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Dialogsteuerung bei politischen Interviews - Im Vergleich "Der Spiegel" und "focus"

Seminararbeit 2005 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort (Gegenstand, Zielstellung, Methoden der Belegarbeit)

2. Theoretisch-begriffliche Grundlage
2.1. Dialogaufrechterhaltende Steuerung
2.1.1. Sprecherwechsel
2.1.2. Sprecherwechsel durch Selbst- und Fremdwahl
2.1.3. Sprecherwechsel durch Simultansprechen
2.1.4. Sprechersignale
2.1.5. Hörersignale
2.2. Dialogthematische Steuerung
2.2.1. Gesprächseröffnung
2.2.2. Themenbehandlung
2.2.3. Gesprächsbeendigung
2.3. Initiierende/ Respondierende Akte im Interview
2.3.1. Initiierende Akte des Interviewers
2.3.2. Respondierende Akte des Interviewten

3. Empirische Untersuchung und Ergebnisse
3.1. Vergleich: Spiegel-Gespräch mit Jürgen Trittin und Focus-Interview mit Gerhard Schröder
3.2. Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang

1. Vorwort

Im Proseminar „Politische Interviews“ habe ich Überraschendes und auch Erschreckendes gelernt: Politik ist der geschickte Umgang mit der Sprache, Öffentlichkeitsarbeit und Präsenz in den Medien. Die Sprache ist dabei das Werkzeug der Politiker, mit dem sie Schlechtes schönreden, Unwichtiges hervorheben, Fehler verschleiern und somit die Wahrheit ein Stück weit verzerren.

Ich wollte Transparenz in diese Kunst des Sprachgebrauchs bringen und „zwischen den Zeilen lesen“. Als Korpus meiner Arbeit habe ich insgesamt vier Interviews gewählt, die ich untersuchen und vergleichen wollte. Doch als ich bereits die theoretische Grundlage dafür formulierte, stellte ich fest, wie umfassend die Dialogsteuerung im Gespräch und im Interview ist. Daraufhin versuchte ich, mich kurz zu fassen und konzentrierte mich auf zwei Interviews, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen. Meinen Schwerpunkt habe ich dabei auf die Frage gelegt, inwieweit Dialogsteuerungsmerkmale, die in jedem natürlichen Gespräch zu finden sind, noch in der überarbeiteten schriftlichen Version des Interviews aufzufinden sind.

Wenn man als Unwissender ein politisches Interview liest, weiß man oft nicht, dass es nicht der Urfassung des Gesprächs entspricht. Es wirkt sehr glatt und flüssig. Doch ist es auch authentisch? Inwieweit entspricht das Extrakt des Interviews der Wahrheit? Und inwieweit kann man es durch die Untersuchung der Dialogsteuerungsmerkmale beweisen oder auch widerlegen?

2. Theoretisch-begriffliche Grundlage

„ ‚Dialogsteuerung’ soll heißen, die Summe der Fähigkeiten, die einen Sprecher/ Hörer in die Lage versetzen, solche Dialogakte nach den Regeln der situativen Relevanz in der Absicht zu produzieren, vom Angesprochenen eine bestimmte verbale Antwort zu erhalten, sie zu erkennen und auf sie mit einer Abwahl aus mehreren möglichen Antwortzügen zu reagieren. Diese Akte können eine einmal konstituierte Dialogsituation (oder einzelne ihrer Komponenten) aufrechterhalten, sie (fortlaufend) bestätigen oder sie verändern.“ (Schwitalla 1979, S. 24)

Diese Definition des Begriffs „Dialogsteuerung“ formulierte Schwitalla, um das Handeln im Rahmen eines Dialogs linguistisch zu beschreiben. Die „Dialogsteuerung“ liefert dabei Informationen zur Grundhaltung der Gesprächspartner. Von dieser Definition sind zwei Typen von Steuerungsakten abgeleitet, die dialogaufrechterhaltende und die dialogthematische Steuerungsakte.

2.1. Dialogaufrechterhaltende Steuerung

Die dialogaufrechterhaltende Steuerung dient dem Aufrechterhalten eines Dialogs, das bedeutet, dass es sich um Mittel handelt, die den Fortgang des Dialogs gewährleisten. Dies passiert, indem sie festlegen, wer von den am Dialog beteiligten Partnern spricht und wer zuhört. In erster Linie handelt es sich hierbei um Steuerungsakte, die den Sprecherwechsel regeln, aber auch um solche, mit deren Hilfe der Sprecher überprüft, ob ihm sein Gegenüber auch zuhört und ihn versteht. Und drittens handelt es sich um Akte, mit denen der Hörer dem Sprecher signalisiert, dass er ihm Aufmerksamkeit schenkt, wenn nicht sogar Verständnis und Zustimmung.

2.1.1. Sprecherwechsel

Unter dem Begriff „Sprecherwechsel“ versteht man die wechselseitige Übernahme der Sprecherrolle durch die am Dialog beteiligten Gesprächsteilnehmer. Diesen Wechsel vom Hörer zum Sprecher und vom Sprecher zum Hörer nennt man „turn-taking“. Es ist eine fundamentale Regel bei der Charakterisierung eines Gesprächs, denn es gibt verschiedene Formen des turn-takings, die Aussagen machen über die Eigenschaften des Gesprächs sowie zur sozialen Beziehung zwischen den Gesprächspartnern. Dabei unterscheidet man vor allem, wie es zum Sprecherwechsel kommt. Die zwei wichtigsten Kategorien heißen „Selbstwahl“ und „Fremdwahl“. Laut der Definition von Sacks (1974) liegt eine Fremdwahl vor, wenn der aktuelle Sprecher den nächsten Sprecher bestimmt. Im Gegensatz dazu handelt es sich um Selbstwahl, wenn ein Gesprächsteilnehmer sich selbstständig entschließt das Wort zu ergreifen und somit zum Sprecher zu werden. Die Voraussetzung für die Selbst- und die Fremdwahl ist allerdings, dass die Gesprächsteilnehmer gleichgestellt und gleichberechtigt sind, wenn es darum geht, die Sprecherrolle anzunehmen.

2.1.2. Sprecherwechsel durch Selbst- und Fremdwahl

Unter Fremdwahl versteht man die Übernahme der Sprecherrolle „nach einem etwaigen Ende einer Äußerung“ (Barba, 1988) und somit das Ergreifen des ausschließlichen Rechts zu einer weiteren Äußerung. Dabei werden drei Arten der Fremdwahl unterschieden.

1. Der zäsurierte Wechsel: Nachdem eine kurze Pause nach dem Sprechvorgang entsteht, die kontextuell zu erwarten war, ergreift der Hörer das Rederecht.
2. Der fugenlose Wechsel: Eine respondierende Sprechhandlung wird vom eigentlichen Hörer verbalisiert, wobei nur eine Ergänzung jedoch keine Unterbrechung stattfindet.
3. Der überlappende Wechsel: Der Sprecher wird vom Hörer unterbrochen, der wahrgenommen hat, dass der Sprecher nur noch seine Aussage weiterführte, um sie grammatikalisch zu vervollständigen, jedoch mit der Aussage an sich fertig war und ein Wechsel möglich wurde.

Diese drei Arten der Fremdwahl werden von Henne/ Rehbock als Typen des glatten Wechsels bezeichnet, da sie so gesehen nicht störend oder unterbrechend sind, sondern der Dialogführung dienen.

Ein Sprecherwechsel durch Selbstwahl liegt dann vor, wenn der Hörer nach einer Unterbrechung oder einer Sequenz des simultanen Redens das Rederecht an sich nimmt, ohne dazu bestimmt worden zu sein. Das kann auch nach einer langen oder zu langen Pause im Sprechakt des ersten Sprechers passieren.

2.1.3. Sprecherwechsel durch Simultansprechen

Der Sprecherwechsel verläuft „sauber“ wenn ein (nächster) Sprecher erst dann das Wort ergreift, wenn der erste Sprecher mit dem Sprechen aufhört und auch keinen neuen Beitrag anfängt. Doch so verlaufen nur die wenigsten Gespräche, denn oft kommt es vor, dass der Hörer das Rederecht ergreifen möchte, bevor der Sprecher seinen Beitrag beendet hat. In solchen Fällen kommt es zur Überlappung des Redeflusses, was dann Simultansprechen genannt wird. Das gleichzeitige Sprechen dauert meistens nur solange, wie der erste Sprecher noch einige Silben ausspricht. Doch es kann auch noch ein ganzer Satz werden, wenn es dem ersten Sprecher widerstrebt, das Rederecht abzugeben. Die sich überlagernden Äußerungsteile sind dann nicht mehr verständlich und liefern somit auch keine Informationen, die dem Gespräch dienen würden.

2.1.4. Sprechersignale

Sprechersignale dienen im Rahmen der dialogaufrechterhaltenden Steuerung dazu, Beziehungen zu definieren und Kontakte herzustellen. (Vgl. Schwitalla 1979, S.90) Durch Sprechersignale kontrolliert der Sprecher, ob oder/und wie weit der Hörer auch wirklich der Sprechhandlung seine Aufmerksamkeit widmet.

Sie sind Mittel der Segmentierung des eigenen Sprecherbeitrags. (Duncan 1973, S. 36) Nicht jedes Sprechersignal verlangt auch ein Hörersignal, doch im Allgemeinen kann man behaupten, dass es eine Bestätigung für die Rollenverteilung in der Gesprächsstruktur nach sich zieht. Nach Schwitalla haben Sprechersignale vier Funktionen:

1) Segmentierung : nicht?, nicht wahr?, ja?
2) Überprüfung, ob der Hörer wirklich zuhört: ja?, ne?, stimmt’s?
3) Rückversicherung, ob der Hörer versteht: Verstehst du? Weißt du was ich meine?
4) Aufforderung zur Zustimmung: nicht?, okay? oder etwa nicht?

2.1.5. Hörersignale

Die Vorraussetzung für eine intakte und somit auch erfolgreiche Kommunikation ist neben der Tätigkeit des Sprechers natürlich auch die des Hörers. Obwohl es scheint, als würde sich nur der Sprecher aktiv am Gespräch beteiligen, muss auch der Hörer wichtige Signale im richtigen Augenblick aussenden. Der Sprecher muss das Gefühl haben, dass das, was er dem aktuellen Hörer kommunizieren will, auch richtig ankommt.

Es lassen sich grundsätzlich drei Arten der Hörersignale unterscheiden:

1) „Aufmerksamkeitssignale“
2) „fortführende“ Signale
3) „Einstellungskundgaben“

zu 1) Im Fall von Aufmerksamkeitssignalen lässt der Hörer den Gesprächspartner wissen, dass er „bei der Sache“ ist und dass er bei dem Gespräch präsent ist. Auch wird dem Sprecher versichert, dass er verstanden wird.
zu 2) Der Hörer verbalisiert, dass der Sprecher mit seiner Rede fortfahren soll mit Wendungen wie ja? Fahren Sie fort. Bitte. Wichtig ist, dass der Anspruch auf die Sprecherrolle nicht erhoben wird. Es kann sich dabei auch um eine Bewegung der Hand handeln oder ein Zunicken. Im Vordergrund steht die Ermutigung zum Weitersprechen.
zu 3) Einstellungskundgaben sind Signale, die über die Funktion der bisher besprochenen Signale hinaus die Einstellung des Hörers zum Sprecherbeitrag bekunden. (Barba 1988)

Dabei können es zustimmende Signale sein, sowie auch sogenannte „heterogene“ Signale, die Emotionen ausdrücken können, wie Begeisterung ooh!, Erstaunen aha?! oder auch peinliche Berührung oh Gott, nicht doch.

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Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638373043
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v38141
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
2
Schlagworte
Dialogsteuerung Interviews Vergleich Spiegel Politische

Autor

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