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Junge Menschen und die Revolution des Arabischen Frühlings

Die Youth Bulge-Theorie am Beispiel von Tunesien und Algerien

Masterarbeit 2017 102 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einführung
1.1 Zur Relevanz des Themas und der Forschungsfrage
1.2 Methodik und Aufbau
1.3 Grenzen der Untersuchung

2 Politische Unruhen und Jugendanteile
2.1 Zur historischen Genese der Youth Bulge-Theorie
2.2 Definitionen bzwBerechnungen von Youth Bulges
2.3 Die Dynamik eines Youth Bulges im Kontext
2.4 Youth Bulges und der Arabische Frühling
2.5 Kritik an der Youth Bulge-Theorie

3 Methodisches Vorgehen
3.1 Die Fallauswahl und das Forschungsdesign
3.2 Variablenauswahl und Datenquellen
3.3 Interviewauswertungen

4 Betrachtung der demographischen und ökonomischen Variablen in Tunesien und Algerien
4.1 Demografische Kennzahlen Tunesiens –
4.2 Demografische Kennzahlen Algeriens
4.3 Zwischenfazit zu den demografischen Kennzahlen Algeriens und Tunesiens
4.4 Ökonomische Kennzahlen Tunesiens –
4.5 Ökonomische Kennzahlen Algeriens –
4.6 Zwischenfazit zu den ökonomischen Kennzahlen Algeriens und Tunesiens
4.7 Soziale Sicherung in Tunesien –/
4.8 Soziale Sicherung in Algerien –/
4.9 Zwischenfazit zur sozialen Sicherung in Algerien und Tunesien

5 Interviews zum Arabischen Frühling – Meinungen, Standpunkte und Partizipationsraten in Algerien und Tunesien
5.1 Die Tunesier und der Arabische Frühling
5.2 Die Algerier und der Arabische Frühling
5.3 Zwischenfazit zu den Interviewergebnissen der Algerier und Tunesier

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit untersucht, ob sich mit der Youth Bulge-Theorie erklären lässt, weshalb es 2010/2011 in Tunesien zur Revolution gekommen ist und in Algerien nicht. Die Fallauswahl erfolgte über die Differenzmethode, welche mit dem Most Similar Cases Design als Forschungsmethode verbunden ist. Der gewählte Youth Bulge-Ansatz schreibt der Altersstruktur einer Bevölkerung die zentrale Rolle für das Entstehen oder Ausbleiben von gesellschaftspolitischen Konflikten zu, wobei der Anteil der Jugendlichen die entscheidende Variable darstellt. Entsprechend wurden die Jugendanteile in beiden Ländern betrachtet. Durch die Darlegung des Forschungsstandes zur Youth Bulge-Theorie wurden zudem die wirtschaftlichen Lebensbedingungen der Jugendlichen als weitere erklärende Variable herausgearbeitet, da die Wirtschaftslage im entscheidenden Maße Einfluss auf die Dynamiken von Youth Bulges ausübt. Die Brückenhypothese zur Verbindung beider Erklärungsmuster lautet, dass Jugendliche unter schlechten Lebensbedingungen und hoher Arbeitslosigkeit besonders leiden. Deren Frustration sei ab bestimmten Grenzwerten wiederum für Gesellschaften besonders gefährlich. Folglich wurden Daten zur Jugendarbeitslosigkeit und zur Jugendbeschäftigung in Algerien und Tunesien im Jahr 2010/2011 betrachtet. Ferner wurden die Systeme der sozialen Sicherung in Algerien und Tunesien untersucht, um die Auswirkungen der Jugendarbeitslosigkeit auf die wirtschaftliche Lage der Betroffenen abschätzen zu können. Im letzten Teil wurden dann Daten des Arab Barometers ausgewertet, um die Umfrageergebnisse unter jugendlichen Tunesiern und Algeriern mit den demografischen und sozioökonomischen Gegebenheiten abzugleichen. Hierbei konnte aufgezeigt werden, dass die Youth Bulge-Theorie (nur) im begrenzen Rahmen dazu geeignet ist, die Revolution in Tunesien und das Ausbleiben der Revolution in Algerien zu erklären. So sprechen manche Untersuchungsergebnisse für die Theorie und andere dagegen. Die Stärke des Effekts von hohen Jugendanteilen und Jugendarbeitslosenzahlen konnte entsprechend nur zum Teil bestimmt werden und andere Ansätze, die im bedeutenderem Maße politische oder kulturelle Faktoren berücksichtigen, scheinen teilweise besser geeignet zu sein, um die Revolution in Tunesien respektive das Ausbleiben jener in Algerien zu erklären.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bevölkerungsstrukturen von Iran, Afghanistan, Lesotho und Oman im Jahr 2010 und die jeweiligen Youth Bulges

Abbildung 2: Altersstruktur in Tunesien 2010

Abbildung 3: Altersstruktur in Algerien 2010

Abbildung 4: Jugendliche Teilnahme an Protesten gegen die tunesische Regierung zwischen dem 17. Dezember 2010 und dem 14. Januar 2011

Abbildung 5: Der wichtigste Grund für die Teilnahme an Demonstrationen nach Meinung der 18-29-Jährigen

Abbildung 6: Die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage Tunesiens 2011 durch die 18-29-Jährigen

Abbildung 7: Die Einschätzung der 18-29-Jährigen hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung in Tunesien in den nächsten 3-5 Jahren

Abbildung 8: Die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage Algeriens 2011 durch die 18-29-Jährigen

Abbildung 9: Die Einschätzung der 18-29-Jährigen hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung in Algerien in den nächsten 3-5 Jahren

Abbildung 10: Die Einschätzung der 18-29-Jährigen hinsichtlich der Fähigkeit der algerischen Regierung neue Arbeitsplätze zu schaffen

Abbildung 11: Die Begründungen der 18-29-Jährigen in Algerien für die Nichtteilnahme an Demonstrationen und Versammlungen zwischen 2011 und 2012

Abbildung 12: Zustimmung der algerischen 18-29-Jährigen zur Aussage, dass politische Reformen schrittweise statt plötzlich umgesetzt werden sollten

Abbildung 13: Zustimmung der tunesischen 18-29-Jährigen zur Aussage, dass politische Reformen schrittweise statt plötzlich umgesetzt werden sollten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Jugendanteile in Tunesien 2010

Tabelle 2: Jugendanteile in Algerien 2010

Tabelle 3: Prüfung der Hypothese 1

Tabelle 4: Arbeitslosigkeit und Beschäftigung in Tunesien 2010

Tabelle 5: Die Wirtschaftslage in Tunesien 2010

Tabelle 6: Arbeitslosigkeit und Beschäftigung in Algerien 2010

Tabelle 7: Die Wirtschaftslage in Algerien 2010

Tabelle 8: Prüfung der Hypothese 2

Tabelle 9: Prüfung der Hypothese 3

Tabelle 10: Prüfung der Alternativhypothese

Tabelle 11: Die Prüfung der Forschungsfrage

1 Einführung

1.1 Zur Relevanz des Themas und der Forschungsfrage

Mit der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 nahm der Arabische Frühling[1] seinen Anfang in Tunesien, um sich innerhalb weniger Monate über große Teile der arabischen Welt auszubreiten.

Die folgenden sozialen Unruhen, Proteste und Revolten in Nordafrika und dem Nahen Osten führten vielfach zu tiefgreifenden politischen Reformen, Regierungsumbildungen oder gar zu Rücktritten von arabischen Machthabern, wobei einige erst im Zuge äußerst langwidriger und brutaler Auseinandersetzungen abgesetzt wurden – in Syrien, wo dies nicht gelang, wird bis heute gekämpft.

In der Folge widmeten sich Angehörige unterschiedlicher Fachrichtungen dem Arabischen Frühling. Unter anderem untersuchten Politikwissenschaftler, ob sich der Arabischer Frühling in die Demokratisierungstheorie einbetten ließe (Stepan & Linz 2013), ob diese hierbei womöglich um Erkenntnisse zur Rolle digitaler Medien im arabischen Raum ergänzt werden müsste (Howard & Hussain 2013) oder ob grundsätzlich neue Theorien vonnöten seien, welche die Rolle der neuen Kommunikationstechnologien noch viel stärker berücksichtigen, da schlechte Lebensumstände alleine nicht genügen würden, um die erfolgreichen Revolten zu erklären (Abdelbaki 2013). Andere befassten sich eher mit der Rolle des Islams und erachteten diesen als signifikanten Faktor für das Entstehen der Proteste (Hoffman & Jamal 2013). Hierbei machte zum Beispiel der Soziologe Nurullah Ardıç auf die besondere Rolle aufmerksam, die in manchen Ländern die Moscheen für das Entstehen der Proteste spielten, da diese bisweilen gegen die Regierung mobilisierten und als Rückzugsort für Demonstranten dienten (Ardıç 2012). Andere Autoren betrachteten hingegen den globalen Klimawandel als Mitverursacher des Arabischen Frühlings, da dieser unter anderem Auswirkungen auf die Entwicklung der Weizenpreise gehabt hätte, was sich wiederum stark auf die Lebensmittelpreise in der MENA[2] -Region ausgewirkt habe (Werrell et al. 2013). Sozialwissenschaftler und Philosophen erörterten hingegen, ob der Konstruktivismus geeignet sei, den Arabischen Frühling zu erklären (Hartmann 2013), welche Rolle die Gewaltlosigkeit (der Demonstranten) für den vielfachen Erfolg der Umbrüche gespielt haben könnte (Mallat 2015) und welche soziologischen Gründe dafür anzuführen seien, dass Sicherheitstruppen auf diese Gewaltlosigkeit im Arabischen Frühling unterschiedlich reagierten (Nepstad 2013). Diese und weitere Arbeiten näherten sich dem Arabischen Frühling also auf unterschiedlichen Wegen an und machten hierbei divergierende Faktoren für das Entstehen der Revolten aus.

Was sie und weitere Arbeiten jedoch vielfach eint, ist der Verweis auf die vermeintliche Tatsache, dass die Aufstände überraschend und ungeplant gewesen seien und von der (Nahost-)Forschung nicht vorhergesagt worden wären (siehe hierzu: Gause III 2011: 81; Beck 2013: 641; Ouaissa 2014: 1; Volpi 2013: 971).

Dieser Befund wird jedoch nicht von allen geteilt. Insbesondere Wissenschaftlicher, die sich mit sogenannten „Youth Bulges“ (auf Deutsch etwa „Jugendüberschüsse“ oder „Jugendüberhänge“) beschäftigten oder Arbeiten zu Youth Bulge-Theorien innerhalb der Konfliktforschung verfolgten, stellten sich gegen das Narrativ der unvorhergesehenen Revolutionen im arabischen Raum. Stattdessen verwiesen Sie auf vielfältige Publikationen, insbesondere ab Mitte der 1980er Jahre aus dem Bereich der US-Sicherheitsbehörden, welche auf Youth Bulge-induzierte Konflikte in der MENA-Region hinwiesen oder diese prognostizierten.

Tatsächlich warnte zum Beispiel der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA in Berichten aus den Jahren 1986 und 2001 vor den Folgen, die eine Kombination aus Youth Bulges und niedrigen Beschäftigungschancen in Entwicklungsländern für die sicherheits-politischen Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika haben könnte – wobei der Dienst ganz explizit die Länder (Nord-)Afrikas und des Mittleren Ostens als Risikoregionen im Blick hatte (CIA 1986, 2001).

Akin Ünver, Assistenzprofessor an der Kadir Has Universität in Istanbul, verweist in diesem Zusammenhang ebenfalls auf ein besonders frappierendes Beispiel, indem er auf das Buch „A History of Middle East Economics in the Twentieth Century“ von Roger Owen und Sevket Pamuk aufmerksam macht, in welchem hinsichtlich der MENA-Region die Prognose aufgestellt wurde, dass in der Region ein jährliches Wirtschaftswachstum von mindestens sieben Prozent vonnöten sei, da dort ansonsten mit Youth Bulge-induzierten Demonstrationen im Jahr 2010 gerechnet werden müsse (Ünver 2012, zitiert nach: Owen & Pamuk 1999).

In Deutschland wiederum prognostizerte Gunnar Heinsohn, ein deutscher Soziologe, Wirtschaftswissenschaftler und emeritierten Professor für Sozialpädagogik der Universität Bremen, aufbauend auf der Youth Bulge-Theorie bereits 2003, also rund 7 Jahre vor dem Arabischen Frühling, schwerwiegende soziale Unruhen in der arabischen Welt (Heinsohn 2003).

Die Konflikte in der arabischen Welt waren also mitnichten für alle Wissenschaftler überraschend, insbesondere für Youth Bulge-Theoretiker nicht. Hierzu muss allerdings angefügt werden, dass ein einheitliches Verständnis von Youth Bulges im wissenschaftlichen Diskurs nicht existiert und nie existiert hat, weshalb die Bewertung etwaiger Prognoseerfolge teilweise davon abhängig ist, welcher Konzeption man folgt. Der Begriff selbst wurde 1985 von Gary Fuller, einem ehemaligen Professor für Demografie, eingeführt (Hendrixson 2004: 2) und unter anderem durch dessen Arbeiten in den darauffolgenden Jahren popularisiert (Fuller & Pitts 1990; Fuller 1995). Fuller war es auch, der als Erster Arbeiten hierzu innerhalb der Central Intelligence Agency (CIA) einbrachte, als er dort in den 1980er Jahren als Gastwissenschaftler tätig war.

Der Grundgedanke der Theorie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Bei der Youth Bulge-Theorie werden demografische Faktoren als relevant für die Entstehung von (inner- oder zwischenstaatlichen) Konflikten betrachtet. Anders als bei (neo-)malthusianischen Ansätzen wird allerdings nicht davon ausgegangen, dass es aufgrund eines bestimmten Bevölkerungsdrucks zu Konflikten um lebensnotwendige begrenzte Güter kommt. Vielmehr ist der Leitgedanke, dass eine ganz spezifische Alterszusammensetzung der Gesellschaft deren Konfliktrisiko maßgeblich mitbestimmt, wobei junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren die entscheidende Rolle spielen sollen, da diese Altersgruppe besonders auf Statuserwerb fixiert, aber gleichzeitig erheblich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sei (Urdal 2011: 4). Diese Kombination berge nun das Potenzial von sozialen Unruhen in sich, wenn diese junge Alterskohorte mindestens 20 Prozent der Gesamtgesellschaft ausmache. Dies kann bis hierher als „klassischer Ansatz“ der Theorie verstanden werden.

Eine verbreitete Variante dieses klassischen Ansatzes stellt hingegen nicht auf die Gesamtgesellschaft als Referenzwert bei der Berechnung von Jugendanteilen ab, sondern auf die Bevölkerung ab 15 Jahren. Diese Variante stützt sich auf die These, dass die Annahmen zur Frustration unter Jugendlichen nicht für Kinder und Kleinkinder gelten könnten (Urdal 2006). Die Verfechter dieser Variante heben zumeist auch die Grenzwerte für „gefährliche“ Jugendüberhänge, ab denen von einem Youth Bulge gesprochen werden könne, nach oben an. Andere Autoren betrachten wiederum ausdrücklich nur den Anteil junger Männer, da diese aggressiver (Goldstein 2011; Mesquida & Wiener 1999) seien und/oder aufgrund ihrer Rolle in der Gesellschaft stärker unter Druck stünden als Frauen. Letztere Annahme fußt zumeist auf bestimmten Annahmen zu Normen und Werten in der arabischen Welt[3] (s. Heinsohn 2003).

Die Youth Bulge-Theorie erschöpft sich allerdings nicht (mehr) in der bloßen Betrachtung von Jugendanteilen und Konflikten, denn grundsätzlich hat sich unter Forschern mittlerweile die Annahme durchgesetzt, dass eine einfache Kausalhypothese nach der Formel ‚Youth Bulge = Konflikt‘ zu kurz greife. Stattdessen müssten stets weitere Rahmenbedingungen mit analysiert werden. Nur welche Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit Youth Bulges in welchem Umfang und in welchem Kontext konfliktverschärfend oder -vermindernd wirken, ist bis heute nicht ausreichend erforscht.

Deshalb existieren vielfältige wissenschaftliche Arbeiten zum möglichen Zusammenwirken von Jugendüberschüssen mit bestimmten Rahmenbedingungen, wie z.B. Bildungsgrade junger Erwachsener (Barakat & Urdal 2009), Korruption (Farzanegan & Witthuhn 2009), Bevölkerungsdichte im Land (Urdal 2006; de Soysa 2002) oder Regimetypen der Staaten (Urdal 2004).

Andere Autoren untersuchten weniger die Rahmenbedingungen als vielmehr den Einfluss von Youth Bulges auf die staatliche Repressionspolitik (Nordas & Davenport 2014), auf die Entwicklung von (liberalen) Demokratien (Cincotta & Doces 2012; Leahy et al. 2007) oder auf gesellschaftspolitische Transformationsprozesse in Asien (Xenos & Kabalaman 2002).

In der Gesamtheit sind die Effekte von Youth Bulges in bestimmten Kontexten weiterhin unklar und die Ergebnisse sind häufig abhängig vom jeweiligen Untersuchungsaufbau, weshalb sie sich bisweilen auch widersprechen. Einzig die konflikthafte Verbindung von Jugendüberhängen und hohen Arbeitslosenzahlen zieht sich als roter Faden durch eine Vielzahl von Beiträgen. Hierbei lautet die Annahme zumeist, Jugendliche träfen aufgrund der Größe ihrer Altersgruppe wiederholt auf institutionelle Engpässe, insbesondere in wirtschaftsschwachen Ländern, da Arbeitsmärkte selten auf die Aufnahme einer (zu) großen Anzahl Jugendlicher vorbereitet seien (Urdal 2011: 3). Dies führe zu Frustration bei Jugendlichen, insbesondere bei Männern, und im Ergebnis zu Revolten. Dieser Mechanismus wird dann häufig über das Motiv der Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensumständen erklärt (Ebd.: 2ff.).

Trotz der dargelegten Forschungslücken, kann jedoch konstatiert werden: Wo wissenschaftlichen Arbeiten zur demografischen Begründung für Konflikte und Krisen in der Vergangenheit möglicherweise zu wenig Beachtung geschenkt wurde, erfreut sich die Youth Bulge-Theorie im gegenwärtigen wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs – vor allem unter Journalisten – großer Beliebtheit[4] (Urdal 2012a: 1).

Der Arabische Frühling hat diese Entwicklung auch deshalb begünstigt, weil es die modernen Medien der Welt erlaubten, die Revolten nahezu unvermittelt und in Echtzeit mitzuerleben. Und was die Weltgemeinschaft sah, waren häufig junge Menschen, welche die Revolutionen organisierten, unterstützten oder anführten, um vermeintlich oder tatsächlich gegen Ungleichheit, Korruption, Arbeitslosigkeit und für Demokratie auf die Straße zu gehen (Halaseh 2012: 265). Begleitet wurden diese Aufstände zudem von internationalen Medien, die das Bild der Jugend als „revolutionäre Kraft“ (Barbin 2011) weitertrugen. Es ist somit durchaus nachvollziehbar, dass unter diesem Eindruck zunehmend der Anteil und die Rolle der Jugend in den Blick genommen wurde, wenn man versuchte, das Entstehen politischer Instabilität in der MENA-Region zu verstehen (Caprese 2010; Paasonen & Urdal 2016).

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob mittels der Youth Bulge-Theorie auch eine der wesentlichen Fragen zum Arabischen Frühling beantwortet werden kann, nämlich, weshalb es in manchen arabischen Ländern zu Revolutionen kam, während sie in anderen Ländern ausblieben (Schlumberger et al.: 2013: 51; Hüser & Beck 2013: 204-206).

After the 2011 Arab Spring, a pressing concern is to understand why some authoritarian regimes remain in power while others fall when confronted with similar difficulties. (Volpi 2013: 969)

In diese Forschungslücke will die vorliegende Arbeit stoßen, indem die Länder Algerien und Tunesien im Jahr 2010/2011 als Untersuchungsfälle ausgewählt und mittels der Youth Bulge-Theorie untersucht werden. Die Fallauswahl gründet auf der Feststellung, dass der Arabische Frühling in Tunesien seinen Anfang nahm, während Algerien verhältnismäßig stabil blieb.

Durch die angedachte Untersuchung dieser beiden Länder wird automatisch auch eine Forschungslücke innerhalb der Youth Bulge-Theorie bearbeitet, denn wie dargelegt ist das Zusammenwirken von bestimmten Rahmenbedingungen und Youth Bulges noch nicht hinreichend erforscht. Auch hierzu will die vorliegende Arbeit Erkenntnisse liefern, weshalb de facto zwei Forschungslücken Gegenstand dieser Arbeit sind.

Die Forschungsfrage lautet hierbei: Lässt sich mit der Youth Bulge-Theorie erklären, weshalb es im Zuge des Arabischen Frühlings in Tunesien zur Revolution kam und in Algerien nicht?

1.2 Methodik und Aufbau

Um besagter Frage nachzugehen, erfolgt der Test der Theorie anhand eines Paarvergleichs zwischen Tunesien und Algerien. Gegenübergestellt werden dabei ökonomische und demografische Daten des Zeitraums 2010-2011. Dass neben der Betrachtung demografischer Daten eine Fokussierung auf ökonomische Rahmenbedingungen erfolgt, hat seine Ursache in zwei Feststellungen: Zum einen gelten wirtschaftliche Stagnation und Unterbeschäftigung bei den meisten Youth Bulge-Arbeiten als maßgebliche Motive zur Konfliktteilnahme junger Menschen (Apt 2011: 33) und zum anderen hat das Bild des jugendlichen Kampfes für Demokratie und Freiheit mit den ersten wissenschaftlichen Studien, die belegten, dass die große Mehrheit der arabischen Demonstranten nicht aus politischen, sondern eher aus ökonomischen Gründen auf die Straße ging (Bradley 2012: 201), deutliche Risse bekommen. Deshalb wurde in der Folge empfohlen, weitaus stärker die kulturellen und ökonomischen Gründe für das Ausbrechen der Revolutionen zu untersuchen (Mulderig 2013).

Dieser Empfehlung soll mit dieser Arbeit Folge geleistet werden, auch möglicherweise eine Antwort darauf zu finden, wie genau Youth Bulges zur Konfliktneigung von Gesellschaften beitragen und in welcher Weise die wirtschaftliche Entwicklung bzw. das Wohlstandsniveau in Kombination mit einem Jugendüberhang einen Einfluss auf die Konfliktanfälligkeit von Staaten hat (Popp 2012: 5).

Um die Grundlage für die Bearbeitung der Forschungsfrage zu schaffen, soll zunächst die historische Genese der Youth Bulge-Theorie dargelegt werden, um im Anschluss verschiedene Ansätze, Konzepte sowie Weiterentwicklungen und Kritikpunkte darzulegen (Kapitel 2).

Dies ist notwendig, weil hierdurch das spätere methodische Vorgehen und die Fallauswahl (Kapitel 3) theoretisch verankert und begründet wird. Danach erfolgt der fallorientierte Vergleich von Tunesien und Algerien. Die Idee ist, ein quasi-experimentelles Untersuchungsdesign, das sich am Most Similar Cases Design orientiert, zu erarbeiten, dabei demografische und ökonomische Faktoren beider Länder gegenüberzustellen und unter Hinzuziehung des Niveaus der sozialen Sicherungssysteme zu bewerten (Kapitel 4).

Zu den Vorteilen eines Small-N-Vergleiches gehört, dass ein Blick in die Tiefe ermöglicht wird, ohne nur statistische Fakten abzubilden. Diesen Vorteil will die vorliegende Arbeit nutzen, indem nach Darlegung der relevanten demografischen und ökonomischen Daten geprüft wird, ob von den Aggregatdaten richtigerweise auf die Individualdaten geschlossen werden kann, um so die Gefahren eines Fehlschlusses zu vermeiden.

Dieser Teil der Untersuchung hat also das Ziel, die zentrale Brückenhypothese der Youth Bulge-Theoretiker zum Arabischen Frühling zu prüfen. Die direkteste Methode hierfür ist, die Teilnehmer der arabischen Revolten schlicht zu fragen, weshalb sie auf die Straße gingen bzw. die Algerier zu fragen, weshalb sie keine größeren Demonstrationen organisierten. Eine eigene Untersuchung ist im Rahmen dieser Arbeit zwar nicht möglich, aber es kann auf Umfragedaten des Arab Barometers zurückgegriffen werden (Kapitel 5).

Die Auswertung dieser Umfragedaten soll Antworten darauf liefern, welche Rolle die Jugendlichen für den Ausbruch der Revolte in Tunesien spielten und welche Motive entscheidend für ihre Teilnahme waren bzw. welche Gründe für die algerischen Jugendlichen dagegensprachen, eine Revolution anzuzetteln.

Im Fazit (Kapitel 6) wird kritisch erörtert, ob die Youth Bulge-These geeignet ist, die Vorkommnisse in Tunesien und Algerien zu erklären.

Dazu werden die Daten und Umfrageergebnisse interpretiert und etwaige Erkenntnisse zum Arabischen Frühling dargestellt. Aus dieser Analyse heraus wird auch die Erklärungskraft alternativer Ansätze und Theorien erörtert.

1.3 Grenzen der Untersuchung

Es wurde bereits festgehalten, dass Wissenschaftler die Rolle von Jugendüberhängen für das Ausbrechen von gewaltsamen Konflikten auf unterschiedlichen Wegen analysiert und kontextualisiert haben. Hierbei wurden zudem oft eigene Hypothesen mit eigenen Indikatoren und eigenen Operationalisierungen vorgestellt (Cincotta et al. 2003: 89).

Den begrenzten Rahmen der vorliegenden Arbeit berücksichtigend, können diese Ansätze nicht alle dargelegt und getestet werden. Auch scheinen manche Ansätze für den Vergleich von Tunesien und Algerien ungeeignet zu sein. So war die Möglichkeit der politischen Teilhabe relativ niedrig, weil die Menschen in beiden Ländern von autoritären und vermeintlich stabilen Regimen geführt wurden, in denen hauptsächlich bestimmte ökonomische und politische Eliten Einfluss besitzten. Ebensowenig dürfte es gravierende kulturelle Unterschiede zwischen den Menschen gegeben haben, da beide Staaten mehrheitlich von sunnitischen Muslimen bevölkert werden, die weitgehend die selben religiösen Werte teilen. Ansätze, die institutionelle Faktoren betonen oder den (jugendlichen) Drang nach Demokratie hervorheben, scheinen demgemäß nicht sonderlich geeignet für die Analyse zu sein, da sie den zentralen Unterschied zwischen Algerien und Tunesien mutmaßlich nicht erklären können. Selbiges scheint für kulturelle Faktoren zu gelten.

Damit soll natürlich nicht grundsätzlich in Abrede gestellt werden, dass neben sozioökonomischen Bedingungen auch andere gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen Einfluss auf die Dynamik nehmen, die sich aus einem Youth Bulge ergibt, doch dürfte es durch die Hinzuziehung vieler sonstiger Variablen schwierig bis unmöglich werden, den Einfluss der jeweiligen abhängigen Variablen auf die unabhängige Variable Revolution/Nicht-Revolution zu bestimmen. Zudem würde man den Sinn und Zweck des Most Similar Case Designs ad absurdum führen und ihn seiner Stärken berauben. Das Untersuchungsspektrum dieser Arbeit umfasst deshalb nur Sachverhalte rund um das Zusammenwirken von Jugendanteilen mit bestimmten ökonomischen Gegebenheiten, wobei die Systeme der sozialen Sicherung darin eingeschlossen sind.

Wenn der deutsche Politikwissenschaftler Jörg Tremmel also schreibt, dass weiterer Forschungsbedarf bestehe, um abschließend zu klären, ob und wenn ja, unter welchen Umständen „der intuitiv einleuchtende Youth Bulge-Ansatz einen Erklärungswert hat“ (Tremmel 2005: 71), dann will die vorliegende Arbeit dazu beitragen, eine Erklärung in Bezug auf die Frage zu liefern, ob und in welchem Rahmen sich ökonomische Bedingungen in Kombination mit Youth Bulges konfliktverschärfend auswirken. Aus dem Ergebnis lässt sich dann auch im begrenzten Maße ableiten, ob sich die Theorie vorläufig bewährt hat oder nicht.

Eine vollumfängliche (naive) Falsifikation ist aufgrund der niedrigen Generalisierbarkeit der Ergebnisse und der Methodik weder Anspruch noch realistisch zu erwarten, auch weil nicht endgültig beantwortet werden kann, ob bestimmte Annahmen, die zum Untersuchungsaufbau geführt und bestimmte Untersuchungsdaten produziert haben, angemessen waren. Im besten Fall können Aussagen zur Stärke des Zusammenhangs gemacht und neue Hypothesen generiert werden.

2 Politische Unruhen und Jugendanteile

2.1 Zur historischen Genese der Youth Bulge-Theorie

Das Postulieren eines Zusammenhangs zwischen bestimmten Bevölkerungskennziffern und politischen Konflikten ist keine Erfindung der Neuzeit. Verschiedenartige Zusammenhangsaussagen finden sich bereits bei Denkern der Antike, wobei bis in die Moderne hinein eher die Bevölkerungs größe und das Bevölkerungs wachstum als wesentliche Quellen wirtschaftlicher, militärischer und politischer Macht von Ländern im Mittelpunkt standen (Angenendt & Popp 2013: 7, Hervorh. vom Verfasser). Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere im Zuge von Vorstudien US-amerikanischer Nachrichtendienste in den 1970er Jahren wurden zunehmend Bevölkerungs strukturen bestimmter Länder in die Analysen einbezogen, um etwaige Gefahren für die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Verbündeten besser antizipieren zu können (Ebd.). Hierbei galt die besondere Aufmerksamkeit der Jugend, die in einer Vielzahl von Entwicklungs- und Schwellenländern große Anteile der Bevölkerung ausmachte.

Weshalb gerade die Jugend für die US-amerikanische Risikoanalyse eine besondere Rolle spielte, wurde kurz und prägnant im Kissinger Report des Jahres 1974 dargelegt:

The young people, who are in much higher proportions […] are likely to be more volatile, unstable, prone to extremes, alienation and violence than an older population . (Kissinger Report 1974: 58)

Dieser Zusammenhang von Jugend und höherer Gewaltneigung war und ist wissenschaftlich vielfach belegt (Cincotta et al. 2003: 42) und wurde entsprechend verstärkt in die Analysen miteinbezogen. Basierend auf der weiteren Annahme, dass die Kapazitäten von Regierungen und Verwaltungen in Entwicklungs- und Schwellenländern vielfach beschränkt seien, ging man zudem davon aus, dass der zukünftig zunehmende Bedarf an Bildung, Beschäftigung und Gesundheit nicht gedeckt werden könne, weshalb in Staaten mit einer großen Jugendbevölkerung eine potenziell explosive Mischung aus wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, geringer gesellschaftlicher Teilhabe und schwacher Staatlichkeit zu erwarten sei (Apt 2011: 32). Mit dieser (gefühlten) Bedrohung stieg der Bedarf an wissenschaftlichen Studien, die der Frage nachgingen, ob ein großer Bevölkerungsanteil junger Menschen das Auftreten von gewaltsamen Konflikten und Kriegen tatsächlich begünstigen oder sogar bedingen würde (Popp 2012: 1).

Dies kann durchaus als kleine Zäsur in der demografischen Forschung begriffen werden, denn nunmehr wurden wie erwähnt verstärkt Jugendanteile und nicht bloß die Bevölkerungsgröße oder das Bevölkerungswachstum als möglicher Stressfaktor für bestimmte politische Entwicklungen mit in die Überlegungen einbezogen. Zu den Vorreitern der Forschung auf diesem Feld gehören unter anderem Herbert Möller (1968), Jack Goldstone (1986, 2001) und Nazli Choucri (1974), welche vielfältige politische Entwicklungen und Revolutionen vergangener Jahrhunderte über hohe Jugendanteile erklärten. Möller ging zudem davon aus, dass sich diese Entwicklung in der Moderne noch verstärken würde, da das enorme Bevölkerungswachstum des 20. Jahrhunderts gesellschaftspolitische Dynamiken im Zusammenhang mit hohen Jugendanteilen nochmals befeuere (Möller 1968: 1). Hierbei hob er besonders die Rolle junger (15 bis 29 Jahre alter) Männer hervor, die aufgrund bestimmter anthropologischer Konstanten eine größere Gefahr für die Stabilität von Gesellschaften darstellten als Frauen oder Ältere (Ebd.: 257).

Auch Gaston Bouthoul, ein französischer Soziologe und Pionier der Kriegsforschung, verwies in seinen Arbeiten auf anthropologische Konstanten, aufgrund derer hohe Anteile an jungen Menschen eine Voraussetzung für den Ausbruch von Krieg und Gewalt seien, zumal hierdurch Bevölkerungsüberschüsse abgebaut und dem sozialen Bedürfnis der Auslese entsprochen werde (Bouthoul 1972). Bouthoul nahm in seinen Arbeiten auch Überlegungen nach der Bestimmbarkeit eines Grenzwerts an jungen Erwachsenen vorweg, dessen Überschreiten es den Massen oder den Regierungen notwendig erscheinen lasse, einen Krieg zu beginnen. Auch wenn Bouthoul selbst dieser Idee eher kritisch gegenüberstand (Ebd.: 86), wird im Verlauf dieser Arbeit gezeigt, dass diese Frage nach einem „Kriegsindex“ oder „Grenzwert“ sehr aktuell ist.

Die Debatten um die gesellschaftspolitischen Folgen bestimmter Bevölkerungstrends nahmen in den 1990er Jahren dann weiter an Fahrt auf, was unter anderem daran lag, dass in angelsächsischen Sicherheits- und Verteidigungskreisen eigentlich mit einer Entspannung der sicherheitspolitischen Weltlage nach dem Fall der Sowjetunion gerechnet wurde[5]. Die unerwartete Zunahme geopolitischer Unsicherheiten führte als Konsequenz zu einem weiteren Aufblühen nicht-traditioneller Analyseverfahren (Cincotta et al. 2003: 18) und ihre Zuspitzung findet diese Entwicklung schlussendlich in der risikoanalytischen Fokussierung[6] auf zu hohe Anteile an jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren bzw. 15 und 29 Jahren – die Youth Bulges.

2.2 Definitionen bzwBerechnungen von Youth Bulges

1990 benannten Gary Fuller und sein Kollege Forrest R. Pitts als erstes – jedenfalls in einer öffentlichen Publikation – einen kritischen Schwellenwert an jungen Menschen, der das Auftreten von Konflikten besonders wahrscheinlich machen würde (Fuller & Pitts 1990).

Nach ihrer empirischen Analyse der Korrelation von politischen Konflikten und den jeweiligen Bevölkerungsstrukturen in 40 Ländern mit mehr als 10 Millionen Einwohnern im Zeitraum von 1980 bis 1985, kamen sie zu dem Schluss, politische Unruhen seien besonders wahrscheinlich, wenn der Anteil der 15-24-Jährigen an der Gesamtbevölkerung den Wert von 20 Prozent übersteige, wenn also ein Jugendüberhang bzw. ein „youth bulge“ bestehe (Fuller & Pitts 1990: 9f.). Dieser Befund stützte sich auf die Festellung, dass ausnahmslos alle von ihnen untersuchten Länder mit Jugendanteilen von 20 Prozent und mehr zwischen 1980 und 1985 „unmistakable signs of instability“ (Ebd.: 10) gezeigt hätten. Empirisch derart bestärkt, legten sie diesen Grenzwert auch in Ihrer Analyse Südkoreas an, um damalige politische Unruhen über Youth Bulges zu erklären. Nach ihrem Befund korrelierten dort Hochphasen studentischer Unruhen, insbesondere in den 1980er Jahren, und Youth Bulges von bis zu 23 Prozent (Ebd.: 15).

Fünf Jahre später legte Fuller seinen 20 Prozent-Grenzwert an Sri Lanka an, um über die damaligen hohen Jugendanteile auch die Gewaltausbrüche zwischen Tamilen und Singhalesen zu erklären, denn während des Bürgerkriegs in Sri Lanka gab es zeitweise einen Youth Bulge von ca. 22 Prozent (Fuller 1995: 153). Trotz seiner Befunde leitete Fuller aus seinen Erkenntnissen allerdings keinen Determinismus ab, sondern unterstrich, dass ähnliche demografische Zustände in zwei verschiedenen Ländern zu substanziell unterschiedlichen Resultaten führen könnten, je nach den Möglichkeiten dieser Staaten, den Druck aus den Jugendüberschüssen zu kanalisieren (Fuller 1990: 11).

Diesen Standpunkt nimmt auch der Koblenzer Professor Steffen Kröhnert ein. Dieser überprüfte für das „Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung“ die These vom Youth Bulge empirisch für zwischenstaatliche Konflikte, indem er die demografischen Daten von 159 Ländern mit allen registrierten Kriegen[7] zwischen 1950 und 2000 zusammenführte (Kröhnert 2004). Hierbei übernahm er Fullers Definition, wonach 20 Prozent 15-24-Jährige an der Gesamtbevölkerung eine kritische Grenze darstellten, um zu dem Schluss zu gelangen, dass kein proportionaler Zusammenhang zwischen der Zahl der Youth Bulge-Nationen und der Entwicklung der Zahl der Kriege existiere (Kröhnert 2004: 9). Das Kriegsrisiko steige zwar parallel zum Jugendanteil, sinke dann jedoch ab einem Youth Bulge von 21 Prozent plötzlich wieder ab (Ebd.: 11). Deshalb lasse sich aus Jugendüberhängen nach Kröhnert nicht ableiten, dass diese zwangsläufig zu Krieg führten (Ebd.: 11f.), vielmehr seien sie ein Stressfaktor unter mehreren (Ebd.: 1), weshalb andere Faktoren mitberücksichtigt werden müssten.

Diese Ergebnisse und den Befund jener Studie konnte Kröhnert in einer weiteren Arbeit zwei Jahre später bestätigten (Kröhnert 2006).

Teils divergierende Ergebnisse erzielten wiederum Paul Collier und Anke Hoeffler in drei Studien zur Entstehung von Bürgerkriegen. Während sie in einer ersten Large-N-Studie einen positiven Zusammenhang zwischen männlichen Youth Bulges und Bürgerkriegen in 152 Ländern zwischen 1965 und 1995 herausarbeiteten (Collier & Höffler 1999: 14) und diesen in der dritten Arbeit für den Zeitraum von 1965 bis 2004 bestätigten (Collier & Höffler 2006: 19f.), konnte in der Arbeit dazwischen, welche Bürgerkriege für den Zeitraum von 1960 bis 1999 untersuchte, kein signifikanter Zusammenhang zwischen Youth Bulges und Bürgerkriegen festgestellt werden (Collier & Hoeffler 2004: 587). Gleichzeitig wurden in allen drei Studien verschiedene Kontrollvariablen getestet, um stets zum Ergebnis zu gelangen, dass ökonomische Faktoren einen signifikanten Einfluss auf die Konfliktwahrscheinlichkeit hätten.

Während die beiden Autoren die Ergebnisunterschiede unter anderem damit begründen, dass „the expansion of sample and improvement in data quality“ (Collier & Hoeffler 2006: 15) dem Faktor Youth Bulge wieder eine wichtigere (statistische) Rolle für die Entstehung von Bürgerkriegen zuwies, sieht der norwegische Friedensforscher Henrik Urdal das Problem der uneindeutigen Ergebnisse viel eher in der Wahl der Gesamtpopulation als Referenzwert bei Collier und Höffler, da hierbei unter anderem die Konkurrenzsituation zwischen den jüngeren und älteren Arbeitnehmern nicht ausreichend berücksichtigt würde. Stattdessen unterschätze man in der Folge Jugendüberhänge in Ländern mit weiterhin hoher Fertilität (Urdal 2011: 4-6). Das Ausklammern der unter 15-Jährigen aus dem Referenzwert „Gesamtbevölkerung“ ist bei Urdal und anderen Autoren die Antwort auf diesen Kritikpunkt.

Um die Bedeutung dieser neuen Berechnungsweise nachvollziehen zu können, soll an dieser Stelle dargelegt werden, wie ein Youth Bulge überhaupt entstehen kann und wo mögliche Fallstricke in der Interpretation von Daten zu Jugendüberschüssen lauern, denn wie bereits dargelegt, handelt es sich beim Youth Bulge um einen relativen Wert, der im Zusammenhang mit einem postulierten Wettbewerb um Arbeitsplätze und Statuspositionen zwischen Jungen und Alten steht. Daraus folgt, dass Entwicklungen der Geburten- und Sterberaten unter Kindern und Erwachsenen von entscheidender Bedeutung für die Entstehung und die Interpretation von Youth Bulges sind.

Einerseits können Youth Bulges statistisch betrachtet in Ländern entstehen, in denen binnen kurzer Zeit einstmals hohe Geburtenraten stark sanken, beziehungsweise in denen bei hoher Fertilität der Anteil der überlebenden Kinder binnen kurzer Zeit deutlich gestiegen ist (Kröhnert 2006: 7). Andererseits kann eine hohe absolute Zahl an Jugendlichen relativ betrachtet sogar schrumpfen, wenn die Fertilitätsrate unvermindert stark steigt. Jährliche Bevölkerungszuwächse von drei Prozent und mehr verhindern sogar einen Youth Bulge von über 20 Prozent, denn wenn eine Kohorte in das Alter zwischen 15 und 24 Jahren eintritt, ist bei solch dynamischem Wachstum die nachfolgende Kindergeneration bereits so groß, dass der Youth Bulge nicht über ein Fünftel der Gesamtbevölkerung anwachsen kann (Kröhner 2004: 12).

Während in der Realität also mit einer Verschärfung von Verteilungskämpfen – basierend auf absoluten Zahlen – gerechnet werden könnte, ist die statistische Analyse im ungünstigsten Fall blind für diese Gefahr (Urdal 2004: 7).

Und auch auf der anderen Seite der Altersskala können spezifische Entwicklungen Einfluss auf die Statistik und die Interpretation eben jener haben, denn ursächlich für Youth Bulges können auch hohe Sterberaten unter den älteren Erwachsenen sein, da sich der relative Anteil junger Menschen hierdurch ebenfalls erhöht. Dieses Phänomen ist beispielsweise in Ländern mit hohen HIV-Raten anzutreffen (Angenendt & Popp 2013: 8; Kröhnert 2006: 7-12).

Darüber hinaus kann Migration Ursache für einen Jugendüberhang sein. So ist zum Beispiel eine große Zahl junger Erwachsener auf der Suche nach Arbeitsplätzen in den Oman, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate eingewandert (Angenendt & Popp 2013: 8). Diese Arbeitsmigranten sind flexibler als die Einheimischen und können oder müssen Staaten auch wieder verlassen, wenn die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation dies nötig machen sollte. Wie schnell man deshalb zu Fehlinterpretationen rein demografischer Daten gelangen kann, veranschaulicht die nachfolgende Grafik aus einer Studie von Steffen Angenendt und Silvia Popp (siehe Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bevölkerungsstrukturen von Iran, Afghanistan, Lesotho und Oman im Jahr 2010 und die jeweiligen Youth Bulges

Quelle: Popp & Angenendt (2013:9)

In der Abbildung 1 sind die Bevölkerungspyramiden Irans, Afghanistans, Lesothos und Omans im Jahr 2010 abgebildet und aus ihnen sind die Jugendanteile an der Gesamtbevölkerung und an der Bevölkerung über 15 Jahren ersichtlich. Über die rein empirische Methode würde man hier – nach der klassischen Definition – in allen vier Ländern Youth Bulges vorfinden und von einem erhöhten Konfliktrisiko ausgehen. Ähnliches gilt für die zweite Methode, welche die Bevölkerungsanteile unter 15 Jahren unberücksichtigt lässt. Ohne die Grafiken würde man allerdings nicht sehen, wie unterschiedlich die tatsächliche Bevölkerungsstruktur aufgebaut ist. Im Iran findet man die für viele Staaten der MENA-Region typische Bevölkerungspyramide vor. Die Fertilitätsrate ist im Laufe der Jahre gesunken und die Jugendanteile sind recht hoch, weil eine niedrige Zahl an Kindern folgt. Das gegenteilige Szenario findet sich in Afghanistan. Dort ist die Geburtenrate weiterhin hoch, weshalb das Land auch mittelfristig hohe Jugendanteile aufweisen wird. Folgte man nun der klassischen Youth Bulge-Definition von Fuller (1990), würde der Wert von 20,2 Prozent in die Irre führen. Immerhin bewegt man sich nur knapp über dem Fuller’schen Grenzwert von 20 Prozent, weshalb man geneigt sein könnte, von einem moderaten Konfliktrisiko auszugehen. In Wahrheit jedoch hat die Jugend dort eine riesige nachfolgende Kohorte im Rücken, die in kurzer Zeit ebenfalls um Arbeitsplätze und Status kämpfen wird. Hier öffnet erst die alternative Methode den Blick und man erhält ein realistischeres Bild der zu erwartenden gesellschaftspolitischen Spannungen. Schwieriger wird es bei Lesotho. Dort weisen beide Methoden auf erhöhte Konfliktrisiken hin. Allerdings fällt beim Blick auf die Bevölkerungspyramide auf, dass ältere Alterskohorten unterrepräsentiert sind. Hier fallen die AIDS-bedingten Todesfälle ins Gewicht und so löst sich dann auch das Rätsel um die Entdeckung Steffen Kröhnerts, der ab einem Youth Bulge von 21 Prozent plötzlich ein Absinken des Konfliktrisikos feststellte. Denn dort, wo Jugendliche nicht um Arbeitsplätze und Status kämpfen müssen, weil ihre „Gegner“ bereits verstorben sind, gibt es auch keine Notwendigkeit, Kämpfe auszutragen. Auch fehlt es einem Land schlicht an Kämpfern für zwischenstaatliche Kriege, wenn Männer im besten wehrfähigen Alter durch AIDS-Epidemien dahingerafft werden. Im letzten Fall, dem Oman, sieht man wiederum, dass der Jugendüberhang unabhängig von der Methode seiner Ermittlung eine Art „künstlichen Youth Bulge“ bildet, wenn er vornehmlich auf den starken Zuzug von jungen männlichen Arbeitsmigranten zurückzuführen ist. Rücken diese Migranten in der Bevölkerungspyramide nach oben, wird der Jugendüberhang entsprechend abnehmen. Gleiches gilt natürlich, wenn die Migranten das Land (freiwillig oder gezwungenermaßen) wieder verlassen.

Die aufgezeigten Beispiele zeigen somit, dass Fehlinterpretationen demografischer Daten – zumindest teilweise – vermieden werden können, wenn bei der Ermittlung eines Jugendüberhangs statt der Gesamtbevölkerung nur die Bevölkerung im Alter über 15 Jahren als Referenzwert herangezogen wird.

Im Gegensatz hierzu plädiert Schomaker für die klassische Definition von Gary Fuller und weist darauf hin, dass die jeweils aktuelle Jugend bereits mit den jüngeren Alterskohorten konkurriere, da diese Nachwachsenden in wenigen Jahren ebenfalls um eine abnehmende Anzahl von Arbeitsplätzen kämpfen würden (Schomaker 2013: 119). Angesichts weitreichender Technisierungs-, Automatisierungs- und Rationalisierungsprozesse in bestimmten Wirtschaftszweigen ist dieser Hinweis nicht unberechtigt. Die Zahl an verfügbaren Arbeitsplätzen scheint seit geraumer Zeit tendenziell zu sinken (Frey & Osborne 2013).

Deshalb sollen im Rahmen dieser Arbeit beide Berechnungsvarianten für den Youth Bulge (in der späteren Untersuchung: Youth Bulge I, bezogen auf die Gesamtbevölkerung und Youth Bulge II, bezogen auf die über-15-Jährigen) und die jeweiligen Bevölkerungspyramiden von Algerien und Tunesien hinzugezogen werden, um den Charakter möglicherweise vorhandener Youth Bulges näher zu beleuchten. Basierend auf den bisherigen Erkenntnissen lässt sich folgende Hypothese formulieren:

Hypothese 1:

Je höher der Youth Bulge, desto höher die Konfliktwahrscheinlichkeit.

2.3 Die Dynamik eines Youth Bulges im Kontext

Der Befund einer Korrelation von hohen Jugendanteilen und politischen Unruhen in Südkorea (Fuller & Pitts 1990) und Sri Lanka (Fuller 1995) wurde in späteren Jahren von Cincotta et al. (2003: 47) bestätigt, als diese den Zusammenhang von Youth Bulges II und Bürgerkriegen zwischen 1990 und 2000 untersuchten. Die Autoren kamen aufgrund ihrer Ergebnisse zu dem Schluss, dass die Konfliktwahrscheinlichkeit 33 Prozent betrage, wenn der Anteil der 15- bis 24-Jährigen der betrachteten Länder bei 40 Prozent und mehr liege (Ebd.: 48)[8]. Dagegen sinke die Konfliktwahrscheinlichkeit auf 18 Prozent, wenn der Anteil der Jugendlichen bei 30–39,9 Prozent sei bzw. auf 11 Prozent, wenn der Anteil unter 30 Prozent liege (Ebd.). Es ist allerdings anzufügen: Der Youth Bulge II ist bei Cincotte et al. nicht alleiniger Faktor für das Entstehen von Konflikten, sondern lediglich einer von vier Stressfaktoren[9], der sich besonders ungünstig auswirke, wenn Arbeitsplätze fehlten und junge Männer aufgrund ihrer erfolglosen Suche nach Arbeitsplätzen bzw. Statuspositionen entsprechend frustriert seien (Cincotta et at. 2003: 42).

Ähnlich argumentierte der bereits erwähnte Wissenschaftler Henrik Urdal, welcher den Einfluss von Jugendüberschüssen[10] auf innerstaatliche Konflikte[11] weltweit für die Jahre 1950 bis 2000 untersuchte. Er kam dabei zum Ergebnis, dass Länder, die einen Youth Bulge von 35 Prozent aufwiesen, mit dreimal größerer Wahrscheinlichkeit einen innerstaatlichen Konflikt austrugen als Länder mit Jugendanteilen, wie sie in entwickelten Ländern üblich seien (Urdal 2004: 9). Tatsächlich erhöhe sich die Konfliktwahrscheinlichkeit mit jedem Prozentpunkt, um den der Jugendanteil steige, sogar um sieben Prozent (Ebd.). Doch trotz dieser signifikanten Korrelation legte Urdal Wert auf die Feststellung, dass sich kein kritischer Schwellenwert nach Huntington (bzw. Fuller) festlegen lasse (Ebd.: 16) und dass man sich stets auch mit den tatsächlichen politischen Verhältnissen auseinanderzusetzen müsse, da Youth Bulges in der Vergangenheit auch schon zu einem erhöhten ökonomischen Wachstum geführt hätten (Ebd.). Deshalb setzte Urdal die Jugendüberschüsse auch in Beziehung zu bestimmten Kontrollvariablen, um deren Einfluss auf die Konfliktanfälligkeit von Gesellschaften zu überprüfen, wobei er zum Ergebnis kam, dass das wirtschaftliche Entwicklungsniveau, operationalisiert über die Säuglingssterberate, einen signifikanten Einfluss habe (Ebd.: 10, 16), wohingegen der Einfluss der Regimetypen keine große Rolle spiele (Ebd.: 16). Im Ergebnis kam er zu dem Schluss, dass die Kombination aus Youth Bulges und schwacher wirtschaftlicher Entwicklung explosiv sein könne, wenn Wirtschaftsstrukturen nicht auf eine Art konzipiert seien, die Jugendüberschüsse als „ increased supply of labor that can boost an economy“ (Ebd.) nutzten.

In einem Beitrag für das Journal of Social Science Studies schreibt der sudanesische Wissenschaftler Huda Mohamed Mukhtar Ahmed Ähnliches:

The socio-economic [..] impact of youth bulge is reflective, as it presents both opportunities and threats. It may be real assets if youth aspiration in getting quality education that meet labor market demand and then being absorbed in labor market are fulfilled; otherwise it may constitute serious social and political unrest to their countries. (Ahmed 2014: 225)

Tatsächlich zeigen die asiatischen Tigerstaaten[12], dass ein Jugendüberschuss unter bestimmten Bedingungen äußerst günstige wirtschaftliche Folgewirkungen mit sich bringen kann und im Ergebnis eine sogenannte demografische Dividende[13] abwirft. Dies bemerkte auch Möller schon vor 50 Jahren in seinen ersten Studien, allerdings seien nach ihm die Chancen, die sich aus hohen Jugendanteilen ergäben, äußerst ungleich verteilt, denn während entwickelte und wohlhabende Länder ihre Arbeitsmärkte und das Bildungswesen besser auf die Bedürfnisse junger Menschen zuschnitten und somit von Vorteilen junger Gesellschaften (z.B. körperliche Kraft und intellektuelle Flexibilität) profitierten, schöpften Entwicklungsländer das Potenzial der Jugend vielfach nicht aus, was auf lange Sicht zu politischen Unruhen führen würde (Möller 1968: 256). Auch Wagschal et al. kamen nach Ihren Untersuchungen zum Zusammenhang von Youth Bulges[14] und weltweiten Konflikten[15] zwischen 1950 und 2005 zum Ergebnis, dass Jugendüberschüsse mitunter eine starke Erklärungsgröße darstellten (Wagschal et al. 2008, Wagschal et al. 2010), wobei sie ebenso Wert auf die Feststellung legten, dass Faktoren wie institutionelle Eigenheiten, soziale Fragmentierungen, Migration, AIDS, ökonomische Entwicklung oder Ressourcenreichtum das Konfliktniveau beeinflussten, da sie das Gewaltpotenzial von Youth Bulges dämpften oder verstärkten (Wagschal et al. 2008: 366).

Für die Anthropologin M. Cloe Mulderig zeige sich eine zu politische Unruhe führende Mixtur äußerst beispielhaft im arabischen Raum. In ihrer Studie zum Arabischen Frühling schreibt sie hinsichtlich der Gründe für die arabischen Revolten:

[.] the combination of these factors - a youth bulge, massive youth unemployment, increasing quantity but decreasing quality of education, large numbers of unemployed degree-holders, delayed marriage, and housing access concerns - translates into a massive societal problem not seen to this extreme elsewhere. (Mulderig 2013: 26)

Neben dem Verweis auf Youth Bulges und Bildungsgrade findet sich in der Argumentation von Mulderig vor allem die ökonomische Komponente, sowohl explizit (Jugendarbeitslosigkeit) als auch implizit, nämlich beim Verweis auf hinausgezögerte Eheschließungen, wieder. Denn hier kommt eine weitere Variable zum Tragen, die für den Arabischen Frühling vielfach als besonders relevant betrachtet, jedoch bei der Darstellung bisheriger Youth Bulge-Ansätze lediglich angerissen wurde, nämlich, dass explizit die Unzufriedenheit junger Männer stark zur Instabilität muslimischer Gesellschaftssysteme beitragen würde. Bei Mulderig führt die Arbeitslosigkeit von jungen Männern im arabischen Raum deshalb im Besonderen zu Frustration, weil ohne Einkommen und Status auch keine Möglichkeit für sie besteht, eine Ehefrau zu finden.

Im deutschprachigen Raum wurde diese These durch Gunnar Heinsohn popularisiert, denn seiner Ansicht nach sei für die Konfliktanfälligkeit von Staaten mit Youth Bulges[16] nicht der Anteil der jungen Frauen, sondern der von jungen Männern entscheidend, da der „Kampfvorteil eines männlichen Kriegers gegenüber einem Mutter-Kind-Paar“ (Heinsohn 2013: 15) dafür sorgen würde, dass „in den Berechnungen der Strategen die Mädchen eher als Gebärerinnen weiterer Krieger denn als eigenständige militärische Bedrohung zum Zuge kommen“ (Ebd.: 15, Hervorhebung im Original).

Die Dynamik eines Youth Bulges ergäbe sich hierbei nicht aus unmittelbarer Not oder Nahrungsmittelknappheit junger Männer, sondern vielmehr aus dem Verhältnis zwischen den für sie zugänglichen Positionen in einer Gesellschaft und der Positionsmenge, die nachrückende Söhne für sich einfordern. Heinsohn argumentiert hier also zum einen (ähnlich wie Möller und Bouthoul) deterministisch, da er annimmt, (überzählige) Söhne strebten stets nach sozialen Positionen, die ihnen Macht, Status und Anerkennung verleihen und bringt zum anderen auch wieder die ökonomische Komponente Jugendarbeitslosigkeit ins Spiel. Hierbei hatte Heinsohn in seiner Studie auch deshalb die muslimische Welt besonders im Blick, weil dort nicht nur die wohl größten Zuwachsraten der Menschheitsgeschichte zu verzeichnen seien (Ebd.: 37), sondern auch weil es Männern in den traditionalen muslimischen Gesellschaften nur über ein eigenes Einkommen möglich sei, eine Ehe einzugehen, da sie die Versorgung der Familie zu gewährleisten hätten. Aus dem Fehlen von Arbeitsplätzen für statussuchende junge Männer entspringt nach dieser Logik die Instabilität einer (muslimischen) Gesellschaft. Der Politikwissenschaftlerin Wenke Apt zufolge wirken Jugendüberschüsse in diesem Kontext besonders fatal, wenn zudem ein gewisses Wohlstandsniveau erreicht ist und ein relativ hohes Humankapital existiert, denn dann seien die Opportunitätskosten eines Systemerhalts für gut ausgebildete und nach Status strebende Jugendliche besonders hoch (Apt 2011: 33.).

Stärker biologistisch, aber in dieselbe Richtung deutend, argumentierten Mesquida und Wiener in ihrer Arbeit zum Zusammenhang von männlichen Jugendanteilen[17] und bürgerkriegsbedingten Todesfällen in 153 Ländern zwischen 1989 und 1998 (Mesquida & Wiener 1999). In ihrer empirischen Studie kamen sie zu dem Ergebnis, dass das Verhältnis von jungen zu alten Männern direkten Einfluss auf das Ausmaß gewaltsamer Konflikte habe (Ebd.: 187). Die Autoren kamen hierbei allerdings auch zu dem Schluss, dass dies die einzige Variable sei, die einen signifikanten Einfluss auf die Intensität von Konflikten habe, während Kontrollvariablen wie Bruttosozialprodukt pro Kopf und Gini-Koeffizient (Indikator der Einkommensungleichheit) lediglich einen kleineren, nicht-signifikanten Einfluss ausüben würden (Ebd.: 186). Diese Ergebnisse widersprechen somit den Studienergebnissen der großen Mehrheit der Youth Bulge-Theoretiker.

Aufgrund dieser vorgestellten Thesen kann grundsätzlich die Vermutung angestellt werden, dass es in Algerien besser als in Tunesien gelungen ist, die demographischen Potenziale eines (männlichen) Youth Bulges in den volkswirtschaftlichen Produktionsprozess zu integrieren. Unter Bezugnahme auf die vorgestellten Annahmen der Youth Bulge-Theoretiker sollen folgende Hypothesen formuliert und geprüft werden:

Hypothese 2:

Je höher die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen ist, desto höher ist die Konfliktwahrscheinlichkeit.

Hypothese 3:

Je höher die Arbeitslosigkeit unter jungen Männern ist, desto höher ist die Konfliktwahrscheinlichkeit.

Sollten die Ergebnisse dieser Prüfung den Hypothesen zuwiderlaufen, würde das womöglich für die Richtigkeit der Ergebnisse von Mesquida & Wiener (1996)

[...]


[1] Im Rahmen dieser Arbeit wird unter dem „Arabischen Frühling“ die Serie von Aufständen, Protesten und Umbrüchen in der arabischen Welt ab Dezember 2010 verstanden. Dieser Begriff hat sich in Deutschland und im englischsprachigen Raum („Arab Spring“) durchgesetzt.

[2] Das Akronym MENA („Middle East & North Africa“) umfasst in dieser Arbeit den Nahen Ost und Nordafrika, nicht aber die Türkei.

[3] Teilweise ist diese „männliche Youth Bulge“-Variante im deutschsprachigen Raum bekannter als die „klassische Version“. Dies geht vornehmlich auf Gunnar Heinsohn zurück, der den Arabischen Frühling in seinem Buch „Söhne und Weltmacht“ (2003) – gestützt auf diese Annahmen – wie erwähnt vorhersagte. Entsprechend häufig war er in den Medien präsent.

[4] Eine interessante Statistik lässt sich hierzu bei Google Scholar finden: Für den Zeitraum bis 2010 finden sich 1750 Treffer für das Suchwort „youth bulge“. Für den Zeitraum zwischen 2011 und 2017 sind es bereits 4340 Treffer (Stand: 04.06.2017)

[5] Die Entwicklung in Deutschland verlief auf diesem Feld stark zeitverzögert und zurückhaltend, was wohl maßgeblich auf die Bevölkerungspolitik zur Zeit des Nationalsozialismus zurückzuführen ist. Da die Nationalsozialisten die Demografie zur Legitimation ihres Eroberungskrieges missbrauchten, waren demografische Begründungen in Deutschland nachhaltig diskreditiert. In der Folge wollten deutsche Forscher die nationalsozialistische Propaganda vom sogenannten ‚Volk ohne Raum‘ nicht noch (scheinbar) legitimieren, indem sie demografische Kriegsursachen erörterten. Dies führte dazu, dass inner- und zwischenstaatliche Konflikte und Kriege im deutschsprachigen Raum fast immer politisch oder ökonomisch, häufig ethnisch und manchmal ideologisch begründet wurden (Kröhnert 2006: 2).

[6] Die Idee, hohe Jugendanteile vornehmlich als Bedrohung zu betrachten, fand im Übrigen auch außerhalb der Wissenschaft zunehmend Anhänger, was vor allem auf den immensen Verkaufserfolg von Samuel Huntingtons Buch „The Clash of Civilizations“ (1996) zurückzuführen ist, denn dieser popularisierte in seinem Werk die Youth Bulge-These und verknüpfte sie als eine Art Nebenthese mit seinen weithin bekannten Prognosen zu kommenden gewaltsamen Konflikten zwischen verschiedenen Kultur- bzw. Religionskreisen.

[7] Daten zu Kriegen entnahm Kröhnert der Kriegsdatenbank der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF).

[8] Das heißt, dass es zwischen 1990 und 2000 in einem Drittel dieser Länder Bürgerkriege gab.

[9] Neben dem Youth Bulge seien weitere Stressfaktoren: zu schnelles Wachstum der urbanen Bevölkerung, das Fehlen von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen bzw. Wasser und die Folgen der Ausbreitung von AIDS (Cincotta et at. 2003: 42).

[10] Definiert über den Anteil der 15- bis 24-Jährigen an der Bevölkerung über 15 Jahren.

[11] Mindestens 25 Getötete pro Jahr durch Kämpfe (Daten des Uppsala Conflict Database Project UCDP).

[12] Als Tigerstaaten bezeichnet man die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong und die asiatischen Staaten Singapur, Südkorea, Taiwan und Singapur. Alle vier zeichnen sich durch extrem hohe Wachstumsraten seit den 1980er Jahren aus.

[13] Der mögliche Nutzen durch die Veränderung der Altersstruktur eines Landes wird als demografische Dividende bezeichnet.

[14] In der Studie aus dem Jahre 2008 gibt es insgesamt vier Youth-Bulge-Versionen: Anteil der 15- bis 24-Jährigen an der Gesamtpopulation und an den Personen über 14 Jahre, wobei beide Größen jeweils einmal für die gesamte Bevölkerung (Männer und Frauen) und einmal ausschließlich für Männer berechnet wurden (Ebd.: 363). Im Verlaufe der Arbeit fokussieren sie sich dann auf männliche Jugendanteile und behalten dies auch für die Studie im Jahr 2010 bei.

[15] Wagschal et al. verwenden den Global Peace Index (GPI) des Economist und das Heidelberger Conflict Information System (CONIS) als Datengrundlage (s. Wagschal et al. 2008: 360ff.).

[16] Definiert nach Fuller (1990, 1995).

[17] Definiert als Anteil der 15-29-jährigen Männer im Verhältnis zu den über 30-jährigen Männern.

Details

Seiten
102
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668638723
ISBN (Buch)
9783960951988
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384236
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Sozialwissenschaften und Philosophie
Note
1,5
Schlagworte
Youth Bulge Arabischer Frühling Tunesien Algerien Konflikttheorie Heinsohn Urdal Fuller CIA Nordafrika Naher Osten

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Titel: Junge Menschen und die Revolution des Arabischen Frühlings