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Sharing Economy – zwischen Kapitalismus und Kommunismus

Eine grundlegende Untersuchung am Fallbeispiel Airbnb und Couchsurfing

Fachbuch 2017 73 Seiten

VWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Gender Erklärung

1 Einleitung
1.1 Forschungsfrage und Zielsetzung
1.2 Vorgehensweise und Struktur

2 Teilen - Grundlagen und Hintergründe
2.1 Der Ursprung des Teilens
2.2 Teilen aus Sicht der Evolutionstheorie: Die Hirschjagd (Stag Hunt)
2.3 Motive des Teilens

3 Begriff und Wesen der Sharing Economy
3.1 Gegenwärtige Definitionen
3.2 Relevante Wirtschaftsbereiche der Sharing Economy
3.3 Ausprägungsformen der Sharing Economy
3.4 Grundprinzipien der Sharing Economy
3.5 Treiber der Sharing Economy

4 Airbnb – Ein Exemplarisches Unternehmen der Sharing Econmy
4.1 Aktueller Markt
4.2 Airbnb

5 Knotenpunkte und neue Perspektiven
5.1 Erster Knotenpunkt: Besitz und Zugang
5.2 Zweiter Knotenpunkt: Vom Individualismus zur Gemeinschaft
5.3 Zwischenbilanz

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Collaborative Economy Honeycomb Version 3.0

Abbildung 2: Sharing als verlängerte und Sharing als intensivere Nutzung

Abbildung 3: Beispiel Airbnb und Couchsurfing

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Reduktion der Transaktionskosten in der Sharing Economy

Gender Erklärung

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bewusst von einer genderneutralen Ausdrucksweise abgesehen. Soweit im Folgenden Berufs-, Gruppen- oder Personenbezeichnungen Verwendung finden, so ist auch stets die jeweils weibliche Form gemeint.

1 Einleitung

Der Begriff der Sharing Economy steht für eine Entwicklung, die während der letzten Jahre an immer mehr Relevanz gewonnen hat. Dabei wird der Ausdruck Sharing Economy meistens als Überbegriff verstanden und benutzt. Dieser Überbegriff bezeichnet einen Trend. Personen tauschen und teilen über das Internet Güter und Dienstleistungen, anstatt diese zu kaufen. In der Literatur wird diese Form des Austausches auch collaborative consumption genannt „die Konsumkultur des Teilens“ (Dorn, 2013). Daneben existieren noch andere Begriffe wie Peer-Sharing (Vogelpohl & Simons, 2015) oder Mesh Economy (Gansky, 2010), welche alle die oben beschriebene Form des Austauschens behandeln. Natürlich tauschen und handeln die Menschen schon seit jeher. Im Zusammenhang mit der Sharing Economy dreht es sich aber um Unternehmen, die digitale Plattformen anbieten, um auf diesen den Austausch zu organisieren. Bei den ausgetauschten Ressourcen kann es sich um alle alltäglichen Gegenstände, aber auch um unterschiedliche Dienstleistungen handeln. Das Besondere ist, dass diese Ressourcen zuvor durch unterschiedliche Hürden vom „Markt“ getrennt waren und meistens im Eigentum von Privatpersonen stehen. Diese Gegenstände und Leistungen werden über die digitalen Plattformen vernetzt, das heißt sichtbar und somit zugänglich gemacht. Abschließend besteht noch die Möglichkeit diese Mittel gegen ein Entgelt oder kostenfrei anzubieten. Dieses Konzept basiert auf einem simplen Prinzip: Die Wirtschaft der „westlichen Welt“ beruht im Kern auf einem ausgeprägten Konsum und Wachstumsgedanken. Dieser führt dazu, dass Menschen einen großen Stock von Gütern ansammeln und diese Güter in vielen Fällen kaum oder gar nicht benutzen. Genau hier setzt der Gedanke der Sharing Economy an, in dem bereits existierende Dinge effizienter genutzt werden anstatt sie neu zu kaufen (Dorn 2013; Schor 2014; Slee 2015).

Rund um dieses Konzept hat sich über die letzten Jahre eine ausgeprägte Debatte entwickelt. An dieser Debatte sind längst nicht mehr nur Ökonomen und Persönlichkeiten aus der Wirtschaft oder Politik beteiligt. Auch zahlreiche Beiträge in überregionalen Zeitungen machen deutlich, dass es sich bei diesem Diskurs um ein gesellschaftspolitisches Thema dreht (Peitz & Schwalbe, 2016, S. 2). Bei einem Blick auf die große Anzahl von Veröffentlichungen, welche sich mit dem Feld der Sharing Economy beschäftigen, lassen sich zwei generelle Standpunkte festhalten. Auf der einen Seite eine optimistische und auf der anderen Seite eine pessimistische Einstellung. Beispielhaft sind hier die Buchtitel von Botsman und Rogers (2010) „What’s mine is yours“ und von Slee (2015) „What’s yours is mine“.

In diesem Zusammenhang ist Jeremy Rifkin ein gutes Beispiel für einen überzeugten Anhänger der Sharing Economy. In seinen Werken (2014) „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ und (2000) „Access: das Verschwinden des Eigentums“ argumentiert er euphorisch für mögliche Errungenschaften wie Ressourceneinsparungen, Umweltschonung, neue soziale Zusammenarbeit und einen Rückzug von egoistischen Verhaltensweisen. Womit die bisherigen Probleme des Kapitalismus wie Umweltverschmutzung, Ressourcenverschwendung und Überproduktion gelöst werden sollen (Gansky, 2010). So wird der Sharing Economy eine transformative und systemverändernde Kraft zugeschrieben. Überspitzt ausgedrückt wird das Ende des Kapitalismus eingeläutet.

Interessanterweise sprechen auch die Kritiker vom Ende des bisherigen Kapitalismus. Allerdings sehen sie kein abschließendes Ende, sondern eine Weiterentwicklung. Dabei wird von „Plattform-Kapitalismus“ (Lobo, 2014) oder Crowd-Based Capitalism (Sundararajan, 2016) gesprochen. So warnt eine ungewöhnliche Mischung von Gewerkschaften, berufsständischen Verbänden, Internetavantgardisten und Verbraucher-sowie Datenschützern vor den neuen Entwicklungen und ihren Auswirkungen. So wird das rapide Wachstum auf das Fehlen oder umgehen von Regulierungen und Steuern zurückgeführt, anstatt auf technologische und organisatorische Innovationen (Baker 2014; S. Hill 2015). Besonders die Beziehungen der Sharing Economy- Unternehmen zu den Plattformmitgliedern (den Anbietern der Leistungen), wonach die Anbieter als selbstständige Unternehmer und nicht als Angestellte behandelt werden, wird als ausbeuterisch und illegal kritisiert (Eisenbrey & Mishel, 2016). Darüberhinaus dringen die Unternehmen der Sharing Economy in zuvor nicht ökonomisierte Lebensbereiche, wie die der Nachbarschaftshilfe, vor. Dazu soll ein neuer, nach unten offener Wettbewerb eine neue „Dumpinghölle“ kreieren (Lobo, 2014). Bisherige sozialstaatliche Errungenschaften wie Arbeitsschutzgesetze oder der Mindestlohn werden ausgehebelt. Was zuvor aus Empathie und Altruismus getan wurde, wird in Zukunft nur noch aus ökonomischem Kalkül und letztendlich gegen Geld getan (Loske 2015; Slee 2015). Bis hin zur „totalen Kommerzialisierung“ aller Lebensbereiche (Theurl, Haucap, Demary, Priddat, & Paech, 2015, S. 88). Dies ist natürlich das exakte Gegenteil von dem, was die Befürworter versprechen.

Somit ergeben sich hier zwei völlig konträre Positionen, einmal die Seite für und einmal die Seite gegen die Idee der Sharing Economy. Natürlich ist es nicht unüblich, dass neue Entwicklungen egal welcher Art unterschiedlich beurteilt werden. Jedoch besteht hier eine ganz besondere Debatte. So halten Botsman und Rogers in einer frühen Phase der Collaborative Consumption (hier Sharing Economy) folgendes fest:

„Perhaps what is most exciting about Collaborative Consumption is that it fullfills the hardended expectations on both sides of the socialist and capitalist ideological spectrum without being an ideology in itself. It demands no rigid dogma.“ (Botsman & Rogers, 2010, S. xxii)

Der Vorstellung, dass sich diese Ideologien in der Collaborative Consumption auflösen, steht mittlerweile ein anderes Bild gegenüber. So ist der aktuelle Diskurs um die Sharing Economy von „mehr oder weniger stark ideologisch geprägten Grabenkämpfen durchzogen“ (Vogelpohl & Simons, 2015, S. 10).

Diese Entwicklung und Uneinigkeit erzeugen ein Spannungsfeld, welches die Sharing Economy zu einem komplexen und vielschichtigen Thema macht. Somit ergeben sich unterschiedliche Fragen auf unterschiedlichen Ebenen. Was genau ist unter der Sharing Economy und den zum Teil anderen synonymen Bezeichnungen zu verstehen? Kann die Sharing Economy die Ziele der Befürworter erreichen? Worin liegen die Ursprünge der unterschiedlichen Strömungen, die das Spannungsfeld rund um die Sharing Economy ausmachen? Und abschließend stellt sich die Frage, ist die Sharing Economy letztlich nur ein viel diskutierter Trend, welcher Aufgrund von Marketing und medialer Aufmerksamkeit im Mittelpunkt steht, während sie nur einen Teil einer viel größeren technologischen Entwicklung abbildet?

Diese Mischung aus Unklarheit über das Phänomen der Sharing Economy und die bis in Extreme gespaltene Debatte über sie sind der Punkt, an dem diese Arbeit ansetzt. Dabei sollen die grundlegenden Elemente des obigen Spannungsfeldes ermittelt und analysiert sowie diskutiert werden. Um nach der diskursiven Auseinandersetzung, wenn möglich, geeignete Ansätze und Hilfestellungen für die oben gestellten Fragen zu liefern. Zunächst muss aber der Kern der Debatte, welche längst keine rein ökonomische mehr ist, freigelegt werden. Erst dann, ist eine objektive Betrachtung möglich, ohne in die Argumentation der Für- oder Gegensprecher abzurutschen.

1.1 Forschungsfrage und Zielsetzung

Worin besteht der Grundkonflikt der aktuellen Debatte rund um die Sharing Economy und was bedeutet dies für den zukünftigen Umgang mit diesem Phänomen?

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, den Ursprung rund um die Debatte der Sharing Economy aufzudecken. Denn sobald der grundlegende Diskurs geklärt ist, ist eine neutralere Untersuchung möglich. Schließlich besteht die Möglichkeit, dass dieser Ansatz, der bei grundlegenden Fragen ansetzt, ein besseres und objektiveres Verständnis im Umgang mit dem Begriff der Sharing Economy schafft.

1.2 Vorgehensweise und Struktur

An sich unterliegt die Arbeit einer relativ unkomplizierten Struktur. Insgesamt gliedert sich die Arbeit (die Einleitung mit eingenommen) in sechs Kapitel. Dabei dienen das zweite und dritte Kapitel dazu, eine theoretische Basis bezüglich des Teilens und der Sharing Economy zu schaffen. Um die theoretischen Grundlage der Sharing Economy etwas greifbarer zu machen, beschäftigt sich das vierte Kapitel zum einem mit realwirtschaftlichen Zahlen der Sharing Economy. Zum anderen wird hier das Unternehmen Airbnb, als ein konkretes Fallbeispiel herangezogen. Nachdem die theoretische Ebene durch einen praktischen Bezug ergänzt wurde, wird im fünften Kapitel eine neue Perspektive auf die Sharing Economy eingenommen. Hier wird eine abstraktere Betrachtung angesetzt, in der das Wissen aus dem dritten und vierten Kapitel mit den theoretischen Grundlagen zum Teilen aus dem zweiten Kapitel verknüpft wird.

Nach dem im fünften Kapitel ein übergreifender Zusammenhang geschaffen wird, schließt das Fazit mit den unterschiedlichen Ebenen dieser Arbeit ab. Hier dreht es sich um die Art und Weise der theoretischen Aufarbeitung des Teilens sowie der Sharing Economy. Auch eine Bewertung der Sharing Economy selbst wird vorgenommen. Allerdings dreht es sich dabei eher weniger um eine Bewertung, als um eine Betrachtungsweise. Im Abschnitt des Ausblicks wird noch eine neue Herangehensart, beziehungsweise Umgangsweise mit der Sharing Economy vorgestellt.

2 Teilen - Grundlagen und Hintergründe

Dieses Kapitel dient dazu, um ein Basisverständnis für die Handlung des Teilens zu schaffen. Diese Basis dient dazu, im Diskussionsteil der Arbeit die Inhalte aus den anderen zwei Abschnitten, welche die Sharing Economy und Airbnb im konkreten behandeln, in einem größeren Rahmen zu betrachten.

Wie in der Einleitung bereits erklärt, umfasst das Konzept der Sharing Economy bisher vom Markt unerschlossene Lebensbereiche. Dazu verschwimmen die klassischen Grenzen von Konsument und Produzent. Hiermit ist die Monetarisierung simpler Tätigkeiten, wie Nachbarschaftshilfe oder das Ausleihen von Gegenständen gemeint. Beispielsweise wird der Besitzer einer Leiter durch Nutzung einer Sharing-Plattform plötzlich zu einem Besitzer und möglichen Vermieter einer Leiter. Hierin liegen zwei wichtige Erkenntnisse. Zum einen wird die Leiter durch die Plattform für eigentlich jeden verfügbar gemacht. Zum anderen wird durch eine Gebühr, egal wie klein sie ist, eine Zugangshürde geschaffen. So könnte nun die Frage lauten: Was passiert, wenn für altruistisches oder soziales Handeln (das unentgeltliche verleihen der Leiter) ein Markt geschaffen und somit in die Wirtschaft eingegliedert wird?

Nicht zuletzt bildet diese Frage einen wesentlichen Teil der aktuellen Debatte. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass nur die Betrachtung ökonomischer Fakten und Entwicklungen nicht ausreichen, um das entstandene Spannungsfeld zu verstehen. Daher wird zuerst die Herkunft und Entwicklung des Teilens aufgearbeitet. Da die Praxis des Teilens mit den Themenfeldern der Kooperation sowie der Entwicklung von sozialen Strukturen Hand in Hand auftritt, werden diese mit einbezogen. Dazu ist es ebenfalls wichtig auf die Thematik des Eigentums einzugehen, da Teilen und Eigentum sich gegenseitig bedingen. Darauf folgt die inhaltliche Aufarbeitung der Sharing Economy. Dieser weitgefasste Ansatz ist bewusst gewählt, um einer Kritik von Elias nachzukommen:

Im Vordergrund des soziologischen Interesses stehen gegenwärtig relativ kurzfristige Prozesse und zumeist überhaupt nur Probleme, die sich auf einen gegebenen Zustand der Gesellschaften beziehen. Die langfristigen Transformationen der Gesellschaftsstrukturen (...) hat man im großen und ganzen gegenwärtig aus den Augen verloren (Elias, 1997, S. 10).

Diese Kritik wird nicht an sich vertreten, vielmehr dient sie als Anregung in dieser Arbeit.

Bevor mit der Aufarbeitung des Teilens begonnen wird, gibt es einen Einblick in die Definition des Teilens. Denn die soziale Praxis des Teilens nimmt als Dreh- und Angelpunkt in Veröffentlichungen aus den unterschiedlichsten Forschungsfeldern eine wesentliche Rolle ein. So wird die Handlung des Teilens als Indikator herangezogen, um die Entwicklung von Altruismus unter Jugendlichen zu erforschen (Ma & Chan, 2014). Auch Paul Ibbotson (2014) stellt eine Meta-Analyse von insgesamt 14 Studien bereit, in denen das Maß des Teilens unter Kindern gemessen wird, um Erkenntnisse über die Entwicklung von „prosozialem Verhalten“ zu gewinnen. Der Sozialtheoretiker Erich Fromm, welcher sich unter anderem mit archaischen Gesellschaften beschäftigt, sieht direkte Zusammenhänge zwischen der Aktion des Teilens und der Entstehung des Kooperierens (Fromm, 1974, S. 120). Darüberhinaus finden sich allein bei Google Scholar 310.000 Ergebnisse, wenn nach den Schlagwörtern sharing, share oder shared im Titel einer Arbeit gesucht wird. Diese Beispiele dienen im Moment nur dazu, um die wissenschaftliche Verflechtung des Teilens zu verdeutlichen.

Denn ausgehend von der hier erwähnten wissenschaftlichen Relevanz des Teilens ist es umso interessanter, dass der Mangel an Klarheit rund um den Begriff des Teilens beziehungsweise sharings immer wieder beklagt wird. Bereits in den siebziger Jahren spricht John A. Price (1975) diesen Umstand zu Beginn seiner Arbeit „Sharing: The Integration of Intimate Economies“ an. Er sieht die Schwierigkeit einer klaren Definition in den dichten Vernetzungen zu anderen Verhaltensweisen und Beziehungen, sowie der damit verbundenen Intimität und der daraus resultierenden Undurchsichtigkeit (Price 1975, 4).

Auch Belk (2010) spricht von einer Hemmung bezüglich der Forschung und Aufklärung des Teilens. Er sieht einen ähnlichen Grund wie Price. Das Teilen hat sich der Aufmerksamkeit entzogen, da es eher in der „inneren Welt“, wie dem Zuhause und nicht in der „externen Welt“, wie dem Markt stattfindet. Hier zieht Belk (2010, 17) eine interessante Parallele zur Hausarbeit. Da in den meisten Fällen die Hausfrau die Hausarbeit selbst erledigt, ist diese Arbeit ökonomisch nicht messbar und somit für den Markt irrelevant. Dies ist insofern interessant, da die Sharing in Economy in bisher vom Markt getrennte Bereiche vordringt. Des Weiteren liegt eine häufige Verwechslung des Teilens mit dem Geben, Nehmen, Schenken oder Tauschen vor. Auch die Allgegenwärtigkeit und die daraus resultierende Selbstverständlichkeit des Teilens werden als Ursache für die fehlende Aufmerksamkeit aufgezählt (Belk 2010).

Wird nun die angeführte wissenschaftliche Relevanz und die langanhaltende Undurchsichtigkeit zusammengenommen, lässt sich bereits die Komplexität der sozialen Praxis des Teilens erahnen. Nichts desto trotz soll zunächst eine relativ „sterile“ Definition nach Floyd Rudmin (2016) für die Praxis des Teilens unterlegt werden:

„Sharing might best be defined as the simultaneous or sequential use of goods (e.g., cars, books, food, water), spaces (e.g., living rooms, gardens, decades, websites), or intangibles (e.g., experiences, beliefs, identities, heredity) by more than one individual. If there are multiple users of a resource that is evidence that sharing is happening. The shared resources may be moveable material resources (e.g., tools, clothes, apples, slaves), or may be territorial resources (e.g., desk drawers, apartments, neighborhoods, countries), or may be immaterial resources (e.g., languages, designs, narraives, bitcoins).“ (Rudmin, 2016, S. 189)

Diese Umschreibung ist bewusst gewählt, da sie nur die Aktion an sich beschreibt und abgrenzt. Die folgenden Informationen zum Hintergrund des Teilens lassen sich wie verschiedene Schichten betrachten. Diese Schichten legen sich über die obige Definition und bilden die grundlegende, aber nicht immer sofort sichtbare Komplexität. Und dieser Komplexität kann unteranderem das bereits erwähnte Spannungsfeld zugeordnet werden.

2.1 Der Ursprung des Teilens

Um den Ursprung des Teilens zu ergründen, wird geprüft, bis zu welchem Punkt in der Geschichte beziehungsweise Forschung des modernen Menschen die Handlung des Teilens wissenschaftlich mit einbezogen wird. Es gibt mehrere theoretische Ansätze, die das Teilen als wesentlichen Punkt in der Entwicklung des Menschen berücksichtigen. Zum einen geht es um die Ursprünge der gemeinschaftlichen Jagd und des Kooperierens. Zum anderen um die Evolution der ersten Sozialen Strukturen (Tomasello, et al. 2012; Skyrms 2004; Fromm 1974, 155). Hier reicht der Blick bis zu den Anfängen des Homo Sapiens zurück. Dem Homo Sapiens werden die Fähigkeiten zur Kooperation und zu technologischen Entwicklungen in ausgeprägter Form zugesprochen (Curtis 2016; Grassmuck 2014, 287). Jedoch ist das Wissen auf diesem Gebiet relativ beschränkt. Daher wird auf eine Analogie zurückgegriffen. Dazu wird mit Beobachtungen über indigene archaische Gemeinschaften gearbeitet, wie es sie auch heute noch gibt. Exemplarisch sind hier die !Kung (Namibia, Angola), Mbuti (Congo) oder Inuiten (Grönland, Kanada), Völkergemeinschaften, die in „primitiven“ Verhältnissen leben. Hier soll angemerkt werden, dass die Umschreibung „primitiv“ lediglich gewählt ist, weil diese Gemeinschaften überwiegend auf moderne Technologien verzichten. Es beurteilt nicht den Intellekt der einzelnen Individuen. Diese Analogieschlüsse, ausgehend von den archaischen Gemeinschaften auf ihre prähistorischen Ahnen, bergen natürlich gewisse Schwierigkeiten, da direkte Folgerungen eigentlich kaum möglich sind (Deetz 1968 zitiert nach Fromm 1974, 156). Jedoch unterscheidet sich der Homo Sapiens neurophysiologisch nicht vom heutigen Menschen. Daher sollte dieses Verfahren praktikabel genug sein, um unterschiedliche Rückschlüsse auf die prähistorischen Jäger zuzulassen. Im Speziellen ist damit der Einfluss des Jagdverhaltens auf die ersten Entwicklungen von sozialen Organisationen sowie auf die Weiterentwicklung der Persönlichkeit zu jener Zeit gemeint (Fromm, 1974, S. 157). Der Einfachheit halber wird im weiteren Verlauf der Arbeit auf ständige Verweise und Schlussfolgerungen zu den Anfängen der Menschheit verzichtet.

2.2 Teilen aus Sicht der Evolutionstheorie: Die Hirschjagd (Stag Hunt)

Anhand von Forschungsarbeiten lässt sich die Rolle des Teilens bis hin zu den Anfängen der Menschheit verfolgen. Aus evolutionstheoretischer Perspektive wird das Teilen von Nahrung und die gemeinsame Jagd auf eine Stufe mit dem Verwenden und Herstellen von Werkzeugen gestellt (Mitsuo, 2005, S. 151). Bevor nun die Frage behandelt wird, aus welchen Motiven der Jäger seine Beute teilt, wird zunächst noch ein genauerer Blick auf die gemeinsame Jagd der Menschen jener Zeit geworfen.

Die Situation des gemeinsamen oder kooperativen Jagens stellt ein besonderes Ereignis in der Entwicklung des Menschen dar (Skyrms, 2004). So sieht Rousseau (1955, 76) in dem Vorgang der Hirschjagd (Stag Hunt) den Musterfall eines „sozialen Vertrags“. Mit Ähnlichkeiten zum Gefangenendilemma dreht es sich hier um eine spieltheoretische Konstellation. Jedoch unterscheiden sich diese Konzepte in unterschiedlichen Punkten:

„If two people cooperate in prisoner’s dilemma, each is choosing less rather than more. In prisoner’s dilemma, thereis a conflict between individual rationality and mutual benefit. In the stag hunt, what is rational for one player to choose depends on his beliefs about what the other will choose. Both staghunting and hare hunting are Nashequilibria. That is just to say that it is best to hunt stag if the other player hunts stag, and it is best to hunt hare if the other player hunts hare. A player who chooses to hunt stag takes a risk that the other will choose not to cooperate in the stag hunt. A player who chooses to hunt hare runs no such risk, since his payoff does not depend on the choice of action of the other player, but he forgoes the potential payoff of a successful stag hunt. In the stag hunt game, rational players are pulled in one direction by considerations of mutualbenefit and in the other by considerations of personal risk.“ (Skyrms, 2004, S. 3)

Folglich ist die Hirschjagd eine Situation in der unterschiedliche Individuen zusammenarbeiten müssen, um überhaupt von dem Unterfangen der gemeinsamen Jagd profitieren zu können. Dazu muss der Nutzen der Kollaboration größer sein, als jegliche Alternative im Alleingang. Letztendlich müssen die Individuen ihre Unabhängigkeit aufgeben und jegliche Möglichkeiten des Alleingangs opfern (riskieren), um in der Kollaboration erfolgreich zu sein.

Neben diesen Bedingungen bestehen noch diverse zusätzliche Herausforderungen wie die Koordination der Gruppe, die Vermeidung von Trittbrettfahrern (im nächsten Kapitel unteranderem als tolerated theft bezeichnet) und zuletzt das Teilen der Beute. Auch wenn das Teilen der Beute die abschließende Handlung der Hirschjagd darstellt, so ist der erfolgreiche Teilungsprozess nicht weniger wichtig. Denn läuft der Akt des Teilens nicht friedlich und zufrieden stellend ab, sind zukünftige Kollaborationen gefährdet (Tomasello, et al. 2012, 674). So bedingt das vorangegangene Teilen die aktuelle Zusammenarbeit, die wiederum die zukünftige Kooperation sichert.

2.3 Motive des Teilens

Nachdem nun ein Ausblick auf die historische Rolle des Teilens in der Entwicklung des Menschen geworfen wurde, beschäftigt sich der nächste Schritt mit den möglichen Beweggründen des Teilens. Dabei geht es um die unterschiedlichen Motivationen, welche die Individuen in den Jäger- und Sammlergesellschaften zum Teilen bewegen. Diese Aufarbeitung gliedert sich inhaltlich in zwei Abschnitte. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit Ansätzen, welche die Motive des Individuums sowie die von außen einwirkenden Einflüsse auf das Individuum in den Mittelpunkt stellen. Die zweite Hälfte dient als neue Perspektive auf die zuvor dargestellten Inhalte. Dabei sollen nicht nur die Inhalte an sich hinterfragt werden, sondern vielmehr die dahinterliegende Logik und die Art und Weise der Argumentation. Diese neue Perspektive spielt eine wichtige Rolle für den späteren Verlauf der Arbeit. Denn hier wird das Teilen von der einzelnen Person gelöst und in einen übergreifenden Zusammenhang gestellt. Ebenso wird die Basis für das nächste Kapitel, in welchem die grundlegende Frage nach dem Eigentum und den dahinterstehenden Ideologien behandelt werden, gelegt.

Während der letzten sechs Jahrzehnte wird die Forschung bezüglich der sozialen Praxis des Teilens innerhalb von indigenen Völkergruppen von unterschiedlichen Theorien geprägt. In den 1960ern gibt es den populären Ansatz, dass das Verteilen von Fleisch auf die Verderblichkeit zurückzuführen sei. Dies basiert auf der fälschlichen Unterstellung des mangelnden Wissens über Aufbewahrungs- und Konservierungsmöglichkeiten. In den 70er Jahre dominiert Marshall Sahlins Theorie der Generalized Reciprocity, wonach das Verteilen der Beute entweder als ein Akt der Großzügigkeit intrinsisch motiviert sei oder extrinsisch durch Regeln auferlegt wird mit der immanenten Erwartung der zukünftigen Rückerstattung. In den 80er und 90er Jahren kommt es zu einem Umdenken, dieses basiert auf unterschiedlichen Kritiken. Großzügigkeit stößt in diesen Volksgruppierungen nicht selten auf Abneigung, die verteilte Beute wird nicht großmütig angeboten, sondern schon fast als selbstverständlich angenommen. Hier hält die Idee des Eigentums Einzug. In der Form, dass das Wild ein Gemeinschaftsgut sei und der Jäger, dessen Arbeitskraft das Tier erlegt hat, zwar als Eigentümer auftritt, aber jedem Individuum in der Gruppe ein Teil zusteht und zukommt (Bird-David, 2005, S. 209).

Dazu existieren noch aktuellere Überlegungen. Diese lassen sich wiederum in zwei Kategorien einordnen. So wird geteilt: wenn (i) der Nutzen der sozialen Beziehung über dem Wert der geteilten Ressource steht oder (ii) wenn die Kosten (Anstrengungen) zur Kontrolle über die Ressource höher sind als der Nutzen aus der Ressource selbst (Nettle, Panchanathan, Rai, & Fiske, 2011, S. 753).

Nun folgen unterschiedliche Ansätze, die zu der einen oder anderen Kategorie passen. In die erste Kategorie lässt sich das Teilen als strategischer Tausch in Form einer Versicherungsfunktion einordnen. So minimiert sich das Risiko von zukünftigen Nahrungsengpässen (Mitsuo 2005, 159; Gurven und Jaeggi 2015, 3). Dieser Ansatz der Versicherungsfunktion ähnelt der Idee des reziproken Altruismus. Bei diesem wird zwar altruistisch gehandelt, allerdings nur in dem Glauben einer späteren Rückerstattung (Hill und Kaplan 1993, 701; Gurven, Hill und Kaplan 2002, 95; Jaeggi und Gurven 2013). Der Unterschied, der den reziproken Altruismus ausmacht, liegt in dem Umstand, dass die Person weniger berechnend dargestellt wird. Wieder andere Interpretationen stellen die Familie und deren Erhaltung in den Mittelpunkt, dieses Vorgehen wird unteranderem als Verwandtenselektion oder Nepotismus bezeichnet (Silk & House, 2016).

Auslegungen, die der zweiten Kategorie entsprechen, sind der „tolerierte Diebstahl“ und das „tolerierte Schnorren (Gurven, Hill und Kaplan 2002; Gurven und Jaeggi 2015). Hierunter lässt sich ebenfalls das Trittbrettfahrerproblem aus dem vorigen Kapitel einordnen. Diese zwei beziehungsweise drei Ansätze (der tolerierte Diebstahl, das tolerierte Schnorren und das Trittbrettfahrerproblem) sollten in der Verbindung mit der oben erwähnten (ii) Kategorie selbsterklärend sein. Auf eine ausführlichere Ausarbeitung wird an diesem Punkt verzichtet. Der vorgestellte Input ist ausreichend um als inhaltlicher Einstieg für das nächste Kapitel zu dienen.

2.3.1 Der Methodologischer Individualismus

Die zuletzt vorgestellten Ansätze dienen als Basis, um eine neue Perspektive auf das Teilen zu eröffnen. Denn trotz inhaltlicher Veränderungen bleibt über die Jahrzehnte hinweg eine Konstante bestehen. Damit sind nicht die angewandten Verfahren oder Modelle gemeint. Vielmehr geht es um den Zugang, der gewählt wird, um das Verhalten der beobachteten Personen zu erklären. Denn jeder der angesprochenen Ansätze folgt einer bestimmten Struktur, die immer die einzelne Person und ihr Verhalten betrachtet und erklärt. Dieses Verfahren wird als methodologischer Individualismus bezeichnet und lässt sich durch folgende Situation erklären:

„It is required by methodological individualism that the analysis of any process (economic, social, genetic) be analyzable as the outcome of the behavior of individuals, and this approach stands in opposition to the belief that group properties cannot be reduced to those of its members and their interactions.“ (Bell, 1995, S. 826)

Demnach führt jeder Ansatz, der das Handeln einzelner Individuen in den Mittelpunkt eines Ereignisses stellt, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wonach sich alles anhand von Handlungen einzelner Individuen erklären lässt. Ebenso wird eine Art Selbstverständnis von Gruppen ausgeschlossen. Bell (1995) spricht auch die Prämisse an, dass der methodologische Individualismus dazu prädestiniert ist, Erklärungen, die sich stark an wirtschaftstheoretischen Modellen orientieren, zu entwickeln. Interessanterweise lässt sich diese Vorgehensweise bei fast allen Werken, die im Prozess dieser Arbeit herangezogen werden, wiederfinden.

So wird zum Beispiel die Frage gestellt, warum Jäger ihre Beute mit Individuen teilen, die nichts zu der Begleichung der „Beschaffungskosten“ (cost of acquisiton) beigetragen haben. Dabei wollen Verhaltensökologen diese Frage mit analytischen Methoden aus wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen lösen, indem Kosten-Nutzen-Modelle herangezogen werden (Bird & Bird, 1997, S. 50). Auch Mitsuo (2005, 14) greift in seiner Arbeit auf Wirtschaftskonzepte zurück. Dies geschieht, indem er sich bei seiner Arbeit über die Aufteilung der Beute in Jäger- und Sammlergemeinschaften, an Modellen des Monopols und des Eigentums bedient. Andere Veröffentlichungen betrachten den Akt des Teilens in Jäger- und Sammlergemeinschaften aus der Perspektive, dass Teilen ausschließlich dazu dient, die „Wohlfahrt“ (welfare) von anderen Personen zu steigern (Nettle, Panchanathan, Rai, & Fiske, 2011, S. 748). Außerdem bedienen sich auch Gurven, Hill und Kaplan (2002, 95) in ihrer Argumentation den Konzepten von Kosten, Warenwert und Mehrwert. Tomasello (2010) verwendet in seinem Werk „Warum wir kooperieren“ sogar ganz bewusst „einen begrifflichen Rahmen, den [er] den Wirtschaftswissenschaften entlehnt [hat] “(2010, 20). Price und Belk (2016) sprechen diesen Umstand sogar direkt an, indem sie betonen, dass jüngste Veröffentlichung (die Sharing Economy betreffend) aktiv versuchen die Logik vom Teilen und von Markttransaktionen zu kombinieren. Dies geht letztlich soweit, dass Teilen und klassische Markttransaktionen nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind (Price & Belk, 2016, S. 193). Dieses Extrem wird Beispielhaft durch eine Überschrift von Rudmin (2016, 204) untermauert: „Possessions as inventory; sharing as supply chain demand“, indem er hier das Teilen mit einer Funktion der Betriebswirtschaftslehre, dem Supply Chain Management gleichsetzt.

Im Nachhinein ist es eigentlich überraschend, dass diese Vorgehensweise, in der menschliches Verhalten, welches sich weit vor jeglichen Wirtschaftstheorien und bestehenden Märkten entwickelte, durch volkswirtschaftliche Konzepte erklärt wird, vollkommen konsistent wirkt. Andererseits ist dieser Umstand zu einem gewissen Grad die logische Konsequenz einer Gesellschaft, in der die „Wirtschaft“ eine endogene Rolle innehat. Umgangssprachlich ausgedrückt besitzen Forscher den unbewussten Hang, wirtschaftliche Konzepte in ihren Forschungen zu nutzen, weil die „Wirtschaft“ das gesamte Zusammenleben um sie herum organisiert.

Deshalb stellt sich die Frage, inwiefern Untersuchungen, die auf dem methodologischen Individualismus beruhen, überhaupt dazu geeignet sind, indigene Gesellschaften, die nicht nach westlichem Verständnis eine Wirtschaft betreiben, zu analysieren.

An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass die zuvor behandelten Theorien wie der reziproke Altruismus oder der tolerierte Diebstahl nun nicht als falsch angesehen werden, noch sollen sie in ihrem Wert zum Verstehen des Teilens abgeschwächt werden, sie stellen lediglich eine möglich Perspektive dar. Aber solange das Teilen nicht aus den Konzepten des methodologischen Individualismus gelöst wird, besteht die Gefahr, dass sich die Argumentation im Kreis dreht. Denn die Sharing Economy hat, wie der Name schon sagt, das Teilen offensichtlich in einen wirtschaftlichen Kontext eingegliedert. Und um das Spannungsfeld um die Sharing Economy zu verstehen, muss dieser Rahmen verlassen werden, wozu das nächste Kapitel dient.

2.3.2 Konkretes Hinterfragen der Motive

Das konkrete Hinterfragen der Motive ist aus unterschiedlichen Gründen wichtig. Zum einen können neue Motive identifiziert werden. Zum anderen lässt sich in diesem Prozess das schwer zu erfassende Spannungsfeld um das Teilen sichtbar machen. Dies ist wiederum nötig, um im abschließenden Teil dieser Arbeit die Bedeutung des Teilens in der Sharing Economy besser zu beurteilen.

Wie bereits angesprochen, werden nun einige der obigen Motive aus einer neuen Perspektive betrachtet. In diesem Prozess werden Argumente aufgezeigt, die die „alten“ Motive entkräften und gleichzeitig neue Motive notwendig machen. Hier wird auch die Frage nach dem Eigentum aufgeworfen.

Wie bereits erwähnt, stellt der reziproke Altruismus auf eine gewisse Art und Weise ein Nullsummenspiel dar. Folglich wird der Teilende zu einem späteren Zeitpunkt durch verteilte Ressourcen eines zu vorigen Empfängers entschädigt. Um dieses Szenario neu zu beleuchten, bedient sich Bell einer Interessanten Parallele nach Trivers (1972). Hierbei dreht es sich um die Frage, warum eine Person eine andere ertrinkende Person retten sollte. Der Ansatz des reziproken Altruismus führt zu einer unwahrscheinlichen Schlussfolgerung, wonach sich in der Zukunft der Retter und der Ertrinkende in einer identen Situation mit vertauschten Rollen wiederfinden müssten. Wenn nun nicht erwartet werden kann, dass der Akt der Rettung durch eine spätere Handlung wieder ausgeglichen wird, kommt die Frage auf, wieso überhaupt gerettet beziehungsweise geteilt wird.

Dieses Dilemma findet sich auch in Jäger und Sammler Gemeinschaften wieder. Denn hier gibt es talentiertere und im Durschnitt erfolgreichere Jäger und Jäger, die in der Regel weniger Erfolg haben (Mitsuo, 2005, S. 11). Somit sind die weniger erfolgreichen Jäger von den Erfolgreicheren abhängig. Während die Erfolgreichen wissen, dass sie von den weniger talentierteren Jägern niemals einen Ausgleich oder mehr zurück erhalten werden, stellt sich die Frage, warum der bessere Jäger trotzdem seine Beute teilt?

Die Antwort, so Bell (1995), liegt in der Tatsache begründet, dass eine Person aufgrund ihrer Sozialisierung (egal in welcher Form) die soziale Verantwortung verspürt, das Recht auf Leben eines Dritten zu schützen. Dies untermauert Bell (1995) beispielhaft anhand des US-amerikanischen Rechtsstaates, obwohl gerade hier die Ideologie des Individualismus beheimatet ist. So zieht er ein konkretes Zitat aus einem Rechtsstreit heran:

„If one owes to another a plain particular and personal duty, imposed either by law or by contract, an omission (a failure to act), resulting in the death of the party to whom such duty was owing, usually renders the delinquent party guilty of homicide“(Simkins v State, 1990, Court of Special Appeals of Maryland zitiert nach Bell 1995, 827)

Nachdem Bell (1995) noch andere Fallbeispiele, in denen die Angeklagten aufgrund von „verwerflicher Gleichgültigkeit“ vor Gericht standen, heranzieht, schließt er mit folgenden Worten ab:

„If the models of evolutionary ecology apply anywhere, it should be here in the heartland of methodolocigal individualism. These are court cases in which the defendant is charged with murder. They establish the fact that an individual has a right to life that others obliged to recognize, and they show clearly that a person’s obligation to save another is in no way conditioned by the probability that he or he may someday require the same assistance from that party or from some other party. Rights (...) are not conditioned on potential „reciprocal“ benefits that may subsequently accrue to the bearers of responsibility“ (Bell, 1995, S. 828)

Aus dieser Perspektive stellt das Teilen der Beute bis zu einem gewissen Grad nicht viel anderes dar, als das Nachkommen einer sozialen Verantwortung, umso das Leben von anderen zu schützen (bzw. das Recht auf Leben). Denn fehlende Nahrung ist genauso existenzbedrohend wie die Situation einer ertrinkenden Person. Jede Person ist durch ihr Recht auf Leben geschützt und jedes Individuum besitzt die Verpflichtung dieses Recht zu schützen, auch wenn es nicht das Eigene ist.

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Details

Seiten
73
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668607460
ISBN (Buch)
9783960951629
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v379498
Note
Schlagworte
Sharing Economy Sharingeconomy Collaborative consumption Peer-sharing Mesh economy

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Titel: Sharing Economy – zwischen Kapitalismus und Kommunismus