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Ein Wegweiser durch einen Online-Lernzirkel zu Georg Büchners "Woyzeck" und Analyse zum Werk

Seminararbeit 2012 35 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ein Online-Lemzirkel zu Georg Büchners Woyzeck
2.1 Kompetenzbereiche und Lernzuwachs
2.2 Sachanalyse
2.3 Didaktische Analyse
2.4 Methodische Analyse
2.5 Verlaufsplan

3 Abschließende Bemerkungen

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit einem interaktiven Online-Lernzirkel zu Georg Büchners Woyzeck, den die Schülerinnen und Schüler[1] der Qualifikationsphase mithilfe eines schulinternen Netzwerkes durchlaufen sollen. Ein derartiges „Lern-, Informations- und Projekt- Management-System“[2] steht in immer mehr Schulen bereit und soll SuS sowie Lehrer und Lehrerinnen eine „neue, flexiblere und individuellere Art des Lehrens und Lernens [ermöglichen]. “[3] Es handelt sich dabei um einen Portalserver, der den registrierten Nutzern einen interaktiven, zeit- und ortsunabhängigen Austausch von Dateien, E-mails, Adressen und Terminen auch in Form von Chats und Foren bereitstellt.

Im Rahmen dieses Unterrichtsprojekts soll das schulinterne Internetportal dazu genutzt werden, um den Gruppen Arbeitsblätter, Film- und Hörausschnitte zeitunabhängig bereitzustellen, die in Gruppen selbst erstellten auditiven, literarischen und audio-visuellen Beiträge zur zentralen Personenkonstellation Woyzeck-Marie-Tambourmajor zu sichern und in Foren interaktiv und konstruktiv zu beurteilen. Bei einer Kursstärke von 16 SuS sind für das Projekt ca. zehn Stunden vorgesehen. Ziel ist es, den SuS durch die intermediale Vorgehensweise das Textverständnis zu erleichtern und die Lesemotivation zu fördern.

Nach einer kurzen thematischen Einführung in Büchners Woyzeck stellt die vorliegende Hausarbeit eine didaktische und methodische Analyse mit Hinblick auf Szenenauswahl, Verfahrensweisen, Bewertungsmöglichkeiten vor sowie die Vorteile des Einsatzes des schulinternen Netzwerks im Vergleich zum üblichen Lernzirkel.

2 Ein Online-Lernzirkel zu Georg Büchners Woyzeck

2.1 Kompetenzbereiche und Lernzuwachs

Das von mir gestaltete Unterrichtsprojekt befasst sich thematisch mit den Kompetenzbereichen „ Lesen - mit Texten und Medien umgehen: Texte und Medienprodukte verstehen, bewerten und nutzen“ sowie „Schreiben: Texte entwerfen, gestalten und überarbeiten“. Aufbauend auf dem in der Sekundarstufe I erworbenen Wissen über das Drama soll der Lernzuwachs dieses Unterrichtsprojekts darin bestehen, Büchners Woyzeck auf die Personenkonstellation hin zu analysieren und diese durch gestaltende Mittel zu interpretieren. Nachdem in den vorherigen Stunden erste Frage und Thesen zu dem Werk formuliert wurden, besteht das Ziel dieses Unterrichtsprojekts nun darin, im Rahmen eines interaktiven Online-Lernzirkels in Gruppenarbeit den zentralen Konflikt des sozialen Dramas herauszuarbeiten und anhand der Analyse des Verhältnisses der zentralen Figuren Woyzeck, Marie und Tambourmajor zueinander die Ursachen dieses Konflikts zu erkennen und zu benennen. Da es sich bei Büchners Woyzeck um ein Werk handelt, dass aufgrund seiner Kürze bei SuS zwar sehr beliebt, aufgrund seiner inhaltlichen Dichte aber zumeist schwer verständlich scheint, soll sich die Analyse zunächst auf diese drei Personen beschränken, um in den sich diesem Unterrichtsprojekt anschließenden Stunden darauf aufbauend zirkulär weitere zentrale Themen des Woyzecks thematisieren zu können.

Neben dem literarischen Text selbst sollen Filmausschnitte und Hörbeispiele den SuS dazu dienen, das Beziehungsgeflecht und die Positionen der einzelnen Personen zu analysieren. Anhand handlungsorientierter und produktiver Aufgabenstellungen soll den SuS der Zugang zum Werk Büchners erleichtert, die Lesemotivation und der rege Austausch über unterschiedliche Sichtweisen und Interpretationen gefördert werden. Zentrale Stellung nimmt in diesem Projekt das schuleigene Netzwerk ein, das neben der Datenspeicherung und - bereitstellung auch die Möglichkeit eines Forums anbietet, so dass die SuS nicht nur Beiträge anderer Gruppen ansehen, sondern auch kommentieren können. Auf diese Weise soll den SuS zusätzlich ermöglicht werden, sich anhand zuvor gemeinsam erarbeiteter Kriterien gegenseitig zu bewerten und eigene Leistungen mithilfe der Kommentare anderen SuS bzw. Gruppen besser reflektieren zu können.

Dieses Vorgehen soll im Einzelnen zur Entwicklung zweier im Kerncurriculum Niedersachsens beschriebener Kompetenzbereiche der Qualifikationsphase („Lesen - mit Texten und Medien umgehen: Texte und Medienprodukte verstehen, bewerten und nutzen “, „ Schreiben: Texte entwerfen, gestalten und überarbeiten “) beitragen:

a) „Lesen - mit Texten und Medien umgehen: Texte und Medienprodukte verstehen, bewerten und nutzen “[4]
- „Die Schülerinnen und Schüler analysieren und interpretieren pragmatische und literarische Texte und Medienprodukte im Hinblick auf formale und inhaltliche Strukturen, sprachliche Mittel, Aussage und Autorintention und ordnen sie unter Anwendung von Kontextwissen in einen größeren Zusammenhang ein (z. B. Epoche, Gattung, Thema).“
- „Sie wenden Verfahren des gestaltenden Erschließens von Texten und Medien an (z. B. sinngestaltender Vortrag, szenische Interpretation, Interpretation durch Visualisierung, Verfilmung, Vertonung).“
- „Sie erkennen und erläutern die Mehrdeutigkeit literarischer Texte und verständigen sich über unterschiedliche Lesarten.“

b) „ Schreiben: Texte entwerfen, gestalten und überarbeiten “[5]
- „Die Schülerinnen und Schüler erstellen aufgabenadäquat, konzeptgeleitet und normgerecht Texte und unterscheiden dabei die jeweilige kommunikative Funktion (informierend, argumentierend, appellierend, untersuchend und gestaltend).“
- „Sie reflektieren die Schritte des eigenen Schreib- bzw. Darstellungsprozesses und deren Ergebnisse.“
- „Sie wenden Methoden des Überarbeitens von Texten an.“
- „Sie gestalten Texte sprachlich angemessen, stilistisch stimmig und setzen gezielt sprachliche Gestaltungsmittel ein.“
- „Sie beherrschen wesentliche Schreibformen der gestaltenden Interpretation zu literarischen Texten und Medienprodukten.“
- „Sie verfügen sicher über fachlich zentrale Erschließungsformen (untersuchend, erörternd, gestaltend).“
Da es sich bei dem Werk Büchners um ein Drama handelt, ergeben sich insbesondere mit Hinblick auf den Einsatz gestaltender Mittel zur Textinterpretation zusätzlich gattungs­spezifische Kompetenzen, die die SuS im Laufe dieses Unterrichtsprojekts erwerben sollen.

c) „Drama und Kommunikation“[6]
- „Die Schülerinnen und Schüler analysieren und interpretieren Figuren- und Konfliktgestaltung sowie kommunikative Strukturen anhand ausgewählter Dramen­szenen.“
- „Sie interpretieren Dramentexte auch mittels gestaltender Verfahren.“
- „Sie kennen eine Aufführung aus eigener Anschauung (nach örtlichem Spielplan oder aus dem Fernsehen) und können die Inszenierung als Interpretation bewerten.“

2.2 Sachanalyse

Inspiriert von zeitgenössischen Mordfällen, vor allem dem Mord des Johann Christian Woyzecks, der im Jahre 1821 seine Geliebte Johanna Christiane Woost aus Eifersucht getötet hatte, verfasste Georg Büchner im Jahre 1836 im Straßburger Exil das erste deutsche soziale Drama Woyzeck. Im Fokus seiner Auseinandersetzung mit dem Schicksal seiner Hauptfigur Woyzeck steht der kritische Umgang mit der Frage, inwieweit die individuelle Freiheit des Willens eines jeden gegeben sei.

„Ich verachte niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden - weil wir durch gleiche Umstände wohl alle gleich würden und weil die Umstände außer uns liegen. Der Verstand nun gar ist nur eine sehr geringe Seite unseres geistigen Wesens und die Bildung nur eine sehr zufällige Form desselben. “[7]

Zu diesem Zweck stellt Büchner auch gerade einen Angehörigen der gesellschaftlichen Unterschicht ins Zentrum seines Werks und kehrt damit vom klassischen Drama mit "Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos”[8] ab, um anhand von authentischen Charakteren, „Menschen von Fleisch und Blut [...], deren Leid und Freude mich mitempfinden macht und deren Tun und Handeln mir Abscheu oder Bewunderung einflößt, “[9] Empathie hervorzurufen und anhand eines demütigenden Systems sozialer Ungleichheit aufzuzeigen, „dass die Verhältnisse jemanden zum Mörder machen können, dass das Individuum unter bestimmten Umständen nicht frei handeln kann, sondern gesellschaftlich determiniert ist. “[10]

Das Leben des Franz Woyzeck ist geprägt von Armut, Unterdrückung und Demütigung. Zusammen mit seiner Freundin Marie hat er ein uneheliches Kind, für das er durch zahlreiche Arbeiten als Soldat, Rasierer des Hauptmanns, als Versuchsperson und Demonstrationsobjekt des Doktors zu sorgen versucht. Trotz all seiner Bemühungen gelingt es ihm nicht, neben seinen beruflichen Aufgaben auch seinen väterlichen und partnerschaftlichen Pflichten nachzu­kommen, so dass sich Marie infolge zunehmender Entfremdung schließlich dem Tambourmajor zuwendet. Wie Woyzeck zählt auch dieser zur gesellschaftlichen Unterschicht, doch aufgrund seines männlichen Aussehens und seiner besseren finanziellen Situation wirkt er für Marie im Vergleich zum physisch und psychisch zunehmend gezeichneten Woyzeck attraktiver. Deutlich wird dies bereits in der ersten Szene, in der Marie zusammen mit ihrem Kind und ihrer Nachbarin vom Fenster ihrer Wohnung aus den vorbeiziehenden Zapfenstreich betrachtet und beim Anblick des Tambourmajors, der die Prozession anführt, ins Schwärmen gerät und seine stattliche Figur mithilfe eines Vergleichs („Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw. “ „Soldaten, das sind schöne Bursch. “ (2. Szene)) lobt. Als Woyzeck kurz darauf zu ihr kommt, ist die Schwärmerei der Besorgtheit gewichen, denn Woyzeck berichtet von erneuten Visionen, die ihn bei der Arbeit heimgesucht hätten. Sichtlich verängstigt lässt er daraufhin Marie mit ihren Befürchtungen zurück, Woyzeck könne sich infolge seines Wahnsinns nicht mehr angemessen um sie und ihr Kind kümmern.

Dies scheint in der nächsten Szene 3 zunächst unbegründet, denn lachend und vergnügt amüsieren sich Woyzeck, Marie und das Kind auf der Kirmes im Dorf. Tragik gewinnt die Gesamtsituation jedoch durch die Tatsache, dass sich der Flirt zwischen Marie und dem Tambourmajor gerade in dem Moment intensiviert, in dem Woyzeck das einzige Mal glücklich, liebevoll und ausgelassen erscheint, denn auch der Tambourmajor ist anwesend, stellt Marie nach und bewundert ihre körperlichen Reize („ Was ein Weibsbild. Teufel zum Fortpflanzen von Kürassierregimentern und zur Zucht von Tambourmajors“ (Szene 3)). Geschmeichelt von seinem Interesse an ihr und beeindruckt von seiner Uhr, verlässt Marie Woyzeck während einer Vorstellung auf der Kirmes und gibt den Avancen des Tambourmajors nach. Es ist nicht nur die Uhr, die seine besseren finanziellen Verhältnisse repräsentieren soll, sondern insbesondere das offensichtliche sexuelle Interesse, das Marie nachgeben lässt. Zwar sträubt sie sich in der folgenden Szene 6 zunächst, mit dem Tambourmajor auch ein sexuelles Verhältnis einzugehen („Lass mich.“ (Szene 6)), doch verwirft sie ihre Zweifel durch erneute Vergleiche der körperlichen Reize des Tambourmajors mit starken Tieren (Stier, Löw (Szene 6)) und durch die Aussage, sie sei „stolz vor allen Weibern“ (Szene 6), dass er genau sie ausgewählt habe, und gibt sich ihm schließlich hin („Rühr mich an“ (Szene 6)).

Ringend mit Gewissensbissen ist anschließend Marie hin- und hergerissen zwischen ihren moralischen Wertvorstellungen und der Aufmerksamkeit, die ihr der Tambourmajor schenkt. Zwar erfreut sie sich verliebt an den Ohrringen, die ihr der Tambourmajor geschenkt hat (Szene 4), seiner Aufmerksamkeit und seinem offenen sexuellen Interesse an ihr (Szene 6), denn im Vergleich zu ihm scheint die Beziehung zu Woyzeck jeglicher intimer Vertrauens- und Gesprächsgrundlage zu entbehren, Berührungen finden selten statt und auch die Liebe scheint alltäglichen Sorgen gewichen zu sein. Als Woyzeck Marie sein verdientes Geld bringt (Szene 4) und sie dabei ertappt, wie sie die goldenen Ohrringe bewundert, sucht Marie Ausflüchte und Erklärungen für den Besitz des Schmucks. Woyzeck hingegen wirkt in der Diskussion eher unbeholfen, scheint den Betrug nicht wahrhaben zu wollen („ 's ist gut, Marie. “ (Szene 4)) und macht sich sogleich wieder auf den Weg. Im Anschluss an diese erste Konfrontation ist Marie überwältigt von der drohenden Gefahr, jemand könne ihren Betrug aufdecken, und Gewissensqualen („Ich bin doch ein schlecht Mensch. ich könnt ' mich erstechen “ (Szene 4)) bringen sie zum Weinen. Auch die spätere Szene 17 unterstreicht den Gewissenskonflikt Maries, denn während Woyzeck sie zwei Tage nicht besucht hat, ist Marie so verzweifelt, ihr könne keine Vergebung zuteil werden, dass sie sogar die Bibel konsultiert, um Trost zu finden. Ihr wird bewusst, was Woyzeck für sie bedeutet, doch anstatt um Vergebung zu bitten[11] und ein vertrautes Gespräch zu suchen, hofft sie, er möge ihre Appelle und ihre verzweifelte Bitte um Vergebung hören.[12]

Nachdem Woyzecks Verdacht, Marie könne ihn betrügen, durch spöttische Anspielungen seines Umfeld genährt worden ist, geht er erneut zu Marie mit der Intention, ihr den Betrug in einer zweiten Konfrontation nachzuweisen (Szene 7). Akribisch durchsucht er die Wohnungen und auch Marie selbst nach Indizien, um seinen Verdacht zu bestätigen, doch Marie, die von Woyzecks Wahnsinn und seiner seelischen und körperlichen Verfassung sichtlich verängstigt ist, leugnet es erneut. Die sprachliche und partnerschaftliche Distanz scheint unüberbrückbar und so verlässt Woyzeck Marie erneut tatenlos.

Da sein Umfeld ihn aber zunehmend und immer direkter mit spöttischen Bemerkungen auf den Betrug hinweist, spioniert er Marie nach und beobachtet sie beim innigen und vergnügten Tanz mit dem Tambourmajor (Szene 12). Schockiert über die Tatsache, dass die Anziehungskraft des Tambourmajors so groß zu sein scheint, dass sich Marie auch in der Öffentlichkeit bei einem verliebten und ausgelassenen Tanz mit ihm zeigt, weiß er sich aufgrund der Demütigungen seines Umfelds und seines zunehmenden psychischen Verfalls infolge eines Ernährungs­experiments des Doktors nicht anders zu helfen, als Marie, seinen letzten Zufluchtsort in der Welt, zu töten. „Das Verhältnis zu Marie und zu ihrem Kind war das Reservat oder Asyl, in dem das Arbeits- und Versuchstier noch als ein Mensch existiert. Als ihm auch diese Kompensation entrissen wird, muß ihm das als das absolute Ende, als Weltende erscheinen. Er verliert den letzten Halt und stürzt hinab in den Abgrund der Psychose. “[13]

Sichtlich gezeichnet, in sich gekehrt und verstummt trifft er zuvor aber noch im Wirtshaus (Szene 15) auf seinen Nebenbuhler, der ihn, aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit erneut demütigt. Widerstands- und wortlos lässt Woyzeck die Beschimpfungen und die körperliche Gewalt über sich ergehen. In seiner Entscheidung bestärkt, den Vertrauensbruch zu rächen, vernichtet „ der aus seiner sozialen Desolatheit in den Abgrund lebenszerstörender Aggressivität stürzende Soldat, der wild mit dem Messer in seine Frau hineinstößt, um die Sünde aus der Welt zu schaffen, “[14] daraufhin in einem „Akt der Selbstzerstörung“[15] den einzigen Menschen, gegen den er sich in seiner sozialen und gesellschaftlichen Determiniertheit zu behaupten wagt. Auch an dieser Stelle ist hervorzuheben, dass Woyzeck sich keineswegs als eigenständiges Individuum mit freien Willensentscheidungen zeigt, vielmehr „ befindet [er] sich als Einzelner in einer Situation, die durch das Handeln der anderen konstituiert wird, so daß er sich immer nur reaktiv verhalten kann, ohne je die Chance zu einer eigenständigen Handlung zu haben, “[16] und führt somit eine tragische Existenz zwischen Fürsorge, Verpflichtungen und enttäuschter Liebe.

2.3 Didaktische Analyse

Da Georg Büchner aufgrund einer tödlichen Erkrankung sein Werk nicht vollenden konnte, liegt Woyzeck lediglich als Fragment vor, das nicht nur ein offenes Ende, sondern auch eine nicht festgelegte Szenenabfolge aufweist, die in verschiedenen Textausgaben divergieren kann. Daher ist es sinnvoll, nicht eine Gesamtinterpretation des Werkes anzustreben, sondern sich auf einzelne Themenkomplexe zu beschränken. Im Rahmen der didaktischen Reduktion soll im Verlauf dieses Unterrichtsprojekts zunächst der zentrale Konflikt um Woyzeck, Marie und den Tambourmajor in einer selbstständigen Auseinandersetzung mit ausgewählten Szenen erarbeitet werden, um im Folgenden darauf aufbauend weitere Themenkomplexe im Rückgriff auf die zentrale Personenkonstellation erarbeiten zu können.

Die Behandlung des Dramas wird vor allem durch die hohe inhaltliche Dichte unterschiedlicher gesellschaftlich relevanter Themenkomplexe erschwert und stellt die SuS der Qualifikations­phase trotz oder gerade wegen seiner Kürze oftmals vor Verständnisschwierigkeiten. Hinzu kommt, dass es sich bei einem Drama primär um ein Bühnenstück handelt, das für ein umfassendes Verständnis einer szenischen Realisierung bedarf, und dass sich der Handlungs­ablauf anhand der spärlichen Regieanweisungen nur schwer nachvollziehen lässt. Mithilfe gestaltender Interpretationen zentraler Szenen sollen daher neben der kognitiv-analytischen Textarbeit gezielt handlungs- und produktionsorientierte Methoden eingesetzt werden, um das individuelle Leseverständnis durch einen emotionalen und imaginativen Zugang zu erleichtern sowie eine Identifikation mit den agierenden Figuren und ein intensives Leseverständnis zu erzielen. Auch sollte die Aktualität und Zeitlosigkeit der im Woyzeck behandelten Themen dazu eingesetzt werden, die SuS für das Drama zu begeistern und die Lesemotivation zu fördern. Aufgrund der Zeitlosigkeit der gesellschaftlichen Probleme, die Büchner behandelt, ist sein Werk im Allgemeinen stets gut geeignet, um in der Schule aktuelle Bezüge zu gesellschaftlich relevanten Themen herzustellen und den SuS somit neben eines kognitiven auch einen emotionalen Zugang zu ermöglichen.

Die SuS sollen erkennen, dass Themen wie materielle Armut, die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich sowie die Diskussion um den Mindestlohn und die Diskriminierung sozialer Randgruppen nicht nur für die Figuren im Woyzeck relevant sind, sondern auch ihre eigene Lebenswirklichkeit betreffen und damit sowohl für die Gegenwart als auch die Zukunft von Bedeutung sind. Dies betrifft auch Themen wie Liebe, Partnerschaft, Eifersucht und Sexualität, die im vorliegenden Unterrichtsprojekt anhand ausgewählter Szenen des zentralen Konflikts um Woyzeck, Marie und den Tambourmajor fokussiert werden sollen. Eine gestaltende Interpretation dieser Szenen scheint besonders geeignet, da die SuS aufgrund ihres Alters bereits eigene Erfahrungen in den genannten Bereichen sammeln konnten und dies eine Identifikation mit den agierenden Figuren erleichtert. Auch wird den SuS durch die szenische Interpretation von Maries und Woyzecks Perspektive ermöglicht, die unterschiedlichen Positionen des Konflikts wahrzunehmen, so dass sie sich im Verlauf dieses Unterrichtsprojekts nicht auf eine einzige Lesart verständigen, sondern im Diskurs verschiedenste individuelle Lesarten betrachten und beurteilen können.

Da es sich um ein Unterrichtsprojekt handelt, dass neben technischer Versiertheit im Umgang mit Software zur Film- bzw. Tonbearbeitung vor allem eine stabile Vertrauensbasis innerhalb des Kurses voraussetzt, ist die Durchführung nur innerhalb einer Gemeinschaft ratsam, die sich bereits seit einem längeren Zeitraum kennt. Dies betrifft sowohl die Phasen, in denen die SuS im Rahmen der Erarbeitung in Gruppen Szenen gestalterisch interpretieren sollen, vor allem aber die sich anschließende Evaluation. Den SuS wird im Anschluss an die Erarbeitungsphase Zeit gegeben, sich einzeln oder in Gruppen die Beiträge der anderen Gruppen anzusehen und mithilfe der Kommentarfunktion des schulinternen Netzwerks zu bewerten. Darüber hinaus sollen sich die SuS auch selbst anhand zuvor erarbeiteter Kriterien bewerten, so dass neben ausreichender Reflexionsfähigkeit vor allem gegenseitiger Respekt vonnöten ist, damit die im Rahmen dieses Unterrichtsprojekts geübte Kritik konstruktiv sein kann.

Da es sich bei den Produkten dieses Projekts um kreative Leistungen handelt, denen die üblich Notengebung nur sehr eingeschränkt gerecht werden kann, ist es vorteilhaft, neben der Fremd- beurteilung des Lehrers auch die Schülerselbst- und Schülermitbewertung in die Beurteilung miteinfließen zu lassen, um sowohl das Produkt, viel mehr aber noch den Entstehungsprozess und die in ihm individuell und gemeinschaftlich erworbenen Kompetenzen adäquat und gerecht beurteilen zu können. Dies bedarf jedoch einer differenzierter Maßstäbe, anhand deren es für den Lehrer, die SuS und das Individuum möglich ist, Prozess und Ergebnis wahrzunehmen. Hilfreich ist an dieser Stelle ein Lerntagebuch, in dem sowohl die Gruppe als auch der einzelne Schüler bzw. die einzelne Schülerin Vorgehensweisen, Fortschritte, Schwierigkeiten, Emotionen, Etappenziele und offene Fragen festhalten kann. Auf diese Weise erhalten die SuS einen besseren Einblick in die Beurteilungskriterien, einen Überblick über die erworbenen und noch zu erwerbenden Kompetenzen und können die Bewertung eigener Leistungen besser nachvollziehen. Dies alles gelingt jedoch nur, wenn die Lernkultur innerhalb des Kurses so beschaffen ist, dass Fehler und Schwierigkeiten ohne Angst vor Diskriminierung geäußert und als Möglichkeit zur Qualifizierung angesehen werden können.

3.4 Methodische Überlegungen

Um anfänglichen Verständnisschwierigkeiten entgegenzuwirken, sollte, wie bereits erwähnt, bereits vor der ersten Lektüre versucht werden, einen möglichst spannenden Einstieg in die Unterrichtsreihe zu wählen, der das Lerninteresse der SuS weckt. Methodisch eignet sich hierfür in erster Linie die sog. „Black Box“. Anhand einer kurzen Zusammenfassung der zentralen Handlungen und des Personenregisters[17] dürfen die SuS vor der ersten Lektüre Fragen zum Inhalt stellen, die vom Lehrer einzig mit Ja oder Nein zu beantworten sind, oder auch Thesen aufstellen, womit sich das Drama thematisch befassen könnte. Ziel dieses Einstiegs ist es, den Blick der SuS für den zentralen Konflikt zu schärfen und das Leseverständnis zu erleichtern. Da die Beweggründe des Mordes u.a. Eifersucht und Demütigung sind, kann zudem auch ein erster Bezug zur lebensnahe Wirklichkeit der SuS hergestellt und eine erste Identifikation mit der Hauptfigur erreicht werden.

Nachdem die SuS in der sich an diesen Unterrichtseinstieg anschließenden ersten Lektüre Eindrücke zu Personen, Handlung und Motiven sammeln konnten, die die zuvor aufgestellten Thesen verifizierten bzw. falsifizierten, und noch zu klärende Fragen formulierten, soll nun im Rahmen dieses Unterrichtsprojekts die Personenkonstellation um Woyzeck, Marie und den Tambourmajor im Vordergrund stehen. Im Rahmen eines Online-Lernzirkels sollen die SuS verschiedene Stationen durchlaufen, in denen die Identifikation durch Fokussierung der Gefühlswelt der jeweiligen Person beabsichtigt ist. Die Identifikation soll dabei intermedial mit dem vorhandenen Dramentext, der Literaturverfilmung von Werner Herzog aus dem Jahre 1978 und einem Hörspiel aus dem Jahre 2012 erfolgen. Der medienspezifische Mehrwert diese Vorgehens besteht vor allem in der Sensibilisierung der SuS für bestimmte Textstellen, der Intensivierung des Textverständnisses durch den Einbezug verschiedener Lernkanäle, der Förderung der individuellen Kreativität und eine Einsicht in die Produziertheit medialer Beiträge. Da es bei diesem Projekt die Möglichkeit gibt, eine Verfilmung und ein Hörspiel mit dem Leitmedium zu vergleichen, filmische Macharten zu analysieren (Kameraeinstellung und - perspektive, Licht, Ton, etc.) und ihre interpretatorische Wirkungsaspekte zu demonstrieren, wird neben der Hör- und Seherziehung auch das ästhetische Empfinden und die Filmlese­fähigkeit der SuS geschult. Auch kann der Verstehensprozess an solchen Stellen erleichtert werden, an denen Woyzeck phantasiert oder gar verstummt. Da die Regieanweisungen im Original nur selten Aufschluss auf das Innenleben der Figuren geben, kann ein Film die aufgestaute Verzweiflung und Enttäuschung einzig durch die Mimik und Gestik des Schauspielers transportieren. Ebenso verhält es sich bei einem Hörspiel.

Das Unterrichtsprojekt selbst beginnt mit einer ausführlichen Einführung des zeitlichen Ablaufs, einer Erläuterung der zentralen Aufgabenstellung der jeweiligen Station und einer Erarbeitung von Kriterien[18], anhand derer sowohl der Prozess als auch das Endprodukt des Unterrichtsprojekts beurteilt werden sollen. Darüber hinaus erhalten alle SuS ein Wegweiser[19], der sie über ihre Freiheit und Pflichten während der Arbeitsphase des Online-Lernzirkels aufklärt. Auch ist es notwendig, zunächst die Gruppen einzuteilen und die Raumverteilung bekanntzugeben. Da sowohl Station 1 als auch Station 2 die Möglichkeit bieten, binnen­differenziert zu arbeiten, kann die Aufteilung der Gruppen beliebig geschehen, jedoch sollte eine Gruppe höchstens aus vier Personen bestehen, um den Arbeitsprozess möglichst effektiv zu gestalten. Je nachdem, ob sich der Kurs bereits kennt, kann die Zuteilung auch durch den Lehrer erfolgen, um SuS, die sich im Lernprozess behindern, zu trennen. Zudem sollte darauf bedacht sein, SuS in einer Gruppe arbeiten zu lassen, die auch schon zuvor miteinander gearbeitet haben, da eine ausreichende Vertrauensbasis unabdingbar für eine Schülerselbst- und Schülermitbe- wertung ist. Da es jedoch schwierig ist, einen inneren Monolog mit einer Gruppe zu schreiben, besteht an Station 3 zusätzlich die Möglichkeit zur Einzel- oder Partnerarbeit. Eine Verteilung der SuS auf unterschiedliche Räume ist sinnvoll, da sich die Gruppen so während der Arbeitsphase nicht stören können und auch der von den jeweiligen Gruppen erarbeitete Beitrag nicht während seiner Schaffensphase behindert oder bereits beurteilt werden kann.

[...]


[1] Im Folgenden mit SuS abgekürzt.

[2] http://iserv.eu/portal/ (Zugriff am 22.03.2013).

[3] http://iserv.eu/portal/ (Zugriff am 22.03.2013).

[4] kc_deutsch_go_i_2009.pdf S. 18. (Zugriff am 22.03.2013).

[5] kc_deutsch_go_i_2009.pdf S. 18. (Zugriff am 22.03.2013).

[6] kc_deutsch_go_i_2009.pdf S. 24. (Zugriff am 22.03.2013).

[7] Büchner, Georg: Sämtliche Werke und Briefe. (Brief an die Familie, Gießen, Feb. 1834). S. 302.

[8] Büchner, Georg: Sämtliche Werke und Briefe. (Brief an die Familie, Straßburg, 28.7.1835). S. 319.

[9] Ebd. S. 319.

[10] Martin, Ariane: Georg Büchner. S. 191.

[11] Vgl. Wittkowski, Wolfgang: Georg Büchner. Einblick und Rückblick. S. 193.

[12] Vgl. Ebd. S. 191.

[13] Glück, Alfons: Woyzeck. Ein Mensch als Objekt. In: Interpretationen Georg Büchner. S. 204.

[14] Werner, Hans-Georg: Büchners „Woyzeck“: Dichtungssprache als Analyseobjekt. In: Funktionen der Sprachgestaltung im literarischen Text. S. 19.

[15] Ebd. S. 204.

[16] Meier, Albert: Georg Büchners Ästhetik. S. 72.

[17] Vgl. Kammler, Clemens: Literaturunterricht als Arbeit am Fragment. Ein Reihenkonzept zu Georg Büchners „Woyzeck“ In: Jahrbuch der Deutschdidaktik 1985. S. 82f.

[18] Siehe Anhang. Hier ist es sinnvoll, dass der/die Lehrerin einen Kriterienkatalog bereitstellt, der von den SuS erweitert werden kann.

[19] Siehe Anhang.

Details

Seiten
35
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668590373
ISBN (Buch)
9783668590380
Dateigröße
855 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383720
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Schlagworte
Georg Büchner Büchner Woyzeck Didaktik Lernzirkel Online-Lernzirkel Gruppenarbeit mit i-serv Mediendidaktik

Autor

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