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Das mittelalterliche Städtewesen zur Zeit der Hohenstaufer

Seminararbeit 2004 25 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kontroversen um die mittelalterliche Stadt

3. Das mittelalterliche Welt- und Stadtbild

4. Stadtgründungen im „staufischen Jahrhundert“

5. Elemente der mittelalterlichen Stadt

6. Die Stadtgründung in der Praxis

7. Städtische Wohnbauten

8. Öffentliche Bauten

9. Aufstieg und Niedergang mittelalterlicher Städte

10. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es gibt wohl nur wenige Forschungsbereiche, die sich ihrer Erschließung so sehr zu erwehren vermögen, wie das Thema der Stadt im Mittelalter. Die praktischen Gründe hierfür sind naheliegend: Städte sind dynamische Zentren pulsierenden Lebens, sie überdauern die Jahrhunderte nicht in statischen Zuständen gleich bleibender Größe, Form und Bebauung. Nur in den wenigsten europäischen Städten wird man heute noch Reste der wirklich mittelalterlichen Bebauung vorfinden können. Gebäude verfielen, wurden abgerissen oder renoviert, fielen Bränden und Bombardements zum Opfer. Die Fundamente dieser Gebäude wurden im Laufe der Zeit immer wieder überbaut, so dass zum heutigen Zeitpunkt in den meisten Fällen nichts mehr an das mittelalterliche Stadtbild erinnert.[1]

Ausgenommen von diesem Prozess sind häufig lediglich die städtischen Sakralbauten, die, obwohl auch sie im Laufe der Jahrhunderte äußerliche und innerliche Veränderungen erfahren haben, zumindest noch im Kern Bauelemente des Mittelalters enthalten und noch immer an derselben Stelle stehen, wie zum Zeitpunkt ihrer Errichtung. Dieser zweite Gesichtspunkt ist es, der für die Erforschung der mittelalterlichen Stadt häufig von unschätzbarem Wert ist, da Kirchenbauten schon im Mittelalter als Repräsentationsbauten einzelner Stadtviertel galten und als solche zumeist im Zentrum der Bebauung situiert waren. Dem Erforscher der mittelalterlichen Stadtstrukturen, sei er nun Archäologe, Bauforscher oder Kunsthistoriker, wird somit zumindest ein erster Ansatzpunkt geliefert.

2. Kontroversen um die mittelalterliche Stadt

a) Forschungsansätze

Das Stichwort „Ansatzpunkt“ führt sodann auch zum zweiten generellen Problem der Erforschung dieses Themenbereichs. Die Stadt im Mittelalter ist ein interdisziplinäres Thema und bietet als solches ein exzellentes Diskussionsforum für all diejenigen Vertreter ihres Fachbereichs, die ihre eigene Herangehensweise an das Thema als einzig richtigen Ansatz gegenüber allen anderen Methoden verteidigen zu müssen glauben.[2] So geht etwa der topographische Ansatz davon aus, dass allein die Lage der Stadt innerhalb bestimmter geographischer Gegebenheiten, wie etwa der Lage zum Meer, an Flüssen oder anderen wichtigen Verkehrsadern ihre Bedeutung ausmache, da die Situierung über Aufstieg und Niedergang einer Stadt entscheide. Der ökonomische Ansatz stellt hingegen den Markt als zentrales Merkmal der Stadtentwicklung heraus, da dieser als Anziehungspunkt für örtliche Handwerker und Fernhändler die wirtschaftliche Entwicklung, und somit die Bedeutung der ganzen Stadt bestimme. Der Sozialwissenschaftliche Ansatz ist geprägt vom Gemeindebegriff des Politologen Max Weber[3]. Ihm zufolge führt der Freiheitsdrang der Städter zur Bildung von Genossenschaften, wodurch sich ein Verbundscharakter einstelle, der schließlich in einer teilweisen Autonomie der Städte münde, die ihre gesellschaftliche Bedeutung ausmache. Problematisch gestaltet sich auch der Versuch, die Bedeutung der Stadt an ihrer mittelalterlichen Terminologie festzumachen. Hier gelten die lateinischen Bezeichnungen verschiedener Siedlungsformen: villa = Dorf, oppidum = größere Ansiedlung, urbes = Städte mit zentraler Bedeutung und civitates = Städte mit eigener Verfassung als Indikator. Der historische Ansatz schließlich geht von einem ganzen Bündel von Merkmalen städtischer Qualität aus, die zusammen den Begriff der Stadt im Mittelalter definieren.[4]

Die kunstgeschichtliche Betrachtungsweise wurde in dieser Auflistung bislang noch nicht erwähnt. Dabei ist gerade sie die Herangehensweise an das Phänomen Stadt, die am kontroversesten diskutiert wird. Auffällig ist, dass der Kunstgeschichte oftmals geradezu unterstellt wird, zur Erforschung dieses schwierigen Themas nichts sinnvolles beitragen zu können, da sie mit der Betrachtung der Stadt als Kunstwerk das Wesentliche aus den Augen verliere. Als Beispiel soll an dieser Stelle ein Zitat des Freiburger Archivdirektors Berent Schwineköper dienen, welches seinem Vortrag bei der 16. Arbeitstagung des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung im April 1977 entnommen ist: „[...] Weiterer Anlass zu Fehleinschätzungen ist dadurch gegeben, dass die Betrachtungsweise, die von Architekten und Kunsthistorikern zuerst angewandt worden ist, sich zu ausschließlich auf die bauliche Gestaltung der Stadtpläne und vor allem die Art der Straßenführung beschränkt. [...] Auch die Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen für die Gründung einer Stadt [...], wird von der baugeschichtlichen Betrachtungsweise nicht in der Weise eingeschätzt, wie es ihr eigentlich zukäme. Und dass eine mittelalterliche Stadt in erster Linie wirtschaftliche und soziale Bedeutung hat, mithin nicht allein als Kunstwerk aufzufassen ist, wurde bisher von den Kunsthistorikern allzu sehr aus den Augen verloren. [...]“[5]

b) Fragestellung

Da es keineswegs Sinn und Zweck dieser Arbeit sein kann, nach dem Vorbild von Herrn Schwineköper eine substanzlose Kritik an den verschiedenen methodischen Herangehensweisen an die Erforschung des mittelalterlichen Städtewesens zu üben, möge diese Kontroverse nunmehr in den Hintergrund rücken, nachdem hoffentlich gezeigt werden konnte, wie sich die Beschäftigung mit interdisziplinären Themenbereichen oftmals schon in der theoretischen Diskussion über die vorauszusetzende Qualifikation erschöpfen kann. Im Folgenden soll vielmehr die konstruktive Fragestellung überprüft werden, ob es möglich ist, in der Betrachtung der mittelalterlichen Stadt, in diesem Fall am Beispiel der Städte der Stauferzeit, eine Programmatik zu erkennen. Ist die staufische Stadt neben ihrer Funktion als wirtschaftliches und soziales Gefüge vielleicht doch als ein Kunstwerk, als ein Denkmal für das politische Programm des Herrschers zu verstehen?

3. Das mittelalterliche Welt- und Stadtbild

Um die Programmatik mittelalterlichen Städtebaus nachvollziehen zu können, ist es unerlässlich, sich einen kurzen Überblick über das mittelalterliche Weltbild zu verschaffen. Das Weltbild der Menschen im Mittelalter prägte die Struktur ihres Denkens und Handelns. Es war streng hierarchisch aufgebaut, was sich am Sichtbarsten in der nach Ständen geordneten Gesellschaft niederschlug.[6] An oberster Stelle standen Kaiser und Papst, als weltlicher und geistlicher Herrscher der von Gott geschaffenen Erde. Die Welt, als ein Gefüge von Raum und Zeit, wurde mit dem Begriff der „civitas terrana“ bezeichnet.[7] Als physisches Gebilde war sie unbeständig, ein Ort, an dem Dinge und Menschen dem Verfall anheimfielen und das letztendlich aufhören würde, zu existieren. Dieser Welt, in der die Menschen des Mittelalters glaubten zu leben, wurde die „civitas dei“ entgegengesetzt, als Zeit der göttlichen Ewigkeit und Vollkommenheit.[8] Dieser Vollkommenheit als himmlischem Vorbild galt es, bereits in der „civitas terrana“ nachzueifern, man strebte nach einem Anteil des göttlich geordneten Kosmos auf Erden.[9] Abbildungen der „civitas dei“ spiegelten sich in den verschiedensten Formen wieder, von denen die teilweise bis heute erhaltenen kartographischen Darstellungen des „durch Gott dreigeteilten Kosmos“ und der „in Christus gekreuzigten“ Welt die aussagekräftigsten sind.[10] Dieses Schema übertrug sich in kleinerem Maßstab auch auf die Anlage von Städten. Als Beispiel für die Stadt Gottes auf Erden diente das „Neue Jerusalem“[11], im Gegensatz zur Versinnbildlichung aller Sünden, der Stadt Babylon, wie bereits in der Bibel, in der Offenbarung des Johannes[12], deutlich wird. Die Grundsätze des mittelalterlichen Denkens zielten auf die Erhaltung der hierarchischen, von Gott gewollten Ordnung hin. Das Idealbild der Stadt war daher streng symmetrisch im Aufbau und von allem Zufälligen bereinigt.[13] Dies bedeutete aber nicht, dass alle Städte exakt gleich auszusehen hätten: Jede Stadt hatte die Möglichkeit, durch portraithafte Züge in der Bebauung einzigartig zu wirken, diese Einzigartigkeit sollte jedoch stets einer Ordnung unterzogen sein. Der so formulierte Anspruch spiegelt sich auch heute noch im päpstlichen Segensspruch „urbi et orbi“ wieder. Doch war es überhaupt möglich, diesen Idealansprüchen in der städtebaulichen Praxis nachzukommen? Versuchte der Erbauer einer Stadt vielleicht tatsächlich, ein Abbild der „civitas dei“ zu schaffen, oder lag seine Motivation in einem ganz anderen, viel weltlicheren Bereich? Diese Fragen gilt es, im Gedächtnis zu behalten, wenn es darum geht, sich an die Untersuchung der staufischen Stadtgründungen heranzuwagen.

4. Stadtgründungen im „staufischen Jahrhundert“

Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, muss noch ein kurzes Wort betreffs der Problematik des Begriffs „Stadtgründung“ fallen. Die Stadtgründung im eigentlichen Sinne bezeichnet den siedlungstechnischen Vorgang der Errichtung einer völlig neuen Stadt. Da jedoch zur Stauferzeit bereits mehrere Siedlungsverbände auf dem Gebiet des römischen Reichs bestehen, die von ihren äußeren Merkmalen bereits der Stadt im heutigen Sinne entsprechen, doch auf dem Papier noch nicht deren Rechtsstatus besitzen, kann in den Fällen, in denen diese Rechte in staufischer Zeit verliehen werden, im engeren Sinne nicht von einer Stadtgründung, sondern lediglich von einer Stadtrechtsverleihung gesprochen werden.[14] Dennoch wird die Vokabel der Stadtgründung in der Fachliteratur gerne auch für die Bezeichnung des reinen Rechtsvorgangs verwendet, weshalb es sinnvoll erscheint, sich im Folgenden auch an diesen Terminus zu halten.

Laut Cord Meckseper, dem Verfasser der „Kleinen Kunstgeschichte der deutschen Stadt im Mittelalter“, gibt es für die in staufischer Zeit einsetzende Welle von Stadtgründungen zwei Gründe: Zum einen ist es der sich im 12. und 13. Jahrhundert langsam vollziehende ökonomische Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft, der die Gründung von Städten lukrativ machte, da der Stadtherr sich durch die Erhebung von Zöllen, Zinsen, Steuern und Abgaben verstärkte Einnahmemöglichkeiten erschloss. Zum anderen ist das Hochmittelalter gekennzeichnet durch das Einsetzen der territorialen Erwerbspolitik der deutschen Fürstengeschlechter, allen voran das Geschlecht der Hohenstaufen.[15] Die Sicherung ihrer Güter stand somit im vordersten Interesse des landbesitzenden Hochadels. Die Anlage von Städten als eine Art Großburgen, die sodann unter die Verwaltung treuer Ministerialien gestellt wurden, war zu einem probaten Mittel sowohl der Absicherung eigener Gebiete, als auch der Erschließung neuer Territorien geworden.

Das sogenannte „staufische Jahrhundert“, das mit der Krönung Konrads III. im Jahre 1138 einsetzte und mit dem Tod Konrads IV. 1254 endete, war auch das Zeitalter der aufstrebenden Städte. In der ersten Phase dieses Zeitraumes erfolgten zahlreiche Stadtgründungen aus genau der genannten Motivation der Gebietssicherung heraus. Denn die Staufer hatten besonders mit den beiden anderen großen schwäbischen Geschlechtern, den Zähringern und den Welfen, harte Konkurrenten im Kampf um Macht, Geltung und Reichskrone.[16]

[...]


[1] KRUML, Milos: Die mittelalterliche Stadt als Gesamtkunstwerk und Denkmal, Wien: VWGÖ 1992 (Dissertationen der technischen Universität Wien, 51), S. 79; MECKSEPER, Cord: Kleine Kunstgeschichte der deutschen Stadt im Mittelalter, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1982, S. 105.

[2] Eine Vorstellung der verschiedenen Ansätze findet sich u.a. bei: HEIT, Alfred: Die mittelalterlichen Städte als begriffliches und definitorisches Problem, in: DIE ALTE STADT 5 (1978), S. 350-408.

[3] WEBER, Max: Die Stadt, in: ARCHIV FÜR SOZIALWISSENSCHAFT UND SOZIALPOLITIK 47 (1920/21), S. 621-772.

[4] In ihrer Vorlesung „Die Stadt im Mittelalter“, gehalten am historischen Seminar der Universität Hamburg im Sommersemester 2004 hat Frau Marie-Luise Heckmann die verschiedenen Betrachtungsweisen des mittelalterlichen Stadtbegriffs sehr ausführlich behandelt. Internetressource: http://www.people.freenet.de/heckmann.werder/Stadt.htm

[5] SCHWINEKÖPER, Berent: Zur Problematik von Begriffen wie Stauferstädte, Zähringerstädte und ähnlichen Bezeichnungen, in: SÜDWESTDEUTSCHE STÄDTE IM ZEITALTER DER STAUFER. 16. Arbeitstagung in Stuttgart 22.-24.4.1977, hg. v. Erich MASCHKE und Jürgen SYDOW, Sigmaringen: Thorbecke 1980 (Stadt in der Geschichte. Veröffentlichungen des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung. Band 6), S. 96.

[6] KRUML, S. 41-45.

[7] Ebd., S. 44.

[8] Ebd., S. 44.

[9] Ebd., S. 45.

[10] Ebd., S. 44.

[11] Ebd., S. 44.

[12] Die Offenbarung des Johannes 17/18, in: DIE BIBEL. Nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 1985.

[13] KRUML, S. 45.

[14] MECKSEPER, Kleine Kunstgeschichte, S. 60.

[15] Ebd., S. 60; MASCHKE, Erich: Die deutschen Städte der Stauferzeit, in: DIE ZEIT DER STAUFER. Geschichte-Kunst-Kultur, hg. v. WÜRTTEMBERGISCHES LANDESMUSEUM, Stuttgart: o.A. 1977 (Katalog der Ausstellung, Band III: Aufsätze), S. 59.

[16] MECKSEPER, Kleine Kunstgeschichte, S. 65.

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638374934
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v38426
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Kunstgeschichtliches Seminar
Note
sehr gut (1,0)
Schlagworte
Städtewesen Zeit Hohenstaufer Staufische Architektur Italien Deutschland

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