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Wirkungsweise, Nutzen und Verknüpfung von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" durch die Collage

Die Wirkung der Collage als literarisches Stilmittel

Facharbeit (Schule) 2017 5 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Alfred Döblin – Berlin Alexanderplatz: Die Wirkung der Collage als literarisches Stilmittel

1. Einleitung

„Die Technik der literarischen Montage ist eine Bezeichnung für das Zusammenfügen unterschiedlicher Texte oder Textteile, die unterschiedliche Inhalte beziehungsweise oft unterschiedliche Sprachebenen und -stile transportieren. Analog zur bildenden Kunst spricht man auch von Collage.“[1]

Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz gilt als Pionier unserer Zeit was die Benutzung der Collage als literarisches Stilmittel anbelangt. Diese Arbeit soll sich daher mit der Wirkungsweise, dem Nutzen und der Verknüpfung mit der eigentlichen Handlung des Werks durch die Collage befassen.

2. Hauptteil

Teil A – Genaue Textanalyse

„Der Schweiß auf seiner Stirn! Die Angst, wieder! Und plötzlich rutscht ihm der Kopf weg. Bumm, Glockenzeichen, Aufstehn, 5 Uhr 30, 6 Uhr Aufschluss, bumm bumm, rasch noch die Jacke bürsten, wenn der Alte revidiert, heute kommt er nicht. Ich wer bald entlassen. Pst du, heut nacht ist eener ausgekniffen, Klose, das Seil hängt noch draußen über die Mauer, sie gehen mit Polizeihunde. Er stöhnt, sein Kopf hebt sich, er sieht das Mädchen, ihr Kinn, ihren Hals. Wie komm ich bloß aus dem Gefängnis raus. Sie entlassen mir nich. Ick bin noch immer nich raus.”[2]

Diese Passage beschreibt den zweiten Besuch Franz Biberkopfs bei einer Prostituierten. Wegen einer inneren Beklemmung („Die Angst wieder!”[3] ) schweifen seine Gedanken von der Prostituierten ab und stattdessen nehmen Erinnerungen aus dem Tegeler Gefängnis dessen Platz ein. Durch akustische Eindrücke („Bumm, Glockenzeichen...”[4] ), die den Beginn des Tagesablaufes im Gefängnis darstellten, soll verdeutlicht werden, wie sehr die Inhaftierung Franz Biberkopf beeinflusst haben muss. Obwohl Biberkopf entlassen wurde, so fühlt er sich jedoch nicht entsprechend. Auffallend ist auch der plötzliche Wechsel in die erste Person Singular, besonders da er mit Berliner Dialekt einhergeht. Der Erzähler, als Beobachter, soll sich vom Dialekt, und damit Biberkopf, distanzieren. Dies ermöglicht dem Leser auch, den Überblick über die Passage besser zu behalten. Zusätzlich scheinen Biberkopfs Gedanken und Wahrnehmungen wirr zu sein. Als ihm die Gegenwart kurz bewusst wird („Er stöhnt...”[5] ), kommt ihm sofort die Vergangenheit, das Gefängnis in Tegel, wieder in den Sinn. Durch diese Mosaikstruktur aus vielen, schnell abfolgenden Impressionen, Erinnerungen und Eindrücken, die sowohl eine innere als auch äussere Perspektive aufzeigen, erschliesst sich ein vielfältiges Bild des Protagonisten Franz Biberkopf. Diese Mosaikstruktur kann mit der Innenperspektive Biberkopfs Gefühle und Handlungsmotive veranschaulichen, während die äussere Perspektive eine objektive Betrachtung der Ereignisse ermöglicht.

Ein weiteres Beispiel der Montage stellt unter anderem Biberkopfs Weg zu einem Lokal mit Lina Przyballa dar. In dieser Szene wurde das Drama „Prinz Friedrich von Homburg oder die Schlacht bei Fehrbellin” von Heinrich von Kleist hineinmontiert:

„Im Kriegsgebiet machte Lina, die herzige, schlampige, kleine, ungewaschene, verweinte, einen selbständigen Vorstoss à la Prinz von Homburg: Mein edler Oheim Friedrich von der Mark! Natalie! Lass, lass! O Gott der Welt, jetzt ists um ihn geschehn, gleichviel, gleichviel! [...] Er näherte sich als Reservearmee dem Zentrum der Kampfhandlung. Da lachte ihn schon vor der Destille von Ernst Kümmerlich die Heldin und Siegerin an, Fräulein Lina Przyballa, schlampig aber wonnevoll, kreischte: „Franz, der hats!“ “[6]

Durch diese Collage aus zwei Werken wird das Verhältnis zwischen Biberkopf und Lina verdeutlich. Obschon sie zuvor einen Disput hatten, gehen sie nun zu einem Lokal. Zwar scheint die Meinungsverschiedenheit noch nicht aus der Welt zu sein, doch wird durch die Nutzung von Kleists Stück deutlich, dass es sich größtenteils um Missverständnisse gehandelt haben muss, so wie es im „Prinz Friedrich von Homburg” der Fall war. Ausserdem wird auf diese Art und Weise ein spielerischer Umgang der beiden miteinander dargelegt. Die Beschreibungen der „Kampfhandlung” wirken hierbei assoziativ. Seine Assoziationen schlagen wieder um, als ihm die reale Welt bewusst wird („Das Weitere ging im Getöse des Straßenverkehrs verloren.”). Sowohl er als auch sie beenden die „Kampfhandlung” und sind fröhlich, „wonnevoll”. Daraus lässt sich schließen, dass der Streit beigelegt wurde, was zu vergleichen mit der Begnadigung des Prinzen von Homburg in Kleists Drama ist.[7]

Teil B – Die Textstellen im Kontext des Werkes

Diese Textstellen sind bezeichnend für Döblins Werk weil solche Mosaikstrukturen, also das Stilmittel der Collage, über den ganzen Roman hin immer wieder auf der Bildfläche erscheinen. Ständig benutzt Döblin dieses Stilmittel um einen Moment besser einzufangen, ein illustres Stadtbild zu erzeugen oder auch Parallelen zu einer Sage ziehen zu können.

Dennoch unterscheidet sich die Montage erheblich vom einfachen Einfügen von Texten, um dadurch die Authentizität oder Veranschaulichung des Erzählten zu erhöhen. Döblins Montage ist an verschiedene Motive geknüpft und dient so der Struktur des Romans. Sie dienen der Struktur des Romans insofern, dass dieselben Motive wiederholt auftreten. Beispielsweise dient der „Hammerschlag“[8] [9] der Versinnbildlichung der drei einschneidenden Ereignisse bis hin zu seiner Läuterung. Weitere auftretende Motive sind die biblische Figur Hiob[10], welcher wie Biberkopf geprüft wird. Wie Hiob muss Biberkopf erst alles verlieren, bis er in der Irrenanstalt Buch geheilt wird. Ein anderes Motiv ist die Hure Babylon, synonym für die Grossstadt. Denn obwohl Biberkopf aus dem fahrenden Fluchtwagen gestoßen wurde, verfällt er weiterhin den Verlockungen der Großstadt. Ein ähnliches Motiv wie die Hure von Babylon ist auch der Schlachthof als Gewaltmetapher[11]. Biberkopf wird, ähnlich wie die Tiere im Schlachthof, durch die gewalttätige Stadt getrieben. Daneben ist das Motiv des Schlachthofes ein Teil der Gewaltmetaphorik. Schon im Prolog ist die Rede vom „Kampf“[12], „stößt und schlägt“[13], „torpediert“[14], „zur Strecke gebracht“[15]. Franz Biberkopf selbst wird dreimal geschlagen, zuerst erfährt er die Rohheit seiner Mitmenschen, Otto Lüders missbraucht Biberkopfs Naivität. Später verliert Biberkopf seinen Arm, nachdem ihn die eigenen Leute aus einem fahrenden Wagen gestossen haben. Der dritte und ultimative Schlag ist der Verlust seiner Freundin Mieze.

Alle diese Motive schaffen Struktur und etwas, woran sich der Leser orientieren kann.

Weil in solchen Montagen öfters auch Bilder der Stadt, wie Reklametafeln oder Lokalnachrichten angeschnitten werden, versucht Döblin mit Hilfe dieses Stilmittels die Stimmung oder Atmosphäre einer Stadt mit Worten zu beschreiben. Ja, man kann auch eine Stadt banal mit einfachen Worten und Deskriptionen umschreiben, doch diese Methode vernachlässigt den zentralsten Aspekt bei einer Stadtbeschreibung – ihrer Urbanität. Döblin vermag es dagegen mit Hilfe der Collage im Einklang mit der Handlung genau diesen Aspekt der Stadt aber einzufangen. Dies untermalt zusätzlich die Wichtigkeit der Collage als literarisches Stilmittel in diesem Werk.

3. Schluss

Diese teils willkürlich auftretenden Elemente der Collage können mitunter auch dazu führen, dass der Leser oder die Leserin die teils komplexe Handlung des Werks aufgrund einer möglichen Analogie zu einem anderen besser nachvollziehen kann.

Dies birgt jedoch die Gefahr, das Werk unnötigerweise noch komplexer zu machen da hierfür eine fundierte Sachkenntnis Voraussetzung ist.

Alfred Döblin ist es meines Erachtens aber gelungen, die Collage strukturiert und angemessen im Kontrast zur Handlung in das Werk einzubauen.

Denn was Berlin Alexanderplatz aussergewöhnlich macht ist nicht der Inhalt, oder die auch teils konfuse Handlung, sondern das kompositorische Merkmal der Collage. Nur aufgrund der Collage ist es Döblin beispielsweise gelungen, etwas einzufangen war wahrlich schwierig ist – ein Gefühl, eine Atmosphäre in all ihren Facetten wiederzugeben. Und da es Döblin gelungen ist, die Collage-Elemente sinngemäss einzusetzen, betrachten wir heutzutage Berlin Alexanderplatz nicht umsonst als einen Klassiker unserer Zeit.

4. Bibliographie

Literaturquelle

Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2013

Internetquelle

Wikipedia, Montage (Literatur), https://de.wikipedia.org/wiki/Montage_(Literatur), (Zugriff: 28.11.17)

Wikipedia, Prinz Friedrich von Homburg oder die Schlacht bei Fehrbellin, https://de.wikipedia.org/wiki/Prinz_Friedrich_von_Homburg_oder_die_Schlacht_bei_Fehrbellin, (Zugriff: 28.11.17)

[...]


[1] Wikipedia, Montage (Literatur)

[2] Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2013, S. 36f.

[3] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 36

[4] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 37

[5] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 37

[6] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 82f.

[7] Wikipedia, Prinz Friedrich von Homburg oder die Schlacht bei Fehrbellin

[8] Döblin, Berlin Alexnaderplatz, S. 239

[9] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 337

[10] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 158

[11] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 155

[12] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 9

[13] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 9

[14] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 9

[15] Döblin, Berlin Alexanderplatz, S. 9

Details

Seiten
5
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668590441
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383710
Note
1,7

Autor

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Titel: Wirkungsweise, Nutzen und Verknüpfung von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" durch die Collage