Lade Inhalt...

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Die Ausgangslage
I.1 Verschiedene Ethiktypen
a. Anthropozentrismus
b. Pathozentrismus
c. Biozentrismus
d. Physiozentrismus – Holismus
I.2 Ökonomischer Nutzen als Argument für den Artenschutz
I.3 Ökologischer Nutzen als Argument für den Naturschutz
I.4 Ästhetischer Nutzen als Argumentation für den Artenschutz
I.5 Die holistische Ethik als Begründung für einen umfassenden Artenschutz

II. Holismus und Artenschutz
II.1 Astronomie
II.2 Evolutionsbiologie
II.3 Ökologie

III. Begründung der holistischen Ethik

IV. Rück- und Ausblick

Literaturverzeichnis

I. Die Ausgangslage

Der seit den siebziger Jahren feststehende Begriff der ökologischen Krise, welcher die ökologischen Folgewirkungen der Menschheit zusammenfasst, beinhaltet als eine unter vielen Erscheinungen das Artensterben und die damit verbundene Bedrohung für das Leben weltweit. Das Artensterben, als eines von vielen Symptomen der derzeit stattfindenden irreversiblen Zerstörung der Natur, veranlasst Philosophen zu Entwicklungen eines richtigen Umgangs des Menschen mit der Natur. Dieses Bestreben ordnet man einem Teil der Philosophie, nämlich der Naturethik, zu.

Ethik im Allgemeinen sucht nach einer Antwort auf die Frage: „Was sollen wir tun?“, und wird als eine Disziplin der Moralphilosophie begriffen. Während sich die traditionelle Ethik auf den richtigen Umgang mit dem Menschen konzentriert, beschäftigt sich die Naturethik, in Anlehnung an die traditionelle Ethik, verstärkt mit dem ethisch richtigen Umgang des Menschen mit der Natur. Natur als Gegenstand der Naturethik wird begriffen als „dasjenige in unserer Welt, das nicht vom Menschen gemacht wurde, sondern das (weitestgehend) aus sich selbst entstanden ist, neu entsteht und sich verändert“[1].

Das Bemühen um eine „neue Ethik“ findet seinen Anlass, wie bereits erwähnt, in ökologischen Problemen, die seit den siebziger Jahren vorwiegend in den Industrienationen zu Tage treten. Die Auffassung, die Natur als Ressource zu betrachten an der man sich nach Belieben bedienen könne, wurde bald sehr stark kritisiert, und die Forderung, der Natur Respekt und Ehrfurcht zu zollen, und ihr dabei Eigenwert zuzusprechen, wurde Gegenstand neuerer Diskussionen. Bereits in den frühen siebziger Jahren erschienen Publikationen zu naturethischen Themen. Die ersten Ansätze zu solchen Diskussionen sind also noch sehr jung und sollen an dieser Stelle kurz vorgestellt werden.

Das Grundproblem der folgenden Ethikkonzepte besteht darin, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob die Natur nur für den Menschen da ist, oder ob der Mensch um seiner selbst willen auf sie Rücksicht nehmen muss und sie somit den Status eines moralischen Objektes beanspruchen kann. Der Unterschied der Ethiktypen besteht in der Reichweite der direkten menschlichen Verantwortung. Die Reichweite der Verantwortung hat Meyer-Abich in fünf Schritte gegliedert: „(1) Jeder nimmt nur auf sich selber Rücksicht. (2) Jeder nimmt auf sich selber und alle Menschen Rücksicht. (3) Jeder nimmt auf sich selber, alle Mitmenschen und überhaupt alle bewusst empfindenden Wesen (consciously sentient beings) Rücksicht. (4) Jeder nimmt auf alles Lebendige Rücksicht. (5) Jeder nimmt auf alles Rücksicht.[2]

Analog zu dieser Einteilung sollen nun die verschiedenen Ethiktypen vorgestellt werden.

I.1 Verschiedene Ethiktypen

a. Anthropozentrismus

Bei dem Anthropozentrismus besteht die moralische Verpflichtung nur gegenüber dem Menschen. Die anthropozentrische Naturethik vertritt die Position, dass nur der Mensch allein vernünftig und moralisch handeln kann. Danach hat also nur der Mensch, nicht aber die Natur einen moralischen Status; nur der Mensch besitzt also einen Eigenwert und infolgedessen kann auch nur er direktes Objekt menschlicher Verantwortung sein.[3] Die Begründung des Tierschutzes bei Kant folgt diesem Ethikprinzip: „Nach der bloßen Vernunft zu urteilen, hat der Mensch sonst keine Pflicht als bloß gegen den Menschen (sich selbst oder einen anderen); (…) und seine vermeinte Pflicht ist bloß Pflicht gegen sich selbst; zu welchem Missverstande er dadurch verleitet wird, dass er seine Pflicht in Ansehung anderer Wesen mit einer Pflicht gegen diese verwechselt“[4]. So verurteilt Kant Tierquälerei nicht etwa, weil er es für den falschen Umgang des Menschen mit den Tieren hält, sondern weil der Mensch bzw. das Mitgefühl mit anderen Menschen durch dieses Handeln abstumpft.

b. Pathozentrismus

Was den Tierschutz anbelangt, erweitert der Pathozentrismus seinen Verantwortungsbereich. Nicht nur dem Menschen wird bei diesem Ethiktypus Eigenwert zugesprochen, sondern allen leidensfähigen Naturwesen kommt Eigenwert zu, d.h. alle empfindungsfähigen Wesen verdienen Rücksicht um ihrer selbst willen. „Niedere Tiere“, Pflanzen und unbelebte Materie werden dabei nicht berücksichtigt.[5]

c. Biozentrismus

Der Biozentrismus weitet seinen Verantwortungsbereich um eine Stufe aus und räumt allen Lebewesen moralischen Status ein. Begründet wird dieser Ethiktypus durch den unbewussten Lebensdrang von Pflanzen, aber auch niederen Organismen. Demnach verdient alles Lebendige Rücksicht um seiner selbst willen. Innerhalb der Biozentrik wird unterschieden zwischen einer „gemäßigten Biozentrik“, die von einer Wert – bzw. Interessenrangordnung aller Lebewesen ausgeht, und einer „radikalen Biozentrik“, die die prinzipielle Gleichwertigkeit allen Lebens verfechtet.

d. Physiozentrismus – Holismus

Der Physiozentrismus bzw. Holismus umfasst „alles“. Dieser Standpunkt in der Naturethik gewährt allem Lebendigen, auch unbelebter Materie sowie Systemganzheiten moralischen Status, wobei alles in den Bereich direkter menschlicher Verantwortung fällt. Die ganze Natur bzw. alles in ihr verdient Rücksicht um ihrer selbst willen. Auch hier wird innerhalb der holistischen Ethik unterschieden. Nach Norton gibt es den monistischen Holismus, wonach nur dem Gesamtsystem Eigenwert zugesprochen wird, während im pluralitischen Holismus das Gesamtsystem, sowie Einzelindividuen als moralische Objekte verstanden werden.[6]

Mehr als alle anderen Ethikformen stößt diese gänzlich neue holistische Umweltethik auf heftige Kritik. Sie lässt andere umweltethischen Positionen hinter sich zurück, da sie mit Berücksichtigung ganzer Systemeinheiten, sowie unbelebter Materie die direkte Verantwortung neuartig erweitert. Unterschiedliche Meinungen bei den Vertretern umweltethischer Positionen beschränken sich meist auf den theoretischen Bereich. Angesichts der drohenden Lage und der Notwendigkeit des Schutzes der Natur, scheint es in der praktischen Umsetzung jedoch keine Meinungsverschiedenheit zu geben. So wird behauptet, die unterschiedlichen Umweltethiken seien letztendlich Wirkungsgleich. Gorke jedoch ist der Ansicht, dass diese sogenannte „Konvergenz-Hypothese“ tatsächlich zu anderen Konsequenzen in der Umsetzung führt und das ein umfassender Artenschutz eine nicht-anthropozentrische Umweltethik fordert. Er plädiert daher für eine Ausweitung des Verantwortungsbereiches des Menschen, bis hin zu einem holistischen Standpunkt. Seine Frage lautet daher: Ist eine anthropozentrische Umweltethik ausreichend für den Artenschutz?

Im Folgenden wird die Argumentationsweise des Anthropozentrismus aufgezeigt und kritisiert.

[...]


[1] Krebs, Angelika: „Naturethik, Grundtexte der gegenwärtigen tier- u. ökoethischen Diskussion“, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, S. 340

[2] Vgl. Meyer – Abich (1982) in Gorke, Martin: „Die ethische Dimension des Artensterbens: von der ökolog. Theorie zum Eigenwert der Natur, Bayreuth, 1996, S. 110

[3] Vgl. Gorke, Martin: „Die ethische Dimension des Artensterbens: von der ökolog. Theorie zum Eigenwert der Natur, Bayreuth, 1996, S. 111

[4] Kant, Immanuel: „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, 1797, S. 84

[5] Vgl. Gorke, Martin: „Die ethische Dimension des Artensterbens: von der ökolog. Theorie zum Eigenwert der Natur, Bayreuth, 1996, S. 112

[6] Vgl. Norton (1987) in Gorke, Martin: „Die ethische Dimension des Artensterbens: von der ökolog. Theorie zum Eigenwert der Natur, Bayreuth, 1996, S. 177

Details

Seiten
15
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638371421
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37934
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Philosophisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Holismus Artenschutz Natur- Umweltethik

Autor

Zurück

Titel: Holismus und Artenschutz