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Die Erzählung vom goldenen Kalb (Ex 32, 1-14) im interreligiösen Unterricht

Bachelorarbeit 2016 43 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Teil I: Exegese Ex 32,1-14
2.1 Sequenzierung
2.2 Thema
2.3 Textabgrenzung
2.4 Hebraischer Text
2.5 Gliederung
2.6 Aktanten
2.6.1. Das Volk und Aaron
2.6.2. Gott und Mose
2.7 Semantische Analyse
2.7.1. Nomina
2.7.2. Verben
2.8 Syntaktische Analyse
2.9 Gattung
2.10 Das Motiv des goldenen Kalbes
2.10.1. Das Goldene Kalb als Symbol der Verehrung Gottes?
2.10.2. Das Goldene Kalb als Symbol des Bundesbruches
2.11. Umgebung
2.11.1. Kontext
2.11.2. Kotexte

3. Teil II: Didaktische Uberlegungen
3.1. Interreligioses Lernen: Grundlage fur den katholischen Religionsunterricht
3.2. Interreligioses Lernen: Eine Definition

4. Das Beispiel „Das goldene Kalb" als Lerngegenstand fur interreligioses Lernen
4.1. Die Geschichte des goldenen Kalbes im Koran
4.1.1. Der Koran
4.1.2. Schwierigkeiten in der Arbeit mit dem Koran
4.2. Vorstellung der Suren
4.3. Die Geschichte des goldenen Kalbes: Unterschiede und Gemeinsamkeiten
4.3.1. Aktanten
4.3.2. Semantische und Syntaktische Analyse
4.3.3. Das Motiv des goldenen Kalbes

5. Das goldene Kalb als exemplarischer Gegenstand interreligiosen Lernens in 5 Schritten nach Leimgruber

6. Ergebnisse

Literatur

Hilfsmittel

Anhang

1. Einleitung

In dieser Arbeit wird die Frage behandelt inwiefern die Erzahlung vom goldenen Kalb exemplarisch genutzt werden kann, um interreligioses Lernen anzuleiten. Die Religionsvielfalt in Deutschland, welche die Aufgabe des interreligiosen Lernens an den katholischen Religionsunterricht stellt, bildet den Kontext zu dieser Erarbeitung. Besonders die Anzahl der Personen mit muslimischen Glauben steigt aktuell in Deutschland. Somit lasst sich eine genaue Betrachtung des Islams im Religionsunterricht als sinnvoll herausstellen. Die konkrete Geschichte des goldenen Kalbes wurde aus dem Kontext des Christentums und des Islams ausgewahlt, da sich diese als Lerngegenstand fur interreligioses Lernen eignet. Die Geschichte eroffnet Schulerinnen und Schulern im katholischen Religionsunterricht einen einfachen Zugang zu der fremden Religion des Islams. Um zum didaktischen Vorgang des interreligiosen Lernens vorzudringen ist es notwendig, dass als Basis eine Kenntnis der Geschichte des goldenen Kalbes im eigenen, christlichen Glauben gegeben ist. Deshalb wird in dieser Arbeit in einem methodischen ersten Schritt die Geschichte des goldenen Kalbes exegetisch ausgelegt. Als Grundlage wurde hierfur die biblische Perikope Ex 32,1-14 gewahlt, welche das goldene Kalb thematisiert. AnschlieBend wird sich in einem zweiten Schritt konkret dem interreligiosen Lernen, als didaktische Grundlage, gewidmet und es erfolgt eine Anwendung der Geschichte des goldenen Kalbes. So wird geklart auf welche Art und Weise die Geschichte des goldenen Kalbes im interreligiosen Unterricht behandelt werden kann.

2. Teil I: Exegese Ex 32,1-14

Zur Erarbeitung der Perikope werden verschiedene Methoden angewendet. In einem ersten Schritt wird die Perikope sequenziert, um einen Uberblick herzustellen. Nach einer kurzen Darstellung des Themas wird die Perikope vom Kontext abgegrenzt, um aufzuzeigen, dass eine geschlossene Einheit vorzufinden ist. Darauffolgend wird der Hebraische Text der Perikope betrachtet. So kann die gewahlte Ubersetzung der Elberfelder Bibel mit dem Urtext verglichen werden und Besonderheiten werden dabei herausgestellt. Danach wird eine Gliederung des Textes prasentiert, um diesen fur den Leser besser zu offnen. Nach der Gliederung folgt die Aktantenanalyse, welche die Charaktere der Perikope darstellt, sowie ihre Konstellation zueinander beschreibt. In der folgenden semantischen Analyse werden Nomina und Verben in Bezug auf Wiederholungen und Bedeutungen hin untersucht. AnschlieBend werden auffallende syntaktische Beobachtungen analysiert. Nach einer Betrachtung der Gattung der Perikope wird das Motiv des goldenen Kalbes genauer dargelegt. Mit dieser Vorgehensweise wird das zentrale Thema der Perikope in den Fokus genommen. In einem letzen Schritt folgt eine Betrachtung der biblischen Umgebung der Perikope.

2.1 Sequenzierung

Exodus 32,1-14*

1 a Als nun das Volk sah,

b dass Mose saumte,

c vom Berg herabzukommen,

d versammelte sich das Volk zu Aaron,

e und sie sagten zu ihm:

f Auf!

g Mache uns Gotter,

h Die vor uns herziehen!

i Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus dem Land Agypten herausgefuhrt hat-

j Wir wissen nicht,

k Was ihm geschehen ist.

2 a Und Aaron sagte zu ihnen:

b ReiBt die goldenen Ringe ab,

c die an den Ohren eurer Frauen, eurer Sohne und eurer Tochter sind, d und bringt sie mir!

3 a So riss sich denn das ganze Volk die goldenen Ringe ab, b die an ihren Ohren hingen,

c und sie brachten sie zu Aaron.

4 a Der nahm alles aus ihrer Hand, b formte es mit einem MeiBel

c und machte ein gegossenes Kalb daraus.

d Und sie sagten:

e Das ist dein Gott, Israel,

f der dich aus dem Land Agypten herausgefuhrt hat.

1 Entnommen aus der Elberfelder Ubersetzung.

5 a Als Aaron das sah,

b baute er einen Altar vor ihm,

c und Aaron rief aus

d und sagte:

e Ein Fest fur den HERRN ist morgen!

6 a So standen sie am folgenden Tag fruh auf,

b opferten Brandopfer

c und brachten Heilsopfer dar.

d Und das Volk setzte sich nieder,

e um zu essen f und zu trinken.

g Dann standen sie auf,

h um sich zu belustigen.

7 a Da sprach der HERR zu Mose:

b Geh steig hinab!

c Denn dein Volk, das du aus dem Land Agypten heraufgefuhrt hast,

d hat schandlich gehandelt.

8 a Sie sind schnell von dem Weg abgewichen, b den ich geboten habe.

c Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht,

d sind vor ihm niedergefallen,

e haben ihm geopfert

f und gesagt:

g Das sind deine Gotter, Israel,

h die dich aus dem Land Agypten herausgefuhrt haben!

9 a Weiter sagte der HERR zu Mose:

b Ich habe dieses Volk gesehen,

c und siehe,

d es ist ein halsstarriges Volk.

10 a Und nun lass mich,

b damit mein Zorn gegen sie entbrenne

c und ich sie vernichte,

d dich aber will ich zu einer groBen Nation machen.

11 a Mose jedoch flehte den HERRN, seinen Gott, an

b Und sagte:

c Wozu, HERR, entbrennt dein Zorn gegen dein Volk,

d das du mit groBer Kraft und starker Hand aus dem Land Agypten herausgefuhrt hast?

12 a Wozu sollen die Agypter sagen:

b In boser Absicht hat er sie herausgefuhrt,

c um sie im Gebirge umzubringen d und sie von der Flache des Erdbodens zu vertilgen?

e Lass ab von der Glut deines Zornes

f Und lass dich das Unheil gereuen das du

g Uber dein Volk bringen willst!

13 a Denke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel

b denen du bei dir selbst geschworen hast:

c Ich will eure Nachkommen so zahlreich machen wie die Sterne des Himmels,

d und dieses ganze Land, von dem ich gesagt habe:

e Ich werde es euren Nachkommen geben,

f das werden sie fur ewig in Besitz nehmen.

14 a Da gereute den HERRN das Unheil,

b von dem er gesagt hatte,

c er werde es seinem Volk antun.

2.2 Thema

Das Thema dieser Perikope ist Israels Bundesbruch mit Gott auf Grund der Errichtung einer Gotzenfigur. Es handelt sich hierbei um ein, im Pentateuch, wiederkehrendes Thema: Israel glaubt nicht an den einen wahren Gott, trotz ihrer Erfahrungen mit diesem. Das Volk Israel will sich nicht von Gott formen lassen, sondern es will selbst seinen eigenen Gott machen.[1] In dem Fall der vorliegenden Perikope Ex 32,1-14 errichtet sich das Volk ein goldenes Kalb. Trotz des Bundesbruches erbarmt sich Gott dem Volk und vergibt ihnen im Anschluss der Perikope. Die Gnade Gottes ist als weiteres zentrales Thema der Perikope zu nennen.

2.3 Textabgrenzung

Die Perikope Ex 32,1-14 grenzt sich durch verschiedene Faktoren von der vorhergehenden Perikope ab. Zuerst einmal ist zu erkennen, dass in der vorhergehenden Perikope Ex 31,12-18 eine schlussige Einheit abgeschlossen ist. Darauf deutet zum Beispiel die Aussage hin, dass Gott mit Mose „zu Ende geredet hatte“ (Ex 31,18). Gott fuhrte in Ex 31,12-18 die Sabbatgebote naher aus und diese Ausfuhrungen sind mit Ex 31,18 inhaltlich, wie auch formal beendet. Als Folge kann in Ex 32,1 inhaltlich eine neue Handlung einsetzen. Auch ein Ortswechsel deutet auf einen Beginn einer neuen Handlung hin. In Ex 31,18 befinden sich Gott und Mose auf dem Berg Sinai, dies wird im V.18 ausdrucklich benannt, im Gegensatz dazu findet die folgende Handlung in Ex 32,1 unten am Berg statt. Es findet neben diesem Ortswechsel auch gleichermaBen ein Perspektiv- und Aktantenwechsel statt, denn der Aktant „das Volk“ steht nun als handelnder Aktant zuerst einmal im Vordergrund und somit nicht mehr die Aktanten Mose und Gott. Dennoch erfolgt die Schilderung der Handlung vom selben auktorialen Erzahler. Das Volk leitet in Ex 32,1 einen neuen Handlungsstrang ein. Die neue Handlung thematisiert andere inhaltliche Schwerpunkte als die vorhergehende Perikope, denn die Steintafeln oder auch die ausgefuhrten Gebote finden in Ex 32,1-14 keine Erwahnung mehr. Neben dem Volk befindet sich auch Aaron unten am FuBe des Berges, gemeinsam warden sie auf Mose, welcher oben auf dem Berg Sinai verharrt.

Das Ende der Perikope ist in Ex 32,14 gesetzt, da hier ein Sinnabschnitt beendet wird. Wieder findet ein Themenwechsel statt und die Steintafeln kommen zuruck in den Fokus der Handlung. Inhaltlich knupft Ex 32,15 wieder an Ex 31,18 an. Erneut findet auch ein Ortswechsel statt, denn in Ex 32,15 entschlieBt Mose sich den Berg hinabzusteigen. Dies hangt auch mit dem Abschluss des Gespraches mit Gott zusammen. Das Ende dieser inhaltlichen Einheit deutet abermals auf die Abgrenzung der Perikope hin.

2.4 Hebraischer Text

Bei Betrachtung des hebraischen Urtextes fallt vor allen Dingen die Verwendung des Ausdruckes D’nbs und des Gottesnamen rip’ auf. In Ex 32,1 findet sich der Begriff D’nbs welcher in der Elberfelder Ubersetzung mit „Gotter“ ubersetzt wird. Im Hebraischen kann dieser Begriff allerdings nicht nur im Plural mit der Vokabel „Gotter“, sondern auch im Singular mit „Gott“ ubersetzt werden. Somit bleibt offen, ob das Volk nach einem Gott oder mehreren Gottern verlangt. Des Weiteren kommt der Begriff D’ribs auch in V.4 vor, diesmal mit dem Possessivpronomen „dein“ davor. In beiden Versen wird das Wort D’nbs nicht mit Gott in Verbindung gebracht, sondern mit der Gotzenfigur des goldenen Kalbes. Daruber hinaus benutzt Aaron im V.5 sogar den Gottesnamen, welcher in der Elberfelder Ubersetzung immer mit HERR ubersetzt wird, um das goldene Kalb zu beschreiben, indem er sagt: in nirb "ntt . An dieser Stelle ist im hebraischen Text das Tetragramm zu finden, welches allerdings nicht, wie normalerweise in der Bibel, Gott, sondern die Gotzenfigur beschreibt. Dieser Ausruf Aarons stellt ihn schlussfolgernd nicht nur als unglaubig, sondern daruber hinaus sogar als blasphemisch dar. Im weiteren Verlauf wechselt der Text zu den Aktanten Gott und Mose und das Tetragramm wird nur noch in Bezug auf Gott verwendet.

Im hebraischen Text stehen zur Beschreibung des goldenen Kalbes zwei Worter: bjl? HDD!?. Ubersetzt heiBen diese Worter „ein gegossenes Kalb“. Der gelaufige Ausdruck „goldenes Kalb“ leitet sich aus V.2 ab, hier bittet Aaron das Volk ihm alle ’ftp nri-Tri, also Goldringe, zu bringen. Aus diesem Vers lasst sich nun erschlieBen, dass das Kalb aus Gold gegossen wurde und somit ein goldenes Kalb sein muss. Des Weiteren lasst sich herausstellen, dass die hebraische Bezeichnung ein mannliches Kalb meint.

An einigen Stellen der Perikope gibt es fur hebraische Vokabeln verschiedene Bedeutungen. Zum Beispiel ubersetzt die Elberfelder Bibel das Wort D’p'P'tp (V.6) mit der Vokabel Heilsopfer, dieses Wort kann allerdings auch die Bedeutung Friedensopfer haben, da sich der Begriff „Frieden“ in der Vokabel wieder finden lasst. In Bezug auf die Feier fur die Gotzenfigur ist das Verb pn?? (V.6) zu finden, welches in der Elberfelder Bibel mit belustigen ubersetzt wird. Dieses Wort kann auch die Bedeutung vergnugen oder ergotzen haben. In allen Fallen bringt das Verb im Zusammenhang der Perikope eine negative Konnotation mit sich. Ein weiteres verschieden deutbares Verb mit mehreren Ubersetzungsmoglichkeiten ist das Verb bn’l (V.11). In der Elberfelder Bibel lasst sich hier die Vokabel flehen finden, allerdings ist auch die Bedeutung besanftigen moglich. Je nach dem welches Verb im Deutschen gewahlt wird, variiert die Starke der Furbitte von Mose an Gott.

Interessant ist auch die Ubersetzung des Wortes ninn, diesem wird in der Elberfelder Bibel, in V.14 die Bedeutung „Unheil“ zugesprochen. Diese Vokabel bezieht sich auf das Vorhaben Gottes, welches er gegen sein Volk im Sinne hat. Dieses Wort lasst sich auch mit dem Begriff „Ubel“ oder „Unrecht“ ubersetzen. Hier wird deutlich, dass die verschiedenen Ubersetzungsmoglichkeiten verschiedene Bedeutungen mit sich bringen. An dieser Stelle bleibt also offen, ob Gott eine unrechte, unheilvolle oder uble Handlung gegen sein Volk plant.

Daruber hinaus lassen sich noch an anderen Stellen in der Elberfelder Ubersetzung Vokabeln finden, welche mit anderen deutschen Wortern ubersetzt werden konnten, allerdings wurden diese anderen Bedeutungen keine signifikanten Veranderungen mit sich bringen.

2.5 Gliederung

Ex 32,1-14 lasst sich anhand eines Personen- und Ortswechsels in der Mitte in zwei Abschnitte einteilen. Der erste Abschnitt findet unten am Berg statt und das Volk, sowie Aaron sind die wichtigen Personen. Zusammenfassen lasst sich das Geschehen des ersten Teils mit dem Titel „Die Gotzenverehrung und Apostasie des Volkes“. Der signifikanteste Vers in diesem Teil ist der V.5, in welchem Aaron ausruft: „Ein Fest fur den HERRN ist morgen!“. Durch diese Gotzenverehrung bricht das Volk seinen Bund mit Gott und im zweiten Teil der Perikope reagiert Gott dann auf den Bruch. Dieser zweite Abschnitt, welcher in Ex 32,7 beginnt, geschieht oben auf dem Berg Sinai, dabei sind Gott und Mose die handelnden Personen. Diesem zweiten Teil kann die Uberschrift „Die Vergebung Gottes“ gegeben werden. Trotz der klaren Trennung dieser beiden Teile stehen sie in Verbindung zueinander. Diese Verbindung wird durch das gemeinsame Thema deutlich.

Ferner lassen sich diese zwei groBe Abschnitte in weitere Teile gliedern. Der erste Teil lasst sich auf die Verse 32,1-2 eingrenzen, dieser Teil kann mit dem „Wunsch nach Gotzen“ uberschrieben werden. Das Volk ist ohne Mose auf sich alleingestellt und als Folge erbittet es neue Gotter von Aaron. Im zweiten Teil von Ex 32,3-6 gibt Aaron den Befehl goldene Ringe zu sammeln, welcher vom Volk befolgt wird. Als Resultat kann Aaron die zuvor gewunschten Gotter in Form einer Gotzenfigur erschaffen, darum lassen sich diese Verse mit der Uberschrift „Errichtung des Kalbes“ betiteln. Der dritte Teil umschreibt den V.6, welcher von der Verehrung des Kalbes handelt. Auf Grund der zugehorigen Verb- und Nominalgruppen, lasst sich dieser Teil mit „Das Fest“ uberschreiben.

In V.7 findet nun der zuvor beschriebene Personen- und Ortswechsel statt. Der erste Abschnitt von Ex 32,7-11 lasst sich mit der Uberschrift „Die Reaktion Gottes“ betiteln. Gott reagiert zornig auf den beschrieben ersten Teil der Gotzenverehrung des Volkes und umreiBt diese Verehrung fur Mose. Er beschuldigt das Volk vom rechten Weg abgewichen zu sein. Der zweite Teil von Ex 32,11-13 ist wiederum eine Reaktion Moses auf Gottes Anschuldigungen und seinen Zorn. Diesem Abschnitt lasst sich die Uberschrift „Die Bitte Moses“ geben. Diese Bitte besteht aus mehreren Argumentationsteilen: Mose fuhrt den Auszug aus Agypten an und verweist desweiteren auf die Landes- und NachkommensverheiBung. Im letzen Teil, Ex, 32,14, liegt eine knappe Beschreibung vor und dieser Teil kann „Die Vergebung Gottes“ genannt werden.

2.6 Aktanten

2.6.1. Das Volk und Aaron

Der erste Aktant der Perikope ist das Volk[2], welches gleich im Vers Ex 32,1 die Handlung einleitet. Das Volk tritt in der gesamten Perikope als Einheit auf und kein Mitglied dieser Gruppe wird namentlich benannt oder genauer vorgestellt, da die gesamte Gruppe einheitlich handelt. Das Volk ist im ersten Teil der Perikope ein aktiv tatiger Aktant, welcher die Handlung entscheidend beeinflusst und einen Dialog mit einem anderen Aktanten, Aaron, fuhrt. Die eigenstandige Aktivitat des Volkes wird durch zugehorige Verben, wie versammeln, reiBen, bringen, aufstehen, setzen, machen oder handeln dargestellt. Innerhalb des Dialoges mit Aaron wird die Aktivitat deutlich gemacht, da das Verb „sagen“ dem Volk dreimal in der Perikope zuzuordnen ist. Auch die Haufigkeit des Wortes „Volk“ (10x) unterstreicht es als wichtigen Aktanten der Perikope. Zu Beginn der Perikope scheint das Volk ratlos, es sucht einen Anfuhrer und sogar einen Gott. Durch den Wunsch nach „Gottern“ (Ex 32,1) wird das Volk in den Augen des Lesers als unwissend und naiv charakterisiert. Das Volk verschmaht Gott. Durch die Forderung nach „fassbaren“ Gottern kann herausgestellt werden, dass das Volk unfahig ist „Geistiges nur geistig zu erfassen und zu verehren“[3].

Als Aaron dem Volk befiehlt, seine goldenen Ringe zu sammeln und zu ihm zu bringen, gehorchen Frauen, sowie Manner ohne ein Nachfragen. Der resultierend errichteten Gotzenfigur, dem goldenen Kalb, huldigen sie und feiern fur sie ein Fest. Diese Verehrung des Kalbes durch das Volk unterstutzt die vorher aufgestellte Definition der Charakterzuge. AuBerdem wird die Definition durch eine Aussage Gottes in Ex 32,7-9 weiter ausgefuhrt. Gott charakterisiert das Volk in seiner Rede durch das Adjektiv halsstarrig (Elberfelder) oder storrisch (EU). Des Weiteren benennt er ihre Handlungen als schandlich und beschreibt ihr Verhalten mit den Worten, dass sie vom Weg abgewichen seien, den er ihnen geboten hatte.

Abgesehen von diesen genannten negativen Charakterisierungen, werden in der Perikope weitere Aussagen uber das Volk getatigt: Es hat vorher im Land Agypten gelebt und wurde von Gott herausgefuhrt (vgl. z.B. Ex 32,1 oder Ex 32,11). Mose benennt in seiner Rede Gott gegenuber das Volk immer als „dein Volk“ (vgl. z.B. Ex 32,12), so wird deutlich, dass der hier vorgestellte Aktant, „das Volk“, Gottes Volk ist, welches von ihm auserwahlt wurde. Dies wird durch die Thematisierung der Nachkommens- und LandesverheiBung im Vers Ex 32,13 noch transparenter. Es lasst sich eine Beziehung zu Gott und Mose erkennen, welche aber vom Volk in dieser Perikope immer mehr in Vergessenheit gerat. Durch dieses erwahnte Vergessen scheint das Volk auch seinen Bund mit Gott zu verdrangt und vergessen zu haben. Das Volk und Aaron werden, durch den Dialog und ihre gemeinsamen Handlungen, in eine enge Beziehung gesetzt. Das Volk wendet sich mit seiner Ratlosigkeit an Aaron und dieser ubernimmt sogleich die Fuhrung. Er kann somit auch als Volk-oder Stammesanfuhrer angesehen werden. Herauszustellen ist an dieser Stelle, dass Aaron kein selbstgewahlter Anfuhrer ist, sondern eher die Wunsche des Volkes erfullt, als diesem seinen Willen aufzuzwingen[4].

Dieser zweite Aktant, Aaron, ist dementsprechend auch als sehr aktive Person des ersten Teils der Perikope zu betrachten. Auf Wunsch des Volkes errichtet er eine Gotzenfigur. Aaron ist derjenige welcher das Material und die Art des Kultbildes festlegt. Das Volk schlieBlich hatte nur nach Gottern gefordert, aber keine Aussage uber ihre Darstellung gemacht. An dieser Stelle ist zuerst einmal unklar, ob Aaron sich die Figur des Kalbes aussucht, um aufzuzeigen wie anstoBig solch ein Kultbild ist oder ob er dem Kult tatsachlich auch verfallt.

Mit Aaron lassen sich Verben wie nehmen, formen, machen oder bauen in Verbindung bringen. Abermals wird auch sein Part im Dialog durch Verben des Sprechens, wie sagen und rufen deutlich gemacht. Aaron erscheint dem Leser als „Anfuhrer“ hinsichtlich der Errichtung der Gotzenfigur des Goldenen Kalbes. Genauer betrachtet lasst sich Aaron in der vorliegenden Perikope eine Priesterfunktion zuordnen.[5] Er handelt nach der Forderung des Volkes und errichtet das Kultbild, baut diesem einen Altar und ladt daruber hinaus zum Fest fur die Gotzenfigur ein. Durch diese drei Handlungen stiftet er einen Kult. Auf Grund dessen erweckt auch er den Eindruck sich von Gott abzuwenden und unwissend sowie unglaubig Gott gegenuber zu sein. Er vollzieht eine rituelle Fehlhandlung. Trotz der Tatsache, dass Aaron den Kult um das goldene Kalb leitet, wird er spater der Stammvater der Hohepriester. Aaron ist somit der erste in der Genealogie der hohepriesterlichen Linie.[6]

Im zweiten Teil der Perikope scheint Aaron von Gott und Mose als zu dem Volk zugehorig definiert zu werden, da sein Name keine Erwahnung mehr findet. Insgesamt erscheint Aaron Mose untergeordnet zu sein. Wahrend Mose direkt mit Gott in Verbindung treten kann, muss Aaron unten am Berg warten. Durch seine kultischen Handlungen entsteht am Ende der Perikope ein sehr „spannungsgeladenes“[7] Verhaltnis zwischen Mose und Aaron.

Die ersten beiden genannten Aktanten stehen in einer engen Beziehung zueinander, dies wird auch durch die ortliche Beziehung deutlich. Aaron und das Volk befinden sich geografisch gesehen auf einer Ebene, namlich unten am Berg. Die beiden weiteren Aktanten befinden sich auf dem Berg, also auf einer anderen Ebene, getrennt von Aaron und dem Volk. Diese geografische Trennung verdeutlicht auch anderseits die enge Verbindung von Mose und Gott.

2.6.2. Gott und Mose

Gottes Auftreten beginnt erst mit dem Ortswechsel der Handlung auf den Berg. Allerdings wird dem Leser sofort deutlich gemacht, dass Gott uber alle Geschehnisse unten am Berg Bescheid weiB. Er wird als allwissend charakterisiert. Die Allwissenheit Gottes wird in Ex 32,9 verdeutlicht: in der Einheitsubersetzung wird ubersetzt, dass Gott das Volk „durchschaut“ habe. So wird herausgestellt, dass Gott nicht nur die Handlungen seines Volkes kennt, sondern auch ihre inneren Gedanken und Gefuhle. Er ist also in der Lage sie zu „durchschauen“.

Im Gegensatz zu dieser Charakterisierung wird Gott im folgenden Vers Ex 32,11 eine menschliche Eigenschaft zugeschrieben. Er wird zornig und dieser Ausdruck des Zorns Gottes ist in der gesamten Perikope das einzig tatsachlich benannte Gefuhl. Auf Grund dessen, scheint diesem Gefuhl eine besondere Bedeutung zuzukommen. Spater entscheidet sich Gott dem Volk zu vergeben. Die Entscheidung zur Vergebung offenbart einen wichtigen Teil seiner Personlichkeit. Die Tatsache, dass Gott in den Versen vorher als zornig beschrieben wird, wird in den Hintergrund gedrangt, da seine Barmherzigkeit und Gnade an Bedeutung gewinnen. Insgesamt sind die tatsachlichen Handlungen Gottes auf das Gesprach mit Mose beschrankt. Allerdings wird mehrfach auf Gottes vorhergehende Handlung, die Befreiung des Volkes, hingewiesen. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, dass Gott sein Volk erwahlt hat.

Mose wird in Ex 32,1 zum ersten Mal in der Perikope namentlich erwahnt, allerdings beginnt seine aktive Handlung erst in Ex 32,11. Auch im Zusammenhang mit Mose wird der Leser des Ofteren an seine Taten hinsichtlich der Befreiung des Volkes erinnert. Mose allerdings schreibt nicht sich selbst, sondern Gott die Rolle als Retter des Volkes zu. Diese Tatsache wird durch die Verwendung des Verbes „herausfuhren“ klar gemacht. Sobald Aaron oder das Volk das Verb „herausfuhren“ benutzen, steht dies in Verbindung mit dem Land Agypten und Mose. Mose allerdings setzt das Verb „herausfuhren“ in den Zusammenhang mit dem Land Agypten und Gott (vgl. z.B. Ex 32,11). Dies bestarkt seine enge Verbindung zu Gott und stellt Mose als kluger als das Volk dar, denn er hat in Gott den wahren Retter erkannt. Im Vers Ex 32,11 reagiert Mose auf Gottes Rede. Trotz der Apostasie seines Volkes bleibt er loyal ihm gegenuber. Er fleht Gott an und versucht ihn zu besanftigen, indem er Gott an die Befreiung des Volkes und an die Nachkommens- und LandesverheiBung erinnert. Seine folgende Rede, gerichtet an Gott, kann auch als Gebet verstanden werden. Mose wird durch sein Bitten nach der Verschonung seines Volkes vom Leser als Fursprecher wahrgenommen. Es wird transparent, dass Mose als prophetischer Mittler betrachtet werden kann. Mose kommt hier die Rolle eines Propheten zu.

[...]


[1] Vgl. Buhlmann, W., Die literarische Komposition und theologischen Anliegen des Exodusbuches (2007), 240.

[2] Das Volk wird auf Grund von Einfachheit als „Aktant" benannt, obwohl es sich um einen Begriff handelt welcher mehrere Personen umschlieGt.

[3] Vgl. Jacob, B., Das Buch Exodus (1997), 924.

[4] Vgl. Watts, J., Aaron and the Golden Calf in the Rhetoric of the Pentateuch (2011), 428.

[5] Vgl. Schmid, H., Die Gestalt des Mose (1986), 90.

[6] Vgl. Willi-Plein, I., Der Sinai als Kristallisationspunkt von Israels Gotteserfahrung und Gottesdienst (2007), 243.

[7] Schmid, H., Die Gestalt des Mose (1986), 89.

Details

Seiten
43
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668581180
ISBN (Buch)
9783668581197
Dateigröße
842 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v382581
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
2,0
Schlagworte
Exegese Altes Testament Goldenes Kalb Exodus Interreligiöses Lernen Interreligiöser Unterricht Bibel Koran

Autor

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