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Georg Simmel. Zwischen Geldphilosophie und Kulturphilosophie

Seminararbeit 2015 15 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Tragödie der Kultur
2.1. Kulturdimensionen
2.2. Komplexität

3. Tragödie des Geldes
3.1. Geld als Mittel
3.2. Geld als Gott
3.3. Geld als Zweck
4. Geld ist doch (k)ein leerer Wahn

5. Literatur
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Georg Simmels Kulturphilosophie, die in der Weissagung einer „Tragödie der Kultur“ kulminierte, sowie konsum- und geldkritische Gedanken sind es wert, gerade heute genauer betrachtet zu werden. Simmels Werk vereint in sich den Facettenreichtum und die Komplexität jener Welt, die es beschreibt. Das Instrumentarium „Geld“, das der Mittelpunkt des größten und bekanntesten Werks Georg Simmels ist, kann nicht ohne die Menschen verstanden werden, die es nutzen; zudem ist eine in einen strukturalistischen Kontext eingebettete Betrachtung der soziokulturellen Konsequenzen, die sich aus dem Symbolgehalt des Gelds zu ergeben vermögen, erforderlich.

Geld kann, folgt man den zu hinterfragenden Thesen Simmels, in eine soziale Wechselwirkung mit seinem Erfinder und Nutzer, dem Menschen, treten, ja nachgerade ein Eigenleben entwickeln, das es von eben jenem Erfinder und Nutzer entfernt. – Genau hier findet sich dann auch einer der Auslöser dieser Arbeit, nämlich die Offenkundigkeit der Parallelität zwischen der Kulturtheorie Simmels, die um die Verselbständigung der Mittel zu Zwecken, die Diskrepanz subjektiver und objektiver Kultur und die Eigenständigkeit der Kulturobjektivationen kreist, und seiner Geldphilosophie. Geld, so ergibt sich bald, ist das wichtigste Kulturgut des Menschen, aber sein hoher ideeller Wert scheint es fehlbar zu machen.[1]

2. Tragödie der Kultur

Wilfried Geßner setzt sich in einem Aufsatz mit dem sechsten Kapitel der „Philosophie des Geldes“ über den „Stil des Lebens“ auseinander. Zweck seines Unterfangens ist der Beweis der umfassenden Zusammengehörigkeit der Simmelschen Kulturphilosophie und der Simmelschen Geldphilosophie.[2] Bis heute hält die Trennung ökonomischer Spektren von den Geisteswissenschaften erstaunlicherweise vielfach an, obgleich bereits Simmel belegte, dass Geld ohne den Menschen nicht verstanden werden kann. In allem, was Simmel durchleuchtet, tritt sein Verlangen als Soziologe zutage, Rückschlüsse auf das Individuum zu ziehen. Erst durch den Universalanspruch seiner Betrachtungen gelang es ihm, die unzähligen Ebenen, Wechselwirkungen und Kreisläufe der Kultur zu veranschaulichen. So wird dann eine interdisziplinäre Herangehensweise der Besprechung der Kulturbedeutung des Geldes, der umfassendsten symbolischen Errungenschaft, am ehesten gerecht, und genau dieses Unterfangen soll nachfolgend begonnen werden.

Bevor auf die „Philosophie des Geldes“ einzugehen ist, sollen die kulturanalytischen Thesen Georg Simmels genannt und erläutert werden. Auf diese Weise wird später erkennbar werden, auf welchen soziokulturellen Grundsteinen seine Geldphilosophie steht und inwieweit sein Werk inhärente Parallelen, um nicht zu sagen inhärente Kreiswirkungen aufweist und gleichermaßen wiedergibt.

2.1. Kulturdimensionen

Hubertus Busche hat eine Frage konzipiert, in der Herkunft und Dimension des Simmelschen Kulturbegriffs zusammengefasst werden: „Was bleiben in unserer durch fortgeschrittene Technisierung und Geldwirtschaft geprägten Kultur (3), die eine eigendynamisch expansive Teilsphäre von Kultur (4) produziert, dem Individuum für Chancen, seine eigene Natur durch Geistes- und Persönlichkeitskultivierung (1) zur ganzheitlichen Vervollkommnung (2) zu bringen?“[3] Wie Busche feststellt, lässt sich bereits hier leicht erahnen, dass die Erschwernis individueller Kultivierung im Zentrum der Simmelschen „Tragödie der Kultur“ steht – und nicht etwa in Anlehnung an Oswald Spengler ein Untergang.[4]

In einer auf Konsens bedachten Zeit mag Simmels Denken schnell pessimistischer wirken als es ist, so umfassend ist seine Kritik an gesellschaftlichen Erscheinungen, die sich noch heute finden. Dennoch wohnt seiner Philosophie eine Positivität inne, die sich – das sei hier prophylaktisch erwähnt – auch in seiner Geldphilosophie ausdrückt: Mängel, Rückschläge und Krisen gehören zum Gesamtkonstrukt menschlichen Wirkens dazu – nicht umsonst relativierte er seine eigene Theorie der „Tragödie der Kultur“ später zu einer „Krisis“.

2.2. Komplexität

Pointiert kann Simmels Theorie der Kultur in einem Kommunikationsmodell gedacht werden: Kultur als Mittler, gleichsam als Nachricht zwischen Sender und Empfänger Mensch, ist der „Umweg der Seele über ein Außerhalb-ihrer“ und Kultur ist „Synthese einer subjektiven Entwicklung und eines objektiven geistigen Wertes […] [und] die Verwebung beider“[5].

Simmel erkannte in der zunehmenden Fortsetzung teleologischer Reihen einen Hauptaspekt der Entfremdung in der modernen Gesellschaft, genauer gesagt: eine Verselbständigung der Mittel zu Zwecken, die in sich und aus sich heraus keinen Beitrag mehr zum Kultivierungsprozess der Individuen leisteten. Auf moderne wirtschaftliche und gesellschaftliche Umwälzungen, auf Industrialisierung, Kapitalisierung und Verstädterung reagierte der Mensch mit sich manifestierenden Gefühlen von Fremdheit, Ohnmacht und Sinnlosigkeit. Simmels Denken muss mit der Entwicklung hin zu metropolitanen Großstädten im 19. Jahrhundert gedacht werden. Als gebürtiger Städter erkannte er, dass der Paradigmenwechsel des Lebensumfelds der Menschen vom dörflich-ländlichen Charakter hin zum absolut städtischen Kontext Konflikte provozierte, die die idealistische geistige Entwicklung des Individuums, wie sie noch im 18. Jahrhundert angestrebt wurde, gefährdeten. Immer wieder verweist Simmel auf unzählige augenfällige Gegensatzpaare, die die Unterschiede zwischen Stadt und Land und damit den Gewinn quantitativer Individualität, einhergehend mit dem Verlust echter qualitativer Individualität offenbaren. Gesellschaftliche und kulturelle Interaktionskreise überlagern oder überschneiden einander, während das dörfliche Leben sich innerhalb relativ simpler konzentrischer Bindungs- und Formalitätskreise abspielt.[6]

Im Ersten Weltkrieg erblickte Georg Simmel eine Ära mit Reinigungscharakter – eine verwunderliche, gar abschreckende These, die wohl aber seine Hoffnung verdeutlicht, dass die „Tragödie der Kultur“ überwunden werden kann. All die genannten Zeichen der Moderne wertete Simmel als kulturgefährdende Symptome einer Krankheit, die mit dem Ersten Weltkrieg kulminierte. Der Krieg begünstigt für ihn die Zerschlagung erstarrter Kulturgebilde, die wieder in den Lebensstrom einbezogen werden können.[7] – Einen Befreiungsakt sah Simmel im Krieg auch hinsichtlich der bis dato festzustellenden Enthemmungen im Umgang mit Geld: „Die Nahrungssubstanz, sonst ohne weiteres zugängig, wenn man nur Geld hatte, ist knapp und fragwürdig geworden und tritt dadurch in ihrem definitiven Wertcharakter hervor. […] [D]ie Brotkarte symbolisiert eine Nutzlosigkeit des Reichtums auch des Reichsten […] [und] das Geld als solches nützt uns jetzt nichts – [was] ein eigentümliches Aufschrecken und Sich-Besinnen in vielen Seelen bewirken wird.“[8] Krieg erscheint zudem als Motor einer Überwindung sozialer Ungleichheit.[9] Auch hier fällt Simmels Parallelisierung seiner Kultur- und seiner Geldtheorie auf: Nicht nur Kultur kann durch Krisen von Altlasten befreit und erneuert werden, auch könnte Geld in seine ursprüngliche Bedeutung zurückgeworfen werden.

3. Tragödie des Geldes

Otthein Rammstedt bezeichnet Simmels Vorhaben einer „Philosophie des Geldes“ als „erkenntnistheoretisch[], moralwissenschaftlich[], soziologisch[] und ästhetisch[]“[10], alles in allem als Mammutwerk einer Zustandsbeschreibung gesellschaftlichen Lebens. Umfang und Komplexität sind Folge der umfangreichen und komplexen Welt, die das Symbol Geld inkorporiert. Einzig der Facettenreichtum seiner Ausdeutungen, der Simmel als Essayismus oder Impressionismus vorgehalten wurde, führt ihn seinem Ziel näher, „an einer Einzelheit des Lebens die Ganzheit seines Sinnes zu finden, im Geld und vom Geld her das Leben, die Welt zu verstehen, und das Geld selbst als Ausdruck der Welt zu verstehen“.[11]

Stephan Moebius verbindet das Aufstreben der Geldwirtschaft mit dem Drang des Menschen zur „Verdinglichung und Versachlichung“[12]. Geld in und an sich ist wertlos, und was es bewertet, hat schon einen relativen Wert, bevor Geld es symbolhaft quantifiziert. Die zunehmende Komplexität der Welt, die sich wiederum aus Geld ergibt, entfernt Geld von seiner Grundbestimmung. In der „Tragödie der Kultur“, in Entfremdungserscheinungen, liegt auch die „Tragödie des Geldes“ begründet, die Simmel zwar nie benannte, die aber hundert Jahre nach seinem Werk beizeiten zutage tritt. Geld regiert die Welt. Geld – unendlich vorhanden – wird zum „allgemeinen Mittel“ und verkörpert nicht mehr Objekte, sondern sich selbst und wird zum Endzweck, „in [das] alles soziale Handeln zurückläuft“[13]. – Geld als neue Religion, als anonyme Autorität – nachvollziehbar, dass Simmel vor diesem „Symbol des Teufels“[14] warnte.

[...]


[1] Aus Gründen der Vollständigkeit ein kurzer biographischer Überblick: Georg Simmel wurde 1858 in Berlin geboren und studierte dort bis Mitte der 80er Jahre Geschichte und Philosophie. Nach fünfzehn Jahren als Privatdozent wurde er 1901 außerordentlicher Professor. Ein Jahr zuvor veröffentlichte er seine „Philosophie des Geldes“. Zuvor und danach setzte er sich umfangreich soziologisch und kulturphilosophisch mit seiner Gegenwart auseinander. 1914 wurde Simmel als Professor nach Straßburg berufen, wo er sein lebensphilosophisches Werk „Lebensanschauung“ vollenden konnte, ehe er 1918 einem Krebsleiden erlag.

[2] Geßner, Willfried: Das Geld als Paradigma der modernen Kulturphilosophie. Aspekte der Geldkultur. In Geßner, Willfried und Kramme, Rüdiger (Hrsg.): Neue Beiträge zu Georg Simmels Philosophie des Geldes. Magdeburg 2002. S.11-28.

[3] Busche, Hubertus: Was ist Kultur? Die vier historischen Grundbedeutungen. In Dialektik. Zeit-schrift für Kulturphilosophie 2000/1. S.69-90. Nachfolgend Busche. Hier: S.69f.

[4] In die Sphäre der „subjektiven Kultur“ fällt die Kultur, die man betreibt (1), z.B. indem man liest, schreibt oder Äcker bewirtschaftet. Zudem gehört die Kultur, die man erwirbt (2), dazu. Diese kann man auch als Kultiviertheit bezeichnen, denn sie stellt eine Domestizierung und Veredelung der ersten Bedeutungsdimension dar. – In die Sphäre der „objektiven Kultur“ fällt die Kultur, in der man lebt (3). Eine weitere Bedeutungsebene der objektiven Kultur ist die in Objektivationen geschaffene Kultur (4), die in Kunst, Literatur, Recht und Wissenschaft fortbesteht. Siehe Busche, S.70f. - Unter objektiver Kultur versteht Simmel die „Gesamtheit aller von „Menschen geschaffenen materiellen und geistigen Dinge […]. Die „subjektive Kultur“ hingegen ist das Bedürfnis und die Bereitschaft der Menschen, sich die Bestandteile der vom subjektiven Geist geschaffenen objektiven Kultur anzueignen und ihnen einen spezifischen persönlich-subjektiven Ausdruck zu geben“ und sie damit überhaupt erst zu Kulturprodukten als Transporteure im Kreislauf der Kultivierung zu machen.

[5] Simmel, Georg: Vom Wesen der Kultur. In Cavalli, Alessandro und Krech, Volkhard (Hrsg.): Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908, Band 2. Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag, Band 8. Frankfurt am Main 1993. S.363-373. Hier: S.368. - Und Simmel, Georg: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. In Fitzi, Gregor und Rammstedt, Angela (Hrsg.): Aufsätze und Abhandlungen 1909-1918, Band 1. Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag, Band 12. Frankfurt am Main 2001. S. 194-223. Hier S.208.

[6] Umfangreiche Darstellung bei Rosa, Hartmut (Hrsg.): Soziologische Theorien. Stuttgart 2007. Die Argumentation im abgeschlossenen Absatz folgt Rosas Ausführungen, S.99ff.

[7] Simmel, Georg: Die Krisis der Kultur. Rede, gehalten in Wien, Januar 1916. In Fitzi, Gregor und Rammstedt, Otthein (Hrsg.): Der Krieg und die geistigen Entscheidungen. Grundfragen der Soziologie. Vom Wesen des historischen Verstehens. Der Konflikt der modernen Kultur. Lebensanschauung. Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag, Band 16. Frankfurt am Main 2000. S. 37-53. Hier S.39, S.50 und S.51.

[8] Simmel, Georg: Der Konflikt der modernen Kultur. Ein Vortrag. In Fitzi, Gregor und Rammstedt, Otthein (Hrsg.): Der Krieg und die geistigen Entscheidungen. Grundfragen der Soziologie. Vom Wesen des historischen Verstehens. Der Konflikt der modernen Kultur. Lebensanschauung. Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag, Band 16. Frankfurt am Main 2000. S.181-208. Nachfolgend Krieg. Hier S.195.

[9] Simmel, Georg: Geld und Nahrung. In Cavalli, Alessandro und Krech, Volkhard (Hrsg.): Auf-sätze und Abhandlungen 1901-1908, Band 2. Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag, Band 8. Frank-furt am Main 1993. S.117-122. Hier S.119. - Mehr zur Kriegsthematik siehe Watier, Patrick: The War Writings of Georg Simmel. In Featherstone, Mike (Hrsg.): Georg Simmel. London 1991. S.219-233.

[10] Rammstedt, Otthein: Simmels Philosophie des Geldes. In Kintzelé, Jeff und Schneider, Peter

(Hrsg.): Georg Simmels Philosophie des Geldes. Frankfurt am Main 1993. S.13-43. Nachfolgend

Rammstedt. Hier S.37.

[11] Flotow, Paschen von: Geld, Wirtschaft und Gesellschaft. Georg Simmels Philosophie des Geldes.

Frankfurt am Main 1995. Nachfolgend Flotow. Hier S.23f. – Zudem: Lichtblau, Klaus: Zum meta-

physischen Status von Simmels Philosophie des Geldes. In Simmel Newsletter 4 (1994).

S.103-110.

[12] Moebius, Stephan: Kultur. Bielefeld 2009. Hier S.26.

[13] Deutschmann, Christoph: Geld als soziales Konstrukt. Zur Aktualität von Marx und Simmel. In Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft 3 (1995). S.376-393. Hier S.385.

[14] Simmel, Georg: Philosophie des Geldes. Hrsg. von Frisby, David P. und Köhnke, Klaus Christian als Band 6 der Georg Simmel-Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag. Frankfurt am Main 1989. Nachfolgend PDG. Hier S.330f.

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668587809
ISBN (Buch)
9783668587816
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v383385
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Geld Georg Simmel Kultur Philosophie

Autor

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Titel: Georg Simmel. Zwischen Geldphilosophie und Kulturphilosophie