Lade Inhalt...

Stigmatisierung im Arbeitsfeld der Bewährungshilfe. Diskriminierung und Ausgrenzung von delinquenten Erwachsenen

Hausarbeit 2017 15 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition von Strukturbegriffen
2.1 Stigma
2.1.1 Diskreditierten
2.1.2 Diskreditierbaren
2.2 Normalität
2.3 Attributionstheorie nach Goffman

3. Arbeitsbereich Bewährungshilfe
3.1 Werte- und Normvorstellung der Gesellschaft
3.2 Beziehungen von Stigmatisierten

4. Stigmatisierung von delinquenten Erwachsenen
4.1 Außenseiter und Randgruppe der Gesellschaft – Beispiel einer betroffenen Person
4.2 Stigma-Management-Techniken – Typen von Stigma
4.3 Gegenüberstellung gesamtgesellschaftlicher Blick

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es sollte also gesehen werden, dass Stigma-Management ein allgemeiner Bestandteil von Gesellschaft ist, ein Prozess, der auftritt, wo immer es Identitätsnormen gibt.“ (Goffman, E. 1975, S. 160 f)

Erving Goffman, ein bekannter Soziologe seiner Zeit, entwickelte die Theorie des Stigmas. Goffman erkannte, dass es Menschen gibt, die in ihrer Identität von der Norm abweichen und mit einem Defekt ausgestattet sind. Dies hat zur Folge, dass die Betroffenen eine Vielzahl an Ausgrenzungen und Diskriminierungen erfahren. Weiter enthüllte Goffman in seiner Stigmatheorie, dass Menschen, die der Norm nicht entsprechen, bestimmte Attribute im Zusammenhang des gesellschaftlichen Lebens nicht erfüllen – „(…) es ist in unerwünschter Weise anders als wir.“ (Groß, Th. M. 2000, S. 7).

Gleichwohl benannte Goffman in seiner Theorie, dass stigmatisierte Menschen bestimmte Merkmale aufzeigen, die nicht der Norm entsprechen bzw. sich unterscheiden. In dem Prozess der Stigmatisierung nimmt Goffman Bezug auf die Körper-, Geistes- und Charakterdefekte. Hierbei ergründete er, dass stigmatisierte Personen ein erschwertes Leben haben und Distanzierung von „Normalen“ erleben. In diesem Zusammenhang durchleben die Stigmatisierten unterschiedliche (Lebens-) Krisen – Krisen ihrer Identität (vgl. Hermanns, H. o. J., S. 1f).

Die Bewährungshilfe ist in der Sozialen Arbeit in der Strafrechtspflege ein nicht mehr wegzudenkendes wichtiges Handlungsfeld. Hierbei handelt es sich, um eine wichtige Alternative gegenüber Vollstreckungen von Jugend- und Freiheitsstrafen. Das Phänomen der Stigmatisierung ist in der Bewährungshilfe hinreichend zu beobachten. Straffällig gewordene Menschen werden in der Gesellschaft mit unterschiedlichen Diskriminierungen und Ausgrenzungen konfrontiert und müssen sich mit ihrem Stigma, wie z. B. der Straffälligkeit oder ihrer psychischen Erkrankungen, auseinandersetzen.

In meiner Hausarbeit möchte ich zunächst Strukturbegriffe, Stigma und Normalität definieren, um im Anschluss auf mein Arbeitsfeld die Bewährungshilfe zu kommen. Hier beziehe ich die Werte- und Normvorstellung der Gesellschaft und das Beziehungsverhalten von delinquenten Menschen ein. Im folgenden meiner Hausarbeit thematisiere ich die Stigmatisierung von delinquenten Erwachsenen und stelle eine betroffene Person aus meinem Arbeitsfeld vor. Am Ende ziehe ich ein Resümee meiner Arbeit.

2. Definition von Strukturbegriffen

Möchte ich in meiner Hausarbeit das System der Stigmatisierung in Bezug auf das Arbeitsfeld der Bewährungshilfe thematisieren, so ist es unumgänglich zunächst die Strukturbegriffe Stigma und Normalität näher zu beleuchten.

2.1 Stigma

„Der Begriff ´Stigma´ kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Merkmal, Zeichen und wird auch übersetzt mit Kainszeichen oder Kainsmal. Er bezeichnet ein unauslöschliches Zeichen, dass jemanden als gekennzeichnet aus einer Gruppe in besonderen Maße hervorhebt.“ (Groß, Th. M. 2000, S. 5)

Alfred Grausgruber bezieht sich in seinem Beitrag „Stigma und Diskriminierung psychisch Kranker“ auf die Definiton von Stigma nach Jones et al. von 1984. Hier heißt es: „(…) das Stigma als eine Beziehung zwischen einem Attribut und einem Stereotyp gesehen werden kann, in dem Sinne, dass das Stigma ein ´Mal´ (Attribut) ist, dass eine Person mit unerwünschten Eigenschaften (Stereotypen) verbindet“ (Grausgruber, A. 2005, S. 22).

„Goffman definiert Stigma als einen Terminus der in Bezug auf eine Eigenschaft gebraucht wird, die zutiefst diskreditierend ist.“ (Quack / Schmidt 2013, S. 14, zit. n. Goffman 1975: 11)

Erving Goffman ergründete zu seiner Zeit die Körper-, Geistes- und Charaktereigenschaften eines Menschen und ist darauf gestoßen, dass es Menschen gibt, die Defekte in diesen Bereichen aufweisen. Er fand heraus, dass die „Normalen“ ein bestimmtes Verhaltensmuster von Menschen erwarten und voraussetzen. Weicht ein Mensch von diesen Verhaltensmustern bzw. sozialen Erwartungen eines Individuums ab, so weist er ein Stigma auf.

Im Hinblick auf die psychosoziologische Definition des Begriffes Stigma ist zu erwähnen, dass der Stigmatisierte in der Gesellschaft als „schlecht, gefährlich oder schwach angesehen wird.“ (Groß, Th. M. 2000, S. 7).

Ideologisch entspricht eine stigmatisierte Person nicht den sozialen Erwartungen eines „Normalen“. Stigma behaftete Menschen erleben aus diesem Grund zahlreiche Diskriminierungen und durchleben unterschiedliche Krisen, unter anderem Krisen ihrer Identität - des Selbstwertgefühls und der Akzeptanz ihrer selbst.

Goffman unterscheidet das sichtbare Stigma – die Diskreditierten – und das versteckte Stigma – die Diskreditierbaren. Eine Spaltung und Exklusion der Gesellschaft findet statt (vgl. Goffman, E. 1975, S. 9 ff).

2.1.1 Diskreditierten

Stigmatisierte bei denen das Stigma ein sichtbares Merkmal, wie z. B. einer Sehbehinderung aufweist, gibt Goffman als Diskreditierte an. Hierbei handelt es sich um ein Stigma, das für jedermann ersichtlich ist und von den Stigmata belasteten Personen nicht geleugnet werden kann. Der Stigmatisierte ist sich in diesem Fall über das Wahrnehmen seines Stigmas von Außenstehenden bewusst. Personen mit einem ersichtlichen Stigma erleben eine soziale Distanz von ihren Mitmenschen eher als Menschen mit einem nicht sichtbaren Stigma (vgl. Groß, Th. M. 2000, S. 7 ff).

2.1.2 Diskreditierbaren

Goffman betitelt Menschen mit einem nicht ersichtlichen Merkmal, wie z. B. einer Depression als Diskreditierte. Das geheime, verdeckte Stigma veranlasst die Belasteten dazu, dass sie „in Angst vor Entdeckung und Isolierung“ (Groß, Th. M. 2000, S. 8) leben. Betroffene ziehen sich zurück und wenden sich in einem Gerüst aus Verleugnung, Täuschung und lügen, um weiterhin als „Normal“ zu gelten und Anerkennung aus der Gesellschaft zu erfahren (vgl. Groß, Th. M. 2000, S. 8).

2.2 Normalität

„Es scheint allgemein wahr zu sein, dass die Mitglieder einer sozialen Kategorie einen Urteilsstandard nach Kräften unterstützen, von dem sie und andere übereinstimmend überzeugt sind, dass er nicht direkt auf sie anwendbar ist.“ (Goffman, E. 1975, S. 15)

Unter Normal ist eine nicht abweichende Identitätsnorm und Andersartigkeit eines Menschen zu verstehen (vgl. Goffman, E. 1975, S. 157).

Normalität versteht Goffman als menschlich. Nicht menschlich gelten die Stigmatisierten, die ein Merkmal aufweisen, dass der Haltung der Normalen nicht entspricht. Normale Menschen weisen keine negativen Abweichungen von den sozialen Erwartungen der Gesellschaft auf (vgl. Goffman, E. 1975, S. 13 f).

Im Zusammenhang mit der Theorie der Stigmatisierung befinden sich die „Normalen“ in einer Rolle der Bevormundenden. Sie sehen die Stigmatisierten in einer Situation, dass sie ihr Leben nicht alleine meistern können und sprechen ihnen wenig Verantwortung und Vertrauen zu. Sie werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt und exkludiert. In diesem Kontext wird das Rollenverhalten von Erwachsenen-Kind-Verhalten zur Sprache gebracht. Der Normale übernimmt die Rolle des bevormundenden Erwachsenen ein (vgl. Groß, Th. M. 2000, S. 9).

2.3 Attributionstheorie nach Goffman

Goffman betont in seiner Stigmatheorie, dass ein Stigma nicht durch eine bestimmte Eigenschaft eines Menschen zu einem Stigma wird, sondern ausschließlich in seinem Kontext zur sozialen Gemeinschaft. Mitglieder der sozialen Gemeinschaft etikettieren intuitiv die Gemeinschaft mit bestimmten Eigenschaften (vgl. Groß, Th. M. 2000, S. 6).

„Nur in der Beziehung einer Eigenschaft zu dieser definierten Normalität und der entsprechenden sozialen Wertung, die damit verbunden ist, wird eine Eigenschaft zu einem Stigma.“ (Groß, Th. M. 2000, S. 6)

Im sozialpsychologischen Stigmatisierungsprozess bezeichnet Goffman diesen Kontext zwischen einem Merkmal und der Gesellschaft als Attributionstheorie.

3. Arbeitsbereich Bewährungshilfe

„Bewährungshilfe ist eine Form der ambulanten Straffälligenhilfe, in der der Staat die Mitverantwortung für die Wiedereingliederung straffällig gewordener Menschen übernimmt.“ (Oberlandesgericht (OLG) Land Brandenburg)

Im Mittelpunkt der Arbeit der Bewährungshilfe steht die Resozialisierung des/der ProbandIn, sowie die Betreuung und Beratung. Ziel soll es sein, „die Vollstreckung der ausgesprochenen Freiheitsstrafe überflüssig zu machen“ (OLG Land Brandenburg) und den/die delinquente(n) ProbandIn vor weiteren Straftaten zu bewahren und ihn/sie zu resozialisieren (vgl. OLG Land Brandenburg).

Die Hilfe zur Selbsthilfe steht neben der Überwachung gerichtlich erteilter Auflagen und Weisungen im Fokus des/der BewährungshelfersIn. Die Aufgaben der Bewährungshilfe ergeben sich aus den §§ 56 Abs. 3 StGB und 24 Abs. 3 JGG. Die straffällig gewordenen Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, sind zwischen 18 und 68 Jahren alt und sind zur Bewährung verurteilt. Ein Bewährungszeitraum liegt in der Regel zwischen 2 und 4 Jahren.

3.1 Werte- und Normvorstellung der Gesellschaft

Jede soziale Gemeinschaft lebt nach einem Werte- und Normsystem. Das Einhalten dieser Werte und Normen bestimmt das Zusammenleben innerhalb der menschlichen Gesellschaft und stellt das Fundament für Selektionen in bestimmte soziale Ranggruppen / Randgruppen dar. In diesem Zusammenhang bildet die Sortierung nach Gesellschaftsformen eine sogenannte Schichtung der sozialen Gemeinschaft. Die Eingruppierung in diese Schichten erfolgt durch die Mitglieder der sozialen Gemeinschaft mit Hilfe von Etikettierungen nach bestimmten Eigenschaften eines Menschen. Entscheidend für eine Eingruppierung in bestimmte Schichten, und somit mitverantwortlich für die Einteilung in die jeweiligen Gesellschaftsstrukturen, sind z. B. das Einkommen und der Beruf jedes Einzelnen, die Hautfarbe und Rasse sowie die Herkunft und Religion (vgl. Kind, H. 1981, S. 7 ff).

Jedes Individuum ist an bestimmte Normen gebunden, die Anforderungen an jeden Einzelnen stellen. Hierbei unterscheidet Harry Hermanns in Anlehnung an Goffman zwei Arten von Normen. Zum einen die Normen, die man unterstützt und zum anderen die Normen, die man realisieren muss (Hermanns, H. (o. J.), S. 2).

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668582231
ISBN (Buch)
9783668582248
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v381358
Institution / Hochschule
Fachhochschule Potsdam
Note
2,0
Schlagworte
Stigmatisierung Goffman
Zurück

Titel: Stigmatisierung im Arbeitsfeld der Bewährungshilfe. Diskriminierung und Ausgrenzung von delinquenten Erwachsenen