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Zum bilingualen Kanada. Vitalität und Wandel. Frankophonie und Anglophonie in Ontario und Québec

Masterarbeit 2017 111 Seiten

Romanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprachsituation
2.1 Bilingualismus
2.2 Diglossie
2.3 Vitalität

3 Historisches Portrait Kanadas
3.1 Geschichte: Zur Entdeckung und Besiedlung Kanadas bis 1763
3.2 Sprachpolitik
3.3 Religion, Erziehung und Bildung
3.4 Demolinguistische Entwicklung

4 Sprachgebrauch
4.1 Ontario und seine frankophone Gesellschaft
4.2 Québec und seine anglophone Gesellschaft
4.3 Quantitativer Vergleich der Provinzen

5 Eigenschaften und Besonderheiten der Sprache
5.1 Das “Ontarian” english
5.2 Das Français québécois

6 Kontaktinduzierter Sprachwandel
6.1 Einfluss Ontarios auf seine frankophone Gesellschaft
6.1.1 Morphosyntax
6.1.2 Lexikon
6.2 Einfluss Québecs auf seine anglophone Gesellschaft
6.2.1 Morphosyntax
6.2.2 Lexikon

7 Diskussion

8 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Funktionen der High-Variety und der Low-Variety

Abbildung 2: Die Relation zwischen Bilingualismus und Diglossie

Abbildung 3: Klassifizierung der auf die ethnolinguistische Vitalität einwirkenden Strukturvariablen

Abbildung 4: Kanadas Bevölkerung, 1851-2011.

Abbildung 5: Population nach Muttersprache, Kanada 1951-2006

Abbildung 6: Verteilung nach Muttersprache im Verhältnis zu Kanada, 2006

Abbildung 7: Prozentualer Vergleich von Religionsgemeinschaften in Ontario und Québec, 2001

Abbildung 8: Bilinguale Bevölkerung – Ontario und Québec im Vergleich

Abbildung 9: Bilinguale Bevölkerung nach Sprachgemeinschaft und Provinz, 2011

Abbildung 10: Geburtsort frankophoner Kanadier, 2006 in Prozent

Abbildung 11: Geburtsort anglophoner Kanadier, 2006 in Prozent

Abbildung 12: Die zu Hause am häufigsten gesprochene Sprache – Französisch in Ontario im Vergleich zu Englisch in Québec

Abbildung 13: Anzahl öffentlicher Rundfunksender – Französisch in Ontario im Vergleich zu Englisch in Québec

Abbildung 14: Prozentuale Nutzung der Medien – Ontario und Québec im Vergleich

Abbildung 15: Schultypen im Vergleich – Anglo-Quebecer versus Franko-Ontarier

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Zusammensetzung der Vitalität der frankophonen und anglophonen Sprachgemeinschaften in Kanada

Tabelle 2: Population nach Muttersprache, Ontario

Tabelle 3: Bilinguale Bevölkerung, Ontario 2011

Tabelle 4: Geburtsort frankophoner Kanadier, Ontario 2006

Tabelle 5: Die zu Hause am häufigsten gesprochene Sprache, Ontario 2006

Tabelle 6: Anzahl französischer Rundfunksender – öffentlich versus privat, Ontario

Tabelle 7: Prozentuale Nutzung der Medien durch Frankokanadier, Ontario 2006

Tabelle 8: Ontario und seine frankophonen Schüler nach Schultyp und Stufe

Tabelle 9: Population nach Muttersprache, Québec

Tabelle 10: Bilinguale Bevölkerung, Québec 2011

Tabelle 11: Geburtsort anglophoner Kanadier, Québec 2006

Tabelle 12: Die zu Hause am häufigsten gesprochene Sprache, Québec 2006

Tabelle 13: Anzahl französischer Rundfunksender – öffentlich versus privat, Québec

Tabelle 14: Prozentuale Nutzung der Medien durch Anglokanadier, Québec 2006

Tabelle 15: Québec und seine anglophonen Schüler nach Schultyp und Stufe

Tabelle 16: Bewertung der Vitalität der frankophonen und anglophonen Minderheiten in Ontario und Québec

1 Einleitung

In dieser Arbeit liegt der Fokus auf dem Phänomen der Vitalität in Verbindung mit kontaktinduziertem Sprachwandel. Diese linguistische Relation soll am Beispiel Kanadas genauer untersucht werden. Im Speziellen werden die Provinzen Ontario und Québec betrachtet, indem der frankophone Status in Ontario sowie der anglophone Status in Québec, nicht nur im Sinne des Ansehens, sondern auch die Implementierung der Sprache in der jeweiligen Provinz betreffend, erörtert und schließlich mögliche Sprachwandelphänomene diskutiert und analysiert werden.

Als offiziell ernanntes bilinguales Land repräsentiert Kanada Vielfalt in jeglicher Sicht: Auf Ebene der Regierung, in Politik, Wirtschaft und Handel, aber auch Kultur und Alltag sind von der Mehrsprachigkeit geprägt.

Die Vitalität einer Sprache wird allgemein unter der Sprachsituation (Kapitel 2) eingeordnet, welche darüber hinaus die Auseinandersetzung und Definition von Bilingualismus (Kapitel 2.1) sowie Diglossie (Kapitel 2.2) mit einschließt. Während ersteres eine Eigenschaft des Individuums beschreibt, ist letzteres, ebenso wie die Vitalität (Kapitel 2.3), auf gesellschaftlicher Ebene zu betrachten.

Trotz offiziellem Bilingualismus in Kanada, wird auf die Eigenschaften der Zweisprachigkeit (Kapitel 2.1) eingegangen, um diese im Verlauf dieser Arbeit kritisch zu überprüfen, da die Verbreitung sowie der Umfang zum Sprachwandel beiträgt.

Für die Definition von Diglossie in Kapitel 2.2 wird die Theorie von Charles A. Ferguson herangezogen, der erstmals den Begriff Diglossie 1959 zu definieren versuchte. Im nächsten Schritt stellt sich die Frage, wie die beiden Phänomene Bilingualismus und Diglossie zueinander im Verhältnis stehen. Treten beide Merkmale einer Gesellschaft stets zusammen auf? Setzt gar das eine das andere voraus? Dies soll mithilfe von Joshua A. Fishman thematisiert werden, der mit seinem Artikel “Bilingualism with and without diglossia; diglossia with and without bilingualism” von 1967 auf die ersten Ansätze Fergusons aufbaut.

Der Begriff der Vitalität wird in Kapitel 2.3 mithilfe von Giles, Bourhis und Taylor (1977) veranschaulicht. Wie vital eine Sprache ist, analysieren die Autoren anhand von drei Strukturvariablen: dem Status, der Demographie sowie der staatlichen Unterstützung. Erweitert wird die Bewertung der Sprachvitalität um weitere Kriterien aus dem Aufsatz der UNESCO “Language Vitality and Endangerment” von 2003.

Die Definitionen in Kapitel 2 dienen als Grundlage dieser Arbeit und werden aus diesem Grund dem historischen Portrait Kanadas vorgezogen.

Alle drei Termini, im Sinne linguistischer Charakterzüge einer ethnolinguistischen Gruppe, spielen eine wichtige Rolle in dieser Ausarbeitung und werden vor allem in Kapitel 4, dem letztendlichen Gebrauch der Sprachen in den hier untersuchten Sprachgemeinschaften, mit konkreten Zahlen und Fakten konkretisiert. Ziel ist, das sprachliche Fundament Kanadas respektive der beiden Provinzen Ontario und Québec darzulegen.

Doch zuvor wird in Kapitel 3 der Historie Kanadas besonderes Gewicht zugesprochen, denn für die Beurteilung von Vitalität und Wandel muss die Geschichte seit der Entdeckung des Landes berücksichtigt werden. Aus soziohistorischer Sicht wird ein Überblick über die Ausbreitung, Entwicklung und Integrierung des Englischen und Französischen gegeben. Begonnen mit der allgemeinen Besiedlung (Kapitel 3.1), übergehend zur sprachpolitischen Entwicklung (Kapitel 3.2) sowie der Betrachtung der Entfaltung von Religion, Erziehung und Bildung (Kapitel 3.3) bis hin zur demolinguistischen Entwicklung (Kapitel 3.4) des Landes. Letztere befasst sich nicht nur mit konkreten Kennzahlen Kanadas bis in die Gegenwart, sondern gibt ebenfalls einen geschichtlichen Einblick in die Entstehung der sprachlichen Minderheiten in den beiden relevanten Provinzen Ontario und Québec. Die Interaktion der Unterkapitel des historischen Überblicks muss betont werden, da beispielsweise die Bildung eng mit der Sprachpolitik verbunden ist.

Diesem historischen und soziolinguistischen Portrait folgt in Kapitel 4 die Analyse der Verwendung der beiden offiziellen Sprachen in ihren „Minderheitensettings“: die frankophonen « Compagnie » in Ontario sowie die anglophonen “Community” in Québec. Hierbei werden neben den bereits erwähnten Zahlen, wie die Bilingualenquote, auch allgemeine Daten zur Demographie, wie zum Beispiel die Geburtenrate in Verbindung mit dem Geburtsort, der Provinzen, mithilfe des primären Datenlieferanten Statistics Canada, dargelegt.

Darüber hinaus werden Konfessionszugehörigkeit sowie Schulanmeldungen nach Sprache untersucht, welche die ethnolinguistischen Gruppen genauer beschreiben. In Anbetracht der Religion wird von den Gruppierungen „englisch-protestantisch“ und „französisch-katholisch“ ausgegangen.

Das Hauptaugenmerk liegt dabei in der Rolle, die die jeweilige Sprache in der Provinz einnimmt und in welchen Bereichen sie auftaucht. Die anglophone Sprachgemeinschaft trifft auf die einzige Provinz in Kanada, in der das Französische die Mehrheitssprache ist, während die Provinz Ontario die meisten Frankokanadier, exklusive Québec, zählt.

Inwieweit der Staat für ein Gleichgewicht seiner offiziellen Sprachen sorgt und in welchem Umfang dies durch seine Einwohner genutzt wird, soll speziell mit der Untersuchung der traditionellen Medien erfolgen. Der Fokus liegt insbesondere im Bereich des Rundfunks und wird mit Daten der “Canadian Radio-television and Telecommunications Commission” untersucht. Ferner werden zusätzlich Printmedien in Form von Zeitungen hinsichtlich des gesellschaftlichen Gebrauchs berücksichtigt.

Überdies wird die zu Hause am häufigsten gesprochene Sprache ermittelt, die über das Prestige der Sprache urteilt und schließlich etwas zur Vitalität der Sprache beitragen kann. Letztere zwei Domänen, die Medien- und Familiensprache, sind ein wichtiges Indiz für die Beurteilung einer Diglossiesituation (Vgl. Abbildung 1).

Final werden die aus Kapitel 4.1 und 4.2 ermittelten Ergebnisse einem quantitativen Vergleich (Kapitel 4.3) unterzogen, dergestalt, dass Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Provinzen gegenübergestellt und schließlich ein Zwischenfazit gezogen wird, indem die funktionalen Differenzierungen der Sprachen und die damit verbundene Beziehung von Diglossie und Bilingualismus aufgezeigt sowie die Vitalität der beiden linguistischen Minderheiten beurteilt werden.

Was unter Kapitel 5 „ Eigenschaften und Besonderheiten der Sprache “ zunächst wie ein kleiner Exkurs scheint, soll für den in Kapitel 6 untersuchten kontaktinduzierten Sprachwandel mögliche Überschneidungen entgegenwirken. Der Grund hierfür liegt darin, dass sich bereits divergierende Englisch- beziehungsweise Französischvarietäten im Laufe der Historie entwickelt haben, die nicht direkt mit einer Sprachkontaktsituation erklärbar sind, sondern beispielsweise dem kaum umsetzbaren Austausch mit dem Mutterland aufgrund der Distanz geschuldet sind. Demzufolge gilt es in Kapitel 5.1 das “Ontarian” english dem britischen Standard, aber auch dem Nordamerikanischen und in Kapitel 5.2 das Français québécois der europäischen Norm gegenüberzustellen. Beide kanadischen Varietäten werden bereits unter der demolinguistischen Entwicklung in Kapitel 3.4 kurz eingeführt.

Im letzten Teil dieser Arbeit, in Kapitel 6, wird das Phänomen des kontaktinduzierten Sprachwandels definiert und anschließend mit den bis dahin erzielten Ergebnissen verknüpft, sodass Hypothesen zum Sprachwandel aufgestellt werden können. Der Einfluss der anglophonen Mehrheit in Ontario auf das Französische respektive die Veränderungen des kanadischen Englisch durch die Machtposition der frankophonen Sprache in Québec werden in den linguistischen Disziplinen der Morphosyntax sowie des Lexikons analysiert. Die Morphologie und die Syntax werden hierbei nicht getrennt voneinander betrachtet, da ein, durch Kontakt vollzogener Wandel meist teilbereichsübergreifend ist und beide Gebiete somit nur schwer separat zu beurteilen sind. Das Lexikon stellt einen weiteren interessanten Untersuchungsgegenstand dar, da die lexikalische Semantik viele Gebrauchsunterschiede mit sich bringt. Dass Lexeme in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Bedeutungen erfüllen, wird bereits in Kapitel 5 sichtbar.

Die Hypothese dieser Arbeit ist, dass die gegebene Sprachsituation (Kapitel 2), bestehend aus Bilingualismus, Diglossie und Vitalität, neben der Geschichte (Kapitel 3) eines Landes respektive seiner ethnolinguistischen Gruppen sowie dem Sprachgebrauch (Kapitel 4) der jeweiligen Minderheitengruppen im Zusammenspiel miteinander Sprachkontakt fördern und schließlich Sprachwandel beeinflussen. Im Gegensatz zur bisherigen sprachwissenschaftlichen Forschung, bei der sich beispielsweise nur auf den historischen Hintergrund konzentriert wurde (z. B. Thomason und Kaufman 1988), werden in dieser Arbeit all die aufgeführten Aspekte berücksichtigt, um eine genauere Aussage über den kontaktinduzierten Sprachwandel machen zu können, da die Fokussierung auf lediglich ein Gebiet unzureichend ist. Die Wechselbeziehung zwischen den genannten individuellen, wie auch gesellschaftlichen Kriterien ist ausschlaggebend, um beurteilen zu können, inwieweit diese Faktoren, insbesondere die Vitalität, den Sprachwandel begünstigen. Ihre Untersuchung, mittels sekundärer Empirie, soll Aufschluss über mögliche kontaktinduzierte Sprachwandelphänomene in den Bereichen Morphosyntax (Kapitel 6.1.1 und 6.2.1) und Wortschatz (Kapitel 6.1.2 und 6.2.2) geben.

Angenommen wird, dass durch den offiziellen Bilingualismus auf individueller Ebene reger Sprachkontakt herrscht und somit stetiger Sprachwandel vorliegt, während auf gesellschaftlicher Ebene einerseits die Einteilung in der Low - und High -Varietät, wie bereits beschrieben, mehr Auskunft über den Sprachkontakt der jeweiligen Minderheitengruppe in der „gegenteiligen“ Provinz geben wird und andererseits beachtet werden muss, dass der Faktor Zeit eine wichtige Rolle spielt, da Diglossie über mehrere Jahrhunderte besteht.

Darüber hinaus dürfen die Sprechereinstellung und eventuelle politische Unterdrückungen oder besondere Förderungsmaßnahmen des Staates nicht unbeachtet bleiben, welche sich unter dem Punkt der Vitalität eingliedern lassen.

Fokussiert wird sich auf die gesprochene Sprache, da diese Betrachtung die meisten Unterschiede widerspiegelt und das Geschriebene sich meist an der Standardnorm orientiert. Wichtig ist, dass die Norm hier nicht prinzipiell nur als formell, sondern primär als Ursprung gilt. Folglich dient das Englische Großbritanniens respektive das Französische Frankreichs auf der einen Seite als Vergleich für die Ermittlung der Eigenschaften und Besonderheiten der beiden Amtssprachen Kanadas (Kapitel 5) und auf der anderen Seite als Analyse des kontaktinduzierten Sprachwandels (Kapitel 6).

Im Bereich der Medien hingegen geht es um die Standardvarietät, welche nicht auf interne, sprachbezogene Besonderheiten, sondern auf Nutzung und Auswahl der Informationsträger, Zeitung, Fernsehen und Radio, untersucht wird.

Eine freie Übersetzung der französischen Zitate sowie Beispiele befindet sich jeweils nachstehend, wobei bei letzterem zusätzlich die Glossen vorangehen. Im Englischen wird auf eine Übersetzung verzichtet, da diese als Forschungssprache vorausgesetzt wird.

Mithilfe des multidisziplinären Ansatzes soll final geurteilt werden, inwieweit die Vitalität mit dem Sprachwandel in Verbindung steht. Für Québec, als einzige Mehrheitsprovinz der Frankokanadier, lautet die Hypothese, dass vor allem das hohe Ansehen – national, wie international – die englische Sprache vor einer starken, strukturellen Veränderung durch den frankophonen Kontrahenten bewahren kann, allerdings dennoch nicht von Gallizismen schützt. Hinsichtlich der frankophonen Sprache in Ontario wird von intensivem Sprachkontakt, aufgrund der allgemeinen Dominanz des Englischen ausgegangen, welcher über den Anglizismus hinaus zu strukturellen Übernahmen führt.

2 Sprachsituation

2.1 Bilingualismus

Das Phänomen Bilingualismus bezeichnet den natürlichen Erwerb zweier Sprachen eines Einzelnen und bildet somit eine Form von Mehrsprachigkeit (Vgl. u.a. Genesee und Nicoladis 2007; Meisel 2004; Tracy und Gawlitzek 2000). Bilingualismus gibt Auskunft über das „Sprachvermögen eines Individuums“ (Müller et al. 2011: 15).

Neben den Faktoren Alter, Input sowie dem Spracherwerbsverlauf im Allgemeinen, zählen Sprachfähigkeit und der Gebrauch einer Sprache zu den entscheidungsrelevanten Merkmalen von Bilingualität. Den Input betreffend im Verständnis der Ausgesetztheit einer Sprache, wird die Perzeption von sprachlichen Produktionen in der Umgebung des Sprechers verstanden (Vgl. Müller et al. 2011). Die Erläuterung der sprachlichen Umgebung erfolgt im weiteren Verlauf des Kapitels.

Entscheidend für den Terminus ist unter anderem das Erwerbsalter, sodass es sich entweder um simultanen oder sukzessiven Bilingualismus handelt. Während bei simultanem Erwerb von zwei Erstsprachen (2L1) die Rede ist, repräsentiert der sukzessive Bilingualismus den Erwerb einer Fremdsprache (L2). Über den zeitlichen Rahmen ist man sich in der Forschung nicht einig: Allgemein gültig ist die Abgrenzung durch die sogenannte „kritische Phase“ (u.a. Lenneberg 1967). Die Festlegung dieser Phase wird jedoch kontrovers diskutiert: De Houwer (1990: 3) charakterisiert simultane Zweisprachigkeit durch den Erwerb beider „von Geburt an“. Auch wurden Grenzen bis zum zweiten (Vgl. Tracy und Gawlitzek 2000: 503) oder vierten Lebensjahr (Vgl. Genesee und Nicoladis 2007: 325) debattiert. Ferner gilt es, die Zeitspanne bis zur Pubertät nicht zu überschreiten, da dann der sukzessive Bilingualismus beginnt. Folglich soll ein erfolgreicher Erwerb einer Erstsprache hiernach nicht mehr möglich sein (Vgl. u.a. Lenneberg 1967). Neuere Forschungsstände beschreiben sogar unterschiedliche Phase für verschiedene „linguistische Fertigkeiten“ (Müller et al. 2011: 16). Während bei simultanem Erstspracherwerb demgemäß das natürliche Aufwachsen mit zwei Muttersprachen (2L1) ohne formellen Unterricht gemeint ist, handelt es sich bei der sukzessiven Zweisprachigkeit oft um eine Fremdsprache (L2), die im Erwachsenenalter im Unterrichtskontext gesteuert gelehrt und gelernt wird. Letztere kann allerdings auch in einem natürlichen Kontext erlernt werden, wenn beispielsweise die Muttersprache der Eltern nicht der Umgebungssprache entspricht (Vgl. Müller et al. 2011: 15). An anderer Stelle wird dieser Aspekt durch die Darlegung der Erwerbstypen von Romaine (1995) noch einmal aufgegriffen.

Darüber hinaus hängen Sprachfähigkeiten und -fertigkeiten unmittelbar mit dem Erwerbsszenario „simultan“ beziehungsweise „sukzessiv“ zusammen. Die linguistischen Begriffe hierfür sind „Kompetenz“ (Sprachwissen) und „Performanz“ (Sprachgebrauch), welche wiederum bei jedem Individuum unterschiedlich ausgeprägt sind, sodass vor allem der Erwerbsverlauf hierbei ein entscheidendes Merkmal darstellt (Müller et al. 2011: 17-18).

Wo Bloomfield (1935: 56) die Sprachfähigkeit als wichtiges Kriterium in der Definition von Bilingualismus ansieht und einen bilingualen Sprecher mit der Bedingung einer “native-like control of two languages” verknüpft, wird heute klar von einem präsumtiven Ungleichgewicht der Sprachbeherrschung gesprochen, jedoch wird dies nicht mehr als Merkmal für zwei Muttersprachen angesehen (Vgl. u.a. Meisel 2003: 7). So konkludiert Grosjean (1984), dass man ‘selten einen Bilingualen trifft, der eine gleichwertige und/ oder perfekte Beherrschung seiner beiden Sprachen besitzt’[1]:

Nous avons écrit plus haut qu’il est rare de rencontrer un bilingue qui possède une maîtrise équivalent et/ou parfaite de ses deux langues.

(Grosjean 1984: 16)

Später wird in der Sprachwissenschaft ein noch klareres Statement zum Gleichgewicht formuliert:

The search of the true balanced bilingual depicted in some of the literature on bilingualism is elusive. The notion of balanced bilingualism is an ideal one, which is largely an artifact of a theoretical perspective which takes the monolingual as its point of reference.

(Romaine 1995: 19)

In Anlehnung an die soeben beschriebene Feststellung wird bei bilingualen Sprechern zwischen einer starken sowie einer schwachen Sprache unterschieden (Vgl. u.a. Kupisch und van de Weijer 2016: 174).

Trotz der Diskussion, dass es bilinguale Sprecher ohne dominante Sprache gibt (Vgl. u.a. Müller und Hulk 2001), wird angenommen, dass die zuerst erlernte Sprache die dominante, synonym zur starken Sprache, ist, da das bilinguale Individuum “more proficient” ist (Kupisch und van de Weijer 2016: 174) beziehungsweise hier zunächst die größere „relative Leistung“ erbracht werden kann (Weinreich 1977: 102).

Das Verhältnis der starken und schwachen Sprache kann sich jedoch im Laufe der Erwerbsbiographie, wie auch mit fortschreitendem Alter ändern (Vgl. Weinreich 1977: 102). Mögliche Ursachen hierfür sind Lebensumstände, Einstellungen und Motivationen (Vgl. Meisel 2003: 7). Überdies beruht der Wechsel auf dem unterschiedlichen Gebrauch im Erwachsenenalter oder aber dem Prestige der schwächeren Sprache innerhalb der Gesellschaft (Vgl. u.a. Kupisch und van de Weijer 2016: 177).

Speziell die beiden zuletzt genannten Aspekte der Verwendung und des Ansehens werden in den folgenden Definitionen (Kapitel 2.2 und 2.3) wieder aufgegriffen, fortlaufend in Kapitel 3 historisch betrachtet, woraufhin sie in aktuellen Daten eingebettet (Kapitel 4) werden und sich final als mögliche Einflussfaktoren hinsichtlich kontaktinduzierten Sprachwandels „verantworten“ müssen (Kapitel 6).

Kurz soll auf die von Romaine (1995) vorgeschlagenen Typen des bilingualen Erwerbs eingegangen werden, um wichtige Termini, wie die Familien- und Umgebungssprache, aber auch die Minderheiten- sowie Mehrheitssprache, einzuführen.

So schlägt Ronjat bereits 1913 das Prinzip « une personne – une langue » als optimalen Verlauf für das Aufwachsen mit zwei Sprachen vor. Die Eltern haben unterschiedliche Muttersprachen und jeder spricht seine eigene mit dem Kind. Die Umgebungssprache entspricht der Sprache eines Elternteils (Vgl. Romaine 1995: 183-184). Eine der Sprachen wird als Familiensprache bestimmt, die genutzt wird, wenn alle Familienmitglieder miteinander kommunizieren (Typ 1) (Vgl. Müller et al. 2011: 48).

Typ 2 „eine Sprache – eine Umgebung“ bedeutet, dass die Eltern, wie bei Typ 1, unterschiedliche Muttersprachen haben und einer dieser Sprachen die Umgebungssprachen repräsentiert. Zu Hause wird indes untereinander nur die „Nicht-Umgebungssprache“ gesprochen, um hier dem geringeren Input entgegenzuwirken, sodass das Kind nur außerhalb der Familie mit der Umgebungssprache konfrontiert wird (Vgl. Romaine 1995: 184). Die im home context, erlernte Sprache kommt der Mehrheitssprache einer Gesellschaft nicht gleich und entspricht daher meist den Charakteristika einer Minderheitensprache (Vgl. Romaine 1995: 25).

Typ 3 beschreibt den Fall, dass die Eltern die gleiche Muttersprache haben und die Umgebungssprache eine andere ist. Die Familiensprache stellt also die Minderheitensprache dar. Sie wird versucht in einem monolingualen Kontext aufrechtzuerhalten, dergestalt, dass das Kind lediglich außerhalb der Familie die dominante beziehungsweise Umgebungssprache erwirbt (Vgl. Romaine 1995: 184).

Der folgende Typ 4 charakterisiert sich durch Eltern mit zwei verschiedenen Muttersprachen, die zu Hause gesprochen werden sowie einer weiteren Sprache, die die Umgebungssprache ist (Vgl. Romaine 1995. 185). Die Familiensprache bleibt hierbei undefiniert, wird aber in der Regel von den Sprachkenntnissen der Eltern bestimmt, was letztendlich auch dazu führen kann, dass zu Hause ebenso die Umgebungssprache gesprochen wird (Vgl. Müller et al. 2011: 50).

Im nächsten Typ, Typ 5, spricht Romaine von “non native parents”, die monolingual sind, wodurch ebenfalls die Umgebung gekennzeichnet ist. Ein Elternteil beschließt jedoch das Wissen in einer Fremdsprache an sein Kind weiterzugeben (Romaine 1995: 185).

Das sechste Erwerbsszenario “mixed languages” spiegelt bilinguale Eltern mit der Möglichkeit der gleichen Sprachkombination im lokalen Bezugsrahmen wider. Umgesetzt wird die Erziehung durch das Mischen der Sprachen (Romaine 1995: 185).

Ein weiterer wichtiger Punkt der Mehrsprachigkeit ist, wie bereits erwähnt, der Gebrauch der Sprachen. Bilinguale nutzen ihre Sprachen nicht ausgeglichen oft. Sie haben spezielle Bereiche, Verwendungszwecke oder aber auch Ansprechpartner für die jeweilige Sprache (Vgl. Grosjean 1989):

Bilinguals usually acquire and use their languages for different purposes, in different domains of life, with different people. Different aspects of life require different languages.

(Grosjean 1997, Complementarity Principle: 165)

Der Gebrauch einer Sprache zählt zu den Untersuchungsgegenständen dieser Arbeit. In Kapitel 4 wird dieser anhand der beiden Sprachgruppen in den Provinzen in den Mittelpunkt gerückt. Diese Eigenschaft zählt nicht nur bei der Definition von Bilingualismus eines Individuums, sondern spielt ebenso für die mehrsprachige Gesellschaft eine zentrale Rolle, sodass sich im nachfolgenden Punkt (2.2) Diglossie in gleicher Weise auf das Thema des Gebrauches konzentriert, jedoch nur aus kollektiver Sicht untersucht und beurteilt werden kann. Es wird angenommen, dass flächendeckender Bilingualismus unter den untersuchten Provinzen herrscht. Ursache hierfür ist der offizielle Bilingualismus Kanadas seit 1969 (Vgl. Kapitel 3.4). Mithilfe von Daten von Statistics Canada soll diese These bestätigt oder widerlegt werden.

Durch die Relation von Kompetenz und den unterschiedlichen Formen des bilingualen Erwerbs ergeben sich verschiedenartige Interferenzphänomene, die unter Kapitel 6 genauer untersucht werden. Allerdings kann nicht über Simultanität oder Sukzessivität entschieden werden, da dies aus den zugrundeliegenden Daten nicht hervorgeht. Über das Alter der Sprecher kann infolgedessen im weiteren Verlauf dieser Arbeit nicht geurteilt werden. Vielmehr soll dies in der Diskussion kritisch betrachtet und darüber geurteilt, nicht mehr aber unter dem Gesichtspunkt der Simultanität oder Sukzessivität rückverfolgt, werden.

Fortlaufend wird von Englisch- und Französischsprechern gesprochen, wobei diese als bilingual gelten und die jeweilige Bezeichnung des Individuums beziehungsweise der kollektiven Einheit die dominante Sprache bestimmt. Da in dieser Arbeit frankophone sowie anglophone Sprechergemeinschaften untersucht werden, reflektiert jeweils das Französische respektive das Englische die dominante Sprache. Gleichzeitig repräsentieren beide reziprok eine Mehrheit in der einen Provinz sowie eine Minderheit in der anderen Provinz. Die dominante Sprache eines Sprechers dieser Untersuchung gehört in der jeweiligen Provinz folglich zur Minorität: Die frankophone Sprachgemeinschaft in Ontario wird mit den anglophonen Bewohnern Québecs verglichen.

Von den vorgeschlagenen Erwerbstypen von Romaine (1995) kommen theoretisch alle in Frage. Aufgrund fehlender Daten kann darüber aber schlussendlich nicht geurteilt werden. In dieser Ausarbeitung wird angenommen, dass die Familiensprache nicht mit der Umgebungssprache gleichzusetzen ist, sodass sich erstere durch den Status einer Minderheitensprache charakterisiert. Diese Vermutung kongruiert am besten mit Typ 3, bei dem solche eine Situation vorliegt. Typ 4 passt insofern nicht in das Untersuchungsschema, da davon ausgegangen wird, dass zu Hause nicht die Umgebungssprache gesprochen wird, was bei diesem Typen nicht ausgeschlossen werden kann. Der Unterschied zwischen diesen beiden Verwendungskontexten wird im nachstehenden Kapitel, Kapitel 2.2 Diglossie, erklärt und in Kapitel 4 mithilfe der Untersuchung des Sprachgebrauchs geprüft.

Resümierend für das Phänomen Bilingualismus kann Folgendes festgehalten werden: Der Gebrauch einer Sprache ist, wie das Erwerbsalter in Relation mit dem Input, ein einflussreicher Faktor für die Bestimmung von Mehrsprachigkeit. Der letztendliche Einsatz einer Sprache hängt von soziolinguistischen Aspekten und Umständen ebenso wie von der eigenen Präferenz ab (Vgl. Meisel 2003: 7), welche im weiteren Verlauf dieser Arbeit genauer betrachtet werden.

2.2 Diglossie

In seinem gleichnamigen Aufsatz definiert Ferguson “Diglossia” (2006) als eine Standardisierung der Existenz zweier Varietäten einer Sprache in einer Sprechergemeinschaft, in der jede seine eigene, bestimmte Funktion hat (Vgl. 2006: 33). Eine wichtige Eigenschaft der Diglossie ist ihre Stabilität sowie das relativ ausgeglichene Verhältnis zwischen diesen beiden Varietäten (Vgl. Ferguson 2006: 38-39). Zudem ist sie weder auf gewisse geographische Regionen noch auf explizite Sprachfamilien beschränkt (Vgl. Ferguson 2006: 42).

Ferguson unterscheidet dabei zwischen der sogenannten “superposed variety” und “regional dialects”. Für erstere führt er den Terminus “High-Variety (H)”, für letztere “Low- Variety (L)” ein (2006: 34). Im Folgenden werden die Akronyme „H“ und „L“, wie erläutert, verwendet.

Ein wichtiges Merkmal ist die Spezialisierung der jeweiligen Funktionen von H und L. Anhand einer Auflistung zeigt Ferguson, dass sich beide Varietäten durch eigene beziehungsweise bestimmte Kontexte kennzeichnen, in der sie gebraucht werden. Zudem betont er, dass sich ihre expliziten Rollen hierbei kaum überschneiden. Abbildung 1 illustriert die Domänen, die charakteristisch einer Sprache zugehören. So wird beispielsweise L in Konversationen mit der Familie, Freunden oder Kollegen verwendet, wohingegen H in Zeitungsredaktionen, Berichten und Reportagen sowie bei Bildbeschriftungen zum Einsatz kommt. Die zwei zuletzt aufgeführten Situationen hebt der Autor hervor und weist darauf hin, dass Poesie, wie auch Volksdichtung in beiden Varietäten auftauchen. Die eindeutige Zuweisung ist folglich eng mit der Prestigewahrnehmung eines jenes Sprechers verbunden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Funktionen der High-Variety und der Low-Variety
(Quelle: Ferguson 2006: 35-36).

Ihre Dominanz ist es, die H schöner, logischer, ausdrucksstärker für wichtige Gedanken und Gefühle, wirken lässt. Bedeutend ist die Tatsache, dass ebenfalls schwächere H Sprecher diese Überzeugung haben. Um diesen Punkt zu untermauern, zieht Ferguson konkrete Beispiele aus seinen „Sprachsamples“ heran (Vgl. Ferguson 2006: 35-36).

Der Entstehung von Diglossie ordnet Ferguson drei wesentliche Bedingungen zu: Es muss ein Literaturkorpus bestehen, der fundamentale Werte, wie Kultur, Geschichte oder Politik, widerspiegelt. Des Weiteren ist lediglich eine kleine Elite alphabetisiert. Schließlich weist er darauf hin, dass zwischen den beiden genannten Konditionen viele Jahrhunderte vergehen (Vgl. 2006: 37-38, 43).

Diglossie scheint ein von der Gesellschaft akzeptiertes Phänomen zu sein, bis zu der Weiterentwicklung von Literatur, Kommunikation sowie das Bestreben, eine vollentwickelte Nationalsprache, die dem Standard entspricht, zu implementieren. Diesem Sachverhalt stellt Ferguson jedoch die langanhaltende Stabilität gegenüber und schwächt solch eine Tendenz mithilfe seiner Sprachbeispiele, die höchst langsame Entwicklungen in Richtung (Sprach-)Vereinheitlichung vollziehen, ab (Vgl. 2006: 43-45).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass neben der Einsatzbarkeit ebenso das Sprachansehen entscheidend für die Klassifizierung einer H und einer L Sprache in einer mehrsprachigen Gesellschaft sind. Zudem ist die Interaktion der Merkmale untereinander maßgeblich.

Die Diglossie im Allgemeinen bezeichnet einen stabilen Sprachzustand zwischen einer formalen (High-Variety) und einer umgangssprachlichen Varietät (Low-Variety). Erstere ist eine divergierende, hochkodifizierte überlagernde Varietät, die einen Korpus an geschriebener Literatur wiedergibt. Diese geht aus einer früheren Periode oder einer anderen Sprachgemeinschaft hervor. Sie wird überwiegend mittels formaler Erziehung gelernt und dient meist schriftlichen oder formalsprachlichen Zwecken. Sie findet jedoch keinerlei Verwendung in alltäglicher Kommunikation (Vgl. Ferguson 2006: 42).

Wie eingangs aufgeführt, baut Fishman (2006) auf dem “Fergusonian impact [2], wie er ihn selbst nennt, auf. Zunächst befasst sich der Sprachwissenschaftler mit den Ansätzen von Gumperz (u.a. 1961), der ein Hauptmerkmal dieser Sprachsituation in dem Sinne reinterpretiert, dass nicht nur die Koexistenz von verschiedenen, offiziellen Sprachen, sondern auch separater Dialekte, Register oder funktionell differenzierter Sprachvarietäten, eine Diglossie bilden können. Diglossie definiert er durch den Gebrauch verschiedener, separater “Codes” innerhalb einer Gesellschaft, die sich durch ihre stabile Aufrechterhaltung sowie Funktionen in Form eines Sets an „Verhalten, Haltung und Werten“ auszeichnen (Fishman 2006: 47). Des Weiteren sind letztere laut Fishman “nonconflictual”, somit vollkommen als kulturell legitimiert und komplementär zu einander akzeptiert (2006: 47).

Fishman untersucht in seinem Aufsatz die Relation zwischen psychologischen und soziologischen Ansätzen hinsichtlich des Phänomens Bilingualismus. Hierfür analysiert er die Interaktion zwischen Bilingualismus, als Vertreter der psychologischen Seite, und Diglossie, als Vertreter der soziologischen Seite (Vgl. 2006: 47).

Abbildung 2 zeigt die verschieden möglichen Beziehungen zwischen individuellem Bilingualismus und sozialer Diglossie. Im weiteren Verlauf wird lediglich explizit auf Quadrant 1 und 2 eingegangen, da die hier untersuchten Sprachräume des Fallbeispiels Kanada offiziell bilingual sind (Vgl. Kapitel 3.4) und folglich eine Verbindung, wie in Quadrant 3 oder 4 beschrieben, in dieser Arbeit nicht in Frage kommt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Relation zwischen Bilingualismus und Diglossie(Quelle: Fishman 2006: 48).

Um die Bedingungen für ein paralleles Auftreten von Diglossie und Bilingualismus in einer Gesellschaft zu erfüllen, muss es in beiden Sprachen ein Set an unterteilten Rollen beziehungsweise Funktionen geben, auf die die Sprecher gleichermaßen Zugriff haben. Zudem betont Fishman, wie schon Ferguson (2006), dass diese Sets eine klare Trennung in ihren Funktionen aufweisen müssen; “[…] in terms of when, where and with whom they [die jeweilige Sprache] felt to be appropriate […]” (Fishman 2006: 49). Dieser Kreislauf, bestehend aus „Auswahl“, „Zugriff“ und „Trennung“ der Rollen, ist ein unabdingbares Merkmal, da sonst separate Sprachen oder Varietäten überflüssig wären oder sich gar verdrängen oder miteinander fusionieren würden (Vgl. Fishman 2006: 49). Ein Beispiel für eine Nation, die sich durch die Merkmale des ersten Quadranten auszeichnet ist die deutschsprachige Schweiz mit dem Sprachenpaar Hochdeutsch (H) und Schweizerdeutsch (L) (Ferguson [1959]; 2006). Ebenso gilt das Modell Hebräisch (H) und Jiddisch (L) (z.B. Weinreich ([1953]; 1974)).

Typisiert sich eine Gesellschaft nur durch Bilingualismus ohne Diglossie, so sticht die individuelle Eigenschaft deutlich hervor, denn dann ist von dem personenorientierten Ansatz die Rede, während auf gesellschaftlicher Ebene, die sogenannte “linguistic organization at the socio-cultural level”, die Charakteristika einer Diglossie bildet; hier gilt demnach der deterministischer Ansatz (Fishman 2006: 50-51). Diese Umstände liegen bei einem rapiden sozialen Wandel, gesellschaftlichen Unruhen oder aber bei einem großflächigen Verzicht früherer Normen, ohne neue einzuführen, vor (Vgl. Fishman 2006: 51).

Einen Prototyp stellt die Industrialisierung der westlichen Welt dar: Es treffen zwei Sprachgemeinschaften mit ihren eigenen Normen und soziokulturellen Kontexten aufeinander. Im Zuge dessen gibt die eine Sprache den Wortschatz der Produktionsmittel wieder, während die andere das Sprachgut der produktiven Arbeitskraft vertritt. Folglich wird auf traditionelle, gesellschaftliche Strukturen verzichtet und meist die „Sprache der Industrialisierung“ erlernt. Im Laufe dieses Prozesses verzögert sich jedoch die Eingliederung der gegenüberliegenden soziokulturellen Gefüge, sodass keine Diglossie vorhanden ist. Das Verdrängen der präindustriellen Sprache hat zur Folge, dass es keine hinreichende Sprachtrennung gibt und die Untergliederung des linguistischen Repertoires abnimmt. Laut Fishman gerät genau das, was nicht ausreichend getrennt wird, in Kontakt. Dieser gegenseitige Einfluss beider Sprachen vollzieht sich sowohl auf phonetischer und lexikalischer Basis, als auch auf semantischer und grammatikalischer Ebene (Vgl. Fishman 2006: 51; Kapitel 6). Darüber hinaus kann die stärkere Sprache, die schwächere Sprache verdrängen, die ihre komplementären Normen und Werte nicht aufrechterhalten konnte (Vgl. Fishman 2006: 52). Dieser Fakt ist eng verbunden mit der Vitalität einer Sprache (Vgl. Kapitel 2.3) und kann zudem im Sprachkontakt (Vgl. Kapitel 6) ein entscheidendes Kriterium für den Sprachwandel darstellen. Schließlich wird dies in der Diskussion kritisch betrachtet.

Rekapitulierend kann unterstrichen werden, dass Ferguson Diglossie als den Gebrauch zweier ähnlicher Sprachen beziehungsweise Varietäten der gleichen Sprache definiert. Die Sprachwahl innerhalb einer Gesellschaft ist entsprechend der Domänen deterministisch. Fishman ergänzt den Terminus um die Relation zum Bilingualismus sowie die Sprachwahl um zwei weitere wichtige Merkmale: den Zugriff und die Trennung der Sprachen.

2.3 Vitalität

Basierend auf den Theorien von Giles, Bourhis und Taylor ist die Vitalität ausschlaggebend für die Bewertung einer ethnolinguistischen Gruppe als distinktive und aktive Einheit in einer “intergroup situation” (1977: 308). Eine “intergroup situation” wird als Sprachkontakt verstanden und findet in Kapitel 6 seine Definition, indem sich auf den kontaktinduzierten Sprachwandel konzentriert wird.

Es gibt drei Hauptbereiche, die als Strukturvariablen „Status“, „Demographie“ und „institutionelle Unterstützung“ die Vitalität einer Sprache beeinflussen. Während die erste Variable gleichnamiges untersucht und besagt, dass Prestige sich positiv auf die Vitalität auswirkt, beziehen sich demographische Daten auf reine Zahlen und ihrer Verteilung innerhalb des Landes. Auch hier gilt: je höher die Werte, desto besser sieht es für eine Minderheitensprache aus. Staatliche Förderungen betreffen, als dritte Variable, die formalen und informalen Anerkennungen sowie die Unterstützung in der Gesellschaft. Die Vitalität ist abhängig von dem Gebrauch der Sprache in Institutionen der Regierung, Handel oder der Kirche (Vgl. Giles et al. 1977: 309). Die Autoren betrachten vor allem die Vitalität von linguistischen Minderheiten und betonen, dass sprachpolitische Entscheidungen maßgeblich für die Beurteilung der Aktivität der Sprache sind. Sprachminderheiten, die wenig oder gar keine Vitalität aufweisen, können ihre Eigenschaft als distinktive Gemeinschaft verlieren (Vgl. Giles et al. 1977: 308-310).

Abbildung 3 illustriert die Strukturvariablen, die die Vitalität bestimmen. Die drei Autoren bestimmen einige Faktoren, auf die nachfolgend genauer eingegangen wird, wobei sich speziell auf die in dieser Ausarbeitung notwendigen Merkmale konzentriert wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Klassifizierung der auf die ethnolinguistische Vitalität einwirkenden Strukturvariablen (Quelle: Giles et al. 1977: 309).

Der Status ist abhängig von ökonomischen, sozialen sowie soziohistorischen Aspekten und ist außerdem von der Einstellung innerhalb, wie auch außerhalb eines Landes beziehungsweise einer Sprachgemeinschaft geprägt. Die ökonomische Rolle zeichnet sich durch den Grad an Kontrolle der Sprachgruppe über das tägliche Wirtschaftsgeschehen in der Nation, Region oder Gesellschaft aus. Im sozialen Bereich geht es darum, welches Maß an „Selbstwertgefühl“ bei der Minderheitengruppe vorliegt (Vgl. Giles et al. 1977: 310). Hierbei geht es vor allem um die soziale Identität, die jedoch erst im Vergleich zu anderen ethnolinguistischen Gruppen ihre Wertigkeit erhält. Die Sprecher einer Sprachgemeinschaft haben den Wunsch nach Zugehörigkeit, welches zu Stolz und Zufriedenheit führt. Ziel ist es, sich von der anderen Sprachgemeinschaft abzuheben. Im Fall, dass beispielsweise eine Gruppe eine höhere Anzahl an Sprechern zählt oder die Überhand über Wirtschaft und Politik hat, entsteht seitens der „schwächeren“ Gemeinschaft ein negatives Selbstwertgefühl. Die Forderung nach einem sozialen Wandel wird die Folge sein (Giles et al. 1977: 319).

Ebenso sind soziohistorische Hintergründe prägend für die Vitalität einer Sprachgemeinschaft: Einerseits kann die Vergangenheit mobilisierend sein, indem die Sprecher als Einheit zusammenhalten und agieren. Im Gegensatz dazu können sich beispielsweise frühere Unterdrückungen als einschränkend erweisen, dergestalt, dass die Sprecher ihre Vergangenheit vergessen oder verstecken wollen und der Solidaritätsgedanke unter diesen Umständen nicht ausgelebt werden kann.

Außerhalb eines Landes stellt sich die Frage, inwieweit die jeweilige Sprache eine international agierende ist, während innerhalb eines Landes die Zwischengruppenrelation durch den Sprachkontakt zweier oder mehrerer Sprachen beeinflusst wird. Hinzu kommt die Sprachgeschichte, sodass Stolz oder Scham auf den Status innerhalb eines Landes und folglich auch auf die Vitalität entscheidend einwirken (Vgl. Giles et al. 1977: 311-312). An dieser Stelle sei festgehalten, dass das Englische wie auch das Französische international vertreten und hoch angesehen sind und ferner jeder seine eigene Nation innehat. Weiterhin wird dies unter ausführlicher Betrachtung der soziohistorischen Entwicklung Kanadas in Kapitel 3, bis hin zur Untersuchung des kontaktinduzierten Sprachwandels in Kapitel 6 mit all den erzielten Erkenntnissen in Relation zueinander auf die Vitalität projiziert, um final neben des Ansehens der Sprachen innerhalb des Landes vor allem auch die Vitalität der beiden offiziellen Sprachen Kanadas beurteilen zu können.

Im Hinblick auf die Demographie sehen die Autoren vor allem die Verbreitung, in Bezug auf den nationalen Raum, die Konzentration und die Proportion sowie die Anzahl hinsichtlich absoluter Angaben, aber auch Geburtenraten als ausschlaggebend für die Vitalität (Vgl. Giles et al. 1977: 309; Vgl. Abbildung 3).

Der Begriff des „nationalen Territoriums“ inkludiert stetigen Wandel – seien es Trennung oder Zusammenschlüsse linguistischer Sprachgemeinschaften, ausgelöst durch Krieg, Loyalität oder Versprechungen und Abkommen (Vgl. Olorunsola 1972). Politisch motiviert, kann es ebenfalls zu einer Redefinierung bestehender oder gar endgültigen Eliminierung ganzer Sprachgruppen kommen. Wird all diesem Druck Stand gehalten, so weist die Gemeinschaft ein hohes Maß an Vitalität auf (Vgl. Giles et al. 1977: 312-313). Lieberson und O’Connor (1972) haben darüber hinaus festgestellt, dass Immigrantensprachen schneller der Assimilation verfallen, als indigene Sprachminderheiten, die ihr sogenanntes “ traditional homeland ” nicht verlassen.

Ist die Konzentration in einem geographischen Raum, anstelle einer weitläufigen Verteilung, hoch, fördert das die Solidarität und final auch die Vitalität.

Die Proportionen der beiden in kontaktstehenden Sprachgemeinschaften betrachten die Autoren im Vergleich (Giles et al. 1977: 313).

Die absolute Sprecherzahl reflektiert die Anzahl der Sprecher einer ethnolinguistischen Gruppe. Je höher die Zahl, desto besser die „Überlebenschance“ als kollektive Einheit.

Die Geburtenraten werden, wie bei der Proportion, miteinander verglichen und wirken gleichermaßen auf die Beurteilung von Vitalität ein (Vgl. Giles et al. 1977: 313-314).

Die Variable der institutionellen Unterstützung unterscheidet sich in formeller und informeller Förderung der Sprache. Letztere bezieht sich auf das Ausmaß zu dem sich eine Minderheitengruppe organisieren muss, sodass trotz Druck der Gegenseite, ihre eigenen Interessen vertreten werden. Auf der formellen Ebene zeigt sich, wie repräsentativ die ethnolinguistische Gruppe ist und sich permanent auf politischem Level durchsetzen und präsentieren kann. Die Vitalität wird durch Faktoren, wie Massenmedien, Bildung oder Religion geprägt, indem der Gebrauch und die angesprochene Präsenz in diesen Bereichen ein entscheidendes Kriterium bilden. Die Autoren betonen, dass sich aufgrund von Modernisierung und Entwicklung die Vitalität plötzlich und schnell verändern kann (Vgl. Giles et al. 1977: 315-316).

Nicht zuletzt ist die Interaktion der drei Strukturvariablen eine Feststellung der Autoren, um den Gehalt der Vitalität genauer bestimmen zu können (Vgl. Giles et al. 1977: 309). Die UNESCO hielt 2003 fest: “No single factor alone can be used to assess a language’s vitality […].” (UNESCO 2003: 7).

Die Organisation schlägt weitere Vitalitätsfaktoren vor, die nachstehend mit den von Giles, Bourhis und Taylor (1977) definierten Kriterien verglichen werden.

An erster Stelle steht die Sprachvermittlung von der einen, an die andere Generation, welches hier mit der Familiensprache gleichgesetzt wird. Die absolute Anzahl an Sprechern sowie der Anteil an der Gesamtbevölkerung sind identisch mit den bereits aufgeführten demographischen Informationen (Vgl. UNESCO 2003: 7-9).

Der Bereich der Medien, speziell die Nutzung, stehen neben der Familiensprache im Fokus der Untersuchungen in Kapitel 4. Bezogen auf die Medien, sieht nicht nur die UNESCO potentielle Auswirkungen auf die Vitalität, auch Giles et al. (1977) bewerten dies in Verbindung mit der staatlichen Unterstützung. Die (Minderheiten-)Sprache muss sich den Herausforderungen der modernen Branche stellen, um seine Relevanz nicht zu verlieren.

Hinsichtlich der Bildung ist auf der einen Seite der Zugriff auf Materialien und auf der anderen Seite die Art und Qualität der Materialien der Sprachen wichtig für die Ermittlung der Aktivität der Sprachen (Vgl. UNESCO 2003: 11-12, 16). Giles et al. (1977) sprechen diesen Bereich der Regierung und ihrer Förderung zu (Vgl. Abbildung 3).

Fortlaufend können aufgrund fehlender Literatur keine klaren Aussagen über die Art und Qualität des Unterrichts, sei es auf sprachlicher oder allgemeiner, naturwissenschaftlicher Ebene, gemacht werden. Die Wahl der englischen und französischen Schulen im Sinne der Anmeldungen der Schüler der jeweiligen Minderheitengruppen wird in Kapitel 4 vorgestellt und soll somit Auskunft über den Status innerhalb der Sprachgemeinschaften geben.

Schlussendlich deckt sich die Untersuchung des Status innerhalb des Landes anhand seines soziohistorischen Hintergrunds mit den Aussagen von Giles, Bourhis und Taylor (Vgl. UNESCO 2003: 13-14).

Um das Kapitel 2 „Sprachsituation“ abzuschließen, wird sich an dieser Stelle eines Zitates der UNESCO bedient: “Taken together, these […] factors are especially useful for characterizing a language’s overall sociolinguistic situation. ” (UNESCO 2003: 7).

3 Historisches Portrait Kanadas

3.1 Geschichte: Zur Entdeckung und Besiedlung Kanadas bis 1763

Historisch betrachtet, ist Kanada von drei verschiedenen geolinguistischen Typen geprägt: “the native languages, the colonial languages and the immigrant languages” (Mackey 1998: 13). So ist die Entwicklung jedes einzelnen sowohl gezeichnet von Kontakt, als auch von Konflikt zwischen anglophonen und frankophonen Kolonisten untereinander sowie zweifelsohne dieser beiden in Verbindung mit den autochthonen Sprachen. Wichtige Faktoren, wie Handel, Industrie und Geburtenrate sind neben Krieg, Krankheit und Hungersnot für den weiteren Ausbau und der Formung des Landes entscheidend (Vgl. Mackey 1998: 13).

Die Geschichte Kanadas selbst wurde durch die Briten eröffnet: Sie findet ihren Ursprung im Jahre 1497, als der Europäer Giovanni Caboto unter englischer Krone Neuschottland sowie Neufundland entdeckte. Zur Kolonisierung dieser Gebiete kommt es jedoch 1605 durch die Franzosen mit der Errichtung von « Port-Royal », welche als eine Art Wendepunkt von der Entdeckung zur Besiedlung angesehen werden kann. Doch zunächst zu der französischen „Entdeckungsbilanz“:

Nachdem der Bretone Jacques Quartier zwei begonnene Anläufe 1524 und 1525 abbrechen musste, gelang er schließlich im Jahre 1534 bis zur Prinz-Eduard-Insel und auch zur Küste Neubraunschweigs. Ein Jahr später, mit der Erkundung des St.-Lorenz-Stroms, entdeckte Cartier unter anderem Québec und Montréal (Vgl. Wolf 1987: 1).[3] Während die Engländer von der Fischerei profitierten, erwies sich der Pelzhandel für die Franzosen als besonders lukrativ. Doch aufgrund von Versorgungs- sowie Witterungsbelastungen waren nachhaltige Niederlassungen zu dieser Zeit noch nicht möglich. Ausschlaggebend für eine langfristige Besiedlung war der französische Geograph Samuel de Champlain, der nicht nur die Nouvelle-France prägte, sondern auch für die Gründung von Port-Royal 1605 verantwortlich war: „Erst Champlain errichtete zwischen 1604 und 1634 entlang des St.-Lorenz eine Reihe kleinerer Siedlungen, darunter insbesondere Québec im Jahre 1608.“ (Wolf 1987: 1-2). Für Québec im Speziellen fand eine Kolonisierung erst mit dem Pariser Louis Hébert neun Jahre später statt (Vgl. Wolf 1987: 2).

Das Machtspiel um den neu entdeckten Kontinent begann 1689, als England entlang der Atlantikküste alles erschlossen hatte und seinen territorialen Besitz nicht weiter in den Westen ausbauen konnte (Vgl. Wolf 1987: 4-5). Diese geographische Dimension stand indessen keinesfalls mit der demographischen in Relation: „Ungefähr 200.000 Angloamerikaner standen nur 10.000 Frankokanadier gegenüber […]“ (Wolf 1987: 5).

Die Engländer zerstörten Port-Royal nur acht Jahre nach seiner Gründung. In den folgenden Jahrzehnten änderte sich das Regiment fortlaufend zwischen beiden Parteien, bis zum sogenannten „Vertrag von Utrecht“ 1713, der England zur Territorialgewalt verhalf und folglich die Herrschaft über Port-Royal zusicherte (Vgl. Wolf 1987: 2-3). Somit war nicht nur Neuschottland betroffen, auch die Neufundlandinsel wurde den Briten überschrieben (Vgl. Wolf 1987: 5). Nach jahrzehntelanger Waffenruhe folgte der “Seven Years War”, der 1759 mit den « Plaines d’Abraham » und der daraus resultierenden Besetzung Québecs durch die Engländer seinen Höhepunkt fand. Infolgedessen gaben die Franzosen im Jahre 1763 all ihre Territorien in Kanada an die Briten ab, was als “Treaty of Paris” bekannt ist.

Ihnen blieb der Rückzug in ihre Provinz Québec, während die Engländer Ökonomie und Politik im ganzen Land anführten. Konsequenterweise entstand eine Zweiklassengesellschaft (Vgl. Grosjean 1982: 15-16).

3.2 Sprachpolitik

In der Notwendigkeit Waffenruhe zu gewährleisten, wurden in dem Vertrag von Paris 1763 keinerlei Rechte für die Provinz Québec festgehalten. Der Wunsch und das Bestreben der Frankokanadier auf Mitbestimmung und Identität wuchsen. Durch die Pariser Einigung waren sie dem Anpassungsdruck unterworfen. Eine Änderung sollte mit dem 1774 eingeführten Quebec Act einhergehen, der nebst Gewährung des katholischen Glaubens die Zivilrechte der Franzosen in der Provinz sicherstellen sollte (Vgl. Wolf 1987: 40-41; Grosjean 1982: 16).

In Folge des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775-1783) kam es zu einer Flüchtlingswelle, welche unter anderem starke demographische Auswirkungen auf die heutige Provinz Ontario mit sich brachte: Die englischsprachige Bevölkerung verdreifachte sich (Vgl. Groulx 1960: 68). Hieraus resultierte die Acte constitutionnel (1791), die Kanada in Ober- und Unterkanada teilte, welches ungefähr den heutigen Provinzen Ontario und Québec gleichkommt (Vgl. Wolf 1987: 42).

Durch diese Trennung war der Wunsch nach Identität zunächst erfüllt und ein Gefühl „nationalen Selbstbewußtseins“ vermittelt; aber vor allem war auch die Unabhängigkeit vom „Mutterland“ Frankreich selbst, die aus der Französischen Revolution (1789-1799) resultierte, erreicht worden (Wolf 1987: 42). Trotz der demographischen Mehrheit von 90 Prozent in Unterkanada, unterlagen die Frankokanadier dennoch der „englischen“ Macht (Reutner 2009: 159). So enthielt die Konstitutionsakte nichts mehr als nur die Alternative, „[…] die Wahlberechtigung gegebenenfalls durch einen Eid in einer der beiden Sprachen bekunden zu lassen.“ (Wolf 1987: 42). Die Frankokanadier setzten sich auf politischer Ebene weiterhin für mehr Rechte ein, jedoch hatten die Aktivisten indessen mit Widrigkeiten seitens der gesetzesgebenden Gewalt zu kämpfen: Von der frankophonen Assemblée in Unterkanada wurden in den nächsten Jahrzehnten mehr als 200 verabschiedete Gesetze von dem durch die Briten dominierten Conseil législatif abgelehnt. Auch die politischen Regierungspositionen wurden durch Engländer besetzt und bewusst eine Ablehnung gegenüber der Gegenseite verfolgt (Vgl. Groulx 1960: 126). Vielmehr war das langfristige Ziel der Anglokanadier, die Assimilation der frankophonen Gesellschaft voranzutreiben und das Englische als einzige Sprache Kanadas durchzusetzen (Vgl. Wolf 1987: 44). Trotz Widerstand und Anfechtung wurde die umstrittene Unionsakte 1840 verabschiedet, welche im folgenden Jahr zur Wiedervereinigung der beiden Provinzen führte. Ferner kam es zur Festlegung des Englischen als alleinige Amtssprache und der Benennung Ottawas als Hauptstadt (Statuts révisés: 177). Die Religion sollte hierbei keine Rolle spielen (Vgl. Wolf 1987: 44).

1848 wurde die Zweisprachigkeit gesetzlich fixiert (Vgl. Reutner 2009: 159), denn in der Realität ließ sich das Gouvernement Kanadas nicht mehr ohne Frankokanadier umsetzen (Vgl. Wolf 1987: 45). Nichtsdestotrotz brauchte auch diese Umsetzung Zeit, da die interne Struktur Kanadas einsprachig Englisch ausgerichtet und über Jahre etabliert war (Vgl. Kloss 1977: 219).

Der British North America Act (B.N.A. Act) von 1867 löste die Herrschaft der Briten über die Provinz Québec seit dem Treaty of Paris 1763 ab. Mit der Gründung der Kanadischen Konföderation wurden mit dem Artikel 133 wichtige Veränderungen hinsichtlich des Sprachenrechts in Kanada verfasst (Vgl. u.a. Wolf 1987: 46): Diese erlaubte das Englische sowie das Französische im Parlament und in föderalen Gerichten – im Allgemeinen, wie auch in Québec selbst (Vgl. Lieberson 1970: 72) mit dem Unterschied, dass letztere nicht nur auf Ebene der Legislative und Judikative, sondern ebenfalls in der Exekutive zweisprachig ist (Vgl. Erfurt 1994: 20).

Mit der Konföderation ging ein Bundesstaat mit vier Provinzen: Québec, Ontario sowie Neubraunschweig und Neuschottland, einher, welcher zunächst primär die Provinz Québec und ihre Sprachenfrage in den Vordergrund stellte (Vgl. Wolf 1987: 47; Kapitel 3.4).

Doch aufgrund von sukzessiv stattfindenden Immigrationswellen, hauptsächlich aus Québec, kam es zu einer bedeutenden Entwicklung der frankophonen Bevölkerung in Ontario (Vgl. Mougeon und Beniak 1991: 18). Diese versuchte mithilfe ihrer „Mutterprovinz“ Québec für prinzipiell geltende, sprachliche Gleichberechtigung, aber auch für die Erweiterung im politischen und wirtschaftlichen Sektor, in der Provinz Ontario zu kämpfen (Vgl. Wolf 1987: 48). Die Wirtschaftsbereiche wurden bis in die Neuzeit von den englischen Kaufleuten dominiert (Vgl. Wolf 1987: 55).

Ausgangspunkt war die aufstrebende englisch-amerikanische Industrialisierung, die die Überlegenheit der Anglokanadier verstärkte (Vgl. Wolf 1987: 62). Die damit verbundene zunehmende „Anglisierung“ sowie „hinzukommende Amerikanisierung“ förderte zwangsläufig neues Konfliktpotenzial zwischen den beiden Sprachgemeinschaften (Wolf 1987: 65).

Angesichts der steigenden Unzufriedenheit der bis zu Beginn der Kanadischen Konföderation genannten Kanadier, synonym zu „Frankokanadier“, entstanden in den nächsten Jahrzehnten Vereine und Gruppierungen, um dieser entgegen zu wirken (Vgl. Wolf 1987: 40; 65). Seither nennen sich die Frankokanadier Canadiens français, da der alleinstehende Begriff Canadiens die Aufmerksamkeit auf die Mehrheit, den Anglokanadiern, lenkte (Reinke und Ostiguy 2016: 24).

Der B.N.A Act war mit seiner Umsetzung der landesweiten Zweisprachigkeit gescheitert (Vgl. Wolf 1987: 68). Die « S ociété du parler français au Canada » (1902) oder auch die « Association catholique de la jeunesse canadienne-française » (1904) forderten weiterhin „eine Gleichberechtigung des Französischen auf dem Hintergrund der Verhältnisse, wie sie in einzelnen Bereichen entstanden waren, und im Rahmen der politischen Möglichkeiten ein naheliegender, wenn nicht unumgänglicher erster Schritt [darstellten].“ (Wolf 1987: 65-66). Für die „Refranzösierung“ wurden alle sozialen Einrichtungen und Institutionen in Betracht gezogen: Der Handel stellte hierbei einen quasi monolingualen Sektor dar, denn 95 Prozent aller Etiketten waren in englischer Sprache bedruckt. Auch Politiker versuchten die Zweisprachigkeit in staatlichen Einrichtungen zu etablieren und zu festigen. Was anfangs als nicht umsetzbar schien, wurde 1911 im “Code civil” für die Provinz Québec beschlossen. Weiterhin wurden, ebenfalls auf Québec begrenzt, 1945 zweisprachige Schecks erstellt. Im Verkehrswesen wurde beispielsweise 1977 erreicht, dass die “Stop”-Schilder in der Provinz durch « Arrêt »-Schilder ausgetauscht wurden. Schließlich wurde 1978 für ein zweisprachiges Militär gestimmt (Vgl. Wolf 1987: 67-69).

„Die reine Defensivhaltung der Vergangenheit wird zunehmend durch offensive Elemente verändert.“ (Wolf 1987: 66): 1960 kam es zur Quiet Revolution oder Révolution tranquille, bei der die frankophonen Kanadier in Québec ihren Anspruch auf kohärentes politisches Handeln, insbesondere bei der Definition ihrer selbst hinsichtlich Bilingualismus und Multikulturalismus, forderten (Vgl. Barbaud 1998: 178). Die Ideologie begann drei Jahre später mit der “Royal Commission on Bilingualism and Biculturalism” oder « Commission royale d’enquête sur le bilinguisme et le biculturalisme » (1963; RCBB, auch als “Laurendeau-Dunton Commission” bekannt) (Barbaud 1998: 178).

Die Royal Comission on Bilingualism and Biculturalism hat bilinguale Bezirke in den Provinzen Québec, Ontario sowie New Brunswick, denen jeweils englisch- beziehungsweise französischsprachige Minderheiten angehören, vorgeschlagen. Die Kommission arbeitet der Frage nachgehend, inwieweit Kanada bilinguale und bikulturelle Eigenschaften realisiert beziehungsweise entwickelt hat und Möglichkeiten zur Verbesserung hinsichtlich der vorliegenden Krisenjahre herauszuarbeiten sind (Vgl. Hoerkens 1998: 43). Ferner wird dem Englischen und dem Französischen Gleichheit im Status sowie im Rechtswesen gegenüber ihrem Gebrauch auf allen Ebenen des Parlaments und der Regierung Kanadas zugesprochen. Die Intention dieser Deklaration liegt also dem flächendeckend bilingualen Handeln zu Grunde (Vgl. Grosjean 1982: 16-17). Auf den Zielen der Bi and Bi Commission beruhend, wurde der Official Languages Act 1969 verabschiedet (Loi pour promouvir la langue française au Québec; loi 63):

L’anglais et le français sont les langues officielles du Canada pour tout ce qui relève du Parlement et du gouvernement du Canada ; elles ont un statut, des droits et des privilèges égaux quant à leur emploi dans toutes les institutions du Parlement et du gouvernement du Canada.

(S.R.C., 1970, Chapitre 0-2; Loi concernant le statut des langues officielles du Canada)

‘Das Englische und das Französische sind die offiziellen Sprachen Kanadas für alles, was im Parlament und in der Regierung Kanadas bestimmt wird; sie haben einen Status, gleiche Rechte und Privilegien hinsichtlich ihres Gebrauchs in allen Institutionen des Parlaments und der Regierung Kanadas.’

Der Identitätswille und der ökonomische Druck stiegen innerhalb der französischen Bevölkerung, woraufhin 1974 das Gesetz « sur la langue officielle – loi 22 » erlassen wurde (Vgl. Wolf 1987: 114; Reutner 2009: 162). Dieses erklärt das Französische zur offiziellen Sprache Québecs und legitimiert seine Verwendung in allen politischen, gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Bereichen. Mit dieser Maßnahme waren erstmals „die anderen“ zur Assimilation gezwungen.

Folglich verlor das Englische seinen sprachpolitischen Rang und galt fortan als Minderheitensprache. Vielmehr aber wies die Provinz hiermit einen Status über offizieller Zweisprachigkeit ab (Vgl. Wolf 1987: 114-117). Für die Umsetzung der neuen Richtlinien wurde das sogenannte « Office de la langue française (OLF) » errichtet: „Es hat nicht nur mit Hilfe von betriebseigenen, aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern bestehenden « comités » (Art. 126) für die „Französierung“ der Unternehmen zu sorgen, sondern auch die dafür notwendigen Terminologien festzulegen.“ (Wolf 1987: 116).

Darüber hinaus soll das « Conseil de la langue française (CLF) » das Französische hinsichtlich seines Status und seiner Qualität in Québec untersuchen und beobachten.

Nun entstand Unmut seitens der anglophonen Sprechergemeinschaft, die als Minderheit mit der Alliance Québec den Status ihrer Muttersprache und zudem ihren linguistischen Anspruch innerhalb der Gesellschaft bewahren wollten. Maßgeblich war die Umsiedlung von mehreren großen Unternehmen und Konzernen nach Ontario, da diese das durch das OLF eingeführte Französierungsprogramm nicht akzeptieren wollten.

Für Kanadas Geschichte von großer Bedeutung ist jedoch der Beschluss, dass das Kapitel III (« La langue de la législation et de la justice ») der loi 101 gegen Artikel 133 des B.N.A. Act verstößt und folglich die ernannte Zweisprachigkeit auf Ebene der Legislative sowie Judikative irreversibel ist (Vgl. Wolf 1987: 56; 116-118).

3.3 Religion, Erziehung und Bildung

Die Kirche bestimmte in der Geschichte Kanadas nicht nur das Bildungswesen, sie war zeitweise der einzige Halt, der die Existenz einer frankophonen Gesellschaft in Kanada am Leben hielt: Zu Beginn des 17. Jahrhunderts und der einhergehenden Entfaltung der Franzosen längs des St.-Lorenz-Flusses (Vgl. Kapitel 3.1), war das Interesse seitens des Mutterlandes Frankreich unzureichend, dergestalt dass die Kirche mit „ihrer missionarischen Aufgabe“ die alleinige Unterstützung für die Kolonisten darstellte (Wolf 1987: 2). Die Missionare waren es, die die nötigen finanziellen Mittel aus Frankreich erhielten und dadurch Führungspositionen besetzten. Mit dem Kontakt nach Rom (Ultramontanismus) hoben sie sich hinsichtlich ihres Glaubens von Frankreich (Gallikanismus) ab. Doch es spielte noch eine andere Glaubensrichtung in Kanada eine wichtige Rolle, wenn auch nicht primär auf die Religion, sondern vielmehr auf demographische, kulturelle und sprachliche Unterschiede bezogen: Den protestantischen Engländern ging es hauptsächlich um die territoriale Erweiterung ihres kanadischen Areals. Es folgte die Besetzung Port-Royals (Vgl. Wolf 1987: 2; Kapitel 3.1).

Flussabwärts wurde 1642 in dem heutigen Montréal eine Missionsstation, Ville-Mari e, errichtet. Durch Angriffe der Irokesen, welche eher nördlich des St.-Lorenz-Stroms lebten, mussten die Kolonisten jedoch starke Rückschläge einstecken. Durch die Regierungsübernahme Louis XIV in Frankreich wurde die überfällige Hilfe umgesetzt und mit europäisch-militärischer Rekrutierung für Waffenruhe in Québec gesorgt. Mit der darauffolgenden Reorganisation der Verwaltung und Vertretung dieser durch Jean Talon erlebte die Provinz ihre erste Blütezeit: Nebst der Gewährleistung von Frieden, verzeichnete Québec zudem eine Verdopplung der Bevölkerung innerhalb von sieben Jahren (1665-1672). Umgesetzt werden konnte der Zuwachs durch das Überschiffen von französischen Waisenmädchen, den sogenannten « filles du roi » (‘Mädchen des Königs’), um den heimkommenden Soldaten gerecht zu werden. Belohnt wurden frühe Ehen und Großfamilien ab zehn Kindern (Vgl. Wolf 1987: 3-4). Die Rolle der Kirche war hierbei, die „Sittenreinheit“ der Mädchen zu überprüfen und zu bestätigen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts entfaltete sich auf diese Art die frankokanadische Bevölkerung. Durch die territoriale und ökonomische Gegnerschaft kam es erneut zu Kriegen und letztendlich zu der Québec-Akte von 1774, die die Ausübung des römisch-katholischen Glaubens legitimierte (Vgl. Wolf 1987: 40-41; Grosjean 1982: 16; Kapitel 3.2): « Bref, l’Acte de Québec reconnait à un peuple catholique et français, le droit à l’existence dans l’empire britannique. » (‘Kurz gesagt, die Quebec Akte, weist einem katholischen und französischen Volk, das Recht auf die Existenz im britischen Reich zu.’) (Groulx 1960: 10).

Dennoch bauten die Protestanten ihre Gebiete und somit ihre Macht im Land aus, während die Unzufriedenheit der Franzosen wuchs und sie mithilfe ihrer katholischen Unterstützung und den differierenden Glaubensrichtungen getrennt und eigenständig von den Anglokanadiern sein wollten (Vgl. Wolf 1987: 61). Dadurch nahm die Kirche einen gewissen Status ein, was sich in dem Bereich des Erziehungswesens als Machtstellung erwies:

Eine so verstandene sprachlich-religiöse Abkapselung kann letzten Endes nur in engstem Zusammenhang mit einem frankokanadischen Nationalismus funktionieren, der von der Kirche […] gefördert wurde.

(Wolf 1987: 61)

Den römisch-katholischen Franzosen standen die aufsteigenden Anglokanadier in Wirtschaft und Technik gegenüber. Eine erneute Krise schien unausweichlich (Vgl. Wolf 1987: 61; Kapitel 3.2).

Wie bereits angesprochen, galten Bildung und Erziehung als Aufgaben der Kirche. Gerade durch die ansteigende Bevölkerungszahl, stand die Erziehung im Mittelpunkt. Der Schulbesuch war darüber hinaus sehr beliebt und vor allem, ohne Kosten verbunden, für jede Bevölkerungsschicht offen. Besonderes Gewicht wurde den Mädchenschulen zugetan, welches seine Begründung in dem „gute[n] Benehmen“ und der „gute[n] Sprache“ der Schülerinnen findet (Wolf 1987: 16-17).

In akadischen[4] Schulen wurde zunächst der Religionsunterricht verboten (Common School Act 1871). Vier Jahre später wurde diese Auflage jedoch gelockert und schließlich der Religions- sowie Französischunterricht legitimiert. In anderen Schulen wurde die französische Sprache im Religionsunterricht 1897 erlaubt, allerdings 1916 zum Vorteil der Anglokanadier wieder rückgängig gemacht. Erst 1967 wurde die Möglichkeit in dem sogenannten “The Public Schools Act” eröffnet, das Französische als Unterrichtssprache zu beantragen (Vgl. Wolf 1987: 51-52).

Neben der konfessionellen Trennung, galt auch hier immer wieder die Muttersprache als Unterscheidungsmerkmal der Kanadier, sodass die Schulen sich sprachlich, wie auch religiös unterschieden. Unter geschichtlicher Betrachtung sind Daten aus dem frühen 20. Jahrhundert für die Entwicklung des kanadischen Schulsystems entscheidend. Gesetzesbeschlüsse von 1913, die beispielsweise das Französische als Unterrichtssprache in Ontario auf die ersten drei Schuljahre festlegte, mussten revidiert werden (Vgl. Wolf 1987: 48). Mit der 1910 gegründeten « Association canadienne- française d’éducation de l’Ontario », wurde eine zweisprachige Erziehung in der Provinz gefordert und 17 Jahre später durchgesetzt (Vgl. Wolf 1987: 65).

Erst nach Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Frage nach der Sprache in den Schulen überhaupt Aufmerksamkeit zugetan und wichtige Schritte eingeleitet und umgesetzt. So enthielt der B.N.A. Act Ende des 19. Jahrhunderts keinerlei Regelungen zur Unterrichtssprache (Vgl. Wolf 1987: 99). Mit der Révolution tranquille ging der Rückgang des Einflusses der römisch-katholischen Kirche einher. Offen wurde nun über Abtreibung und Empfängnisverhütung debattiert (Vgl. Reutner 2009: 160). Die Commission royal sorgte in den Bereichen Kultur und Sprache mithilfe ihrer fünf Bücher (1967-1970) für „Recht und Ordnung“. Das Thema Bildung wurde explizit in ihrem « Livre II L’éducation » aufgegriffen (Wolf 1987: 95). Es war allen« enfants québécois » (‘Quebecer Kindern’) möglich, eine Schule in ihrer Muttersprache zu besuchen, wohingegen die frankokanadischen Schüler Ontarios keine Integrierung ihrer Muttersprache in das Schulsystem verzeichnen konnten (Vgl. Wolf 1987: 99). Erstere Provinz eröffnete Immigranten die Möglichkeit, eine zweisprachige Erziehung ihrer Kinder zu wählen (Vgl. Wolf 1987: 104). Tatsächlich war die Nachfrage nach dem Englischen so enorm und monolingual-französischer Unterricht wiederum nicht gefragt, dass 1968 ein Gesetzesentwurf der Wahlfreiheit (loi 85 oder Bill 85) vorgeschlagen wurde, um die Minderheitensprache zu stärken und gleichzeitig die Mehrheitssprache nicht zu vernachlässigen. Die Antwort war die Forderung nach „Separation“ und „Unabhängigkeit“ – loi 85 scheiterte (Wolf 1987: 105).

Die royale Kommission entschied über die Verpflichtung englischer Schulen, „ein ausreichendes Grundwissen in der französischen Sprache [zu] vermittel[n]“, wie es ebenso auf der anderen Seite für das Englische schriftlich fixiert wurde – hingegen längst realisiert war (Wolf 1987: 109-110). Der bereits genannte Official Languages Act beziehungsweise die loi 63 (Vgl. Kapitel 3.2) verankerten 1968-1969 die freie Schulwahl im kanadischen Bildungssystem.

Die Einteilung der Kinder in Schulen nach ihrer Muttersprache, die die loi 22 seit 1974 vorsah, war durch die verbindliche sprachliche Prüfung kein objektives Mittel, um die gewünschte Zweisprachigkeit im Allgemeinen in der Provinz umzusetzen.

Die « charte de la langue française, loi 101 » von 1977 deklarierte das Französische in Québec für alle frankophonen sowie Einwandererkinder als Unterrichtssprache, während anglophone Schüler, von denen ein Elternteil eine anglophone Schulbildung in der Provinz genossen haben, von dieser Regelung nicht betroffen sind (Vgl. Wolf 1987: 115-116). Parallel hierzu wuchs das Verlangen „französischer“ Kinder, Englisch zu lernen (Vgl. Boberg 2010: 8).

3.4 Demolinguistische Entwicklung

Zu der 1867 gegründeten Kanadischen Konföderation und den vier Gründungsprovinzen Québec, Ontario, Neubraunschweig (Nouveau-Brunswick) und Neuschottland (Nouvelle-Écosse) (Vgl. Kapitel 3.2) kamen im Laufe der Geschichte – bis 1999 – sechs weitere Provinzen sowie drei Territorien hinzu: Alberta (1905), British Columbia (1871), Manitoba (1870), Neufundland und Labrador (Terre-Neuve-et-Labrador) (1949), Prince Edward Island (Île-du-Prince-Édouard) (1873), Saskatchewan (1905) und die Nordwest-Territorien (1870), Yukon (1898) sowie Nunavut (1999) (Vgl. Chambers 2010: 5-6). Letztere wurde von den Nordwerst-Territorien abgetrennt, um eine “Inuit-majority region” zu gründen (Chambers 2010: 6).

Das kanadische Französisch ist in den Provinzen Neufundland (Terre-Neuve), Prince Edward Island (Île-du-Prince-Édouard), Neubraunschweig (Nouveau-Brunswick), Neuschottland (Nouvelle-Écosse) und Québec vertreten und wird auch als akadisches Französisch bezeichnet (Vgl. Reinke und Ostiguy 2016: 6). Es repräsentiert allerdings einzig in Québec die Mehrheitssprache, sodass sich die Bezeichnung des Français québécois über die Sprachwissenschaft hinaus in sämtlichen Bereichen etabliert hat. Konträr dazu ist der in dieser Ausarbeitung eingeführte Terminus des “Ontarian” english nicht fest umrissen, da das in Kanada gesprochene Englisch flächendeckend als Canadian English und ursprünglich als Nordamerikanisch deklariert wird (Vgl. Walker 2015; Kapitel 5.1). Außer Acht gelassen werden die regionalen Abweichungen im detaillierten Sinne, dergestalt, dass wie bereits angesprochen, das “Ontarian” english als allgemeiner Vertreter des kanadischen Englisch gilt und gleichzeitig als Repräsentant für die Provinz Ontario fungiert. Infolgedessen erhält die Varietät seine Anführungszeichen.

Die Einwohnerzahl Kanadas ist seit 1851 von Statistics Canada dokumentiert, sprich zehn Jahre nach der Wiedervereinigung von Ober- und Unterkanada. Mit der zuvor genannten Kanadischen Konföderation und dem damit verbundenen British North America Act (B.N.A. Act) von 1867 erlebten die Frankokanadier einen wichtigen Aufschwung: Sie erhielten ihre Provinz Québec zurück (Vgl. Kapitel 3.2).

[...]


[1] Sämtliche Übersetzungen stammen von der Verfasserin J.E.

[2] Ursprünglich: Fishman, Joshua (1986), The Fergusonian impact: in honor of Charles A. Ferguson on the occasion of his 65th birthday. Mouton de Gruyter, Berlin [u.a.].

[3] Für den soziohistorischen und politischen Überblick wird sich primär an Wolf (1987) orientiert. Für detailliertere Informationen und Debatten über die Historie Kanadas vgl. u.a. Lacoursière (1997, 2005), Overmann (2009), Bories-Sawala (2010), Leclerc (2016a, b, c).

[4] Vergleich hierzu Kapitel 3.4 und 5.2.

Details

Seiten
111
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668585775
ISBN (Buch)
9783668585782
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v382991
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Bilingualismus VitalitätWandel Sprachwandel Sprachkontakt Kanadabilinguales Kanada Quebec Ontario Französisch Englisch Frankophonie Anglophonie Sprachgebrauch frankophon anglophon Québec kontaktinduiziert kontaktinduzierter Sprachwandel Spracheinfluss Sprachpolitik

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Titel: Zum bilingualen Kanada. Vitalität und Wandel. Frankophonie und Anglophonie in Ontario und Québec