Lade Inhalt...

Dimensionen der Reaktanz in der Erziehungsberatung

Bachelorarbeit 2015 64 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung mit zentraler Fragestellung

2. Definition von sozialpädagogischer Beratung
2.1 Erziehungsberatung als eine Form der fachlichen Beratung

3. Die Arbeit in Erziehungsberatungsstellen
3.1 Anliegen und Erwartungen der Ratsuchenden
3.2 Freiwillige oder vermittelte Kontaktaufnahme
3.3 Gestaltung einer tragfähigen Arbeitsbasis durch Auftragsklärung und Zielvereinbarung
3.4 Kooperationsprobleme im Beratungsprozess
3.4.1 Integration von Handlungsempfehlungen in den Alltag
3.5 Mangelnde Kooperation als Ausdruck psychologischer Reaktanz

4. Definition von psychologischer Reaktanz
4.1 Voraussetzungen für das Entstehen von psychologischer Reaktanz
4.2 Möglichkeiten der Freiheitseinengung
4.2.1 Psychologische Reaktanz infolge Freiheitseinengung sozialen Ursprungs
4.3 Abhängigkeitsvariablen der Stärke von psychologischer Reaktanz
4.4 Reaktanz-Effekte

5. Psychologische Reaktanz als Persönlichkeitsvariable

6. Vermeidung von Reaktanz-Effekten
6.1 Elemente einer guten Gesprächsführung
6.1.1 Anregungen zur gelingenden Gesprächsführung aus Studienergebnissen
6.1.2 Gesprächsstörer
6.1.3 Gesprächsförderer

7. Reaktanz als positive Dimension anerkennen
7.1 Motive und Ziele des Widerstands
7.2 Widerstand als Form der Kooperation

8. Zusammenfassung und persönliches Fazit

9. Literaturverzeichnis

Anhang
1. Qualitätsmerkmale in der Erziehungsberatung
2. Fragebogen zur Messung der psychologischen Reaktanz nach Jürgen Merz
3. Der Fragebogen zur Bedürfnislage von Eltern behinderter Kinder (FBEBK) nach Andreas Eckert
4. Fragebögen zur Evaluation der Beratungsarbeit
4.1 Elternnachbefragung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung
4.2 Evaluationsfragebogen zur Erziehungs- und Familienberatung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung

1. Einleitung mit zentraler Fragestellung

Innerhalb der Erziehungsberatung in der heilpädagogischen Frühförderung[1] erlebe ich häufig, dass sich die Elternarbeit schwierig gestalten kann.[2] Obwohl die Eltern in der Regel selbst einen Beratungsbedarf äußern und um konkrete Bearbeitung verschiedener alltäglicher Problemsituationen bitten, werden gemeinsam erarbeitete Möglichkeiten und Handlungsempfehlungen im Alltag nicht (immer) umgesetzt.

Nicht selten fragen Eltern, aus welchem Grund sich nichts verändert, obwohl schon lange eine Beratung/Förderung stattfindet. In diesen Situationen scheinen sie eine mangelnde Kooperation ihrerseits nicht in Betracht zu ziehen.

Aufgrund meines Anspruches nach ressourcenorientierter und wertschätzender Elternarbeit und der prinzipiellen Anerkennung elterlicher Motivation, stellen sich für mich in diesem Zusammenhang mehrere Fragen: Warum geschieht ein Alltags-transfer nicht und warum zeigt sich teilweise nur wenig erkennbare Mitarbeit von Seiten der Eltern? Agieren die Ratsuchenden[3] absichtlich mit Widerstandsverhalten und ist es den Eltern bewusst, dass sie die vereinbarten Ziele nicht wie besprochen verfolgen? Handelt es sich dabei um psychologische Reaktanz?[4] Wenn ja, kann diese im Beratungsprozess vermieden werden? Welche konkreten Strategien eignen sich dafür?

Diesen zentralen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

Als Ausgangspunkt dient dazu die sozialpsychologische[5] Theorie der psychologischen Reaktanz nach Brehm[6]. Brehm zufolge würden Individuen durch Freiheitseinengung motiviert, die bedroht geglaubte oder verloren gegangene Freiheit wiederherzustellen. Da die soziale Einflussnahme im Beratungskontext in vielen Fällen eine Verhaltensänderung zum Ziel hat, kann davon ausgegangen werden, dass Ratsuchende die Neigung haben den Empfehlungen auszuweichen.[7] Damit sind Widerstände im Kontext der sozialpädagogischen Erziehungsberatung nachvollziehbar und notwendig.

In der Beratung können Menschen Vermeidung und Widerstand zeigen, um sich nicht von der Beraterin überwältigen zu lassen. Sie sichern damit die Grundlage ihres selbstbestimmten Lebens. Je intensiver sich Individuen demnach zum Beispiel durch die Gesprächsführung beeinflusst fühlen, desto stärker können sich Widerstände entwickeln.[8]

In der vorliegenden Bachelorarbeit gilt es nicht empirisch zu erforschen, ob es die psychologische Reaktanz in der Beratungstätigkeit gibt. Diese wird vorausgesetzt, da bereits mehrere Studien[9] zu artverwandten Themen das Vorhandensein bestätigen. Wichtig ist es jedoch zu verdeutlichen, dass es sich bei der Theorie um ein Konstrukt handelt, welches nur bedingt objektivierbar und somit der individuellen Auslegung ausgesetzt ist. Zudem soll Reaktanz als Abwehr gegen Eingriffe in den eigenen Handlungsspielraum und als eine Möglichkeit von Widerstandsverhalten beleuchtet werden, wohl wissend, dass es weitere Gründe und Motive für wahrgenommenen Widerstand geben kann.[10]

Es geht weiterhin nicht darum, den Blick auf persuasive Kommunikation [11] zu lenken. In der Beratung möchte die Sozialpädagogin aufgrund des vereinbarten Auftrags unter Umständen ganz bewusst zum Umdenken anregen, jedoch nicht überreden und es geht im Gegensatz zur persuasiven Gesprächsführung grundsätzlich um Verständigung und Informationsaustausch.

Ziel der Bachelorarbeit soll es vielmehr sein, die Leser hinsichtlich von Reaktanz-Effekten im Beratungskontext zu sensibilisieren. Aufbauend auf Erkenntnisse aus der Praxis sollen auch neue Perspektiven bedacht, vorhandene kritisch überprüft und konkrete Handlungsstrategien aufgezeigt werden.

Weiterhin gilt es zu verdeutlichen, dass Widerstandsverhalten als normaler Ausdruck der Reaktanz auf externen Einfluss[12] anzuerkennen ist. Schon an dieser Stelle soll betont werden, dass die Zufriedenheit der Beraterin mit dem Beratungsprozess aus diesem Grund nicht (allein) an mangelnder Kooperation der Ratsuchenden gemessen werden kann.

Inhaltlich wird zunächst eine Begriffsdefinition von Beratung im Allgemeinen und anschließend im speziellen Kontext der Erziehungsberatung vorgenommen, wobei auch auf die rechtlichen Rahmenbedingungen verwiesen wird.

Danach wird auf die Erwartungen und Anliegen von Ratsuchenden eingegangen, unter besonderer Berücksichtigung von freiwilliger und vermittelter Beratung. Große Bedeutung wird in dieser Arbeit dem Aushandeln einer tragfähigen Arbeitsbasis für das Beratungsgeschehen beigemessen. Im Anschluss daran werden Kooperations-probleme im Beratungssetting aufgegriffen, ergänzt durch ein Beispiel aus der Forschung über den Alltagstransfer von Handlungsempfehlungen. Weiterhin wird eine mangelnde Kooperation als Ausdruck psychologischer Reaktanz verstanden. Hierzu ist es unumgänglich die psychologische Reaktanz zu definieren und diese besonders infolge von Freiheitseinengung sozialen Ursprungs zu erläutern, um anschließend Reaktanz-Effekte als beobachtbares Verhalten zu verdeutlichen. Zudem wird Reaktanz als Persönlichkeitsvariable ausführlich analysiert.

Zentrale Gliederungspunkte im Verlauf sind außerdem die Vermeidung von Reaktanz-Effekten mit Hilfe einer bedachten Gesprächsführung und die Schluss-folgerung, dass sich Reaktanz als eine Form des Widerstandes anerkennen lässt. Abschließend werden in einem Fazit die Forschungsfragen beantwortet und eine persönliche Einschätzung der verschiedenen Aspekte der Reaktanz von Seiten der Verfasserin gegeben. So lassen sich für den Beratungskontext zunächst negativ wahrgenommene Kooperationsprobleme, als positive Aspekte bestimmen, und nach entsprechender Reflexion für die Beratungstätigkeit nutzen.

Interessierte Leser finden zusätzlich im Anhang weiterführende Informationen zu Qualitätsmerkmalen in der Erziehungsberatung und eine Auswahl an Fragebögen zum sofortigen Einsatz im Beratungsalltag.

2. Definition von sozialpädagogischer Beratung

Im Gegensatz zur Alltagsberatung stellt die professionelle Beratung eine personenbezogene soziale Dienstleistung dar.[13] Weiterhin ist Beratung mehr als eine Auskunft, sondern ein dynamischer und ergebnisoffener Prozess.[14]

Aufgrund der vielfältigen Versuche in der wissenschaftlichen Literatur „Beratung“ zu erklären, soll der Beratungsprozess in dieser Arbeit grundsätzlich so verstanden werden, wie dieser von Wolfgang Widulle definiert wird:

„Beratung fokussiert auf Problem-Ressourcen-Konstellationen und hat in der Sozialen Arbeit den expliziten Auftrag, zur Problemlösung nicht nur in kommunikativer Weise, sondern auch durch Interventionen (Ressourcen-beschaffung, Verhandlungen mit Ressourcenbesitzern und Bereitstellen eigener Ressourcen) beizutragen: Beratung vermittelt auch Informationen, sachliche und Materialleistungen, sie ermöglicht Finanzierungen, vermittelt an andere Einrichtungen, organisiert Platzierungen und setzt Rechtsansprüche und Urteile für und gelegentlich auch gegen Klienten durch.“ [15]

In diesem Zitat wird deutlich, dass die Beratung verschiedene Schwerpunkte umfasst. Eltern in der Erziehungsberatung brauchen beispielsweise sachliche, ausführliche Informationen über das komplexe Bedingungsgefüge, welches zur Entstehung der aktuellen (Behinderungs-) Zustände geführt hat, sowie über Trainings- und Fördermöglichkeiten für ihr Kind und die Familie. Wichtig sind zudem Hilfen und Übungsanweisungen vor allem zur Prävention und Kompensation von Behinderungen.[16]

Weiterhin lässt sich eine Einteilung bezüglich der Ziele und Inhalte von Elternberatung vornehmen. Die fachliche Beratung (consulting) versteht sich dabei als Informationsangebot an die Eltern in allen Fragen, die ihr Kind, dessen Entwicklungsprobleme und den Umgang mit ihm in Pflege und Erziehung betreffen. Beratung in Fragen des Lebens und Agierens mit dem Kind, Anleitung in Förderung und Therapie, sowie gemeinsamer Austausch über Besonderheiten des kindlichen Verhaltens im Familiensystem, sind zudem zentrale Elemente der fachlichen Beratung.[17] Die begleitende Beratung (counselling) findet v.a. in der Eingangsphase einer Beratung statt und versucht den Eltern zu helfen, ihre eigenen Klärungsprozesse und Bedürfnisse besser zu verstehen. Primäres Ziel ist es dabei, die Eltern unterstützend in der Auseinandersetzung mit der Tatsache ein behindertes oder entwicklungsauffälliges Kind zu haben, zu beraten.[18]

2.1 Erziehungsberatung als eine Form der fachlichen Beratung

Erziehungsberatung zählt zur institutionellen Beratung, die in spezialisierten Beratungsstellen[19] durchgeführt wird.

An verschiedenen Stellen im SGB VIII[20] wird die Erziehungsberatung als Jugend-hilfeaufgabe genannt.[21] Dabei zählen die Angebote der Erziehungsberatungsstellen zu den wichtigsten Säulen der Hilfen zur Erziehung.[22] Dass den Beratungsleistungen eine besondere Aufmerksamkeit zugemessen werden kann, zeigt sich beispielsweise in 23 Paragraphen des SGB VIII, in denen „Beratung“ ausdrücklich erwähnt wird.[23]

Im § 28 SGB VIII wird die Erziehungsberatung als ambulante Erziehungshilfe näher definiert. Erziehungsberatung ist somit geeignet für alle psychologisch relevanten, individuellen und familienbezogenen Themen und der ihnen zugrunde liegenden Faktoren, insbesondere für Beziehungs- und Erziehungsprobleme.[24] Somit wird Erziehungsberatung mit Beratungsanlässen konfrontiert, deren Ursachen multi-faktoriell bedingt sind.[25]

Im Vordergrund der beratenden Interventionen sollen die Vermeidung und Bewältigung von Problemlagen stehen, die sich als dauerhafte Beeinträchtigungen verfestigen könnten. Außerdem sind die Förderung individueller und sozialer Entwicklungsmöglichkeiten sowie der Abbau von Benachteiligungen relevant.[26]

Zudem sollen die Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung und Erziehungskompetenz unterstützt werden.[27]

Eine Erziehungsberatung wird in der Regel dann in Anspruch genommen, wenn die Eltern selbst Schwierigkeiten in der Erziehung ihrer Kinder nicht mehr überwinden können, weniger oft, wenn sie aus besonderer Sorge um die Entwicklung des Kindes nach hilfreichen Richtlinien suchen.[28] Wenden sich die Personensorgeberechtigten an die Beratungsstelle, wird von der Notwendigkeit und Geeignetheit der Erziehungs-beratung ausgegangen, wie diese vom Gesetzgeber im § 27 Abs. 1 SGB VIII in Verbindung mit § 28 SGB VIII eingeräumt wird.[29]

Für die Praxis der Erziehungsberatung haben die Bundeskonferenz Erziehungs-beratung (bke) und die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung (DAJEB) ein hohes fachliches Niveau von Beratungsstandards entwickelt.[30] Dabei wird Erziehungsberatung, die sich zugleich als Familienberatung versteht und auf der psychotherapeutischen Kompetenz der Fachkräfte basiert, erläutert.[31] Laut Berlardi dominiert in Deutschland als methodischer Ansatz im Setting der Erziehungs-beratung die klientenzentrierte Beratung nach Rogers, gefolgt von (systemischer) Familientherapie/Familienberatung und verhaltenstherapeutischen Verfahren.[32]

3. Die Arbeit in Erziehungsberatungsstellen

3.1 Anliegen und Erwartungen der Ratsuchenden

Sich mit Anliegen und Erwartungen auseinanderzusetzen ist unumgänglich, da sowohl die Eingangserwartungen von Ratsuchenden und Beraterinnen als auch die Beziehung zwischen beiden deutlich mit dem Beratungserfolg zusammenhängen.[33] Eine Erziehungsberatung wird bei unterschiedlichen Anlässen in Anspruch genommen. Damit verbunden sind auch ganz verschiedene Erwartungen und Bedürfnisse der Ratsuchenden. Die Erfahrungen von Aichhorn belegen, dass konkrete Hilfe und nicht Rat von Seiten der Eltern erwartet wird.[34] Dies bestätigt auch eine Studie von Schmidtchen und dessen Kollegen[35]. Sie verdeutlicht die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit hinsichtlich konkreter Erziehungsempfehlungen und Tipps, sowie dem Einbezug aller Familienmitglieder zur Beratung. Dabei wollen die Eltern jedoch ihre erzieherische Selbstständigkeit bewahren und lehnen meist einen direkten erzieherischen Einfluss auf das Kind seitens der Beraterin ab.[36] Zudem erwähnt Kaisen[37], dass Ratsuchende aus ihren Erfahrungen mit erfolgten medizinischen Behandlungen, eine Erwartung hinsichtlich der Beratung im psycho-sozialen Sektor, sowie eine Rollenerwartung an die Beraterin mitbringen. Sie beinhaltet u.a. die Vorstellung, dass die Beraterin aktiv, direkt und autoritär, mit einer rezeptartigen verhaltensbezogenen Instruktion agiert, und sich die Ratsuchenden eher passiv duldend verhalten sollten.[38]

Welche Gründe müssen nun vorliegen, damit eine Erziehungsberatungsstelle aufgesucht wird? Festzuhalten ist, dass es sich um ein multikausales Ursachen-geflecht handeln kann, weshalb Eltern Beratung in Anspruch nehmen. Das unter-schiedliche Leistungsspektrum innerhalb der Erziehungsberatung untergliedert Menne[39] folgendermaßen:

- Emotionale Probleme (Ängste, Traurigkeit, Selbstwertunsicherheit des Kindes)
- Körperliche Auffälligkeiten (Einnässen, Einkoten, Schlaf- oder Essstörungen)
- Entwicklungsverzögerungen (Verzögerungen der motorischen Entwicklung oder des Spracherwerbes)
- Auffälliges Sozialverhalten (Kontaktschwierigkeiten, Aggressivität, Geschwis-terrivalität, Stehlen)
- Sprachschwierigkeiten (Stottern, Stammeln, Sprachverweigerung)
- Probleme mit Leistungsanforderungen (Konzentrationsstörungen, Leistungs-versagen, Prüfungsangst, Teilleistungsschwächen)
- Trennung, Scheidung und Verlust (Trennung der Eltern, Tod eines Elternteils oder einer Bezugsperson)
- Schwierige Familiensituation (Konflikte zwischen den Eltern, Alkoholismus, Behinderungen, Multiproblemfamilie)

Aus den genannten Studienergebnissen und der Aufzählung geht hervor, dass Beraterinnen mit einer Vielzahl von Problemsituationen rechnen müssen, die Eltern in eine Beratung führen. Die Erziehungsberatung nimmt die Anlässe, die eine Suche nach Hilfe auslösen, auf drei Ebenen auf. Dazu zählen Beratung/Therapie, präventive Angebote und Vernetzungsaktivitäten.[40]

In der vorliegenden Arbeit wird schwerpunktmäßig auf die Beratung fokussiert.

3.2 Freiwillige oder vermittelte Kontaktaufnahme

In der Erziehungsberatung gehört Freiwilligkeit zu den Grundsätzen der fachlichen Arbeit. Entsprechend dieser Prämisse wird davon ausgegangen, dass Eltern, die eine Unterstützung in Anspruch nehmen, sich freiwillig für einen Beratungsprozess entscheiden. In vielen Fällen ist eine Freiwilligkeit jedoch nicht gegeben.[41] Motivierungen oder rechtliche Vorgaben durch Dritte z.B. Erzieher, Kinderärzte, Jugendamt oder Familiengericht sind häufig. Den Eltern ist die Notwendigkeit einer Beratung somit nicht immer bewusst.

Eine daraus resultierende besondere Herausforderung für die Fachkräfte der Erziehungsberatung ist es somit, die Bereitschaft der Betroffenen zur Beratung, zu gewinnen.[42] Geschlussfolgert werden kann, dass mit deutlichem Widerstand zu rechnen ist, wenn Angehörige des sozialen Netzwerkes oder Fachkräfte auf der Basis rechtlicher Vorschriften, Menschen zur Kontaktaufnahme drängen und dies von den Betroffenen als Eingriff in die eigenen Entscheidungsspielräume interpretiert wird.[43] Lenz schreibt, dass nur etwa 20% der Ratsuchenden aus eigener Initiative in eine Beratungsstelle kommen und damit im engeren Sinne Selbstmelder sind.[44] Somit muss eine Zwangsberatung und die Arbeit ohne die Motivation der Eltern als erschwerende Voraussetzung für die Arbeit gesehen werden.[45] Zudem ist in diesen Fällen mit verstärktem Widerstandsverhalten zu rechnen.[46]

Laut Studien von Kähler[47] gibt es unterschiedliche Reaktionen von Personen, die zur Beratung gezwungen werden. Die Häufigsten in abnehmender Rangfolge waren:

- (bewusstes) Missverstehen bzw. Nichteinhalten von getroffenen Absprachen,
- Briefe, Telefonate und/oder Termine ignorieren,
- Eskalieren von Problemen in bisher unauffälligen Bereichen,
- Resignation, alles über sich ergehen lassen, Passivität,
- Verbergen von Vorbehalten hinter überschwänglicher Kooperation.

Dies verdeutlicht, dass sich hinsichtlich der Motivation der Ratsuchenden gravierende Unterschiede ergeben können, je nachdem, ob die Ratsuchenden freiwillig kommen oder sie gezwungen werden.

3.3 Gestaltung einer tragfähigen Arbeitsbasis durch Auftragsklärung und Zielvereinbarung

Unabhängig davon aus welchem Grund Menschen in eine Beratungsstelle kommen, ist es notwendig, zunächst zur Verständigung und zu einer gemeinsamen Problem-bearbeitung zu kommen. Sowohl der Verlauf als auch der Erfolg einer Beratung sind abhängig von den Ergebnissen eines vielschichtigen, kontinuierlichen Aushandlungs-prozesses zwischen den Beteiligten.[48] Für eine genaue Abstimmung spricht zudem, dass Beratung ohne Auftrag wirkungslos ist, die Ratsuchenden entmündigt und nicht zu deren Autonomie beiträgt.[49]

Zu Beginn der Intervention sollte versucht werden, die Absichten der Ratsuchenden zu ergründen. Eine Ursachenforschung, warum, wann und welche Verhaltensweisen gezeigt werden, ist dabei kontraproduktiv. Mit der Ursachenergründung sind häufig Schuldzuweisungen verbunden, die Widerstände auslösen können. Wenn sich jedoch über die Absichten und Wünsche der Ratsuchenden verständigt wird, lässt sich gemeinsam prüfen, ob das angestrebte Ziel mit einem anderen Verhalten eben-falls oder sogar besser erreicht werden kann. Geeignete Formulierungen im Klärungsprozess sind: „Was wollen Sie erreichen?“ oder „Was erhoffen Sie sich von der Beratung?“[50] Laut Mücke[51] werden durch eine detaillierte Auftragsklärung sogar unmittelbar Lösungskompetenzen aktiviert, so dass sich ein Problem allein dadurch relativieren oder sogar aufheben kann. Die direkte Auftragsklärung lässt sich dabei mit Hilfe verschiedener kompetenz- und ressourcenorientierter Fragen vornehmen. Sowohl direkte als auch zirkuläre Fragen finden Verwendung. So kann eine direkte Frage, die auf die unmittelbare Gegenwart bezogen ist, folgendermaßen lauten: „Woran würden Sie während des Gespräches merken, dass das Gespräch etwas bringt?“ Eine zirkuläre Frage in diesem Zusammenhang könnte heißen: „Woran würde Ihr Partner während des Gesprächs merken, dass das Gespräch etwas bringt?“[52] Welcher Fragetyp eingesetzt wird, sollte von der Beraterin behutsam ausgewählt werden, denn je weniger der Inhalt und die Methoden innerhalb der Beratung überzeugen, desto eher lassen sich Formen von Widerstand bei Ratsuchenden beobachten.[53] Auch deshalb ist ein Vertrauensverhältnis zur Beraterin eine wichtige Grundkonstante auf der Begegnungsachse. Erst das Vorhandensein von Vertrauen ermöglicht den Aufbau einer konstruktiven Beziehung und ein tragfähiges, stabiles Arbeitsbündnis.[54]

Wenn die Beraterin an exakten Informationen über die Erwartungen der Ratsuchenden interessiert ist, dann muss sie differenziert nach Wünschen fragen.[55] Dieses Vorgehen empfiehlt sich zu Beginn der Beratung und auch im Verlauf.[56] Die Ratsuchende entscheidet dabei selbst, welcher Auftrag erteilt wird und welches Ziel erreicht werden soll. Sodann kann auch die Beraterin Stellung zu den Wünschen nehmen und verdeutlichen, ob die Erwartungen im Rahmen der gängigen Arbeits-praxis erfüllt werden können und ob sie den Auftrag annehmen will oder kann.[57]

Wichtig bei der Zielfestschreibung ist eine positive Formulierung. Dabei gilt es das Verhalten zu skizzieren, welches in Zukunft gezeigt werden soll. Nur mit einer positiven Zielformulierung und Verschiebung der Aufmerksamkeit auf ein wünschenswertes Erleben kann sinnvoll gearbeitet werden.[58] Ratsuchende haben mitunter Schwierigkeiten ihre Ziele zu formulieren. Sie geben statt dessen eher an, was sie nicht mehr haben möchten oder was nicht mehr sein soll und verwenden negative Aussagen. Um dies abzuwenden, kann die Beraterin die Frage stellen, mit was angefangen werden soll, denn um mit etwas aufhören zu können, muss mit etwas anderem begonnen werden.[59]

Eine Anleitung zur Prüfung von Zielen sind die sogenannten SMART -Kriterien.[60] Zudem wird eine problem- und zielorientierte Vorgehensweise durch die Beraterin gestützt durch die Formulierung von Beratungszielen, die einen Bezug zum Alltag der Ratsuchenden aufweisen. Diese sollten regelmäßig aktualisiert und evaluiert werden.[61] Vor allem dann, wenn die Beratung keine Fortschritte zeigt, sollte nochmals eine genaue Auftragsklärung durchgeführt werden.[62]

Um die Erwartungen und Bedürfnisse der Ratsuchenden und auch der Beraterin erfragen zu können, sowie zu Evaluationszwecken der beratenden Tätigkeit, eignet sich der Einsatz von Fragebögen,[63] die im Anhang exemplarisch einzusehen sind.

3.4 Kooperationsprobleme im Beratungsprozess

Laut Behnisch[64] prägt die Unterstellung eines mangelnden Willens an Kooperation das (fach-) öffentliche Elternbild. Er fordert dazu auf, den Gründen für Nicht-Kooperation nachzuspüren und ebenso den (verborgenen) Motivationen von Ratsuchenden zu begegnen.[65] Anstelle von beratungsresistenten oder unmotivierten Eltern auszugehen, sollte aufgrund einer differenzierten Sichtweise auf die Gründe von Widerständen geschaut, und besser von nicht gelingenden Prozessen in der Elternarbeit gesprochen werden.[66] Was können demnach Ursachen sein, warum sich Ratsuchende trotz gemeinsamer Zielvereinbarung anders verhalten?

Kooperationsproblemen können verschiedene Ursachen zugrunde liegen. So zeigen sich Widerstände beispielsweise gegen den Verlust von Selbstbestimmung, aufgrund schlechter Erfahrungen mit bevormundenden Helfersystemen oder in Zwangs-kontexten.[67]

Kaisen[68] erwähnt vor allem zwei Erwartungshaltungen der Ratsuchenden, die zu Beginn und im Verlauf der Beratung Probleme bereiten können. Erstens, die relative Passivitätshaltung und zweitens die Frage nach dem thematischen Rahmen der Beratung. Hier ergibt sich für die Beraterin häufig ein Dilemma. Zum einen erwarten die Ratsuchenden konkrete Handlungsstrategien und wollen die Problemlösung weitgehend in die Hände der Beraterin abgeben, andererseits jedoch ihre Eigenver-antwortlichkeit in der Umsetzung gewahrt sehen. In diesem Zusammenhang benennt Kaisen, dass es zu einem deutlichen Widerspruch kommen kann, wenn die Beraterin mehr Eigeninitiative von der Kommunikationspartnerin erwartet, als diese zu leisten bereit ist.[69]

Ein zentrales Merkmal den thematischen Rahmen betreffend ist der systemische Ansatz der Erziehungsberatung. Die Thematisierung des Gesamtsystems Familie, und der damit verbundenen Familientherapie, wird von den Ratsuchenden häufig nicht vermutet und noch seltener gewünscht.[70] Die systemische Elternarbeit ist demnach nicht immer beliebt, da sie von den Eltern ein hohes Maß an Selbstkritik und emotionales Engagement erfordert. Zudem muss die Bereitschaft, das Familien-leben zu durchleuchten und für Außenstehende durchschaubar zu machen, gegeben sein.[71] Daraus lässt sich ableiten, dass eine gute Zusammenarbeit zwischen Beraterin und Ratsuchender nicht selbstverständlich ist.

Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Beratung ist deshalb immer ein gutes Joining .[72] Dies ermöglicht ein Nachfragen mit der Bitte um Feedback, welche Gründe es für die mangelnde Umsetzung der vereinbarten Aufgaben gibt. Die Antworten können dann ganz unterschiedlich ausfallen. Die Ausführung im Alltag war beispielsweise nicht möglich, weil die Aufgaben zu hoch gesteckt waren oder nicht vermittelt wurde, was bezweckt werden sollte. Die Ratsuchenden hatten weiterhin eine andere Problemsicht, unterschiedliche Ziele oder die Familie nennt weitere verschiedene Gründe für ihr Verharren.[73]

Retzlaff entwickelte einen Fragenkatalog,[74] den sich die Beraterin bei Kooperations-problemen zu Eigen machen kann.

- Wie kam es, dass die Aufgabe nicht umgesetzt wurde?
- War die Aufgabe zu vage, unklar formuliert oder zu schwer?
- Müssen Aufgaben und Absprachen im Beratungsgespräch besser (im Rollenspiel) vorbereitet werden?
- Konnte vermittelt werden, inwiefern die verabredeten Schritte zielführend sind?
- Ist die Beziehung zwischen Beraterin und Ratsuchender stabil genug, um schwierige Schritte verlangen zu können?
- Hatte die Familie zu viele andere Aufgaben zu bewerkstelligen?[75]
- Braucht die Familie mehr Zeit und einen größeren Abstand zwischen den Terminen, um die Aufgaben ausführen zu können?
- Handelt es sich um Personen, die unter Zwang in die Beratungsstelle kommen, und mit denen ein eigenständiger Beratungsinhalt ausgehandelt werden muss?

Weiterhin ist für sozialpädagogische Beratungsprozesse die Dynamik von Druck- und Anreizfaktoren auf Seiten der Ratsuchenden zu berücksichtigen. Das Modell der Push- und Pull-Faktoren lässt sich als Vorgehensweise bei nicht gelingender Elternarbeit gezielt einsetzen. Push-Faktoren (Druckfaktoren) meinen dabei Mittel, die die Ratsuchenden zur Mitarbeit animieren sollen; Pull-Faktoren (Sogfaktoren)[76] hingegen stellen selbstmotivierende Anreize dar. Zu bedenken gilt es dabei, dass objektive Push-Faktoren subjektiv sehr unterschiedlich wirken können.[77]

3.4.1 Integration von Handlungsempfehlungen in den Alltag

Dem letzten Gliederungspunkt konnte entnommen werden, dass Kooperations-probleme im Beratungsalltag auftreten können und multikausal verursacht sind. Wie begegnet jedoch die Forschung der Annahme, dass Beratungsempfehlungen wiederkehrend nicht umgesetzt werden und dem mangelnden Willen an Kooperation der Eltern[78] zuzuschreiben sind?[79]

3.4.1.1 „Was machen Klienten mit Ratschlägen?“

Vorschläge und Ratschläge zu erteilen gilt als nicht ressourcenorientiert, potenziell entmündigend und Widerstand provozierend. Aus der Praxis der Beratungsarbeit ist jedoch bekannt, dass Beraterinnen manchmal nicht umhin kommen, eigene Ideen anzubieten. Die Reaktionen der Ratsuchenden darauf sind nicht durchgängig negativ. Offenbar provozieren Ratschläge nicht immer Ablehnung und Widerstand.[80] Handlungsempfehlungen werden dann positiv aufgenommen, wenn sie im Dialog und durch explizites Verständnis im Beziehungsaufbau sowie durch Anerkennung der bisherigen Bemühungen der Ratsuchenden vorbereitet werden.[81]

Pia Deimann und Ursula Kastner-Koller beschäftigen sich in ihrer Studie zur Compliance[82] in der Erziehungsberatung mit der Fragestellung, was Klienten mit Ratschlägen, die sie in der Beratung erhalten, tun.[83] Sie kommen dabei zu folgenden interessanten Ergebnissen.

Insgesamt kann die Compliance der untersuchten Klientel als gut beurteilt werden. Die durchschnittliche Rate des Vergessens der erteilten Ratschläge liegt bei einem Drittel, woraus sich die Schlussfolgerung ergibt, dass der Informationsgehalt eines Beratungsgesprächs auf wesentliche Aspekte beschränkt werden sollte. Die Beratungsinhalte sind über mehrere Monate konstant in Erinnerung.[84]

Ein Zusammenhang zwischen der Art des Problems (emotional, sozial, Lern- und Leistungsprobleme) und dem Ausmaß der Compliance erscheint plausibel. Bei Schwierigkeiten zu deren Lösung die Beratung im Sinne der Entscheidungsförderung verschiedene Handlungsmöglichkeiten und deren Realisierbarkeit aufzeigt, wurden die Interventionsvorschläge in hohem Maße umgesetzt. Dies war beispielsweise zu beobachten bei Familien, die sich bezüglich Lern- und Leistungsproblemen beraten ließen. Interventionsvorschläge wurden jedoch seltener von Ratsuchenden umge-setzt, die sich hinsichtlich sozial-emotionaler Probleme Hilfestellung suchten. Wo die Beratung auf tiefergreifende Veränderungen der Persönlichkeit, der bewussten und kritischen Reflexion der Sachverhalte, sowie der Familienbeziehungen abzielte, zeigte sich ebenfalls widerstrebendes Verhalten.[85]

3.5 Mangelnde Kooperation als Ausdruck psychologischer Reaktanz

Als psychologische Reaktanz gilt die von Brehm eingeführte Bezeichnung, mit der die Verweigerung oder andere negative Reaktionen, auf erbetene Hilfeleistung erklärt werden soll. Gemeint ist dabei der Widerstand, den eine Person zeigt. Dieser kann sich z.B. gegen eine versuchte Einstellungsänderung oder gegen ausgeübten Druck in Form einer Beschränkung von Handlungsalternativen zeigen.[86]

Ein starkes inneres Motiv des Menschen ist der Erhalt seiner Freiheit. Die Freiheit selbstständig denken, handeln und entscheiden zu dürfen, ohne durch äußere Umstände und Personen darin behindert zu werden[87], ist in logischer Konsequenz auch den Ratsuchenden, die eine Erziehungsberatung in Anspruch nehmen, wichtig. Eltern in der Beratungssituation haben grundsätzlich die Freiheit, bestimmte Verhaltensweisen auszuführen. Wenn sie jedoch bemerken, dass eine der freien Verhaltensweisen bedroht oder unmöglich gemacht wird, kann psychologische Reaktanz entstehen. Dieser motivationale Zustand ist dann notwendig, um die verlorene oder bedrohte Freiheit wiederherzustellen.[88]

4. Definition von psychologischer Reaktanz

Die Theorie der psychologischen Reaktanz beinhaltet Annahmen über Situationen des Alltagslebens, in denen die individuelle Freiheit von Personen bedroht oder eliminiert wird.[89]

Laut Brehm sind Menschen, die eine Einschränkung ihrer Wahlfreiheit wahrnehmen meist unangenehm[90] motivational erregt und darauf bedacht ihre Freiheit wiederher-zustellen. Die Motivation, die eliminierte oder von Eliminierung bedrohte Handlungs-alternative(n) wieder verfügbar zu machen, nennt Brehm psychologische Reaktanz.[91]

„Given that a person has a set of freedom behaviors, he will experience reactance whenever any of those behaviors is eliminated or threatened with elimination.”[92]

Der Begriff „Freiheit“ impliziert dabei, dass eine Person selbst entscheiden kann, ob, wann und wie sie handelt.[93] Der Freiheitsspielraum einer Person besteht demnach aus ihrer subjektiven Überzeugung eigenes Verhalten bestimmen,[94] und sich zwischen mehreren real gegebenen und relevant erscheinenden Alternativen entscheiden zu können.[95]

Die Elimination einer Freiheit durch sozialen Einfluss, indem Verhaltensalternativen entzogen werden, impliziert demnach Kontrollverlust,[96] weshalb es zum antikon-formen Verhalten als Widerstand gegen die externe Beeinflussung kommt. Antikonformes Verhalten ist demnach Ausdruck von psychologischer Reaktanz.[97]

4.1 Voraussetzungen für das Entstehen von psychologischer Reaktanz

Damit psychologische Reaktanz entstehen kann, müssen alle der folgenden Voraussetzungen zutreffen.[98]

1.) Eine Person muss die Vorstellung haben, sich frei zwischen gegebenen Alternativen entscheiden zu können.

2.) Diese Person muss wahrnehmen, dass ihre Entscheidungsfreiheit bedroht ist.

3.) Die Person muss weiterhin die Freiheit der Entscheidung für wichtig erachten.

Psychologische Reaktanz wird nur dann auftreten, wenn die Fremdeinengung als illegitim empfunden wird und sich die eingeengte Person der Beraterin ausgeliefert fühlt. Die Akzeptanz einer Einengung wird keine psychologische Reaktanz hervor-rufen.[99]

4.2 Möglichkeiten der Freiheitseinengung

Die Freiheit einer Person kann auf unterschiedlichen Wegen eingeengt werden. Es besteht die Möglichkeit, dass Verhaltensalternativen beschnitten werden und diese nicht mehr verfügbar sind. Auch ist es möglich Freiheit einzuengen, indem der betroffenen Person Handlungsweisen oder Meinungen aufgezwängt werden.

Es werden dabei äußere und innere Quellen der Freiheitseinengung/-bedrohung unterschieden.[100] Grundsätzlich kann eine Freiheitsbedrohung oder ein Freiheits-entzug auf drei Ebenen stattfinden.[101]

Erstens kann der soziale Einfluss , der weitgehend über die Kommunikation erfolgt, freiheitseinengend wirken. Das Verhalten anderer Personen sowie Verbote, Gebote und Instruktionen dieser, sind Freiheitseinengungen, die von sozialer Seite kommen.[102] Besonders die einseitige, unfaire, nicht nachvollziehbare und in ein bestimmtes Handlungsmuster drängende Kommunikation, wird dabei als einengend empfunden.

Zweitens können umweltbedingte Gegebenheiten , die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Person stehen einengend wirken. Das Setting der Beratung wie räumliche Gegebenheiten, anwesende Personen sowie die Entstehungsbe-dingungen der Beratungsaufnahme können bespielhaft genannt werden.

Drittens ist eigenes Verhalten entscheidend, indem sich (in Konfliktsituationen) für und somit gegen eine Alternative entschieden wird. In diesem Zusammenhang wird von inneren oder selbstverschuldeten Freiheitseinengungen gesprochen.[103]

4.2.1 Psychologische Reaktanz infolge Freiheitseinengung sozialen Ursprungs

Für den Beratungsprozess ist es notwendig, besonders die Freiheitseinengung sozialen Ursprungs zu beleuchten, da die Beraterin als Einflussnehmende bei der Ratsuchenden eine Freiheitseinschränkung auslösen kann. Diese Einschränkungen in der Beratungssituation können auf unterschiedliche Weise entstehen. Einige Möglichkeiten sollen anschließend genannt werden:[104]

- Wenn die Ratsuchende in ihrem Wert als Mensch in Frage gestellt und ihr Selbstkonzept[105] angegriffen wird.
- Wenn die Ratsuchende mit Veränderungserwartungen auf ihrer Einstellungsebene konfrontiert wird.
- Wenn die Ratsuchende gedrängt wird, etwas zu tun oder zu lassen (Handlungsebene).
- Wenn Einstellungsveränderungen bezüglich der Identität der Ratsuchenden zur Sprache kommen und diese Veränderungsideen von ihr als Zwang erlebt werden (Themenebene).

Die Freiheit einer Ratsuchenden, eine bestimmte Verhaltensalternative zu wählen, wird bereits dadurch bedroht, dass die Person glaubt, die Beraterin würde versuchen die Wahl der Alternativen zu beeinflussen. Je stärker sich die Ratsuchende in eine Richtung gedrängt fühlt, desto stärker wird sie versuchen sich dem Einflussversuch zu widersetzen.[106] Das Motiv der Reaktanz zeigt sich dann in einem „Bumerang“- Effekt.[107]

[...]


[1] Aufgrund meiner Erfahrungen in der Beratungsarbeit in einer interdisziplinären Frühförderstelle, werde ich aus dieser Sicht argumentieren, sofern meine eigene Meinung angezeigt ist.

[2] Behnisch schreibt dazu, dass Elternarbeit als schwieriger Arbeitsansatz gilt. Gleichzeitig zählt die ressourcen-orientierte und wertschätzende Elternarbeit zum Qualitätsstandard der Kinder- und Jugendhilfe. Vgl. Behnisch und Miers: Wer nicht will, der hat schon?, 10

[3] Aufgrund der Vielzahl der verwendeten Fachbegriffe in der wissenschaftlichen Literatur (Klientin, Kundin, Besucherin, Patientin, Ratsuchende usw.), habe ich mich für Ratsuchende entschieden, da dieser Begriff das zu beschreibende Beratungssetting am Deutlichsten ausweist. Da im Kontext der Erziehungsberatung hauptsächlich Frauen arbeiten und zumeist Mütter eine Beratungsstelle aufsuchen, werde ich im Folgenden die weibliche Form oder eine neutrale Mehrzahl der Termini, Frauen und Männer eingeschlossen, verwenden. Immer sind jedoch alle Individuen gemeint.

[4] Der Begriff Reaktanz bezeichnet in der Physik einen bestimmten Widerstand (Blindwiderstand) für Wechselstrom. Vgl. Bergius: „Reaktanz“ In: Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 644. In der vorliegenden Arbeit wird immer auf die psychologische Reaktanz rekurriert.

[5] Vgl. Brehm: Anwendung der Sozialpsychologie in der klinischen Praxis, 28

[6] Vgl. Brehm: A Theory of Psychological Reactance, 1966

[7] Vgl. Behnisch und Miers: Wer nicht will, der hat schon?, 12

[8] Ebd.

[9] Einige Studien werden im Verlauf der Arbeit erwähnt.

[10] Berner schreibt, dass Widerstände auf mind. sechs verschiedene Ursachen zurückgehen können. Reaktanz ist eine der Ursachen, neben Ängsten, Eigeninteressen, Rache und Vergeltung, sachlichen Vorbehalten und taktischen Erwägungen. Vgl. Berner: Widerstände. Vom Umgang mit Ängsten, Trotz und Interessenpolitik, 2

[11] Bei der persuasiven Kommunikation steht die gezielte seelische Beeinflussung durch Überredung eines Gesprächspartners im Vordergrund, mit dem Ziel Einstellungsänderungen zu erreichen, nicht jedoch Verständigung oder Informationsaustausch. Es kommen Methoden des Zuredens, Belehrens und Überredens, vorwiegend mit rationalen Mitteln zum Einsatz. Vgl. Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 565

[12] Vgl. Kähler: Soziale Arbeit in Zwangskontexten, 70

[13] Vgl. Berlardi: Soziale Arbeit und Beratung, 319

[14] Ebd. 325

[15] Widulle: Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit, 152

[16] Vgl. Schramm: Einführung in die Heilpädagogik, 48ff

[17] Vgl. Weiß u.a.: Soziale Arbeit in der Frühförderung und Sozialpädiatrie, 90

[18] Vgl. Weiß u.a.: Soziale Arbeit in der Frühförderung und Sozialpädiatrie, 90

[19] Vgl. Berlardi: Soziale Arbeit und Beratung, 321f

[20] SGB: Sozialgesetzbuch

[21] Schleicher benennt beispielhaft die §§ 1 Abs. 3 Nr.2, 16 Abs. 2 Nr. 2, 17, 18 Abs. 1, 28, 36 Abs. 1 S.1, 37 Abs. 1 u. 2, 51 Abs. 2, 53 Abs. 2-4 in denen die Erziehungsberatung erwähnt wird. Vgl. Schleicher: Jugend- und Familienrecht, 76

[22] Vgl. Uhlendorff et al.: Soziale Arbeit mit Familien, 132

[23] Vgl. Tiefel: Beratung und Reflexion, 15

[24] Vgl. Seithe: Hilfen zur Erziehung, 576

[25] Vgl. Menne: Erziehungs-, Ehe- und Familienberatung, 132

[26] Vgl. Tiefel: Beratung und Reflexion, 15f

[27] Vgl. Uhlendorff et al.: Soziale Arbeit mit Familien, 133

[28] Vgl. Aichhorn: Psychoanalyse und Erziehungsberatung, 9

[29] Vgl. Winkler: Rechtliche Rahmenbedingungen der Erziehungsberatung, 28

[30] Vgl. Zwicker-Pelzer: Beratung in der Sozialen Arbeit, 79

[31] Vgl. Menne: Erziehungs-, Ehe- und Familienberatung, 134f

[32] Vgl. Berlardi: Soziale Arbeit und Beratung, 323

[33] Vgl. Kaisen: Erwartungen an die Erziehungsberatung, 259

[34] Vgl. Aichhorn: Erziehungsberatung und Erziehungshilfe, 10f + 25

[35] Vgl. Schmidtchen et al: Das Bild der Erziehungsberatungsstelle, 169f

[36] Vgl. Schmidtchen et al: Das Bild der Erziehungsberatungsstelle, 169f

[37] Vgl. Kaisen: Erwartungen an die Erziehungsberatung, 25

[38] Ebd.

[39] Die Aufzählung ist exemplarisch zu verstehen und kann nicht alle Problemlagen umfassen, die Ratsuchende in eine Erziehungsberatung führen. Vgl. Menne: Erziehungs-, Ehe- und Familienberatung, 132f

[40] Vgl. Menne: Erziehungs-, Ehe- und Familienberatung, 132f

[41] Vgl. Behnisch und Miers: Wer nicht will, der hat schon?, 13

[42] Vgl. Informationen für Erziehungsberatungsstellen, 3f

[43] Vgl. Kähler: Soziale Arbeit in Zwangskontexten, 63f

[44] Vgl. Lenz: Praxis der Qualitätssicherung, 366

[45] Vgl. Uhlendorff et al.: Soziale Arbeit mit Familien, 170

[46] Vgl. Behnisch und Miers: Wer nicht will, der hat schon?, 12

[47] Vgl. Kähler: Soziale Arbeit in Zwangskontexten, 65

[48] Vgl. Lenz: Praxis der Qualitätssicherung, 345

[49] Vgl. Zwicker-Pelzer: Beratung in der Sozialen Arbeit, 48

[50] Vgl. Sacher: Elternarbeit, 101

[51] Vgl. Mücke: Probleme sind Lösungen, 239

[52] Vgl. Mücke: Probleme sind Lösungen, 239

[53] Vgl. Kähler: Soziale Arbeit in Zwangskontexten, 64

[54] Vgl. Lenz: Praxis der Qualitätssicherung, 369

[55] Vgl. Kaisen: Erwartungen an die Erziehungsberatung, 253

[56] Ebd. 256

[57] Vgl. Mücke: Probleme sind Lösungen, 221f

[58] Ebd. 123

[59] Ebd. 242

[60] SMART steht für die Adjektive s pezifisch, m essbar, a kzeptiert, r ealistisch und t erminierbar. Die Fragen: Sind die Ziele eindeutig und präzise formuliert; erkennbar, nachweisbar und ggf. messbar; übereinstimmend akzeptiert; möglich zu erreichen und bis zu einem geplanten Termin umzusetzen, sollen im Beratungskontext beantwortet werden. Vgl. Reichenbach und Thiemann: Lehrbuch diagnostischer Grundlagen, 18

[61] Vgl. Meyle: Erziehungsberatung auf dem „Prüfstand“, 396

[62] Vgl. Mücke: Probleme sind Lösungen, 241

[63] Vgl. Gerth: Qualitätsprodukt Erziehungsberatung, 63ff

[64] Vgl. Behnisch und Miers: Wer nicht will, der hat schon?, 11

[65] Ebd.

[66] Ebd. 12

[67] Ebd. 12f

[68] Vgl. Kaisen: Erwartungen an die Erziehungsberatung, 256

[69] Vgl. Kaisen: Erwartungen an die Erziehungsberatung, 256

[70] Ebd. 256f

[71] Vgl. Seithe: Hilfen zur Erziehung, 578

[72] Unter joining versteht man hier ein Abkommen zwischen den Ratsuchenden und der Beraterin, welches ein kooperatives Arbeitsbündnis zum Ziel hat und ressourcenorientiert arbeitet. Vgl. Boeger: Psychologische Therapie- und Beratungskonzepte, 135

[73] Vgl. Retzlaff: Spiel-Räume, 116f

[74] Ebd. 117f

[75] Beispiele können sein: Ferien, akute Erkrankungen usw.

[76] Häufig sind im Beratungskontext beide Faktoren gleichzeitig erkennbar. So können Eltern sich z.B. vor Interventionen in ihrer Familienkultur (Push-Faktor) fürchten, erhoffen sich zeitgleich aber auch einen Beitrag zum Bildungserfolg (Pull-Faktor) ihrer Kinder. Vgl. Behnisch und Miers: Wer nicht will, der hat schon?, 14

[77] Ebd.

[78] Ebd. 11

[79] In ihren Forschungen (Vgl. Deimann und Kastner-Koller: Was machen Klienten mit Ratschlägen?) verwenden die Autorinnen den Terminus „Ratschlag“. Soweit sich die Verfasserin auf diese Forschungsarbeit bezieht, verwendet sie diesen ebenfalls. Im weiteren Verlauf soll das Wort „Ratschlag“ jedoch durch ein Synonym ersetzt werden, weil ein Ratschlag immer auch Macht assoziieren lässt. Im Rahmen des Themas der Arbeit ist dies jedoch unpassend und reaktanzfördernd. Möglichkeiten der synonymen Verwendung sind laut Duden z.B. Empfehlung, Strategie oder Hilfestellung. Aufgrund der konkreten Formulierung wird „Handlungsstrategie“ bevorzugt.

[80] Vgl. Reichmann: Handbuch Ambulante Einzelbetreuung, 119

[81] Ebd. 120

[82] Unter Compliance wird die Bereitschaft der Ratsuchenden die therapeutischen/pädagogischen Maßnahmen zu akzeptieren und/oder zu befolgen verstanden. Vgl. Deimann und Kastner-Koller: Was machen Klienten mit Ratschlägen?, 46

[83] Ebd. 51f

[84] Ebd.

[85] Ebd.

[86] Vgl. Bergius: „Reaktanz“ In: Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 644

[87] Vgl. Trimmel: Angewandte Sozialpsychologie, 68

[88] Vgl. Dickenberger: Reaktanz, 96

[89] Vgl. Link: Widerstand gegen Freiheitseinengung im Zusammenleben von Mann und Frau, 5

[90] Vgl. Merz: Zum Abbau von psychologischer Reaktanz in praxis-relevanten Situationen, 561

[91] Vgl. Dickenberger: Reaktanz, 96

[92] Brehm: A Theory of Psychological Reactance, 4

[93] Ebd.

[94] Vgl. Link: Widerstand gegen Freiheitseinengung im Zusammenleben von Mann und Frau, 5f

[95] Vgl. Grabitz: Experimentelle Untersuchungen für das Auftreten von psychologischer Reaktanz, 10

[96] Vgl. Dickenberger: Reaktanz, 100

[97] Vgl. Grabitz-Gniech und Zeisel: Bedingungen für Widerstandsverhalten, 139

[98] Vgl. Link: Widerstand gegen Freiheitseinengung im Zusammenleben von Mann und Frau, 7

[99] Vgl. Dickenberger et al.: Die Theorie der psychologischen Reaktanz, 244f

[100] Vgl. Merz: Zum Abbau von psychologischer Reaktanz in praxis-relevanten Situationen, 561

[101] Vgl. Raab et al: Marktpsychologie, 65f

[102] Vgl. Merz: Zum Abbau von psychologischer Reaktanz in praxis-relevanten Situationen, 561

[103] Vgl. Merz: Zum Abbau von psychologischer Reaktanz in praxis-relevanten Situationen, 561

[104] Vgl. Häusermann-Schuler: Widerstand (Reaktanz), Zugriff: 2.3.2015

[105] „Das Selbst oder Selbstkonzept ist eine durch Erfahrungen gebildete und sich verändernde Struktur von Wahrnehmungen, Empfindungen und Werthaltungen, die eine Person bezogen auf sich selbst hat. Es ist das mehr oder weniger bewusst wahrgenommene Bild von sich selbst.“ Hobmair et al.: Psychologie, 433

[106] Vgl. Link: Widerstand gegen Freiheitseinengung im Zusammenleben von Mann und Frau, 6

[107] Als Bumerang-Effekt bezeichnet man die Reaktion eines Nachrichtenempfängers in eine entgegengesetzte Richtung auf eine zur Meinungs-, Einstellungs- oder Verhaltensänderung gegebene Nachricht des Nachrichten-senders. Vgl. Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 125

Details

Seiten
64
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668575868
ISBN (Buch)
9783668575875
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v381020
Institution / Hochschule
CVJM-Hochschule
Note
1,0
Schlagworte
Erziehungsberatung Reaktanz Beratung Auftragsklärung Kooperationsprobleme Qualitätsmerkmale Evaluation

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Dimensionen der Reaktanz in der Erziehungsberatung