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Chinesische Online-Nachrichtenseiten zwischen wirtschaftlicher Öffnung und politischer Kontrolle

Ein Einordnungsversuch nach Hallin und Mancini

Hausarbeit 2014 22 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theorie

3. Methode

4. Ergebnisse

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Die Unterteilung von Mediensystemen in die 2004 von Hallin/Mancini entwickelten drei Systemtypen liberales, demokratisch-korporatistisches und polarisiert-pluralistisches Modell hat sich in den letzten zehn Jahren in der Kommunikationswissenschaft etabliert. Da diese Systemtypen jedoch nur für westliche Länder anwendbar sind, haben Hallin/Mancini 2012 auch nicht-westliche Länder anhand der von ihnen entwickelten Kategorien beschrieben und in ihre drei Systemtypen eingeordnet. Hierbei handelte es sich jedoch lediglich um sieben nicht-westliche Länder und wie bereits 2004 bezog sich diese Unterteilung allein auf Print­medien. Die globale Ausbreitung des Internets wurde dagegen bei keiner Hallin/Mancini­Studie berücksichtigt. Benson et al. (2012) hingegen untersuchten, wie sich die Unterschiede der einzelnen Systemtypen nach Hallin und Mancini bei der Ausweitung des Tageszeitungs­marktes von Print auf Online veränderten, allerdings wurden hierbei lediglich drei Länder miteinander verglichen. In der diesem Forschungsbericht zugrunde liegenden Inhaltsanalyse soll hingegen ein mit über 50 Ländern wesentlich globalerer Vergleich erfolgen, wobei der Fokus auf Online-Nachrichtenseiten großer und seriöser Tageszeitungen liegt. Ziel dieser Studie ist es, herauszufinden, ob nationale Unterschiede der Mediensysteme nicht nur bei Printmedien, sondern auch bei Online-Nachrichtenseiten bestehen, oder ob die nationalen Unterschiede zwischen den einzelnen Mediensystemen durch die Ausbreitung von Tageszei­tungen auf den Onlinebereich verschwinden. Darüber hinaus soll versucht werden, nicht­westliche Länder in eines der drei Systeme von Hallin/Mancini einzuordnen. In diesem For­schungsbericht soll speziell auf China als Beispiel für eines der über 50 untersuchten Länder eingegangen werden. Hierfür sollen chinesische Online-Nachrichtenseiten analysiert und mit denen aus Ländern der drei Systemtypen von Hallin und Mancini verglichen werden. Abschließend sollen die Online-Nachrichtenseiten Chinas in eines dieser drei Systemtypen liberales, demokratisch-korporatistisches oder polarisiert-pluralistisches Modell eingeordnet werden.

2. Theorie

Nach Hallin/Mancini (2004) lassen sich Mediensysteme westlicher Länder in die drei System­typen liberales, demokratisch-korporatistisches und polarisiert-pluralistisches Modell unter­teilen. Das liberale Modell umfasst dabei die nordatlantischen Länder USA, Großbritannien, Kanada und Irland, das demokratisch-korporatistische Modell die nordeuropäischen Länder Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark sowie Deutschland, Österreich, Schweiz, Belgien und die Niederlande und das polarisiert-pluralistische Modell die mediterranen Länder Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und Frankreich.

Das liberale Modell ist durch eine frühe Entwicklung der kommerziellen Massen­presse gekennzeichnet, Tageszeitungen erreichen allerdings nur eine mittlere Auflagenhöhe. Als Kennzeichen für einen geringen politischen Parallelismus können das professionelle Rundfunkmodell mit einem hohen Grad an Autonomie, der mit Ausnahme von Großbritan­nien vorherrschende interne Pluralismus sowie ein informationsorientierter, kommerzieller Journalismus gelten. Es existiert eine hohe Professionalisierung des Journalismus, während staatliche Interventionen mit Ausnahme von Großbritannien und Irland in dem marktdomi­nierten, liberalen Modell keine Rolle spielen. Das demokratisch-korporatistische Modell kennzeichnet eine frühe Entwicklung der Massenpresse mit hohen Auflagen. Es gibt einen hohen politischen Parallelismus, externer Pluralismus und eine hohe gesellschaftliche Betei­ligung am Rundfunk, zudem gibt es eine historische Verschiebung von Parteipresse zu einer neutralen, kommerziellen Presse. Der Professionalisierungsgrad des Journalismus ist durch eine institutionalisierte Selbstregulierung sehr hoch. Daneben weist dieses Modell einen starken öffentlichen Rundfunk, sowie weitreichende staatliche Interventionen auf, die jedoch die Absicht haben, die Pressefreiheit zu sichern. In dem polarisiert-pluralistischen Modell haben Tageszeitungen aufgrund ihrer Eliteorientierung niedrige Auflagen. Der politi­sche Parallelismus hingegen ist stark ausgeprägt, so gibt es hier ein regierungsnahes Rund­funkmodell. Daneben existieren ein kommentarorientierter Journalismus und ein externer Pluralismus. Der Professionalisierungsgrad des Journalismus ist in diesem Modell jedoch gering, so werden Journalisten von der Regierung instrumentalisiert. Darüber hinaus gibt es weitgehende staatliche Interventionen und Deregulierungen.

Da der Fokus dieses Forschungsberichts jedoch auf einer Einordnung des chinesi­schen Mediensystems in eines der drei Systemtypen von Hallin/Mancini liegt, soll nun zunächst das chinesische Mediensystem beschrieben und in eines der drei Systemtypen ein­geordnet werden.

Der chinesische Staat spielt selbst nach seinem Rückzug aus der Vollfinanzierung der Medien eine große Rolle, denn trotz seines Aufrufes chinesischer Medien zu finanzieller Un- abhängigkeit, wodurch es im chinesischen Mediensystem zu Wettbewerb, Kommerzialisie­rung und hierdurch zu einer stärkeren Liberalisierung kam, waren Staatsorgane wie die Renmin Ribao von Subventionskürzungen ausgenommen (Abels 2009). Darüber hinaus wer­den Medien von der Regierung kontrolliert, so sind Inhalte, die beispielsweise die Einheit und die Souveränität des chinesischen Staates und die territoriale Integrität gefährden, ver­boten (Gui 2004). Zudem existiert in China kein eigenständiges Medienrecht, denn in der Verfassung werden den Bürgern zwar „die Freiheit auf Meinungsäußerung, Veröffentlichun­gen (...) und Demonstrationen" (Gui 2004, S. 29) garantiert, jedoch werden diese Rechte durch die Verfassung eingeschränkt, sobald die „staatlichen, gesellschaftlichen, kollektiven Interessen" (Gui 2004, S. 29) als gefährdet betrachtet werden. Aus diesem Grund gibt es in China de facto keine Presse- und Meinungsfreiheit, weshalb China 2013 in der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 173 von insgesamt 179 Staaten gelistet wurde (Reporter ohne Grenzen 2013).

Durch den starken Einfluss der Regierung auf die Medien muss man von einem hohen politischen Parallelismus sprechen. Medien gelten in China noch immer als „Sprachrohr der Partei, der Regierung und des Volkes" (Weggel 1989, S. 312), deren Grundaufgabe die Auf­klärung und die Erziehung des chinesischen Volkes ist (Abels 2009). Medien und Regierung sind auch dadurch miteinander verbunden, dass in China Beamte von staatlichen Propagan­dastellen als Manager in Medienunternehmen eingesetzt werden. Dies soll die Parteitreue stärken und Regierung und Medien noch stärker miteinander verknüpfen. Darüber hinaus ist im chinesischen Mediensystem der sogenannte „Parteipresse-Parallelismus" verbreitet (Zhao 2012), womit gemeint ist, dass beispielsweise das offizielle Verlautbarungsorgan der Kommunistischen Partei Chinas Renmin Ribao zur selben Verlagsgruppe gehört wie die Global Times, einem englischsprachigen Broadsheetformat (People's Daily Online 2014), und man demnach einen Einfluss der Regierung auf die Tageszeitung Global Times annehmen muss.

Der Professionalisierungsgrad des Journalismus ist ebenfalls durch einen hohen staat­lichen Einfluss geprägt und gilt nach westlichen Maßstäben als niedrig. Zudem gibt es ver­pflichtende Trainingsprogramme für Journalisten, in denen vor allem Grundsätze der Partei­politik thematisiert werden. Nach Abschluss dieses Trainingsprogramms erhalten Journalis­ten eine auf fünf Jahre gültige Arbeitslizenz. Darüber hinaus werden Journalisten bei ihrer Arbeit nicht nur durch Zensur vom Staat kontrolliert, ihre Arbeit wird zudem jährlich bewer­tet. Diese Bewertungen und der drohende Verlust der Arbeitslizenz, aber auch das soge­nannte Bonuspunktesystem, bei dem es bei Zufriedenheit der Partei Sonderzahlungen an redaktionelle Mitarbeiter gibt, sorgen für eine Selbstzensur von Journalisten (Abels 2009).

Betrachtet man den Tageszeitungsmarkt in China, so lässt sich klar erkennen, dass es in China mit über 1.000 Tageszeitungstiteln, die 2009 zusammen eine Auflage von über 110 Mio. Exemplaren erreichten (World Press Trends 2010), den größten Tageszeitungs­markt der Welt gibt. (Zhao 2012). Chinesische Tageszeitungen lassen sich in kommerzielle Massenpresse und Parteiorgane unterscheiden, wobei die kommerzielle Presse nach westli­chem Vorbild geschaffen wurde und inhaltlich über mehr Themen berichten kann als die Parteiorgane (Zhao 2012). Dennoch darf dies nicht als ein „Schritt in Richtung ernsthafter Meinungs- und Pressefreiheit" (Abels 2009, S. 851) missverstanden werden. Der Einfluss des Staates auf den Medienmarkt zeigt sich auch bei der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua, die der Propagandaabteilung der Regierung untersteht und daher an deren ideologische und journalistische Vorgaben gebunden ist. Diese hat bei politisch sensiblen Themen das alleinige Recht zur Verbreitung von Nachrichten und kann somit gezielt das Nachrichtenangebot steuern (Abels 2009).

Medien sind in China demnach einem „Spannungsverhältnis zwischen politischer Kontrolle und wirtschaftlicher Öffnung ausgesetzt" (Kupfer 2004, 11). Auf der einen Seite gibt es noch immer Zensur und fehlende Presse- und Meinungsfreiheit, auf der anderen Seite gibt es mittlerweile eine stärkere Kommerzialisierung und eine größere inhaltliche Themenvielfalt (Kupfer 2004). Somit weist das chinesische Mediensystem sowohl Merkmale des liberalen als auch des polarisiert-pluralistischen Modells nach Hallin/Mancini auf. Da das Mediensystem in China jedoch einen hohen politischen Parallelismus, weitgehende staatli­che Interventionen sowie eine hohe Instrumentalisierung und somit eine geringe Professio- nalisierung von Journalisten aufweist, gibt es eine stärkere Ähnlichkeit zwischen dem chinesischen Mediensystem und dem polarisiert-pluralistischen Modell.

Für die Inhaltsanalyse und dem Vergleich von chinesischen Online-Nachrichtenseiten mit Online-Nachrichtenseiten aus dem liberalen, dem demokratisch-korporatistischen, sowie dem polarisiert-pluralistischen Modell ergeben sich somit folgende Hypothesen:

H1: Da es in China die meisten Tageszeitungen der Welt gibt, wird angenommen, dass es auch auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten viele Informationen und somit viele Artikel gibt. Damit sollten chinesische Online-Nachrichtenseiten dem liberalen Modell entsprechen, in dem ebenfalls eine hohe Informationsvielfalt und viele Artikel vermutet werden.

H2: Durch den hohen staatlichen Einfluss auf das chinesische Mediensystem, wird davon ausgegangen, dass es auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten weniger Möglichkeit zur Deliberation gibt als in den drei Modellen von Hallin und Mancini.

H3: Aufgrund staatlicher Zensurmaßnahmen und der Verfolgung regimekritischer Journa­ listen, wird vermutet, dass diese auf Online-Nachrichtenseiten auf meinungsbetonte Artikel verzichten und stattdessen vor allem tatsachenbetonte Artikel publizieren. Damit sollte sich die Anzahl von meinungs- sowie tatsachenbetonten Artikeln deutlich von der des polarisiert­pluralistischen Modells unterscheiden, das laut Hallin und Mancini durch einen kommentar­orientierten Journalismus geprägt ist.

3. Methode

Um Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Inhalten internationaler Online­Nachrichtenseiten ermitteln zu können, wurden im Rahmen einer Inhaltsanalyse die Online-Versionen überregionaler Tageszeitungen in über 50 Ländern miteinander verglichen. Für jedes Land wurden hierbei drei Online-Nachrichtenseiten untersucht, die anhand der beiden Kriterien Größe, ermittelt durch die Anzahl der Visits, und Seriosität der Webseite ausgewählt wurden. Ziel dieser Inhaltsanalyse ist jedoch nicht nur der Vergleich von Unter­schieden und Gemeinsamkeiten internationaler Online-Nachrichtenseiten, sondern darüber hinaus auch die Einordnung von nicht-westlichen Ländern in die drei Systemtypen liberales, demokratisch-korporatistisches und polarisiert-pluralistisches Modell, nach denen sich Mediensysteme laut Hallin/Mancini (2004) unterteilen lassen. Demzufolge dient diese Unterscheidung von Mediensystemen nach Hallin und Mancini als Grundlage dieser Inhalts­analyse, jedoch soll bei dieser vorliegenden Inhaltsanalyse der Fokus auf den Inhalten von Online-Nachrichtenseiten liegen. Für diese Inhaltsanalyse wurden daher von jeder Internet­seite jeweils zwei Screenshots der Titelseite angefertigt. Dies geschah an einem Tag der Woche in einem dreiwöchigen Zeitraum im November und Dezember 2013: Freitag, 22. November um 11.00 Uhr, Donnerstag, 28. November um 13.00 Uhr sowie am Mittwoch, 4. Dezember um 15.00 Uhr. Die Datenerhebung erfolgte an unterschiedlichen Wochentagen und zu verschiedenen Uhrzeiten, um die Repräsentativität der Inhaltsanalyse zu erhöhen, wobei die genaue Uhrzeit der Screenshots um eine Stunde vom festgelegten Zeitpunkt abweichen durfte. Zur Auswertung dieser Screenshots wurde als Messinstrument dieser Inhaltsanalyse ein Codebuch erstellt, das folgende Kategorien enthält: Formale Kategorien, News, Multimedia, Werbung, Bürgerbeteiligung, Information vs. Meinung sowie Themen.

4. Ergebnisse

In der diesem Forschungsbericht zugrunde liegenden Inhaltsanalyse wurde sich bei der Län­dereinteilung an Hallin/Mancini (2004) orientiert, jedoch ist keine exakte Übereinstimmung der Länder möglich. Für diese Inhaltsanalyse wurden daher die USA, Großbritannien, Irland, Kanada, Australien, Neuseeland sowie Schottland zu dem liberalen Modell gezählt, während das demokratisch-korporatistische Modell Deutschland, Österreich, Schweiz, Belgien, die Niederlande und Schweden umfasst. Das polarisiert-pluralistische Modell wurde hingegen aus den Ländern Frankreich, Spanien und Italien gebildet. Für eine Einordnung chinesischer Online-Nachrichtenseiten in eines der drei Systemtypen nach Hallin und Mancini, wurden drei englischsprachige Online-Nachrichtenseiten aus China, die China Daily, die People's Daily sowie die Global Times, mit Online-Nachrichtenseiten dieser 16 Länder verglichen und untersucht. Hierfür wurde für jedes Modell der drei Systemtypen nach Hallin und Mancini der Mittelwert der entsprechenden Länder gebildet und dieser mit den Ergebnissen der Inhaltsanalyse für China verglichen.

Betrachtet man die Kategorie News die Anzahl aller Artikel und Links, so lässt sich erkennen, dass es auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten mit 32,30 Artikeln und Links pro Website überdurchschnittlich viele Artikel und somit ein enorm hohes Informationsan­gebot gibt. Eine ähnlich hohe Anzahl an Artikeln und Links lässt sich zudem, wie bereits in Hypothese H1 vermutet wurde, in dem liberalen Modell finden, wo es mit durchschnittlich 29,02 Artikeln und Links pro Online-Nachrichtenseite ebenfalls ein sehr hohes Informations­angebot und somit deutlich mehr Artikel gibt, als in dem demokratisch-korporatistischen Modell mit durchschnittlich 17,09 oder mit durchschnittlich 16,56 Artikeln im polarisiert­pluralistischen Modell. Somit kann Hypothese H1, die besagt, dass es auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten ebenso wie in denen des liberalen Modells die meisten Artikel zu finden sind, bestätigt werden. Jedoch muss hier kritisch angemerkt werden, dass die hohe

Informationsdichte in dem liberalen Modell und auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten mit Sicherheit unterschiedliche Ursachen hat. So wird der Journalismus in dem liberalen Modell durch eine hohe Informationsorientierung und durch eine ausgeprägte Meinungs­und Pressefreiheit geprägt (Hallin/Mancini 2004), weshalb man davon ausgehen kann, dass die hohe Anzahl an Artikeln tatsächlich der vielfältigen und freien Information der Bürger dienen soll. Aufgrund der fehlenden Meinungs- und Pressefreiheit in China (Abels 2009) können diese Gründe jedoch mit Sicherheit nicht für die hohe Anzahl von Artikeln auf chine­sischen Online-Nachrichtenseiten gelten. Betrachtet man die drei untersuchten chinesischen Online-Nachrichtenseiten aus diesem Grund genauer, so ist auffällig, dass es bei den Online­Auftritten der Global Times und der People's Daily mit durchschnittlich 28 bzw. 26 Artikeln mehr Artikel und somit eine höhere Informationsdichte gibt, als bei der China Daily mit durchschnittlich 17 Artikeln. Da jedoch sowohl die Global Times als auch die People's Daily Parteiorgane der Kommunistischen Partei Chinas sind (People's Daily Online 2014) kann man vermuten, dass die hohe Artikelanzahl eher dazu dienen soll, das chinesische Volk im Sinne der Regierung aufzuklären und dass selbst die englischsprachigen Online-Ausgaben dieser Parteiorgane als Sprachrohr der Regierung dienen.

Bei der Bürgerbeteiligung wurde vermutet, dass es durch den hohen Einfluss des chi­nesischen Staates auf das Mediensystem, auch auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten weniger Möglichkeit zur Deliberation gibt als bei allen drei Modellen von Hallin und Mancini. In der Tat lassen sich auf chinesischen Online-Nachricht mit durchschnittlich 0,30 Kommen­taren deutlich seltener Kommentarfunktionen finden als auf Online-Nachrichtenseiten des liberalen Modells mit 3,35 Kommentaren, des demokratisch-korporatistischen Modells mit 3,40 und des polarisiert-pluralistischen Modells mit sogar 3,93 Kommentaren. Auch die Tat­sache, dass auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten keine Artikel von Nicht-Journalisten zu finden sind, während im polarisiert-pluralistischen Modell 0,07, im demokratisch- korporatistischen Modell 0,20 und im liberalen Modell sogar 0,63 Artikel von Nicht­Journalisten stammen, ist ein Hinweis dafür, dass es auf chinesischen Online­Nachrichtenseiten weniger Deliberationsmöglichkeiten gibt. Jedoch lassen sich entgegen dieser Vermutung auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten mit durchschnittlich 4,70 Links auf Social Media-Seiten deutlich mehr Social Media-Verlinkungen finden als im liberalen Modell mit 1,11, im polarisiert-pluralistischen Modell mit 1,89 oder im demokratisch- korporatistischen Modell mit 2,26 Links. Da die hohe Anzahl der Social Media-Links auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten jedoch der Vermutung der geringeren Deliberati- onsmöglichkeit widerspricht, kann Hypothese H2 nur zum Teil bestätigt werden. Allerdings muss bei der hohen Anzahl von Social Media-Verlinkungen auf chinesischen Online­Nachrichtenseiten berücksichtigt werden, dass sowohl der Internetzugang als auch der Gebrauch des Internets durch staatliche Institutionen kontrolliert wird. Vor allem Social Media-Seiten wie Blogs und Video-Austauschseiten werden in besonders hohem Maße kontrolliert und zensiert, so gibt es zum einen rund 30.000 staatliche Internet-Kontrolleure und zum anderen werden bei dem landeseigenen Mikroblogdienst Weibo regimetreue Blog­ger für regimepositive Blogbeiträge bezahlt (Abels 2009). Daher darf die hohe Anzahl an Social Media-Links auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten und die damit verbundene Möglichkeit zur Deliberation nicht automatisch mit einer ausgeprägten Meinungs- und Pressefreiheit gleichgesetzt werden.

Zuletzt soll die Anzahl der meinungs- sowie der tatsachenbetonten Artikel betrachtet werden. Vermutet wurde in Hypothese H3, dass es auf chinesischen Online-Nachrichten­seiten weniger meinungs- und mehr tatsachenbetonte Artikel gibt. Begründet wurde diese Hypothese mit dem Hintergrund von hohen staatlichen Zensurmaßnahmen und der Verfolgung der Regierung von regimekritischen Berichten, so befinden sich laut Reporter ohne Grenzen (2013) derzeit ungefähr 30 Journalisten und fast 70 Blogger in Haft. Daher wurde vermutet, dass chinesische Journalisten aus diesen Gründen zum Großteil auf meinungsbetonte Artikel verzichten und stattdessen hauptsächlich tatsachenbetonte Artikel veröffentlichen. Dies sollte im Gegensatz zu dem polarisiert-pluralistischen Modell stehen, das sich laut Hallin/Mancini (2004) durch einen kommentarorientierten Journalismus aus­zeichnet, weswegen für das polarisiert-pluralistische Modell eine höhere Anzahl an meinungs- als an tatsachenbetonten Artikeln angenommen wurde. Betrachtet man jedoch die Anzahl an meinungs- sowie an tatsachenbetonten Artikeln, so lässt sich deutlich erken­nen, dass nicht nur auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten, sondern auf allen Online­Nachrichtenseiten der drei Hallin und Mancini-Modelle die Anzahl an tatsachenbetonten Artikeln höher ist als die Anzahl meinungsbetonter Artikel. So lassen sich im liberalen Modell 8,76, im demokratisch-korporatistischen Modell 6,24 und im polarisiert-pluralistischen Mo­dell 4,11 tatsachenbetonte Artikel finden, während auf chinesischen Online­Nachrichtenseiten durchschnittlich 3,20 tatsachenbetonte Artikel zu finden sind. Dem gegenüber stehen 1,14 meinungsbetonte Artikel im liberalen Modell, 1,44 im demokratisch- korporatistischen Modell und 0,67 meinungsbetonte Artikel im polarisiert-pluralistischen Modell, während auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten durchschnittlich 0,80 Artikel meinungsbetont sind. Durch die Tatsache, dass auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten tatsächlich mehr tatsachen- als meinungsbetonte Artikel publiziert werden, dies jedoch auch für das polarisiert-pluralistische Modell gilt, kann die Hypothese H3 nur teilweise bestätigt werden. Vor diesem Hintergrund, dass das Überwiegen von tatsachenbetonten Artikeln jedoch nicht nur chinesische Online-Nachrichtenseiten, sondern alle drei Modelle von Hallin und Mancini betrifft, kann die Vermutung, aus welchen Gründen chinesische Journalisten tatsachen- den meinungsbetonten Artikeln vorziehen, nur bedingt aufrechterhalten werden. Da Journalisten in keinem der drei westlichen Modelle von Hallin und Mancini von Zensur­maßnahmen und Sanktionen wie Berufsverboten und Gefängnisstrafen betroffen sind und in allen drei Modellen trotzdem grundsätzlich weniger meinungsbetonte Artikel publiziert wer­den, muss dies andere Gründe haben. Eine Dominanz von tatsachenbetonten Artikeln könn­te stattdessen beispielsweise an einer Orientierung von Journalisten an dem Ideal des infor­mationsorientierten Journalismus des liberalen Modells bzw. an der neutralen Presse des demokratisch-korporatistischen Modells liegen. Dafür spricht, dass es in dem liberalen Mo­dell mit durchschnittlich 8,76 und in dem demokratisch-korporatistischen Modell mit rund 6,24 Artikeln die meisten tatsachenbetonten Artikel gibt. Aus diesen Gründen könnte das Überwiegen von tatsachenbetonten Artikeln im Vergleich zu meinungsbetonten Artikeln auf chinesischen Online-Nachrichtenseiten ebenfalls zum Teil an einer Orientierung von chinesi­schen Journalisten an die Berufsnormen des liberalen bzw. des demokratisch-korpora­tistischen Modells handeln und kann daher nicht unbedingt mit einer Selbstzensur von chinesischen Journalisten begründet werden.

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Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668596092
ISBN (Buch)
9783668596108
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383782
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Kommunikationswissenschaft
Note
1,00
Schlagworte
Politische Kommunikation China Online Online-Nachrichtenseiten Hallin und Mancini Hallin Mancini Mediensysteme

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Titel: Chinesische Online-Nachrichtenseiten zwischen wirtschaftlicher Öffnung und politischer Kontrolle