese fungieren in ihrer Funktion somit als Medium der Wissensüber- mittlung. Des Weiteren spielt die mögliche Praxiswirksamkeit des Wissens der interviewten Experten eine wichtige Rolle, da diese Handlungsbedingungen von anderen Akteuren strukturieren bzw. einen erheblichen Einfluss auf diese ausü- ben. Das Expertenwissen wird aus diesem Grund über die „soziale Wirkmäch- tigkeit“ definiert und bekommt eine besondere Bedeutung verliehen (BOGNER; LITTIG; MENZ 2014: 13). Experteninterviews dienen somit dem Zweck, Wissen zu erschließen und können als Methode zur Rekonstruktion sozialer Gegeben- heiten klassifiziert werden. Experteninterviews sind besonders wichtig für die Sozialwissenschaften, da sie es ermöglichen, wenig untersuchte Sachverhalte so- wie die persönliche Sicht der Beteiligten und deren Motive, Erfahrungen und Interpretation der Realität zu ergründen. Darüber hinaus lassen die so gewonne- nen Erkenntnisse auf Handlungs- und Entscheidungsmuster und mögliche zu- künftige Verhaltensweisen schließen. (BOGNER; LITTIG; MENZ 2014: 2 ff.).

2.3 Begriffsdefinitionen

Um die Problemlagen interkultureller Experteninterviews beleuchten zu können, sollten zunächst einige Begrifflichkeiten eingehender betrachtet werden. „Kul- tur“ ist ein geläufiger Begriff, der bisher in der Wissenschaft jedoch keine um- fassende und abschließende Definition erfahren hat, da sich der Begriff aus zahl- reichen Aspekten des menschlichen Lebens zusammensetzt und vom wissen- schaftlichen Schwerpunkt des Betrachters abhängt (BROSZINSKY-SCHWABE 2017: 80). So sahen sich die amerikanischen Anthropologen KROEBER und KLUCKHOLM bereits Anfang der 1950iger Jahre mit mehr als 170 verschiedenen Definitionen von Kultur konfrontiert (1952: 41 ff.). Der eigentliche Ursprung des Wortes ist jedoch deutlich älter und wohl auf die lateinischen Begriffe ‚co- lere‘ (anbauen) und ‚cultura‘ (Landwirtschaft) zurückzuführen. Die Worther- kunft legt damit auch einen gemeinsamen Nenner aller Definitionen nahe: Die Unterscheidung zwischen Natur und menschlicher Schaffenskraft. BÖHME defi- niert Kultur als „die Kunst (‚ars‘, ‚téchne‘), durch welche Gesellschaften ihr Überleben und ihre Entwicklung in einer übermächtigen Natur sichern“ (1996: 53). Komplexere Gesellschaften erfordern selbstverständlich eine differenzier- tere Auslegung. Kultur wird daher oft mit ‚Zivilisation‘ gleichgesetzt und schließt Sozialisation, Ethik und künstlerische Ausdrucksformen einer Gemein- schaft ein. Eine weitere Bedeutungsebene wurde durch die Sozialanthropologie hinzugefügt und bezieht die Denk- und Handlungsweisen und psychologischen Muster einer Gruppe von Menschen in bestimmten Situationen ein. Vor diesem Hintergrund prägte HOFSTEDE die Definition von Kultur als “the collective pro- gramming of the mind distinguishing the members of one group or category of people from another“ (1991: 73). ‚Category‘ ist dabei weit auszulegen und be- zieht sich etwa auf Nationen, Ethnien, Religionen, Berufe, Organisationen oder Gender.

Die gegenwärtig existierende Vielfalt der Begriffsdefinitionen wurde von RECKWITZ (2004) in einer ‚Typologie des Kulturbegriffs‘ systematisiert. Er un- terscheidet dabei einen normativen, totalitätsorientierten, differenztheoretischen und bedeutungs-/wissensorientierten Kulturbegriff. Der normative Kulturbegriff ist heute weitestgehend verworfen, da er Kultur restriktiv auf ‚Hochkultur‘ be- schränkt. Der differenztheoretische Kulturbegriff ist ebenfalls eng gefasst, je- doch ohne normative Unterscheidungen. Er ist aus der Systemtheorie abgeleitet und begrenzt Kultur auf „das enge Feld der Kunst, der Bildung, der Wissenschaft und sonstiger intellektueller Aktivitäten“ (RECKWITZ 2004: 6). Im Gegensatz dazu ist der totalitätsorientierte Kulturbegriff nicht nur wertneutral, sondern be- müht sich um eine ganzheitliche Annäherung, die besonders die Gleichwertig- keit verschiedener Kulturen betont. Für den Zweck der vorliegenden Arbeit wird der fachübergreifend favorisierte bedeutungs- und wissensorientierte Kulturbe- griff herangezogen. Dieser ist semiotisch sowie konstruktivistisch geprägt und bezeichnet Kultur als „den vom Menschen erzeugten Gesamtkomplex von Vor- stellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen, der sich in Symbolsystemen materialisiert“ (NUENNING 2009). Dazu zählen neben den materialen Ausprägungen auch soziale Institutionen und mentale Dispositi- onen, die wiederum das Entstehen solcher bedingen. Der Begriff vereint folglich mehrere Dimensionen von Kultur, sowohl den materialen Aspekt als auch As- pekte von sozialen und mentalen Dimensionen (POSNER 2008: 54).

2.4 Kommunikationsmodelle

„Kommunikation beschreibt den Austausch von Informationen zwischen einem Sender und einem Empfänger“ (SCHWARZ 2016: 305). Dafür codiert der Sender mithilfe von verbalen und non-verbalen Symbolen eine Vorstellung, die der Empfänger decodiert. Nach WATZLAWICK schwingen bei jeder Kommunikation zudem ein Inhalts- und ein Beziehungsaspekt mit. Während der Inhaltsaspekt die Sachebene darstellt, handelt es sich beim Beziehungsaspekt um eine Metaebene, die aussagt, wie der Sender einer Mitteilung diese vom Empfänger verstanden wissen möchte (WATZLAWICK; BAVELAS; JACKSON 2017: 61 ff.). Denn zusätz- lich zur objektiven Wortbedeutung enthält eine Nachricht weitere, oft non-ver- bale Informationen. Beispielsweise darüber, wie der Sender sich selbst im Verhältnis zum Empfänger wahrnimmt. Daraus leitete WATZLAWICK sein erstes Axiom, das metakommunikatives Axiom, ab: Man kann nicht nicht kommunizieren (WATZLAWICK; BAVELAS; JACKSON 2017: 57 ff.).

Auf der Grundlage von WATZLAWICKS Überlegungen entwickelte SCHULZ VON THUN sein Kommunikationsmodell von den vier Seiten einer Nachricht (siehe Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die vier Seiten einer Nachricht, Illustration nach SCHULZ VON THUN (2008: 30).

Diesem Modell zufolge enthält jede Nachricht die vier Facetten Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell, wobei die Gewichtung der einzelnen Facetten unterschiedlich ausfallen kann. Sender und Empfänger werden in glei- chem Maße von diesem Modell berücksichtigt. Kommunikationsstörungen kön- nen dann auftreten, wenn auf Seiten des Empfängers einseitige Empfangsge- wohnheiten ausgebildet wurden, sodass ein Konflikt zum Beispiel irrtümlicher- weise auf der Beziehungsebene und nicht auf der Sachebene ausgetragen wird (SCHULZ VON THUN 2008: 64).

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Details

Seiten
21
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668603530
ISBN (Buch)
9783668603547
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384882
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
problemlagen interviewführung kontexten beispiel experteninterviews

Autor

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Titel: Problemlagen der Interviewführung in fremdsprachlichen und interkulturellen Kontexten am Beispiel von Experteninterviews