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Ein Abenteuer in Namibia. Olaf Otto Dillmanns Fahrt nach Südwest

Ein Reisebericht aus dem Jahre 1975

Ausarbeitung 1975 13 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Allgemeines, Grundlagen

Leseprobe

Vorwort

Südwestafrika, das heutige Namibia, wurde 1975 für mich zum Traumland. Das bereits 1965 erschienene Buch „Traumland Südwest“ von Hans-Otto Meissner sollte ich erst viel später lesen ebenso wie „Peter Mohrs Fahrt nach Südwest“ von Gustav Frenssen, nachdem ich bereits in den Gesang alter Südwester „Wir lieben Südwest!“ begeistert mit eingestimmt hatte. Beide Bücher haben bei vielen Deutschen das Interesse an Südwestafrika – dem heutigen Namibia – geweckt. Aber ein unabhängiger Staat Namibia sollte erst 1990 mit Hilfe der UNO aus der Taufe gehoben werden. Damals wurde das Territorium Südwestafrika (abgekürzt SWA) oder auch nur schlicht Südwest genannt und stand aufgrund eines Völkerbundmandats unter treuhänderischer Verwaltung der Republik Südafrika. Einige Jahre später wurde es üblich von SWA/Namibia zu sprechen bis schließlich 1990 offiziell Namibia als Name des neuen Staates im Südwesten Afrikas festgelegt wurde.

Nach Ableistung meines Wehrdienstes bei der Bundeswehr wollte ich die Zeit bis zum Antritt meines Studiums nutzen, um ein Stück Welt kennenzulernen. Warum fiel die Wahl gerade auf Südwestafrika? Als angehender Student der Geologe wußte ich damals bereits um die vielseitige und faszinierende Geologie des früheren deutschen Schutzgebietes. Damit habe ich auch bereits den zweiten Grund genannt, der mir die Wahl meines Reiseziels leicht machte. Außer an den Naturwissenschaften hatte ich Interesse an Geschichte, insbesondere der Kolonialgeschichte. Was lag also näher als ein Land zu besuchen, in dem das Vermächtnis deutscher Kolonisatoren und Pioniere 57 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges noch erlebbar sein sollte. Also machte ich mich gemeinsam mit meinem Vater auf die Reise!

Hier nun mein Bericht:

Das Abenteuer Südwest beginnt am Donnerstag, dem 4. September 1975, mit einer 35-stündigen Anreise von Buer i. Westf. zunächst mit der Bundesbahn über Oberhausen nach Düsseldorf, dann mit dem Bus nach Luxemburg, von dort mit einem Flug der Luxavia nach Johannesburg. Mit einem Anschlußflug der South African Airways erreichen wir am Abend des 5. September 1975 den internationalen Windhoeker J. G. Strijdom Lughawe. Von dort geht es mit Shuttlebus ins Zentrum von Windhoek, um dann im Grand Hotel gegen 21 Uhr das gebuchte Zimmer zu beziehen.

Noch am Abend wird ein erster Erkundungsgang über die Kaiserstraße unternommen. Der Versuch, in einem der noch geöffneten Läden eine Flasche oder Dose Bier zu kaufen, scheitert jedoch. Es ist einer der vielen Portugiesen, die ihre Läden zwar nahezu rund um die Uhr geöffnet haben und für ihre Kunden ein großes Warenangebot an Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs bereit halten, aber keinerlei alkoholische Getränke verkaufen dürfen. Später soll ich erfahren, daß nur speziell lizensierte Bottle Stores Bier, Wein und Spirituosen verkaufen dürfen. Also bleibt nichts anderes übrig, als den Durst mit einem Bier aus der Hotelbar zu löschen.

Der nächste Morgen bringt eine erste Überraschung. Im Frühstücksraum des Hotels sitzen an nahezu allen Tischen Menschen dunkler Hautfarbe. (Die Angehörigen der verschiedenen in Südwestafrika lebenden Ethnien lerne ich erst später zu unterscheiden). Wie ist diese Beobachtung mit den geltenden Apartheidsgesetzen zu vereinbaren? Wie ich später erfahre, hat kurz zuvor die „Turnhallen-Konferenz“ begonnen, eine Delegiertenversammlung aller in Südwest lebenden Völker zur Ausarbeitung einer Verfassung für ein unabhängiges Land, und einige Delegationen haben so wie wir im Grand Hotel Unterkunft gefunden.

Der erste Aufenthaltstag in Windhoek ist also ein Samstag. Daher ist es auch nicht besonders verwunderlich, daß auf der Kaiserstraße am Vormittag ein dichtes Gedränge herrscht. Wie wohl in jeder anderen Stadt der Welt wollen die Menschen an einem Samstagvormittag noch Wochenendeinkäufe tätigen. Ich sehe europäisch gekleidete Windhoeker Bürger jedweder Hautfarbe neben weißen Farmern aus der Umgebung in ihrer typischen, schon fast Tracht zu nennenden Kleidung aus Halbschuhen, einfarbigen langen Wollsocken, kurzer Hose und darüber getragener gleichfarbiger kurzärmeliger Jacke. Dazu ein auffällig unauffälliges Kennzeichen: der an der Wade im Wollsocken getragene Kamm! Unter den Passanten bewegen sich unübersehbar voll Stolz die Frauen der Herero, den einstigen uneingeschränkten Herrschern des Landes, in ihren langen, weiten, bunten, gold- und silberglänzenden Kleidern und typischem zweizipfeligen Kopfputz, der Rinderhörnern nachempfunden ist. Diese Tracht stammt noch aus der deutschen Kolonialzeit und wird auch als Wilhelminische Tracht bezeichnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Kaiserstraße – Blickrichtung nach Norden

Die Kaiserstraße – Blickrichtung nach Süden

Windhoek, mit 75.000 Einwohnern wohl eine der kleinsten Hauptstädte der Welt, hat noch viel von seinem Erbe aus der deutschen Kolonialzeit bis in unsere Tage bewahren können. Alle bedeutenden Bauwerke aus dieser Zeit sind der besonderen Obhut des Staates unterstellt, indem sie zu Kulturdenkmälern erklärt wurden. So zum Beispiel die Deutsche Evangelische Christuskirche aus dem Jahre 1904, der sogenannte „Tintenpalast“, erbaut im Jahre 1911 und noch heute Sitz der Verwaltung, oder die Alte Feste, das älteste Gebäude Windhoeks, in der ein Museum eingerichtet ist, das die Geschichte zwischen 1880 und 1914/18 dokumentiert. Nicht vergessen sei der Südwester Reiter in unmittelbarer Nähe der Alten Feste, der an die Opfer des Herero-Aufstandes erinnert. Außerdem findet man viele Straßenzüge mit den niedrigen zum Teil fachwerkartigen, mit rotem Wellblech gedeckten Häusern aus den Tagen der Stadtgründung um 1890. Dazwischen erheben sich jedoch – verirrten Riesen im Zwergenland gleich – zahlreiche moderne Hochhäuser mit Banken, Geschäften und Hotels. Bei einem Spaziergang durch die Stadt stoße ich ständig auf Erinnerung an die deutsche Zeit – zum Beispiel die Straßennamen: Bismarck Str., Goethe Str., Garten Str., Leutwein Str., Schanzenweg und natürlich Kaiserstraße, die Hauptstraße Windhoeks. An der Kaiserstraße, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs, liegt das Hotel „Thüringer Hof“ mit seinem „Original Deutschen Biergarten“. Weitere Hotels tragen Namen wie „Großherzog“, „Kaiserkrone“ und „Westfälischer Hof“. Zahlreiche Einzelhandelsgeschäfte, in denen ich beim Betreten auf Deutsch begrüßt werde, haben deutsche Inhaber und führen Ihre Tradition bis in die Kolonialzeit zurück – zum Beispiel Wecke & Voigts. Allein mit der deutschen Sprache kann ich mich in Windhoek gut verständigen. Lediglich an amtlichen Dienststellen wie Post oder Bahn, wo beinahe ausschließlich Südafrikaner Dienst tun, muß ich mich schon des Englischen bedienen, um verstanden zu werden – denn Afrikaans spreche ich nicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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An dieser Stelle sei erwähnt, daß von den ca. 90.000 in Südwestafrika lebenden Weißen – etwa 12% der Gesamtbevölkerung – annähernd jeder Dritte Deutscher oder Deutschstämmiger ist.

Nach zwei Tagen in Windhoek – es ist Sonntag, der 7. September 1975 – soll nun die Fahrt mit der Eisenbahn nach Norden gehen. Es bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, daß das Bahnhofsgebäude ebenfalls aus deutscher Kolonialzeit stammt. Fahrplanmäßig um 20Uhr30 setzt sich der Zug nach Otjiwarongo in Bewegung und verläßt den Bahnhof.

Es ist gegen 24 Uhr als der Zug in den Bahnhof von Okahandja, ca. 70km nördlich von Windhoek, einfährt. Es vergehen zehn Minuten, dreißig Minuten … eine Stunde – darüber schlafe ich schließlich ein.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, es ist gegen 5 Uhr und noch dunkel, steht der Zug noch immer im Bahnhof von Okahandja. Zunächst bin ich noch der Meinung, dieser nächtliche Halt sei durchaus planmäßig und wäre eine Erklärung für die dreizehn Stunden, die der Zug für die rund 400km bis Otjiwarongo fahrplanmäßig benötigt. 9 Uhr soll die Ankunftszeit in Otjiwarongo sein. Um 8 Uhr steht der Zug noch in Okahandja und es gelang mir in Erfahrung zu bringen, daß der Zug wegen Gleisarbeiten – in Südwest sind die Strecken seit Kaisers Zeiten eingleisig – nicht weiterfahren könne und wann es weitergehe, wisse man nicht. Im den hinteren Waggons des Zuges sitzen südafrikanische Soldaten. Die lassen sich ihre Laune durch den erzwungenen Halt nicht verderben.

Gegen 11 Uhr setzt sich der Zug nun wieder zögerlich in Bewegung. Die Reise führt durch eine gleichförmige Dornbuschsavanne. Zäune, die dem Gleis zu beiden Seiten folgen, deuten an, daß das Land für die Viehhaltung genutzt wird. Hin und wieder erkenne ich vom Zug eine kleine Farm oder einige Rinder. Bisweilen hält der Zug an einer der wenigen unmittelbar an der Strecke liegenden Bahnarbeitersiedlungen. Hier verlassen einige Bahnreisende den Zug oder steigen neu hinzu. Zwei größere Städte liegen an der Bahnstre>Wie schon in Windhoek kann ich nun auch jetzt vom fahrenden Zug geologische Beobachtungen machen. Zahlreiche wohlgerundete Hügel und Kuppen, die wie von den Bergen in der Ferne abgelöst erscheinen und sich bis dicht an die Bahnstrecke vorschieben, deuten mit ihrer typischen Wollsackverwitterung auf die Granite im Untergrund hin. Zahlreiche Riviere, Flußläufe, die den größten Teil des Jahres trocken liegen, sich aber während ergiebiger Regenzeiten in reißende Ströme verwandeln können, werden von Eisenbahnbrücken überspannt. Nur den größten dieser Riviere gelingt es durch die wasserlose Namibwüste den Atlantik zu erreichen, die meisten enden durch die sengende Sonne und die ausgetrockneten Sandmassen ihres Wassers beraubt irgendwo in der Wüste …

Gegen 21 Uhr – mit zwölfstündiger Verspätung - fährt nun der Zug im Bahnhof von Otjiwarongo, dem Weidegrund des fetten Viehs wie die deutsche Übersetzung aus der Sprache der Herero lautet, ein. Glücklicherweise erwartet uns am Bahnsteig ein Sohn der Familie Becker, Reinhard, der uns eigentlich schon 9 Uhr hat abholen wollen. Nun schließt sich noch eine etwa dreistündige Autofahrt an ehe das endgültige Ziel der Reise, die Farm Chairos am Huab-Rivier, gegen Mitternacht erreicht ist. Nach einer kleinen Mahlzeit und einem erfrischenden Südwesterbier ziehen wir uns zur Nachtruhe in das uns zugewiesene Zimmer zurück.

Am nächsten Morgen geht es nach einem guten Farmerfrühstück an die erste Erkundung der Örtlichkeit. Die Farm Chairos ist seit 1907 im Besitz des Familie Becker. Zur Farm gehören 5.000 ha Weideland, das für die Rinderhaltung genutzt wird. Der nächste Nachbar, ebenfalls ein deutschstämmiger Farmer, wohnt etwa 10 km entfernt.

Die Farm besteht aus drei Gebäuden, die um einen Hof gruppiert sind. Da ist zum einen das Hauptgebäude, in dem die Familie Becker wohnt. Rechts davon im rechten Winkel liegt das Gästehaus, das älteste Haus auf dem Farmgelände, das bis 1918 auch als Kaiserliche Post- und Polizeistation genutzt wurde. Davon wiederum rechts dem Haupthaus gegenüber liegt das dritte aus Ziegeln gebaute Haus, in dem sich zur einen Hälfte Gästezimmer, zur anderen Hälfte ein Büro und Garage befinden. Der Hof ist mit einigen schattenspendenden Bäumen bestanden. Die Siedlung der schwarzen Farmarbeiter und ihrer Familien, die Werft, liegt einige hundert Meter von den Farmgebäuden entfernt. Hinter dem Haupthaus schließt sich ein kleines Wäldchen an, das in den Galeriewald, der die Ufer des Huab-Riviers säumt, übergeht. Hier befindet sich auch eine kleine Anpflanzung von Kaktusfeigen, deren Früchte einen Saft liefern, der mit anderen Fruchtsäften gemischt, ein köstliches Erfrischungsgetränk ergibt. Damit bin ich auch schon bei den kulinarischen Spezialitäten der Südwester Farmküche. Zu nennen ist Millipap, ein Brei aus Maismehl und Milch, der zum Frühstück gegessen wird und bei den Buren beliebt ist. Zu jeder Mahlzeit ißt der Südwester gerne und reichlich Fleisch. Frage ich, von welchem Tier das Fleisch stamme, so wird mir fast immer mit Kudu geantwortet. Das wohlschmeckende Fleisch dieser rindsgroßen Antilope wird als Hackfleisch roh oder gebraten, geräuchert, als Steak, als Goulasch oder in mancherlei anderer Art der Zubereitung gereicht. Beliebt ist auch das Fleisch der Oryxantilope, die auch Gemsbok genannt wird. Auf Gemüse scheint der Südwester hingegen nicht so viel Wert zu legen. „Des Farmers liebstes Gemüse ist das Fleisch“, wird mir von Reini, dem Farmerssohn, erklärt. An dieser Stelle soll auch noch einmal das äußerst schmackhafte Südwesterbier aus Brauereien in Windhoek und Swakpmund Erwähnung finden.

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
1975
ISBN (eBook)
9783668589209
ISBN (Buch)
9783668589216
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383618
Note
Schlagworte
abenteuer namibia olaf otto dillmanns fahrt südwest reisebericht jahre

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Titel: Ein Abenteuer in Namibia. Olaf Otto Dillmanns Fahrt nach Südwest