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Der unvollkommene Mann und die moralischen Überlegenheit der Frau in Christian Fürchtegott Gellerts "Das Leben der schwedischen Gräfin von G***"

Hausarbeit 2017 23 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kucklicks negative Andrologie
2.1 Von der Ständegesellschaft zur Moderne
2.2 Interaktion, Gesellschaft und die moralische Überlegenheit der Frau

3. Das weibliche Moralideal in der Epoche der deutschen Empfindsamkeit

4. „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“
4.1 Der unvollkommene Mann und die Frau als moralisches Vorbild
4.2 Aspekte einer negativen Andrologie

5. Folgerungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Frauenzimmer […], die über die weiblichen Pflichten, die sie erlernen, sich durch das Lesen güter Bücher den Verstand aufheitern, und das Herz edler bilden, diese achte ich sehr hoch; und wenn ich solche Frauenzimmer denke, so bin ich oft geneigt, […] zu glauben, daß das andre Geschlecht vielleicht die beste und tugendhafteste Hälfte des menschlichen Geschlechts sey.“

(Christian Fürchtegott Gellert)[1]

Die geplante Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern literarische Reflexionen einer negativen Andrologie, wie sie der Soziologe Christoph Kucklick in seinem Werk „Das unmoralische Geschlecht“ im Jahre 2008 konstatiert hat, bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts ausgemacht werden können. Den gedanklichen Mittelpunkt der negativen Andrologie bildet dabei die Feststellung über ein allgemeines, gesellschaftliches „Unbehagen an Männlichkeit“, welches mit einem durch und durch negativen Bild des Mannes als eines gefühlskalten und egoistischen Alphatier einhergeht.[2]Dessen Ursprung verortet Kucklick in den Jahrzehnten um 1800, weit vor dem in der Moderne aufkeimenden Feminismus. Die grundsätzliche und systematische Kritik an Männlichkeit ließe sich demnach nicht allein als geistiges Kind der Frauenbewegung und des Feminismus ausmachen. Zweifel an einer positiven Männlichkeit sind, nach Kucklick, vor allem von Männern selbst geübt und tradiert worden.[3]Exemplarisch soll hier anhand eines der wohl meistgelesenen Autoren dieser Zeit, Christian Fürchtegott Gellert, und seines Romans „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“ (1747/48) die Perspektive von Kucklick eingenommen und kritisch überprüft werden.

Dazu erfolgt zunächst eine kurze Vorstellung des Forschungsgegenstandes der negativen Andrologie. Insbesondere soll hier die Herausstellung der moralischen Überlegenheit der Frau ab der Mitte des 18. Jahrhunderts hervorgehoben werden, wie sie von Kucklick diagnostiziert wurde. Um zu untersuchen, inwieweit die seinen Thesen zugrunde liegende Geschlechtersemantik bereits an der Schwelle zur Moderne von zeitgenössischer Literatur aufgenommen oder ausgeklammert wurde, wird zunächst die Konstruktion eines weiblichen Moralideals in der Zeit der deutschen Empfindsamkeit vorgestellt. Anschließend wird am Beispiel von Gellerts Werk „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“ versucht, die zuvor erarbeiteten Annahmen zu konkretisieren und gegebenenfalls zu widerlegen. Hierbei wird der Text an konkreten Textstellen und nach seinem Handlungsablauf analysiert. Mithilfe des Ergebnisses dieser Analyse kann anschließend die Frage beantwortet werden, auf welche Art und Weise Gellert in seinem Werk Anteil an der Konstruktion eines modernen negativen Bildes von Männlichkeit, wie von Kucklick beschrieben, genommen hat und ob auch hier bereits Reflexionen einer moralischen Überlegenheit der Frau festzustellen sind.

2. Kucklicks negative Andrologie

Die Geschlechtersemantik der Moderne lässt sich auf entscheidende Entwicklungen im 18. Jahrhundert zurückführen. Die Beschäftigung mit den historischen Entwicklungen der Geschlechterrollen und den mit ihnen einhergehenden Zuweisungen und Zuschreibungen von geschlechtsspezifischen Eigenschaften haben die Gender Studies zu einer grundlegenden Annahme verleitet, die Christoph Kucklick als Konsens der historischen Geschlechterwissenschaften bezeichnet Die Geschlechterproblematik um 1800 lässt sich in erster Linie in der Unterdrückung der Weiblichkeit sehen. Hier erscheinen Männer als die Inhaber der Macht, während Frauen als deren Opfer gelten. Dabei unterdrücke die durch und durch männlich geprägte Gesellschaft die Frau nicht nur in ihrer realen Lebenswelt, sondern auch im Bereich der Sprache, ja sogar der Gedanken, welches bis in die Zeit der Moderne nachwirke. Frauen seien demnach bis in das 18. Jahrhundert hinein als Wesen ohne Vernunft und damit als minderwertiger Bestandteil der Gesellschaft begriffen worden. In der hier veranschlagten Zeit zwischen 1750 und 1850 habe sich der Grundsatz der männlichen Herrschaft über das weibliche Geschlecht noch tiefer verankert und zusätzlich erweitert.[4]So schreibt auch die bekannte Feministin Simone de Beauvoir:

[…] die Gegenwart umschließt die Vergangenheit, und in der Vergangenheit ist alle Geschichte von Männern gemacht worden. In dem Augenblick, in dem die Frauen anfangen, sich an der Gestaltung der Welt zu beteiligen, gehört diese Welt noch den Männern […].“[5]

Und weiter: „Überall und zu allen Zeiten haben Männer ihre Genugtuung darüber bekundet, die Krönung der Schöpfung zu sein“.[6]Der Mann im bürgerlichen Zeitalter ist dabei nicht nur die Krone der Schöpfung, er wird synonym mit dem Begriff des Menschen gebraucht, während die Frau als Naturwesen ohne Vernunft gehandelt wird.[7]

„This is a man's world“, sang James Brown im Jahr 1966. Fragt man aus der Perspektive der negativen Andrologie, wird daraus: Is it a man's world? Diese Frage beantwortet Brown postwendend selbst in der zweiten Zeile seines Refrains, in dem es heißt: „it wouldn't be nothing, nothing without a woman or a girl“.[8]Was hier simpel in zwei Textzeilen verpackt wurde, erörtert Kucklick umso konkreter in seinem Werk „Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie“ aus dem Jahr 2007 und stellt damit die „Allgemeinheitsthese“[9]der Gender Studies über die überzeitliche Vorherrschaft des männlichen Geschlechtes infrage. Dabei weist er auf den Wandel der Bilder des Geschlechterdiskurses um 1800 hin. Nach Kucklick tritt die Frau hier vor allem in ihrer Funktion als Kultivator der Natur, als domestizierende Instanz gegenüber der Triebnatur der Männer auf.[10]Auf der anderen Seite wird der Mann nun stets mit dem Schlechten verbunden und dieses negative Bild von Männlichkeit bis in die Moderne tradiert. Männer gelten ihrer unmoralischen, gewalttätigen und egoistischen Art nach als eine potenzielle Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wohingegen die Tugend der Frauen dessen Kitt bildet.[11]Seine Feststellungen bezieht Kucklick dabei aus den „anti-maskulinen Passagen“ der Texte, welche auch schon von den feministischen Gender Studies zu Rate gezogen wurden. Seiner Ansicht nach passten die angesprochenen Inhalte, welche auf die Negativierung von allem Männlichen hinwiesen, jedoch nicht in das „Schema von männlicher Über- und weiblicher Unterordnung“ und wurden so schlicht übergangen.[12]

Dabei geht er zunächst von denselben Grundannahmen aus wie auch die historischen Gender Studies: Die gesellschaftlichen Rollenzuweisungen, Stereotype und Zuschreibungen, also das Wissen oder das vermeintliche Wissen über die Geschlechter, sind ihrem Wesen nach nicht naturhaft. Stattdessen handelt es sich um kulturelle Konstrukte, welche dem Wandel der Gesellschaftsstruktur unterliegen und demzufolge stets neu verhandelt werden müssen.[13]Weiterführend richtet er seinen Fokus jedoch nicht auf den machtanalytischen Ansatz der Gender Studies, der Macht als soziale Ressource denkt, an welcher Frauen aufgrund der traditionellen Arbeitsteilung kaum Anteil hatten, sondern nimmt stattdessen die Semantik in den Blick.[14]Dabei leugnet Kucklick keineswegs das tatsächliche Vorhandensein von Hierarchien und Machtstrukturen zwischen den Geschlechtern, welche auch in heterarchisch strukturierten Gesellschaften zu finden sind. Er kritisiert allein die konventionellen Methoden, welche die Frage nach der Geschlechterhierarchie als einen „privilegierten Zugang zur Sache“ behandeln und dabei Gefahr laufen, anderweitige Zugänge zur Erforschung der Geschlechterverhältnisse zu übersehen oder gar zu verdrängen.[15]Den semantischen Zugang vollzieht Kucklick in starker Anlehnung an die soziologische Systemtheorie der Gesellschaft nach Niklas Luhmann. Semantik meint in diesem Zusammenhang die „Gesamtheit der kognitiven oder kommunikativen Sinnverarbeitungsregeln einer Gesellschaft“[16]oder mit anderen Worten: Eine Semantik des Männlichen und Weiblichen enthält alle Facetten, Zuschreibungen, Deutungen und Bilder, welche die Gesellschaft zur Beschreibung der Geschlechter bereithält. Diese werden von der Gesellschaft als Orientierungspunkte genutzt, um Normen, Regeln und Schemata für die gesellschaftliche Kommunikation festzulegen. Da Semantiken, wie bereits angesprochen, nicht beliebig variieren, sondern in ihrer Existenz abhängig von den grundlegenden Strukturen der Gesellschaft sind, muss, um zu einem Verständnis der Geschlechterverhältnisse um 1800 zu gelangen, auch dem Wandel dieser Strukturen in Form einer kurzen Erläuterung Rechnung getragen werden.

2.1 Von der Ständegesellschaft zur Moderne

Nach Kucklick bezeichnet der Übergang von der Ständegesellschaft zur Moderne vor allem die neuartige Differenzierung der Gesellschaft, welche er als Folge der Steigerung ihres Komplexitätsniveaus bezeichnet.[17]War die Ständegesellschaft noch stratifikatorisch differenziert, also in hierarchische soziale Schichten unterteilt, in denen das Individuum stets nur Mitglied von einem Teilsystem sein konnte, kam es mit dem Übergang zu Moderne zu einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft. Hier treten autonome Funktionssysteme auf, die eigenständige Regeln entwerfen, sich verselbständigen und so nicht mehr auf andere Funktionssysteme zurückgreifen müssen. Als solche Funktionssysteme können zum Beispiel die Wirtschaft oder die Politik begriffen werden. Das Individuum ist hier in Form von diversen sozialen Rollen an verschiedene Teilsysteme gebunden und muss sich selbstständig zwischen diesen zurechtfinden.[18]Dieser Bezug auf sich selbst, welcher auch als Selbstreferenzialität bezeichnet wird, hatte zur Folge, dass sich auch die Geschlechtersemantik und mit ihr die Geschlechterverhältnisse veränderten.

Kucklick beschreibt diesen Umstand wie folgt:

„Aus der ‚dichten’, inhalts- und zielbestimmten Natur der Prämoderne wird eine unbestimmte, selbstreferentielle Natur. Diese übersetzt sich im 18. Jahrhundert zunehmend in die ‚Natur des Mannes’, […] daher leitet sich die neue Charakterisierung von Männlichkeit als egoistisch, gewalttätig, triebhaft ab.“[19]

2.2 Interaktion, Gesellschaft und die moralische Überlegenheit der Frau

Diese „neuartige Geschlechtersemantik der Moderne“ lässt sich demnach als „Effekt der Struktur der modernen Gesellschaft“ begreifen. Mit dem Auftreten einer funktional differenzierten Gesellschaft lässt sich zeitgleich ein Auseinanderdriften von Interaktion und Gesellschaft beobachten.[20]Dabei spricht Kucklick, in Übereinstimmung mit Luhmanns Systemtheorie, von Interaktion als „[…] Gesamtheit der Kommunikationen […], die sich unter [leibhaftig] Anwesenden abspielen oder die Abwesende als Anwesende behandeln.“[21]Davon ist die Gesellschaft insofern zu differenzieren, als sie keine tatsächliche Anwesenheit der Kommunikationspartner benötigt, also auch all die Kommunikationen mit einschließt, die ohne einen direkten Sozialkontakt auskommen.[22]In der stratifikatorischen Gesellschaft ließ sich dieser Unterschied als Gesellschaft in Form der höfischen Kultur als eigenständiges Funktionssystem, zumeist repräsentiert durch einen absolutistischen Regenten, und als Interaktion in Form des dritten Standes ausmachen. Mit dem vermehrten Aufkommen von funktionssystemischer Kommunikation aufgrund des Voranschreitens der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft wurde Interaktion immer stärker als eine besondere Form der Kommunikation begriffen und als ein Charakteristikum des Weiblichen identifiziert. Diese Besonderheit wurde in ihrem Gegensatz zu den „unpersönlichen, versachlichenden und asymmetrischen Kommunikationen innerhalb der Funktionssysteme“ gesehen.[23]Frauen galten im 18. Jahrhundert als gesellig, bescheiden, zärtlich, keusch und sittlich.[24]Sie verfügen, so die Aussage Kucklicks, anders als der stets als selbstbezüglich wahrgenommene Mann, über die Gabe der Fremdreferenz, definieren sich sogar darüber und werden so zum Stereotyp der „Insel des Friedens“, des perfekten sozialen Ausgleichs, der heilen Welt der Menschlichkeit und des direkten zwischenmenschlichen Kontaktes außerhalb der Reichweite der nüchternen, zweckmäßigen Kommunikationen der einzelnen, gesellschaftlichen Funktionssysteme.[25]

[...]


[1]Christian Fürchtegott Gellert: Briefwechsel mit Christiane Caroline Lucius, Leipzig 1761. In: C. F. Gellerts Briefwechsel. Hrsg. von John F. Reynolds. Band III (1760-1763). Berlin/New York: Walter de Gruyter 1991, S. 122

[2]Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007, S. 9

[3]Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. S. 11

[4]Vgl. Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, S. 14

[5]Simone Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. 8. Aufl. Reinbek bei ..Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1999, S. 17

[6]Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau.S. 18

[7]Vgl. Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, S. 14

[8]James Brown: It's A Man's Man's Man's World. Von James Brown und Betty Jean Newsome. Album Titel: It's A Man's Man's Man's World. King Records, 1966. URL: https://www.youtube.com/watch?v=juTeHsKPWhY (01.06.2017)

[9]Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, S. 14

[10]Vgl. Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 16

[11]Vgl.Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 29

[12]Vgl.Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 15

[13]Vgl. Christina von Braun/Inge Stephan: Gender Studien. Eine Einführung. Stuttgart u. Weimar: …J.B. Metzler 2000, S. 10-11

[14]Vgl. Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, S. 25

[15]Vgl. Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 24 ff.

[16]Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 26

[17]Vgl. ebd., S. 28

[18]Vgl. Dietrich Schwanitz: Systemtheorie und Literatur. Ein neues Paradigma. Opladen: Westdeutscher Verlag 1990. WV Studium: Band 157. S. 52-53

[19]Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, S. 29

[20]Vgl. Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 211

[21]Vgl. Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 217

[22]Vgl. Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 218

[23]Vgl. Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 219

[24]Vgl. Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 89

[25]Vgl. Kucklick: Das unmoralische Geschlecht, S. 219

Details

Seiten
23
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668587199
ISBN (Buch)
9783668587205
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v381462
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Kucklick Negative Andrologie Gellert Das Leben der schwedischen Gräfin von G*** Interaktion Gesellschaft Empfindsamkeit Moderne Männlichkeit Mann Gender Frau Weiblichkeit

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