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Interkulturelle Kommunikation in Sten Nadolnys "Selim oder die Gabe der Rede". Die Relevanz von Literatur für das Fremdverstehen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 25 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Definition: Interkulturelles Lernen

2. Interkulturelles Lernen anhand von Literatur

3. Gründe für den Einsatz von Literatur im Interkulturellen Lernen

4. Die Relevanz von Literatur für das Fremdverstehen

5. Gründe für den Einsatz von Literatur im Interkulturellen Lernen

6. Zusammenfassung „Selim oder die Gabe der Rede“
6.1. Erzählstil
6.2. Inhalt

7. Entwicklung der beiden Protagonisten
7.1. Gemeinsamkeiten- Unterschiede

8. Aspekt des „Fremden“

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1.Definition: Interkulturelles Lernen

Den Begriff „Kultur“ findet man unter den wissenschaftlichen, sowie unter den Alltagsdefinitionen. Er ist zugleich umfangreich und ausführlich, aber auch individuell und man kann ihn vergleichen mit Kunst, Malerei, Theater, Literatur, Verhaltens- und Benimmregeln oder Zivilisation.

Eine eindeutige und einheitliche Definition des Begriffs „Kultur“ gibt es bislang aber noch nicht. Wissenschaftler und Kulturantrophologen haben über 150 unterschiedliche Definitionsansätze zum Begriff „Kultur“ formuliert. Dieser Begriff soll, so die Forderung der Austauschforschung, als ein Ausrichtungssystem deutlich gemacht werden. Sie vertreten die Meinung, dass die Kultur als ein dynamisches Netzwerk und nicht als ein statischer Container zu verstehen ist[1]. „Kultur“ ist ein dynamisches System, dass einem ständigen Wandel unterliegt.

Der Psychologe Alexander Thomas[2] definiert die „Kultur“ als …“ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typische Orientierungssystem. Dieses System wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein spezifisches Handlungsfeld für die sich der jeweiligen Gesellschaft zugehörig fühlenden Individuen und schafft damit die Voraussetzung zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung.“[3]

Das Präfix „inter“ weist auf die Bedeutungsdimension „zwischen (lokal, temporal und übertragen)“ hin[4]. Deswegen bezeichnet der Begriff „interkulturell“ die Berührungen bzw. Überschneidungen zwischen den verschiedenen Kulturen. Die Hinlenkung auf den Kulturbegriff inklusive der darin festgelegten Auswirkung für die Planungen der „Interkulturalität“ ist nicht problemlos, denn obwohl Kulturen dynamisch sind, können sie eine Art Befangenheit im Denken darstellen. Deswegen sind nicht der Erhalt und die Herausbildung einer kulturellen Identität für das Bestreben des Interkulturellen Lernens notwendig, sondern die Überwindung der kulturellen Schranken und Begrenzungen[5]. Diese Schranken und Begrenzungen können aus Vorurteilen, Stereotypen oder Ängsten gegenüber Fremden und Unbekanntem bestehen. Der Verfassungsauftrag unserer Schule beinhaltet eine Verpflichtung auf die Universalität und lässt keinen Platz für eine Ausrichtung an den Kulturen von Minderheiten, da dies eher eine Stabilisierung der kulturellen Identität zur Konsequenz hätte[6]. Diese Orientierung wird auch als neues Leitbild für die Bildungsstandards verstanden, welches jenseits eines gedachten Gegensatzes von Eigen- und Fremdkultur die Befähigung zu transversaler Vernunft einschließt. Was zur Folge hat, dass die Menschen in der unserer Gesellschaft mit ihren zahlreichen Orientierungen interkulturelle Merkmale aufweisen können und nicht zum Erwerb der einen spezifischen kulturellen Identität verpflichtet ist.

Lernprozesse werden von allen in einer Gesellschaft zusammenlebenden Individuen erwartet, sowohl von den Einheimischen als auch von den Fremden. Wenn ein Individuum sich das Ziel gesetzt hat, im Umgang mit den Menschen einer anderen Kultur deren spezifisches Orientierungssystem der Wahrnehmung, des Denkens, des Wertens und Handelns zu verstehen, dieses in das eigenkulturelle Orientierungssystem zu integrieren und auf sein Denken und Handeln im fremdkulturellen Handlungsfeld anzuwenden, dann spricht man vom Interkulturellen Lernen.

2. Interkulturelle Bildung als Erziehungsauftrag an deutschen Schulen

In den letzten Jahren hat man im Bildungsbereich eine umfangreiche Menge an Anreizen und Entwürfen entwickelt, um die immer größer werdende kulturelle Vielfalt in der Bundesrepublik Deutschland angemessen zu bewältigen. Außerdem muss dafür gesorgt werden, dass die heute aufwachsende Generation mit oder ohne einen Migrationshintergrund auf die stetig wachsenden Forderungen nach beruflicher Mobilität der Integration vorbereitet wird. Die Europäische Union und der Europarat haben sich für die pädagogische Entschlossenheit, gegen Diskriminierung aufgrund der Rase, Religion, kultureller Einstellung, sozialer oder nationaler Differenzen vorzugehen, ausgesprochen. Im Jahre 1964 reagierte die Kultusministerkonferenz zum ersten Mal auf den großen Zufluss der so genannten Gastarbeiterfamilien Mitte der 1950er Jahre, indem sie eine Vereinbarung „Unterricht für Kinder von Ausländern“ verabschiedeten.[7] Dabei wurde neben der Schulpflichtregelung auch für eine Förderung der jeweiligen Muttersprache der Kinder und Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund festgelegt. Die Kultusministerkonferenz veranlasste 1985 eine vorurteilsfreie Debatte, namens „Kultur und ausländische Mitbürger“, bei der über kulturelle Werte und Wünsche diskutiert wurde.[8]

Das Ziel dabei war es, das Wissen über die jeweiligen Lebenslagen der Migranten sowie der Einheimischen zu verbessern und das gegenseitige Miteinader bzw. das gegenseitige Verständnis füreinander zu unterstützen. Außerdem wurde beschlossen, die abwechslungsreichen interkulturellen Abläufe zusammenzufassen und auf der Grundlage der verfügbaren Kenntnisse bzw. Entwürfe, Voraussetzungen einer interkulturellen Bildung zu entwickeln und diese in den Vordergrund zu rücken.

Folgende interkulturellen Aspekte wurden dort beschlossen:

- der Beschluss „Europa im Unterricht“ bezweckt die europäische Ausdehnung im Bildungswesen zu unterstützen, vor allem durch das Übereinkommen, Vorurteile abzubauen und eine kulturübergreifende Anteilnahme zu schaffen.
- die „Überlegungen zu einem Grundkonzept für den Fremdsprachenunterricht“ von 1994 bieten den Schulen die Chance, Kinder und Jugendliche durch einen umgestalteten Sprachunterricht auf die vielfältige europäische Gesellschaft vorzubereiten.

Die Achtung der Würde des Menschen und die Wahrung der Grundrechte sind ein Teil der Verfassungsnorm, welche auch in den Schulgesetzen der Länder zu finden sind. In der umfangreichen Formulierung des allgemeinen Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule findet sich auch der Aspekt der „interkulturellen Bildung“ wieder. Dieser fordert die Entwicklung von humanitären Einstellungen und Verhaltensweisen der Schüler und Schülerinnen, die die Prinzipien von Freiheit, Eigenverantwortung, Solidarität, Toleranz, Demokratie und Völkerverständigung beachten.

Auf dieser Basis sollen die Schüler und Schülerinnen

- sich ihrer jeweiligen kulturellen Sozialisation und Lebenszusammenhänge bewusst werden
- Einblicke in andere Kulturen gewinnen
- Neugier, Offenheit und Verständnis für andere kulturelle Lebensweisen entwickeln
- andere kulturelle Lebensformen und Orientierungen erleben und sich mit ihnen auseinandersetzen
- Vorurteile gegenüber anderen Menschen überwinden
- das „Anderssein“ achten
- die eigene Auffassung reflektieren, kritisch hinterfragen und zu einer Offenheit für andere Auffassungen bereit sein
- Übereinstimmung über die gemeinsamen Ausgangspunkte für eine gemeinschaftliche Gesellschaft

Der Perspektivwechsel vergrößert die eigene Wahrnehmung und versucht den Horizont der Anderen Auszufüllen und sollte zwischen dem Fremden und dem Vertrauten einen Weg zu mehr Selbstbewusstsein und reflektierter Fremdwahrnehmnug darstellen. Die Schule als Institution ist bei dem gesellschaftlichen Anspruch, ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Minderheiten und der Mehrheit zu verwirklichen auf sich allein gestellt. Sie sollte Schutzmaßnahmen gegenüber Ausgrenzungen von Minderheiten bereitstellen und die Möglichkeit der kulturellen Vielfalt bieten.

So sollte die interkulturelle Kompetenz als eine Schlüsselfunktion für Kinder und Jugendlichen aller kulturellen Zugehörigkeiten gesehen werden.

Die interkulturelle Bildung und Erziehung setzt sich als Ziel, eine Entwicklung von Einstellungen und Verhaltensweisen zu vermitteln, die ein friedliches und offenes Miteinander aller Menschen ermöglicht. Die Aufgabe der Schule ist es, entsprechende Kenntnisse zu vermitteln, wichtige Einsichten näher zu bringen, eine Urteilsbildung zu fördern, sowie ein wertorientiertes Handeln der Kinder und Jugendlichen zu vermitteln. Die interkulturelle Perspektive bezieht sich hierbei auf die Querschnittsaufgaben und sollte nicht unbedingt auf einzelne Themen, Fächer oder Projekte begrenzt werden. Die Lehrperson spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle und sie sollte befähigt sein, in ihrer pädagogischen Arbeit Raum für unterschiedliche Sichtweisen, gegebenenfalls auch Sichtwechsel zu schaffen.

Die Schule ist ein Ort, wo Kinder und Jugendliche Bekanntschaften mit Anderen Kindern, mit Fremden, die kulturelle Besonderheiten oder Differenzen aufweisen, möglicherweise auch mit Gemeinsamkeiten machen. Sie können sich gegenseitig kennen lernen, Erfahrungen sammeln und sich austauschen. Diese Erfahrungen der Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Fremdheit werden nicht immer unterrichtsoffiziell thematisiert bzw. kommuniziert.[9] Verallgemeinert kann man feststellen, dass die „Migration“ in vielen Schulen nicht ganzheitlich, sondern nur themenbezogen bearbeitet wird, sodass der Aspekt des Migrationshintergrundes sowohl didaktisch-methodisch als auch institutionell-organisatorisch nicht angemessen berücksichtigt wird.[10]

Neue Erfahrungsberichte aus der Praxis beschreiben zum Einen die Problemlagen aus der Sicht der Kinder mit einem Migrationshintergrund, die sich fremd und entwurzelt fühlen oder die mit besonderen Erschwernissen, wie z.B. der Sprache oder der soziale Situation, zu kämpfen haben. Kritisch anzumerken ist, dass solche Berichte neben der aufzeigenden Funktion, eventuell auch defizitäre Bilder von Kindern mit einem Migrationshintergrund transportieren, konstruieren und reproduzieren können.

Zum Anderen ist hervorzuheben, dass die zitierten Autorinnen bei den Erfahrungsbeschreibungen nicht stagnieren, sondern mögliche Perspektiven und Fördermaßnahmen, etwa zur Sprachkompetenz, aufzeigen. Beschrieben werden hier innovative Schulen und Projekte, die ihrem Verständnis nach auf die Schulentwicklung setzen. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, dass die personellen Ressourcen und die Bereitschaft der Einzelnen zu Veränderungen, Wandel und Belastung (vgl. Walter 2001) ein wichtiges Thema für die Professionalisierung des Lehrerberufs sind.[11] Die Deutungskompetenzen und die Reflexivität der Lehrperson werden zudem als Voraussetzung dafür, dass Schülerinnen und Schüler angemessen gefördert werden können, immer wichtiger. Uwe Sandfuchs, Professor der Erziehungswissenschaften der technischen Universität Dresden, betrachtet als Werkzeug des Interkulturellen Lernens und Handelns die Entwicklung der fremdsprachlichen Kompetenz.[12] Die leitenden Prinzipien sind dabei die Diversifizierung der zu lernenden Fremdsprachen unter Einbezug der Muttersprache, sowie die qualitative Intensivierung des Unterrichts bis hin zur Vermittlung einer mehrsprachigen Kompetenz.

3. Interkulturelles Lernen anhand von Literatur

In der Literatur werden als entscheidender Ursprung zum Thema „Interkulturelles Lernen“ in der Regel zwei Erkenntnisse angegeben, die Fremdwahrnehmung und das Fremdverstehen. Beide stellen die Einführung in die Fragestellung des interkulturellen Deutsch- bzw. Fremdsprachenunterrichts dar. Seit Anfang der 1990er Jahre wird intensiv auf der Grundlage einer „Didaktik des Fremdverstehens“ geforscht, was auch das Giessener Graduiertenkollegs intensiv betreibt.[13]

[...]


[1] Kultur und Kulturwissenschaft – Eine Einführung (Klaus P. Hansen)

[2] Alexander Thomas ist Professor für Psychologie an der Universität Regensburg. Seine Arbeitsgebiete sind kulturvergleichende Psychologie und interkulturelle Kommunikation. In Deutschland ist er durch mehrere Veröffentlichungen in diesem Bereich bekannt geworden.

[3] Interkulturelle Kommunikation / H. Lösche Zielverlag

[4] Duden Band 5 2007, S. 466

[5] Eickhorst, A. (2007): Interkulturelles Lernen in der Grundschule. Studientexte zur Grundschulpädagogik und –didaktik. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn.

[6] Diehm, I. & Radtke, F.-O. (1999): Erziehung und Migration. W. Kohlhammer, Stuttgart.

[7] Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880 bis 1980-Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Bonn 1986, S.179-219

[8] „Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule“, Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 25. Oktober 1996, Bekanntmachung des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur, vom 6. Mai 1997- III 300-3277.18- (NB.MBWFK.Schl.-H. 1997 S. 271)

[9] Vgl. Hu 2011. vgl. Auernheimer u.a. 1998

[10] Vgl. Gomolla/Radtke 2002

[11] Vgl. Arnold/Bastian/Combe u.a. 2000

[12] Vgl. Uwe Sandfuchs 2202: 197

[13] Vgl. Bredella, Meissner, Nünning, Rösler : Wie ist Fremdverstehen lehr- und lernbar?

Details

Seiten
25
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668582255
ISBN (Buch)
9783668582262
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v381438
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
Schlagworte
Interkulturell

Autor

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