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"Under der linden" von Walther von der Vogelweide. Ein Gattungsvergleich mit der Pastourelle

Forschungsarbeit 2017 28 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Under der linden
3.1. Walther von der Vogelweide
3.1.1. Minnesang
3.1.2. Die weibliche Rolle in Walthers Liedern
3.2. L 39,11 samt Übersetzung
3.2.1. Exkurs
3.3. Motive
3.4. Carmina Burana

4. Gattungsdiskussion

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Das Lied „Under der linden“ (L39,11) von Walther von der Vogelweide ist wohl eines der Lieder, welche zu den doch eher spärlich überlieferten Mädchen- beziehungsweise Frauenliedern dieses Autors angehören. In diesen Liedern erhält die Frau, wenn auch durch den männlichen Sänger inszeniert, eine eigene Stimme. So auch in L39,11. Hier berichtet die weibliche Sprecherrolle schon beinahe schwärmerisch von ihrem Liebsten, den sie abseits der Gesellschaft getroffen hat. Obgleich der Rezipient nicht direkt etwas von der männlichen Sprecherrolle erfährt, welche nur in L39,11 stumm bleibt, enthalten Walthers Frauenlieder oder Lieder der herzeliebe einen durchaus dialogischen Charakter, welcher zudem sinnbildlich für den Autor ist. Darauf basierend, tendieren nach Ashcroft (2000) gerade Walthers Frauenlieder hin zum Dialogischen, in denen die Frauenstimme selbst vom Prinzip her nur einer fiktiven Unterhaltung beiwohnt und innerhalb dieser, dem Publikum lediglich ein Einblick in ihre Gedankenwelt gegeben wird. Diesen Einblick in die Gedankenwelt einer jungen Frau kann der Hörer ebenfalls in dem Lied 185 aus der Carmina Burana (CB185) erhalten. Möchte man hier also einen Vergleich zu den anderen Minneliedern Walthers ziehen, in denen er die hohe beziehungsweise niedere Minne besingt, so befindet sich der Interessierte direkt an der kniffligen Stelle, welcher sich selbst die Forschung bis heute noch nicht einig geworden zu sein scheint. Der Gattungsfrage. Wirft L39,11 einige Möglichkeiten der Gattungszugehörigkeit auf, so bietet aber die aktive Rolle der Frau und die passive Rolle des Mannes einen augenscheinlich großes Konfliktpotential. So lässt sich das Lied aus unterschiedlichen Ebenen betrachten. Zum einen ließe sich nach der Rollenverteilung innerhalb des Liedes fragen: Ist die Frau nun wirklich die Aktive oder eventuell doch die Passive? Hat der Interessierte es hier mit einer Vertauschung der eigentlichen Rollen zu tun? Und was lässt sich womöglich doch über den Mann in dem Lied sagen? Unbestreitbar erfährt der Rezipient so gut wie nichts über den Mann, genauso wenig über den Stand der Frau. Auch an dieser Stelle ließe sich vergleichsweise wieder die CB185 anführen, in der zwar beide Akteure eine Stimme besitzen, aber durch diese nichts Genaueres gesagt wird, außer dass, was geschehen ist. Das Lied 185 aus der Carmina Burana besitzt einen durchaus pastourellenhaften Charakter. Ob sich diese Gattung aber mit L39,11 verbinden lässt, soll eingehend geprüft werden. Heike Sievert (1990) eröffnet in ihrer Monographie eine Vielzahl von Gattungsmöglichkeiten, die innerhalb der Forschung bisher aufgeworfen worden sind.

Ziel dieser Arbeit ist es, sich diese Möglichkeiten anzuschauen und, wenn möglich, zu verifizieren beziehungsweise zu falsifizieren. Eine weitere Herangehensweise an die Gattungsproblematik erscheint die Carmina Burana, welche ebenfalls Lieder aufweist, in denen Frauen oder Mädchen erzählen. Demnach soll das Lied CB185 zusätzlich herangezogen werden. Bevor sich diese Arbeit aber der nun angesprochenen Problematik zuwendet, erscheint es mir sinnvoll den äußeren Rahmen abzustecken. Folglich soll das Lindenlied einer äußeren Betrachtung unterzogen werden. Dazu gehört der Forschungsstand, das Lied samt seiner Übersetzung, dessen Überlieferung und natürlich auch sein Autor. Im Zuge dessen möchte ich mich hier auch kurz und knapp dem Thema ‚Minne‘ widmen. Was ist Minnelyrik? Auch soll der Begriff der „Frauen- “ beziehungsweise ‚Mädchenlieder‘ definiert werden. Genauso auch der Begriff der ‚Traumpastourelle‘. Im Anschluss dessen wird sich dem Inneren des Liedes gewidmet. Hier soll sich die Beschaffenheit, in Form von Aufbau, Metaphern und Symbolen, aber auch die Räume im Lied angeschaut werden, bevor der Gattungsfrage nachgegangen und ein Fazit gezogen wird.

Basisgebende Literatur dieser Arbeit wird die Monographie von Heike Sievert (1990) sein. Weiterhin werden sich unter anderem Autoren wie Jan-Dirk Müller (2007), Christoph Huber (2009), Jeffrey Ashcroft (2000); Cyril Edwards u.a. (1996) oder Günter Scholz (2005) wiederfinden.

2. Forschungsstand

Das Lied L39,11 ist wohl eines der meistdiskutierten und interpretierten Lieder Walthers von der Vogelweide. Aufgrund der Fülle an deutscher und englischsprachiger Forschungsliteratur und um sich in dessen Dschungel nicht zu verlieren, wird in diesem Kapitel nur ein kurzer Überblick über die aktuellere Forschung gegeben. Obgleich diese keinen Anspruch auf Vollständigkeit hegt.

Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts befasste sich OTFRID EHRISMANN (1987) in seinem Aufsatz zu „Frau und Tabu“ unter anderem mit der weiblichen Sprecherrolle in L39,11. Hierbei resümiert er, dass einzig und allein die verwendeten Topoi und Metaphorik zum einen die Liedgattung ausmache und zum anderen für das Publikum den Zugang zum Liedinneren eröffne. Ob dem damaligen Publikum die Liedgattung direkt bewusst gewesen ist oder, ob sich zu der Zeit über die Gattungszugehörigkeit, wenn sie dem Hörer nicht schon von vornherein bekannt war, nicht solche Gedanken dazu gemacht hatte, darüber wird kein Aufschluss gegeben. Zu seinem genutzten Topos gehört der locus amoenus, die Metaphorik basiert bei ihm auf dem ‛bluomen brechen’ und dem ‛Lindenbaum’ als solchen.1 In einer weiteren Arbeit nutzt EHRISMANN (1989) die Carmina Burana als Diskussionsgrundlage bezüglich der Zuschreibung von Momenten der Emotionalität.2 Hierzu nutzt er, wie auch HEIKE SIEVERT, das Lied CB185. Aufgrund der fehlenden Metrik, kommt aber auch EHRISMANN zu der in der Forschung gängigen Schlussfolgerung, dass eine Bestimmung der Gefühlslage des Liedes und auch derer, die eigens durch das Lied beim Zuhörer ausgelöst werden sollte, nicht möglich sei, sondern nur rein spekulativ angegangen werden könne.3 Zeitgleich mit EHRISMANN erschien der Aufsatz von INGRID BENNEWITZ (1989) zu vrouwe / maget. Hier hat sich BENNEWITZ mit den ‚Mädchenliedern‘ Walthers und in diesem Zuge auch mit L39,11 beschäftigt. Laut BENNEWITZ ist die weibliche Sprecherrolle das zentrale Moment in dem Lied. So scheint es auch ihr daran gelegen gewesen zu sein, die Merkmale der sogenannten Mädchenlieder, wie sie in der niederen Minne dargestellt werden, auf L39,11 zu übertragen und es dahingehend einer Gattung zuordnen zu versuchen.4 Gut zehn Jahre auseinanderliegend diskutieren ACHIM MASSER (1989) und JOACHIM HEINZLE (1997) innerhalb ihrer Aufsätze die Begriffe der vrouwe und maget in Bezug auf die weibliche Sprecherinstanz, wenngleich ACHIM MASSER (1989) 5 den Lösungsweg über das Kranzlied (L74,20) Walthers sucht. HEIKE SIEVERT (1990) 6 setzt sich mit der Gattungsproblematik des Lindenliedes auseinander. So verweist sie auf mehrere, durch die Forschung aufgeworfene Gattungsmöglichkeiten, greift aber nur die für sie relevanten auf und diskutiert diese. Ebenfalls macht auch sie den Versuch, das Lied L39,11 auf die Pastourellendichtung zu übertragen, obgleich sie hierbei zu einem eher negativen Ergebnis kommt. Erst CYRIL EDWARDS (1996) 7 gelingt es, L39,11, bezogen auf die Pastourellendichtung, so zu diskutieren, dass annähernd positive Ergebnisse dabei herauskommen. Weiterhin hat sich INGRID KASTEN (1996) 8 genauer mit der Pastourelle als Gattung innerhalb der höfischen Lyrik beschäftigt. Die aktuellere Forschung wird durch die Beiträge von JEFFREY ASHCROFT (2000)9 zur Thematik der Frauenstimmen in den Liedern Walthers, sowie von MARY M. PADDOCK (2004)10 durch eine veränderte Sicht auf das Lindenlied Walthers und für die die weibliche Stimme nur einen funktionalen Charakter besitzt, um den Status des Mannes innerhalb der Gesellschaft herausbilden zu können, besetzt.

3. Under der linden

Selbst durch die hohe Rezeption kam es bei dem Lindenlied im Laufe der Zeit zu keinen großen Veränderungen an Inhalt oder Aufbau des Liedes; insofern der heutigen Forschung jegliches Material zur Verfügung steht. Von daher, oder gerade deshalb, ist es mir daran gelegen, dass Lied nochmals genauer zu betrachten und es mit dem Lied aus der Carmina Burana CB185 in Vergleich zu setzen.

3.1. Walther von der Vogelweide

Obwohl Walther von der Vogelweide als der „erste >sichere< Berufsdichter“ gilt, lässt sich prinzipiell nichts Genaues über ihn sagen.11

Nur einmal tritt er 1203 urkundlich in den Reiserechnungen des Bischofs Wolfger von Passau in Erscheinung. Bemerkenswert und zugleich auch einzigartig ist es aber, dass „sonst nie in einem historischen Dokument der Zeit ein Dichter als Dichter vorkommt und kein Gönner einen Dichter mit Namen nennt.“12 Allein diese Tatsache spricht für die hohe Stellung Walthers, die er als Berufsdichter genossen hat. Weitere Lebensdaten und -stationen bleiben über ihn reine Spekulation. Die eruierten Daten hat man lediglich aus seinen Liedern entnehmen können. Sei es anhand möglicher Selbstzeugnisse innerhalb seiner Dichtung oder aber hergeleitet aus den historischen Kontexten, welche sich durchaus aus seiner politischen Dichtung entnehmen lassen.13

Seine wirkliche Lebenszeit wird auf einen Zeitraum von etwa sechzig bis siebzig Jahren geschätzt. So geht man davon aus, dass er um 1170 geboren und um 1230 verstorben ist.14

Vermutlich wurde Walther um 1170 in Niederösterreich geboren. Ab etwa 1190 hat er voraussichtlich damit begonnen, sich mit dem Minnesang auseinander zu setzen, um am Wiener Hof von Herzog Friedrich I. zu dichten und zu singen. Nach dessen Tod bestritt Walther sein Lebensunterhalt bekanntermaßen als Wanderdichter. Auf seinen Wegen machte er immer mal wieder Station an unterschiedlichen deutschen Kaiserhöfen. Darunter auch der Hof König Philipp von Schwaben.15 Was genau der Auslöser war, dass er vom Minnesang hin zur politischen Sangspruchdichtung wechselte, ist nicht eindeutig auszumachen. Jedoch veränderte sich seine Sicht, durch eventuell selbst gemachte Erfahrungen oder Beobachtungen, auf den jeweiligen Stationen so sehr, dass er sich ab etwa 1200 mit der Politik des deutschen Reiches befasste und darüber seine politischen Lieder verfasste und vortrug. Aufgrund seiner guten Schulbildung ist es durchaus denkbar, dass er sich erst als Minnesänger ausprobieren wollte, um sich dann als Kritiker der politischen Dichtung zu zuwenden. Sein vermutlich erstes politisches Lied, war der Philippston (18,29ff), dem später noch ein zweiter Ton folgte.16

Weiterhin lassen sich seine Lebensstationen an beispielsweise der Lehensbitte (28,1) oder dem Lehensdank (28,31), in denen er Friedrich II. um ein Lehen bittet und im gestiegenen Alter letztlich auch eines erhält, verfolgen.17

Das Walther von der Vogelweide schon zu seinen Lebzeiten eine bekannte Größe unter den Dichtern und Sängern zu sein gewesen schien, ist an zeitgenössischer Dichtung anderer Autoren, wie beispielsweise Gottfried von Straßburg, zu entnehmen. Denn dieser bezeichnete Walther in seinem „Tristan“ als nahtegalen.18 Ob Gottfried sich bei dieser Zuschreibung auf das Lied „Under der linden“ (L39,11) oder auf die Sangesqualitäten Walthers bezogen hat, sei dahingestellt. Dennoch ließe sich darüber spekulieren, ob es sich bei der Tristan-Stelle nicht doch um einen möglichen Verweis auf das Lied handeln könnte.

[...]


1 Vgl. Ehrismann, Otfrid: „Tandaradai“, „hêre vrouwe“ und die „Schwelle des Allerheiligsten“. Frau und Tabu, in: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht 60 (1987), S. 37. (Im Folgenden zitiert als: Ehrismann (1987)).

2 Vgl. Ehrismann, Otfrid: Tandaradei: Zivilisation und Volkstümlichkeit in Walthers ‚Unter der linden’, in: Sabine Heimann: Soziokulturelle Kontexte der Sprach- und Literaturentwicklung. Festschrift für Rudolf Grosse, Stuttgart: Akademischer Verlag (1989), S. 408. (Im Folgenden zitiert als: Ehrismann (1989)).

3 Vgl. Ehrismann (1989), S. 411.

4 Vgl. Bennewitz, Ingrid: „Vrouwe/maget“. Überlegungen zur Interpretation der sog. ‚Mädchenlieder’ im Kontext von Walthers Minnesang-Konzeption, in: Hans Dieter von Mück: Walther von der Vogelweide, Stuttgart: Stöffler u. Schütz (1989) S. 245f. (Im Folgenden zitiert als: Bennewitz (1989))

5 Vgl. Masser, Achim: Zu den sogenannten „Mädchenliedern“ Walthers von der Vogelweide, in: Wirkendes Wort 39 (1989). (Im Folgenden zitiert als: Masser (1989))

6 Sievert, Heike: Under der linden (L 39,11), in dies.: Studien zur Liebeslyrik Walthers von der Vogelweide, Göppingen: Kümmerle Verlag (1990). (Im Folgenden zitiert als: Sievert (1990)).

7 Vgl. Edwards, Cyril: Von Archilochos zu Walther von der Vogelweide. Zu den Anfängen der Pastourelle in Deutschland, in ders.: Lied im deutschen Mittelalter. Überlieferung, Typen, Gebrauch. Chiemsee- Colloquium 1991, Tübingen: Max Niemeyer Verlag (1996), S. 15f. (Im Folgenden zitiert als: Edwards (1996)).

8 Vgl. Kasten, Ingrid: Die Pastourelle im Gattungssystem der höfischen Lyrik, in: Cyril Edwards [u.a.]: Lied im deutschen Mittelalter. Überlieferung, Typen, Gebrauch. Chiemsee-Colloquium 1991, Tübingen: Niemeyer (1996). (Im Folgenden zitiert als: Kasten (1996)).

9 Vgl. Ashcroft, Jeffrey: Frauenstimmen in der Minnelyrik Walthers von der Vogelweide, in: Thomas Cramer [u.a.]: Frauenlieder. Cantigas de amigo, Stuttgart: S. Hirzel Verlag (2000). (Im Folgenden zitiert als: Ashcroft (2000)).

10 Vgl. Paddock, Mary M.: Speaking of spectacle. Another look at Walther’s „Lindenlied“, in: The German quarterly 77 (2004). (Im Folgenden zitiert als: Paddock (2004)).

11 Vgl. Scholz, Manfred Günter: Walther von der Vogelweide, Stuttgart: J.B. Metzler (2005), S. 11. (Im Folgenden zitiert als: Scholz (2005)).

12 Vgl. Scholz (2005), S. 11.

13 Vgl. Scholz (2005), S. 14.

14 Vgl. Bein, Thomas: Walther von der Vogelweide, Stuttgart: Reclam (1997), S. 32. (Im Folgenden zitiert als: Bein (1997)).

15 Vgl. Scholz (2011), S. 14.

16 Vgl. Scholz (2011), S. 54 u. 66.

17 Vgl. Bein (1997), S. 34.

18 Vgl. Reichert, Hermann: Walther von der Vogelweide für Anfänger, Wien: WUV-Verlag (1998), S. 27. (Im Folgenden zitiert als: Reichert (1998)).

Details

Seiten
28
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668595484
ISBN (Buch)
9783668595491
Dateigröße
727 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384206
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,7
Schlagworte
under walther vogelweide gattungsvergleich pastourelle

Autor

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