Lade Inhalt...

Das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin als geschichtskulturelle Debatte

Eine geschichtsdidaktische Analyse der Debatte unter emotionalen Aspekten

Hausarbeit 2017 26 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffe und Konzepte der Geschichtsdidaktik
2.1. Geschichtskultur
2.2. Abgrenzung der Begriffe: Geschichtskultur und Erinnerungskultur
2.3. Emotionen

3. Debattenanalyse
3.1. Erster Themenblock: Geschichtskultur
3.2. Zweiter Themenblock: Emotionen
3.3. Eine geschichtsdidaktische Untersuchung

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1. Quellen
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der Debatte um das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal auf der Berliner Schlossfreiheit wird eine umfassende gesellschaftliche und symbolische Bedeutung zugeschrieben. Diese verläuft seit knapp zwanzig Jahren durchaus emotional aufgeladen. Bei der Einheitswippe handelt es sich um ein zentrales Projekt des nationalen Gedenkens, welches durch Bundestagsbeschlüsse bekräftigt wurde.1 Bedingt durch die von der Deutschen Gesellschaft e.V. veranstalteten Hearings soll die Öffentlichkeit in den Diskussionsprozess einbezogen wie auch Politik und Gesellschaft für das Thema sensibilisiert werden. Das entscheidende Ereignis war die große Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989. Von hier aus breiteten sich die öffentlichen Proteste in der gesamten DDR aus. Mit der Erinnerung an die friedliche Revolution vom Herbst 1989 und die Vollendung der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 wollen die Initiatoren der Deutschen Gesellschaft einen Beitrag zur positiven Traditionsbildung und -pflege sowie zur Identitätsstärkung der Bürger leisten. Dabei liegt ein besonderer Nachdruck auf die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands, welche ohne die revolutionären Entwicklungen in den Staaten des Ostblocks undenkbar gewesen wäre. Die friedliche Revolution nahm ihre Impulse aus der Mitte der Gesellschaft, folglich soll auch das Denkmal, das von unten und aus der Mitte der Zivilgesellschaft kommt, dieses Gefühl: „ Wir sind ein Volk “ widerspiegeln.2 Bekannterweise ist der Prozess der deutschen und europäischen Wiedervereinigung noch nicht abgeschlossen, somit sind die europäischen Grundwerte Freiheit und Demokratie täglich neu zu erobern und zu verteidigen. Der ehemalige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse interpretierte das Denkmal in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „ Mahnmal unseres historischen Gl ü cks “. Es solle daran erinnern, „ dass deutsche Geschichte auch mal gut ausgegangen (sei) “, vor allem „ angesichts unserer Schandtaten “, woran zum Beispiel das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin mahnt.3 Der Diskurs um das nationale Freiheits- und Einheitsdenkmal kam ohne einen anhaltenden Verweis auf ein herzustellendes Gleichgewicht zum Berliner Holocaust-Mahnmal nicht aus.4 Im geschichtskulturellen Diskurs wird die positiv besetzte Wende 1989/90 als „ Sternstunde der Deutschen “ verstanden.5 Inzwischen lassen die neuesten Entwicklungen hoffen, dass die Idee Gestalt annehmen kann. Am 12. Februar 2017 erklärte Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert zur Eröffnung der 16. Bundesversammlung in Berlin in seiner Rede: „ Ein Freiheitsund Einheitsdenkmal an einem zentralen Ort unserer Republik bleibt die noch immer ausstehende, aber notwendige Erg ä nzung unserer vielf ä ltigen Gedenklandschaft in Berlin “ . 6 Am 01. Juni diesen Jahres folgte der entsprechende Antrag für die Errichtung des Denkmals im Bundestag. Im Herbst 2019 soll das Denkmal in Berlin zum 30. Jahrestag des Mauerfalls eingeweiht werden.7

Eine geschichtskulturell inspirierte geschichtsdidaktische Forschung fragt danach, „ wie eine Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte umgeht “.8 In den vergangenen Jahrzehnten konnte eine stete Zunahme an geschichtskulturellen Phänomenen wahrgenommen werden.15 Im Rahmen der Geschichtskulturforschung lag das Interesse deutlich auf der Betrachtung der Denkmäler und ihrer rezeptionsgeschichtlichen Struktur als Erinnerungsorte.9 Holger Thünemann erklärt in seinem Aufsatz aus dem Jahr 2008, dass Denkmäler nicht einfach nur Spiegelbilder historischen Bewusstseins, sondern ausgesprochen motivierende Orte historischen Lernens seien. Er fordert nachdrücklich die historische Kontextualisierung von Denkmälern. Des Weiteren hält er an einem erweiterten Geschichtskulturkonzept fest. Ziel dabei sei es, eine Differenzierung zwischen materialisierten und kommunikativen Bestandteilen von Geschichtskultur vorzunehmen.10 Der Geschichtsdidaktiker Marko Demantowsky nimmt in seiner Abhandlung eine Unterscheidung von Geschichtskultur und Erinnerungskultur vor. Ebenso greift Demantowsky den Aspekt der Kommunikation auf:

„Es geht vielmehr um eine abstraktere Ebene dieses Phänomens, nämlich darum, welches Konzept es denn nun eigentlich genau sein soll, mit Hilfe dessen man die Mannigfaltigkeit politisierter, kulturalisierter und kommerzialisierter Vergangenheitsbezüge in der Kommunikation unserer Gesellschaft begreifen möchte.“

Er bevorzugt das Konzept der Geschichtskultur, betont aber gleichzeitig, dass das Geschichtskulturkonzept in seiner Entwicklung noch nicht endgültig abgeschlossen sei. Trotz alledem gebe es bei dem Konzept der Erinnerungskultur noch mehr Diskussionsbedarf.11

Trotz des emotional turn 12, der Emotionen zum Forschungsstand werden ließ, wurden bisher die emotionalen Aspekte in der Geschichtswissenschaft wenig reflektiert. Es zeichnet sich eine jahrelange Vernachlässigung und Tabuisierung von Emotionalität als geschichtsdidaktische Kategorie ab.13 Im Sammelband von Juliane Brauer und Martin Lücke wird sich geschichtsdidaktisch mit den Emotionen auseinandergesetzt. Die Autoren gehen grundlegend davon aus, dass Emotionen sowohl auf der Subjekt- als auch der Objektebene Einfluss nehmen, was als Geschichte intersubjektiv nachvollzogen wird. Dadurch werden Emotionen als historisch, veränderbar sowie als Teil einer kulturell, politisch und sozial gewordenen Gemeinschaft und ihrer Geschichtskultur begriffen.14 Die Forschung zeigt, dass Emotionalität nicht nur zunehmend die Identitätssuche der jungen Generation bestimmt, sondern auch als theoretische Kategorie verstärkt ins gesellschaftliche Bewusstsein dringt.15 Es fehlt nach wie vor die Anerkennung von Emotionen als geschichtsdidaktische Kategorie.16 Eingangs lässt sich somit vor dem Hintergrund der vorherigen Überlegungen folgende Arbeitshypothese aufstellen:

Denkmäler und Debatten um Denkmäler sind beides Aspekte von Geschichtskultur. Im Kern bleibt die Debatte um das geplante Denkmal als geschichtskulturelle Debatte, in der sich verschiedene Arten des geschichtskulturellen Umgangs mit dem Ereignis der Wiedervereinigung zeigen. Exemplarisch wird dieser Prozess am Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin veranschaulicht. Dabei richtet sich der geschichtsdidaktische Blick auf die kollektiven Emotionen in der Debatte. Analysiert werden sollen hier mehrere Debattenausschnitte mithilfe von geschichtsdidaktischen Konzepten. Dabei gehe ich besonders der Emotionsfrage nach. Das Fazit meiner Arbeit beinhaltet zum einen die Marko Demantowksy: Geschichtskultur und Erinnerungskultur: Zwei Konzeptionen des einen Gegenstandes. Historischer Hintergrund und exemplarischer Vergleich. In: Geschichte, Politik und ihre Didaktik 33 (2005), S. 11-20.

Beantwortung der obigen Fragestellung und stellt zum anderen geschichtsdidaktische Herausforderungen heraus.

2. Begriffe und Konzepte der Geschichtsdidaktik

Im Folgenden wird eine Begriffs- und Konzeptanalyse von geschichtskulturellen Phänomenen durchgeführt, um eine grundsätzliche Beurteilung der Geschichtskultur sowie eine Unterscheidung zweier Begriffe vorzunehmen.

2.1. Geschichtskultur

Der Begriff Geschichtskultur, welcher erstmalig in den 90er Jahren von Jörn Rüsen im Sinne der heutigen Geschichtsdidaktik gebraucht wurde, integriert sämtliche Formen, Erscheinungsbilder, Ereignisse, Orte und Produkte, die im Umgang mit Geschichte entstehen. Heutzutage gilt er als tragender Begriff der geschichtsdidaktischen Disziplin: „ Noch niemals gab es eine so intensive, vor allem mediale Vermittlung von Geschichte wie heute “ . Als Zentralkategorie des Geschichtsbewusstseins18 versteht sich die Geschichtskultur als kollektives Konstrukt19 und unterscheidet sich in drei20 beziehungsweise vier Dimensionen21. Die Theorie der Geschichtskultur umfasst die Analyse der Geschichte in der Öffentlichkeit und Alltagswelt.22 Rüsen bemüht sich um eine abstrakte und theorielastige Definition. Er definiert Geschichtskultur als „ praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein im Leben einer Gesellschaft “ 23, wobei er im Rahmen des zu besprechenden Konzepts den Terminus des Geschichtsbewusstseins ausarbeitet.24 Unter Geschichtskultur versteht er den Umgang der Gegenwart mit Geschichte und macht zugleich auf die Vermittlungsposition des Geschichtsbewusstseins aufmerksam, „ [...] also die durch das Geschichtsbewusstsein geleistete historische Erinnerung “ . 25 Der Historiker unterscheidet die ä sthetische von der kognitiven und politischen Dimension der Geschichtskultur. Die drei Dimensionen durchdringen sich gegenseitig.26 In erster Linie wird die historische Erinnerung durch drei Dimensionen normalisiert und bestimmt. Sie entsprechen den drei Arten menschlicher Mentalität, dem Gefühl, dem Willen und dem Verstand.27 Zusätzlich beobachtet er „ ein Streben nach wechselseitiger Instrumentalisierung “. Die Problematik besteht darin, dass sobald eine Dimension den Prozess des Geschichtskultur dominiert, diese die anderen Dimensionen versucht zu instrumentalisieren.28

Das Konzept der Geschichtskultur zielt auf das Herstellen „eine(r) Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ ab. Die Auseinandersetzung mit und die Darlegung der Vergangenheit soll den Menschen bei ihrer eigenen und gemeinschaftlichen Identitätsfindung helfen. Des Weiteren soll sie zum Beispiel durch Denkmäler die Erinnerung bewahren.29 Denkmäler und Debatten sind beides Aspekte von Geschichtskultur.30 Die Realisierung des Denkmals würde eine geschichtskulturelle Objektivation entstehen lassen, dessen Analyse mit dem angeführten Forschungsthema mehrdimensional und aus der Gegenwartsperspektive heraus untersucht werden könnte.

Jeder Mensch erinnert sich individuell, wobei er allezeit von der Gesellschaft beeinflusst wird. Somit führt die Geschichtskultur zu einem kollektiven Erzeugnis, indem individuelle Erinnerungen in der Gesellschaft gesammelt und kollektiv erlebt werden. Das Zusammenspiel kollektiver und individueller Ausprägung markiert den dazugehörigen Gesellschaftsbezug. Dies führt zu einem weiteren Begriff, dem der Erinnerungskultur, der im engen Zusammenhang mit Geschichtskultur steht und deshalb eine Abgrenzung nötig macht.

2.2. Abgrenzung der Begriffe: Geschichtskultur und Erinnerungskultur

Beide Konzepte haben sich „ unabh ä ngig voneinander mit eigenen Terminologien entwickelt “ und folgen „ deshalb auch keiner gemeinsamen Systematik oder Herangehensweise “ . 31 Unter Erinnerungskultur versteht man „ alle denkbaren Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Pers ö nlichkeiten und Prozesse, seien sie ä sthetischer, politischer oder kognitiver Natur “.32 Das ständige Vorhandensein der Erinnerung und die Beschäftigung mit ihr selbst ist ein zentraler Ausgangspunkt gedächtnistheoretischer Ansätze. Keine Gesellschaft kann auf Erinnerung verzichten. Erinnerung artikuliert sich auch in ihrer Bestimmungsmacht in der Geschichtskultur. Es lassen sich drei sichtbare Stadien der Erinnerung: eine kommunikative, eine soziale und eine kulturelle Struktur in der Geschichtskultur finden.33

Nach Marko Demantowksy muss die konzeptionelle Entwicklung von Geschichtskultur abgeschlossen werden, um ein endgültiges Urteil einer Abgrenzung der beiden Begriffe zu treffen. Für den Geschichtsdidaktiker laufen beide Konzeptionen parallel ab.34

2.3. Emotionen

In der bundesdeutschen Geschichtsdidaktik fanden Emotionen relativ wenig Beachtung.35 Emotionen stellen unter anderem vergangene Gefühle dar, welche individuell und subjektiv wahrgenommen werden können, aber auch in menschlichen Gruppen in einem Gemeinschaftserleben als kollektive Gefühle (collective feelings 36 ), also objektiv empfunden werden. Gefühle sind ein substanzieller Teil von Geschichtskultur, sie sind Teil der Vergangenheit selbst und können in emotionalen Gemeinschaften empfunden werden.

„Gefühle konstituierten also Individualität und Nähe, ebenso wie sie Menschen verbanden und zusammenfügten. Ihr sicht- und lesbarer Ausdruck in Mimik, Stimme und Körpersprache erlaubte Annäherungen und stiftete Beziehungen zwischen Bekannten und Unbekannten.“37

Ihre Rolle ist ambivalent: Sie können den Zugang zur Vergangenheit öffnen oder verschließen. Emotionen strukturieren die Kommunikation und den sozialen Raum maßgeblich. In diesem Zusammenhang erscheint die Frage, wie Gefühle gegenüber dem beschriebenen Denkmal entstehen und wie Emotionen die Einstellung zum Denkmalkultus bestimmen können besonders interessant. Die Einbindung von Emotionen verbindet unser Geschichtsbild und macht eine Kategorisierung der verschiedenen Ebenen von Emotionen nötig.38 Es ist wichtig sich klarzumachen, welche Funktion von Emotionen gemeint sind und wo der systematische Ort in den vielschichtigen Prozessen liegt, in denen sich Subjekte vergangene Wirklichkeiten als Geschichte aneignen. Dabei kann das historische Lernen als Resultat einer Begegnung mit Geschichte gelten. Emotionen sind Thema und Gegenstand historischen Lernens ebenso grundlegender Teil des Lernprozesses selbst. Emotionen sind geschichtsmächtig, indem sie sich im Prozess des Erinnerns auch die Historiziät und Alterität von Emotionen vergegenwärtigen. Emotionen können als Bestandteil kommunikativer Praktiken dimensioniert werden. Folglich kann systematisch nach der Bedeutung von Emotionen in Objektivationen von Geschichtskultur gesucht werden.39

Der wissende Körper (mindful body)40 als Akteur von Geschichtskultur lässt Emotionen in den alltäglichen Praktiken entstehen. Ein solcher wissender K ö rper ist Bestandteil von Geschichtskultur, also von jedem „ kollektiven Konstrukt “, das sich als soziales System41 begreifen lässt, in der „ eine kulturell durchformte Kommunikation, die auf bestimmte Weise Geschichte als Bedeutung erzeugt “ .42

Emotionen in Form eines Diskurses werden im politischen Raum wie folgt definiert:

„Emotionale Diskurse lassen sich als verstetigte soziale Praktiken verstehen, daher erfolgt eine intertemporale Gegenüberstellung, um mögliche Veränderungen emotionaler Diskurse [...] sichtbar zu machen.“43

3. Debattenanalyse

Die Geschichte des Freiheits- und Einheitsdenkmals beginnt bereits im Jahr 1998. Am 13. Mai 1998 forderten die Initiatoren der Denkmalsidee Bundesregierung, Bundestag, Bundesrat und Berliner Senat in einem offenen Brief auf, anlässlich des 10. Jahrestages der friedlichen Revolution von 1989 ein Freiheits- und Einheitsdenkmal zu errichten.44 Als Standort schlugen sie den großen Sockel des ehemaligen Denkmals Kaiser Wilhelm I. auf der Berliner Schlossfreiheit vor. Die Initiative der Deutschen Gesellschaft e.V. erzeugte positive Resonanz, sodass der Bundestag über das geplante Denkmal debattierte.45 Über die Jahre hinweg sind dank des Engagements von der Deutschen Gesellschaft e.V. drei öffentliche Hearings zustande gekommen. Die interessierte Öffentlichkeit diskutierte über die grundsätzliche Frage, welche Bedeutung haben Denkmäler für die Geschichtskultur. Die Debatte der Deutschen Gesellschaft e.V. spiegelt die Geschichtskultur der interessierten Öffentlichkeit wider, wohingegen der Diskurs im Bundestag eher den geschichtspolitischen Aspekt im Vordergrund sieht. Aufgrund dessen eignet sich die von der Deutschen Gesellschaft e.V. geführte Debatte besser, um sich einen möglichst authentischen Eindruck von der deutschen Geschichtskultur zu verschaffen. Die Auseinandersetzung mit der bekannten Debatte ist von geschichtsdidaktischer Relevanz, weil sich geschichtskulturelle Elemente in der Debatte festmachen lassen. Zusätzlich sind weitere geschichtsdidaktische Konzepte in der Debatte erkennbar. Der emotionale Aspekt wird neben dem geschichtskulturellen Phänomen untersucht. Hierbei stellt sich die Frage, welcher Zusammenhang zwischen Geschichtskultur und Emotionen besteht.

Das zweite Hearing 46 der Deutschen Gesellschaft e.V. fand am 14. Juni 2007 in der Berliner Nikolaikirche statt und kann der Grunddiskussion über Sinn und Form eines Denkmals zugeordnet werden. Diese Konsultation dient als zeitgeschichtliche Quelle meiner Seminararbeit und wird in erstens Er ö ffnungsvortrag und zweitens Diskussion und Meinungsbilder unterteilt. Den Eröffnungsvortrag hält Dr. Dorothee Wilms ab, sie betont unter anderem die Notwendigkeit einer Erinnerungskultur in einer Gesellschaft und spricht sich gegen das „ Vergessen “ aus, in dem sie meint, die Errichtung des Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin setze sichtbare Zeichen der Erinnerung und Mahnung zugleich. Auf dem Podium diskutieren Prof. Dr. Egon Bahr, Günter Nooke und Hannelore Steer. Der Moderator Jürgen Engert führt durch die Diskussion und stellt jedem Experten gezielte Fragen. Insgesamt wurden zehn Fragen in der Diskussionsrunde gestellt. Am Ende des Expertendiskurses kommt das Publikum zu Wort. Dieser Gesichtspunkt unterstreicht nochmals die Authenzität und Bedeutung der geführten Debatte. Aus dem zweiten Hearing sollen folgende zwei Ausschnitte analysiert werden (1. S. 83-88, 2. S. 89-103). Die Analyse bedient sich dreier Methoden, dem heuristischen Konzept der Geschichtskultur von Bernd Schönemann, dem Dimensionenkonzept

1 Grundlage ist der Beschluss des Deutschen Bundestages vom 9. November 2007: „Die Bundesrepublik Deutschland errichtet in Erinnerung an die friedliche Revolution im Herbst 1989 und an die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands ein Denkmal der Freiheit und Einheit Deutschlands, das zugleich die freiheitlichen Bewegungen und die Einheitsbestrebungen der vergangenen Jahrhunderte in Erinnerung ruft und würdigt. Das Denkmal soll in der Mitte Berlins stehen“. In: Andreas H. Apelt: Der Weg zum Denkmal für Freiheit und Einheit, Schwalbach/Ts. 2009, S. 8.

2 Apelt 2009, S. 97.

3 Bundestag beschließt: Berlin erhält ein Freiheitsdenkmal. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. November 2007; Carsten Volkery: Denkmal zur Deutschen Einheit: „Ein Mahnmal historischen Glücks“. In: Spiegel Online vom 9. November 2007. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/denkmal-zur-deutschen-einheit-ein-mahnmal-historischen- gluecks-a-516460.html (abgerufen: 01.08.2017).

4 Holger Thünemann: Mehr Denkmäler - weniger Gedenken? In: Public History Weekly 1 (2013) 8. https://public-history- weekly.degruyter.com/1-2013-8/denkmaeler-ohne-gedenken/ (abgerufen am: 01.08.2017).

5 Anm. 3.

6 Norbert Lammert, 12. Februar 2017. Eineitsdenkmal wird doch gebaut. In: Zeit-Online. http://whww.zeit.de/politik/deutschland/2017-02/berlin-einheitsdenkmal-einheitswippe-bundestag (abgerufen am: 01.08.2017).

7 MDR Kultur: Klare Mehrheit im Bundestag. Das Freiheits- und Einheitsdenkmal kommt. 02.06.2017. http://www.mdr.de/kultur/freiheit-und-einheitsdenkmal-berlin-100.html (abgerufen am: 01.08.2017).

8 Hans-Jürgen Pandel: Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis, Schwalbach/Ts. 2013, S. 64.

9 Lutz Engelskirchen: Denkmal im politischen Raum. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck in seinem Jahrhundert. Bd.1. Bochum 2013, S. 12.

10 Holger Thünemann: Denkmäler als Orte historischen Lernens im Geschichtsunterricht. Herausforderungen und Chancen. In: Handro, Saskia/ Schönemann, Bernd (Hg.): Orte historischen Lernens. Berlin 2008, S. 197-208.

11 Marko Demantowksy: Geschichtskultur und Erinnerungskultur: Zwei Konzeptionen des einen Gegenstandes. Historischer Hintergrund und exemplarischer Vergleich. In: Geschichte, Politik und ihre Didaktik 33 (2005), S. 11-20.

12 Zu diesem Terminus siehe: Thomas Anz: Emotional Turn? Beobachtungen zur Gefühlsforschung. In: literaturkritik.de, 8.2016, http://literaturkritik.de/id/10267 (abgerufen am: 01.08.2017). Ute Frevert: Was haben Gefühle in der Geschichte zu suchen? In: Geschichte und Gesellschaft. 35 (2009), H. 2, S. 183-208, hier S. 184.

13 Vgl. dazu: Wolfgang Hasberg: Emotionalität historischen Lernens. Einblicke in und Ausblicke auf empirische Forschung. In: Juliane Brauer/ Martin Lücke (Hg.): Emotionen, Geschichte und historisches Lernen. Geschichtsdidaktische und geschichtskulturelle Perspektiven. Göttingen 2013, S. 48ff.

14 Juliane Brauer/ Martin Lücke (Hg.): Emotionen, Geschichte und historisches Lernen. Geschichtsdidaktische und geschichtskulturelle Perspektiven. Göttingen 2013.

15 Anm. 12.

16 Ulrich Mayer u.a. (Hg.): Wörterbuch der Geschichtsdidaktik. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Schwalbach/Ts. 2009.

17 Vgl. dazu: Johanna Haberer: Medialisierung des kulturellen Gedächtnisses. In: Politik & Kultur Zeitschrift des Deutschen Kulturrates 4 (2015), S. 17.

18 Mayer u.a. 2009, S. 74f. Vgl. zum Zusammenhang von Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur: Schönemann 2003, S. 17; Hasberg 2006, S. 50. Problematisches Verhältnis von GB und GK, Thünemann kritisiert Rüsen: Thünemann 2005, S. 20: „Diese Bestimmung ist in mindestens dreifacher Hinsicht problematisch“ sowie „[...] die Engführung von GK und Bewusstsein, Zielorientierung, Intention“, S. 21.

19 Bernd Schönemann: Geschichtsdidaktik und Geschichtskultur. In: Mütter, Bernd/Schönemann, Bernd/ Uffelmann, Uwe (Hg.): Geschichtskultur. Theorie-EmpiriePragmatik. Weinheim 2000, S. 55. Bernd Schönemann zufolge können Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur als „zwei Seiten einer Medaille“ begriffen werden, wobei das Geschichtsbewusstsein als individuelles Konstrukt und die Geschichtskultur als kollektives Konstrukt wirkt.

20 Jörn Rüsen: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art über Geschichte nachzudenken. In: Fußmann, Klaus/ Grütter, Heinrich Theodor/ Rüsen, Jörn (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute. Köln u.a. 1994, S. 3-26.

21 Thünemann 2008, S. 200: Nach Thünemann gibt es insgesamt fünf Dimensionen der Geschichtskultur. Er ergänzt das Konzept von Rüsen, indem er sagt, es gebe noch eine religiöse und eine ökonomische Dimension.

22 Vgl. Irmgard Zündorf: Zeitgeschichte und Public History. Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010. http://docupedia.de/zg/Zuendorf_public_history_v1_de_2010 (abgerufen am: 01.08.2017).

23 Rüsen, Jörn: Geschichtskultur, in: GWU 46 (1995), S. 513.

24 Siehe zum problematischen Verhältnis von Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur: Thünemann 2005, S. 25: Thünemann erklärt mithilfe des Gedächtnisparadigmas das Verhältnis von Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur.

25 Jörn Rüsen: Historisches Lernen. Grundlagen und Paradigmen. Schwalbach/Ts. 2008, S. 242. Ebd. 1994 a, S. 11. Rüsen verwendet historische Erinnerung und Geschichtkultur teilweise gleichlautend.

26 Ders.: Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art über Geschichte nachzudenken. In: Fußmann, Klaus/ Grütter, Heinrich Theodor/ Rüsen, Jörn (Hg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute. Köln u.a. 1994, S. 3-26.

27 Ders.: Historisches Lernen. In: Klaus Bergmann u.a. (Hgg.). Handbuch der Geschichtsdidaktik 5., überarb. Auflage. Seelze-Velber 1997, S. 39.

28 Rüsen 1995, S. 514ff.

29 Triepke, Sandra: Geschichtskultur und Erinnerungskultur. In: Fritz, Gerhard (Hg.): Fachwissenschaft Geschichte, Stuttgart 2011, S. 26.

30 Thünemann 2005, S. 24: „Trotzdem ist es hilfreich, sich bewusst zu machen, dass nicht nur fertiggestellte Denkmäler, sondern auch die vorausgegangenen Kontroversen Bestandteile von Geschichtskultur sind.“

31 Vadim Oswalt/ Hans-J. Pandel: Geschichtskultur. Die Anwesenheit von Vergangenheit in der Gegenwart. Schwalbach/Ts. 2009, S. 8.

32 Christoph Cornelißen: Was heißt Erinnerungskultur. Begriff - Methoden - Perspektiven. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 54 (2003), S. 548-563, hier S. 550. Siehe auch ders.: Erinnerungskulturen, Version 2.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte. https://docupedia.de/zg/Erinnerungskulturen_Version_2.0_Christoph_Corneli%C3%9Fen (abgerufen am: 01.08.2017).

33 Rüsen 2008, S. 229. Dazu grundlegend: Rüsen 2008 (Anm. 205).

34 Demantowsky 2005, S. 18.

35 Zur Geschichte der Gefühle siehe: Nina Verheyen: Geschichte der Gefühle. Version 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 18.06.2010. http://docupedia.de/zg/Geschichte_der_Gef%C3%BChle (abgerufen am: 01.08.2017).

36 Sara Ahmed: Collective Feelings: Or, the Impression Left By Others. Theory, Culture Society 21/2, 2004, S. 25-42. Emotionen als collective feelings sind die Vermittlerinstanz zwischen Körper bzw. Geist und Gesellschaft, eine zentrale Dimension von Erfahrung und Erkenntnis.

37 Ute Frevert: Gefühlswissen in der Moderne - Entwicklungen und Ergebnisse. In: Ute Frevert u.a. (Hg.): Gefühlswissen. Eine lexikalische Spurensuche in der Moderne. Frankfurt a.M. u.a. 2011, S. 269.

38 Frevert 2009.

39 Brauer u.a. 2013, S. 11-24.

40 Ebd., S. 101.

41 Schönemann 2000, S. 58f.

42 Schönemann 2003, S. 18.

43 Sahra Rausch: Ein unfassbares deutsches Glück. Emotionen in der Erinnerungspolitik zum 25. Jahrestag von Mauerfall und Wiedervereinigung. Oldenburg 1/2017.

44 Brief der Initiatoren vom Mai 1998. In: Apelt 2009, S. 33-35.

45 Siehe dazu: Plenarprotokoll 16/124, Berlin, Freitag, den 9. November 2007. Bes. S. 21. http://gruener-aufbau- ost.de/fileadmin/dokumente/2006_2009/Plenarprotokoll_16124_Debatte_SDE.pdf (abgerufen am: 01.08.2017).

46 Apelt 2009, S. 83-113.

Details

Seiten
26
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668575547
ISBN (Buch)
9783668575554
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380950
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Abteilung für Didaktik der Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Denkmal Freiheit Einheit DDR Ost West Didaktik Geschichte Berlin

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin als geschichtskulturelle Debatte