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Der Weg zur Tugend ist der Weg zur Mitte - Die Mesotes-Lehre von Aristoteles

Seminararbeit 2002 18 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Tugendhaftigkeit als das höchste Ziel

2. Die doppelte Art der Tugend
2.1.Die platonische Herkunft der Tugendlehre
2.2. Die zwei Kategorien von Tugenden bei Aristoteles
2.3. Die ethischen Tugenden
2.4. Wie wird der Mensch tugendhaft?
2.5. Der Unterschied von Tugend und Kunst

3.Was ist Tugend?

4. Was für eine Eigenschaft ist die Tugend?

5. Die Qualität des Mittelmaßes
5.1. Der Unterschied von Mesotes und Mediocritas
5.2. Die Missinterpretation des Mestotesbegriffs
5.3. Die Dialektik der Ontologie und Axiologie
5.4. Die hierarchische Stellung von Ontologie und Axiologie
5.5. Die Relativität der Mesotes
5.6. Ausnahmen in der Mesoteslehre

6. Der rechte Weg zur Mitte

7. Die Mesotes-Kritik:
7.1. Der Aristoteles-Diskurs in der Geschichte
7.2. Ursula Wolf: „Über den Sinn der aristotelischen Mesoteslehre“
7.3. Das Ergon-Argument als Basis der Kritik
7.4. Hat der Mensch als Mensch ein Ergon?
7.5. Hexis contra Phronesis: Aristoteles’ logischer Kurzschluss
7.6. Freundschaft mit sich selbst als Weg zum guten Leben
7.7. Philia: Tugend ohne ursächliche Mesotes

8. Quellen

9. Abbildungen

1. Tugendhaftigkeit als das höchste Ziel

Wonach streben die Menschen wirklich? Nach Geld, nach Gesundheit, nach beruflichem Erfolg? Das sind die Fragen, die sich Aristoteles zu Beginn der Nikomachischen Ethik stellt – auf der Suche nach dem höchsten Ziel, um dessen willen wir leben. „Wenn es aber ein Ziel des Handelns gibt, das wir um seiner selbst willen wollen und das andere um seinetwillen wollen, wenn wir also nicht alles um eines anderen willen erstreben, (...) dann ist es klar, dass jenes das Gute und das Beste ist.“[1]

Dieses Beste, erkennt Aristoteles, „dürfte in erster Linie die Glückseligkeit im Leben sein.“[2] Da Aristoteles das Leben in die drei Bereiche des Lustlebens, des politischen Lebens und des betrachtenden (theoretischen) Lebens aufgeteilt hat, stellt sich die Frage, auf welchem Pfad die Glückseligkeit wartet. In seinen Augen kann es nur das theoretische Leben im Stile des Philosophen sein. Um wahrhaft glückselig zu werden, bedarf es der Tugendhaftigkeit (Arete). Die betrachtet Aristoteles als eine dem Menschen eigentümliche Fähigkeit.

Der Tugendbegriff zielt auf die moralische Lebensgestaltung ab, in welcher es um das ganzheitliche Sein geht. Er „betrifft (...) einerseits seine personale Ganzheit als Einheit von Vernunft- und Sinneswesen und andererseits die Ganzheit des Lebensprozesses als (...) moralische Aufgabe. Es geht nicht nur darum, in Einzelhandlungen gut zu handeln, sondern selbst gut zu werden und ein gutes Leben zu führen.”[3]

2. Die doppelte Art der Tugend

2.1.Die platonische Herkunft der Tugendlehre

Der Tugendbegriff des Aristoteles baut auf der entsprechenden Lehre Platons auf. In dieser hatte Platon Weisheit (Sophia), Tapferkeit (Andreia) und Mäßigung (Sophrosyne) als Kardinaltugenden zur Vollkommenheit der Menschen ausgewiesen, da sie ihn zum höchsten Ziel – zur Gerechtigkeit – führen. Die Dreiteilung der Kardinaltugenden resultiert nach Platon auf den drei Grundkräften, den „Seelenteilen“ des Menschen: der Vernunft, dem Mutartigen und dem Begehren.

Aristoteles’ Tugendbegriff konstituiert sich dagegen nicht anhand einzelner Tugenden, sondern baut auf seiner Theorie der Seelenteile auf. Das zeigt diese Grafik:

Aufteilung der Seele:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der wichtige Unterschied zu Platon ist, dass Aristoteles nicht von drei verschiedenen Kardinaltugenden ausgeht, sondern von zwei Gruppen von Tugenden, die es zu unterscheiden gilt.

2.2. Die zwei Kategorien von Tugenden bei Aristoteles

Den ethischen Tugenden auf der einen Seite stehen die verstandesmäßigen und auf die Vernunft bezogenen auf der anderen Seite gegenüber. Die bezeichnet Aristoteles als dianoethisch. Als dritte Gruppe nennt er den vegetativen Teil, der jedoch nicht tugendhaft ist. Sie ist teil des vernunftlosen Parts der Seele und umfasst Elemente wie die reine Existenz. Der vernunftbegabte Teil dagegen ist vollständig tugendhaft, was damit zu erklären ist, dass die Vernunft an sich für Aristoteles schon eine der wichtigsten Tugenden darstellt.

Die dianoethischen Tugenden unterteilt er in zwei Gruppen: Einerseits die des theoretischen Bereichs: „Theoretisch“ meint in diesem Fall, dass sie keiner Veränderung durch das menschliche Handeln unterworfen sind. Dazu zählt unter anderem die Vernunft selbst als der Intellekt der Prinzipien. Außerdem fasst er darunter die Weisheit als das Wissen um das von Natur aus Würdigste und die Wissenschaft – das aus den Prinzipien ableitbare Wissen.

Die zweite Untergruppe ist die der poietischen Tugenden. Als Tugenden der technischen Vernunft beziehen sich auf das, was der Mensch durch sein Tun verändern kann. Dazu zählt die Praxis im strikten Sinn, bei der es natürlich nur um den „Bereich des moralisch relevanten Handelns, das einen Wert in sich hat“[4], geht. Eine Leittugend dieser auf ökonomischer, politischer und ethischer Ebene angesiedelten Praxis ist die Klugheit (Phronesis). Der andere Bereich ist der des aktiven Erzeugens und Gestaltens (Poiesis). Dieses hat seinen Wert in dem Werk, das es hervorbringt. Die zugehörige Leittugend ist das technische oder ästhetische Können (Techne).

Die ausdifferenzierte Baumstruktur der Vernunft zeigt, wie detailliert die aristotelischen Ausführungen zu den Tugenden sind. Entscheidend ist jedoch vor allem die erste Verästelung, an der zwischen den verstandesmäßigen und ethischen Tugenden unterschieden wird. Ihr großer Unterschied liegt in ihrer Entstehung begründet. Die erste Gruppe basiert auf Belehrung und braucht zu ihrer Entfaltung Zeit und Erfahrung. Die ethischen Tugenden dagegen bilden sich durch Gewöhnung. Zu ihnen zählen – die platonischen Kardinaltugenden aufgreifend – Weisheit, Tapferkeit und Mäßigung. Jedoch geht Aristoteles weit darüber hinaus.

2.3. Die ethischen Tugenden

Die Vielfalt liegt darin begründet, dass sich die ethischen Tugenden im Kontext des gesellschaftlichen Lebens entfalten und die Bereiche der Ökonomie, des gesellschaftlichen Umgangs der Bürger miteinander und der Politik beziehen. Das gesamte Feld von Tugenden zeigt die nebenstehende Grafik.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Die Tugendtafel von Aristoteles

Trotz der Vielzahl ist für Aristoteles die Hierarchie klar: „Die höchste der ethischen Tugenden (ist) die Gerechtigkeit als die Tugend, die im Verhältnis zum Mitmenschen jedem das Seine im Sinne eines Ausgleiches beziehungsweise einer gewissen Gleichheit zuordnet.“[5] Die ethischen Tugenden qualifizieren also zum moralisch guten Handeln, das uns durch sie gewissermaßen zur zweiten Natur wird.

Damit es dazu kommen kann, müssen sie bereits in der Gesellschaft vorliegen. Tun sie das nicht, ist keine Gewöhnung an sie und auch keine Entwicklung zur Tugendhaftigkeit möglich. Die Idee ist insofern interessant, als dass sie auf eine aus modern-naturwissenschaftlicher Sicht unlogische Komponente in der Aristotelischen Ethik hinweist: Wenn kein Mensch bei seiner Geburt tugendhaft ist, muss dies auch für den ersten Menschen gegolten haben: Doch kann der die Tugend nicht in der Gesellschaft gefunden haben, da es keine Gesellschaft gab. Auch aus der Natur kann er sie nicht entliehen haben, weil Tugenden rein menschliche Attribute sind. Aus der Weltsicht des Aristoteles war das jedoch kein Problem, da die Menschheit nach der griechischen Mythologie nicht mit Adam und Eva begonnen hat.

Er konstatiert, dass sich die Tugenden „in uns also weder von Natur aus, noch gegen die Natur (bilden). Wir sind vielmehr von Natur dazu angelegt, sie aufzunehmen.“[6] Das beschreibt einen der Kerngedanken: Der Mensch ist bei seiner Geburt von ethischen und verstandesmäßigen Tugenden frei, jedoch fähig, sie zu erlangen. Dazu befähigen ihn seine Wahrnehmungen, die angeboren sind. „Weil wir die Wahrnehmungen zuerst besaßen, haben wir sie dann betätigt und sie uns nicht erst durch die Betätigung angeeignet. Die Tugenden dagegen erwerben wir, indem wir sie zuvor ausüben.“[7]

Wichtig für Aristoteles ist in diesem Zusammenhang, dass der Mensch auf seinem Weg vom Staat unterstützt wird: Der erzieht die Menschen durch die Gewöhnung an die Gesetze zur Tugend, natürlich ausgehend davon, dass die Verfassung eine tugendhafte ist.

2.4. Wie wird der Mensch tugendhaft?

Nach diesen Ausführungen stellt sich die Frage, wie man handeln muss, um tugendhaft zu werden. Für Aristoteles ist das von zentraler Bedeutung, „denn wir fragen nicht, um zu wissen, was die Tugend sei, sondern damit wir tugendhaft werden, da wir anders keinen Nutzen von ihr hätten.“[8] Er findet drei Antworten, drei Vorgaben also auf dem Pfad zur ethischen Tugendhaftigkeit. Erstens muss der Mensch nach rechter Einsicht handeln. Zweitens – und das ist der zentrale Punkt – darf dem Handeln nicht Übermaß oder Mangel zugrunde liegen, da beides auf der Ebene der Tugend schädlich ist. Beispielsweise bedeutet das, dass zu viel oder zu wenig Besonnenheit (als ethische Tugend) genauso schädlich ist wie zu viel oder zu wenig Gymnastik. Denn für Aristoteles gilt: „Das Angemessene (...) schafft die Gesundheit, mehrt sie und erhält sie. Genauso verhält es sich bei der Besonnenheit, Tapferkeit und den übrigen Tugenden.“[9] Dieser Aspekt ist daher so wichtig, weil sich in ihm der Mesotes-Gedanke manifestiert, der im Folgenden noch diskutiert werden soll.

[...]


[1] Aristoteles: Nikomachische Ethik, München, 1972, S. 55.

[2] Aristoteles, op.cit., S. 64.

[3] Anzenbacher, Arno: Einführung in die Ethik, Düsseldorf, 1992, S. 138.

[4] Anzenbacher, op.cit., S. 141.

[5] Anzenbacher, op.cit., S. 143.

[6] Aristoteles, op.cit., S. 81.

[7] Aristoteles, op.cit., S. 81.

[8] Aristoteles: op.cit., S. 82.

[9] Aristoteles, op.cit., S. 83f.

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638372053
ISBN (Buch)
9783656821632
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v38009
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Tugend Mitte Mesotes-Lehre Aristoteles Einführung Politische Theorie

Autor

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Titel: Der Weg zur Tugend ist der Weg zur Mitte - Die Mesotes-Lehre von Aristoteles