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Borderline. Ein missverstandener Kampf um Anerkennung?

Eine Untersuchung der Anerkennungstheorie von Axel Honneth

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1) Einleitung

2) Die Borderline-Personlichkeitsstorung
2.1) Krankheitsbild und Symptome
2.2) Sozialverhalten und dessen Auswirkungen
2.3) Ursachen und Erklarungsansatze psychoanalytischer Modelle

3) Axel Honneth: Kampf um Anerkennung
3.1) Kapitel 5. Muster intersubjektiver Anerkennung: Liebe
3.2) Kapitel 6. Personliche Identitat und Missachtung: Folter und Vergewaltigung

4) Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur

5) Fazit

1) Einleitung

Durch Axel Honneths „Kampf um Anerkennung“ lernten wir Theorien und Aufarbeitungen groBer Denker und Psychoanalytiker kennen, die sich mit der Tatsache auseinandersetzten, dass ein jedes menschliches Subjekt nur durch wechselseitige Anerkennung mit seinen Bezugspersonen zu einer gegluckten, positiven Selbstbeziehung gelangen kann und dass diese Anerkennung oftmals und unter bestimmten Gegebenheiten nur durch einen Kampf erreicht werden kann.

Die folgende Hausarbeit mit dem Titel „Borderline - ein missverstandener Kampf um Anerkennung?“ wird sich mit eben diesem Vorgang beschaftigen, der eine gesunde Selbstbeziehung gewahrleistet, um im Anschluss Ruckschlusse auf ein missglucktes Endprodukt zu ziehen, dessen Symptomatik sich in der Borderline- Personlichkeitsstorung widerspiegelt. Die Frage, die sich am Ende ergibt, ist die ob und durch welchen Antrieb ein Kampf um Anerkennung in der Verhaltensweise eines Borderline-Patienten gegen seine unmittelbare personliche Umwelt stattfindet.

Zu diesem Zweck werden zu Beginn dieser Arbeit die Symptome und moglichen Ursachen einer Borderline-Personlichkeitsstorung vorgestellt. Im Anschluss darauf werden Auszuge aus zwei ausgewahlten Kapiteln des Werks Honneths hinzugezogen, Kapitel 5. „Muster intersubjektiver Anerkennung“ in dem unter Ausschluss des Rechts und der Solidarity, die Liebe untersucht wird und Kapitel 6. „Personliche Identitat und Missachtung“, wo gegensatzlich zur Liebe die Folter und Vergewaltigung als Kempunkt dienen werden. Eine besondere Rolle wird dabei der Werdegang des menschlichen Ichs vom fruhen Kindesalter bis hin zum Erwachsenenalter spielen, welche Arbeit hinter diesem Prozess steckt und was geschieht, wenn diese durch gewaltsame Erniedrigung oder langwierige Vernachlassigung zunichtegemacht wird. Als direkter Vergleich zu Honneths gesammelten Theorien, wird ein Ausschnitt aus Sigmund Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ vorgestellt, welches seine Meinung bezuglich des Verhaltnisses zwischen Ich und Objekt wiedergibt, sodass eine Auflosung der hier gestellten Leitfrage moglich sein wird.

2) Die Borderline-Personlichkeitsstorung 2.1) Krankheitsbild und Symptome

Die Borderline-Personlichkeitsstorung (BPS) wurde im Laufe der Geschichte von Forschern, Psychiatern und Psychoanalytikern jeden Landes und kulturellen Kontextes untersucht, denn gilt sie als eine der facettenreichsten, neurotisch-psychotischen Storungen, die als anerkannte Krankheit diagnostiziert werden kann.

Der Name Borderline, ins Deutsche ubersetzt, bedeutet so viel wie Grenzlinie, welcher dem amerikanischen Psychoanalytiker Adolf Stern zu verdanken ist, der 1938 eine Sammlung von Symptomen aufzahlte, die heute zur Diagnose BPS fuhren. Dort sprach er von „the border line groupul, die eine Art Ubergangsbereich von neurotischen und psychotischen Storungen annimmt, da er Symptome aus beiden Bereichen in der Borderline-Personlichkeit identifizierte.

Man geht davon aus, dass bei etwa 2% der Weltbevolkerung eine Form der BPS diagnostiziert werden konnte, wovon allein 70% der Gesamtzahl der Patienten weiblich und 30% mannlich sind. Zumeist treten erste Anzeichen einer Erkrankung in der Pubertat, beziehungsweise demjungen Erwachsenenalter auf, eine Abnahme der Pravalenz sei im zunehmenden Alter, etwa dem 44. Lebensjahr, zu beobachten.

Durch die von Stem aufgestellte Liste von Symptomen, die dem DSM-IV[1] [2], dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association hinzugefugt wurde, wird BPS heute diagnostiziert, wenn mindestens funf der beim Patienten vorliegenden Auffalligkeiten mit ihr ubereinstimmen:

- Die Angst davor verlassen zu werden und die dementsprechende Bemuhung, dies zu verhindern. Betroffene zeigen sich ihren Mitmenschen gegenuber besonders anhanglich, oft kontrollsuchtig und in anschlieBenden Perioden kuhl und distanziert, da eine gleichzeitige Angst vor Nahe vorliegt.
- Ein widerspruchliches, zwischenmenschliches Verhalten, wie die simultane Idealisierung und Entwertung einer Bezugsperson.
- Die Instability der Selbstwahrnehmung, des Selbstbildes.
- Eine affektive Instability, die zu plotzlichen Angstattacken oder schneller Reizbarkeit fuhren kann.
- Dieser Reizbarkeit folgen in einigen Fallen Wutausbruche, die schnell zu korperlichen Auseinandersetzungen fuhren.
- Eine Impulsivitat, die sich in vielerlei selbstschadigenden Verhalten erkennen lasst, wie beispielsweise einer Alkohol-, Drogen- oder Kaufsucht, einer Essstorung oder haufig wechselnden Sexualpartnern.
- Oft geht das selbstschadigende Verhalten noch weiter und wird selbstzerstorerisch, was sich in suizidalem Verhalten wiedergibt. Die Selbstverletzung dient dabei oft einer Reorientierung zur Wiederfindung des eigenen Korpergefuhls oder als Druckventil.

Suizidalitat hingegen ergibt sich meist als Folge langanhaltender Depression oder als Akt der Ausubung eigener Rachefantasien.

- Ein anhaltendes Gefuhl von Leere, was einen melancholischen Dauerzustand zur Folge haben, sowie in Depression gipfeln kann.

Allen gemein ist die Beeintrachtigung bestimmter Bereiche der Gefuhle, des Denkens und des Handelns, sowie eine ausgepragte Instability und Impulsivitat in zwischenmenschlichen Beziehungen, mit zumeist paradoxem Verhalten.

2.2) Sozialverhalten und dessen Auswirkungen

Ein fur den Borderline-Patienten alltagliches Problem im sozialen Umgang mit seinen Mitmenschen, ist die Unfahigkeit Nahe und Distanz zu regulieren. Mit der Vielzahl von Angsten und Phobien, mit der sich ein Erkrankter herumschlagen muss, ist keine fur sein Verhalten so maBgeblich, wie die gleichzeitige Angst vor Nahe und dem Alleinsein, beziehungsweise dem Verlust eines sozialen Objekts. Dies kann oft wechselnde Sozialkontakte zur Folge haben, aber auch ein kontrollsuchtiges, manipulatives Verhalten gegenuber nur einer Person. Zweites ist zwar bedingt durch seine Angst vor dem Verlassenwerden, aber gleichzeitig auch durch die Angst des Verlusts der eigenen Identity. So ist es einem BPS-Erkrankten nur in MaBen moglich, seine Mitmenschen als
eigene, selbststandige und andersdenkende Objekte anzuerkennen, denn findet wahrend der Interaktion mit ihnen eine „projektive Interaktion“ statt, bei der die eigenen Gedanken und Gefuhle als die des Anderen wahrgenommen werden. Durch diese projektive Interaktion versucht der Borderliner sein eigenes inneres Gleichgewicht zu stabilisieren, um einen plotzlichen Selbst- oder Identitatsverlust zu verhindem. Oftmals wurde in diesem drohenden Verlust des Ich-Status die Ursache fur Aggressionen erkannt.

2.3) Ursachen und Erklarungsansatze psychoanalytischer Modelle

Wird die genetische Veranlagung auBer Acht gelassen, konnen einige Umwelteinflusse zur Ausbildung einer Borderline-Personlichkeitsstorung beitragen. Man geht davon aus, dass Ereignisse im Kindesalter und allem voran das familiare Umfeld zu diesen Einflussen gehoren. 1st die Familie chaotisch-instabil organisiert, durch etwa hauftge Ehekrisen, Alkoholismus oder gegen das Kind gerichtete Schuldzuweisungen, sorgen diese Einflusse fur ein anhaltendes Gefuhl des Alleinseins, was zu einer abgeschwachten Form der BPS bei ihm fuhren kann. Einen gravierenderen Effekt hat eine andauemde Vernachlassigung und Gefuhlskalte, die als emotionaler Missbrauch des Kindes klassifiziert wird. Dieser fehlende Austausch von affektiver Zuwendung fuhrt beim Kind zu einer Unfahigkeit Gefuhle wahrzunehmen und diese einem Objekt zuzuschreiben. Weitere Faktoren, die als Ursache einer BPS erkannt wurden, sind Formen des physischen Missbrauchs, wie Gewalterfahrungen oder sexuelle Misshandlung im Kindesalter. Die jeweilige Ursache spiegelt sich haufig im spateren Krankheitsbild des Patienten wieder, so ist etwa ein haufiger Wechsel von Sexualpartnem im Erwachsenenalter auf sexuellen Missbrauch in der Kindheit zuruckzufuhren. Auch Abwehrmechanismen, wie die projektive Identifikation oder die Depersonalisation sprechen fur ein vorangegangenes Trauma, dass die BPS zur Folge hat, weshalb die Krankheit in der Modeme auch zu den komplexen posttraumatischen Belastungsstorungen gezahlt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Otto F. Kemberg3, ein amerikanischer Psychoanalytiker, beschrieb eine Storung fruhkindlicher Entwicklungsprozesse, namlich wenn sich das Selbst von anderen Objekten trennen soil und sich seine Ich-Anteile zusammenfugen mussen. Durch die Erkenntnis der Existenz einer Bezugsperson auch in deren Abwesenheit, ist diese

Spaltung, die Fahigkeit der Objektkonstanz, moglich. Bei Borderlinern hingegen gilt die Trennung von Selbst und Objekt als fehlgeschlagen.

3) Axel Honneth: Kampf um Anerkennung

3.1) Kapitel 5. Muster intersubjektiver Anerkennung: Liebe

Zu Beginn des funften Kapitels seines Buches „Kampf um Anerkennung“ greift Honneth die von ihm zuvor gesammelten Theorien Hegels und Meads im Bezug auf das Erlangen der Erfahrungen subjektiver Anerkennung auf und inwieweit ein Kampf bei diesem stattfindet, wobei er ihre Parallelitat unterstreicht. Im Grunde namlich lassen sich beide so zusammenfassen, dass Subjekte nur zu einem praktischen Selbstverstandnis gelangen, „wenn sie sich aus der normativen Perspektive ihrer Interaktionspartner als deren soziale Adressaten zu begreifen lemen“[3]. Eine wechselseitige Anerkennung fuhrt demnach zur Identitatsbildung, die im fruhkindlichen Alter einsetzt und deren Erfolg oder auch Misserfolg sich im weiteren Lebensverlauf fortsetzt. Hegel unterscheidet dabei drei Formen der wechselseitigen Anerkennung: emotionale Zuwendung, rechtliche Anerkennung und solidarische Zustimmung, die Honneth Liebe, Recht und Solidarity nennt. Im ersten Teil seines Kapitels beschaftigt er sich mit der Liebe, die einer Mutter- Kind-Beziehung erwachst und die elementarste Form der wechselseitigen Anerkennung darstellt.

Allgemein wird die Liebe als Balanceakt verstanden, der sich zwischen Selbststandigkeit und enger Bindung eines Subjekts zu seiner Bezugsperson bewegt. Einem Prozess, „dessen Gelingen von der wechselseitigen Aufrechterhaltung einer Spannung zwischen symbiotischer Selbstpreisgabe und individueller Selbstbehauptung abhangig ist“[4]. Honneth fuhrt die Theorie der Objektbeziehung ein, eine auf die Arbeiten der Psychoanalytikerin Melanie Klein zuruckgehende Theorie, die diesen Vorgang des Erarbeitens affektiver Bindungen und welche Bedingungen zu seinem Gelingen fuhren, beschreibt. Diese Theorie stellt die Entwicklung des kindlichen Trieblebens in Frage, die Sigmund Freud mit der entstehenden Ich-Kontrolle stets in Verbindung gesetzt hatte, denn sei jede Beziehung eines Kindes eine „bloBe Funktion in der Entwicklung libidinoser

Triebe“[5]. Die Forschung von Rene A. Spitz[6] bewies allerdings, dass der Entzug mutterlicher Zuwendung beim Kind fur Storungen sorgt, auch wenn all seine anderen Bedurfnisse befriedigt wurden. Unterstutzt wird dies durch Versuche mit Affenjungen, die Morris N. Eagle[7] durchfuhrte, wobei er eben diese der Mutter entzog und den Jungen kunstliche Ersatzmutter vorsetzte. Die einen waren mit einer Vorrichtung fur die Futterausgabe ausgestattet, die anderen mit Fell uberzogen. Die Affenjungen bevorzugten die mit Fell uberzogenen Mutter, was zeigt, dass dem Kind die Erfahrung des Kontaktbehagens wichtiger ist, als die reine Triebbefriedigung. Honneth untersucht folgend, mithilfe der Theorie der Objektbeziehung und einer ihrer Vertreter, dem Schuler Kleins, Donald Winnicott, die Sozialisationsbedingungen, die zu einer gelungenen „Balance von Symbiose und Selbstbehauptung“[8] fuhren.

Winnicott geht davon aus, dass nach der Geburt eines Kindes zwischen diesem und der fursorglichen Mutter eine Phase der undifferenzierten Intersubjektivitat, der absoluten Symbiose besteht. Die Mutter sieht das Kind weiterhin als Teil ihres eigenen Korpers an, wahrend sich das Kind fur omnipotent, als eins mit der ganzen Objektwelt, also auch der Mutter halt. Er nennt diese erste Phase die „Phase der absoluten Abhangigkeit“[9], die direkt nach der Geburt einsetzt und in welcher die Mutter und genauso das Kind in der Befriedigung ihrerjeweiligen Bedurfnisse vollstandig aufeinander angewiesen sind. Oft wird sie auch „Halte Phase“[10] genannt, da das Kind durch die physische Beruhrung der Mutter die Erlosung von Triebspannung und die Gewahrleistung des Kontaktbehagens erfahrt, was eine Vorstufe der Erfahrung der Liebe genannt werden konnte. Durch das Gehaltenwerden kommt die Entwicklung eines Korperschemas zustande.

[...]


[1] Stem, Adolf, Psychoanalytic investigation of and therapy in the borderline group of neuroses, diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (1994)

[3] Honneth, Axel (2012), Kampf um Anerkennung. 7.Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, S.148 Z.281F

[4] Ebd.,S.154Z.15ff

[5] Ebd., S.155Z.12ff

[6] Rene A. Spitz (1976), Vom Saugling zum Kleinkind, Stuttgart

[7] Morris N. Eagle (1988), Neuere Entwicklung in der Psychologie, Munchen/Wien

[8] Honneth, Kampf um Anerkennung S.154 Z.8f

[9] Vgl. Winnicott, Von der Abhangigkeit und Unabhangigkeit in der Entwicklung des Individuums, in ders., Reifungsprozesse und fordemde Umwelt, a.a.O., S.106ff

[10] Winnicott, Die Theorie von der Beziehung zwischen Mutter und Kind, a.a.O., S.56ff

[11] Winnicott, Von der AbhangigkeitundUnabhangigkeitinderEntwicklung des Individuums, a.a.O., S.112

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668583726
ISBN (Buch)
9783668583733
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v382674
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Schlagworte
Psychoanalyse Axel Honneth Sigmund Freud

Autor

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Titel: Borderline. Ein missverstandener Kampf um Anerkennung?