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Zur Vereinbarkeit von Psychoanalyse und Marxismus. Der Freudomarxismus als Ideologie oder Wissenschaft?

Hausarbeit 2016 18 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Grundlegender Vergleich beider Theorien
2.2 Frühe Integrationsversuche und Schwierigkeiten
2.3 Perspektiven der Kritischen Psychologie
2.4 Wieso Psychoanalyse und Theorievergleich

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Selbstverständlich ist sie (die Psychoanalyse) ganz unvereinbar mit dem Marxismus. Denn Marx legt den Nachdruck auf das ökonomische Motiv, das höchstens im Zusammenhang mit der Selbsterhaltung steht, die Psychoanalyse betont dagegen das biologische Motiv, das mit der Selbsterhaltung durch Fortpflanzung zusammenhängt. Unzweifelhaft sind beide Gesichtspunkte einseitig, beide Motive spielen eine Rolle." (Russel zit. nach Fromm 1932: 40)

Ich hoffe, dass sich im Anschluss an meine Arbeit nicht das gleiche Kopfschütteln einstellt, wie auf diese Worte von Bertrand Russel. Dieser verkürzten Einschätzung, die wohl auf mangelnder Einsicht in die Theorie beruht, möchte ich im Folgenden mit einer differenzierteren Auseinandersetzung begegnen. Dazu ist zuerst ein Vergleich beider Theorien notwendig, welcher zu Anfang vorgenommen wird und wobei prägnante Unterschiede und Gemeinsamkeiten zusammengefasst werden. Um dann dem Freudo- Marxismus und seiner Theoriebildung näher zu kommen werde ich anhand dreier prominenter Beispiele beleuchten, wie eine Integration Freuds gelingen kann bzw. wie dabei vorgegangen wird und welche Konfliktpunkte bestehen. Im Anschluss an diese historische und theoretische Herangehensweise möchte ich für mich ein eigenes Fazit ziehen, bezogen auf die Frage ob und wie es sinnvoll sein kann die Psychoanalyse in die Marxsche Theorie zu integrieren.

Mir hat sich in Folge des Seminars und der dortigen Lektüre die Frage aufgedrängt ob die freudsche Theorie die marxistische wirklich sinnvoll ergänzen kann oder ob sie diese nicht vielmehr abschwächt, indem sie nicht die materiellen Verhältnisse, sondern die individuell psychischen in den Fokus rückt und somit gesellschaftliche bzw. individuelle Probleme, die ihren Ursprung in gesellschaftlichen Verhältnissen haben, zum Problem einzelner Individuen macht und nicht zu Missständen, die in der Totalität gelöst werden sollten.

Die unausweichliche Konsequenz daraus ist, dass die Individuen in dieser Lösung der Probleme noch mehr vereinzelt werden, indem sie diese für sich zu lösen haben. Ist also die Perspektive der freudschen Psychoanalyse zu unterschiedlich und trägt zu sehr zum Erhalt der herrschenden Verhältnisse bei, als dass eine Integration in eine kapitalismuskritische Theorie wie die Marxsche sinnvoll ist? Wirkt sie also eher depolitisierend und konformistisch und zieht dem Marxismus seinen revolutionären Stachel?

Um die Leute zu verstehen die eine Integration Freuds in die Marxsche Theorie antrieben gilt es auch den Marxismus und seine aus der Theorie entspringenden Probleme zu verstehen.

Denn Marx und Engels unterschätzten, welch großen Einfluss die gesellschaftliche Ordnung auf die Wünsche und Ansprüche der Menschen haben kann (vgl. Lichtman 1990: 22) und so stellte sich für eine Gruppe von Männern in den 1920ern Jahren die Frage, warum unterdrückte Klassen gegen ihre eigenen Interessen handeln. (vgl. Dahmer 1994).

Jedes Mitglied dieser Gruppe versuchte auf andere Weise, der Frage nachzugehen, wieso die Menschen so aktiv an ihrer eigenen Zerstörung mitarbeiteten und es trotz günstiger Voraussetzungen in den westlichen Staaten nicht zu einer erfolgreichen Revolution kam. Dazu suchten sie einen Zugang zum Verständnis der individuellen Psyche, eine subjektwissenschaftliche Komponente, die bei Marx wenig Beachtung findet, umso mehr aber bei Freud und so nahmen sie eine Integration der Psychoanalyse vor (Vgl. Lichtman 1990: 19).

2.1 Grundlegender Vergleich beider Theorien

Die Marxsche und Freudsche Theorie ist ebenso kompliziert wie umfassend wie die Sekundärliteratur, die auf Grundlage beider Denker entstanden ist. Im Folgenden wird nur auf einige der augenfälligsten Unterschiede der beiden eingegangen, die nach Ansicht des Autors die größte Relevanz bei einer Vereinigung der beiden Theorien haben.

Im Mittelpunkt der Erkenntnis beider Denker steht die Feststellung, dass etwas im Argen liegt mit der Gesellschaft und den Menschen, die in ihr leben.

Diese Erkenntnis bezeichnen wir als eine Entfremdungs-Erfahrung:

„[…]daß unser Leben unserer Kontrolle entzogen ist und in seiner Unabhängigkeit Stadien durchläuft, die unseren Absichten fremd sind, unser eigenes Begreifen übersteigen und unseren Interessen zuwiderlaufen“ (Lichtman 1990: 37)

Um die Aufhebung dieser Entfremdungs- Erfahrung zu erreichen braucht es nach Meinung beider Denker einen gewissen Menschen Typus. Der Entwurf beider ähnelt sich hier auffallend: Ein Mensch, der der Entfremdung entgegenwirkt, ist ein Mensch der die Kontrolle über sein Leben bewusst wiedererlangt und sich die Gegenwart wieder aneignet (Vgl. ebd.: 44).

Nach Freud galt es zur Erreichung dieses Zustands, das Unbewusste, die individuelle, persönliche Geschichte, ins Bewusste des Patienten zu transportieren (Vgl. ebd.: 46) und auch dieser Ansatz findet sich in ähnlicher Form bei Marx, welcher eine Umwälzung der Gesellschaft erst für möglich hält, wenn die Arbeiterklasse die sie umgebenden Dinge nicht mehr als natürlich gegeben, sondern als veränderbar begreift. (Vgl. ebd.: 48)

Diese grundlegende gesellschaftskritische Erkenntnis, die sich hier bei Freud wiederfindet, machte es für viele Autoren attraktiv eine Integration oder Kombination beider Denker vorzunehmen.

Doch obwohl beide Autoren Kinder der gleichen Zeit und auch des aufklärerischen Gedankens waren, differenziert sich bei ihnen nun ein komplett unterschiedliches Menschenbild aus. Freud erkennt, genau wie Marx, dass der Mensch der Gegenwart nicht selbstbestimmt lebt. Er nimmt ihm aber im Gegensatz zu Marx gleichzeitig auch die Hoffnung auf Besserung in der Zukunft. Der Mensch bleibt seinen Trieben trotz des Bewusst- Werdens z. B. in der Therapie unterworfen und auch diese führt am Ende nur zu einem besseren Leben mit z. B. der Neurose, nicht aber zu einer Heilung. Eben weil die Menschen nach Freuds Meinung triebgesteuert sind, ist eine gesellschaftliche Unterdrückung durch Herrschaft notwendig, um höhere Zivilisation und Kultur aufrecht zu erhalten. Für Freud ist aber eben diese Triebentfaltung Ziel menschlichen Strebens, ein Streben also, welches nie ganz erfüllt werden kann (Vgl. ebd.: 49), gleichzeitig sind die Menschen ständig getrieben von Aggressivität, Neid und Selbstsucht (Vgl. ebd.: 53). Diese Triebe wohnen den Menschen, nach Freud, schon immer inne und sind nicht veränderbar, nur bis zu einem gewissen Grad unterdrückbar. Er naturalisiert also jegliche von den Menschen als negativ empfundenen Charaktereigenschaften und spricht dem Menschen jede Möglichkeit auf ein glückliches Leben, das heißt auf die Erfüllung des Lustprinzips ab (Vgl. Marcuse 1979: 210).

Marx sieht derlei Charaktereigenschaften vom Gesellschaftssystem geprägt und insofern veränderbar. In der menschlichen Gemeinschaft sieht er nicht den Quell des Verlustes jeder Freiheit, sondern vielmehr die Möglichkeit, diese persönliche Freiheit auszubilden (Vgl. Lichtman 1990: 50). An diesem Beispiel ist deutlich erkennbar, welche Kraft Marx´ Theorie entwickelt, indem sie über bestehendes hinausweist und Alternativen anbietet.

Einer der gravierendsten Unterschiede zwischen den beiden findet sich in ihrem grundlegenden Erklärungsansatz und Verständnis die uns umgebenden Dinge und der Gesellschaft betreffend. Marx´ Methodik ist, auf Hegel aufbauend, eine dialektische, während Freud nur in zwei sich gegenüberstehenden Kräften, also Dualismen, sowie in einseitiger Interaktion, die formenden gesellschaftlichen Kräfte sieht.

An einem Beispiel lassen sich diese unterschiedlichen Ansichten verdeutlichen:

Bei Marx formen die Individuen jeweils die sie umgebenen Dinge und laden sie mit Bedeutung auf, gleichermaßen formen und beeinflussen auch diese Objekte wiederum die Menschen, es findet also eine gegenseitige Beeinflussung statt (Vgl. ebd.: 107). Bei Freud sind die den Menschen umgebenden Objekte, jeweils nur auf verschiedene Art und Weise Ziele der Triebbefriedigung, der Trieb bleibt dabei immer derselbe und verändert sich infolge der Triebabfuhr nicht (Vgl. ebd. 1990: 111).

„Der Freudsche Erklärungsansatz blickt stets auf die fixierten Eigenschaften der Vergangenheit zurück, um in ihnen den Schlüssel für die Bedeutung der gegenwärtigen Ereignisse zu finden.“ (Lichtman 1990: 62)

Beide Autoren sind letztendlich für ein abschließendes Aufarbeiten der persönlichen oder der historischen Geschichte. Bei Freud der persönlichen um etwaige Krankheiten die der Verdrängung von vergangenem geschuldet sind, Herr zu werden, bei Marx um eine neue Gegenwart zu schaffen, ohne sich den Pathologien der Vergangenheit erneut zu bedienen (Lichtman 1990: 41).

In Folge dieser Konzentration auf Vergangenes bei Freud, in der „archäologischen Konzeption des Erinnerns“ (Lichtman 1990: 119), indem in allen Erfahrungen der Gegenwart nur die Wiederholung bereits vergangener Erfahrung stattfindet, wird die Erfahrung von Liebe oder die Schaffung von Kunst zu nicht mehr als zu Wiederholungen vorangegangener Erfahrungen (Vgl. ebd.: 63), es entspringt ihnen also nicht neues, originelles; kreative, schaffende Handlungen sind somit nichts als Wiederholungen und echter Fortschritt scheint unmöglich. Ein Punkt in welchem Marx Position nicht unterschiedlicher sein könnte. Marx der eine „absolute Bewegung des Werdens“ (Marx zit. nach Lichtman 1990: 118) vertrat und eine Revolution und somit eine genuine Neuordnung der gesellschaftlichen Welt in Aussicht stellte.

Eine scheinbare Unvereinbarkeit findet sich auch „in der Auffassung von der gesellschaftlichen Natur des Menschen“ (Lichtman 1990: 72): Freuds Ansichten folgen einem naturwissenschaftlich-mechanischem Prinzip (Vgl. ebd.: 63), sodass Triebregungen wie Eros und Todestrieb und auch Es, Ich und Über-Ich dem Menschen fest innewohnende Eigenschaften sind, die nur in verschiedenen Variationen auftreten. Sie sind keine Metaphern um etwas uns nicht Sichtbares zu erklären, sondern sollten eher wie unsere geistliche Anatomie verstanden werden, genauso wenig veränderbar und starr wie unser äußeres Skelett.

Während Freud ein negatives Menschenbild zeichnet, in dem die Menschen ihren Trieben

unterworfen sind (Ebd.: 72), ging Marx davon aus, dass die Menschen ihre eigene Natur formen können (Ebd.: 79), gleichsam wie auch unsere Sicht auf die Natur geschichtlich entstanden und somit auch menschengemacht ist (Ebd.: 119). Marx´ Menschenbild ist Freuds negativem nicht einfach entgegengesetzt, denn er geht nicht von einem guten Kern in jedem Menschen aus, sondern vielmehr von der Möglichkeit, die jeder Mensch besitzt sich und seine Umwelt zum Besseren zu formen und umzuwandeln (Ebd.). Freuds Vorstellungen der menschlichen Natur sind starr und mechanisch, die Triebe bekommen über die Zeit hinweg andere Ziele und Triebsublimierung findet statt, doch die Triebe an sich bleiben ahistorisch immer dieselben (Ebd.: 82).

Während Freuds Menschenbild düstere Perspektiven bietet, lädt das Marxsche durch seine Vorgabe notwendiger historischer Ereignisse hin zu einer positiven Entwicklung zu einer hoffnungsvolleren Perspektive ein. Wenn die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen stehen, wird die unterdrückte Klasse der Proletarier ein Klassenbewusstsein entwickeln und das herrschende System sprengen. Die Einsicht der Problematik kommt wie von selbst, die Revolution ist zwangsläufig und so warten die Menschen seit der Fertigstellung des Kapitals auf die zwangsläufige Revolution. Wieso die Menschen jedoch nicht zu einer „Klasse für sich“ werden und über Jahrzehnte gegen ihre Klasseninteressen handeln, bleibt unklar.

2.2 Frühe Integrationsversuche und Schwierigkeiten

Im Vergleich beider Theoretiker werden eine deutliche Differenz und ein Auseinandergehen deutlich, sowohl im Menschenbild und in der Methodik, aber auch in ihrer ganzen Wahrnehmung von Gesellschaft und Individuum.

Trotz dieser augenscheinlichen Unterschiede begannen in den 1920ern Autoren die beiden Theorien zu amalgieren und sich zu erweitern. Zu den bedeutenden Vertretern zählen auch Wilhelm Reich und Erich Fromm.

Reich stellte die sexuelle Befreiung in den Mittelpunkt seiner Theoriebildung, so sehr dass sie „zum Allheilmittel für persönliche und soziale Nöte“ (Marcuse 1979: 204) an sich wurde. In Reichs Theorie wurde so ein Biologismus gefördert, der der Marxschen Theorie konträr gegenübersteht, indem genitale Befriedigung und der Orgasmus in den Mittelpunkt antikapitalistischer Revolution gestellt wurde (Vgl. Dahmer 1994: 91). Marcuse (1979: 204)

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Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668575981
ISBN (Buch)
9783668575998
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v381085
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
Freudomarxismus Psychoanalyse Marxismus Kritische Theorie

Autor

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