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Höchstleistungen sind nicht genug - Sportberichterstattung in deutschen Medien

Analyse im Hinblick auf geschlechterspezifische Unterschiede

von Jonathan Lock (Autor)

Seminararbeit 2002 20 Seiten

Gesundheit - Sport - Medien und Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Männerdomäne Sportjournalismus

Asymmetrie der Geschlechterdarstellung

„Wer so goldig ausschaut, müßte eigentliche eine Medaille sicher haben“
Sportlerinnen in der Bild-Zeitung

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Seminar „Einführung in die Kritische Diskursanalyse“ führte in die gleichnamige sozialwissenschaftliche Forschungsmethode von Siegfried Jäger ein. Das Verfahren versucht zu zeigen, welche zusätzlichen Inhalte in sprachlichen Texten verborgen sein können, deren man sich als Leser oft nicht bewusst ist. Dabei geht es häufig um ideologische Aufladungen von Texten, die dazu beitragen, gewisse soziale Ungleichheiten zu erzeugen bzw. zu festigen. Die Methode der Kritischen Diskursanalyse setzt sich u.a. mit rassistischen, sexistischen und anderen - expliziten und impliziten –Vorurteilsdiskursen auseinander und nimmt Stellung für unterdrückte und gegen 'unterdrückende' gesellschaftliche Gruppen und Institutionen. Dabei werden die beobachteten Diskurse über einen Gegenstand analysiert und systematisch beschrieben. Dies impliziert die Annahme einer sozialisierenden Wirkung von Massenmedien. Die medial vermittelten Inhalte nehmen Einfluss auf ihre Rezipienten, bzw. deren Werte und Handlungsmuster und sind gleichermaßen Indikatoren für die Gesellschaft, bzw. deren Normen und Lebensentwürfe.

Im Anschluss an das Seminar soll diese Hausarbeit eine Analyse der Sportberichterstattung in deutschen Medien in Hinblick auf geschlechterspezifische Unterschiede bieten. Denn weder der Blick der Kamera noch die narrativen Strukturen (etwa eines Werbespots oder Sportkommentars) sind beliebig oder neutral, sondern präsentieren eine sehr anschauliche, soziokulturell überformte Perspektive auf unterschiedliche menschliche Körper. Diese schult unseren Blick, schafft und/oder bedient Erwartungen und beeinflusst damit sowohl die Außenwahrnehmung als auch die Selbstpräsentation von Sport und Sporttreibenden maßgeblich.

In der folgenden Arbeit geht es im speziellen darum herauszuarbeiten, inwieweit der Sportjournalismus bestehende männliche und weibliche Rollenschemata beeinflusst, bestärkt und erneuert. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf ein hinsichtlich seiner Auflagenstärke und Leserzahl sehr einflussreiches Blatt gelegt werden, wobei Ausgaben der letzten Wochen als Grundlage der Untersuchung immer wieder herangezogen und detailliert analysiert werden sollen.

Schon eine erste, oberflächliche Betrachtung der Welt des Sports - seiner Stars und Sternchen, seiner Gewinner und Verlierer – scheint ein eindeutiges Übergewicht an männlichen Protagonisten zu ergeben. Ob Fernsehen, Presse oder Hörfunk – als Akteure wie Berichterstatter scheinen Frauen eindeutig die Ausnahme zu sein.

Nicht nur dass „König Fußball“ einen Großteil der Sportseiten – in der Boulevardpresse sogar der Titelseite – füllt, auch bei den Sportarten, die auf den weiteren Plätzen folgen (Formel 1, Tennis...) richtet sich das Interesse der Presse meist auf die männlichen Hauptdarsteller. Wenn jedoch mal eine Sportlerin im Focus der Berichterstatter auftaucht, dann hat das nicht immer mit ihrer sportlichen Leistung zu tun. Häufig sind eher ihr apartes Äußeres oder ihre aufregenden privaten Lebensumstände, die von Interesse sind.

Damit geschieht mit Frauen in der Sportberichterstattung das, wogegen Feministinnen in den letzten Jahrzehnten an allen Fronten vorzugehen versucht haben: das Aufrechterhalten von veralteten Rollenmustern, die ständige Abwertung von Leistungen, die von Frauen erbracht wurden usw.

Es gilt im folgenden, diesen ersten Eindruck näher zu überprüfen und gegebenenfalls an Zahlen zu belegen. Vor allem aber muss geklärt werden, inwieweit das von den Medien dargestellte Bild mit der Realität des Spitzen- und Breitensports übereinstimmt oder diese verzerrt darstellt und damit Vorurteile und Fehleinschätzungen festigt.

Die unterschiedliche Berücksichtigung, die Männer- und Frauensport in der Presselandschaft findet, hat quantitative, wie qualitative Ausmaße. So werde ich zunächst versuchen darzulegen, dass der Sportjournalismus wie der Sport im allgemeinen sich allein zahlenmäßig als eine Männerdomäne darstellt. Im Anschluss daran folgt eine Aufschlüsselung der inhaltlichen Aspekte, die sich in diesem Ungleichgewicht auftun.

Männerdomäne Sportjournalismus

Dass die Welt des Sports, vor allem die Welt des medial vermittelten Sports eine Männerwelt ist, dürfte selbst den größten Sportlaien auffallen. Zudem hat sich der Sportjournalismus im Laufe der Jahre zunehmend auf einige wenige Sportarten und deren Spitzenleute beschränkt.

Entgegen naheliegenden Vermutungen weisen Norden/Schulz darauf hin, dass „die verschiedenen Zeitungen sich in ihrer Sportberichterstattung kaum in thematischer (...) Hinsicht unterscheiden.“[1] So konnten die beiden Sportwissenschaftler „zwischen so unterschiedlichen Zeitungen wie der ‚BILD’ und der ‚FAZ’ hohe redaktionelle Übereinstimmungen bei der Berichterstattung über die Olympischen Spiele (...) feststellen.“[2] Die mangelnde Berücksichtigung des Frauensports lässt sich also nicht auf die Boulevardpresse beschränken. Statistiken zeigen, dass ganze 90% der Berichte auf den Hochleistungs- und Profisport fallen. Somit findet eine Berichterstattung über Breitensport oder unterklassige Wettbewerbe ebenso selten statt wie über soziale und politische Hintergründe des Sports. Eine Ausnahme stellen dabei aufsehenerregende Skandale in den Rängen der Spitzenfunktionäre dar. „Beim Mediensport handelt es sich also nicht um einen unmittelbaren Erfahrungsbereich, sondern um eine Vermittlung der Sportwelt (...) - was auch bedeutet, dass die Thematisierung bestimmter Bereiche auch eine Ausgrenzung anderer Themen zur Folge hat.“[3] Der Sportjournalist unterliegt also einem starken Selektionszwang, indem er entscheiden muss, was dem Leser aus der weiten Welt des Sports präsentiert wird. Dabei spielen neben den innerbetrieblichen Richtlinien auch persönliche Präferenzen eine große Rolle.[4]

Ein Schattendasein „genießt“ auch der Frauensport. Während allein der Männerfußball häufig zwischen 40-60% der Sportseiten füllt, werden nur rund 1/10 der Beiträge und Artikel dem Sport von Frauen gewidmet. In Boulevardblättern wie der Bild-Zeitung liegt der Anteil gar nur bei 4%. Im Jahre 1994 betrug die Sendezeit im öffentlichen und privaten Fernsehen beim Männerfußball rund 3225 Stunden gegenüber 3,5 Stunden bei ihren weiblichen Kolleginnen. Bis heute sind nur geringe Veränderungen zu verzeichnen.

Dem Frauensport kommt häufig eine bloße „Lückenfüller-Funktion“ zu. So steigt der Anteil der Berichterstattung für kurze Zeit in den Sommer- und Wintermonaten – wenn die Fußballer für ein paar Wochen pausieren. In dieser Zeit sorgen häufig die Sportlerinnen in den Disziplinen Eiskunstlauf und Ski für Erfolge und Aufsehen. Aber auch hier stehen sie meist im Schatten ihrer männlichen Konkurrenten. Klein/Pfister wollen herausgefunden haben, dass nur wenn diese nicht die erhofften Leistungen bringen, sich die Sportjournalisten den weiblichen Akteuren widmen. So stand jahrelang, als die männlichen Skirennläufer hinter der Weltelite herfuhren, das deutsche Damenteam im Mittelpunkt des Interesses. Eine Kritik, die zumindest anzuzweifeln ist. Denn was, wenn nicht die Leistung sollte für die Berichterstatter als Kriterium dienen?

Gemäß der Tendenz zu immer mehr Showcharakter im Sport gibt es heute zwar auch weibliche Weltstars im Sport – Anna Kournikova und Franzi van Almsick seien nur zwei Beispiele – deren Prominenz weist jedoch durchaus problematische Hintergründe auf, die in dieser Arbeit an einem späteren Punkt erläutert werden sollen.

Als Erklärung für die unausgeglichene Berichterstattung muss vielerlei herhalten. So sei ein wichtiger und häufig genannter Grund „die Tatsache, dass sich der größte Teil der weiblichen Sportvereinsmitglieder nicht an Wettkämpfen beteiligt“ und „dass Frauen sich in weniger Sportarten und Disziplinen betätigen als Männer.“[5] Eine Argumentation, die laut einem Gutachten des Innenministeriums umstritten ist. „Nicht nur dass Frauen in allen Sportarten vertreten sind, die in den Medien an der Spitze liegen (...), so ist eine Deutsche Meisterschaft (...) schließlich immer eine Deutsche Meisterschaft, ob sie nun von Männern oder Frauen ausgeübt wird.“[6] Zudem muss man sich fragen, ob die Tatsache, dass weniger Mädchen als Jungen Sportvereinen beitreten und an Wettkämpfen teilnehmen, nicht auch Resultat des verzerrten Bildes ist, welches über Frauensport vermittelt wird.

Dass ein ernstzunehmender Grund für die sich darstellende Situation in der Berichterstattung der Mangel an weiblichen Journalisten im Sportjournalismus ist, beweist ein Blick auf die Zahlen der Branche: Nur 4,5 % der Mitarbeiter in den Sportredaktionen bei Presse, TV und Hörfunk waren Anfang der Neunziger weiblich; in den entscheidenden Positionen ist der Anteil noch geringer. Nach Einschätzung der Redakteurin Bianka Schreiber-Rietig „haben es Frauen im Sportjournalismus ungemein schwer.“[7] So halten sich nach wie vor hartnäckig Vorurteile gegenüber weiblichen Berichterstattern – auf Seiten der Sportler, Zuschauer und vor allem der Kollegen. Das Berufsethos des Sportjournalismus ist stärker als in anderen Ressorts an typisch männlichen Verhaltensnormen orientiert. Die Kumpanei und die für die gute Berichterstattung ungemein wichtigen informellen Beziehungen zwischen den Redakteuren und den Sportlern ist für Frauen häufig schwer herzustellen. Auch wenn sich mittlerweile einiger Orts Frauen in den Sportredaktionen haben durchsetzen können – Monica Lierhaus moderierte noch bis vor kurzem Deutschlands wichtigste Sportsendung „ran“ - gilt es für sie nach wie vor, so die These Gertrud Pfisters, die schwierige Balance zu halten zwischen der Integration in eine männliche Domäne und der gleichzeitigen Durchsetzung eigener, weiblicher Impulse und Elemente. Nach einer repräsentativen wissenschaftlichen Studie über Sportjournalist/innen von 1995 scheitern weibliche Sportjournalisten nicht an ihrer mangelnden Qualifikation: Signifikant besser ausgebildet als ihre männlichen Kollegen seien sie und mit größerer Medien- und Ressorterfahrung, zudem deutlich jünger - auch dies übrigens eine Forderung des Rundfunkrates an zukünftige Moderator/innen. Die Praxis zeigt allerdings ein anderes Bild: Wesentlich seltener Festanstellungen, entschieden weniger Einkommen und geringere Aufstiegschancen für Frauen. Eine zu enge Anlehnung an die üblichen Klischees, häufig ein Resultat von Unsicherheit, wird den Journalistinnen oft als Schwäche ausgelegt und ist einem gelungenen Einstieg damit hinderlich. Nur im Verborgenen der Produktion und Technik wirken Frauen auch beim RTL-Sport. "Wir konzentrieren uns auf reinen Männersport: Boxen, Formel 1 und Skispringen", heißt es beim Kölner Kommerzsender. Deshalb seien Sportjournalistinnen "kein Thema".

[...]


[1] Norden, Gilbert ; Schulz, Wolfgang: Sozialwissenschaftliche Materialien. Sport in der modernen Gesellschaft. Linz 1988. S. 196

[2] Norden, Gilbert ; Schulz, Wolfgang: S. 197

[3] Klein, Marie-Luise ; Pfister, Gertrud: Goldmädel, Rennmiezen und Turnküken. Die Frau in der Sportberichterstattung der Bild-Zeitung. Berlin 1985. S. 17

[4] vgl. Klein, Marie-Luise ; Pfister, Gertrud: Goldmädel, Rennmiezen und Turnküken.

[5] Frauen im Sport – gleichberechtigt? Schriftenreihe des Bundesministeriums des Innern. Bd. 19. Gutachten erstellt im Auftrag des Bundesministers des Innern unter der Leitung von Dr. Michael Klein. Stuttgart 1987. S. 76

[6] Frauen im Sport – gleichberechtigt? S. 76

[7] Klein, Marie-Luise ; Pfister, Gertrud: Der Sport der Frau in den Medien. In: Jakobi, Paul; Rösch, Heinz-Egon (Hrsg.): Frauen und Mädchen im Sport. Mainz 1988. S. 102

Details

Seiten
20
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638371629
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37959
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
1,7
Schlagworte
Höchstleistungen Sportberichterstattung Medien Einführung Kritische Diskursanalyse

Autor

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    Jonathan Lock (Autor)

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