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Hidden Champions. Der deutsche Mittelstand als Erfolgsfaktor

Fachbuch 2018 90 Seiten

BWL - Unternehmensforschung, Operations Research

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einführung in das Thema
1.1 Relevanz des Themas
1.2 Gang der Untersuchung

2 Theoretischer Bezugsrahmen und wissenschaftliche Einordnung
2.1 Abgrenzung und Definitionen
2.2 Historie des deutschen Mittelstandes
2.3 Prinzipien erfolgreicher Unternehmensführung im deutschen Mittelstand, dargestellt am Beispiel der "Hidden Champions"

3 Volkswirtschaftliche Bedeutung des Mittelstandes
3.1 Rahmenbedingungen des Mittelstandes in Deutschland
3.2 Internationalisierung und Auslandsinvestitionen

4 Fazit, Handlungsempfehlung und Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wer zum Mittelstand gehört

Abbildung 2: Die zehn Leitindikatoren des Wohlstandes

Abbildung 3: Was Marktführerschaft ausmacht.

Abbildung 4: Gute versus schlechte Marktanteile

Abbildung 5: Diversifikationsstragie und Unternehmenserfolg

Abbildung 6: Ausgewählte Firmenbeispiele für weiche Diversifikationen

Abbildung 7: Die schärfsten Konkurrenten der Hidden Champions nach Regionen

Abbildung 8: Häufigkeit von Wettbewerbsvorteilen der Hidden Champions

Abbildung 9: Wichtigkeit von Kundenanforderungen

Abbildung 10: Standorte der anspruchsvollsten Kunden

Abbildung 11: Stufen des Innovationsprozesses: Generierung und Adaption

Abbildung 12: Vernetzung u. Rechenleistung öffnen neue Gestaltungs- u. Optimierungsdimensionen für Wertschöpfungssysteme (Vertikale Integration)

Abbildung 13: Fluktuationsraten im Vergleich, Quelle: Hernstein Institut

Abbildung 14: Innere Stärken der Hidden Champions

Abbildung 15: Persönlichkeitsmerkmale der Hidden Champions Führer

Abbildung 16: Level-5-Hierarchie. Die fünf Ebenen individueller Führungskompetenz

Abbildung 17: Anteile mittelständischer Unternehmen in Deutschland in Prozent

Abbildung 18: Anteile der KMU an ausgewählten gesamtwirtschaftlichen Größen nach Wirtschaftsbereichen in Prozent im Jahr 2013

Abbildung 19: Drei Säulen der Mittelstandspolitik

Abbildung 20: Growth-Champions nach Ländern in 2012

Abbildung 21: Der Mittelstand in Europa in Prozent

Abbildung 22: Strukturpolitik der EU

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Übersicht über potentielle strategische Erfolgsfaktoren

Tabelle 2: Die Marktanteile der Hidden Champions

Tabelle 3: Markt - und Wettbewerbsstruktur der Hidden Champions

Tabelle 4: Die Hidden Champions als Arbeitsplatzbeschaffer

Tabelle 5: Merkmale von KMU zu Großunternehmen 2013

1 Einführung in das Thema

1.1 Relevanz des Themas

Unsere freie Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt, die neben den Großbetrieben und Konzernen Grundpfeiler der Sozialen Marktwirtschaft sind und für eine ausgewogene Struktur der heutigen Unternehmenslandschaft sorgen. In einer modernen und zukunftsgewandten Wirtschaft und Gesellschaft, wird es ohne den Mittelstand keinen ökonomischen Aufschwung geben. Der deutsche Mittelstand wird durch gesellschaftliche Veränderungen, dem Wandel im Konsumverhalten, strukturelle wirtschaftliche Entwicklungen sowie neue und angepasste Gesetzmäßigkeiten immer wieder vor große Herausforderungen gestellt. Dennoch gelingt es den meisten KMU, sich unabhängig von der Konjunkturlage, national wie international zu behaupten, obwohl der EU Binnenmarkt neuen Wettbewerbern stets den Zugang zu den europäischen Märkten ermöglicht.[1]

1.2 Gang der Untersuchung

Die Arbeit versucht zu erklären, warum es dem deutschen Mittelstand gelingt, weltweit Beachtung auf ihre Produkte zu lenken und nicht selten sogar die Weltmarktführerschaft zu übernehmen, obwohl diese Firmen in Deutschland oftmals einen geringen Bekanntheitsgrad genießen. Das wird anhand von Beispielen einiger Hidden Champions beschrieben, die einen Teil des deutschen Mittelstandes erfolgreich repräsentieren. Bei dieser Teil-Gruppe hat sich eine umfangreiche Wissens- und Datenbasis angesammelt, die den erreichten Erfolg umfassend belegt.[2] Es wird versucht, die Abgrenzung zur Großkonzernlandschaft und die unterschiedlichen Ausgangspositionen im nationalen und internationalen Wettbewerb zu beschreiben. Die Arbeit behandelt außerdem die Sorge, ob die Bundesregierung wie auch die Europäische Union alles unternehmen, um Hemmnisse für den Mittelstand abzubauen und binnenmarktorientierte Handlungsfelder aufzuzeigen. Für den Außenstehenden scheint es doch eher der Fall zu sein, dass die Rahmenbedingungen durch mehr Regulierungen und Bürokratie für den deutschen Mittelstand nachhaltig erschwert werden. Das behaupten jedenfalls nicht wenige kritische Stimmen mittelständischer Unternehmer, die meinen, dass ihre Nöte und Existenzängste bei der Politik auf wenig Gehör stoßen. In der Regel mangelt es immer wieder an Konsequenzen und politischer Durchschlagskraft.[3]

Die zentralen Punkte und Erkenntnisse dieser Arbeit lassen sich in drei Forschungsfragen wie folgt zusammenfassen:

1. Was macht den Erfolg des deutschen Mittelstandes für Wohlstand und Wachstum der deutschen Volkswirtschaft aus, und welche Erkenntnisse sind daraus zu ziehen?
2. Warum ist es für den Wohlstand und das Wachstum der deutschen Volkswirtschaft so wichtig, den Mittelstand durch eine an seinen Bedürfnissen ausgerichtete Mittelstandspolitik seitens der Bundesregierung zu begleiten und zu unterstützten?
3. Ist der deutsche Mittelstand für die schwierigen Aufgaben und Herausforderungen der Zukunft entsprechend gerüstet, um seine Bedeutung für Wohlstand und Wachstum der deutschen Volkswirtschaft zu erhalten?

Bevor die Erfolgsfaktoren mittelständischer Unternehmen untersucht und beschrieben werden, erscheint es angemessen, die Historie und die Wurzeln des deutschen Mittelstandes etwas genauer zu betrachten. Der Mittelstand hat eine lange Tradition, deren Entwicklung nicht immer eine Erfolgsstory war. In der Arbeit wird versucht, einen Streifzug durch wichtige historische Ereignisse zu unternehmen, um dann auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse die volkswirtschaftliche Bedeutung des Mittelstandes hervorzuheben und einen aktuellen Bezug zu wichtigen Mittelstandsthemen herzustellen.

2 Theoretischer Bezugsrahmen und wissenschaftliche Einordnung

2.1 Abgrenzung und Definitionen

2.1.1 Definition und geschichtliche Entwicklung des Mittelstand

Der Begriff "Mittelstand" ist im politischen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch seit jeher vieldeutig und umstritten. Über die letzten Jahrhunderte erlebte der Begriff "Mittelstand" mehrfach einen Sinnwandel.[4] Die Begriffe Klein- und Mittelbetriebe sowie Mittelstand werden in der Literatur oftmals synonym verwandt, wobei dem Mittelstand auch eine soziologische Komponente zugewiesen werden kann.[5] Der Wortgeschichte aus dem 17. Jahrhundert entnehmend, wurde die Bedeutung des Mittelstandes in jener Zeit zwischen einem "mittleren Zustand" und einer "gesellschaftlichen Mittellage" als schwankend betrachtet. Im Zeitalter der Aufklärung und in der deutschen Klassik wird der Begriff "Mittelstand" einer bestimmten sozialen Schicht zugeordnet, etwa alle Beamten, Handelsleute oder Fabrikanten. Am Anfang des 19. Jahrhunderts umfasste jedoch der Mittelstand nicht das gesamte Bürgertum und schloss Handwerker und Krämer aus, die nach Wilhelm von Humboldt weder zu den ehemaligen Zünften, noch zum Adel gehörten; auch wenn gleichwohl des Öfteren vom "bürgerlichen Mittelstand" die Rede war.[6]

Etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts wird der Mittelstandsbegriff auf die gewerbliche Wirtschaft bezogen, dem auch zu jener Zeit die Selbsteinschätzung mittlerer Unternehmer entspricht, die sich als Fabrikanten und Kaufleute des Mittelstandes verstanden. Im Zuge zunehmender Industrialisierung wurde der Mittelstandsbegriff nun auch für andere Schichten frei und mit unterschiedlichen Bedeutungen belegt. Während Karl Marx den Handwerkerstand als Kern des Mittelstandes ansah und diesen als konservativen Faktor den Fabriken gegenüberstellte, beschränkte Otto von Bismarck den Mittelstand auf kleinbürgerliche Schichten und Großgrundbesitzer.[7] Zu populärer Geltung gelangte der Mittelstandsbegriff gegen Ende des 19. Jahrhunderts und schien auf eine vorindustrielle Gesellschaftsverfassung hinzuweisen. Im herrschenden Sprachgebrauch war der Mittelstand nicht mehr das gebildete und besitzende Bürgertum, sondern die Kleingewerbetreibenden vor allem in Handwerk und Handel. Durch den 1892 im Tivoliprogramm proklamierten "Mittelstand in Stadt und Land", wurden die Bauern ausdrücklich mit einbezogen.[8] Seit der Jahrhundertwende wurde der Mittelstandsbegriff mehr denn je von der sozial-ökonomischen Zugehörigkeit bestimmt. In diesem Zusammenhang setzte sich die Unterscheidung zwischen einem wirtschaftlich selbstständigen "alten" Mittelstand von Kleingewerbetreibenden (Handwerkern und Händlern) sowie freien Berufen und einem wirtschaftlich unselbstständigen "neuen" Mittelstand von Angestellten und Beamten durch.[9]

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es genauso problematisch ist, einzelne Gruppen des gewerblichen Mittelstandes mit Hilfe ökonomischer Kriterien abzugrenzen, wie die Bemühungen, den Mittelstand zu definieren. Heute ist die klassische Mittelstandsdefinition an der formalrechtlichen Selbstständigkeit geknüpft und wird u.a. durch Beteiligungsverhältnisse festgelegt. Wenn keine Beteiligung eines Großunternehmens von über 25 Prozent vorliegt, gilt ein KMU als selbstständig.[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wer zum Mittelstand gehört[11]

Mittlerweile kann man durchaus von einer Erosion des klassischen Mittelstandes sprechen, denn immer weniger Mittelständler erfüllen dieses Kriterium, und sehen in der kapitalseitigen Beteiligung eines Großunternehmens die (einzige) Chance zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit.[12] Das Qualität als ein besonderes Merkmal der Handwerksarbeit im Unterschied zur industriellen Massenproduktion gesehen wird, ist aber in die wissenschaftliche Literatur eingegangen.[13] Der Mittelstand ist zweifellos eine der wichtigsten Antriebskräfte der sozialen Marktwirtschaft.[14]

2.1.2 Mittelstandspolitik

Politik ist die Gesamtheit aller Aktivitäten zur Vorbereitung und Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher und/oder am Gemeinwohl orientierter und der ganzen Gesellschaft zugute kommender Entscheidungen (Thomas Meyer).[15]

Die Mittelstandspolitik ist nur schwer von anderen Politikbereichen abgrenzbar. Zum einen legt sie den Fokus noch zielgerichteter auf mittelstandsrelevante Aspekte als die allgemeine Wirtschaftspolitik, zum anderen ist Mittelstandspolitik jedoch weitaus mehr als nur reine Mittelstandsförderung. Die Innovations- und Regionalpolitik sendet ebenfalls wichtige mittelstandspolitische Impulse. Demnach kann man Mittelstandspolitik als eine spezielle Politik für die mittelständische Wirtschaft bezeichnen, die dem Nachteilsausgleich kleiner und mittlerer Unternehmen dienen soll, wobei nicht geklärt ist, inwieweit diese Nachteile politisch verursacht oder tatsächlich der kleinen oder mittleren Unternehmensgröße entstammen.[16]

Ziele der Mittelstandspolitik

- Wettbewerbspolitisch: Förderung des marktwirtschaftlichen Leistungswettbewerbs, Sicherung einer dynamischen Wettbewerbsordnung.
- Strukturpolitisch: Ausgleich von größenbedingten Nachteilen, Erhöhung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.
- Wachstumspolitisch: Sicherstellung eines nachhaltigen und regional ausdifferenzierten Wachstums.
- Innovationspolitisch: Unterstützung innovativer Forschungsarbeiten, Förderung der Anwendung von FuE-Ergebnissen.
- Versorgungspolitisch: Sicherung der Bedarfsdeckung.
- Beschäftigungspolitisch: Sicherung und Schaffung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen.
- Gesellschaftspolitisch: Sicherung und Ausbau einer Kultur der Selbstständigkeit.[17]

Im Grunde hat jede Unternehmensgröße in der Marktwirtschaft spezifische Vor- und Nachteile. Diese Ansicht vertritt das Institut für Mittelstandsforschung (IFM) in Bonn in einer neuen Studie. Aufgrund der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung ist der Nachteil bei den kleineren Unternehmen nicht mehr so gravierend wie früher. Moderne Mittelstandspolitik sollte daher zum Ziel haben, das allgemeine Umfeld für die kleinen und mittleren Betriebe zu verbessern, das Verständnis für die Unternehmer zu fördern und somit Anreize für eine unternehmerische Tätigkeit zu schaffen. In diesem Zusammenhang kritisiert die Studie die immer weiter ausdifferenzierten Förderprogramme als "Förderdschungel".[18] Insgesamt kann die Mittelstandspolitik als ein Politikfeld beschrieben werden, das die gängigen Arbeits- und Ressortteilungen übergreift und somit eine Querschnittsaufgabe einnimmt.[19]

Bevor die Frage aufkommt, wie eine gute Mittelstandspolitik zu funktionieren hat, sollte kritisch hinterfragt werden, ob der Mittelstand über eine angemessene Interessenvereinigung verfügt, die seine Belange und Forderungen deutlich adressiert. Daran hat das IFM in seiner Studie Zweifel angemeldet und festgestellt, dass dem Mittelstand ein übergeordneter Dachverband fehle, ähnlich dem Bundesverband der Deutschen Industrie oder der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände.[20] Als Beispiel kann die überraschend große Ablehnungs- und Protestwelle gegen das Transatlantische Freihandelsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union angeführt werden. Bei diesem Thema ist der industrielle Mittelstand in der Öffentlichkeit nicht ausreichend wahrnehmbar und artikuliert seine Interessen nicht deutlich genug.[21] Aufgrund der Heterogenität des Mittelstandes sei es aber zumindest zweifelhaft, wenn nicht sogar unmöglich, ob ein solcher Dachverband überhaupt existieren könne, der für alle Beteiligten als Ganzes spreche. Die Mittelstandspolitik wird somit durch die Vielfalt des Mittelstandes immer wieder vor große Herausforderungen gestellt. Denn Probleme bei der Willensbildung und Sprechfähigkeit des Mittelstandes erschweren der Politik herauszufinden, warum z. B. bestimmte Förderprogramme nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben.[22]

2.1.3 Wohlstand und Wachstum

Wohlstand als positiver Zustand wird individuell unterschiedlich wahrgenommen und ist deshalb schwer definierbar.[23] Im ökonomischen Sinn ist der materielle Wohlstand der Grad der Versorgung von Personen, privaten Haushalten oder der gesamten Gesellschaft mit Gütern und Dienstleistungen, der für eine Volkswirtschaft anhand des Bruttoinlandsprodukts oder Pro-Kopf-Einkommen gemessen wird. Im weiteren Sinne wird unter Wohlstand auch das persönliche Wohlbefinden im Sinne von Lebensqualität verstanden. Im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen wird immer mehr gefordert, immaterielle Wohlstandswerte wie z. B. die geistige Entwicklung und das seelische Gleichgewicht stärker zu berücksichtigen.[24] Das Ergebnis einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos aus dem Jahr 2012 zeigt, dass trotz eines stetig steigenden BIP die eigene Situation der Deutschen immer düsterer eingeschätzt wird. Die Studie räumt mit dem Irrglauben auf, dass ein höherer Lebensstandard zwangsläufig ein höheres Maß an Zufriedenheit mit sich bringt. In der Rangfolge von vier erfassten Grundbedürfnissen lag zwar der ökonomische Wohlstand in Bezug auf ein sicheres Einkommen und einen sicheren Arbeitsplatz vorn. An zweiter Stelle folgte aber schon der individuelle Wohlstand, der sich in einer soliden Gesundheitsversorgung, Unbeschwertheit und Furchtlosigkeit vor der Zukunft ausdrückt. An dritter Stelle rangierte der gesellschaftliche Wohlstand, der sich in einem Leben in Frieden und Freiheit, sowie in freier Meinungsäußerung ausdrückt. Als viertes Kriterium wurde der ökologische Wohlstand ermittelt.[25]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die zehn Leitindikatoren des Wohlstandes[26]

Wachstum im weiteren Sinn beschreibt die Zunahme einer wirtschaftlichen Größe im Zeitablauf. Das kann sich sowohl auf private Haushalte (z. B. Wachstum des verfügbaren Einkommens, der Konsumausgaben oder des Geldvermögens), als auch auf Unternehmen (Unternehmenswachstum z. B. gemessen an Eigenkapital, Wertschöpfung oder Umsatz) beziehen. Wachstum im engeren Sinn bezieht sich dagegen auf gesamtwirtschaftliche Größen und stellt die dauerhafte und langfristige Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts dar.[27] Die monetäre Änderung des BIP wird als nominales Wirtschaftswachstum definiert, während beim realen Wirtschaftswachstum die Preissteigerung heraus gerechnet wird.[28] Unter quantitativem Wachstum versteht man die rein mengenmäßige Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Produktion in Bezug auf eine Sozialproduktgröße (z. B. BIP). Eine Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktion ergibt sich also aus einer positiven Veränderung des aktuellen BIP zum BIP der Vorperiode. Qualitatives Wachstum entsteht neben der reinen Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktmenge durch die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen, die Schonung der Umwelt oder die gerechte Einkommensverteilung.[29] Vom Nullwachstum spricht man dann, wenn sich das BIP nicht verändert. Werden Begriffe wie mittel- oder langfristiges Wachstum bzw. Trendwachstum verwendet, sind vorübergehende saisonale und konjunkturelle Schwankungen der Wirtschaftsentwicklung nicht berücksichtigt.[30]

Der 17. Deutsche Bundestag hatte 2010 die Einsetzung einer Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität - Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichen Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft" mit dem Auftrag beschlossen, den Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft zu ermitteln, einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator zu entwickeln und die Möglichkeiten und Grenzen der Entkopplung von Wachstum, Ressourcenverbrauch und technischen Fortschritt auszuloten.[31] Einhergehend mit der dramatischen Veränderung der Konsummuster und der konsumierten Produkte, hat sich im Verlauf der Zeit das Wohlstandsverständnis innerhalb der Gesellschaft entsprechend angepasst und ebenfalls geändert. Stand seit Beginn der Industrialisierung für mindestens 150 Jahre der Wunsch nach verbesserten materiellen Lebensbedingungen im Vordergrund, sind es heute doch zunehmend immaterielle Aspekte des Wohlstandes, wie Bildung, Orientierungswissen und ausreichend Freizeit, um das gestiegene Niveau des materiellen Wohlstandes überhaupt nutzen zu können.[32] Bei dem in modernen Industrienationen zu beobachtenden Wachstum handelt es sich in aller Regel um qualitatives Wachstum, ausgelöst durch technischen Fortschritt und entsprechender Qualitätssteigerung bei Produkten und Dienstleistungen. Quantitatives Wachstum findet dagegen nur noch in Entwicklungs- und Schwellenländern statt, da hier breite Bevölkerungsschichten zunächst mit elementaren Grundbedürfnissen wie Nahrung, Kleidung und Unterkunft versorgt werden müssen.[33]

Obwohl das BIP in gewissem Umfang den Wohlstand eines Landes abbildet und darüber hinaus mit anderen Wohlstandsindikatoren korreliert, hat es auch Schwächen. So wird kritisiert, dass sich der durch technischen Fortschritt entwickelte Wohlstand nicht zwangsläufig und ausschließlich in Produkten und Dienstleistungen ausdrückt, sondern von Menschen auch zu erhöhtem Freizeitkonsum, unentgeltlichen Tätigkeiten wie Kindererziehung oder bürgerlichem Engagement - etwa zum Schutz der vernachlässigten natürlichen Umwelt - genutzt wird, was sich eben nicht im BIP und damit auch nicht im wirtschaftlichen Wachstum widerspiegelt.[34] Zusammengefasst betrifft das die unzureichende Möglichkeit des Messens aller in einer Volkswirtschaft erbrachten Leistungen, wie das Nichterfassen innerhalb von Haushalten erbrachten Leistungen sowie aller Leistungen, die nicht auf offiziellen Märkten getauscht werden, die somit der sogenannten Schattenwirtschaft zugerechnet werden.[35] Die Enquete-Kommission kommt zu dem Schluss, dass jeder Versuch, Wohlstand und Lebensqualität "objektiv" und abschließend zu beurteilen, zum Scheitern verurteilt ist. Ebenso wäre in einer liberalen und pluralistischen Gesellschaft eine allgemeinverbindliche Festlegung von Faktoren, die zum Wohlstand und zur Lebensqualität gehören, unvereinbar. Für die Politik ist es die Aufgabe und Verpflichtung, dass jeder Mensch die Bedingungen vorfindet, um für sich Wohlstand und Lebensqualität zu verwirklichen.[36] Es müssen heute die Weichen gestellt werden, damit die nachfolgenden Generationen in Wohlstand leben können. Dafür wird langfristiges unternehmerisches Denken in der Politik gebraucht. Gleichzeitig muss das bewährte Wirtschafts- und Sozialsystem zukunftsfest aufgestellt, der demographische Wandel generationsgerecht bewältigt, und in Zukunftstechnologien und Infrastrukturen investiert werden. Nur so kann der Satz von Ludwig Ehrhard "Wohlstand für alle" auch bedeuten: "Wohlstand für die nächsten Generationen!"[37]

2.1.4 Erfolgsfaktor

Der Begriff Erfolgsfaktor beinhaltet sämtliche Quellen des Unternehmenserfolges.[38] Somit muss er als mehrdimensionale Größe interpretiert werden. Als Erfolgsfaktoren werden Kriterien oder Charakteristika verstanden, die nicht nur den Erfolg, sondern auch den Misserfolg einer Unternehmung oder Branche, einer strategischen Geschäftseinheit, eines Produkts oder Marke beeinflussen. Erfolgsfaktoren, die inner- und außerbetrieblich zu suchen sind, haben immer eine strategische Dimension. Sie sind langfristig angelegt und sollen möglichst einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz bewirken.[39] Als Synonyme können strategische Schlüsselfaktoren oder strategische Erfolgsdeterminanten genannt werden.[40] Desweiteren lassen sich folgende Arbeitsdefinitionen treffen:

- Ein Erfolgsfaktor ist ein unabhängiges Merkmal/ Konstrukt, das signifikante Beziehungen zur abhängigen Variable Unternehmenserfolg aufweist.
- Als zentrale Erfolgsfaktoren werden die Erfolgsfaktoren bezeichnet, die bei den erfolgreichen Unternehmen stark überdurchschnittlich und bei den weniger erfolgreichen Unternehmen stark unterdurchschnittlich ausgeprägt sind.[41]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Übersicht über potentielle strategische Erfolgsfaktoren[42]

2.2 Historie des deutschen Mittelstandes

Von Anfang an war das Verhältnis des gewerblichen Mittelstandes zum nationalsozialistischen Regime von Ambivalenz geprägt. Das Kleingewerbe konnte zu Recht darauf verweisen, entscheidend an den Wahlerfolgen der NSDAP beigetragen zu haben.[43] Die Grunderfahrung der Krise seit Beginn der Weimarer Republik führte den alten Mittel-stand zu einer politischen Rechtswanderung. Man avancierte zum wichtigsten Fundament der NSDAP Wählerschaft[44] und war plötzlich Teil des Systems. In diesem Zusammenhang kann man als Beispiel die Familie Freudenberg nennen, die den Historiker Joachim Scholtyseck beauftragt hat, die Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus vom heutigen internationalen Mischkonzern Freudenberg zu erforschen. Selten wurde gerade diese Vergangenheit mittelständischer familiengeführter Unternehmen aus dem ländlichen Raum aufgearbeitet, die am Anfang des 20. Jahrhunderts noch die meisten industriellen Arbeitsplätze stellten. Das Ergebnis zeigte, dass neben siebzig Unternehmen (u. a. Salamander, Continental, Bata, Westland-Gummiwerke) auch die Unternehmensgruppe Freudenberg eine Rolle an der sogenannten "Schuhprüfstrecke" für Schuhsohlen spielte, die zu Forschungszwecken für Lederersatzstoffe im Jahr 1940 im KZ Sachsenhausen eingerichtet wurde, wo mit dem zu prüfenden Material viele Häftlinge unter brutalen Bedingungen ihr Leben lassen mussten. Trotzdem wird der persönlich haftende Gesellschafter der damaligen Lederfabrik, Richard Freudenberg, als wirtschaftsbürgerlicher Verfechter der Weimarer Republik und wegen seiner Mitgliedschaft in der linksliberalen DDP als Verteidiger der Demokratie beschrieben, der lediglich den richtigen geschäftlichen und moralischen Kompass in der Tasche trug, was sich auch schon im Kaiserreich bewährte. Aber er war auch kein knorriger Gegner Hitlers wie zum Beispiel Robert Bosch. Vielmehr hat man sich im Hause Freudenberg gedacht, dass es so schlimm nicht werden wird und sich mit jedem weiteren Schritt mit der NS-Wirtschaftspolitik arrangiert. So wurden mehrere Unternehmen jüdischer Schuhfabrikanten (u.a. Conrad Tack & Cie. AG) nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten aufgekauft. In seinem Fazit spricht der Historiker Scholtyseck deshalb auch von einer "Hineinverwicklung" in die Verbrechen des "Dritten Reiches", obwohl Richard Freudenberg keineswegs zu den bedenkenlosen Unternehmern vom Schlag eines Friedrich Flick oder Günther Quandt gehörte. Die Zwiespältigkeit aber blieb, auch im Umgang mit den Zwangsarbeitern.[45]

Sozial gesehen war die NSDAP eine Volkspartei mit ausgeprägten mittelständischen Zügen, politisch dagegen agierte sie absolutistisch und alles andere als eine Mittelstandspartei.[46] Die nationalsozialistischen Mittelstandsideologen hatten kaum Einfluss auf den wirtschaftspolitischen Entscheidungsprozess, was auch in der weitgehenden Revidierung formaler Konzessionen an die Stände zum Ausdruck kam. Ein Mittelstandsschutz gehörte nicht zum wirklichen Anliegen des nationalsozialistischen Regimes. Argumentiert wurde das in Veröffentlichungen, wonach man mit Mittelstandsideologen keine Volkswirtschaft, die die Wirtschaft des Volkes darstellt, aufbauen kann. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der Mangel an politischem Einfluss des gewerblichen Mittelstandes zu Zeiten des Nationalsozialismus genauso groß gewesen ist, wie in allen Zeiten zuvor.[47]

Seit Entstehung der Bundesrepublik hat es ein mit der Weimarer Republik vergleichbares Mittelstandsproblem nicht gegeben. Der gewerbliche Mittelstand ist aus dem zweiten Weltkrieg ökonomisch gestärkt hervorgegangen, da der wirtschaftliche Wiederaufbau enorme Entwicklungschancen bot, die sich mit der Zeit nach 1918 nicht vergleichen lassen. Die Aufstiegstendenzen der Jahre 1924 bis 1928 wurden seit 1948 durch die Konjunkturentwicklung deutlich übertroffen. Zwischen den Jahren 1936 und 1961 stieg der Anteil des Handwerks am Bruttosozialprodukt von einem Zwölftel auf ein Neuntel. In dieser Zeit konsolidierte sich der gewerbliche Mittelstand durch eine abnehmende Zahl der Handwerksbetriebe bei gleichzeitiger Erhöhung der Beschäftigten pro Betrieb.[48] Schnell zeigte sich, dass im Zuge einer wohlstandsbedingten Bedürfnisbefriedigung die Abhängigkeiten zur Großindustrie, die auf kleinere und mittlere Unternehmen mit spezieller Produktausrichtung nicht mehr verzichten konnten, der ökonomische Machtgewinn und Handlungsspielraum von Mittel- und Kleinunternehmen zunehmend begrenzt wurde. Das bedeutete, dass von einem effektiven mittelständischen Gegengewicht zur Konzernlandschaft nicht die Rede sein konnte. Das wurde insbesondere dadurch deutlich, dass im Einzelhandel die Großunternehmen durch Supermärkte und Selbstbedienungswarenhäusern die kleinen "Tante Emma Läden" in zunehmenden Umfang zur Geschäftsaufgabe zwangen. Die strukturellen sozialen Veränderungen haben tendenziell zu einem Funktionswandel des gewerblichen Mittelstandes geführt, der sich von einer Gegnerschaft zur Großindustrie in eine Partnerschaft verwandelt hat. Diese Partnerschaft basiert zwar nicht auf Gleichberechtigung, sondern vielmehr auf Anerkennung sowie Vertragstreue und stellt somit in gewisser Weise eine Schutzfunktion für den gewerblichen Mittelstand dar.[49]

In der Bundesrepublik hat sich der gewerbliche Mittelstand fest etabliert. Die politische Kultur in Deutschland wurde kaum so unangefochten von - auf konservativen Grundstimmungen basierenden - mittelständischen Wertevorstellungen beherrscht wie in der Ära Adenauer. Demnach bietet eine breite und wirtschaftliche unabhängige Mittelstandschicht die sicherste Grundlage für eine gesunde Entwicklung der Gesellschaftsordnung und Wirtschaft. Das war die Voraussetzung für die Entwicklung des Mittelstandes als Erfolgsfaktor für Wohlstand und Wachstum der deutschen Volkswirtschaft. Der Basiskompromiss zwischen der Industrie und den selbständigen Mittelschichten wurde politisch fest institutionalisiert, was in der Weimarer Republik nicht gelungen war.[50]

2.3 Prinzipien erfolgreicher Unternehmensführung im deutschen Mittelstand, dargestellt am Beispiel der "Hidden Champions"

Aufgrund Jahrzehnte langen Erfolges und einer messbaren Datenbasis verdienen es die Hidden Champions, als Teilgruppe des deutschen Mittelstandes gewürdigt zu werden. In der deutschen betriebswirtschaftlichen Literatur wurde der Begriff "Hidden Champions" erstmals von Hermann Simon gebraucht. Demnach handelt es sich dabei um Unternehmen von geringer bis mittlerer Unternehmensgröße auf Nischenmärkten, mit dem zentralen Merkmal psychologischer Marktführerschaft als Ergebnis einer Kombination von geistiger Führung und Umsetzungsführerschaft. Dieser Anspruch ist erfüllt, wenn ein erster oder zweiter Rang im Weltmarktanteil vorliegt. Daneben gibt es aber auch Nischenanbieter, die ihren eigenen Markt bilden und praktisch keine Wettbewerber haben. Das wichtigste Unternehmensziel solcher Firmen ist die Sicherung der langfristigen Unternehmensexistenz und in diesem Zusammenhang zu wissen, was man eben nicht will. Aus erlebten Krisen gehen sie in der Regel gestärkt hervor.[51] Hidden Champions sehen sich im Durchschnitt seit 22 Jahren als Marktführer, was einen sehr langen Zeitraum darstellt.[52]

Primär ist die Strategie der Hidden Champions leistungs- und nicht preisorientiert. Durch das Aussondern schwacher Teammitglieder bei geringerer Arbeitsteilung wird eine engere Beziehung des flexibleren Mitarbeiters zum Endprodukt hergestellt. Simon beschreibt die Führung der Hidden Champions als extrem motiviert und autoritär in den Grundwerten, aber partizipativ in operativen Fragen. Als weitere zentrale Erfolgsfaktoren für das Erreichen von Wettbewerbsvorteilen der Hidden Champions werden Produktnähe, Kundennähe, Innovation und Service gesehen.[53]

2.3.1 Ambitiöse Ziele: Durch Marktführerschaft und Wachstum zum Wettbewerbsvorteil

Für viele Hidden Champions ist Marktführerschaft Ziel und Identitätskriterium zugleich.[54] Es kommt im Wesentlichen darauf an, Ziele, die den Marktführungsanspruch betreffen, entsprechend zu formulieren und diese effektiv nach innen wie nach außen zu kommunizieren. Die Firma Siltronic, Weltmarktführer bei Wafern aus Reinstsilizium, definiert ihre Sicht auf Führung, indem man die Erwartungen ihrer Kunden voraussieht. Für die Firma Sick, einer der Weltmarktführer in der Sensortechnik bedeutet Führerschaft, dass man zum Maßstab für andere wird.[55] Marktführerschaft ist letztendlich der umfassende hohe Anspruch auf Führung in Technologie, Qualität, Bekanntheit, und Prestige gegenüber Marktteilnehmern. Nur so wird die Akzeptanz der Marktteilnehmer auf die eigene Führungsrolle erlangt. Erst danach folgen Umsatz und Stückzahl. Dabei steht eher die wert- und nicht die mengenmäßige Ausschöpfung des Marktes im Vordergrund.[56]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Was Marktführerschaft ausmacht.[57]

Von Marktführerschaft spricht man also, wenn die Wettbewerber dem Vorbild eines Unternehmers folgen. Die Preisführerschaft ist in diesem Zusammenhang die bekannteste Form, in der ein Wettbewerber mit Preisänderungen vorangeht und die anderen nachziehen.[58]

Die Tabelle 2 zeigt, dass Weltmarktführerschaft nicht gleich Marktführerschaft in Europa oder in Deutschland bedeuten muss. Absolute Marktanteile entsprechen dem Prozentsatz, den man am Gesamtmarkt hat. Dagegen zeigt der relative Marktanteil den eigenen Marktanteil, dividiert durch den Marktanteil des stärksten Konkurrenten. Dabei hält nur der Marktführer einen relativen Marktanteil von größer als 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Die Marktanteile der Hidden Champions[59]

Marktführerschafts- und Wachstumsziele ergänzen sich synergistisch, also sich gegenseitig fördernd.[60] Wenn man bei den Hidden Champions Wachstum und Marktposition simultan betrachtet, ist seit 1995 eine positive Entwicklung festzustellen. Sie haben ihre Marktführerschaft gegenüber ihren stärksten Konkurrenten nicht nur gefestigt sondern noch ausgebaut.[61] Die herausragenden Treiber des Wachstums sind dabei Globalisierung und Innovation, aber auch in zunehmenden Maße Diversifikation.[62]

Dabei ist Wachstum nicht immer das Allheilmittel. Es gibt unter den Hidden Champions auch "Wachstumsabstinenzler" wie z. B. handwerklich geprägte Unternehmen mit geringem Wachstum oder hoher Marktvolatilität, die in kleinen überschaubaren Nischenmärkten operieren und bei ihrer Größe bleiben wollen.[63]

Im Übrigen ist das Verhältnis von Wirtschaftswachstum, gesellschaftlichem Wohlstand und Umweltschutz als ambivalent zu bezeichnen. Wirtschaftswachstum trägt einerseits zum Wohlstand bei und schafft Einkommen und Arbeitsplätze. Auf der anderen Seite trifft das Ausbleiben von Wachstum besonders die Schwächsten der Gesellschaft unmittelbar und hart, wie durch die Finanzkrise ab 2008 im Euroraum deutlich wurde. Ein hohes Wirtschaftswachstum sollte jedoch gesellschaftliche Verteilungskonflikte entschärfen und die Umverteilung von Einkommen erleichtern. Das bedeutet, Wohlstand ohne Wachstum braucht eine gleichmäßige Einkommensverteilung. Wird es in Zukunft zu keiner Reduzierung der Ungleichheit kommen, werden auch aus ökologischer Sicht die Grenzen des Wachstums immer deutlicher. Beim aktuellen Stand der Technik führt ein regelmäßiger Anstieg des BIP durch Klimaveränderungen aufgrund von Treibhausgasemissionen zu negativen Folgen für die Umwelt. Der gesellschaftliche Wohlstand könnte längerfristig durch umweltbelastendes Wirtschaftswachstum und aufkommendes gesellschaftliches Konfliktpotenzial gefährdet werden.[64]

Höhere Marktanteile tragen aber zum Wachstum bei und Wachstum wiederum erlaubt mehr Investitionen in den Ausbau der Marktposition. Bei den hohen Marktanteilen der Hidden Champions, die sich immer auf einen konkreten Markt beziehen, spricht man von sogenannten "guten" Marktanteilen mit entsprechend hoher Profitabilität, die durch Leistung und nicht über eine aggressive Preispolitik verdient werden.[65]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Gute versus schlechte Marktanteile[66]

Oftmals wird Marktführerschaft dem Unternehmenserfolg gleichgesetzt. In der Regel wird dabei der Unternehmenserfolg ohne Bezugnahme auf Marktanteile definiert, obwohl doch häufig ein positiver statistischer Zusammenhang zwischen dem Marktanteil und populären Renditemaßen, wie z. B. dem RoI, festgelegt wird. Unter einem Marktführer wird zunächst das Unternehmen mit dem höchsten Marktanteil verstanden, dem es offenbar besser als der Konkurrenz gelingt, seine Leistungen auf die Erfordernisse des Marktes abzustimmen.[67] Diese operative Exzellenz gepaart mit der Strategie sind gleichermaßen wichtig, um herausragende Leistungen zu erzielen. Das kann an Praktiken liegen, die z. B. bessere Produkte entwickeln oder eine effizientere Nutzung der Produktionsfaktoren ermöglichen (z. B. Senkung der Fehlerquote). Eine Strategie zeichnet sich dagegen durch Einzigartigkeit aus, d.h. eine bewusste Kombination von Tätigkeiten so zu wählen, die für den Kunden einen einzigartigen Mix an Werten darstellen.[68]

Es hat sich gezeigt, dass Unternehmen mit der Erweiterung ihres Marktanteils auch die profitabelsten sind. Das geht aus der PIMS-Studie hervor, in der die große Bedeutung des Marktanteils und des Marktwachstums als Leitgrößen der strategischen Unternehmensführung hervorgehoben wird.[69] Entscheidend ist die Wettbewerbsposition, denn empirisch betrachtet korreliert kaum eine Variable so hoch mit dem Unternehmenswert wie die Marktführerschaft. Frei nach dem Motto: Lieber im schlechten Markt führen, als im besten Markt Durchschnitt sein.[70]

2.3.2 Fokus- aber auch Ansätze zur weichen Diversifikation

Der Unternehmenserfolg wird immer kurzlebiger. Ein verändertes Nachfrageverhalten und abnehmende Produktzyklen tragen ganz wesentlich dazu bei, dass Unternehmen neue Geschäftsfelder erschließen müssen, wenn ihre aktuellen Geschäftsfelder Gefahr laufen, unprofitabel zu werden.[71] Wachstumsgrenzen auf etablierten, meist engen Märkten, lassen auch den Hidden Champions kaum eine Wahl als den Weg der Diversifikation.[72] Ein Ausruhen auf aktuell gültige Kernkompetenzen lässt über die Zeit Wettbewerbsvorteile schmelzen. Daher ist bei der Identifizierung neuer Trends von Bedeutung, entsprechend neue Kernkompetenzen aufzubauen.[73] Als Diversifikation wird die Ausdehnung der Geschäftstätigkeit eines Unternehmens in ein neuartiges Geschäftsfeld verstanden.[74] Als Dimensionen für Geschäftsausweitungen werden "Produkte" und "Markt/Kunden", jeweils mit den Ausprägungen "alt" oder "neu" unterschieden. Die von Igor Ansoff Mitte der sechziger Jahre begrifflich eingeführte Diversifikation bedeutet eine Neuerung sowohl bei den "Produkten" als auch bei "Markt/Kunden" und stellt somit die risikoreichste Kombination dar.

[...]


[1] Vgl. Rexroth, G. (1997), S. 19

[2] Vgl. Simon, H. (2007), S. 30

[3] Vgl. Oetker, A. (1997), S. V (Vorwort)

[4] Vgl. Winkler, H. (1972), S. 21

[5] Vgl. Hurth. J. (1998), S. 9

[6] Vgl. Winkler, H. (1972), S. 21

[7] Vgl. ebd. S. 22

[8] Vgl. ebd. S. 23

[9] Vgl. ebd. S. 24

[10] Vgl. Reiß, M. (1998), S. 27

[11] Vgl. www.iwd.de

[12] Vgl. Reiß, M. (1998), S. 27

[13] Vgl. Winkler, H. (1972), S. 25

[14] Vgl. Stammes, G. (1993), S. 32

[15] Vgl. de.wikipedia.org

[16] Vgl. Röhl, K. (2005), S. 5

[17] Vgl. Schleef, S. (2005), S. 44

[18] Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 14.06.2016, S. 21

[19] Vgl. Röhl, K. (2005), S. 5

[20] Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 14.06.2016, S. 21

[21] Vgl. Beeger B./ Knop C. (2016), Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 21.06.2016, S. 26

[22] Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 14.06.2016, S. 21

[23] Vgl. www.de.wikipedia.org

[24] Vgl. www.bpb.de

[25] Vgl. www.ipsos.de

[26] Vgl. Enquete-Kommission (2013), S. 237, gefunden unter: www.bundestag.de

[27] Vgl. www.bpb.de

[28] Vgl. www.bmwi.de

[29] Vgl. www.bpb.de

[30] Vgl. www.bmwi.de

[31] Vgl. Enquete-Kommission (2013), S. 20, gefunden unter: www.bundestag.de

[32] Vgl. ebd. S. 234, 235

[33] Vgl. Enquete-Kommission (2013), S. 102, 103, gefunden unter: www.bundestag.de

[34] Vgl. Enquete-Kommission (2013), S. 103, gefunden unter: www.bundestag.de

[35] Vgl. www.wirtschaftslexikon.gabler.de

[36] Vgl. Enquete-Kommission (2013), S. 234, 235, gefunden unter: www.bundestag.de

[37] Vgl. Bahlsen, W. M. (2016), Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 21.06.2016, S. W1

[38] Vgl. Schmitt, E. (1997), S. 65

[39] Vgl. Hurth, J. (1998), S. 57

[40] Vgl. ebd. S. 46, 47

[41] Vgl. ebd. S. 48

[42] Schmitt, E. (1997), S. 13

[43] Vgl. Winkler, H. (1972), S. 186

[44] Vgl. Unterstell, R. (1989), S. 133

[45] Vgl. Knop, C. (2016), Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 11.05.2016, S. 18

[46] Vgl. Unterstell, R. (1989), S. 134

[47] Vgl. Winkler, H. (1972), S. 187

[48] Vgl. Winkler, H. (1972), S. 187

[49] Vgl. ebd. S. 188

[50] Vgl. ebd.

[51] Vgl. Hurth, J. (1998), S. 32

[52] Vgl. Simon, H. (2012), S. 147

[53] Vgl. Hurth, J. (1998), S. 33

[54] Vgl. Simon, H. (2007), S. 69

[55] Vgl. Simon, H. (2012), S. 135

[56] Vgl. Simon, H. (2007), S. 75

[57] Vgl. ebd. S. 76

[58] Vgl. ebd. S. 133

[59] Vgl. ebd. S. 77, 78

[60] Vgl. Simon, H. (2012), S. 147

[61] Vgl. ebd. S. 146

[62] Vgl. Simon, H. (2007), S. 66, 67

[63] Vgl. ebd. S. 64, 65

[64] Vgl. van Treeck, T. (2016), gefunden unter: www.bpb.de

[65] Vgl. Simon, H. (2012), S. 140, 147

[66] Vgl. Simon H. (2007), S. 145

[67] Vgl. Schmitt (1997), S.48

[68] Vgl. Porter, M. (2012), S. 7

[69] Vgl. Ebert, M. (2010), gefunden unter: www.youtube.com

[70] Vgl. Weissmann, A. (2015), S. 116, 117

[71] Vgl. Deeg, J. (2005), S. 62, 63

[72] Vgl. Simon, H. (2012), S. 339

[73] Vgl. Weissmann, A. (2015), S. 133

[74] Vgl. Schmitt, E. (1997), S. 120

Details

Seiten
90
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960952121
ISBN (Buch)
9783960952138
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384463
Note
Schlagworte
kleine und mittlere Unternehmen deutscher Mittelstand Hidden Champions Mittelstandspolitik Globalisierung

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Titel: Hidden Champions. Der deutsche Mittelstand als Erfolgsfaktor