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Aufwachsen mit Hunden. Psychische, soziale, pädagogische und therapeutische Bedeutung von Hunden in der Kindheit

Diplomarbeit 2005 150 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen
2.1. Kindheit
2.1.1. Zeitliche Definition
2.1.2. Biologische Definition
2.1.3. Juristische Definition
2.1.4. Religiöse Definition
2.2. Heimtier
2.3. Haustier

3. Die Mensch – Hund – Beziehung in der Geschichte
3.1. Hunde von der Antike bis zur Neuzeit
3.1.1. Das Altertum
3.1.2. Das Mittelalter
3.1.3. Die Neuzeit
3.2. Hunde in der Gegenwart
3.3. Entwicklung der tiergestützten Pädagogik bzw. Therapie

4. Veränderte Lebenswelten moderner Kindheit
4.1. Wandel der Lebensbedingungen von Kindern
4.2. Veränderte Frauenrolle
4.3. Anstieg der Scheidungszahlen
4.4. Infantilisierung der Armut
4.5. Therapiebedürftigkeit der Kinder

5. Das Kind aus der Sicht des Hundes

6. Probleme in der Kind – Hund Beziehung
6.1. Unfallgefahr
6.2. Gesundheitliche Risiken
6.2.1. Zoonosen
6.2.2. Allergien
6.3. Angst vor Hunden
6.4. Rechtliche Rahmenbedingungen
6.5. Der Hund als Konkurrent
6.6. Neuer Missbrauch der Hunde?

7. Bedeutung von Hunden in der Kindheit
7.1. Therapeutisches und psychosoziales Wirkungsgefüge in der Kind – Hund Beziehung
7.1.1. Therapeutische Wirkfaktoren
7.1.1.1. Auswirkungen auf den Blutdruck und Stressminderung
7.1.1.2. Förderung der Motorik
7.1.1.3. Lachen als Therapie
7.1.1.4. Bewegung und Aktivität durch Hunde
7.1.1.5. Hunde als „Eisbrecher“
7.1.1.6. Prävention gegen Allergene
7.1.2. Soziale Auswirkungen
7.1.2.1. Verbesserung der nonverbalen Kommunikation
7.1.2.2. Der Hund als „Beziehungskatalysator“
7.1.2.3. Abbau von aggressiven und sozial destruktiven Verhaltensweisen
7.1.2.4. Vermittlung von sozialen Fertigkeiten
7.1.2.5. Spielen als Ausdruck von Lebensfreude
7.1.3. Psychische Effekte der Kind – Hund – Beziehung
7.1.3.1. Der Hund als „Seelentröster“
7.1.3.2. Das Bedürfnis nach Körperkontakt
7.1.3.3. Antidepressive und antisuizidale Wirkung
7.1.3.4. Aktivierungsebene
7.1.3.5. Freund und „Konfliktlöser“
7.1.4. Pädagogische Auswirkungen
7.1.4.1. Auswirkungen auf die frühe Identität
7.1.4.2. Ganzheitliche Förderung
7.1.4.3. Erlernen von Selbstständigkeit und Aufbau des Selbstwertgefühls
7.1.4.4. Erschaffung einer neuen Erfahrungswelt
7.1.4.5. Lernförderung durch den Hund
7.1.4.6. Strukturierung des Tagesablaufs
7.2. Verhältnis zum Hund in den einzelnen kindlichen Altersgruppen
7.2.1. Säuglinge und Kleinkinder (0 – 6 Jahre)
7.2.2. Schulkinder (6 – 12 Jahre)
7.2.3. Vorpubertät (12 – 14 Jahre)
7.3. Die Bedeutung des Hundes für Kinder in unterschiedlichen Lebenssituationen
7.3.1. Einzelkinder
7.3.2. Behinderte Kinder
7.3.3. Scheidungskinder und Kinder von Alleinerziehenden
7.3.4. Verhaltensauffällige Kinder

8. Methodik
8.1. Auswahl geeigneter Datenerhebungsmethoden
8.1.1. Die Fragebogenuntersuchung
8.1.1.1. Fragebogengestaltung
8.1.1.2. Stichprobe
8.1.2. Online – Erhebung im World Wide Web
8.1.2.1. Vorteile und Nachteile der Online – Erhebung
8.1.2.2. Stichprobe
8.1.2.3. Vorgehensweise
8.2. Das Begleitschreiben
8.3. Der Pretest

9. Ergebnisse
9.1. Die Rücklaufquote
9.2. Statistische Daten
9.2.1. Wie alt warst du als der Hund zu Euch kam?
9.2.2. Wie lange hast Du den Hund?
9.3. Die Variablen im Einzelnen
9.3.1. Was machst Du alles mit Deinem Hund?
9.3.2. Wie würdest Du Deinen Hund bezeichnen?
9.3.3. Was machst Du am liebsten mit Deinem Hund?
9.3.4. Kann Dein Hund…?
9.3.5. Wer übernimmt welche Aufgaben?
9.3.6. Wie reagieren Deine Freunde auf Deinen Hund?
9.3.7. Gibt es etwas das Du nur Deinem Hund erzählen würdest?
9.3.8. Was gefällt Dir allgemein an Hunden am meisten?

10. Diskussion der Ergebnisse
10.1. Einfluss des Hundes auf die Entwicklung der Kinder
10.2. Gesprächspartner und Gesprächsstoff
10.3. Übernahme von Verpflichtungen in der Hundehaltung
10.4. Konfliktbewältigung durch den Hund
10.5. Die Kind – Hund Beziehung im Vergleich von Land- und Stadtkindern

11. Projekte im Bereich der Kind - Hund Beziehung
11.1. Hundgestützte Ergotherapie
11.1.1. Durchführung
11.2. „Helfer auf vier Pfoten“
11.2.1. Ziele
11.2.2. Auswirkungen der Besuchshunde auf die Kinder
11.2.3. Durchführung
11.3. „Zur Schule mit Jule“
11.3.1. Auswirkungen

12. Zusammenfassung

Anhang
(A) Begleitschreiben
(B) Fragebogen
(C) Online-Fragebogen
(D) Forenliste
(E) 12 Goldene Regeln
(F) Tabellen und Diagramme

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

1. Einleitung

„Der Hund ist das einzige Lebewesen auf der Erde,

das Sie mehr liebt, als sich selbst.“
Josh Billings

Über 80 Prozent aller Hunde in Deutschland werden in Familien gehalten (vgl. IVH, o.J.).

Kinder die mit Hunden leben und aufwachsen, leben in einer anderen Umwelt als Kinder, die ohne Hund aufwachsen. Sie werden durch die Hunde geprägt und mit erzogen.

Der Hund vermag es durch seine sensible und äußerst feine Wahrnehmung, Körpersignale und Stimmungslagen der Kinder wahrzunehmen. Er vermag es auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von den verschiedensten Kindern zu reagieren. Dabei kann der Hund für die Kinder eine jeweils andere Bedeutung haben und diese Bedeutung kann für die Kinder einen unterschiedlichen Stellenwert einnehmen.

Hunde begleiten die Entwicklung von Kindern schon von klein auf. Ihr erster Kontakt zum Hund, findet oft in Form von Kuscheltieren statt. Hunde kommen in Märchen und Geschichten vor und sie werden in Zeichentrickfilmen zum Helden der Kinder (vgl. Greiffenhagen, 1991). Kinder verbinden daher schon in ihrer frühesten Kindheit positive Erfahrungen mit Hunden (siehe Abb.1.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1.1: Ein Familienhund und sein „Rudel“

Hunde ziehen Kinder fast magisch an. Auch Boehm stellte dies 1992 fest: „Was ich für wichtig halte: das vertrauensvolle Umgehen mit Tieren und Natur. Ich glaube nicht, dass irgendwelche besonderen Ideen nötig sind, um das zu gestalten. Es ist, fernab vom eingeengten und mechanisierten Großstadtleben, einfach das, was seit Jahrtausenden Kinder in aller Welt eigentlich haben durften. Nichts weiter Wie die Biene die Blume findet, finden Kinder Tiere." (vgl. Bull, o.J.) Vermutlich weil sie sich in ihrem Verhalten so ähnlich sind, wählen sie sich oft als Spielpartner. Kinder treten ihnen offen und interessiert entgegen, da sie mit den Hunden oft positive Erlebnisse verbinden.

In einem Artikel der Delta Society wird über die Geschichte eines Jungen aus Amerika berichtet, in der der Hund dem Jungen zu neuem Lebensmut verhilft und ihm eine schnelle Genesung ermöglicht: Cathy Bones, Tiertherapie Koordinatorin, Shriners Kinderkrankenhaus in Sacramento (Kalifornien), spürt täglich die Auswirkungen von Tieren auf Kinder.

Tommy, ein 9 jähriger Verbrennungspatient, ein schlauer, mutiger Junge, der noch große Schmerzen durch seine Verbrennungen hat, „freut sich immer, wenn er die Tiere sieht“, bemerkt Bones. „ Er liebt Hunde und er vermisst seinen den er im Feuer, dass ihn verstümmelt hat, verlor.“. „Er spielt mit allem, was der Hund ihm bringt. Manchmal möchte er einfach nur still sitzen, den Hund streicheln und ihm seine Geheimnisse zuflüstern. Er sagt, dass der Hund sich nicht für sein Gesicht interessiert und versucht sein Gesicht durch die Maske, die sein Narbengewebe schützen soll, zu lecken.“ (übersetzt aus dem englischen, vgl. Ed Kane, 2001).

Der Artikel zeigt, dass Hunde Trost spenden können und den Kindern ein Gefühl des Angenommenseins geben. Ein Hund kennt keine Vorurteile und sieht in jedem Kind etwas Besonderes. Sie sind Spielkamerad, Freund und Zuhörer zugleich, stillen psychische Bedürfnisse und fördern das Kind in verschiedenen Kompetenzen.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Bedeutung des Hundes für Kinder nach therapeutischen, pädagogischen, sozialen und psychischen Gesichtspunkten herauszuarbeiten.

Ich möchte die unterschiedlichen positiven Wirkungen, die die Kind-Hund Beziehung auf Kinder ausübt, aufzeigen und die verschiedenen Einstellungen der Kinder zum Hund darstellen. Ziel der Arbeit ist es außerdem, die Meinung der Kinder über ihre Beziehung zum Hund aufzugreifen und zu erfahren, welche Eigenschaften sie am Hund schätzen bzw. welche Aktivitäten sie bei dem Hund bevorzugen.

Nach einem einleitenden Abschnitt möchte ich zunächst die Begriffe Kindheit, Heimtier und Haustier, die mit der Thematik in Zusammenhang stehen, erklären und definieren. Danach folgt ein geschichtlicher Rückblick, der Einblick in die Entstehung der Mensch- Tier Beziehung geben soll. Damit möchte ich aufzeigen, welchen Wandlungen die Mensch-Tier Beziehung in den vergangenen Jahrhunderten unterlegen war und dass man nicht immer von einer harmonischen Beziehung zwischen Mensch und Hund sprechen konnte.

Im darauf folgenden Kapitel, möchte ich die veränderten Lebenswelten moderner Kindheit aufzeigen. Bedingt durch einen Wandel der Kindheit, haben Kinder heute andere Bedürfnisse, Möglichkeiten und Schwierigkeiten, die sich auch auf die Beziehung zum Hund auswirken.

In einem weitern Kapitel werde ich auf die Sicht des Hundes eingehen. Ich werde erläutern, wie der Hund das Kind wahrnimmt und wie sich die Position des Kindes, aus der Hundesicht, verändert.

Im anschließenden Kapitel möchte ich auf eine Reihe von Rahmenbedingungen eingehen, die entscheidend für eine positive Entwicklung der Kind – Hund Beziehung sind, sowie auf Probleme, die in dieser Beziehung entstehen können.

Im darauf folgenden Kapitel stelle ich die Bedeutung des Hundes in der Kindheit, nach therapeutischen, sozialen, psychischen und pädagogischen Gesichtspunkten dar.

Das Verhältnis zum Hund in den einzelnen Altersgruppen und in den unterschiedlichen Lebenssituationen wird danach gesondert herausgearbeitet.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit der Methodik meiner Untersuchung an Hundeschulen und im Internet.

Gefolgt von den Untersuchungsergebnissen und deren Diskussion.

Abschließen möchte ich meine Arbeit mit einer Vorstellung von hundgestützten Projekten im therapeutischen und pädagogischen Bereich, sowie einer Zusammenfassung meiner Diplomarbeit.

2. Begriffserklärungen

„Wir haben einen Überschuss an einfachen Fragen

und einen Mangel an einfachen Antworten“
Lothar Schmidt (*1922), dt. Politologe u. Hochschullehrer

2.1. Kindheit

2.1.1. Zeitliche Definition

Wenn man versucht den Begriff „Kindheit“ zu definieren, stellt man fest, dass es keine einheitliche Definition von Kindheit gibt. Schlägt man den Begriff in verschiedenen Lexika nach, erhält man auch verschiedene Erklärungen. Im normalen Sprachgebrauch wird unter Kindheit der Zeitraum von der Geburt bis zur Pubertät, im Allgemeinen bis 14 Jahre, verstanden (vgl. Encarta 2004). Im Lehrbuch der Entwicklungspsychologie findet man unter dem Begriff Kindheit: „das Alter vom vierten bis zum elften, zwölften Lebensjahr. Kindheit ist nicht universell durch bestimmte qualitative und quantitative psychische Veränderungen bestimmbar, sondern auch kulturell definiert“ (Oerter 2002, S.209).

In manchen Lexika wird Kindheit nur über den Begriff Kind / Kinder definiert und nicht als eigenständiger Begriff geführt, wie z.B. in Meyers großem Taschenlexikon (1995): "Kind, der Mensch in der Alters- und Entwicklungsphase der Kindheit. Im allg. unterscheidet man zw. Neugeborenem (bis 10. Lebenstag), Säugling (1. Lebensjahr), Kleinkind (2. und 3. Lebensjahr), Kindergartenkind (4.-6. Lebensjahr) und Schulkind (7.-14. Lebensjahr)".

Die zeitliche Definition von Kindheit ist, die am meisten in der Umgangssprache verwendete Definition.

Der Begriff Kindheit war in der Geschichte starken Wandlungen unterworfen und darf nicht unabhängig von der jeweiligen geschichtlichen und sozialen Perspektive gesehen werden (vgl. Encarta 2004). Der Begriff „Kindheit“, wie wir ihn heute in den Industriestaaten kennen, entstand erst vor 300 Jahren (vgl. Plan 2002). Vorher endete für die meisten Kinder die „Kindheit" schon mit sieben Jahren. In diesem Alter hatte das Kind alles von den Eltern gelernt, was es zum Überleben wissen musste.

Im Mittelalter mussten Kinder ihren Eltern bei der Arbeit helfen, sobald sie sich eigenständig fortbewegen konnten. Es war keine Zeit und kein Geld da, um die Kinder zu verschonen und ihnen in ihrer Entwicklung Zeit zu lassen (siehe Plan 2002).

Die meisten Kinder in den Entwicklungsländern kennen auch heute keine Kindheit. Durch die Armut müssen viele Kinder schon früh bei der Arbeit helfen und zum Einkommen und Überleben der Familie beitragen.

2.1.2. Biologische Definition

Kindheit wird oft auch anhand von körperlichen Veränderungen festgelegt.

Sozialhistoriker wiesen jedoch nach, dass man biologische Veränderungen wie Körperwachstum nicht unbedingt an ein bestimmtes Alter festmachen kann. Vielmehr ändern sich die biologischen „Anhaltspunkte“ über die Zeiträume hinweg.

Am eindeutigsten ist dies anhand der Pubertät zu zeigen: Heute setzt der Zeitpunkt der Pubertät schon viel früher in der Entwicklung des Jugendlichen ein als noch vor einigen Jahrhunderten. Mädchen bekommen ihre Menstruation früher und bei jungen Männern wurde festgestellt, dass der Stimmbruch früher einsetzt und das Körperwachstum schneller abgeschlossen ist. Wissenschaftler konnten beweisen, dass der starke soziale und technologische Wandel Ursache für die biologischen Veränderungen sind, wie z.B. die Abnahme der Kinderarbeit und Verbesserungen in der Ernährung (vgl. Wölfel 2003).

Aufgrund dieser Fakten ist es schwierig Kindheit auf biologischer Ebene zu definieren.

Wenn man zum Beispiel das Körperwachstum als Fixpunkt für das Ende der Kindheit nimmt, würde das bedeuten, dass Kindheit heute kürzer ist und früher endet. Wölfel (2003) betont jedoch, dass diese Überlegung falsch ist: Kindheit stellt heute u.a. durch einen späteren Eintritt ins Arbeitsleben, eine längere Zeitspanne dar, als sie sonst in der Geschichte zu finden war.

2.1.3. Juristische Definition

In der Kindheit genießt ein Mensch eine besondere rechtliche Stellung.

Das Sozialgesetzbuch definiert „Kind“ mit: „wer noch nicht 14 Jahre alt ist“ (§7, Abs.1 SGB VIII. Siehe Familienrecht 2002). Demnach wurden in der Gesetzgebung für diesen Altersabschnitt besondere Kinderrechte berücksichtigt und in einigen Gesetzestexten Bestimmungen für den Altersabschnitt der Kindheit eingefügt.

Allerdings kursieren auch in den Gesetzestexten verschiedene Altersgrenzen. Demzufolge beginnt die Rechtsfähigkeit des Kindes "mit der Vollendung der Geburt" (siehe §1 BGB 2003), seine Geschäftsfähigkeit und Strafmündigkeit stufenweise später.

Im Jugendstrafrecht sind individuelle Altersgrenzen möglich, die unabhängig von Kindheit, Jugend und Adoleszenz festgelegt werden.

2.1.4. Religiöse Definition

In der Religion gibt es bestimmte Integrationsriten, die das Kind aus seiner passiven Rolle hin zum aktiven Mitglied der Gesellschaft aufsteigen lassen. Diese Integrationsriten werden je nach Religion Konfirmation, Firmung oder Jugendweihe genannt und finden ungefähr mit 14 Jahren statt. Diese Ereignisse, bei denen das Kind als mitverantwortliches Mitglied in der Gemeinschaft aufgenommen wird, kann man ebenfalls als Übergang zum Erwachsenendasein ansehen.

In dieser Arbeit fasse ich den Begriff der Kindheit etwas weiter, wie in den verschiedenen Definitionen beschrieben. Ich werde in meinen weiteren Ausführungen auf das Alter von 0 bis einschließlich 14 Jahren eingehen. Ich glaube, dass man noch nicht alle 14 Jährigen als Jugendliche betrachten kann. Viele sind in ihrer Entwicklung emotional und sozial noch sehr unsicher. Meiner Ansicht nach kommt es erst bei den meisten 15 Jährigen zu entscheidenden Veränderungen in ihrem Leben. Da es in meiner Arbeit, um die Beziehung zum Hund geht, möchte ich die 14 Jährigen noch mit einbeziehen. Ich glaube, dass die meisten Kinder in diesem Alter noch viel von der Bindung zum Hund lernen können und es erst danach zu einem wesentlichen Umbruch in der Beziehung zum Hund kommt.

2.2. Heimtier

In Deutschland gab es im Jahre 2000, nach Angaben der Enzyklopädie Encarta (2004) etwa 100 Millionen Heimtiere inklusive der Zierfische. Wenn man die Fische nicht mitrechnet, sind es rund 22 Millionen Heimtiere.

In manchen Schriften wird der begriff „Heimtier“ sehr undeutlich beschrieben.

So zählen zu den Heimtieren nach der Futtermittelverordnung (FMV, 1985) Tiere, „die üblicherweise vom Menschen gehalten werden, ausgenommen Tiere, die der Pelzgewinnung dienen“. Diese Definition ist sehr weit gefasst und schließt noch viele andere Tiere, wie z.B. Zootiere mit ein.

Konkreter wird der Begriff im Art. 34a der Tierschutzverordnung (2001) erläutert: „Als Heimtiere gelten Tiere, die aus Interesse am Tier oder als Gefährten im Haushalt gehalten

werden oder die für eine solche Verwendung vorgesehen sind“.

Der Industrieverband Heimtierbedarf e.V. versteht unter Heimtier ein Tier, das unter menschlicher Obhut gehalten wird und nicht der wirtschaftlichen Nutzung dient (IVH, 2001).

Allgemein kann man sagen, dass Heimtiere Tiere sind, die mit dem Menschen eng zusammen leben. Sie werden gehalten, weil man seine Freude an dem Tier hat und eine enge Bindung zu ihm besteht. Zentraler Punkt vieler Definitionen ist, dass man keinen wirtschaftlichen Nutzen aus ihnen ziehen darf.

Zu den Heimtieren gehören vor allem Hunde und Katzen, aber auch Nager, Amphibien, Reptilien und Stubenvögel. Es ist möglich, dass auch Grosstiere, wie Pferde, Schafe, Schweine oder Lamas, als Heimtiere gehalten werden, wenn sie zur Freude des Menschen oder zu Therapiezwecken gehalten werden (siehe Freepedia 2004).

Da die meisten Heimtiere auch Haustiere sind, wurden sie für das Zusammenleben mit dem Menschen domestiziert. Die Ausnahme sind Tiere, die zu Zierzwecken gehalten werden, wie z.B. manche Zierfische (vgl. Freepedia 2004). Heimtiere wurden durch Zucht meist so verändert, dass sie fast problemlos in der menschlichen Umwelt gehalten werden können. Einige sind in ihrem Verhalten und Körperbau sogar so stark verändert worden, dass sie in der freien Wildbahn nicht mehr überlebensfähig wären.

2.3. Haustier

Nach der freien Enzyklopädie „Wikipedia“ (2004) sind Haustiere Heimtiere, die vom Menschen in derselben Wohnung bzw. im selben Haus gehalten werden. Der Ausdruck „Haustier“ schließt neben den Heimtieren auch so genannte Nutztiere mit ein, z. B. Hühner, Schafe und Rinder (vgl. IHV 2001).

Es steht fest, dass Haustiere von allen Kulturen gehalten wurden. In der Geschichte waren keine Hochkulturen bekannt, die keine Haustiere hielten (vgl. Encarta 2004).

Haustiere sind Nachfahren wild lebender Tiere. Sie wurden durch Domestikation an das Zusammenleben mit dem Menschen gewöhnt und ihr Verhalten in Teilen verändert. Durch Züchtung wurden immer wieder neue Rassen geschaffen (vgl. Encarta 2004).

3 Die Mensch – Hund Beziehung in der Geschichte

3.1 Hunde von der Antike bis zur Neuzeit

Was 2000 Jahre überhört wurde,

ist deswegen keinesfalls aus der Zeit. Siegfried Lenz (*1926)

Durch die vielen Funde, die Archäologen auf der ganzen Welt ausgegraben haben und Zeichnungen die unsere Vorfahren hinterlassen haben, kann man heute viel über die Geschichte des Haushundes erfahren.

Der älteste Knochenfund, den Archäologen dem Haushund zuschreiben, ist ca. 14000 Jahre alt und wurde in der Nähe von Bonn ausgegraben (vgl. van Schewick & Steimer 2002, S.11). Die Überreste des Hundes wurden in einem Grab zusammen mit den Überresten eines Menschen gefunden.

Da sich die Beziehung zum Hund in der Zeit von der Antike bis zur Neuzeit immer wieder gravierend verändert hat, möchte ich diese Zeitspanne noch einmal in das Altertum, das Mittelalter und die Neuzeit unterteilen.

3.1.1 Das Altertum

Nach Hamann (2004, S.22) fanden sich die ersten Anzeichen auf Hundehaltung im Altertum (etwa 5000 v. Chr. – 500 n. Chr.), in Ägypten, in der Zeit des 5. Jahrtausend vor Christus. Man fand viele Zeichnungen in Höhlen und Pyramiden, die auf eine ausgeprägte und vielfältige Form der Hundehaltung hinwiesen. Durch Skelettfunde konnte man beweisen, dass es schon damals verschiedene Hundeformen gab.

Die Ägypter hielten sich Hunde vorwiegend als Jagdgehilfen, Schosshunde, Palasttiere und Hunde die für den Kriegsdienst bestimmt waren (vgl. Hamann 2004, S.22).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3.1: Zusammenstellung altägyptischer Hundetypen nach K. Senglaub, 1976.

(aus: Hamann 2004, S.22)

Die enge Beziehung zum Hund, die die Ägypter wahrscheinlich hatten, zeigt sich auch daran, dass sie einigen ihrer Götter, wie z.B. Anubis[1], ein hundeähnliches Aussehen verliehen.

Nach den Ausführungen von Brackert und van Kleffens (1999, S.22) gab es in Ägypten sogar besondere Strafen für Menschen, die einen Hund misshandelten oder töteten. Für Misshandlungen bekam man körperliche Züchtigung und wer einen Hund tötete, dem drohte die Hinrichtung.

Die Ägypter hatten nicht nur zum lebenden Hund eine starke Beziehung. Wenn ein ihnen nahe stehender Hund starb, wurde er wie die Menschen mumifiziert, in einem Sarkophag beerdigt und betrauert (vgl. Brackert & van Kleffens 1999).

Die Chinesen züchteten ihre Pekinesen so klein, dass sie in die Kleiderärmel passten und überall mit hingenommen werden konnten und einige Hunde wurden dem Aussehen nach so gezüchtet, dass ihre Gesichter dem Buddha-Löwen ähnlich sahen.

Doch konnte man in China nicht überall von einer glücklichen Mensch – Hund Beziehung sprechen. In einigen Teilen des Landes wurden Chow – Chows (Chow= essen) gezüchtet, die fast ausschließlich zum Verzehr bestimmt waren (vgl. ZDF wissen&endecken).

3.1.2 Das Mittelalter

Im Mittelalter (6.Jhd – 16.Jhd.) war das Verhältnis zum Hund zwiespältig und klassenabhängig. Wie von Hamann (2004, S.444) betont wird, hielten sich Könige, Fürsten und der Adel hauptsächlich Jagdhunde, Leibhunde und Kammerhunde.

Die Männer gingen mit ihren Hunden auf die Jagd und Frauen hielten Hunde als Schosshund, Schmuck oder Spielgefährten. Viele Gemälde aus dieser Zeit spiegeln diese geschlechtstypische Beziehung von den Menschen zu ihren Hunden wieder: Frauen werden oft mit ihren Hunden auf dem Schoss oder im Arm dargestellt, während Männer mit ihren Hunden in einer Jagd-, oder Kriegskulisse dargestellt werden.

Jagdhunde hatten es in dieser Zeit besonders gut. Sie erhielten oft eine persönliche Betreuung und Pflege bei Krankheiten und Verletzungen. Es wurden weder Kosten noch Mühen gescheut, um den Vierbeinern ein angenehmes Leben zu ermöglichen.

M. T. Cicero (106 – 43 v. Chr.) schreibt in seiner Schrift „de natura deorum“ über die besonderen Eigenschaften des Hundes. Er schreibt über die Treue, Wachsamkeit, Furchtlosigkeit und Klugheit, die den Hund auszeichnen (siehe Brackert & van Kleffens 1999, S.31). Auch in der Malerei und in der Dichtung wurde der Hund mit all seinen guten Eigenschaften liebevoll umschrieben.

Dass die Beziehung zu den Hunden über eine reine Zweckbeziehung hinausgeht, zeigt nach Brackert & van Kleffens (1999, S.35) die Tatsache, dass die Hunde nach ihrem Ableben eine ehrenvolle Bestattung mit einem Grabstein bekamen.

Im Bauern- und Handwerksstand wurden die Hunde als Wächter und Hüter eingesetzt.

Grosse Hunde wurden zum Treiben von Vieherden eingesetzt, in der Gerberei zum entfernen der Fleischreste von der Haut, im Bergbau als Lastentier, aber auch selbst als Lieferant von Fell und Haut. Die älteste Aufgabe des Hundes ist jedoch ihre Funktion als Zugtier für schwere Lasten oder durch enge Gassen.

Auch wenn sich das einfache Volk Hunde als Nutztier hielt, war die Beziehung meist von Verachtung und Grausamkeit bestimmt. Die Stadtbevölkerung fühlte sich von streunenden, herrenlosen Hunden sogar bedroht, da sie als nutzloser Überträger von Seuchen bezeichnet wurden. Die Einstellung dieser Bürgerschicht änderte sich erst Ende des 16. Jh. (vgl. Hamann 2004, S.45).

Auch die Griechen hielten sich im Mittelalter Hunde. Sie schrieben in liebevoller Kleinarbeit, mit Mosaiksteinchen „Cave canem“ (lat.: Achtung Hund!) ihre Türen um die Leute vor ihrem Hund zu warnen (vgl. Hamann 2004, S.32).

Die Griechen benutzten ihren Hund ebenfalls für die Jagd, als Schäferhund und Kampfhund. Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) versuchte als erster das Tierreich und seine Artenvielfalt einzuteilen und schrieb ein Buch über Tierkrankheiten, das Buch Vlll seiner „Historia animalium“ (vgl. Hamann 2004, S.33).

3.1.3 Die Neuzeit

Auch in der Neuzeit (etwa 15. – 19.Jhd.) haben die Jagdhunde nicht an Bedeutung und Ansehen verloren. Die Einstellung der einfachen Bevölkerung zum Nutztier hat sich allerdings grundlegend geändert (siehe Hamann 2004, S.69).

Die Möglichkeiten der Hundenutzung vervielfältigte sich: man hielt neben Wach- Hirten und Schosshunden nun auch Spur-, Dachs-, Vogel-, Wasser-, Streit-, Haus- und Schafhunde sowie Englische Doggen und Windspiele (vgl. Hamann 2004, S.70).

Auch die einfache Bevölkerung hielt sich nun Hunde, wie man es vorher nur vom Adel kannte.

Die Oberschicht, insbesondere Fürsten hielten sich Hunde als treue Begleiter (vgl. Brackert & van Kleffens 1999, S.148). Sie führten oft ein sehr isoliertes Leben und erhielten oft nur vom Hund Anhänglichkeit, Wärme und Zärtlichkeit. Ein besonderes Beispiel hierfür zeigt, nach den Ausführungen von Brackert & van Kleffens (1999, S.148ff), der Umgang von Friedrich dem Grossen mit seinen Hunden.

Er hatte eine besonders zärtliche Zuneigung zu seinen Hunden. Er nahm sie auf Kreuzzüge und Spazierritte mit. Seine Hunde durften sogar auf der Kutsche mitfahren, dort saßen sie auf dem Platz des Lakaien. Sein Lieblingshund hatte ebenso seinen festen Platz im Arbeitszimmer wie auch im königlichen Bett. Der Hund schlief auf Kissen und wurde von dem König persönlich gefüttert.

3.2 Hunde in der Gegenwart

Der Dummkopf beschäftigt sich mit der Vergangenheit,

der Narr mit der Zukunft,

der Weise aber mit der Gegenwart.
Nicolas Chamfort (1741-94), eigtl. Nicolas Sebastian Roch

Seit Beginn der Neuzeit besteht diese emotionale Beziehung abgelöst von der praktischen Nutzung der Tiere. Die Bedeutung des Hundes hat sich vom Nutztier zum Begleiter, Spielgefährten und echten Freund gewandelt.

Im 19.und 20. Jhd. wird der Hund auf eine dem Menschen vergleichbare Stufe gestellt. Der Hund bekommt besondere Nahrung, er darf im Bett schlafen, wird von der Schneiderin eingekleidet und vieles mehr.

Der Hund avanciert zum vertrauten Freund oder Kinderersatz, er gibt ein Gefühl der Sicherheit und Beständigkeit und bietet Möglichkeiten der Freizeitgestaltung (vgl. Brackert & van Kleffens 1999, S.215). Kurz gesagt, der Hund stellt heute den Ausgleich zur sich schnell wandelnden, technisierten Arbeitswelt dar. Durch die zunehmende Isolierung und Vereinsamung der Menschen versucht man heute dies durch den Hund zu kompensieren.

Die Beziehung zum Hund wird nach der Meinung von Brackert & van Kleffens (1999, S.216) zunehmend für unkomplizierter als zu einem Menschen angesehen und man erkennt den psychischen Wert den das Tier für uns Menschen darstellt.

Aufgrund der immer beliebter werdenden Hundehaltung werden immer mehr Arbeitsbereiche, die sich um unseren Vierbeiner kümmern, geschaffen.

Nach den Ausführungen von Brackert & van Kleffens wurden bereits im 19.Jhd., in der Bond Street in London, die ersten Hundesalons eröffnet, in denen der vierbeinige Liebling gebadet und parfümiert wurde. Schon im Mittelalter wurden Tierarzneischulen gegründet, damit unsere Hunde auch gesundheitlich die beste Versorgung bekamen (vgl. Hamann 2004, S.71). Daneben gibt es heute auch Hundeschulen, Hundepsychologen, Hundesitter, Hundeschneider und Hundephysiotherapeuten.

Besondere Erkenntnisse über das Zusammenleben von Mensch und Hund hat man im Bereich der Verhaltensforschung erlangt. Man stellte fest, dass der Hund positive physische und psychische Auswirkungen auf den Menschen hat.

Es gibt verschiedene Institutionen, die sich den Hund als „Co-Therapeut“ zu nutze machen, um den Menschen in verschiedenen Altersbereichen und Lebenslagen helfen zu können.

In manchen Ländern spielt der Hund auch heute im religiösen Brauchtum noch eine besondere Rolle: Wie ein Artikel aus den Elmshorner Nachrichten (19 Juni 2003 unter Berufung auf die ind. Nachrichtenagentur PTI) berichtete, wurde in Indien ein neunjähriges Mädchen mit einem streunenden Hund verheiratet, weil der erste Milchzahn des Kindes kam. Das soll nach dem Glauben ihres Stammes Unheil abwehren, das dem Mädchen drohe, nach dem Durchbruch des ersten Zahnes (siehe Zompro, 2002).

Während 1868 in England erst 40 Hunderassen durch den „Kennel Glub“ anerkannt und registriert wurden, gibt es heute über 400 verschiedene, von der FCI („Fédération Cynologique Internationale“) registrierte Hunderassen und jede Rasse hat ihre eigenen Charakter und Körpereigenschaften (vgl. Bielfeld 2000, S.13).

Aufgrund bestimmter Fähigkeiten eignen sich bestimmte Hunderassen für den privaten oder dienstlichen Einsatz als Schutz-, Katastrophen-, Lawinen- und Blindenführhunde sowie für die Suche nach Sprengstoff und Drogen.

Die Wandlung des Hundes zum geschätzten Haustier begünstigte den Aufschwung der Futtermittel- und Zubehörindustrie zu einem einträglichen Wirtschaftszweig. Nach Angaben des ZZF wurden 2001 für die Hundehaltung ca. 2,7 Milliarden Euro ausgegeben (vgl. ZZF).

Im europäischen Vergleich hat Deutschland mit 22,7 Mio. Tieren nach Italien und Frankreich die meisten Heimtiere (vgl. Robert Koch Institut 2003). Laut der Heimtierstatistik vom Bundesverband Tierschutz e.V. (2004) lebt in Deutschland in 34 Prozent aller Haushalte ein Haustier. Darunter 5 Millionen Hunde, die überwiegend in Familien mit Kindern gehalten werden.

3.3 Entwicklung der tiergestützten Pädagogik bzw. Therapie

Am Anfang jeder Forschung steht das Staunen.

Plötzlich fällt einem etwas auf.
Wolfgang Wickler (*1931), dt. Verhaltensforscher u. Zoologe

Die Erkenntnis, dass Menschen eine besondere Beziehung zu ihrem Hund haben und der Mensch aus dieser Beziehung profitiert, war schon im 18. Jahrhundert bekannt. Mönche setzten Hunde bei psychisch und physisch kranken Menschen im Gebet und zur Unterhaltung ein (vgl. Gutzwiller 2003). Jedoch steckte hinter dieser Idee noch keine Systematik.

Die systematische Forschung der Mensch – Tier Beziehung hatte ihre Anfänge in den 60er Jahren, als der bekannte Kinderpsychiater Boris Levinson durch Zufall die Wirkung seines Hundes „Jingels“ auf einen seiner Patienten bemerkte. Der Kinderpsychiater saß in seinem Arbeitszimmer und wartete zusammen mit seinem Hund auf den nächsten Patienten, einen verhaltensgestörten kleinen Jungen, der mit seiner Umwelt keinen Kontakt aufnehmen wollte. Der Junge kam an diesem Tag jedoch früher als gewöhnlich und wurde von „Jingels“ freudig begrüßt. Zum Erstaunen der Eltern und des Therapeuten begann der Junge direkt mit dem Hund zu reden (vgl. Levinson 1962, S.59ff). Der Hund, der hier als „Eisbrecher“ fungierte, brachte das Kind durch seine bloße Anwesenheit zum Reden. Daraufhin weitete Levinson den Einsatz seines „Therapiehundes“ auch auf andere Therapiesitzungen aus.

Levinson bezeichnete Heimtiere aufgrund ihrer Sensibilität und ihrer Fähigkeit, zuzuhören, als "therapeutische Elemente im Alltag". Sie fühlten intuitiv die Stimmung des Menschen. In einer seiner letzten Veröffentlichungen 1984 berichtete Dr. Levinson über diese Bindung, die zwischen Menschen und Tieren besteht "…Als Individuen sind wir nicht sehr wichtig und unsere Leben sind nur eine Sekunde verglichen mit der Ewigkeit. Wir fühlen uns allein. Wir brauchen Gefährten, Freunde, Verbündete. Unsere natürlichen Verbündeten sind die Tiere, unsere Gefährten auf der Erde. Ohne sie würden wir umkommen." (zitiert nach Levinson 1962, siehe auch: Verein zur Förderung der Alpakatherapie e.V.).

Levinson schrieb noch viele weitere Bücher über die Rolle der Haustiere in der menschlichen Entwicklung und in der Kinderpsychotherapie.

Einen weiteren großen Beitrag leistete die Forschung der Soziologin Erika Friedman und des Mediziners Aaron Katcher. Diese fanden zufällig heraus, dass die Überlebenschancen von Herzinfarktpatienten, die ein Haustier zu Hause halten, höher sind als die von Patienten ohne ein Haustier.

In den späten 80er kam es zu einem starken Forschungsboom über das Forschungsobjekt „Haustier“ und kurz darauf griff dieser Boom auf viele weitere Länder, darunter auch Deutschland, über (siehe Niepel 1998, S.58). Euphorie und Enthusiasmus führte dazu, dass schon bald die verschiedensten Therapieansätze entstanden, in der Hoffnung die „bahnbrechende“ Therapieform zu finden. Dabei standen oftmals nur die Ergebnisse im Vordergrund und das Wohlbefinden der Tiere wurde wenig berücksichtigt.

Erst in den 90er Jahren ordnete sich die Vielfalt der Therapieformen ein wenig und die erfolgreichsten Therapieformen kristallisierten sich heraus, bei denen auch das Wohlbefinden der Tiere berücksichtig wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3.2: Ein Besuchshund im Einsatz

Ende der 70er wurde in den USA die Gesellschaft zur Erforschung der Mensch‑Tier‑Bindung, die "Human Animal Companion Bond,'' gegründet. Diese Gesellschaft wurde mittlerweile erweitert und trägt den Namen "International Association of Human‑ Animal‑ Interaction‑ Organizations"' (IAHAIO). Sie stellt heute einen Zusammenschluss weltweiter Organisationen dar, die sich mit der Mensch – Tier Beziehung und den möglichen Einsatz von Tieren in der Therapie beschäftigen (vgl. Leugner, Winkelmayer und Simon 2002, S.30).

In Deutschland hat der Forschungskreis „Heimtiere in der Gesellschaft, der von dem Bonner Sozialpsychologen Prof. Bergler gegründet wurde, besondere Bedeutung erlangt. Dieser Forschungskreis beschäftigt sich ebenfalls mit der Bedeutung der Haustiere für die Menschen und stellt viele Studien auf diesem Gebiet auf.

Zur gleichen Zeit als die "Human Animal Companion Bond,'' gegründet wurde, beschloss Prof. Dr. Konrad Lorenz, einer der Pioniere im Bereich der Ethologie (Verhaltensforschung), in Wien 1977 ebenfalls seinen Beitrag zur Forschung zu leisten (siehe Sulzer, o.J.). Das Institut für Interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT), wurde nach dem Tod von Lorenz von dem international renommierten Verhaltensforscher PD Dr. Dennis C. Turner weiter geleitet. Das Institut hat sich zum Ziel gesetzt, das alltägliche Zusammenleben von Mensch und Tier zu vereinfachen und die Lebensqualität für beide Seiten zu verbessern.

Samuel und Elizabeth Corson starteten 1977 den ersten Versuch einer systematischen Studie zum Einsatz von Tieren in einer psychotherapeutischen Klinik. Sie erkannten, dass vor allem jugendliche Patienten zu dem in der Klinik befindlichen Zwinger mit Hunden kamen und mit ihnen spielen wollten. Besonders erstaunlich war das für die Therapeuten, da die Patienten, vor dem Kontakt mit den Hunden, so gut wie nie gesprochen hatten (vgl. Bauer 2002).

Dies hat sie ermutigt ein Pilot- Forschungsprojekt mit 50 Patienten zu starten, um die Effektivität tiergestützter Psychotherapie festzustellen. Die meisten Patienten haben von dieser Therapie profitiert.

Nach der Meinung von Samuel und Elizabeth Corson, führt die tiergestützte Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen aufgrund folgender Aspekte zu positiven Wirkungen:

Kinder fühlen sich zu kleinen Tieren hingezogen

Kinder können zu den Hunden Vertrauen aufbauen, aufgrund neutraler Bewertung oder vorheriger positiver Erfahrungen

Durch den untergeordneten Status, fühlen viele Kinder und Jugendliche beim Umgang mit den Hunden Sicherheit (vgl. Bauer 2002).

Heute wird die tierunterstützte Therapie (Animal Facilitated Therapy, AFT), wie sie heute genannt wird, regelmäßig in Pflegeheimen, Krankenhäusern, Hospizen, Kindereinrichtungen und Gefängnissen angewandt.

4 Veränderte Lebenswelten moderner Kindheit

Mit einer Kindheit voll Liebe aber

kann man ein halbes Leben hindurch für die kalte Welt haushalten.
Jean Paul (1763-1825), eigtl. Johann Paul Friedrich Richter

4.1 Wandel der Lebensbedingungen von Kindern

Jeder hat bestimmt schon einmal den Spruch gehört „die Kinder heute haben es viel besser als früher“ oder „als wir Kinder waren, hatten wir es nicht so leicht“. Dieser Spruch mag sicherlich in der einen oder anderen Hinsicht zutreffen, doch ist nicht alles in der heutigen Kindheit besser und leichter. Liebertz (o.J.) betont, dass sich die Kindheit grundlegend verändert hat, in mancher Hinsicht auch zu schlechtem hin.

Leistungsnormen, Zeitmangel, Hektik, Stress, Reizüberflutung, Lärm, Musik und Verkehr sind Stichwörter mit denen man heute die Kindheit umschreiben kann.

Kindheit in den Städten, heißt oft eingeschlossen sein zwischen Beton, spielen ohne Natur und eingeschränkte Bewegungsräume. Die natürlichen Abläufe von Liebe, Zeugung, Geburt und Tod werden den Kindern entfremdet. Autos beherrschen die Strassen und machen sie für Kinder unsicher. Eltern lassen oft ihre Kinder nicht mehr alleine zur Schule gehen. Spielmöglichkeiten werden auf eintönig eingerichtete Kinderspielplätze eingeschränkt (siehe Köckenberger 2001).

Plätze zum „Zurückziehen“ finden die Kinder höchstens noch in ihrem Zimmer. Dort verlieren sich nach Köckenberger die Kinder in ihre eigentliche „Wirklichkeit“, wie sie im Computer, Filmen oder in Comics dargestellt wird. Sie haben kaum noch einen Bezug zur Natur und werden immer abhängiger von der technisierten Welt. Es gibt kaum noch Kinder die einen Brief schreiben, heute werden fast nur noch Emails geschrieben. Freunde treffen sich nicht mehr im Garten sondern im „Chatroom“[1] und sie verschwenden ihre Zeit nicht mehr mit dem Bau von Baumhäusern, sondern nur noch mit dem Aufbau von „Multimediacentern“[2].

Kinder werden heute mit Spielsachen und Spielangeboten überhäuft. Sie müssen sich nur noch bedienen. Experimentieren, Entwickeln und selbst etwas herstellen haben viele Kinder schon verlernt.

Nach den Ausführungen von Köckenberger (2001) ist Kinderfreizeit keine freie Zeit mehr, sondern sie wird vorbereitet, geplant und beaufsichtigt. Kinder besitzen heute oft eine eigene Uhr, eigenes Geld und einen eigenen Wohnungsschlüssel. Viele sogar schon ein eigenes Handy, um immer erreichbar zu sein.

Vormittags werden sie in die Schule oder in den Kindergarten gebracht und am Nachmittag bietet sich eine Fülle von Vereinen, Arbeitsgruppen und Betreuungsgruppen. Diese Situation wird allgemein als „Verinselung“ der Kindheit verstanden. Sie werden von ihren Bezugspersonen von einem Termin zum anderen gebracht. Schon kleine Kinder haben einen vollen Terminkalender.

Der Wechsel von der nationalen Industriegesellschaft in die internationale Informations-gesellschaft, der Anstieg der Arbeitslosigkeit und das sinkende Wirtschaftswachstum fordert von ihnen Schnelligkeit, Flexibilität und die Möglichkeit schnell umdenken zu können. Schon in der Schule müssen sie diese Fähigkeiten beherrschen, wenn sie weiter kommen wollen.

Heute fehlen den Kindern oft Freiräume zum Ausprobieren und Austoben, Zeit und Platz um sich in ihre Phantasie zu vertiefen und sinnvolle oder weniger sinnvolle Spiele zu spielen, die für sie bedeutsam sind.

4.2 Veränderte Frauenrolle

Durch die veränderte Frauenrolle, selbstständiger, unabhängiger und emanzipierter zu sein, ändert sich das Gesamtbild einer normalen Familie.

1882 waren erst 29,2 % aller Erwerbstätigen Frauen, 1988 waren es immerhin schon 38,8% und die Zahl steigt weiter an (vgl. Textor [3]).

Der Einsatz der Pille hat ebenfalls zum Wandel der Geschlechterrollen und der Funktion der Familie beigetragen. Früher ging der Mann zur Arbeit und verdiente das Familieneinkommen und die Frau war Hausfrau und Mutter. Heute können sich Frauen zwischen der beruflichen Karriere oder einer Familie entscheiden. Sie können sich ganz bewusst für oder gegen ein Kind entscheiden, was früher nicht der Fall war. Die Zahl der geschwisterlos aufwachsenden Kinder nimmt aufgrund dieser veränderten Situation immer mehr zu (vgl. Waldow 2000).

Das Leben wird für Frauen planbarer, die Berufstätigkeit und Selbstverwirklichung selbstverständlicher. Das ist das Ergebnis einer Studie, die von Dr. Beatrice Nobis an der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Universität zu Köln durchgeführt wurde.

Deutschland hat die niedrigsten Geburtenraten in ganz Europa (vgl. Internet [5]).

Die Zahl der jungen Menschen nimmt immer weiter ab. Während zum Jahresbeginn noch 15,1 Mill. junge Menschen unter 18 Jahren in Deutschland gelebt haben, werden es Ende 2010 nur noch 13,7 Mill. und 2020 nur noch 13 Mill. sein (siehe Universität Köln, o.J.).

Außerdem besagt eine Studie von Professor Dr. Eckart Bomsdorf und Bernhard Babel der Universität zu Köln, dass die Mütter immer älter werden. Während die meisten der 1945 geborenen Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes jünger als 25 Jahre waren, werden die meisten der 1980 geborenen Frauen mindestens 30 Jahre alt sein wenn sie ihr erstes Kind zur Welt bringen (vgl. Statistisches Bundesamt 2004 [3]).

Im Mai 2000 lebten nach einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes (2001) 21,3 Mill. Kinder in Familien, 6,5 Mill. davon als Einzelkinder.

4.3 Anstieg der Scheidungszahlen

Ein weiteres Problem der heutigen Kindheit ist die hohe Scheidungsquote. Nach Angaben von Hoff & Bergler (2004) hat die Anzahl der Scheidungen zwischen 1990 und 1999 um 31,4 Prozent zugenommen. 1,2 Millionen Kinder sind dadurch von Scheidungen betroffen. Mit einer Scheidungsquote von 36% ist damit jede dritte Ehe gefährdet.

Die Kinder leben oft in instabilen Elternhäusern und es mangelt ihnen an Geborgenheit und gefühlsmäßigem Angenommensein (vgl. Hoff & Bergler 2004). Sie erleben die Ehekonflikte und Familienprobleme hautnah, was nach Hoff & Bergler zu Folge haben kann, dass die Kinder oft psychisch und somatisch langfristig geschädigt werden

Es entstehen neue Familienformen, unter anderem Stieffamilien und die so genannte „Patchworkfamilie“.

Die gestiegene Müttererwerbsquote und die Zunahme allein erziehender Elternteile zieht eine immer dringlicher werdende Betreuungsproblematik nach sich. Die Nachfrage von Nachmittagsangeboten, Ganztagsschule oder Ganztagsbetreuung wird immer größer. Dadurch erhöht sich wieder die Anzahl der „Schlüsselkinder“. Das allein erziehende Elternteil muss arbeiten, um das Einkommen zu verdienen. Kinder, die keine Nachmittagsbetreuung haben, bekommen einen Schlüssel und bleiben unbeaufsichtigt.

Man nimmt an, dass heute 10 bis 20% aller Familien Stieffamilien sind (vgl. Textor 1993).

4.4 Infantilisierung der Armut

Ein weiteres Merkmal der heutigen Kindheit und ein viel diskutiertes Thema ist das Problem der Kinderarmut.

Armut bei Kindern und Jugendlichen ist kein marginales Phänomen mehr, denn die Gruppe der unter 18 jährigen ist heute am meisten von Armut betroffen (vgl. Hock et al. 2001). Man spricht auch von einer "Infantilisierung der Armut".

1998 waren nach Hock et al. (2001) 3 Millionen Personen auf Sozialhilfe angewiesen , darunter 1 Million Kinder und Jugendliche. Nicht mitgezählt wurde die hohe Dunkelziffer, die Personen, die ihren Sozialhilfeanspruch nicht wahrnehmen. Aufgrund dieser Zahlen konnte man 1998 fast jedes siebte Kind als arm bezeichnen (vgl. Hock et al. 2001).

Kinder leiden unter der Armut besonders stark. Nach den Ausführungen von Hock et al. (2001) vergleichen sich die Kinder untereinander und bilden sich so einen eigenen Armutsbegriff. Sie ordnen sich selbst ein, je nachdem wie sie mit der Kleidung, neuen Spielsachen oder kostspieligen Aktivitäten mithalten können. Markenkleidung und die neueste Technik wird zum „Muss“ wenn sie nicht als „arm“ deklariert werden wollen.

Meistens handelt es sich bei diesen kindlichen Werten um reinen Luxus, manchmal geht es aber um wichtige Bedürfnisse, die eine gesunde Entwicklung ermöglichen.

Die hohe Arbeitslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit und das Fehlen einer Arbeitserlaubnis lassen das Armutsrisiko von Familien drastisch ansteigen. Betroffen sind nach Hock et al. (2001) vor allem Familien mit mehr als drei Kindern, Familien von Arbeitslosen und Alleinerziehenden. Die Kinder müssen nicht nur die familiären Streitigkeiten aushalten, sondern versuchen nach außen hin die Armut zu verbergen und müssen finanzielle Einsparungen in Kauf nehmen. Kosten für Schulausflüge können nicht aufgebracht werden, sie kommen ohne Essen in den Kindergarten oder die Eltern können das Mittagessen im Kindergarten nicht bezahlen.

Hock et al. (2001) erklären, dass arme Kinder durch die Belastungen häufig Auffälligkeiten, psychische Störungen und psychosomatischen Erkrankungen entwickeln. Neben den gesundheitlichen Auffälligkeiten sind arme Kinder auch im kulturellen und sozialen Bereich auffällig, davon 36 Prozent im Spielverhalten und 38 Prozent im Sprachverhalten (siehe Hock et al. 2001).

Die ständige Anwesenheit des arbeitslosen Vaters kann für die Kinder ein zusätzliches Problem darstellen. Die ständige Kontrolle und Anwesenheit sind die Kinder nicht gewohnt und dies führt oft zu psychischen Belastungen und Konflikten. Das kann allgemein zur Verschlechterung der familiären Kommunikation und letztendlich zu Verhalltens-auffälligkeiten der Kinder führen (vgl. Textor, o.J. [2]).

4.5 Therapiebedürftigkeit der Kinder

Nach einer Untersuchung vom statistischen Bundesamt (2004 [1]) haben im Jahr 2003 insgesamt 301 650 junge Menschen unter 27 Jahren eine erzieherische Beratung wegen individueller oder familienbezogener Probleme beendet. Rund 59% (177 000) dieser jungen Menschen waren im schulpflichtigen Alter von 6 bis 14 Jahren. 20% aller Beratungen (61 500) wurden für 6- bis 8-jährige Grundschüler durchgeführt. Bei 40% standen Beziehungsprobleme im Vordergrund, Entwicklungsauffälligkeiten bei 26%, Schulprobleme bei 26% und Trennung bzw. Scheidung der Eltern bei 23% der Kinder.

Liebertz (o.J.) gibt an, dass 25% der Kinder heute an einer Rechtschreib- und Leseschwäche, 34% an Sprachstörungen und 38% an psychosomatische Erkrankungen leiden.

Ein erschreckendes Ergebnis hat der "Kinderreport Deutschland" festgestellt: Fast ein Drittel der Kinder und Jugendlichen schluckt Medikamente, jedes vierte leidet an Allergien (vgl. Deutsches Kinderhilfswerk e.V. 2002).

In einem Bericht des Deutschen Kinderhilfswerkes heißt es außerdem, dass Zigaretten- und Alkoholkonsum für viele Zehnjährige bereits zum Alltag gehört.

Kinder werden von den Kinderärzten und Lehrern immer häufiger zum Therapeuten geschickt, weil sie auffallen. Die Kindertherapeuten haben eine monatelange Warteliste, aufgrund der vielen Anfragen. Die Pädagogik benötigt zudem schon spezielle Angebote und Erziehungsmaßnahmen für Kinder, die aufgrund der vielen verschiedenen Therapieversuche schon therapieresistent sind.

"Unsere Gesellschaft hat einen Zustand erreicht, den man als extrem kinderunfreundlich bezeichnen muss", sagte der Präsident des Dt. Kinderhilfswerks, Thomas Krüger.

Die Lebensbedingungen der Kinder haben sich verändert und man spricht heute von einer gewandelten Kindheit (vgl. Deutsches Kinderhilfswerk e.V. 2002).

Nach der Auffassung von Liebertz gibt es für die Kinder heute zu viele künstliche Welten und zu wenig reale Erfahrungsräume. Sie erleben zu viel Passivität und zu wenig Bewegung und Eigentätigkeit. Informationen erfahren sie meistens nur aus den Medien und nicht aus der realen Welt. Die Kindheit ist geprägt von zu viel Konsum und zu wenig Kreativität.

5 Das Kind aus der Sicht des Hundes

Vergessen Sie die Rangordnung zwischen der Menschenfamilie und dem Hund. Wir sind keine Hunde. Hunde werden uns nicht als jemand betrachten,

der in der Rangordnung über ihnen steht […]. Turid Rugaas

Wie ich bereits in Kapitel 4.1 erwähnt habe, stammen unsere heute lebenden Haushunde von den Wölfen ab, die ursprünglich in ganz Europa, Asien und Nordamerika zu finden waren.

Wölfe leben ähnlich wie wir Menschen in Familienrudel zusammen, in dem eine streng festgelegte Rangordnung besteht (vgl. Huth 1996, S.16). Das führende Männchen wird als αlpha- Männchen bezeichnet und das führende Weibchen als αlpha- Weibchen.

Die ranghohen Tiere besitzen den „rangniedrigeren“ bestimmten Privilegien gegenüber: Sie haben bei allen Handlungen Vorrang, vor allem bei der Nahrungsaufnahme. Das αlpha- Männchen zeichnet sich nicht nur durch körperliche Stärke aus, sondern eher durch ein souveränes und sicheres Auftreten, welche ebenfalls Stärke symbolisiert. Werden innerhalb eines Rudels Welpen geboren, beteiligen sich alle Rudelmitglieder bei der Aufzucht und Erziehung. In dieser Zeit genießen die Welpen noch eine besondere Stellung und besitzen ebenfalls einige Privilegien den älteren Tieren gegenüber.

Dieses Sozialverhalten hat unser Hund von seinen Vorfahren übernommen.

Im Familienrudel nimmt der Vater oder die Mutter die Rolle des αlpha- Tieres ein, dem sich der Hund dann unterordnen muss (vgl. Huth 1996, S.16). Welche Rolle das Kind einnimmt, hängt vom Alter des Hundes und vom Alter des Kindes ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.5.1: Ein Freund zum Anlehnen

Wie van Schewick und Steimer (2002, S. 34) erwähnen, werden Säuglinge und krabbelnde Kleinkinder in den Augen eines ausgewachsenen Hundes, als „Welpen“ des Familienrudels angesehen. Denn sowohl das tollpatschige Kind als auch das junge Tier (Welpe) senden bestimmte Schlüsselreize aus, die man auch als Kindchenschema bezeichnet. Diese charakteristischen Merkmale lösen beim Hund nicht nur Betreuungsreaktionen aus, sondern er ordnet sich dem Kind unter und beschützt es.

Fehlverhalten, das nun vom Kind ausgeht, wie z.B. mit den Augen fixieren oder ins Fell kneifen wird vom Hund in diesem Alter noch akzeptiert (vgl. van Schewick; Steimer 2002, S.34). Diese „Narrenfreiheiten“ bei gut sozialisierten Hunden genießen Kinder allerdings nur im „Welpenstadium“ wenn sie noch lernen. Denn Lernen heißt auch ausprobieren und Fehler machen.

Es kann aber auch passieren, dass ein Kleinkind, das sich zu grob verhält, mit Mitteln zurechtgewiesen wird, die der normalen Kommunikation unter Hunden entsprechen. Wie z.B. der Schnauzengriff oder wenn nichts anderes hilft auch das „Umstoßen“ des Kindes (vgl. van Schewick; Steimer 2002, S.34). Diese Methoden der Zurechtweisung, die das Kind noch nicht kennt, können zur schmerzhaften Erfahrung werden.

Allerdings gibt es auch Hunde, die sich ohne jede Aufmüpfigkeit dem Kind, ihrem „Boss“ unterwerfen und Unarten ignorieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.5.2: Spielgefährte Hund

Diese Verhaltensweisen können aber nicht erzwungen werden und benötigen nach der Auffassung von van Schewick und Steimer (2002, S.36) vom Kind ausreichendes Einfühlungsvermögen und die nötige Sachkenntnis.

Während sich große Hunde ihres selbstsicheren Auftretens gewiss sind und sich von den Kindern dominieren lassen, sind kleinwüchsige Hunde aufgrund ihrer Körpergröße meist weniger tolerant und verteidigen ihren Rang stärker (siehe Brinks, o.J.).

Auch ein Hund der vorher im Mittelpunkt stand und sich vernachlässigt und abgeschoben fühlt, reagiert oft eifersüchtig auf das Kind. Wenn das passiert, kann es zu Neid und Bissunfällen kommen. Wild (2000) rät, dass man den Hund ganz normal behandeln soll, wenn ein Kind in den Familienrudel hineingeboren wird.

Wenn Kinder anfangen aufrecht zu laufen, steigen sie nicht automatisch in die Klasse der Ranghöheren oder gar zum Boss auf (vgl. van Schewick; Steimer 2002, S.36).

Der Hund sieht sie nunmehr als Gleichrangige, mit denen er spielen und toben kann.

Erst wenn Kinder in die Pubertät kommen, sich ihr Verhalten und ihr Geruch ändern, besteht die Möglichkeit vom Hund als ranghöher angesehen zu werden. Nun ist es sogar möglich, dass der Hund dem Kind gehorcht und es als Boss angesehen wird.

Allerdings muss man auch hier beachten, dass der Hund nur dem alpha- Tier aufs Wort folgt, und die Rangordnung ohne das alpha- Tier aufgehoben ist.

Nach den Ausführungen der Zeitschrift „Lebendige Tierwelt“ (2002) ist es für Kinder besonders schwer zu verstehen, dass alles was sie an guten, lobenswerten Eigenschaften an den Tag legen - wie gerecht teilen, dem anderen auch einmal den Vortritt zu lassen und Rücksicht zu nehmen beim Hund missverstanden werden kann und gefährliche Reaktionen auszulösen vermag. Hier ist den Eltern dringend Aufklärung über richtiges Verhalten zu empfehlen.

[...]


[1] Ein Ort (Homepage) zur "Unterhaltung" via Internet. Erfordert gleichzeitige Anwesenheit derjenigen die sich austauschen wollen. Die einzelnen Beiträge sind "später" nicht nachzulesen".

[2] Ein Komplettsystem, dass PC, DVD-Player, Stereo-Anlage und Fernseher mit einbezieht.

[1] Toten- und Friedhofsgott

Details

Seiten
150
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638371100
Dateigröße
3.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37891
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Schlagworte
Aufwachsen Hunden Psychische Bedeutung Kindheit

Autor

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Titel: Aufwachsen mit Hunden. Psychische, soziale, pädagogische und therapeutische Bedeutung von Hunden in der Kindheit