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Systemtheorie. Planwirtschaft und Komplexität. Die DDR mit Niklas Luhmann konfrontiert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 15 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

I. Moderne Gesellschaft und Sozialismus

II. Systemtheorie
II.a Komplexität, Kontingenz und Risiko
II.b Funktionssysteme und ihre Medien
II.c Steuerung und Zukunftsplanung

III. Sozialistische Planwirtschaft
III.a Ideologie
III.b Planwirtschaft vs. Marktwirtschaft

IV. Diskussion und Fazit

Literatur und Quellen

I. Moderne Gesellschaft und Sozialismus

In der folgenden Arbeit wird eine Ideologie mit einer Theorie konfrontiert. Der Sozialismus als einflussreiche Ideologie des 19. und 20. Jahrhunderts beeinflusste die politische, wirtschaftliche und allgemein gesellschaftliche Organisation auf dem halben Erdball. Mit wissenschaftlichem Antlitz begründete sich der Sozialismus auf Gesellschaftstheorien wie der Marxistischen Analyse des Kapitalismus, der ein Ende der Zeit prognostizierte und mit der Leitdifferenz Kapital/Arbeit das Grundübel der damaligen Zeit gefunden zu haben dachte (Luhmann 1988: 156 ff.). Heute ist die Welt eine Andere als zu Zeiten von Marx, zumindest in den entwickelten Industriestaaten. Es hat sich eine breite Mittelschicht ausgebildet, die demokratisch an der politischen Willensbildung teilhaben kann. Der Wohlstand allgemein ist gestiegen und für den einzelnen Menschen besteht eine damals kaum gekannte Freiheit, über den Verlauf des eigenen Lebens zu bestimmen.

Nach dem Mittelalter kamen mit Luther, der Aufklärung und der Industrialisierung große gesellschaftliche Umbrüche: Berufe werden durch Arbeitsteilung immer spezieller, der gesellschaftliche Status einer Person hängt immer mehr vom Einkommen ab, nicht von der Zugehörigkeit zum Adel oder Klerus. Allgemein steigt die Unsicherheit über die Zukunft durch wirtschaftliches Wachstum, Globalisierung und technologischen Fortschritt. Die Wissenschaft versuchte, die großen Umbrüche zu verstehen. Da offensichtlich die Wirtschaft das treibende Moment der gesellschaftlichen Veränderungen war, waren es Ökonomen und Philosophen wie Adam Smith oder David Ricardo, die mit theoretischen Überlegungen und Beobachtungen versuchten, diese zu beschreiben und zu verstehen. Später gewann Marx an Bedeutung, der in der Akkumulation des Kapitals und der strikten Trennung von Kapital und Arbeit die Grundlagen des Kapitalismus sah und mit dem tendenziellen Fall der Profitrate und damit der Zerbrechlichkeit der herrschenden Klasse ein Zerbrechen der Zwei Klassen-Ordnung prognostizieren konnte.

Darauf aufbauend entwickelte sich der real existierende Sozialismus als politische Ideologie, denn die Frage war nicht mehr ob, sondern wann der Kapitalismus zerbricht und eine Diktatur des Proletariats herrscht. Von nun an sollte die Politik alles bestimmen: Nicht mehr auf Märkten, sondern in Fünfjahresplänen wurden Preise, Zinsen, Quoten festgelegt. Damit bürdete sich der Staat die Aufgabe auf, Entscheidungen zu treffen, die sonst Millionen Einzelner treffen. Kann eine solche Planwirtschaft funktionieren?

Niklas Luhmanns Theorie Sozialer Systeme, also die soziologische Variante der allgemeinen Systemtheorie, geht vom Kernproblem Komplexität aus. Ein System ist demnach komplex, wenn nicht alle Elemente miteinander verbunden sein können (Baraldi et al. 2015: 93 ff.). Je mehr Elemente in einem System wie Politik, Recht oder Wirtschaft existieren, desto mehr mögliche Relationen können bestehen, desto weniger kann das System selbst die eigenen Relationen kontrollieren. Versucht nun ein Politbüro, alle den Staat betreffenden Funktionssysteme zentral zu verwalten, kann es sich nur in der Komplexität verlaufen oder die Elemente der Systeme müssten drastisch reduziert werden, um die möglichen Relationen bestimmen zu können. Allein durch Beobachtung eines Systems und die Kommunikation mit einem System kann keine Kontrolle ausgeübt werden: Die Beobachtung eines komplexen Systems benötigt zwar eine Komplexitätsreduktion, diese besteht allerdings nur für das beobachtende und nicht das beobachtete System.

Verschiedene Kommunikationsmedien verschiedener Funktionssysteme der Gesellschaft zeigen, dass nicht alle Systeme der gleichen Logik folgen. Während die Wirtschaft mit Zahlungen kommuniziert und mit Preisänderungen reagiert, trifft die Politik zeitlich getaktete Entscheidungen mit politischen Mehrheiten, die alle Jahre neu gewählt werden und das Recht beruft sich auf Gesetze und Rechtssprechung der Vergangenheit und Auslegungen der Gegenwart.

Der Sozialismus mit einem planwirtschaftlichen System muss also auf diese Komplexität der moderne Gesellschaft entsprechend reagieren und mit ihr umgehen können, denn er schrieb sich nicht auf die Fahnen, rückständig zu sein und die Gesellschaft in einfache, archaische Verhältnisse zurückführen zu wollen, sondern er wollte, mit der kommunistischen Geschichtsphilosophie im Rücken, die Gesellschaft auf ihre Zukunft vorbereiten. Die Arbeit will sich weiter dem systemtheoretischen Verständnis der modernen Gesellschaft nähern und den Sozialismus, speziell die Planwirtschaft in Theorie und Praxis, mit dieser konfrontieren mit der Leitfrage:

Welche Auswirkungen hat eine Planwirtschaft auf eine komplexe Gesellschaft?

II. Systemtheorie

II.a Komplexität, Kontingenz und Risiko

Die Systemtheorie postuliert Soziale Systeme, die funktional differenziert sind (Luhmann 1987: 30 ff.). Das heißt, die (Welt-)Gesellschaft ist das größtmögliche Soziale System, denn sie ist der größte denkbare Rahmen, in dem Kommunikation stattfinden kann. Weiter gibt es Funktionssysteme wie Politik, Recht, Wirtschaft etc., die verschiedene Kommunikationen verarbeiten. Die Wirtschaft über Zahlungen/Geld, die Politik über Macht und das Rechtssystem über Recht/Unrecht. Je größer ein System ist, desto unüberschaubarer sind alle seine Kommunikationen. Damit ist ein System ein komplexes System (ebd. 45 ff.): Das System kann sich selbst nicht mehr beobachten, auch andere können das System nicht beobachten, ohne Komplexität zu reduzieren. Damit muss das System weitere Komplexität aufbauen, um Probleme zu bearbeiten und sich an die sich ändernde Umwelt anzupassen (Autopoiesis; II.c).

Demokratien benötigen und schaffen Komplexität. Ohne die Aussicht, zu einer Änderung der Politik beitragen zu können, würde sich niemand beteiligen, da es aussichtslos wäre. Besteht aber Komplexität im politischen System, kann aus verschiedenen Möglichkeiten ausgewählt werden; eine Entscheidung ist damit kontingent, also nur eine neben anderen Möglichen. Damit entwickeln sich in der Umwelt des politischen Systems weitere Vorstellungen, Wünsche, politische Einstellungen, die wiederum Einfluss auf zukünftige Entscheidungen im politischen System nehmen wollen. Die Umwelt des Systems wird wiederum komplexer (Luhmann 1974: 160 f.).

Um Komplexität verarbeiten zu können, muss sich das System ausdifferenzieren (II.b), um eine Eigenkonplexität zu entwickeln, die der Komplexität der Umwelt entspricht, denn nur Komplexität kann Komplexität verarbeiten. Wird das politische System der Umweltkomplexität allerdings nicht mehr gerecht, steigt auch die Unzufriedenheit mit der Organisation des politischen Systems, das aus rein technischen und menschlichen Belastungsgrenzen schnell an seine Grenzen stoßen, und nicht jede Detailfrage bearbeiten kann. Ebenso kann das politische System durch starke Vereinfachung seiner eigenen Entscheidungsprozesse oder Leitdifferenzen (Freund vs. Feind) Entscheidungsmöglichkeiten einbüßen, Entscheidungen sind nun vorhersehbarer und oft moralisiert (ebd.).

Schafft es das System aber, seine Umweltkomplexität zu verarbeiten, bleibt die Kontingenz und damit das Risiko, die „falschen“ Entscheidungen getroffen zu haben. In einer Demokratie können allerdings die jeweiligen einflussreichen Parteien zur Verantwortung gezogen werden; der Wähler kann der Regierung bei der nächsten Wahl das Vertrauen entziehen und eine andere Partei wählen. In gewissem Maße kann die Demokratie mit Fehlern umgehen und neue Entscheider benennen, ohne dabei ihre eigene Funktionsweise zu verlieren. Demokratien leben vom Machtwechsel, gehen sogar von Kontingenz und dem Risiko falscher Entscheidungen aus, während ein Regierungswechsel in Diktaturen oft einen regime change bedeutet.

II.b Funktionssysteme und ihre Medien

Systeme bilden ihre eigene Identität über den Unterschied, also die Grenze, zu anderen Systemen aus. Komplexität wird mit einer systeminternen Komplexität verarbeitet, die von einem zweiten System nicht vollständig überblickt werden kann, damit entstehen allein wegen des Komplexitätsgefälles Grenzen (Luhmann 1974; 51 ff.). Jedes Funktionssystem der Gesellschaft kann Probleme nur nach einer eigenen Logik lösen, etwa mit Preisänderungen in der Wirtschaft oder Gesetzen in der Politik. Die Politik kann Gesetze beschließen, die die Wirtschaft betreffen, es wird der Politik aber kaum gelingen, diese zu steuern, da die Wirtschaft zwar auf Gesetze reagieren muss, allerdings nach einer eigenen, wirtschaftlichen Logik.

Damit ist die Gesellschaft funktional differenziert: In hierarchischen, monarchisch regierten Gesellschaften war der Herrscher meist nicht nur der Mächtigste (Politik), sondern auch der Reichste (Wirtschaft) und Schlaueste (Wissenschaft), und er gab die Gesetze vor (Recht). Heute sind Politiker zwar durch das Volk legitimiert die Mächtigsten, sie sind allerdings nicht automatisch reich, unfehlbar und nicht stets im Recht. Für die Politik können Güter ungleich oder (normativ) ungerecht verteilt sein, für die Wirtschaft ist dies ein Ergebnis von Angebot und Nachfrage und dabei entstehenden Preisen. Etwa bei der Mietpreisbremse, mit der die Politik versucht, Wohnungen in Großstädten gerechter zu verteilen, ist erkennbar, dass die Wirtschaft nicht reagiert, wie es die Politik sich wünscht. Die Folge des Eingriffs ist, dass keine Investitionen in neue Mietshäuser stattfinden und bestehende Wohnungen nicht günstig vermietet, sondern teuer als Eigentumswohnungen angeboten werden und – anders als politisch gewollt – die Mieten damit nicht sinken, sondern weiter steigen (DIW 2014: 327).

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Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668575783
ISBN (Buch)
9783668575790
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380890
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Luhmann Systemtheorie Komplexität Planwirtschaft Sozialismus DDR Kontingenz Risiko Entscheidung Steuerung Zukunftsplanung Ideologie Marktwirtschaft

Autor

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Titel: Systemtheorie. Planwirtschaft und Komplexität. Die DDR mit Niklas Luhmann konfrontiert