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Systemische Beratung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen und Anwendungsbereiche

Hausarbeit 2017 11 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
der systemischen Beratung
2.1 Systeme
2.2 Wirklichkeit und Konstruktivismus
2.3 Autopoiese
2.4 Zirkularität
2.4.1 Kybernetik zweiter Ordnung

3. Haltung des systemischen Beraters

4. Anwendung in der Sozialen Arbeit am Beispiel Familie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die systemische Beratung hält immer mehr Einzug in psychosoziale Arbeitsfelder, wie Supervision, Familienberatung, Paarberatung, Einzelberatung oder auch Team und Organisationsberatungen. (vgl. Barthelmess 2014, S. 11) Diese Form der Beratung besitzt kein festes Grundkonzept, auf das es sich berufen kann. Viel mehr bedient sich die systemische Beratung aus mehreren Bereichen. „Je nach Ausrichtung greift systemische Beratung auf verschiedene Systemtheorien aus Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften zurück." (Mulot und Schmitt 2017) In der Sozialen Arbeit hielt die Methode der systemischen Beratung ab den 70er Jahren Einzug. In Bezug auf Beratung, wurde die Systemtheorie erstmals in der Familientherapie eingesetzt. Daher hat die systemische Beratung ihre Ursprungsherkunft in der Familientherapie. „Ihre konkreten Wurzeln liegen v.a. in den Anfängen der Familientherapie." (Mulot und Schmitt 2017)

Obwohl in vielen Bereichen systemisch gearbeitet wird, ist oft nicht klar worin der systemische Ansatz besteht und wodurch er gekennzeichnet ist. (Barthelmess 2014) Unter dem Begriff der systemischen Beratung sind häufig verschiedene Konzepte zu finden die kaum miteinander in Verbindung zu bringen sind. „Unter dem Begriff der systemischen Beratung findet man z.T. nur schwer in Verbindung zu bringende unterschiedliche Konzepte der Beratungsarbeit mit Einzelnen, Gruppen, Familien und Organisationen." (Otto und Thiersch 2015, S. 157)

In der nachfolgenden Arbeit wird darauf eingegangen auf welchen theoretischen Grundlagen systemische Beratung basiert, welche Haltung der Berater mitbringen sollte und in welchen Bereichen der Sozialen Arbeit systemische Beratung Anwendung finden kann.

2. Theoretische Grundlagen der systemischen Beratung

2.1 Systeme

„Die Systemik befasst sich mit der Erforschung von Systemen" (Sautter et al. 2016, S. 18) Ein System besteht aus verschiedenen einzelnen Teilen, die im gegenseitigen Austausch stehen. „Systeme sind also nach außen hin abgegrenzte Einheiten, die aus mehreren Komponenten bestehen, die miteinander kommunizieren." (Sautter et al. 2016, S. 18) Da sich die Persönlichkeit des Menschen, aus verschiedensten, Eigenschaften, Facetten, Fähigkeiten und Aspekten, die miteinander kommunizieren zusammensetzt, ist auch er als System zu betrachten. Hier handelt es sich nicht um ein technisches System, sondern es ist ein Lebewesen, so wird es lebendig genannt. (vgl. Sautter et al. 2016, S.18) Wann wird von einem sozialen System gesprochen? „Soziale Systeme sind reine Konstrukte (...) Systeme sind nicht greifbar, (...) aber jene Phänomene, die sie hervorrufen, sind für uns unmittelbar nachvollziehbar." (Radatz 2015, S. 56-57)

Soziale Systeme sind Sportvereine, Familie, Arbeit, etc. jedes dieser Systeme hat Gemeinsamkeiten und auch Beziehungs-, Kommunikations- und Handlungsmuster die sie unterscheiden. (vgl. Radatz 2015, S. 57)

Menschen kommunizieren nicht nur untereinander, sondern auch mit ihrer Umwelt. Sie beeinflussen sich somit gegenseitig. „Die Umwelt beeinflusst nicht das System und die Mitglieder des Systems wirken ihrerseits auf die Umwelt ein." (Sautter et al. 2016, S. 18) Lebendige Systeme sind nicht geschlossen, sie sind durchlässig. In der Technik sind geschlossene Systeme häufiger zu finden. „Da Maschinen normalerweise nicht oder nur gezielt auf Einflüsse ihrer Umwelt reagieren, ist ihre Reaktion vorhersehbar." (Sautter et al. 2016, S. 19) Vorhersehbarkeit in diesem Sinne nennt Heinz von Foerster trivial. Hier steht trivial für vorhersehbar. (vgl. Sautter et al. 2016, S.19) Lebendige Systeme tun manchmal so, als wären sie geschlossen. Dies ist in Systemen von ideologischen Gruppierungen zu beobachten. So schreibt Sautter „Ganz gleich um welche Ideologie es sich handelt -, es wird immer versucht, Menschen dazu zu bringen, in den verschiedensten Kontexten vorhersehbare Reaktionen zu liefern und sie damit in sozusagen triviale Maschinen zu verwandeln." Da der Mensch aber keine triviale Maschine ist, reagiert er nicht vorhersehbar. „Sie richten sich in ihren Reaktionen nach dem Kontext, danach, wie sie die Umwelt erleben." (Sautter et al. 2016, S. 19)

Somit gibt es aus systemischer Sichtweise kein richtig oder falsch, schuld oder nicht schuld. Es gibt lediglich unterschiedliche Deutungen. (vgl. Sautter 2016, S. 19)

Radatz schreibt, dass während Humanisten davon ausgehen, dass das Ziel des Menschen seine Selbstverwirklichung ist und er die Möglichkeit haben sollte, diese sowohl im Beruf als auch im täglichen Leben stets weiterzuentwickeln, sich Systemiker bewusst von dem Denken der Mensch „ist" (immer der gleiche) und „verwirklicht“ (sich immer in die eine Richtung) verabschieden. „Systemisches Denken impliziert, dass sich ein Mensch verhält: Er verhält sich in unterschiedlichen Systemen unterschiedlich - und das zur gleichen Zeit.“ (Radatz 2015, S. 60)

2.2 Wirklichkeit und Konstruktivismus

Die Wahrnehmung der Welt eines Menschen, ist beeinflusst von seiner Vergangenheit, dem was er erlebt hat. Somit nimmt er seine Umwelt individuell wahr. „Der Beobachter gibt dem, was er beobachtet, eine individuelle Prägung. Wir sagen: Ein Mensch konstruiert auf Grund seiner individuellen Prägung seine Realität.“ (Sautter et al. 2016, S. 14) Konstruktivistisch gesehen, gibt es kein Bild der Welt, es enthält Handlungsschemata, Begriffe und Gedanken und es unterscheidet zwischen brauchbar und unbrauchbar. Demnach ist Konstruktivismus etwa eine Theorie des Wissens und nicht eine des Seins. So schreibt Sautter (2016) „Der Konstruktivismus ist vielmehr eine Theorie des Wissens, eine Forschung, wie Menschen das, was sie Wissen nennen, erwerben.“

Der Mensch erwirbt Wissen um sich einer Umwelt anzupassen um in ihr zu bestehen. Erfahrungen werden reflektiert und wenn sie von Nutzen waren, werden sie wiederholt. Menschen sind Gewohnheitssysteme sie gehen davon aus, dass sich Ereignisse wiederholen. Für ihn ist also selbstverständlich, dass das was in der Vergangenheit funktioniert hat, auch in der Zukunft funktionieren wird. Der Mensch entwickelt Verhaltensmuster. „Mit anderen Worten, Wissen besteht in Mitteln und Wegen, die das erkennende Subjekt begrifflich entwickelt hat, um sich an die Welt anzupassen, die es erlebt. Daraus folgt, dass das, was wir gewöhnlich als Tatsachen bezeichnen, nicht Teile einer vom Beobachter unabhängigen Welt sind, sondern ausschließlich Elemente seiner Erfahrung.“ (Sautter et al. 2016, S. 15)

Da jeder die Welt aus seiner subjektiven Sicht wahrnimmt, gibt es keine allgemein gültige Wahrheit. Sautter (2016) geht davon aus, dass alles was Menschen erfahren von ihrer eigenen Begrifflichkeit ausgeht.

2.3 Autopoiese

Der Begriff „Autopoiese“ ist auf die Biologen Maturana und Varela zurück zu führen. Er beschreibt die Eigenschaft lebendiger Systeme, sich selbst zu organisieren, zu erneuern, aktiv für ihr Überleben zu sorgen und von außen neue Komponenten einzuführen, sich zu vervielfachen und zu verändern umso sich zu stabilisieren. Auch ein System hat ein Interesse an seinem Fortbestand und versucht seine Stabilität unter allen Umständen zu erhalten. In diesem Bezug wandte Luhmann den Begriff später auch auf gesellschaftliche Systeme an. (vgl. Sautter 2016, S. 19)

„Ein System kann man dann als autopoietisch bezeichnen, wenn es in seiner Arbeitsweise (Operation) andauernd die inneren Prozesse, aus denen es selbst besteht, herstellt und damit erhält und wenn es diese Prozesse als Netzwerk innerhalb eines zur Umwelt hin abgrenzbaren Bereichs aufrechterhält.“ (Barthelmess 2014, S. 35) Autopoiese ist Mittel zum Zweck. Das Ergebnis dieser Organisation ist das System selbst. Zu der eben genannten operationalen Geschlossenheit kommt noch der Aspekt der Selbsterzeugung und -erhaltung dazu. „Autopoiesis wird verwirklicht, indem das System in einem zirkulären Prozess die Bestandteile, aus denen es selbst besteht, selbst Produziert.“ (Barthelmess 2014, S. 35) Demnach können nur lebendige Systeme autopoietisch handeln.

Autopoietische Systeme erneuern oder erhalten sich nicht nur selbst, sie setzen auch Grenzen und bilden einen Rand. Dieser erst ermöglicht die genannten inneren Prozesse. Die Umwelt und das innere geschehen des Systems bedingen sich wechselseitig, dass eine benötigt das andere. Hieraus ergibt sich die operationale Geschlossenheit, welche Autonomie ermöglicht. Nicht relevante Einflüsse werden nicht beachtet, auf relevante folgt eine Reaktion. (vgl. Barthelmess 2014, S. 36) Das innere des Systems entscheidet über Relevanz oder nicht Relevanz. Somit hat die Umwelt keinen direkten Einfluss auf das System. „Man kann folgern, dass ein bestimmter Umwelteinfluss nur außerhalb des Systems existiert, dessen Wahrnehmung und Verarbeitung dann innerhalb des Systems vollzogen wird. Das heißt der Umweltreiz dringt nicht ein in das System, (...).“ (Barthelmess 2014, S. 36) Ist der Einfluss relevant für das System, führt er durch den Prozess der Autopoiese zu neuen Entscheidungen und oder Verhaltensänderungen.

„Autopoiese - Selbstgestaltungsmöglichkeiten für lebende Systeme - Menschen reagieren unabhängig von Ihrer Umwelt so, wie sie selbst strukturiert sind. Wir können sie nicht verändern!“ (Radatz 2015, S. 78)

2.4 Zirkularität

In einem lebendigen System herrscht fortlaufend Kommunikation, verbal wie nonverbal. „Alle Mitglieder eines lebendigen Systems tauschen sich ununterbrochen aus." (Sautter et al. 2016, S. 20) Hierbei handelt es sich nicht nur um die gesprochene Kommunikation. Nach Watzlawick ist Kommunikation jede Art von Verhalten. Alle Beteiligten eines Systems kommunizieren durch Sprache und ihr Verhalten. Jegliche Art von Kommunikation hat Einfluss auf alle Personen des bestehenden Systems und führen auch zu einer Reaktion. „Informationen, ganz gleich ob verbal oder nonverbal, die von einem Mitglied weitergegeben werden, wirken sich auf alle anderen aus und werden beantwortet.“ (Sautter et al. 2016, S. 20) Findet bei nur einer Person des Systems eine Veränderung statt, ist folglich das Ganze betroffen und führt zu Veränderungen im gesamten System. (vgl. Sautter et al. 2016, S.20) Das hat zur Folge, dass es meist nicht nur einen Grund für das Verhalten eines Mitglieds gibt. Sondern alle beeinflussen sich wechselseitig. Sautter (2016) schreibt, dass wir es in lebendigen Systemen immer mit zirkulären Prozessen zu tun haben.

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Details

Seiten
11
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668588653
ISBN (Buch)
9783668588660
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380498
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
2
Schlagworte
Systemisch Beratung Kybernetik

Autor

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Titel: Systemische Beratung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen und Anwendungsbereiche